Extra

Das Verlassen der Matrix: Dokumentarfotografie – Werkstatt der visuellen Wahrheit?

Wie Wahrheit und Wirklichkeit entstehen

blickkontakt

Ich bin aus der Not zum Fotografieren gekommen. Ich wollte Entwicklungen und Momente festhalten aber mit Worten allein ging es nicht. Und wenn man u.a. mit dem wissenschaftlichen Instrumentarium des Historikers und Sozialwissenschaftlers im Kopf ausgestattet mitten im Leben dabei ist und sich nicht nur danach vom Schreibtisch aus damit beschäftigt, dann geht es darum, die Wirklichkeit festzuhalten, die dokumentiert werden muß. Und weil mir Texte nicht reichten, ist es der direkte Weg von der Wissenschaft zur Lebenspraxis mit Text und Bild gewesen.

Aber für mich eben nicht nur, um zu dokumentieren (für wen denn?) sondern um zu verstehen und zu verändern.

Genau hier komme ich zum Punkt und gebe meiner Arbeit (rückblickend) auch theoretisch einen Rahmen.

Dieser enthält folgende Abgrenzungen:

„Zum Verhältnis von Geschichte und Soziologie möche ich nur das eine sagen: Es ist eine unheilvolle Trennung und wie jede Soziologie historisch, so sollte jede Geschichtswissenschaft soziologisch ausgerichtet sein.“

„Unstreitig ist die Intensivierung der photographischen Praxis eng verknüpft mit Freizeit und Tourismus.“

„Eines der Paradoxe des künstlerischen Feldes liegt darin, daß man sehr reich sein muß, um sich durchzusetzen und zu behaupten, ohne mit dem geringsten ökonomischen Profit rechnen zu können… Um die Gesetze der Ökonomie mißachten zu können, muß man reich sein.“

„Man hat die Politik oft mit der Medizin verglichen und man braucht sich nur … die hippokratischen Texte anzusehen, um zu begreifen, daß sich der entschiedene Politiker genauso wenig wie der Arzt einfach nur mit der schlichten Zurkenntnisnahme der qua Befragung gewonnenen Informationen begnügen kann …wäre damit schon der Interventionsbedarf befriedigt, so bräuchte man keine Ärzte. Der Arzt muß sich vielmehr darauf konzentrieren, nicht augenscheinliche Krankheiten (àdelà) aufzuspüren… Die nach hippokratischen Maßgaben echte Medizin beginnt beim Erkennen unsichtbarer Krankheiten, d.h. bei Tatbeständen, von denen der Kranke nicht spricht, sei es, weil sie ihm unbewußt sind, sei es, weil er sie mitzuteilen vergißt. Dies gilt auch für eine Sozialwissenschaft, welche die wirklichen Ursachen des Leidens kennen und verstehen will, die sich nur in Gestalt schwer zu interpretierender, da scheinbar allzu transparenter gesellschaftlicher Zeichen zum Ausdruck bringt. Ich denke da etwa an die Ausbrüche blinder Gewalt in Sportstadien oder anderswo, an rassistische Gewaltakte oder die Wahlerfolge jener Beschwörer des Unglücks, die eilfertig die primitivsten Ausdrucksformen moralischen Leidens ausbeuten und verstärken, Leiden, welches mindestens ebenso sehr einen Niederschlag all der sanften Gewalt und der kleinen Nöte des Alltags wie ein Symptom des Elends und der strukturellen Gewalt ökonomischer und gesellschaftlicher Bedingungen darstellt.“

Diese Gedanken sind von Pierre Bordieu. Sie sind ein Teil des Rahmens für mein Zusammenwirken von Geschichte und Gegenwart. Es ist einfach so, daß sie stimmen. Ich arbeite ja nicht universitär sondern ich werte wissenschaftliche Erkenntnisse für die Lebenspraxis aus und setze sie um in der Fotografie.

Wenn wir bei dem Beispiel der Kunst bleiben, so genügt ein Blick auf die Power 100 des ArtReview, um für die Fotografie festzustellen, daß einflußreich der ist, der aus reichen Verhältnissen kommt.

