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Artikel 501

Foto und Motiv: Michael Mahlke

Foto und Motiv: Michael Mahlke

„Denn ich habe mich u.a. auch gefragt, wieso ich stundenlang vor schlechten Fotos aus irgendwelchen Handys oder Smartphones sitzen soll, die jemand irgendwo aufgenommen hat. Durch digitale Filter wird das nicht besser. Und es lohnt sich nicht, weil man dafür kein Geld erhält und das Betrachten dieser Fotos in der Regel sinnlos ist.

Sinn macht es, individuelle Arbeiten mit Charakter, Schwierigkeiten und Unfertigkeiten anzuschauen. Das Bemühte und Unfertige ist das eigentlich Spannende. Nicht das abgeglättete Werk. Das ist bei Menschen wie im Film. Glatte Filme unterhalten, Filme mit Kanten bringen Leben. Sprache ist ja immer schwierig. Ich meine mit unfertig nicht schlecht sondern Fotos, die auf ihre Art etwas festhalten konnten, was sonst nie dokumentiert worden wäre. Ich habe zum Beispiel oft nur eine kleine Kamera dabei gehabt und musste damit arbeiten. Das hatte technische und situative Probleme zur Folge. Aber es war oft der einzig mögliche Weg.“

Das schrieb ich 2012, jetzt haben wir 2016.

Unbeachtet und vergessen oder warum 90 Prozent der Wirklichkeit nicht fotografiert werden

Der Blick auf die Erinnerung - Foto: Michael Mahlke

Der Blick auf die Erinnerung – Foto: Michael Mahlke

Philip Blenkinsop hat darauf hingewiesen, daß Fotografen nicht zu den Wurzeln der Wirklichkeit gehen, wenn sie damit kein Geld verdienen können. Umgekehrt gehen sie dorthin wo sie Geld verdienen, in seinen Worten: „Photographer do not go to the sources, they look what can be sold.“

Einen anderen Aspekt für die blinden Flecke in der Dokumentarfotografie hat Stephen Mayes genannt: „Ein bedeutender Teil der Realität bleibt auf der Strecke. Vermutlich sind Konventionen der Grund.“

Und er nennt ein Beispiel: „Dennoch glaube ich, dass es viele unwichtige Themen gibt, die enorm überrepräsentiert sind. Ein Beispiel war das Thema Drogen. Es gibt ein unglaubliches Problem der Drogensucht in der Mittelklasse in  Nordamerika und Europa. Doch darüber wird nicht berichtet. Berichtet wird über arme Drogensüchtige. Als ob Drogengebrauch ein Thema der Armen, der verelendeten Gegenden ist.“ (in photonews 4/12).

Und damit kommen wir zum digitalen Paradoxon. Es entstehen immer mehr Fotos von immer weniger Themen. Was mir bei meinen Streifzügen durch die digitale Welt aufgefallen ist, hat Stephen Mayes, Geschäftsführer eine Agentur für „Konfliktfotografie“, auf die Formel gebracht, dass 90 Prozent der Nachrichten sich mit 10 Prozent der Welt beschäftigen.

Die Fotografin Isolde Ohlbaum äußerte sich in einem Interview bei stern.de zum Thema Fotografie folgendermassen:

„Würden Sie Bauarbeiter fotografieren?

Das könnte ganz reizvoll sein. Die haben ja zum Teil interessante Gesichter. Oft sehen sie gar nicht aus wie Bauarbeiter. Auch bei der Müllabfuhr finden sich manchmal überraschende Männer.

Müllmann-Porträts von Ohlbaum. Spannend.

Auch Toilettenfrauen!

Würden Sie das machen: Einen Band über Klofrauen?

Warum nicht! Aber wer will das kaufen?“

Diese drei erfahrenen Fotografinnen und Fotografen haben uns erklärt, warum die Namenlosen und Unsichtbaren keine Aufmerksamkeit erfahren.

Es geht um´s Geld.

Das war in England und den USA einmal anders.

Das ist auch anders als bei NGO´s weil es hier um die eigene Gesellschaft geht.

Für das Thema Armut ist das sogar untersucht und dokumentiert.

Lena Mann und Jana Tosch schreiben dazu: „Je näher Armut dem westlich-weiß dominierten Kulturkreis rückt, desto unsichtbarer wird sie.“

Weil es um´s Geld geht wird Armut nicht fotografiert. Denn das würde ja Geld kosten und dazu führen, daß es ein Thema wird und vielleicht für die Abschaffung der Armut Geld ausgegeben werden müßte!!!!?!

