Extra

Zwischen solo und sozial – Mein Blick auf die Dokumentarfotografie

Blicke auf die Wirklichkeit Foto: Michael Mahlke

Natürlich stehe ich bei dem Thema Dokumentarfotografie mit meinem Eimer vor einem Ozean. Wenn ich daraus schöpfe, dann ist darin alles vorhanden und trotzdem nur sehr wenig drin im Eimer – pars pro toto..

Aber die Beschränkung ermöglicht erst den Blick und den Durchblick. Doch wahr ist auch, daß nicht jedes Foto Dokumentarfotografie ist. Jedes Foto könnte dokumentarisch bzw. dokumentierend im weiten Sinne sein als Beleg seiner selbst. Aber zur Dokumentarfotografie wird ein Foto erst, wenn es einen öffentlich relevanten sozialen Zusammenhang hat und öffentlich gemacht wird. Das kann auch regional oder sozial begrenzt sein.

Das kann man nun noch mehr unterscheiden und je mehr Wörter darüber verloren werden, desto mehr Unterscheidungen gibt es und je mehr das akademisiert wird, desto weniger versteht man davon dann noch.

Als Historiker habe ich versucht auf den Spuren derer zu gehen, die davon und damit gelebt haben. Von der Fotografie als Waffe bis zum fotografischen Erhalt dessen, was physisch einfach da war reichte der Bogen, um Veränderungen zu zeigen bei öffentlichen Themen und im öffentlichen Raum.

Besonders faszinierend ist dabei für mich die sog. soziale Landschaft, die Folge und Ursache von sozialem Auftritt ist.

Im Kern ging es mir immer um sozial relevante Themen. Armut ist ja nicht abstrakt sondern kann sehr gut vor Ort konkret auf der Straße gezeigt werden, wenn sie sichtbar wird im öffentlichen Raum. Geheimes Denken kann durch heimliche Darstellungen im öffentlichen Rahmen gezeigt werden etc.

Und am Beispiel der sozialen Symbolik in der Stadt Remscheid habe ich dies auch konkret in verschiedenen Artikeln aufgearbeitet.

Und die Auseinandersetzung mit dem Sozialen durch die Fotografie verändert dich und die Wahrnehmung von dir und dem Drumherum.

Dabei wird nichts einfacher aber manches eben sichtbar oder anders gesehen.

Und jetzt?

Jetzt bin ich sehr froh, alle diese Menschen visuell und textuell getroffen zu haben und mich mit ihnen auseinandergesetzt zu haben. Das bringt mir persönlich viel, aber hat mir auch gezeigt, wo die Grenzen sind.

Wenn ich über die Vergessenen schreibe und dieses Thema fotografiere, dann dokumentiere ich etwas, das vergessen ist und bleibt, so meine Erfahrung, wenn ich von meinen digitalen Orten der öffentlichen Darstellung einmal absehe.

Es ist kein Thema für Geld und Aufträge. Das will niemand kaufen und dafür gibt es auch kein Geld über Projekte. Auch darüber habe ich geschrieben.

Jedes bisher geschriebene Wort könnte ich auf einen eigenen Text verlinken.

Damit ist es bei google eher sichtbar und wird sogar für die wikipedia immer wieder gebraucht.

Dokumentarfotografie ist aber mehr.

Wenn ich den Bereich der Vergessenen verlasse und sie in Richtung darstellende Fotografie ändere, dann ist alles möglich – auch das Geldverdienen.

Das ist aber jenseits der Reportage sozialer Not und schlechter Ereignisse. Diese Themen dürfen sowieso nur noch in wenigen Ländern fotografiert werden ohne dass man verhaftet wird. Und welche Relevanz haben sie denn?

Insofern wird es nicht gefördert und kleingehalten.

Aber das stört kaum jemand, weil die Welt ja eigentlich lieber über die Gewinner spricht und die Vergessenen vielfach auch am liebsten dazu gehören würden und sich selbst mental verdrängen. Sie wollen sich als Vergessene nicht zeigen sondern lieber vergessen werden statt sich zu zeigen, um Aufmerksamkeit und Veränderungen einzufordern. Dagegen wollen sich Gewinner zeigen und gesehen werden.

Das ist natürlich etwas pauschal aber stimmt meistens.