Das war übrigens bei Cartier-Bresson genauso. Er war der einflußreichste Fotograf des Reportagezeitalters und kam aus einer der reichsten Familien Frankreichs.

Das hat zunächst nichts mit qualitativen Aussagen zu tun aber mit Möglchkeiten sozial etwas zu werden und es ist eine Beschreibung von Machtverhältnissen, also sozialer Realität.

Denn es geht ja immer auch um Zugänge zu etwas. Und wer einflußreich werden will, braucht zum Beispiel auch den Zugang zu den Tempeln der Götter in der Kunst, er/sie braucht die Museumsqualität.

Das geht natürlich noch viel tiefer, weil ins Museum auch nur kommt, was in diesen Kreisen ankommt. Man ist eben unter sich, dort wo es darauf ankommt.

Oder glaubt jemand, meine Serie zu Deutschland in drei Fotos – Zeitgeist als Triptychon käme ins Museum? Genau dies würde aber auch dorthin gehören, weil hier in drei Fotos das große Ganze unserer sozialen Welt ungestellt aus der Wirklichkeit geschöpft wurde. Drei Fotos in drei Meter Breite und zwei Meter Höhe und wer davor steht, wird auf sich selbst zurückgeworfen. Man sucht Schutz gegen die Verschmutzung in dem Auto, das verschmutzt und tröstet sich mit sichtbarem Komfort über den sichtbaren Preis dafür…

Dies bedeutet, ich fotografiere nicht nur sondern möchte mit diesen Fotografien soziale Veränderungen bewirken, indem ich damit Bewusstsein schaffe und/oder den Blick schärfe. Dies gilt nicht für alle publizierten Fotos aber für die, die mit sozialen Themen zu tun haben.

Aber weil es nicht reicht zu fotografieren, da damit ja auch bestehende soziale Ungerechtigkeiten einfach manifestiert werden können, muß die Frage gestellt werden, wo und wie funktioniert Sozialkritik durch Fotografie?

Damit bin ich bei Barbara Becker: „So kann sich durch die dokumentarische Fotografie auch eine doppelte Unterjochung ergeben, indem einerseits die innerhalb der Gesellschaft existierende Ausgrenzung und Benachteiligung bestimmter Bevölkerungsgruppen oder ethnischer Minderheiten dargestellt wird, andererseits aber das Bild durch die Art des Zugangs und der Darstellung die Bedingungen mitkonstruiert, die es repräsentiert.“

Was hat das mit Dokumentarfotografie zu tun?

Frau Becker beschreibt es so: „Das Potential einer Fotografie liegt demnach nicht in einer wirklichkeitsgetreuen oder wahrhaftigen Realitätsabbildung, vielmehr besteht ihre besondere Bedeutung und Funktion gerade in ihrer Selektionsfunktion, d.h. im Herausheben eines bestimmten Aspektes bzw. in der Betonung von spezifischen Details eines Wirklichkeitsausschnittes. Erneut deutlich wird, dass man das Verhältnis von Fotografie und Wirklichkeit nicht mit den Kategorien wahr und falsch fassen kann: Fotografien liefern Betrachtungsweisen der Wirklichkeit und niemals diese selbst (Matz).“

So helfen mir die wissenschaftlichen Ergebnisse von Pierre Bordieu und Barbara Becker dabei, die sozialen Verhältnisse besser zu verstehen und mein eigenes soziales Handeln und meine eigene Art zu fotografieren auch gezielt einsetzen zu können.

Dokumentarfotografie konstruiert also in diesem Sinne Wirklichkeit, um mehr als nur Momente zu zeigen und liefert die Betrachtungsweisen der Wirklichkeit, die Entwicklungen sichtbar machen.

Was bedeutet das konkret?

Ich möchte dies an einem Beispiel erklären und dazu auf meine Arbeit 15 Blicke auf das Arbeitsleben verweisen.