Aber wenn man etwas verändern will für die Menschen, um diese Ungerechtigkeit zu reduzieren und mehr Stabilität in die Demokratie zu bringen, dann müßte genau dafür Geld eingesetzt werden.

Aber wer will schon die Demokratie stärken und die Gesichter der Menschen sehen, die nicht reich und schön sind oder sich entblößen? Da sind wir bei den Konventionen.

Die Fotografie kann dies ändern und heute ist sie das mächtigste Werkzeug um etwas zu ändern, weil die Bilder das Bewußtsein schaffen können – nicht allein und dauerhaft aber immer wieder.

Wenn man das zu Ende denkt, dann lande ich bei Dieter Hacker und Susan Sontag:

Dieter Hacker sagt:

„Befreit davon, Waren produzieren zu müssen wie der Profi, hat der Amateur die Chance, durch seine Arbeit zu wichtigen Einsichten zu kommen und sie, unberührt von den Interessen professioneller Multiplikatoren vermitteln zu können. Was dem Berufskünstler kaum gelingt, nämlich die Realisation seiner Intentionen; was ihm deshalb nicht gelingt, weil sich aus dem wahren Charakter des Kunstwerkes Zwänge ergeben, denen er sich schwer entziehen kann, ist für den Amateur kein Problem, denn er muß von seiner Amateurarbeit nicht leben.

Amateurarbeit, die sich von ihrer Fixierung an die Arbeit der Profis befreit, könnte eine Ahnung davon vermitteln, was nicht entfremdete Arbeit ist und so eine wichtige Utopiefunktion erfüllen. Nicht vergessen: die Revolution ist die Arbeit von Amateuren.“

Und Susan Sontag schreibt:

„Das hätte zur Folge, daß die Theorie der Fotografie sich zur eigentlichen Gesellschaftstheorie ausbreiten muß.“

 

Zwischen Anti-Fotografie und Radical Art

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Ich bin etwas hin- und hergerissen, weil es so viele Begriffe gibt. Aber ich will es versuchen.

Vor fünf Jahren schrieb ich über Anti-Landschaften und die neue Naturfotografie. Neu war dabei vor allem, daß nicht nur die schönen Seiten aufgenommen wurden sondern die neue Wirklichkeit, also die unbeachteten und ausgeblendeten Teile unserer Wirklichkeit im Raum. Aber es ging seitdem ja weiter.

Die bekanntesten Namen heute sind sicherlich Edward Burtynsky, Sebastiao Salgado und Nick Brandt.

Hinzu kommen viele andere, die ich nicht kenne und einige, die ich kenne wie John Ganis oder Camilo José Vergara.

Bei ihnen sieht man die Ergebnisse menschlichen Handelns.

Die Menschen selbst mit ihrem Handeln sieht man eher auf anderen Fotografien.

Jenseits der Nachrichten ist sicherlich Martin Parr mit seiner Art die Dinge zu sehen der bekannteste Fotograf, der die Menschen in der Konkretheit des Konsums und des Sozialen bis in die gelebte Absurdität zeigt.

Aber er steht hier stellvertretend für viele andere Namen, von denen einige auf diesem Blog schon genannt wurden.

Es sind thematische Blicke, die zugleich auch Botschaften sind, auch kritische Botschaften.

Und sie haben auch eine Funktion in der neuen visuellen Kommunikation, wobei die Erzeuger der Fotos dies vielleicht nicht immer so sehen. Das weiß ich aber nicht.

Unter dem Gesichtspunkt der Zuordnung in soziale Zusammenhänge sind es oft Fotos, die sich zwischen dem Anti-Fotojournalismus und dem alternativen Gebrauch der Dokumentarfotografie bewegen.

Sie versuchen eben auch die vorhandenen Bilderwelten unseres Kommunikations- und Denksystems zu relativieren. Sie sind konkret im kommunikativen Zusammenhang.

Das geht umgekehrt bis zur radikalen Kunst, radical art, die heute Lebensverarbeitung durch (z.B. visuelle) Einmischung in extremen Zusammenhängen ist.

Was kann man darunter verstehen?

