Artikel & Essays

Projekt beendet oder warum es Sinn macht, etwas Neues anzufangen

Dieser Blog mit Namen Streetlens.de bzw. dokumentarfotografie.info ist wie Frontlens.de und Artlens.de ein Teil von Fotomonat.de.

Fotomonat ist als Projekt in der Deutschen Nationalbibliothek gespeichert, weil ich knapp zehn Jahre

  • die mediale
  • und universitäre
  • und reale Debatte und Umsetzung

des Themas Dokumentarfotografie

  • in neuen Medien
  • und in Fotobüchern
  • mit meinem Blick

aktuell bearbeitet habe und zugleich dies alles in die historischen Entwicklungen eingebettet habe, die ich wiederum oft erstmals aus dem englischen Sprachraum in die deutsche Welt holte.

Hinzu kamen daraus abgeleitet oder als Teil davon eigene Projekte als Historiker, Sozialwissenschaftler, Publizist und Fotograf.

Aber die digitale Welt ist anders.

Der ursprüngliche Sinn des Internets war u.a. die Verlinkung auf Texte an anderen Stellen, um gemeinsam Wissen zu erweitern. Und so habe ich viel verlinkt und merkte eines Tages, daß die Verlinkungen verschwunden sind. Daraufhin zitierte ich wesentlich mehr aus den verlinkten Texten, damit wenigstens etwas erhalten bleibt.

Das war gut so, weil meine Blogs hier insgesamt ein unerreichtes Wissen um die Dokumentarfotografie in deutscher Sprache in diesem zeitlichen und aktuellen Zusammenhang zeigen und ich glaube, es gibt so gut wie nichts Vergleichbares für diesen Rahmen.

Aber wie das so ist.

Immer mehr Verlinkungen verschwinden oder werden sogar umgelenkt auf kommerzielle andere Inhalte. Das geschieht dann wohl bewußt und ist link.

Das kann ich gar nicht nacharbeiten und würde auch die authentische Struktur meiner Artikel und der damaligen Wissensbasis zerstören. Es gibt ja kein neues und besseres Wissen zu vielen meiner Themen sondern nur neue Themen.

Daher halte ich es für sinnvoll, wenn ich diese Blogs in dieser Form beende und als Dokumentation von Themen und der Jahre von 2007 bis 2017 zum Thema Dokumentarfotografie nutze.

Denn es beginnt real und digital eine neue Zeit.

Industrielle Zone von Dolf Toussaint

Dolf Toussaint

Der Anfang ist das Ende.

Als Dolf Toussaint 1983 die sterbenden Industriegebiete in Nordfrankreich, Südost Belgien und im Ruhrgebiet fotografierte, zeigte er die damalige Alltagskultur ungeschminkt und im Zusammenhang. Er hatte offenbar Weitblick und sah, was geschehen würde. Ein guter Essay von  Martin Schouten rundet das Buch ab.

Ob es Zufall ist, daß genau in diesen Regionen heute vielfach massive soziale Verwerfungen und Probleme dominieren und dort viele ohne Hoffnung ausharren und beginnen sich zu empören?

Im Buch wird zwischen den drei Industriegebieten nicht getrennt und deshalb weiß man auch nie, wo man ist.

Dies zeigt wie die Funktionalität der Industriegesellschaft länderübergreifend normiert – Menschen, Häuser, Fabriken, Strassen etc..

Nur dann werden Unterschiede deutlich, wenn der Fotograf es bewußt zeigen wollte, indem er Zeitungen, Plakate oder Aushänge mit in das jeweilige Foto integrierte.

Ein vergessenes Buch dokumentiert eine fast vergessene Zeit, die so lange noch nicht vorbei ist.

Bemerkenswerterweise habe ich auch fast zehn Jahre gebraucht, um auf dieses Buch zu stoßen, und dies auch nur, weil ich mich mit niederländischer Fotografie beschäftigt habe.