Wie kann man soziale Veränderungen über zehn bis fünfzehn Jahre in einer Region darstellen? Macht man jeden Tag ein Foto, fotografiert man jede Straße und jeden Menschen oder wie geht man vor? Ich habe mich entschlossen zehn bis fünfzehn Jahre mit fünfzehn Fotos beispielhaft zu zeigen, die inhaltlich Abläufe sozialer Veränderungen zeigen und so die Konstruktion der Zeit von fünfzehn Jahren visuell in eine Konstruktion von 15 Fotos zu bringen. Man hätte auch 15 x 365 Fotos zeigen können, aber das erschien mir nicht sinnvoll für das, was ich zeigen und begreiflich machen wollte. Denn um Veränderungen sichtbar zu machen, muß man auch dort mit Begrenzungen arbeiten.

Dabei bezieht sich die Konstruktion von Wirklichkeit aber vor allem auf die Anordnung und Auswahl. Das Basisgeschäft der Dokumentarfotografie bleibt für mich dabei unangetastet:

„Dokumentarfotografie zeichnet das soziale Geschehen unserer Zeit auf. Sie spiegelt die Gegenwart und dokumentiert für die Zukunft. Ihr Fokus liegt auf dem Menschen in seiner Beziehung zur Menschheit… Eine einzelne Aufnahme kann Nachricht sein, Porträt, Kunst oder Dokumentation, eines davon, alles zugleich oder auch nichts von alledem. Im Instrumentarium der Sozialwissenschaft – zwischen Grafik, Statistiken, Karten und Text – beansprucht die fotografische Dokumentation nunmehr einen Platz.“

Diese Sätze sind von Dorothea Lange.

Ich nutze also nicht Elemente der Wirklichkeit, um diese so zu konstruieren, daß auf etwas hingewiesen wird, sondern ich nutze „echte Fotos“ im Sinne des Einfangens ungestellter Momente und Situationen, um damit mehr zu machen. Die Momente können für solche Projekte auch nicht x-beliebig sein, sondern sollen im Miteinander indirekt Blicke hinter die Oberfläche eines Fotos ermöglichen.

So entstehen dann digitale Projekte, die gesehen werden sollen, um sich sozial einzubringen.

Eine kapitalistische Gesellschaft (nicht zu verwechseln mit Demokratie) braucht eine Kultur, die auf Bildern beruht. Diese Bilder sind erforderlich, um ununterbrochen zu unterhalten und das Kaufverhalten zu beeinflussen und zu stimulieren. Kameras definieren Wirklichkeit auf zweierlei Art, als Spektakel für die Massen und als Herrschaftsinstrument für die Führer.

Die letzten drei Sätze sind sinngemäß von Susan Sontag und dann kommt noch ein Satz danach:

„Social change is replaced by a change of images.“

Sozialer Wechsel wird ersetzt durch einen Bilderwechsel.

Biologisch betrachtet ist alles wahr, was unser Hirn „wahr“-nimmt. Also ist der Film so real wie die Realität. Wenn wir dann Herzklopfen kriegen oder weinen hat es damit zu tun, daß wir nicht unterscheiden können zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Die Fiktion ist in diesem Augenblick unsere Wirklichkeit.

Die Fotos/Bilder werden damit zu einem aktuellen Bestandteil unserer momentanen Identität und führen dazu, daß sie uns bewußt/unbewußt auch lenken.

Dieser mentale Kapitalismus ist überall.

Hier ist mein aktueller Aha-Moment. So habe ich das früher nicht erlebt und gesehen. Weil ich mit dieser Bilderwelt schon aufgewachsen bin, war diese Welt und damit die von anderen für mich kreierte Bilderwelt als Wirklichkeit meine „echte“ Wirklichkeit. Kritischer Umgang mit Medien setzte darauf auf und nicht davor an. Ich brauchte lange und Menschen wie Bordieu, Sontag und Becker, um dahinter zu blicken.

Das ist der Rahmen meiner Arbeit und meiner Art Dokumentarfotografie einzusetzen.

Und so ist dann auch die Wahrheit sehr kostbar, denn um sie zu sehen, braucht es die richtigen Bilder.