Andrew Wilson hat dies in einem Essay zum Thema “Radical Art Practices in London in the Seventies” so ausgedrückt:

“Viele Künstler identifizierten sich in diesem Zeitraum aktiv mit dem Klassenkampf und den Arbeiterrechten. Hierin spiegelt sich der Übergang von einer Kunst, welche den Zustand der Kunst hinterfragte, zu einer Kunst, welche die Rolle der Kunst innerhalb einer Gesellschaft infrage stellte und schließlich zur Inkraftsetzung einer Kunst führen sollte, die für eine solche Identifikation stehen sollte und mit ihr arbeiten sollte.”

Es ging darum, fotografische Bilder auf eine Weise zu präsentieren, welche die Strukturen der orthodoxen Kultur entlarven und in Frage stellen sollte, um so auch ihre Kodierungen und ideologische Basis zu demontieren.”

Damit ist der Rahmen für radical art bzw. radikale Kunstpraxis klar, so wie sie in den 70er Jahren verstanden wurde.

Man wollte die Menschen dazu bringen, durch Hinterfragen zu fragen und durch kritisches Denken zum Mitmachen und zu sozialen Veränderungen zu kommen mit dem Ziel, bessere soziale Verhältnisse zu bekommen.

Aber Aufklärung allein reicht nicht, ist aber unerläßliche Voraussetzung für Veränderungen.

Und Aufklärung mit Hilfe von konkreten Fotos ist wichtig in anonymen Zeiten.

Denn Geld führt, egal in welcher Religion und in welcher Region.

Neue Blicke und neue Bilder in aktuellen Zusammenhängen sind entscheidend.

Dies kann sehr unterschiedlich sein

  • mit Themen wie Öl oder Wasser (Edward Burtynsky, Allen Sekula),
  • mit einer Region oder einen Kontinent imWandel (Nick Brandt),
  • mit dem Blick auf die Welt (Sebastiao Salgado)

Es können aber auch andere Themen sein, die die Konkretheit des menschlichen Lebens und des Sozialen und Asozialen heute dokumentieren so wie hier oder hier.

Und es muß nicht nur das Große sein, es kann auch das Kleine gezeigt werden so wie auf diesem Foto:

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Entscheidend ist das Einbringen und das Zeigen.

Aber es wird nicht reichen, Fotos ohne Lösung anzubieten sondern diese müssen lösungsorientiert in die soziale Kommunikation eingebracht werden (genau das versucht gerade dieser Artikel).

Anti-Blicke sind dabei die Voraussetzung für neue Blicke.

Dazu kann die Fotografie beitragen.

Also los!

Am Anfang war das Wort – Fotografie heute zwischen Plato, Sontag und mir

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Wir sind noch in Platos Höhle: „Die Höhle versinnbildlicht die Welt, die sich den Sinnen darbietet, die normale Umgebung des Menschen, die man gewohnheitsmäßig mit der Gesamtheit des Existierenden gleichsetzt. Der Aufstieg ans Tageslicht entspricht dem Aufstieg der Seele von der Welt der vergänglichen Sinnesobjekte zur „geistigen Stätte“, der intelligiblen Welt, in der sich das nur geistig Erfassbare befindet.“

Davon war auch Susan Sontag fest überzeugt. Evidenz reicht nicht (Evidenz bezeichnet das dem Augenschein nach unbezweifelbar Erkennbare).

Industriekultur und Fotografie oder wie Susan Sontag zu Leica kam

Wer Fotografie über Texte entdeckt hat schon Vorstellungen von Bildern in seinem Kopf und auch, welche er wo und wann und wie noch erstellen will.

„Reisen wird zu einer Strategie, die darauf abzielt, möglichst viele Fotos zu machen. Allein schon das Hantieren mit der Kamera ist beruhigend und mildert das Gefühl der Desorientierung, das durch Reisen oft verschärft wird… Nicht wissend, wie sie sonst reagieren sollten, machen sie eine Aufnahme. So wird Erfahrung in eine feste Form gebracht… Diese Methode kommt insbesondere jenen Touristen entgegen, die zu Hause einer erbarmungslosen Arbeitsehtik unterworfen sind – den Deutschen, Japanern, Amerikanern. Die Handhabung einer Kamera dämpft die innere Unruhe, die ständig unter Streß arbeitende Menschen empfinden, wenn sie Urlaub machen und sich nur amüsieren wollen.“

Diese Sätze stammen aus In Platos Höhle von Susan Sontag.