Die Welt hat zumindest mir deutlich gemacht, daß die Hoffnung auf ein besseres Morgen so nicht stimmt, weil die Machtverhältnisse sich nicht wirklich ändern und dies allein auch kein hinreichendes Kriterium für Verbesserungen wäre.

Und wenn man nur irgendwie die Chance hat dabei zu sein und anerkannt zu werden im Kreis einer sozialen Gruppe, dann ist dies oft der Zustand, der auf dieser Welt am ehesten erstrebenswert zu sein scheint, weil es keine echte Alternative dazu im Leben gibt.

Welchen Sinn hat es recht zu haben, wenn die Menschen nicht auf dich hören oder hören können oder andere Interessen haben? Was macht man dann?

Man kann sich zurückziehen und einsam sein oder man schaut nicht so genau hin und akzeptiert die Welt, die man nicht ändern kann. Einzig und allein dann die eigene Grenze so in Worte zu fassen wie hier und dies dann entweder im Tagebuch oder in einem öffentlichen Blog zu zeigen bleibt als Möglichkeit, ist aber ohne Relevanz.

Denn sobald du deinen Geist verläßt und dich dem sozialen Leben zuwendest, kannst du mit diesem Denken nicht bestehen, sondern mußt die Gesetze des Miteinanders annehmen.

Das ist die Wirklichkeit, die mir durch das Fotografieren immer wieder bewußt wurde. Das war der Weg von mir zwischen solo und sozial.

Und damit dieser erhellende Moment für mich auch für andere, die sich davon angesprochen fühlen, nicht verloren geht, habe ich es hier aufgeschrieben, weil ich dies nun nicht in ein Foto stecken konnte.

Selbst Fotos haben Grenzen, die nur durch Worte überschritten werden können.

Und deshalb publiziere ich dies hier auch von Angesicht zu Angesicht, von mir zu Dir!

Aber diese Worte waren mir erst knapp sechs Monate nach dem Ende des Bloggens an dieser Stelle möglich.

Die Zeit spielt also mit.

Deshalb erst heute – oder besser schon heute?

Das alles könnte man übrigens auch dokumentieren – mit neuen Fotos …

Neue Zeit für neue Fotografie und neue Fotos?

 

Dokumentarfotografie – Soziale Kämpfe im Ruhrgebiet und im Bergischen Land zwischen 1987 und 2010

mannesmann1999

Es hat knapp dreißig Jahre gedauert bis die Fotos von Michael Kerstgens über den Stahlarbeiterstreik in Duisburg-Rheinhausen 1987 als Buch erschienen sind. Dieses Buch wurde u.a. durch die Hans-Böckler-Stiftung gefördert. Es ist ein gutes Buch geworden und es erinnert mich an meine eigenen Erlebnisse.

Michael Kerstgens zeigt Fotos von 1987 bis 1993 als im Walzwerk in Hagen die letzte Schicht war und symbolisch das Ende des gesamten sozialen Konstruktes.

Und im Bergischen Land ging es dann weiter.

Der Weg der Armut

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Wenn du in dein Schicksal einwilligst wird es dich leiten…

So muß man sich das auch in der Fotografie vorstellen. Die Dinge geschehen und wenn du dann offen genug dafür bist sie zu sehen, dann hat das Schicksal dir die Chance gegeben selbstbestimmt diese Dinge anzunehmen und umzusetzen – auch in der Fotografie.

Dann entwickelt sich sogar Streetfotografie plötzlich zu einer stillen sozialdokumentarischen Fotografie.

So wurde die Serie Der Weg der Armut geboren.

Nur so.

Erich Grisar – Ruhrgebietsfotografien 1928-1933

erichgrisar

Es ist vielleicht eines der gehaltvollsten Fotobücher zur Dokumentarfotografie in Deutschland überhaupt. Der Dortmunder Schriftsteller und Fotograf Erich Grisar war fast vergessen und nun sieht man im Rückblick, daß es ohne ihn keine Blicke auf die soziale Vergangenheit des Ruhrgebietes in dieser Form geben würde. Was für ein Lob für einen leider Toten, der seine Lebenszeit bewußt und klar aufgezeichnet hat mit Kamera und Schreibmaschine! Und wie gut, daß seine Fotos aufbewahrt wurden!