Und weil Wahrheit eben auch interessengeleitet ist und vom Zeitgeist abhängt, bleibt dies eine Aufgabe der Menschheit, früher ohne Fotoapparate und heute mit Fotoapparaten.

Mit haben die vorgenannten Personen geholfen, dies so sehen zu können. Sie schärften meinen Blick.

Vielen Dank dafür!

 

Dokumentarfotografie – Soziale Kämpfe im Ruhrgebiet und im Bergischen Land zwischen 1987 und 2010

mannesmann1999

Es hat knapp dreißig Jahre gedauert bis die Fotos von Michael Kerstgens über den Stahlarbeiterstreik in Duisburg-Rheinhausen 1987 als Buch erschienen sind. Dieses Buch wurde u.a. durch die Hans-Böckler-Stiftung gefördert. Es ist ein gutes Buch geworden und es erinnert mich an meine eigenen Erlebnisse.

Michael Kerstgens zeigt Fotos von 1987 bis 1993 als im Walzwerk in Hagen die letzte Schicht war und symbolisch das Ende des gesamten sozialen Konstruktes.

Und im Bergischen Land ging es dann weiter.

Der Weg der Armut

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Wenn du in dein Schicksal einwilligst wird es dich leiten…

So muß man sich das auch in der Fotografie vorstellen. Die Dinge geschehen und wenn du dann offen genug dafür bist sie zu sehen, dann hat das Schicksal dir die Chance gegeben selbstbestimmt diese Dinge anzunehmen und umzusetzen – auch in der Fotografie.

Dann entwickelt sich sogar Streetfotografie plötzlich zu einer stillen sozialdokumentarischen Fotografie.

So wurde die Serie Der Weg der Armut geboren.

Nur so.

Erich Grisar – Ruhrgebietsfotografien 1928-1933

erichgrisar

Es ist vielleicht eines der gehaltvollsten Fotobücher zur Dokumentarfotografie in Deutschland überhaupt. Der Dortmunder Schriftsteller und Fotograf Erich Grisar war fast vergessen und nun sieht man im Rückblick, daß es ohne ihn keine Blicke auf die soziale Vergangenheit des Ruhrgebietes in dieser Form geben würde. Was für ein Lob für einen leider Toten, der seine Lebenszeit bewußt und klar aufgezeichnet hat mit Kamera und Schreibmaschine! Und wie gut, daß seine Fotos aufbewahrt wurden!

Mittelalter Fotografie von Charlie Dombrow

mittelalter

„Wie geht ein Ritter in Rüstung zum Klo? Trug jedes Burgfräulein einen Keuschheitsgürtel? … Zum Glück haben sich die Zeiten gewandelt. Heutzutage kann man solche Fragen direkt jenen stellen, die die Antworten eigentlich wissen müssen. Beispielsweise einem echten Ritter, der sich auf einem Mittelalterfest gewiss auch mit der Entsorgung beschäftigen muß…  Das wiederbelebte Mittelalter ist ein wunderbares Thema für Fotografen. Entdecken Sie mit der Kamera eine abwechslungsreiche Szene, die Traditionen bewahrt und Historie lebt…“

Mit diesen Worten führt uns der Autor Charlie Dombrow in sein Buch über Mittelalter-Fotografie ein.

peripher von Andreas Tschersich

peripher

Es ist ein Buch nach meinem Geschmack.

Mitten aus der Wirklichkeit und mitten aus dem Leben hat Andreas Tschersich „Orte des Übergangs und Durchgangs“ fotografiert, also Stellen, an denen verschiedene Baustile, Funktionen und Ansichten im öffentlichen Raum aufeinandertreffen.

Exodus. Sebastião Salgado

exodus3

Die UN-Vollversammlung hat den 20. Juni zum zentralen internationalen Gedenktag für Flüchtlinge ausgerufen. Dieser Tag wird in vielen Ländern von Aktivitäten und Aktionen begleitet, um auf die besondere Situation und die Not von Millionen Menschen auf der Flucht aufmerksam zu machen.