Da steckt viel drin. Wenn wir mit der Reisefotografie beginnen, dann wissen wir nun, daß die Kameraindustrie sich keine Sorgen machen muß, solange es verreisen gibt. Denn es werden nicht nur Smartphones gekauft werden sondern auch die Kameras mit den Knöpfen und Drehrädern. Wer aus einer Industriekultur kommt, der ist mit Mechanik aufgewachsen. Er fühlt sich dann bei den Kameras wohl, die auch so eine Mechanik haben. So wird die eigene Kultur immer mitgenommen, wenn man unterwegs ist.

Sobald die Mechanik aber durch das Display ersetzt wird, sieht die Sache langsam etwas anders aus.

Die Kameras haben aber auch eine psychologische Funktion: sie sind die Methode der Begegnung und der Distanz. Solange das Objektiv dazwischen ist und ich meine eigene Kamera habe, ist die Distanz da, die ich für meine Sicherheit brauche.

Wer immer funktionieren muß, will auch eine Kamera, die immer funktioniert.

Damit ist aber noch lange nicht Schluß.

Sontag beschreibt dann eine Anzeige mit einer Gruppe von Menschen, die alle unruhig sind bis auf eine Person – die fotografiert. „Dieser hält eine Kamera ans Auge; er macht einen selbstsicheren Eindruck und scheint fast zu lächeln….Der Text der Anzeige … besteht lediglich aus sechs Worten: Prag … Woodstock … Vietnam …Saporro … Londonderry … LEICA. … Kolonialkriege und Wintersport werden von der Kamera gleichgesetzt. Das Fotografieren hat eine chronisch voyeuristische Beziehung zur Welt geschaffen, die die Bedeutung aller Ereignisse einebnet. Eine Fotografie ist nicht nur das Ergebnis der Begegnung zwischen einem Ereignis und einem Fotografen. Eine Aufnahme zu machen ,  ist selbst schon ein Ereignis, und zwar eines, das immer mehr gebieterische Rechte verleiht… Es bedeutet, im Komplott mit allem zu sein“ was ein Objekt interessant macht, …auch mit dem Leid und Unglück eines anderen Menschen.“

So symbolisiert Leica die Umsetzung der Industriekultur in die Kamera.

Wenn Kameras Ausdruck der Arbeitswelt sind, dann erfordert eine Veränderung in der Arbeitswelt veränderte Kameras.

Stimmt.

Je mehr Büroarbeitsplätze mit Monitoren, Tablets und Smartphones, desto mehr Kameras mit Monitoren, Touchdisplay etc.

Aber es gibt nicht nur eine Wahrheit sondern die Wahrheit ist, es gibt viele Wirklichkeiten.

Und Industriekultur ist männlich.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Aber wir sind ja auf dem Weg in die nachindustrielle Gesellschaft.

Was kommt fotografisch danach ist dann die logische Frage?

Die weibliche Seite.

Die weibliche Seite zeigt sich immer mehr, seitdem es digitale Zeiten gibt.

Frauen nutzen immer mehr Digitalkameras. Aber Frauen nutzen vor allem auch Smartphones mit Digitalkameras.

Und Frauen aus anderen Ländenr und Kulturen scheinen oft in der extensiven Nutzung nach meinen Beobachtungen sogar schon weiter oder noch weiter zu sein. Mir scheint es oft, als ob sie mit den Smartphones Tag und Nacht kommunizieren.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Es geht dabei fast nie um den entscheidenden Moment und fast immer um visuelle Kommunikation. Viele Fotos sind nach der Kommunikation schon nutzlos. Und die Kommunikation findet mit den Fotos über whatsapp statt, weil man glaubt, dort unter sich zu sein.

Zumindest sind dies meine Erfahrungen mit Frauen aus der Mitte des Lebens.

Je jünger desto mehr Facebook stelle ich in meinem Umfeld fest.

Es geht also darum, Fotos direkt in die Kommunikation einzubringen. Entscheidend ist die Funktion und daher funktioniert dies natürlich auch alles nur mit Handys und Smartphones.

Eine dicke Kamera ist absolut nichts für die tägliche Kommunikation unterwegs.

Unsere Zeit ist weiblicher und dies wirkt sich auch auf das Fotografieren aus.

Sobald aber das Smartphone nicht reicht, werden die Wünsche differenzierter. Und da ist dann die Frage zu stellen, was brauche ich noch mehr? Insofern sind die Kamerahersteller schon auf dem richtigen Weg. Aber die Marktanteile verteilen sich neu auf einem neuen Markt mit neuen Möglichkeiten. Einige sind noch gar nicht richtig da, andere schon.