Mittelalter Fotografie von Charlie Dombrow

mittelalter

„Wie geht ein Ritter in Rüstung zum Klo? Trug jedes Burgfräulein einen Keuschheitsgürtel? … Zum Glück haben sich die Zeiten gewandelt. Heutzutage kann man solche Fragen direkt jenen stellen, die die Antworten eigentlich wissen müssen. Beispielsweise einem echten Ritter, der sich auf einem Mittelalterfest gewiss auch mit der Entsorgung beschäftigen muß…  Das wiederbelebte Mittelalter ist ein wunderbares Thema für Fotografen. Entdecken Sie mit der Kamera eine abwechslungsreiche Szene, die Traditionen bewahrt und Historie lebt…“

Mit diesen Worten führt uns der Autor Charlie Dombrow in sein Buch über Mittelalter-Fotografie ein.

peripher von Andreas Tschersich

peripher

Es ist ein Buch nach meinem Geschmack.

Mitten aus der Wirklichkeit und mitten aus dem Leben hat Andreas Tschersich „Orte des Übergangs und Durchgangs“ fotografiert, also Stellen, an denen verschiedene Baustile, Funktionen und Ansichten im öffentlichen Raum aufeinandertreffen.

Exodus. Sebastião Salgado

exodus3

Die UN-Vollversammlung hat den 20. Juni zum zentralen internationalen Gedenktag für Flüchtlinge ausgerufen. Dieser Tag wird in vielen Ländern von Aktivitäten und Aktionen begleitet, um auf die besondere Situation und die Not von Millionen Menschen auf der Flucht aufmerksam zu machen.

Weltweit sind mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht, davon 41 Millionen in ihrem Heimatland. „Noch nie zuvor wurde die Marke von 60 Millionen Geflüchteten und Vertriebenen überschritten.“

Und nun liegt es vor mir, das Buch, das dies alles schon vor einer Generation zeigte und niemand kann sagen, er hätte es nicht früher wissen können.

MAGNUM. Große Radrennen im Visier berühmter Magnum-Fotografen

Das Buch ist toll. In erstklassigen Aufnahmen halten 15 MAGNUM-Fotografen die expressivsten Momente der Radsportereignisse ihrer Zeit fest. Begleitet werden diese Fotografien von sachkundigen und anekdotischen Texten von Guy Andrews.

Guy Andrews ist Gründer und ehemaliger Herausgeber des britischen Magazins Rouleur. In diesem Buch finden wir Fotos von Christopher Anderson, René Burri, Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, Martine Franck, Stuart Franklin, Leonard Freed, Harry Gruyaert, Thomas Hoepker, Richard Kalvar, Mark Power, Guy le Querrec, David Seymour, Chris Steele-Perkins, John Vink.

Aber es ist ingesamt mehr. Wir können nicht nur die Tour de France und andere Rennen anhand ausgewählter Reportagen von den Anfängen bis zur Gegenwart erleben, zugleich gehen wir mit den Fotografen auf ihre jeweils persönliche Foto-Tour und sehen, wie ihre Art zu fotografieren ist.

Fotoreportagen bei der Tour de France von Magnum-Fotografen, die auf ihre eigene Art das Geschehen sahen und für sie interessante Momente festhalten.

Wo gibt es so etwas noch?

Die Reportage von Harry Gruyaert ist völlig anders als die von John Vink und Henri Cartier-Bresson blickt auf andere Themen als die Vorgenannten. Es ist dadurch ein Studienbuch zur Reportagefotografie und zugleich ein Buch zur Geschichte der Tour de France und ein wunderschönes Fotobuch.

Schon der Einband ist eine Wonne. Die Fotos sind groß und die Texte von Guy Andrews erzählen und betten ein.

Das Buch sorgt für Stunden – wenn nicht für Tage – für gute Unterhaltung und gibt durch die gelebte Fotopraxis viele Anregungen für das eigene fotografische Tun.

Dem Sieveking-Verlag ist damit eine rundherum gute Veröffentlichung gelungen, die historisch und fotografisch interessant und vom Gehalt her wertvoll ist.

GUY ANDREWS
MAGNUM
Große Radrennen im Visier berühmter Magnum-Fotografen
Aus dem Englischen
26 x 25,8 cm
224 Seiten
200 Abb.
Hardcover
ISBN 978-3-944874-40-1

 

The Documentary Impulse

documentary impulse

documentary impulse

Warum gibt es Dokumentarfotografie? Wieso machen Menschen das?

Stuart Franklin geht in dem Buch The Documentary Impulse dieser Frage nach.