Weltweit sind mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht, davon 41 Millionen in ihrem Heimatland. „Noch nie zuvor wurde die Marke von 60 Millionen Geflüchteten und Vertriebenen überschritten.“

Und nun liegt es vor mir, das Buch, das dies alles schon vor einer Generation zeigte und niemand kann sagen, er hätte es nicht früher wissen können.

MAGNUM. Große Radrennen im Visier berühmter Magnum-Fotografen

Das Buch ist toll. In erstklassigen Aufnahmen halten 15 MAGNUM-Fotografen die expressivsten Momente der Radsportereignisse ihrer Zeit fest. Begleitet werden diese Fotografien von sachkundigen und anekdotischen Texten von Guy Andrews.

Guy Andrews ist Gründer und ehemaliger Herausgeber des britischen Magazins Rouleur. In diesem Buch finden wir Fotos von Christopher Anderson, René Burri, Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, Martine Franck, Stuart Franklin, Leonard Freed, Harry Gruyaert, Thomas Hoepker, Richard Kalvar, Mark Power, Guy le Querrec, David Seymour, Chris Steele-Perkins, John Vink.

Aber es ist ingesamt mehr. Wir können nicht nur die Tour de France und andere Rennen anhand ausgewählter Reportagen von den Anfängen bis zur Gegenwart erleben, zugleich gehen wir mit den Fotografen auf ihre jeweils persönliche Foto-Tour und sehen, wie ihre Art zu fotografieren ist.

Fotoreportagen bei der Tour de France von Magnum-Fotografen, die auf ihre eigene Art das Geschehen sahen und für sie interessante Momente festhalten.

Wo gibt es so etwas noch?

Die Reportage von Harry Gruyaert ist völlig anders als die von John Vink und Henri Cartier-Bresson blickt auf andere Themen als die Vorgenannten. Es ist dadurch ein Studienbuch zur Reportagefotografie und zugleich ein Buch zur Geschichte der Tour de France und ein wunderschönes Fotobuch.

Schon der Einband ist eine Wonne. Die Fotos sind groß und die Texte von Guy Andrews erzählen und betten ein.

Das Buch sorgt für Stunden – wenn nicht für Tage – für gute Unterhaltung und gibt durch die gelebte Fotopraxis viele Anregungen für das eigene fotografische Tun.

Dem Sieveking-Verlag ist damit eine rundherum gute Veröffentlichung gelungen, die historisch und fotografisch interessant und vom Gehalt her wertvoll ist.

GUY ANDREWS
MAGNUM
Große Radrennen im Visier berühmter Magnum-Fotografen
Aus dem Englischen
26 x 25,8 cm
224 Seiten
200 Abb.
Hardcover
ISBN 978-3-944874-40-1

 

The Documentary Impulse

documentary impulse

documentary impulse

Warum gibt es Dokumentarfotografie? Wieso machen Menschen das?

Stuart Franklin geht in dem Buch The Documentary Impulse dieser Frage nach.

Seine Marker sind Fotobücher. Sie sind Herz und Seele dokumentarischer Praxis. Das erinnert mich doch sehr an meine eigenen Einschätzungen. Sie sind offenkundig deckungsgleich.

Da er professionell als Fotojournalist arbeitet und er die Veränderungen in seinem Metier als Fotojournalist miterlebt, beschäftigt ihn die Frage seines Buches sehr. Und so nimmt er uns mit auf eine Reise durch alle Zeiten der Dokumentarfotografie als Ergebnis fotografischer und fotojournalistischer Arbeit, wenn sie mehr liefern will als Ereignisfotos. Sein Buch ermöglicht Blicke hinter die Kulissen und ich habe viel Neues erfahren.

Dokumentarfotografie fängt dort an wo der Fotojournalismus aufhört.  Anders ausgedrückt braucht Dokumentarfotografie kein Ereignis sondern zeigt Wirklichkeit zwischen Menschen, in sozialen Beziehungen, in Gesellschaften, in Situationen zwischen Krieg und Frieden, Armut und Reichtum, Freiheit und Gefangenschaft. Umgekehrt führt oft erst ein Ereignis dazu sich länger mit einem Thema zu beschäftigen.