Und so ist dies alles nicht nur faszinierend sondern auch erfrischend spannend.

Denn es zeigt sich, es ist noch nicht vorbei mit der Fotografie – ganz im Gegenteil.

 

Warum die Fotografie der entscheidende Schlüssel ist, um die Gegenwart zu verstehen oder wenn aus Bildern Wirklichkeit wird

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Bilder/Fotos können Waffen sein – so wie hier oberhalb zu sehen.

Das ist eine Funktion von Fotos in sozialen Zusammenhängen. Das ist aber längst nicht alles.

Manchmal ist der Blick einige Jahre zurück gut, um die aktuelle Situation klarer zu sehen. Es hat sich ja nichts geändert. Alle Konflikte von damals sind noch da. Der menschliche Charakter ist geblieben.

Und mit diesem Wissen sind wir technisch nun im digitalen Zeitalter angekommen.

Da wissen wir schon was uns blüht. Es ist schon überall zu sehen.

Und wir sind weiter mitten in der Ideologie des Kapitalismus, die die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer macht.

Was hat das mit Fotografie zu tun?

Sehr viel und die Realität dieser Zeit wurde schon viel früher beschrieben von Basin, Anders, Kracauer bis Sontag. Susan Sontag schrieb darüber in den 70er Jahren. Seitdem hat sich für die meisten Menschen sozial das Leben verschlechtert. Aber sie merken es kaum und reagieren nicht real, weil sie aufgewachsen sind in einer Welt, die eine Wirklichkeit jenseits der Wirklichkeit kreiert.

Eine kapitalistische Gesellschaft (nicht zu verwechseln mit Demokratie) braucht eine Kultur, die auf Bildern beruht. Diese Bilder sind erforderlich, um ununterbrochen zu unterhalten und das Kaufverhalten zu beeinflussen und zu stimulieren. Kameras definieren Wirklichkeit auf zweierlei Art, als Spektakel für die Massen und als Herrschaftsinstrument für die Führer.

Die letzten drei Sätze sind sinngemäß von Susan Sontag und dann kommt noch ein Satz danach:

„Social change is replaced by a change of images.“

Sozialer Wechsel wird ersetzt durch einen Bilderwechsel.

Biologisch betrachtet ist alles wahr, was unser Hirn „wahr“-nimmt. Also ist der Film so real wie die Realität. Wenn wir dann Herzklopfen kriegen oder weinen hat es damit zu tun, daß wir nicht unterscheiden können zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Die Fiktion ist in diesem Augenblick unsere Wirklichkeit.

Die Fotos/Bilder werden damit zu einem aktuellen Bestandteil unserer momentanen Identität und führen dazu, daß sie uns bewußt/unbewußt auch lenken.

Es geschieht überall.

Hier ist mein aktueller Aha-Moment. So habe ich das früher nicht erlebt und gesehen. Weil ich mit dieser Bilderwelt schon aufgewachsen bin, war diese Welt und damit die von anderen für mich kreierte Bilderwelt als Wirklichkeit meine „echte“ Wirklichkeit. Kritischer Umgang mit Medien setzte darauf auf und nicht davor an.

Nun blicke ich weiter und Sie können das auch.  Gehen Sie einfach mal ein paar Tage dorthin, wo es fast keine Bilder gibt. Das flache Land mit Wäldern bietet sich an. Kein Fernsehen, kein Buch, kein Supermarkt, kein Dorf und kein Handy. Und nach einer Woche werden sie merken, was ich meine.

Wenn Ihnen dieser Zusammenhang klar ist, dann verstehen Sie sicherlich auch den nächsten Gedanken:

„Die überkommene Vorstellung der Wirksamkeit von Bildern setzt voraus, daß Bilder die Eigenschaften der realen Gegenstände besitzen. Wir indessen neigen dazu, den realen Gegenständen die Qualitäten eines Bildes zuzuschreiben.“

Das schrieb Susan Sontag und die Herausgeber  des Buches Theorie der Fotografie Kemp/v. Amelunxen fassen dann den weiteren Gedankengang so zusammen:

„Die Bilder hätten den Spieß gegenüber der Realität umgedreht, aus Nachbildern seien Vorbilder geworden. Das hätte zur Folge, daß die Theorie der Fotografie sich zur eigentlichen Gesellschaftstheorie ausbreiten muß.“

Damit ist die Fotografie der entscheidende Schlüssel, um die Gegenwart in Theorie und Praxis zu verstehen.