Es ist eben so, daß sozialdokumentarische Fotografie mit Weitblick und konkretem Blick keinen Blick wert zu sein scheint – außer bei mir hier und an wenigen anderen Stellen.

Ich habe mich in den letzten zehn Jahren in diesem Zusammenhang mit allen Fragen beschäftigt, die mir fotografisch wichtig waren.

  • Ich wollte wissen, welche Menschen früher engagiert fotografiert haben, weil sie damit auch gegen das Asoziale angehen wollten.
  • Ich wollte wissen, was passiert ist mit den vielen engagierten Menschen und ihren Fotobüchern.
  • Ich wollte „richtig“ fotografieren lernen und erlernte dies mit der klassischen visuellen Grammatik und fotografischen Vorbildern.

Aber: Die Ära, die ich meine, ist vorbei.

In gewisser Weise habe ich hier noch einmal das aufgearbeitet, was sozial und fotografisch vor meiner Zeit und während meiner Zeit in der Dokumentarfotografie an Entwicklungen ablief, ohne daß ich es bewußt wahrgenommen habe. Erst mit dem neuen Sehen war ich in der Lage, dies alles zu erfassen und systematisch darzustellen. Die Webseite hatte dann durch die Wechselwirkung zwischen Fotografie in Theorie und Praxis eine Dynamik, die sich im Tun entwickelte.  Einzigartig!

So ist diese Webseite mehr und wird wohl auch Grundlage für ein neues Buch sein können.

Ich habe in diesem Prozess die fotografische Philosophie von Henri Cartier-Bresson und anderen in die digitale Zeit geholt und mit dem Handbuch zur Fineart-Streetfotografie eine gute Anleitung für klassisch-gute Fotografie für uns heute nutzbar gemacht.

Und immer sind es eigene Fotos, die zu sehen sind.

Weil ich selbst ein Kind der Industriezeit bin, ist es auch richtig, wenn der Schwerpunkt auf dem lag, was ich selbst erlebt habe und was meine Interessen prägte.

Gerade die Eingrenzung ermöglichte die intensive Beschäftigung mit dem Themenfeld der Dokumentarfotografie und zeigt hier Zusammenhänge, die sonst nirgendwo zu finden sind.

Da ich kein Netzwerker war, habe ich dafür weder Förderung noch Hilfe bekommen und bin auch nicht in die DGPH aufgenommen worden wegen besonderer Verdienste um die Fotografie. Dafür hat diese isolierte Arbeitsweise eine unglaublich vertiefte Auseinandersetzung mit der Dokumentarfotografie ermöglicht bis zur Schilderung von Zusammenhängen, die die eingetrichterten Bilder aus dem Kopf holen und die Mechanismen der Manipulaton durch Bilder offenlegen. So kann man aus der Matrix aussteigen und mit befreitem Blick sehen – fotografisch und persönlich!

So ist es!

Ich bin diesen Weg gegangen und habe mich solange mit der Dokumentarfotografie auseinandergesetzt, bis ich kaum noch Neues fand. Das ist der Punkt an dem eine Veränderung angesagt ist.

Mein Rahmen steht.

Ausgestattet mit selbst erarbeiteten theoretischen und praktischen Instrumenten sehe ich anders und denke in Zusammenhängen, die ich früher nicht gesehen habe.

Ich habe fotografisch und sozial neu sehen gelernt und mein Horizont hat sich erweitert.

Daher ist dies für mich der Anlaß, mich bei der Vorstellung des Buches von Dolf Toussaint von hier zu verabschieden.

Denn eigentlich fing mit der Zeit, die er so klar und europäisch sah, alles an, was mein weiteres Leben hier prägte.

Es war mein Leben in einer Welt voller Industrie von der Blüte bis zum Zerfall – und dies alles in nur 30 Jahren von ca. 1980 bis 2010!

Das ist historisch interessant und sozial sehr ernüchternd.

Aber so war es und so ist es.