Die Ansätze dabei variieren und je nach Zeit und Umfeld dominierte die eine oder andere Sichtweise.

Von den Versuchen, das platonische Ideal auf der Welt zu finden oder zu erfinden über die pure Propaganda bis zum Engagement für soziale Verbesserungen reichen die Antriebe derjenigen, die es tun.

An Beispielen zeigt er, wie wichtig diese Arbeit ist.

Wenn Dinge oder familiäre Abläufe oder andere soziale Beziehungen dokumentiert werden, die danach so nicht mehr da sind, dann werden diese Dokumente zur einzigen Möglichkeit, sich zu erinnern, etwas darüber zu erfahren und weiterzugeben. So einfach ist das – und so schwierig zugleich.

Und dort wo die dunklen Stellen in einer Gesellschaft sind, kann nur die Dokumentation einer Situation darüber berichten.

Der dokumentarische Impuls dient so auch dazu, Erinnerungen unsterblich zu machen und ist zugleich Ausdruck des eigenen Selbst im Engagement für Andere. Es ist aber auch Neugier auf die Welt und Ausdruck von Macht und Ohnmacht.

Stuart Franklin geht Kapitel für Kapitel vor, zum Teil chronologisch und zum Teil nach Themen.

Mit Abstand die meisten Dokumentarfotografen versuchten durch ihre Fotos Armut und Benachteiligung und Diskriminierung zu dokumentieren, um ein Bewußtsein für Verbesserungen zu schaffen im Sinne einer humanitären Fotografie, so seine Aussage.

Er schreibt über viele bekannte und unbekannte Namen und über bekannte und viele unbekannte Fotobücher. Darcy Padilla und Donna Ferrato kommen ebenso darin vor wie Philip Jones Griffiths und Henri Cartier-Bresson und viele andere.

Es sind dann die Sätze nach der Namensnennung, die mir Informationen geben, welche ich sonst nie erhalten hätte, wenn er beispielsweise schreibt, daß Cartier-Bresson und andere ihre Fotos nur verkaufen konnten, weil sie den Wünschen der Kunden entsprachen und Kunden wie Paris Match wollten nach dem 2. Weltkrieg Fotografien und Streetfotografien, die die französische Lebensart positiv darstellten, um als Nation neu glänzen zu können.

Stuart Franklin selbst hat eines der bekannten Fotos vom „Tank Man“ 1989 am 4. Juni auf dem Platz des himmlischen Friedens aufgenommen. Jeder erinnert sich an den Mann mit den Einkaufstüten, der vor einer Reihe von Panzern stand. Und so fragt er auch danach, wie aus Fotos Fotoikonen werden und wie mit Fotos in Redaktionen umgegangen wird. So wurde das Foto in Deutschland und der Schweiz damals komplett ignoriert, Leichen waren besser.

Sein Kapitel über Kriegsfotografie glänzt mit Äußerungen von James Nachtwey, die er den realen Gegebenheiten zuordnet. Dabei fällt auf, daß Nachtwey einer der wenigen Fotografen ist, von denen fast keine Bücher zu bekommen sind, nur Sammelexemplare zu horrenden Preisen. Aber das nur am Rande. Da der Phaidon Verlag aber Bücher von Nachtwey ebenso verlegt wie das Buch hier wollte ich dies nicht unerwähnt lassen.

Er nähert sich dann der Welt der Gegenwart und da werden die Fotos von sozialen Konflikten immer wichtiger. Als in Bangladesh eine Nähfabrik einstürzte und viele Menschen starben, entstand das Foto von Taslima Akhter der beiden Liebenden im Tode vereint.

Um soziale Kämpfe heute zu zeigen und zu führen sind Fotos von schrecklichen und ermutigenden Momenten wichtig, weil sie Botschaften versenden. Informationen aus der Wirklichkeit, die Ereignisse und Entwicklungen zeigen, sind wesentlich für eine Demokratie und das Bewußtsein.