Seine Marker sind Fotobücher. Sie sind Herz und Seele dokumentarischer Praxis. Das erinnert mich doch sehr an meine eigenen Einschätzungen. Sie sind offenkundig deckungsgleich.

Da er professionell als Fotojournalist arbeitet und er die Veränderungen in seinem Metier als Fotojournalist miterlebt, beschäftigt ihn die Frage seines Buches sehr. Und so nimmt er uns mit auf eine Reise durch alle Zeiten der Dokumentarfotografie als Ergebnis fotografischer und fotojournalistischer Arbeit, wenn sie mehr liefern will als Ereignisfotos. Sein Buch ermöglicht Blicke hinter die Kulissen und ich habe viel Neues erfahren.

Dokumentarfotografie fängt dort an wo der Fotojournalismus aufhört.  Anders ausgedrückt braucht Dokumentarfotografie kein Ereignis sondern zeigt Wirklichkeit zwischen Menschen, in sozialen Beziehungen, in Gesellschaften, in Situationen zwischen Krieg und Frieden, Armut und Reichtum, Freiheit und Gefangenschaft. Umgekehrt führt oft erst ein Ereignis dazu sich länger mit einem Thema zu beschäftigen.

Die Ansätze dabei variieren und je nach Zeit und Umfeld dominierte die eine oder andere Sichtweise.

Von den Versuchen, das platonische Ideal auf der Welt zu finden oder zu erfinden über die pure Propaganda bis zum Engagement für soziale Verbesserungen reichen die Antriebe derjenigen, die es tun.

An Beispielen zeigt er, wie wichtig diese Arbeit ist.

Wenn Dinge oder familiäre Abläufe oder andere soziale Beziehungen dokumentiert werden, die danach so nicht mehr da sind, dann werden diese Dokumente zur einzigen Möglichkeit, sich zu erinnern, etwas darüber zu erfahren und weiterzugeben. So einfach ist das – und so schwierig zugleich.

Und dort wo die dunklen Stellen in einer Gesellschaft sind, kann nur die Dokumentation einer Situation darüber berichten.

Der dokumentarische Impuls dient so auch dazu, Erinnerungen unsterblich zu machen und ist zugleich Ausdruck des eigenen Selbst im Engagement für Andere. Es ist aber auch Neugier auf die Welt und Ausdruck von Macht und Ohnmacht.

Stuart Franklin geht Kapitel für Kapitel vor, zum Teil chronologisch und zum Teil nach Themen.

Mit Abstand die meisten Dokumentarfotografen versuchten durch ihre Fotos Armut und Benachteiligung und Diskriminierung zu dokumentieren, um ein Bewußtsein für Verbesserungen zu schaffen im Sinne einer humanitären Fotografie, so seine Aussage.

Er schreibt über viele bekannte und unbekannte Namen und über bekannte und viele unbekannte Fotobücher. Darcy Padilla und Donna Ferrato kommen ebenso darin vor wie Philip Jones Griffiths und Henri Cartier-Bresson und viele andere.

Es sind dann die Sätze nach der Namensnennung, die mir Informationen geben, welche ich sonst nie erhalten hätte, wenn er beispielsweise schreibt, daß Cartier-Bresson und andere ihre Fotos nur verkaufen konnten, weil sie den Wünschen der Kunden entsprachen und Kunden wie Paris Match wollten nach dem 2. Weltkrieg Fotografien und Streetfotografien, die die französische Lebensart positiv darstellten, um als Nation neu glänzen zu können.

Stuart Franklin selbst hat eines der bekannten Fotos vom „Tank Man“ 1989 am 4. Juni auf dem Platz des himmlischen Friedens aufgenommen. Jeder erinnert sich an den Mann mit den Einkaufstüten, der vor einer Reihe von Panzern stand. Und so fragt er auch danach, wie aus Fotos Fotoikonen werden und wie mit Fotos in Redaktionen umgegangen wird. So wurde das Foto in Deutschland und der Schweiz damals komplett ignoriert, Leichen waren besser.

Sein Kapitel über Kriegsfotografie glänzt mit Äußerungen von James Nachtwey, die er den realen Gegebenheiten zuordnet. Dabei fällt auf, daß Nachtwey einer der wenigen Fotografen ist, von denen fast keine Bücher zu bekommen sind, nur Sammelexemplare zu horrenden Preisen. Aber das nur am Rande. Da der Phaidon Verlag aber Bücher von Nachtwey ebenso verlegt wie das Buch hier wollte ich dies nicht unerwähnt lassen.

