Artikel & Essays

Am Anfang war das Wort – Fotografie heute zwischen Plato, Sontag und mir

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Wir sind noch in Platos Höhle: „Die Höhle versinnbildlicht die Welt, die sich den Sinnen darbietet, die normale Umgebung des Menschen, die man gewohnheitsmäßig mit der Gesamtheit des Existierenden gleichsetzt. Der Aufstieg ans Tageslicht entspricht dem Aufstieg der Seele von der Welt der vergänglichen Sinnesobjekte zur „geistigen Stätte“, der intelligiblen Welt, in der sich das nur geistig Erfassbare befindet.“

Davon war auch Susan Sontag fest überzeugt. Evidenz reicht nicht (Evidenz bezeichnet das dem Augenschein nach unbezweifelbar Erkennbare).

Industriekultur und Fotografie oder wie Susan Sontag zu Leica kam

Wer Fotografie über Texte entdeckt hat schon Vorstellungen von Bildern in seinem Kopf und auch, welche er wo und wann und wie noch erstellen will.

„Reisen wird zu einer Strategie, die darauf abzielt, möglichst viele Fotos zu machen. Allein schon das Hantieren mit der Kamera ist beruhigend und mildert das Gefühl der Desorientierung, das durch Reisen oft verschärft wird… Nicht wissend, wie sie sonst reagieren sollten, machen sie eine Aufnahme. So wird Erfahrung in eine feste Form gebracht… Diese Methode kommt insbesondere jenen Touristen entgegen, die zu Hause einer erbarmungslosen Arbeitsehtik unterworfen sind – den Deutschen, Japanern, Amerikanern. Die Handhabung einer Kamera dämpft die innere Unruhe, die ständig unter Streß arbeitende Menschen empfinden, wenn sie Urlaub machen und sich nur amüsieren wollen.“

Diese Sätze stammen aus In Platos Höhle von Susan Sontag.

Da steckt viel drin. Wenn wir mit der Reisefotografie beginnen, dann wissen wir nun, daß die Kameraindustrie sich keine Sorgen machen muß, solange es verreisen gibt. Denn es werden nicht nur Smartphones gekauft werden sondern auch die Kameras mit den Knöpfen und Drehrädern. Wer aus einer Industriekultur kommt, der ist mit Mechanik aufgewachsen. Er fühlt sich dann bei den Kameras wohl, die auch so eine Mechanik haben. So wird die eigene Kultur immer mitgenommen, wenn man unterwegs ist.

Sobald die Mechanik aber durch das Display ersetzt wird, sieht die Sache langsam etwas anders aus.

Die Kameras haben aber auch eine psychologische Funktion: sie sind die Methode der Begegnung und der Distanz. Solange das Objektiv dazwischen ist und ich meine eigene Kamera habe, ist die Distanz da, die ich für meine Sicherheit brauche.

Wer immer funktionieren muß, will auch eine Kamera, die immer funktioniert.

Damit ist aber noch lange nicht Schluß.

Sontag beschreibt dann eine Anzeige mit einer Gruppe von Menschen, die alle unruhig sind bis auf eine Person – die fotografiert. „Dieser hält eine Kamera ans Auge; er macht einen selbstsicheren Eindruck und scheint fast zu lächeln….Der Text der Anzeige … besteht lediglich aus sechs Worten: Prag … Woodstock … Vietnam …Saporro … Londonderry … LEICA. … Kolonialkriege und Wintersport werden von der Kamera gleichgesetzt. Das Fotografieren hat eine chronisch voyeuristische Beziehung zur Welt geschaffen, die die Bedeutung aller Ereignisse einebnet. Eine Fotografie ist nicht nur das Ergebnis der Begegnung zwischen einem Ereignis und einem Fotografen. Eine Aufnahme zu machen ,  ist selbst schon ein Ereignis, und zwar eines, das immer mehr gebieterische Rechte verleiht… Es bedeutet, im Komplott mit allem zu sein“ was ein Objekt interessant macht, …auch mit dem Leid und Unglück eines anderen Menschen.“

So symbolisiert Leica die Umsetzung der Industriekultur in die Kamera.

Wenn Kameras Ausdruck der Arbeitswelt sind, dann erfordert eine Veränderung in der Arbeitswelt veränderte Kameras.

Stimmt.

Je mehr Büroarbeitsplätze mit Monitoren, Tablets und Smartphones, desto mehr Kameras mit Monitoren, Touchdisplay etc.

Aber es gibt nicht nur eine Wahrheit sondern die Wahrheit ist, es gibt viele Wirklichkeiten.

Und Industriekultur ist männlich.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Aber wir sind ja auf dem Weg in die nachindustrielle Gesellschaft.

Was kommt fotografisch danach ist dann die logische Frage?

Die weibliche Seite.

Die weibliche Seite zeigt sich immer mehr, seitdem es digitale Zeiten gibt.

Frauen nutzen immer mehr Digitalkameras. Aber Frauen nutzen vor allem auch Smartphones mit Digitalkameras.

Und Frauen aus anderen Ländenr und Kulturen scheinen oft in der extensiven Nutzung nach meinen Beobachtungen sogar schon weiter oder noch weiter zu sein. Mir scheint es oft, als ob sie mit den Smartphones Tag und Nacht kommunizieren.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Es geht dabei fast nie um den entscheidenden Moment und fast immer um visuelle Kommunikation. Viele Fotos sind nach der Kommunikation schon nutzlos. Und die Kommunikation findet mit den Fotos über whatsapp statt, weil man glaubt, dort unter sich zu sein.