(Unter dem Gesichtspunkt der abgerissenen Industriekultur möchte ich an dieser Stelle auf den Duisburger Christian Brünig aufmerksam machen, der offenkundig mit viel Engagement weit über das Ruhrgebiet hinaus gut mit Fotos dokumentiert hat. So erhält man eine Vorstellung von den Strukturen, die verschwunden sind. Zusätzlich ist die Linksammlung auf lipinski.de gut nutzbar sowie die Verlinkungen im Pixelprojekt-Ruhrgebiet, das allerdings regional sehr eingeschränkt ist.)

Die sozialen Folgen davon sind fotografisch ein anderes Thema.

Damit sind auch die Möglichkeiten der dokumentarischen Fotografie aufgezeigt: sie kann dokumentieren und den Dingen und sozialen Situationen eine Chance geben, nicht vergessen und wieder gesehen zu werden.

Das ist wie Geschichtsschreibung im besten Sinne.

Und ich kann sagen, ich bin dabei gewesen und wurde zu einem Spezialisten für dokumentarische Fotografie und visuelle Geschichtsschreibung.

Damit nicht genug konnte ich visuell und mit Texten die Zeit dokumentieren, in der ich dabei war. So war es mir möglich, öffentlich und privat Gesehenes und Geschehenes real und mental aufzuarbeiten.

Wer weiß wozu es gut ist!

Alles Gute

Das Ende der fotografischen Existenz der unteren Schichten?

Foto: Michael Mahlke - Armut in Deutschland, Rentner, Flaschen, Mülltonnen

Foto: Michael Mahlke – Armut in Deutschland, Rentner, Flaschen, Mülltonnen

„Immense Einwanderungswellen haben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die amerikanischen Großstädte rapide wachsen lassen und unterschiedliche Nationalitäten auf engstem Raum versammelt. Zwangsläufig wenden sich Reformbewegungen wie auch Künstler und Journalisten den überfüllten Stadtvierteln und der Einwanderungsproblematik zu. Lewis Hine macht sein ersten Aufnahmen um 1905 von Immigranten auf Ellis Island und registriert die Vielfalt ihrer Kleidung, die Heterogenität ihrer Erscheinungsformen. Jack London taucht für seinen Bericht The People of the Abyss aus dem Jahr 1903 in die entsprechenden Viertel von London ein. Wie Riis richtet er seine Darstellung an einer Fülle von faktischen Informationen aus und gerät angesichts der überwältigenden Authentizität der Lebenswelten ins Staunen. …“

Soweit diese kurzen Sätze von Christof Decker zum Thema Fotografie. Da kommt Jack London vor, der sonst immer fehlt, wenn es um sozialdokumentarische Fotografie und ihre Anfänge geht.

Jacob A. Riis in New York und Hermann Drawe in Wien werden genannt, Jack London nicht.

Dabei hat Jack London beeindruckende Sozialfotos in London geschossen.

Danach kam Lewis Hine mit dem Kampf gegen die Kinderarbeit, dann die Fotografie der Farm Security Administration, parallel zur Fotografie der Arbeiterfotografie in Deutschland und der Fotografie der Sowjetunion.

Nun fasse ich mal hundert Jahre in wenigen Sätzen zusammen:

„Wenn es stimmt, dass eine soziale Klasse sich ebenso durch ihre Wahrnehmung als auch durch ihr Wahrgenommensein definiert (Bordieu), dann beginnt für die unteren Klassen in den USA und Europa ihre fotografische Existenz um die Wende zum 20. Jahrhundert.“

Dieser Satz ist von Rudolf Stumberger.

Nach 1945 war alles anders.

Und heute ist das „Wir“-Gefühl der sozialen Klasse weg.

Das waren ca. hundert Jahre vom „Wir“ bis nach dem „Wir“.

Dabei war das „Wir“ entscheidend, um Zusammengehörigkeit und Werte zu leben.