Wobei ich manchmal das Gefühl habe, die verbale Trennung von Fotojournalismus und Dokumentarfotografie ist für ihn eher akademisch, weil Fotos wie das von Taslima Akther als Ereignisfoto um die Welt gingen aber sie natürlich damit auch eine Reportage gemacht hat, die mehr zeigt und damit eine oder mehrere Geschichten erzählt. Ich würde den Begriffen Fotojournalismus und Dokumentarfotografie die Begriffe Ereignisse und Entwicklungen zuordnen.

Und der dokumentarische Impuls ist eben ein Impuls – also eine umfassende Mischung aus persönlicher Eitelkeit, sozialem Bewußtsein und konkretem Einsatz, der zu der Motivation führen kann, sich zu engagieren. Wer nicht davon überzeugt ist, etwas zeigen und verändern zu wollen, der wird auch nicht den Mut aufbringen, sich auf den Weg zu machen. Ohne den Einzelnen  mit seiner Sichtweise ist Dokumentarfotografie nicht praktizierbar. Daher ist die dokumentarische Darstellung das Ergebnis individueller Wahrnehmung von Wirklichkeit mit technischen Geräten.

Im Ergebnis sind es dann oft nur die Dokumentarfotografen, die über den Tag hinaus berichten, dunkle Seiten der Gesellschaft anpacken und erhellen. Und dabei handelt es sich dann oft um ausgebildete Historiker oder Kunsthistoriker, die nun fotografieren. Vielleicht weil da oft das Bewußtsein für die sozialen Wirkungen geschult ist und weil Schreiben heute nicht mehr reicht, um Veränderungen als Chronist und Publizist aufzuzeichnen und darzustellen.

Hauptberufliche Fotografen waren es eher weniger und Journalisten kaum. Heute wandelt sich das, weil heute die Ereignisfotos oft von Beteiligten geliefert werden und für Unbeteiligte nur noch die Reportage danach und die Dokumentarfotografie bleiben.

Die Texte des Buches entstanden 2013 bis 2015. Was ich seit 2007 hier zur Dokumentarfotografie erarbeitet habe, finde ich im Querschnitt nun bei ihm wieder.

Insofern bin ich sehr froh, daß ich über dieses Buch hier in deutscher Sprache schreiben kann und auf diese sehr spezielle Publikation in englischer Sprache aufmerksam machen kann. Ich bezweifle nämlich, daß es wegen seiner speziellen Art jemals übersetzt wird – wer weiß!

Ich finde mich in diesem Buch an vielen Stellen wieder und habe gemerkt, auch ich habe diesen Impuls für meine Themen:

In allem steckt Hoffnung und zugleich die Antwort warum es eher scheitert.

Aber der Impuls bleibt. Er kommt immer wieder. Bei mir ist es das Soziale in unserer modernen Gesellschaft und der Kampf gegen die Armut 2.0. Das hat auch ganz egoistische Motive, weil nur sozialer Zusammenhalt emotionale, soziale und kollektive Sicherheit schaffen kann. Das setzt eben soziale Absicherung voraus, die zugleich Voraussetzung für echte Demokratie ist wie sie im Grundgesetz steht.

Und dieses Buch ermöglichte mir das Gespräch mit einem Menschen, der genau so tief wie ich das Thema Dokumentarfotografie verfolgt, miterlebt und darüber nachgedacht hat. Da mir sonst die Gesprächpartner dafür fehlen fand ich nun in dem Buch das Gespräch und die Erfahrungen, die ich mit meinen abgleichen und gedanklich diskutieren konnte, wenn auch nur im Kopf und nicht Auge in Auge.

Aber das macht ja nichts.

In diesem Sinne vielen Dank für das Gespräch Mr. Franklin!

 

 

Made in Germany

leonardfreed1100

Als Leonard Freed 1970 sein Buch über seine Reisen durch und seine Eindrücke von Deutschland veröffentlichte, blieb dieses Buch eher unbeachtet. Das erinnert an Robert Frank.

Diesen Aspekt finde ich sehr interessant.