Zumindest sind dies meine Erfahrungen mit Frauen aus der Mitte des Lebens.

Je jünger desto mehr Facebook stelle ich in meinem Umfeld fest.

Es geht also darum, Fotos direkt in die Kommunikation einzubringen. Entscheidend ist die Funktion und daher funktioniert dies natürlich auch alles nur mit Handys und Smartphones.

Eine dicke Kamera ist absolut nichts für die tägliche Kommunikation unterwegs.

Unsere Zeit ist weiblicher und dies wirkt sich auch auf das Fotografieren aus.

Sobald aber das Smartphone nicht reicht, werden die Wünsche differenzierter. Und da ist dann die Frage zu stellen, was brauche ich noch mehr? Insofern sind die Kamerahersteller schon auf dem richtigen Weg. Aber die Marktanteile verteilen sich neu auf einem neuen Markt mit neuen Möglichkeiten. Einige sind noch gar nicht richtig da, andere schon.

Und so ist dies alles nicht nur faszinierend sondern auch erfrischend spannend.

Denn es zeigt sich, es ist noch nicht vorbei mit der Fotografie – ganz im Gegenteil.

 

Warum die Fotografie der entscheidende Schlüssel ist, um die Gegenwart zu verstehen oder wenn aus Bildern Wirklichkeit wird

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Bilder/Fotos können Waffen sein – so wie hier oberhalb zu sehen.

Das ist eine Funktion von Fotos in sozialen Zusammenhängen. Das ist aber längst nicht alles.

Manchmal ist der Blick einige Jahre zurück gut, um die aktuelle Situation klarer zu sehen. Es hat sich ja nichts geändert. Alle Konflikte von damals sind noch da. Der menschliche Charakter ist geblieben.

Und mit diesem Wissen sind wir technisch nun im digitalen Zeitalter angekommen.

Da wissen wir schon was uns blüht. Es ist schon überall zu sehen.

Und wir sind weiter mitten in der Ideologie des Kapitalismus, die die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer macht.

Was hat das mit Fotografie zu tun?

Sehr viel und die Realität dieser Zeit wurde schon viel früher beschrieben von Basin, Anders, Kracauer bis Sontag. Susan Sontag schrieb darüber in den 70er Jahren. Seitdem hat sich für die meisten Menschen sozial das Leben verschlechtert. Aber sie merken es kaum und reagieren nicht real, weil sie aufgewachsen sind in einer Welt, die eine Wirklichkeit jenseits der Wirklichkeit kreiert.

Eine kapitalistische Gesellschaft (nicht zu verwechseln mit Demokratie) braucht eine Kultur, die auf Bildern beruht. Diese Bilder sind erforderlich, um ununterbrochen zu unterhalten und das Kaufverhalten zu beeinflussen und zu stimulieren. Kameras definieren Wirklichkeit auf zweierlei Art, als Spektakel für die Massen und als Herrschaftsinstrument für die Führer.

Die letzten drei Sätze sind sinngemäß von Susan Sontag und dann kommt noch ein Satz danach:

„Social change is replaced by a change of images.“

Sozialer Wechsel wird ersetzt durch einen Bilderwechsel.

Biologisch betrachtet ist alles wahr, was unser Hirn „wahr“-nimmt. Also ist der Film so real wie die Realität. Wenn wir dann Herzklopfen kriegen oder weinen hat es damit zu tun, daß wir nicht unterscheiden können zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Die Fiktion ist in diesem Augenblick unsere Wirklichkeit.

Die Fotos/Bilder werden damit zu einem aktuellen Bestandteil unserer momentanen Identität und führen dazu, daß sie uns bewußt/unbewußt auch lenken.

Es geschieht überall.

Hier ist mein aktueller Aha-Moment. So habe ich das früher nicht erlebt und gesehen. Weil ich mit dieser Bilderwelt schon aufgewachsen bin, war diese Welt und damit die von anderen für mich kreierte Bilderwelt als Wirklichkeit meine „echte“ Wirklichkeit. Kritischer Umgang mit Medien setzte darauf auf und nicht davor an.

Nun blicke ich weiter und Sie können das auch.  Gehen Sie einfach mal ein paar Tage dorthin, wo es fast keine Bilder gibt. Das flache Land mit Wäldern bietet sich an. Kein Fernsehen, kein Buch, kein Supermarkt, kein Dorf und kein Handy. Und nach einer Woche werden sie merken, was ich meine.

Wenn Ihnen dieser Zusammenhang klar ist, dann verstehen Sie sicherlich auch den nächsten Gedanken:

„Die überkommene Vorstellung der Wirksamkeit von Bildern setzt voraus, daß Bilder die Eigenschaften der realen Gegenstände besitzen. Wir indessen neigen dazu, den realen Gegenständen die Qualitäten eines Bildes zuzuschreiben.“

Das schrieb Susan Sontag und die Herausgeber  des Buches Theorie der Fotografie Kemp/v. Amelunxen fassen dann den weiteren Gedankengang so zusammen:

„Die Bilder hätten den Spieß gegenüber der Realität umgedreht, aus Nachbildern seien Vorbilder geworden. Das hätte zur Folge, daß die Theorie der Fotografie sich zur eigentlichen Gesellschaftstheorie ausbreiten muß.“

Damit ist die Fotografie der entscheidende Schlüssel, um die Gegenwart in Theorie und Praxis zu verstehen.