Fotografisch sind heute auch die Bilder der arbeitenden Menschen in dieser Form verschwunden, weil die Arbeit, die durch Fleiß zu bescheidenem Wohlstand und  einem besseren Leben führte, als Teil des öffentlichen Staatsverständnisses verschwand und einer Ideologie des Neoliberalismus gewichen ist, die verantwortungslos privatisiert und gute soziale Strukuren für die kleinen Leute demoliert. Geld führt eben auch nicht mehr zum Wohlstand für alle und sparen führt seit Hartz4 zur Enteignung.

Spätestens seit 1984 gab es immer wieder individuelle (nie institutionelle) Ansätze, die Umbrüche und die sozialen Verwerfungen fotografisch festzuhalten, aber nie staatlich gefördert sondern immer nur persönlich engagiert.

Fotografisch aufgearbeitet wurde dies im Arbeitsfeld der damaligen Schlüsselindustrien Stahlindustrie und Metallverarbeitung, die die USA und Europa dominierten (ähnliche Fotos aus der DDR und UdSSR sind sicher vorhanden aber mir so nicht bekannt. Dort vollzogen sich ähnliche Prozesse).

Und heute – nach 2016?

Heute sind die Veränderungen sichtbar und dominierend, die nichts verbessert haben.

Und in den USA bewegt sich dadurch politisch nun das Land: „Im sogenannten Rostgürtel, der ältesten, größten Industrieregion Amerikas, die sich entlang der Großen Seen von Wisconsin über Michigan, Illinois, Indiana und Ohio nach Pennsylvania erstreckt, hat die Mehrheit (außer in Illinois) den Republikaner Trump gewählt. 2012 hat Barack Obama (genau wie 1992 und 1996 Bill Clinton) fünf dieser sechs Staaten für die Demokraten erobert, 2008 sogar alle sechs.“

Aber wohin?

Und in England ist es auch Teil der sozialen Lage geworden.

Wenn man so wie ich hier nun diese Informationen zusammengetragen hat, dann sieht man, wie viel oder wenig visuell dokumentiert wurde, um soziale Abläufe festzuhalten und auf Probleme hinzuweisen.

Früher war es mehr und spielte auch in der öffentlichen Debatte eine stärkere Rolle.

Wo ist das heute bei dem, was uns in Deutschland sozial bewegt?

Oder ist die Frage falsch?

Bewegt uns noch sozial etwas in Deutschland?

Überdeckt die Flüchtlingsschwemme alles, um das, was wichtig ist für eine soziale Demokratie, unter den Teppich zu kehren?

Mehr als 8 Millionen Menschen dauerhaft in Hartz 4 und viele knapp darüber in einem der reichsten Länder der Welt.

Ist das der politischen Klasse egal, weil Hartz4 Dauerkontrolle von noch mehr Millionen ermöglicht?

So stabilisiert Hartz4 die wachsende Ungerechtigkeit, weil das Volk mehr kontrolliert wird als in der DDR.

Zu wenig gute Arbeit aber dafür unglaublicher Reichtum.

Das zerstört das soziomoralische Grundgesetz und hilft weder der Mittelschicht noch den Armen.

Wo sind die Fotos dazu?

Es wären heute Fotos von Armut in einem reichen Land jenseits der alten Industriestrukturen. Es wären Dokumente des lebenden Schmerzes von Staatsbürgern.

So wenig Fotos und so viel soziales Leid!

So sind wir aktuell am Ende der fotografischen Existenz der unteren Schichten angelangt. Was nicht in den Medien ist, ist nicht politisch relevant. Was nicht sichtbar ist, kann nicht gesehen werden.

Dies bedeutet, es gäbe viel zu fotografieren mit neuem Denken auf alte und neue Art und Weise.

Ich bin gespannt wer, wann, wo und wie dies geschehen wird.

Und ob!

Nachtrag: Hier noch ein Link zu einem Artikel, der ca. einen Monat später erschien,

 

Dokumentarfotografie – Soziale Kämpfe im Ruhrgebiet und im Bergischen Land zwischen 1987 und 2010

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Es hat knapp dreißig Jahre gedauert bis die Fotos von Michael Kerstgens über den Stahlarbeiterstreik 1987 in Duisburg-Rheinhausen als Buch erschienen sind. Dieses Buch wurde u.a. durch die Hans-Böckler-Stiftung gefördert. Es ist ein gutes Buch geworden und es erinnert mich an meine eigenen Erlebnisse.