Er nähert sich dann der Welt der Gegenwart und da werden die Fotos von sozialen Konflikten immer wichtiger. Als in Bangladesh eine Nähfabrik einstürzte und viele Menschen starben, entstand das Foto von Taslima Akhter der beiden Liebenden im Tode vereint.

Um soziale Kämpfe heute zu zeigen und zu führen sind Fotos von schrecklichen und ermutigenden Momenten wichtig, weil sie Botschaften versenden. Informationen aus der Wirklichkeit, die Ereignisse und Entwicklungen zeigen, sind wesentlich für eine Demokratie und das Bewußtsein.

Wobei ich manchmal das Gefühl habe, die verbale Trennung von Fotojournalismus und Dokumentarfotografie ist für ihn eher akademisch, weil Fotos wie das von Taslima Akther als Ereignisfoto um die Welt gingen aber sie natürlich damit auch eine Reportage gemacht hat, die mehr zeigt und damit eine oder mehrere Geschichten erzählt. Ich würde den Begriffen Fotojournalismus und Dokumentarfotografie die Begriffe Ereignisse und Entwicklungen zuordnen.

Und der dokumentarische Impuls ist eben ein Impuls – also eine umfassende Mischung aus persönlicher Eitelkeit, sozialem Bewußtsein und konkretem Einsatz, der zu der Motivation führen kann, sich zu engagieren. Wer nicht davon überzeugt ist, etwas zeigen und verändern zu wollen, der wird auch nicht den Mut aufbringen, sich auf den Weg zu machen. Ohne den Einzelnen  mit seiner Sichtweise ist Dokumentarfotografie nicht praktizierbar. Daher ist die dokumentarische Darstellung das Ergebnis individueller Wahrnehmung von Wirklichkeit mit technischen Geräten.

Im Ergebnis sind es dann oft nur die Dokumentarfotografen, die über den Tag hinaus berichten, dunkle Seiten der Gesellschaft anpacken und erhellen. Und dabei handelt es sich dann oft um ausgebildete Historiker oder Kunsthistoriker, die nun fotografieren. Vielleicht weil da oft das Bewußtsein für die sozialen Wirkungen geschult ist und weil Schreiben heute nicht mehr reicht, um Veränderungen als Chronist und Publizist aufzuzeichnen und darzustellen.

Hauptberufliche Fotografen waren es eher weniger und Journalisten kaum. Heute wandelt sich das, weil heute die Ereignisfotos oft von Beteiligten geliefert werden und für Unbeteiligte nur noch die Reportage danach und die Dokumentarfotografie bleiben.

Die Texte des Buches entstanden 2013 bis 2015. Was ich seit 2007 hier zur Dokumentarfotografie erarbeitet habe, finde ich im Querschnitt nun bei ihm wieder.

Insofern bin ich sehr froh, daß ich über dieses Buch hier in deutscher Sprache schreiben kann und auf diese sehr spezielle Publikation in englischer Sprache aufmerksam machen kann. Ich bezweifle nämlich, daß es wegen seiner speziellen Art jemals übersetzt wird – wer weiß!

Ich finde mich in diesem Buch an vielen Stellen wieder und habe gemerkt, auch ich habe diesen Impuls für meine Themen:

In allem steckt Hoffnung und zugleich die Antwort warum es eher scheitert.

Aber der Impuls bleibt. Er kommt immer wieder. Bei mir ist es das Soziale in unserer modernen Gesellschaft und der Kampf gegen die Armut 2.0. Das hat auch ganz egoistische Motive, weil nur sozialer Zusammenhalt emotionale, soziale und kollektive Sicherheit schaffen kann. Das setzt eben soziale Absicherung voraus, die zugleich Voraussetzung für echte Demokratie ist wie sie im Grundgesetz steht.

Und dieses Buch ermöglichte mir das Gespräch mit einem Menschen, der genau so tief wie ich das Thema Dokumentarfotografie verfolgt, miterlebt und darüber nachgedacht hat. Da mir sonst die Gesprächpartner dafür fehlen fand ich nun in dem Buch das Gespräch und die Erfahrungen, die ich mit meinen abgleichen und gedanklich diskutieren konnte, wenn auch nur im Kopf und nicht Auge in Auge.

Aber das macht ja nichts.

In diesem Sinne vielen Dank für das Gespräch Mr. Franklin!