Das ist doch gar nicht so schwierig. Natürlich gab es bald schon andere Theoretiker die wie Roland Barthes versuchten, „Fotografie aus ihrem vereinzelten Produkt und ihren kleinsten Details zu verstehen.“

Und nun raten Sie mal, was an den meisten Universitäten heute als Dissertationsthema erforscht wird?

Richtig, es ist der Ansatz von Roland Barthes, weil dies ja keine Gesellschaftskritik beinhaltet sondern eher der akademischen weltfremden Erbauung dient (ist polemisch von mir und auch so gemeint).

Fotografie als Waffe und die Waffen der Fotografie werden so gut wie gar nicht behandelt.

Und die Fotografie als Herrschaftsinstrument der Mächtigen wird eigentlich überhaupt nicht untersucht. Die Stiftungen der Mächtigen würden dafür wohl ebenso wenig Geld geben wie die staatlichen Einrichtungen.

Es gibt Ansätze aus privater Feder und privater Kamera, aber es ist eben alles ohne Geld und nur mit viel Verstand.

Heute werden Probleme und Lösungen über die Medien mit gesteuerten Bildern in die Köpfe transportiert.

Was nicht in den Bildern ist, ist nicht in den Köpfen und kann auch keine sozialen Gemeinsamkeiten wachsen lassen.

So verschwindet sogar Klassenbewußtsein oder Zusammengehörigkeitsbewußtsein und natürlich auch Bewußtsein für Demokratie und es wächst kein Veränderungswille gegen unwürdige Verhältnisse. Erst wenn viele Bilder in den Medien zu sehen sind auf denen Menschen sich wehren, kann wiederum etwas entstehen.

Ich möchte Sie zum Schluß noch einmal auf das Artikelfoto hinweisen.

Das Elend anderer betrachten, um Geld zu spenden, ist das Thema dieser Kampagne mit dem Titel „Trostlos“.

Sie sollen durch das kleine Kind im Elend dazu gebracht werden zu spenden. Dieses Foto ist ab dem Zeitpunkt der Betrachtung in ihrem Kopf. Das Foto ist auf dem Weg an dieser Stelle übermächtig groß für Fußgänger und Autofahrer zu sehen.

Und es wirkt ja. Aber es ist natürlich mehr. Es zeigt Machtverhältnisse.

Hätten die zehn reichsten Familien Deutschlands nur 1 Prozent ihres Vermögens oder 100 Prozent ihres Vermögenszuwachses gespendet, wären solche Kampagnen, um an das Geld der kleinen Leute zu kommen, überhaupt nicht nötig, zumal die Steuergesetzgebung sie ohnehin privilegiert.

Die Welt ist anders.

Und so möchte ich noch einmal zum Schluß den Gedanken wiederholen, den Susan Sontag als letzte einer Kette in die heute noch aktuellen Worte gefaßt hat: „Das hätte zur Folge, daß die Theorie der Fotografie sich zur eigentlichen Gesellschaftstheorie ausbreiten muß.“

 

Das Fotobuch und seine Bedeutung in der Dokumentarfotografie

Michael Mahlke Fotobücher

Michael Mahlke Fotobücher

Einige Erfahrungen online und offline

Nun schreibe ich über zehn Jahre digital über Dokumentarfotografie.

Da lohnt sich für mich die Frage, welche Rolle dabei Fotobücher gespielt haben?

Denn in digitalen Zeiten sind viele Fotos ja auf Webseiten zu finden – sollte man meinen.

Aber da fängt es schon an.

Charleroi in Belgien und Remscheid im Bergischen Land

charleroi

Es ist sehr schwer auf Bücher aufmerksam zu werden, die hier nicht auf dem Buchmarkt zu finden sind.

Daher bin ich Peter Lindhorst sehr dankbar, daß er das Buch Charleroi von Stephan Vanfleteren rezensiert hat.

Es war ihm offenkundig eine Herzensangelegenheit.

Das Buch hat einen niederländischen und einen französischen Text.

Es ist also für Deutsche mit Englischkenntnissen so gut wie unerreichbar.

Um so schöner war es, das Buch und den Fotografen Stephan Vanfleteren von Peter Lindhorst in dieser Form in deutscher Sprache vorgestellt zu bekommen.

Die Fotos, die auch in einer Ausstellung in Charleroi zu sehen waren, sprachen mich sofort an.

Eine sterbende Industriestadt, Menschen mit ihrer Lebenszeit darin und dann auch noch monochrome Fotos in digitalen Zeiten.

Ich mußte über vier Wochen warten, aber es gelang mir über buecher.de unkompliziert das Buch zu bestellen. Woanders war es nicht zu finden.

Und ich bin von dem Buch sehr angetan.

Denn es ist eine sehr persönliche Sicht und es ist vor allem ein Buch, das zeigt, wie interessant auch heute monochrome Fotos sein können.

Rein technisch betrachtet gibt es in dem Buch verwackelte Fotos, sehr scharfe Fotos, sehr grobkörnige Fotos und sehr detaillierte Fotos. In der Kombination in einem Buch wird daraus ein Streifzug durch eine Stadt mit ihren Menschen und den Lebensmomenten und jedes Foto in jeder technischen Ausprägung erzählt eine eigene Geschichte.