Michael Kerstgens zeigt Fotos von 1987 bis 1993 als im Walzwerk in Hagen die letzte Schicht war und symbolisch das Ende des gesamten sozialen Konstruktes.

Und im Bergischen Land ging es dann weiter.

Homeland-Fotografie

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Was ist Homeland-Fotografie? – Ein Versuch

Um das im deutschen Wesen besser einordnen zu können, fange ich mit einigen Eingrenzungen an.

Heute ist das deutsche Wort oft ein englisches Wort. Manchmal sogar zu recht.

Ein Beispiel: Über Harry Gruyaert und sein Buch 2015 schreibt Francois Hebel: „In 1972, while living in London, Gruyaert created the striking seriesTV Shots by turning the dial on a television set at random and photographing the distorted images he saw there. A later series, Made in Belgium, portrays his ambivalent relationship with his homeland in a palette of saturated tones.“

Auf Deutsch fotografiert Herr Gruyaert sein zwiespältiges Verhältnis zu seinem Heimatland (homeland) mit gesättigten Farben.

Wenn ich über Heimat und Heimatland spreche, dann ist dies im deutschen Wesen total besetzt. Gibt es eine Trennung zwischen Heimat und Heimatland? Land ist eine regionale Begrenzung, während Heimat mehr ist oder sogar ohne Land sein kann?! Das habe ich noch nicht zu Ende gedacht.

Wenn ich über homeland spreche, dann ist dies nicht unbedingt nur das Heimatland sondern kann auch die „Örtlichkeit“ sein, in der ich mich zu hause fühle oder zu hause bin. Da ist für mich die Trennung von meinem Geburtsland drin. Man muß es eben exakt sagen.

Hinzu kommt, daß Heimatland in Deutschland immer politisch verknüpft wird, während mein Homeland, so wie bei den Amerikanern, alle paar Jahre woanders sein kann.

Und so kann Homeland-Fotografie eine Fotografie sein, die das Umfeld entdeckt, in dem ich bin und das ich so zeigen will, wie ich es sehe.

Homeland ist ein subjektives Wort, weil ich bestimme, welchen Raum und welche Region ich zu meinem entdeckenden Homeland erkläre.

Und ich trenne mich hier auch bewußt von der Übersetzung, weil für mich Homeland-Fotografie eben nicht deckungsgleich mit Heimat-Fotografie ist. Es hat eben primär nichts mit Staatsgrenzen zu tun sondern mit sozialen Strukturen oder Themen.

Damit wäre die regionale Eingrenzung weg. Kann ich meine Heimat mitnehmen in ein anderes Land wäre die umgekehrte Frage?

Natürlich kann man alle Wörter auch anders definieren.

Da die deutsche Wortinhaltsebene aber im englischen Sprachraum nicht gelten muß, sondern umgekehrt die englische Wortinhaltsebene auch im deutschen Sprachraum gelten kann, ist meine Argumentation eher logisch als unlogisch. Wenn Parallelwelten mit Inhalten vorhanden sind, muß man sich entscheiden, mit welcher inhaltlichen Bedeutung das Wort genutzt wird.

Mit der digitalen Kamera und Software als Werkzeug kann ich gestalten.

Dazu gehören

  • der Rahmen,
  • die inhaltliche Gestaltung mit Vordergrund und Hintergrund
  • das Malen mit Bokeh und Freistellung einerseits und digitalen Filtern andererseits

Wie sieht dies konkret aus?

Aktuell sehr bekannt ist das Buch Sagenhaftes Deutschland von Kilian Schönberger.

Seine Reise zu mythischen Orten bezieht sich auf Deutschland als Heimatland. Er fotografiert in Regionen, die im deutschen Sagenschatz zu finden sind. Um das Märchenhafte zum Ausdruck zu bringen, werden digitale Filter eingesetzt und so gelingen sehr starke beeindruckende Aufnahmen, die das ausdrücken sollen, was in den Erzählungen zu finden ist.