Das ist doch gar nicht so schwierig. Natürlich gab es bald schon andere Theoretiker die wie Roland Barthes versuchten, „Fotografie aus ihrem vereinzelten Produkt und ihren kleinsten Details zu verstehen.“

Und nun raten Sie mal, was an den meisten Universitäten heute als Dissertationsthema erforscht wird?

Richtig, es ist der Ansatz von Roland Barthes, weil dies ja keine Gesellschaftskritik beinhaltet sondern eher der akademischen weltfremden Erbauung dient (ist polemisch von mir und auch so gemeint).

Fotografie als Waffe und die Waffen der Fotografie werden so gut wie gar nicht behandelt.

Und die Fotografie als Herrschaftsinstrument der Mächtigen wird eigentlich überhaupt nicht untersucht. Die Stiftungen der Mächtigen würden dafür wohl ebenso wenig Geld geben wie die staatlichen Einrichtungen.

Es gibt Ansätze aus privater Feder und privater Kamera, aber es ist eben alles ohne Geld und nur mit viel Verstand.

Heute werden Probleme und Lösungen über die Medien mit gesteuerten Bildern in die Köpfe transportiert.

Was nicht in den Bildern ist, ist nicht in den Köpfen und kann auch keine sozialen Gemeinsamkeiten wachsen lassen.

So verschwindet sogar Klassenbewußtsein oder Zusammengehörigkeitsbewußtsein und natürlich auch Bewußtsein für Demokratie und es wächst kein Veränderungswille gegen unwürdige Verhältnisse. Erst wenn viele Bilder in den Medien zu sehen sind auf denen Menschen sich wehren, kann wiederum etwas entstehen.

Ich möchte Sie zum Schluß noch einmal auf das Artikelfoto hinweisen.

Das Elend anderer betrachten, um Geld zu spenden, ist das Thema dieser Kampagne mit dem Titel „Trostlos“.

Sie sollen durch das kleine Kind im Elend dazu gebracht werden zu spenden. Dieses Foto ist ab dem Zeitpunkt der Betrachtung in ihrem Kopf. Das Foto ist auf dem Weg an dieser Stelle übermächtig groß für Fußgänger und Autofahrer zu sehen.

Und es wirkt ja. Aber es ist natürlich mehr. Es zeigt Machtverhältnisse.

Hätten die zehn reichsten Familien Deutschlands nur 1 Prozent ihres Vermögens oder 100 Prozent ihres Vermögenszuwachses gespendet, wären solche Kampagnen, um an das Geld der kleinen Leute zu kommen, überhaupt nicht nötig, zumal die Steuergesetzgebung sie ohnehin privilegiert.

Die Welt ist anders.

Und so möchte ich noch einmal zum Schluß den Gedanken wiederholen, den Susan Sontag als letzte einer Kette in die heute noch aktuellen Worte gefaßt hat: „Das hätte zur Folge, daß die Theorie der Fotografie sich zur eigentlichen Gesellschaftstheorie ausbreiten muß.“

 

Das Fotobuch und seine Bedeutung in der Dokumentarfotografie

Michael Mahlke Fotobücher

Michael Mahlke Fotobücher

Einige Erfahrungen online und offline

Nun schreibe ich über zehn Jahre digital über Dokumentarfotografie.

Da lohnt sich für mich die Frage, welche Rolle dabei Fotobücher gespielt haben?

Denn in digitalen Zeiten sind viele Fotos ja auf Webseiten zu finden – sollte man meinen.

Aber da fängt es schon an.

Charleroi in Belgien und Remscheid im Bergischen Land

charleroi

Es ist sehr schwer auf Bücher aufmerksam zu werden, die hier nicht auf dem Buchmarkt zu finden sind.

Daher bin ich Peter Lindhorst sehr dankbar, daß er das Buch Charleroi von Stephan Vanfleteren rezensiert hat.

Es war ihm offenkundig eine Herzensangelegenheit.

Das Buch hat einen niederländischen und einen französischen Text.

Es ist also für Deutsche mit Englischkenntnissen so gut wie unerreichbar.

Um so schöner war es, das Buch und den Fotografen Stephan Vanfleteren von Peter Lindhorst in dieser Form in deutscher Sprache vorgestellt zu bekommen.

Die Fotos, die auch in einer Ausstellung in Charleroi zu sehen waren, sprachen mich sofort an.

Eine sterbende Industriestadt, Menschen mit ihrer Lebenszeit darin und dann auch noch monochrome Fotos in digitalen Zeiten.