Dieses Buch erinnert mich an meine Stadtansichten von Remscheid und dem Wupperdreieck, weil es auch so persönlich ist.

Es hat bei mir aber noch mehr bewegt.

Es ist für mich der Anlaß geworden, aktuell verstärkt zur monochromen Fotografie zurückzukehren.

Ich bin immer hin- und hergerissen zwischen bunt und monochrom, weil jedes Foto anders ist und manche eben nur in Farbe und manche nur in Schwarzweiß richtig wirken.

Die soziale Realität im Blick und Fotos, die die Menschen ehrlich und doch nicht bloßstellend sondern mit ihrer Seele zeigen, das ist es, was mich immer wieder antreibt.

Diese Art der Dokumentarfotografie setzt den Namenlosen ein Denkmal und zeigt der Umwelt das, was sie nicht immer sehen wollen aber sehen sollen.

Vielleicht spüre ich in dem Buch von Stephan Vanfleteren so etwas wie eine Seelenverwandtschaft an dieser Stelle.

Ich weiß es nicht aber ich weiß, daß ich so etwas bei diesem Buch spüre.

Das Buch ist auch buchbinderisch eine Augenweide und von unglaublicher Qualität.

Der Preis von 35 Euro (ohne Porto 24,95 €) macht es auch für die Bewohner des Ortes erschwinglich.

Charleroi und diese Art der Fotografie ist ein Thema, das man mögen muß. Denn es sind Aufnahmen aus der Wirklichkeit im Längsschnitt.

Und es ist dokumentierende Fotografie und irgendwie auch sozialdokumentarische Fotografie.

Es geht hier um den öffentlichen Raum in Charleroi und die Menschen auf der Straße mitten in ihrem Leben. Da sieht man dann erstaunliche Parallelen zwischen kaputten Straßen und vom Leben benutzten Menschen, die aber ihre Seele aus den Augen schimmern lassen und da sprüht manche Lebensfreude.

Vanfleteren hat auch eine besondere Art zu fotografieren. Er schneidet oft ein Bild so ab, daß manche Einzelteile wie z.B. eine Hand auf einer Schulter mehr aussagen als es ein Foto mit der gesamten Person aussagen könnte.

Die Hand spricht und ihre Geste sagt noch viel mehr.

Das Buch ist Persönlich, Poetisch und (für mich auch) Politisch.

Denn es zeigt die Folgen einer Industriekultur und den sozialen und asozialen Zusammenhang von Maschinen und Menschen: Stolz und Würde, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Leben, Armut und Ende und die Sichtbarkeit im öffentlichen Raum.

Ich finde das Buch großartig.

Der Flair des Fotojournalismus gestern und heute

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Warum reizt der Fotojournalismus bis heute? Was hat er, was andere Tätigkeiten nicht haben?

Vielleicht ist es das Dabeisein als Privileg.

Oder es ist das Image der Fotojournalisten.

Fangen sie noch die Fotos ein, die die Welt braucht und noch nie gesehen hat?

Spuren im Sand oder das Verschwinden sozialer Landschaften

Das einzig Beständige ist der Wandel. Menschsein bedeutet sich ununterbrochen auf die Lebendigkeit einzustellen und zugleich zu versuchen, Elemente der Beständigkeit im eigenen Verhalten durch Regeln, Rhythmen und Routine zu leben, um damit zurechtzukommen. Das ist übrigens die Anpassung an die uns umgebende Natur, die ebenfalls in Rhythmen lebt. Wir sind eben ein Teil davon und stehen nicht über ihr.

Daraus ergibt sich folgendes:

  • Wiederholungen von Handlungen und
  • vorhandene Menschen mit ihrem Verhalten im öffentlichen Raum

sind bei einer sozialen Landkarte das, was man vorfindet im Raum und in der Zeit, die man selbst wahrnimmt.

Und Bedeutung erlangen die Dinge dann, wenn man sich daran erinnert.

handinhand

Ich möchte dies mit diesem Foto mitten aus dem Leben verdeutlichen.

Was sehen Sie auf dem Foto?

Sie sehen ein Paar, das sich an der Hand hält. Aus der Kleidung und daraus, daß Mann und Frau sich so verhalten, können Sie erkennen, aus welcher Kultur und Zivilisation das Paar stammt.

Das Foto zeigt Mann und Frau in einem abendländischen Zusammenhang. Ihre Geste ist ebenso eindeutig, aber nur in unserem Kulturkreis verstehbar.

Hier enden die Informationen, die direkt dem Foto entnehmbar sind.

Nun erzähle ich mehr.

Dieses Paar fuhr fast täglich mit dem Bus und lief auf dem Rückweg immer diese Straße entlang. Jeder, der tagsüber dort war, sah sie irgendwann. Sie lebten sehr intensiv miteinander im öffentlichen Raum.

Wenn man die Straße entlang ging oder mit dem Bus fuhr, dann erinnerte man sich immer an das Ehepaar. Sie gehörten also zu dem Raum dort und waren Bestandteil des eigenen sozialen Gedächtnisses und der sozialen Landschaft, die in dieser geografischen Landschaft im öffentlichen Raum vorhanden war.

Und dann verstarb eine Person. Plötzlich waren sie nicht mehr Teil der sozialen Landschaft.