Dies geht auch kleiner und vor Ort mit der aktuellen Kameraausrüstung und einer Software, wenn man einen Kurztrip machen möchte. Ich habe dafür den Ort Wetter an der Ruhr gewählt und Fotos mit einem HDR-Filter so gestaltet, daß zum Ausdruck kommen soll, was dort wirkt.

Das ist der Vorteil digitaler Technologie.

Aber die Auseinandersetzung mit dem homeland kann auch anders sein.

Neben märchenhafter Anmutung können auch die kalten Folgen menschlichen Handelns zu sehen sein, die aus Konsum kleine Katastrophen für die Menschen machen, persönlich und sozial.

Dazu habe ich einige Serien im Wupperartmuseum,

Oder es kann sich auch darum handeln Zusammenhänge zu zeigen, wenn asoziale Architektur auf Menschen wirkt und das Sein das Bewußtsein bestimmt.

Dies alles ist Homeland-Fotografie, es kann also Stadt, Land, Fluß sein. Ich und mein Umfeld sind der  Rahmen. Es muß nicht einmal immer örtlich im Sinne fixer Geografie sein, es könnte sich auch um z.B. Hotels handeln, wenn ich immer dort bin oder fahrbare Bungalow-Siedlungen, wenn diese mein Homeland sind. Wie viel davon im deutschen Sinne Heimat ist, ist eine ganz andere Frage.

Es ist aber ein Bereich, der sich auf mein Da-Sein bezieht.

Und es ist mehr als my home is my Castle (die Rechtschreibprüfung setzt einfach Castor ein…). Es fängt danach an, dort wo es sozial wird…- finde ich.

Text 1.1

 

Exodus. Sebastião Salgado

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Die UN-Vollversammlung hat den 20. Juni zum zentralen internationalen Gedenktag für Flüchtlinge ausgerufen. Dieser Tag wird in vielen Ländern von Aktivitäten und Aktionen begleitet, um auf die besondere Situation und die Not von Millionen Menschen auf der Flucht aufmerksam zu machen.

Weltweit sind mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht, davon 41 Millionen in ihrem Heimatland. „Noch nie zuvor wurde die Marke von 60 Millionen Geflüchteten und Vertriebenen überschritten.“

Und nun liegt es vor mir, das Buch, das dies alles schon vor einer Generation zeigte und niemand kann sagen, er hätte es nicht früher wissen können.

The Documentary Impulse

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Warum gibt es Dokumentarfotografie? Wieso machen Menschen das?

Stuart Franklin geht in dem Buch The Documentary Impulse dieser Frage nach.

Seine Marker sind Fotobücher. Sie sind Herz und Seele dokumentarischer Praxis. Das erinnert mich doch sehr an meine eigenen Einschätzungen. Sie sind offenkundig deckungsgleich.

Da er professionell als Fotojournalist arbeitet und er die Veränderungen in seinem Metier als Fotojournalist miterlebt, beschäftigt ihn die Frage seines Buches sehr. Und so nimmt er uns mit auf eine Reise durch alle Zeiten der Dokumentarfotografie als Ergebnis fotografischer und fotojournalistischer Arbeit, wenn sie mehr liefern will als Ereignisfotos. Sein Buch ermöglicht Blicke hinter die Kulissen und ich habe viel Neues erfahren.

Dokumentarfotografie fängt dort an wo der Fotojournalismus aufhört.  Anders ausgedrückt braucht Dokumentarfotografie kein Ereignis sondern zeigt Wirklichkeit zwischen Menschen, in sozialen Beziehungen, in Gesellschaften, in Situationen zwischen Krieg und Frieden, Armut und Reichtum, Freiheit und Gefangenschaft. Umgekehrt führt oft erst ein Ereignis dazu sich länger mit einem Thema zu beschäftigen.