Ich mußte über vier Wochen warten, aber es gelang mir über buecher.de unkompliziert das Buch zu bestellen. Woanders war es nicht zu finden.

Und ich bin von dem Buch sehr angetan.

Denn es ist eine sehr persönliche Sicht und es ist vor allem ein Buch, das zeigt, wie interessant auch heute monochrome Fotos sein können.

Rein technisch betrachtet gibt es in dem Buch verwackelte Fotos, sehr scharfe Fotos, sehr grobkörnige Fotos und sehr detaillierte Fotos. In der Kombination in einem Buch wird daraus ein Streifzug durch eine Stadt mit ihren Menschen und den Lebensmomenten und jedes Foto in jeder technischen Ausprägung erzählt eine eigene Geschichte.

Dieses Buch erinnert mich an meine Stadtansichten von Remscheid und dem Wupperdreieck, weil es auch so persönlich ist.

Es hat bei mir aber noch mehr bewegt.

Es ist für mich der Anlaß geworden, aktuell verstärkt zur monochromen Fotografie zurückzukehren.

Ich bin immer hin- und hergerissen zwischen bunt und monochrom, weil jedes Foto anders ist und manche eben nur in Farbe und manche nur in Schwarzweiß richtig wirken.

Die soziale Realität im Blick und Fotos, die die Menschen ehrlich und doch nicht bloßstellend sondern mit ihrer Seele zeigen, das ist es, was mich immer wieder antreibt.

Diese Art der Dokumentarfotografie setzt den Namenlosen ein Denkmal und zeigt der Umwelt das, was sie nicht immer sehen wollen aber sehen sollen.

Vielleicht spüre ich in dem Buch von Stephan Vanfleteren so etwas wie eine Seelenverwandtschaft an dieser Stelle.

Ich weiß es nicht aber ich weiß, daß ich so etwas bei diesem Buch spüre.

Das Buch ist auch buchbinderisch eine Augenweide und von unglaublicher Qualität.

Der Preis von 35 Euro (ohne Porto 24,95 €) macht es auch für die Bewohner des Ortes erschwinglich.

Charleroi und diese Art der Fotografie ist ein Thema, das man mögen muß. Denn es sind Aufnahmen aus der Wirklichkeit im Längsschnitt.

Und es ist dokumentierende Fotografie und irgendwie auch sozialdokumentarische Fotografie.

Es geht hier um den öffentlichen Raum in Charleroi und die Menschen auf der Straße mitten in ihrem Leben. Da sieht man dann erstaunliche Parallelen zwischen kaputten Straßen und vom Leben benutzten Menschen, die aber ihre Seele aus den Augen schimmern lassen und da sprüht manche Lebensfreude.

Vanfleteren hat auch eine besondere Art zu fotografieren. Er schneidet oft ein Bild so ab, daß manche Einzelteile wie z.B. eine Hand auf einer Schulter mehr aussagen als es ein Foto mit der gesamten Person aussagen könnte.

Die Hand spricht und ihre Geste sagt noch viel mehr.

Das Buch ist Persönlich, Poetisch und (für mich auch) Politisch.

Denn es zeigt die Folgen einer Industriekultur und den sozialen und asozialen Zusammenhang von Maschinen und Menschen: Stolz und Würde, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Leben, Armut und Ende und die Sichtbarkeit im öffentlichen Raum.

Ich finde das Buch großartig.

Der Flair des Fotojournalismus gestern und heute

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Warum reizt der Fotojournalismus bis heute? Was hat er, was andere Tätigkeiten nicht haben?

Vielleicht ist es das Dabeisein als Privileg.

Oder es ist das Image der Fotojournalisten.

Fangen sie noch die Fotos ein, die die Welt braucht und noch nie gesehen hat?

Spuren im Sand oder das Verschwinden sozialer Landschaften

Das einzig Beständige ist der Wandel. Menschsein bedeutet sich ununterbrochen auf die Lebendigkeit einzustellen und zugleich zu versuchen, Elemente der Beständigkeit im eigenen Verhalten durch Regeln, Rhythmen und Routine zu leben, um damit zurechtzukommen. Das ist übrigens die Anpassung an die uns umgebende Natur, die ebenfalls in Rhythmen lebt. Wir sind eben ein Teil davon und stehen nicht über ihr.