So verschwindet das Gesicht der sozialen Landschaft, die mich umgibt und wird anders. Das ist bei allen Menschen so und damit ein Teil des Menschseins. Aber jeder hat dabei seine eigene soziale Landschaft.

Das Foto bleibt, aber es hat ohne zusätzliche Informationen keinerlei Bedeutung.

Diese Bedeutung muß ich dem Foto geben, weil es meine soziale Landschaft ist.

Nur durch das Aufschreiben wird dieser kleine Teil dauerhaft über mich selbst hinaus dokumentiert. Denn die soziale Landschaft hat sich schon wieder verändert, andere sehen anderes, und das hier ist vorbei.

Und meine soziale Landschaft endet mit meinem Ende.

Ich entscheide allein, ob ich dies als Teil meiner wahrgenommenen sozialen Landschaft sehe und speichere. So dokumentieren sich Zustände der eigenen Existenz im wahrgenommenen Umfeld.

Niemand außer mir wird sich jemals (wahrscheinlich) für dieses Foto interessieren. Aber durch diesen Artikel möchte ich daran erinnern und zeigen, was soziale Landschaft ausmacht. Gebäude und Ruinen sind tot ohne Erinnerungen an das soziale Leben. Daher ist die fotografische Abbildung der Stadtlandschaft das Eine und die Abbildung der sozialen Landschaft der eigenen Zeit das Andere.

Es sind die Spuren im Sand, die wir sehen bis zur nächsten Welle, die uns mitnimmt.

Aber sie können im zeitlichen Verlauf betrachtet dann doch wiederum sehr viel aussagen und deshalb ist es gut, daß es die Fotografie und die Schrift gibt.

So entsteht ein Mosaik der sozialen Landschaft wie ich sie sehe und erlebt habe.

Ich gehe sogar so weit zu sagen, daß außerhalb eines konstruierten Films, der eine soziale Landschaft verdichten kann, die Fotografie die Voraussetzung für die Dokumentation sozialer Landschaften ist in einer Zeit der absoluten Unbeständigkeit – natürlich nur fragmentarisch aber so, daß daraus ein Bild rekonstruierbar wäre, das über die Wahrnehmung des Einzelnen hinausgeht.

Und das ist wiederum sehr interessant – zumindest finde ich das, wenn ich solche Fotos betrachte.

Zugleich ist es dokumentierte Gegenwart, die zur Geschichte geworden ist.

Die Geschichte des Alltags und der eigenen Lebenszeit im öffentlichen Raum.

So gibt man dem Augenblick Dauer aber nicht unbedingt eine Bedeutung über sich selbst hinaus.

Es kann aber gelingen, sich durch diese Art des Fotografierens selbst zu positionieren.

Und das kann im besten Fall zu einem neuen Verhältnis zur Wirklichkeit führen…

 

Er war der meistfotografierte Hochofen Deutschlands

Ich hatte noch nie eine Beziehung zum Ruhrgebiet obwohl ich dort viele nette Leute kennengelernt habe.

Ich sah kein Ende und keinen Anfang. Es blieb mir fremd.

Und meine Berichte über das Duisburger Stadtmassaker taten ein übriges, um mich eher vom Ruhrgebiet zu entfernen und mich anderen Landschaften zuzuwenden.

Doch jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo sich mir das Ruhrgebiet erschloß.

Thomas Pflaum hat mit seinem Fotoreiseführer Fotografieren im Ruhrgebiet mir erstmals Einblick, Überblick und Durchblick verschafft.

Er zeigt in seinem Buch auch Orte und Motive in Duisburg.

„Bruckhausen ist ein besonderer Stadtteil: Nirgendwo sonstim Ruhrgebiet ließ sich bis in die jüngste Vergangenheit das enge Nebeneinander von Schwerindustrie und Wohnen noch erleben“, schreibt Thomas Pflaum in seinem Fotoreiseführer.

Und dann zeigt er zwei Fotos, die er an der Ecke Dieselstraße/Bayreuther Straße 2010 und 2014 aufgenommen hat.

Der Hochofen ist weg.

Er schreibt: „Er war einmal der meist fotografierte Hochofen Deutschlands.“

So bietet der Fotoreiseführer mehr als den Ort.

Hier werden Geschichte und Gegenwart so verknüpft, daß man mit der Sprache der Fotografie Geschichten erzählen kann.

Und bei mir entstand die Lust, alte digitale Fotos herauszusuchen, die ich im Ruhrgebiet gemacht hatte.

Der Hochofen grüßte damals schon auf der Autobahn und zeigte die Richtung.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Es war im Jahr 2009 auf dem Marktplatz in Duisburg Bruckhausen.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Auf dem Marktplatz versammelten sich die Mitarbeiter verschiedener Werke von ThyssenKrupp voller Hoffnung und Wut.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Fotojournalisten waren ebenfalls zahlreich erschienen.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Hier sieht man wie eng Arbeit und Leben miteinander verknüpft waren. Der Hochofen war der Kölner Dom des Stadtteils.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Deshalb ist es gut, wenn man sich an die vielen ehrlichen und fleissigen Menschen erinnert, die dort zur Arbeit gingen und von ThyssenKrupp mehr erwarteten als Arbeitsplatzabbau. Damals war der Bezirksleiter der IG Metall Detlef Wetzel.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Der Hochofen ist weg, der Stadtteil Bruckhausen wurde Opfer eines „Stadtmassakers“ und die soziale Stadt, also die Beziehungen zwischen den Menschen und dem vorhandenen öffentlichen Raum, gibt es in der damaligen Form nicht mehr.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

So soll dieses letzte ruhige Bild von der Straße am Markt an die damalige Zeit und die Menschen mit ihren Hoffnungen und Problemen erinnern, die dort lebten und vielleicht noch leben.