Die Ansätze dabei variieren und je nach Zeit und Umfeld dominierte die eine oder andere Sichtweise.

Von den Versuchen, das platonische Ideal auf der Welt zu finden oder zu erfinden über die pure Propaganda bis zum Engagement für soziale Verbesserungen reichen die Antriebe derjenigen, die es tun.

An Beispielen zeigt er, wie wichtig diese Arbeit ist.

Wenn Dinge oder familiäre Abläufe oder andere soziale Beziehungen dokumentiert werden, die danach so nicht mehr da sind, dann werden diese Dokumente zur einzigen Möglichkeit, sich zu erinnern, etwas darüber zu erfahren und weiterzugeben. So einfach ist das – und so schwierig zugleich.

Und dort wo die dunklen Stellen in einer Gesellschaft sind, kann nur die Dokumentation einer Situation darüber berichten.

Der dokumentarische Impuls dient so auch dazu, Erinnerungen unsterblich zu machen und ist zugleich Ausdruck des eigenen Selbst im Engagement für Andere. Es ist aber auch Neugier auf die Welt und Ausdruck von Macht und Ohnmacht.

Stuart Franklin geht Kapitel für Kapitel vor, zum Teil chronologisch und zum Teil nach Themen.

Mit Abstand die meisten Dokumentarfotografen versuchten durch ihre Fotos Armut und Benachteiligung und Diskriminierung zu dokumentieren, um ein Bewußtsein für Verbesserungen zu schaffen im Sinne einer humanitären Fotografie, so seine Aussage.

Er schreibt über viele bekannte und unbekannte Namen und über bekannte und viele unbekannte Fotobücher. Darcy Padilla und Donna Ferrato kommen ebenso darin vor wie Philip Jones Griffiths und Henri Cartier-Bresson und viele andere.

Es sind dann die Sätze nach der Namensnennung, die mir Informationen geben, welche ich sonst nie erhalten hätte, wenn er beispielsweise schreibt, daß Cartier-Bresson und andere ihre Fotos nur verkaufen konnten, weil sie den Wünschen der Kunden entsprachen und Kunden wie Paris Match wollten nach dem 2. Weltkrieg Fotografien und Streetfotografien, die die französische Lebensart positiv darstellten, um als Nation neu glänzen zu können.

Stuart Franklin selbst hat eines der bekannten Fotos vom „Tank Man“ 1989 am 4. Juni auf dem Platz des himmlischen Friedens aufgenommen. Jeder erinnert sich an den Mann mit den Einkaufstüten, der vor einer Reihe von Panzern stand. Und so fragt er auch danach, wie aus Fotos Fotoikonen werden und wie mit Fotos in Redaktionen umgegangen wird. So wurde das Foto in Deutschland und der Schweiz damals komplett ignoriert, Leichen waren besser.

Sein Kapitel über Kriegsfotografie glänzt mit Äußerungen von James Nachtwey, die er den realen Gegebenheiten zuordnet. Dabei fällt auf, daß Nachtwey einer der wenigen Fotografen ist, von denen fast keine Bücher zu bekommen sind, nur Sammelexemplare zu horrenden Preisen. Aber das nur am Rande. Da der Phaidon Verlag aber Bücher von Nachtwey ebenso verlegt wie das Buch hier wollte ich dies nicht unerwähnt lassen.

Er nähert sich dann der Welt der Gegenwart und da werden die Fotos von sozialen Konflikten immer wichtiger. Als in Bangladesh eine Nähfabrik einstürzte und viele Menschen starben, entstand das Foto von Taslima Akhter der beiden Liebenden im Tode vereint.

Um soziale Kämpfe heute zu zeigen und zu führen sind Fotos von schrecklichen und ermutigenden Momenten wichtig, weil sie Botschaften versenden. Informationen aus der Wirklichkeit, die Ereignisse und Entwicklungen zeigen, sind wesentlich für eine Demokratie und das Bewußtsein.