Daraus ergibt sich folgendes:

  • Wiederholungen von Handlungen und
  • vorhandene Menschen mit ihrem Verhalten im öffentlichen Raum

sind bei einer sozialen Landkarte das, was man vorfindet im Raum und in der Zeit, die man selbst wahrnimmt.

Und Bedeutung erlangen die Dinge dann, wenn man sich daran erinnert.

handinhand

Ich möchte dies mit diesem Foto mitten aus dem Leben verdeutlichen.

Was sehen Sie auf dem Foto?

Sie sehen ein Paar, das sich an der Hand hält. Aus der Kleidung und daraus, daß Mann und Frau sich so verhalten, können Sie erkennen, aus welcher Kultur und Zivilisation das Paar stammt.

Das Foto zeigt Mann und Frau in einem abendländischen Zusammenhang. Ihre Geste ist ebenso eindeutig, aber nur in unserem Kulturkreis verstehbar.

Hier enden die Informationen, die direkt dem Foto entnehmbar sind.

Nun erzähle ich mehr.

Dieses Paar fuhr fast täglich mit dem Bus und lief auf dem Rückweg immer diese Straße entlang. Jeder, der tagsüber dort war, sah sie irgendwann. Sie lebten sehr intensiv miteinander im öffentlichen Raum.

Wenn man die Straße entlang ging oder mit dem Bus fuhr, dann erinnerte man sich immer an das Ehepaar. Sie gehörten also zu dem Raum dort und waren Bestandteil des eigenen sozialen Gedächtnisses und der sozialen Landschaft, die in dieser geografischen Landschaft im öffentlichen Raum vorhanden war.

Und dann verstarb eine Person. Plötzlich waren sie nicht mehr Teil der sozialen Landschaft.

So verschwindet das Gesicht der sozialen Landschaft, die mich umgibt und wird anders. Das ist bei allen Menschen so und damit ein Teil des Menschseins. Aber jeder hat dabei seine eigene soziale Landschaft.

Das Foto bleibt, aber es hat ohne zusätzliche Informationen keinerlei Bedeutung.

Diese Bedeutung muß ich dem Foto geben, weil es meine soziale Landschaft ist.

Nur durch das Aufschreiben wird dieser kleine Teil dauerhaft über mich selbst hinaus dokumentiert. Denn die soziale Landschaft hat sich schon wieder verändert, andere sehen anderes, und das hier ist vorbei.

Und meine soziale Landschaft endet mit meinem Ende.

Ich entscheide allein, ob ich dies als Teil meiner wahrgenommenen sozialen Landschaft sehe und speichere. So dokumentieren sich Zustände der eigenen Existenz im wahrgenommenen Umfeld.

Niemand außer mir wird sich jemals (wahrscheinlich) für dieses Foto interessieren. Aber durch diesen Artikel möchte ich daran erinnern und zeigen, was soziale Landschaft ausmacht. Gebäude und Ruinen sind tot ohne Erinnerungen an das soziale Leben. Daher ist die fotografische Abbildung der Stadtlandschaft das Eine und die Abbildung der sozialen Landschaft der eigenen Zeit das Andere.

Es sind die Spuren im Sand, die wir sehen bis zur nächsten Welle, die uns mitnimmt.

Aber sie können im zeitlichen Verlauf betrachtet dann doch wiederum sehr viel aussagen und deshalb ist es gut, daß es die Fotografie und die Schrift gibt.

So entsteht ein Mosaik der sozialen Landschaft wie ich sie sehe und erlebt habe.

Ich gehe sogar so weit zu sagen, daß außerhalb eines konstruierten Films, der eine soziale Landschaft verdichten kann, die Fotografie die Voraussetzung für die Dokumentation sozialer Landschaften ist in einer Zeit der absoluten Unbeständigkeit – natürlich nur fragmentarisch aber so, daß daraus ein Bild rekonstruierbar wäre, das über die Wahrnehmung des Einzelnen hinausgeht.

Und das ist wiederum sehr interessant – zumindest finde ich das, wenn ich solche Fotos betrachte.

Zugleich ist es dokumentierte Gegenwart, die zur Geschichte geworden ist.

Die Geschichte des Alltags und der eigenen Lebenszeit im öffentlichen Raum.

So gibt man dem Augenblick Dauer aber nicht unbedingt eine Bedeutung über sich selbst hinaus.

Es kann aber gelingen, sich durch diese Art des Fotografierens selbst zu positionieren.

Und das kann im besten Fall zu einem neuen Verhältnis zur Wirklichkeit führen…