Genau dies macht das Ruhrgebiet aus. Es ändert sich ununterbrochen.

Und damit komme ich zurück zu dem Buch von Thomas Pflaum. Ihm ist es gelungen, mir Orientierung zu geben und mich neugierig zu machen.

Nun denke ich sogar daran, mit diesen Erinnerungen noch einmal zum Markt in Duisburg Bruckhausen zu fahren, um dort zu fotografieren.

Ohne das Buch von Thomas Pflaum wäre weder dieser Artikel geschreiben worden noch der Wunsch entstanden, noch einmal dorthin zu fahren.

Besser kann ein Buch als Anregung wohl kaum sein.

 

Dokumentarfotografie und urban landscape – Lenstrip in Lennep

Urbane Landschaft, Privatisierung und öffentlicher Raum in der Fotografie – Ein Beitrag zur Praxis aktueller Dokumentarfotografie zwischen Dokumentation und Kunst

Lennep ist ein Stadtteil von Remscheid und war ursprünglich selbst eine kleine Stadt.

Lennep bietet sich als Beispiel an, um Zusammenhänge zwischen öffentlichen und privaten Räumen, sozialer Praxis und sozialem Handeln und Veränderungen anhand fotografischer Praxis zwischen Dokumentation und Kunst zu zeigen.

Die Darstellung von Macht und  Einfluß im öffentlichen Raum

Ist öffentlicher Raum bzw. städtischer Raum (urban space) ein neutraler Container für soziale Beziehungen oder eine Manifestation von Macht und Kontrolle? Diese Frage diskutierte Alex Baker anläßlich einer Ausstellung im Museum of Contemporary Art San Diego. Untertitel war „A Dialogue with the urban Landscape“.

In diesem Text hier geht es um diese Fragen am Beispiel Lennep.

Wenn wir uns Lennep anschauen, dann wird zunächst deutlich, wie aktuell öffentliches Gelände für private Zwecke verkauft worden ist. Ziel ist das DOC, ein Outlet-Center, welches Kunden von nah und fern anlocken soll. Fest steht, daß der öffentliche Raum, der den Menschen zur Verfügung steht, dort wesentlich verkleinert wurde und eine neue private Zone geschaffen wurde, die nicht mehr wie bisher von allen genutzt werden kann.

Das Thema und den Konflikt kann man fotografisch sehr schön darstellen ohne viele weitere Worte:

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Die Politik hat sich für das DOC und gegen die bisherigen Strukturen entschieden. Inwiefern die Arbeitsplätze und die Kaufkraft genau so vereinbart wurden wie der Verkauf der Flächen ist Sache der Politik.

Hier geht es um die Folgen im öffentlichen Raum. Wenn öffentliche Räume und Flächen privatisiert werden, hat dies natürlich Verhaltensänderungen der Menschen zur Folge, weil bestimmte Treffpunkte wegfallen, andere räumliche Verhältnisse geschaffen werden, Traditionen und historische Plätze verschwinden etc. Der Soziologe Michael Beetz hat das einmal so ausgedrückt:

„Wer im öffentlichen Raum unterwegs ist, der sieht sich ständig mit einer mehr oder weniger feinsinnigen Symbolik konfrontiert, welche soziale Orte definiert, Grenzen markiert und die gangbaren Wege aufzeigt…. die lokale Umgebung beinhaltet über ihre rein physikalischen Eigenschaften hinaus durchweg symbolische Qualitäten…. Der tägliche Spaziergang mit dem Hund, das regelmäßige Aufsuchen von Veranstaltungsorten… von Kneipen oder Parks bezeugen die Zugehörigkeit zur Szene, zum Kiez, zur Heimat. Mit dem lokalen Lebensraum kann man durchaus verschmelzen, ohne ihn damit zu okkupieren. Andererseits bleibt manch einer auch nach dem Erwerb eines Grundstücks oder der Besetzung einer Stelle in sozialer Hinsicht ein Fremder. In Kleinstädten wird man in der Regel ein Leben lang als Zugereister gelten.“

Der öffentliche Raum ist also materiell und sozial gestaltet. Und im Fall von Lennep ist die sozial vorhandene Landschaft durch diese Entscheidung mit ihren Traditionen und Rhythmen erheblich – wenn nicht wesentlich –  verändert worden. Die bisherige Psychogeografie fällt dadurch praktisch weg.

Ob das gut oder schlecht ist oder ob es der heutigen Mentalität entspricht, ist hier nicht die Frage sondern lediglich das Aufschreiben dieser Entwicklung.

Die Gestaltung der Lenneper Altstadt

Der zentrale Bereich im öffentlichen Raum in Lennep ist die Altstadt. Diese ist quasi das öffentliche bzw. das Außenbild, das für Lennep als Hansestadt steht und für emotionale Lebensqualität.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Das kann man ja auch fotografisch sehr schön festhalten, wenn man die mit vielen Investitionen modernisierte Stadtlandschaft sieht, die die alten Elemente wie Schiefer und Fachwerk äußerlich beibehalten hat.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Hier symbolisiert die Architektur Eigenschaften wie Ruhe, Gemütlichkeit, Engagement und vieles mehr.