Wobei ich manchmal das Gefühl habe, die verbale Trennung von Fotojournalismus und Dokumentarfotografie ist für ihn eher akademisch, weil Fotos wie das von Taslima Akther als Ereignisfoto um die Welt gingen aber sie natürlich damit auch eine Reportage gemacht hat, die mehr zeigt und damit eine oder mehrere Geschichten erzählt. Ich würde den Begriffen Fotojournalismus und Dokumentarfotografie die Begriffe Ereignisse und Entwicklungen zuordnen.

Und der dokumentarische Impuls ist eben ein Impuls – also eine umfassende Mischung aus persönlicher Eitelkeit, sozialem Bewußtsein und konkretem Einsatz, der zu der Motivation führen kann, sich zu engagieren. Wer nicht davon überzeugt ist, etwas zeigen und verändern zu wollen, der wird auch nicht den Mut aufbringen, sich auf den Weg zu machen. Ohne den Einzelnen  mit seiner Sichtweise ist Dokumentarfotografie nicht praktizierbar. Daher ist die dokumentarische Darstellung das Ergebnis individueller Wahrnehmung von Wirklichkeit mit technischen Geräten.

Im Ergebnis sind es dann oft nur die Dokumentarfotografen, die über den Tag hinaus berichten, dunkle Seiten der Gesellschaft anpacken und erhellen. Und dabei handelt es sich dann oft um ausgebildete Historiker oder Kunsthistoriker, die nun fotografieren. Vielleicht weil da oft das Bewußtsein für die sozialen Wirkungen geschult ist und weil Schreiben heute nicht mehr reicht, um Veränderungen als Chronist und Publizist aufzuzeichnen und darzustellen.

Hauptberufliche Fotografen waren es eher weniger und Journalisten kaum. Heute wandelt sich das, weil heute die Ereignisfotos oft von Beteiligten geliefert werden und für Unbeteiligte nur noch die Reportage danach und die Dokumentarfotografie bleiben.

Die Texte des Buches entstanden 2013 bis 2015. Was ich seit 2007 hier zur Dokumentarfotografie erarbeitet habe, finde ich im Querschnitt nun bei ihm wieder.

Insofern bin ich sehr froh, daß ich über dieses Buch hier in deutscher Sprache schreiben kann und auf diese sehr spezielle Publikation in englischer Sprache aufmerksam machen kann. Ich bezweifle nämlich, daß es wegen seiner speziellen Art jemals übersetzt wird – wer weiß!

Ich finde mich in diesem Buch an vielen Stellen wieder und habe gemerkt, auch ich habe diesen Impuls für meine Themen:

In allem steckt Hoffnung und zugleich die Antwort warum es eher scheitert.

Aber der Impuls bleibt. Er kommt immer wieder. Bei mir ist es das Soziale in unserer modernen Gesellschaft und der Kampf gegen die Armut 2.0. Das hat auch ganz egoistische Motive, weil nur sozialer Zusammenhalt emotionale, soziale und kollektive Sicherheit schaffen kann. Das setzt eben soziale Absicherung voraus, die zugleich Voraussetzung für echte Demokratie ist wie sie im Grundgesetz steht.

Und dieses Buch ermöglichte mir das Gespräch mit einem Menschen, der genau so tief wie ich das Thema Dokumentarfotografie verfolgt, miterlebt und darüber nachgedacht hat. Da mir sonst die Gesprächpartner dafür fehlen fand ich nun in dem Buch das Gespräch und die Erfahrungen, die ich mit meinen abgleichen und gedanklich diskutieren konnte, wenn auch nur im Kopf und nicht Auge in Auge.

Aber das macht ja nichts.

In diesem Sinne vielen Dank für das Gespräch Mr. Franklin!

 

 

Made in Germany

leonardfreed1100

Als Leonard Freed 1970 sein Buch über seine Reisen durch und seine Eindrücke von Deutschland veröffentlichte, blieb dieses Buch eher unbeachtet. Das erinnert an Robert Frank.

Diesen Aspekt finde ich sehr interessant.