Privatisierte Zonen

Wo der öffentliche Raum verkauft wurde und der Profit nicht stimmte, sieht das alles anders aus:

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Das ist keine 100 Meter von der Altstadt entfernt und ein Areal, an dem die Bürger nicht zugelassen sind. Noch mal. Ich will hier nur die Realität beschreiben, damit man versteht, was Fotografie in solchen Fällen leisten kann. Ich finde das Foto übrigens auch sehr passend. Denn der Zaun davor soll alle Menschen davon abhalten, dieses Gelände zu betreten. Daher habe ich die Zacken auch dominant in das Foto gerückt. Und alles dahinter ist leer und menschenleer.

An dieser Stelle kommt die „Street Art“ hinzu. Alex Baker weist in seinem Text darauf hin, daß es Street Art gibt „on and about“ urban places. Dies bedeutet, man kann Kunst im öffentlichen Raum  an und auf der Straße erstellen oder den öffentlichen Raum als Thema (about) nutzen.

In Lennep haben Menschen, die dort leben oder waren, in jedem Fall reagiert und aus einer Betonzone Street Art gemacht.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Zugleich ist dies (alles) Ausdruck einer sozialen Landkarte, denn hier zeigen sich soziale Reaktione auf vorhandene Architektur und Raumaufteilung.

Es gibt natürlich mehr Streetart aber beispielhaft soll dies hier genügen.

Die Einbettung von Architektur und Streetart in einen fotografischen Rahmen ist dann übrigens art about, also Kunst mit dem Mittel der Fotografie zum Thema urbaner Raum und soziales Leben.

Im Englischen spricht man auch von radical art, weil es sich um Kunst handelt, die nicht für sich steht sondern eine Reaktion auf soziale Erlebnisse ist und bei Ihnen, den Konsumenten oder Zuschauern, etwas bewirken will.

So ist dieser Artikel gewissermaßen Art about on street and public space – um eine englische Wortspielerei zu betreiben.

Hier könnte dieser Artikel enden.

Allerdings möchte ich ihn um eine Dimension erweitern, weil es fotografisch noch mehr auf dieser sozialen Landkarte zu sehen gibt und ein Thema neu (2015) hinzugekommen ist.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Dieses Foto ist im Hardtpark aufgenommen worden, ein paar Meter von dem vorherigen Foto entfernt. Es zeigt eine harmonische Grünlandschaft mit einem sauberen Mülleimer, der sauber besprüht ist, allerdings u.a. mit einem Nazisymbol, dem Hakenkreuz. Hier spiegelt sich aktuelle Politik wieder und u.a. auch die aktuellen sozialen Entwicklungen in Lennep.

Die soziale Landschaft von Lennep ist also mehrdimensional und Fotos können dokumentieren, was vor sich geht und was welche Reaktionen nach sich zieht. Architektur und soziale Interaktionen hängen zusammen aber die Gestaltung von öffentlichen Räumen und die Privatisierung von öffentlichen Flächen hat erhebliche Folgen und verändert, reduziert oder erweitert die sozialen Möglichkeiten.

Der Mentalitätswechsel in der Strassenfotografie und das neue Fototraining Streetphotography

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Straßenfotografie hat sich verändert.

  • Immer mehr Fotos und
  • immer mehr Möglichkeiten fotografiert zu werden und
  • immer mehr Kameras in immer mehr technischen Geräten
  • bei immer mehr Menschen,
  • die diese immer öfter öffentlich hochladen,

führten nun erstmals zu einer Gesetzesänderung in Deutschland.

Selbst bei spiegel.de schreibt man jetzt über dieses Thema.

Deshalb wurde ein neues Fototraining Streetphotography unter den Bedingungen von Datenschutz, Persönlichkeitsrechten und neuer Fotografie heute von mir entwickelt.

Dieses ist online und kostenlos. Es ist das neue Fototraining und Fotocoaching für Streetfotografie.

Diese Anleitung ist aus der Fotopraxis für die Fotopraxis. Sie beruht auf der Fineart-Streetphotography,  die für das 21. Jahrhundert entwickelt wurde (street21), um rechtssicherer und besser zu sehen und zu fotografieren.

Wer noch mehr will, der kann im Einzelfall zu dem Buch ein privates Fototraining erhalten.

Das neue Fototraining

Dabei wären Sie der Mittelpunkt in ihrem persönlichen Fototraining. Dabei werden die Grundlagen der Fineart-Streetphotography mit ihrer Kamera eingeübt. Wir trainieren vor Ort, überprüfen und üben und Sie erleben die neue feine Art der Straßenfotografie. Wir wandeln fotografisch dabei auf den Spuren von Henri Cartier-Bresson und gehen zusammen zu Fuß durch die Stadt, fahren vielleicht mit der Straßenbahn, beobachten, sitzen vielleicht auch mal im Cafe, werten aus und erleben die Welt der Strassenfotografie. Heute ist dieses Fototraining eher ein Fotocoaching, weil es neben der Fotopraxis auch eine Anleitung zum selbständigen Entdecken eigener Möglichkeiten ist.

Gönnen Sie sich einen besonderen Tag, der ihre Sicht auf die Welt verändern kann.

Der Tag ergibt sich im Ablauf und die erwartete Belohnung dafür liegt bei 175 Euro für die erste und 139 Euro für jede weitere angefangene Stunde.

Bei Interesse schicken Sie mir einfach eine Email an info@fotoausstellungen.com. Da es sich bei diesem Vorschlag um ein sehr privates und sehr persönliches Treffen zwischen Autor, Leser und Lebenszeit handelt, ist dies nur manchmal möglich.

Dieser Artikel dient nur der Information und ist kein gewerbliches Angebot.

 

Fotografische Spuren des mentalen Kapitalismus im öffentlichen Raum

Wissen Sie, was mentaler Kapitalismus ist?

Lesen Sie einfach diese kurzen Worte:

„Die Omnipräsenz der Werbung wäre keine, wenn die Präsentation sich nur in den technischen Medien breit machen würde. Besonders auffällig und erklärungsbedürftig ist aber, daß Erlebnisräume wie der öffentliche Stadtraum, die Gebietskulisse entlang der Verkehrsadern und immer mehr die freie Landschaft herangezogen werden. Diese Räume sind inbegrifflich öffentliche Güter. Erstens gehören sie – in ihrer Eigenschaft als erlebter Umraum und unwillkürlich erlebte Umgebung – allen. Zweitens sind sie öffentliche Güter in dem (terminologischen) Sinn, daß ihr individueller Genuß den anderen nichts wegnimmt. Der Stadtraum und die freie Landschaft haben diesen öffentlichen, kommunen Charakter auch dann, wenn die Häuser und Grundstücke in Privateigentum sind. Ihre Eigenschaft als öffentliche Güter ist, worum der ästhetische Umweltschutz – das Baugenehmigungswesen, der Denkmal- und Landschaftsschutz – sich kümmern. In eben dieser Eigenschaft werden die Räume nun privatisiert. Sie werden mit Schautafeln und Anlagen für den Blickfang gespickt, sie werden zu Medien für die Werbung umgestaltet. Für die Nutzung als Werbeträger wird teuer bezahlt – und zwar sowohl von denen, die Werbung treiben, als auch von denen, die unter der Verunstaltung leiden. Die Privatisierung der öffentlichen Erlebnisräume besteht darin, daß sowohl der Nutzen wie auch die Kosten der medialen Nutzung privat anfallen.“

Diese Worte sind von Georg Franck aus einem Vortrag in Lech im Jahre 2002.

Er ist Professor für digitale Methoden in Architektur und Raumplanung an der Universität Wien.

Stimmt das was Franck sagt?

Um das herauszufinden gehen wir doch mal nach Remscheid, der Kleinstadt auf dem Berge.

Vor zwanzig Jahren waren Plakate und Litfaßsäulen in Remscheid fast völlig verschwunden.

Und nun sind sie überall.

Werbung statt Wald, Beton statt Bäume.

Und deshalb will ich das erwähnen.

Denn der öffentliche Raum ist eigentlich der soziale Lebens- bzw. Erlebensraum für die Menschen. Dort soll es Parkanlagen, freie und schöne Anblicke, Treffpunkte, Rückzugsmöglichkeiten und vieles mehr geben. Denn die meisten Wohnungen sind weder als Treffpunkte noch als erholsamer Lebensraum geeignet. Daher ist der öffentliche Raum die Ausgleichs- und Kontaktfläche. Und dieser wird nun privatisiert funktionalisiert, fast schon systematisch ausgerottet.

Genau so wie von Georg Franck in seinem Vortrag aufgezeigt.

Eines der wesentlichen Merkmale des neuen öffentlichen Raumes in Remscheid sind dabei die Zumutungen für die Menschen, die unter dieser Verunstaltung leiden müssen.

Viele merken es nicht (mehr). Insofern können diese Sätze hier erhellend sein.

Besonders sichtbar wird dies im Bild Shrek.

Ich denke dabei eher an “Schreck lass nach.”

Es ist die absolute Manifestation dieser Situation.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Doch dies ist nur ein Beispiel.

Die Werbung durchdringt jeden Fleck, auch den Marktplatz.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Dies ist nun überall und an jeder Ecke.

Wo die Augen auch hinwandern, sie müssen diese Anblicke ertragen.

Der Anblick der Natur verschwindet. Natur wirkt unnatürlich und so tut man alles, um uns die Natur zu ersparen.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Mentale Zumutungen der Bewohner sind das Ergebnis, die Umgestaltung nach privatwirtschaftlichen Kriterien ist die Folge, so daß es weder Parks noch Rückzugsflächen noch verschönernde Anblicke im Stadtbild (welch ein Wort!) gibt.

Ich habe einige der Fotos ins Wupperartmuseum gestellt, weil sie Museumswert haben als gestaltete Elemente unserer Zeit.

Doch der mentale Kapitalismus ist schlau. Und als ob dies nicht schon Zumutung genug sei, hat man sich in Remscheid in Verwaltung und Politik entschlossen noch was drauf zu setzen.

Man hat tatsächlich ein Nazisymbol genommen und macht damit nun auch noch systematisch und an visuell wichtigen Ecken Werbung.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

So schlägt die Wirklichkeit jede Phantasie und die Satire ergibt sich von selbst. Man muß nur aufschreiben, was man sieht.

Übrigens – nichts gegen Werbung.

Aber hier und so nicht!