Dokumentarfotografie

Dokumentarfotografie – aktuell und interessant

Die Dokumentarfotografie dokumentiert. Googelt man sich durch die Suchergebnisse, dann gibt es sehr verschiedene Infos. Die Wikipedia spricht von einer „Trendwende“ in den letzten Jahren. „Mehrere Museen und Wissenschaftsinstitutionen besinnen sich der dokumentarischen Kraft der Fotografie.“ Der Fotograf Tom Ang schreibt dazu: „“Trotz ihrer herausragenden Bedeutung in der Geschichte der Fotografie ist die Dokumentarfotografie nur schwer zu definieren… Was gute Dokumentarfotos gemeinsam haben, ist die realitätsgetreue Darstellung echter Situationen und echter Menschen.“

Und die Fachhochschule Hannover verkündete voller Stolz vor kurzem: „Nach Beschluss der Akkreditierungsgesellschaft »ACQUIN« ist die Studienrichtung nun ein eigener Studiengang und trägt die Bezeichnung »Fotojournalismus und Dokumentarfotografie«. Damit ist die Fachhochschule Hannover die einzige deutsche Hochschule, die die international übliche Bezeichnung »Photojournalism and Documentary Photography« als Begriff für das Kernprofil in der fotografischen Ausbildung trägt.“

Dies alles zeigt, dass dieser Begriff eine besondere Bedeutung hat. Wenn wir uns noch mal mit der Wikipedia beschäftigen, dann finden wir dort als einleitende Erklärung in dem Artikel folgendes: „Die Dokumentarfotografie ist eine Art des Fotografierens, deren Motivation es ist, ein fotografisches Dokument herzustellen, das für das Festhalten der Realität, als Zeit-Dokument, als Appell oder auch Warnung genutzt werden soll. Diese fotografischen Dokumente stellen dabei jedoch keine objektive, sondern eine subjektive oder ideologische Betrachtung zumeist mit sozialkritischem Hintergrund dar. Der Begriff „Dokument“ stammt von dem lateinischen Ausdruck documentum = beweisende Urkunde.“

Doch es geht noch weiter. Rudolf Stumberger unterscheidet einerseits dokumentarische Fotografie und andererseits sozialdokumentarische Fotografie. Wer den Unterschied zwischen Sozialdokumentarischer und Dokumentarischer Fotografie von Stumberger verstehen will, dem empfehle ich meinen Artikel über die Klassenbilder. (Nachtrag: hier gibt es noch einen neuen Artikel zu der Frage Was ist eigentlich Dokumentarfotografie?)

Wobei aber das Problem bleibt, dass einige sozialdokumentarisch meinen und dokumentarisch sagen. Das führt dazu, die Frage zu stellen, ob man durch die Unterscheidung nicht den nicht-sozialdokumentarischen Fotografen den größeren Begriff der Dokumentarfotografie überläßt. Die Diskussion ist in meinen Augen also noch nicht zu Ende.

Doch ich möchte etwas konkreter werden und benutze jetzt einfach die zweckorientierte Definition von Brenda Tharp (eigene Übersetzung, M.M.): „Naturfotografen wollen die Schönheit der Landschaft, das Drama des Lichtes und das Geschehen in der Natur zeigen. Reisefotografen wollen die Gesichter einer Kultur, einen Blick auf das tägliche Leben und die Sinnlichkeit eines Ortes zeigen. Fotojournalisten wollen den Moment oder die emotionale Situation vor ihnen zeigen“ (im Original „…want to share the moment“). Und aus diesem geteilten Moment kann Dokumentarfotografie werden, wenn es nicht reine Nachrichten/Ereignisfotografie bleibt.

So komme ich zurück zur Dokumentarfotografie. Sie dokumentiert. Darin sind sich alle einig. Und weil sie dokumentiert, möchte ich dies hier am Beispiel von drei Büchern aus den letzten 20 Jahren besprechen, die sehr unterschiedlich sind und doch ein paar Gemeinsamkeiten haben. Sie zeigen auch Entwicklungen auf. In allen drei Büchern geht es um das aktuelle Hauptthema der Menschheit. Es ist das Thema Arbeit und Arbeitswelt. Das erste Buch ist das Buch „Workers“ von Sebastiao Salgado, das zweite Buch ist das Buch von National Geographic „So arbeitet die Welt“ und das dritte Buch ist das Buch von Werner Bachmeier und Udo Achten „Arbeitswelten. Einblicke in einen nichtöffentlichen Raum“.

Das Buch von Sebastiao Salgado dokumentiert seine Besuche bei Arbeitern an verschiedenen Stellen auf dem Globus. Da man ja über Fotobücher nur schreiben darf, aber die Fotos nicht zeigen darf, empfehle ich an dieser Stelle zunächst mit den Wörtern „Sebastiao Salgado workers“ zu googlen und sich bei den Suchergebnissen die Fotos anzuschauen. Welche Rolle dieses Buch übrigens ausserhalb von Deutschland spielt möchte ich am Beispiel Texas aufzeigen. Dort gibt es das AMOA, das Austin Museum of Art. Man hat dort eine ganze Lernfolge zusammengestellt, um Schülern das Buch und die fotografischen Möglichkeiten daraus für Text und Bild nahezubringen.

Darin wird übrigens ebenfalls „dokumentarisch“ definiert als „Documentary – a visual or historical record“. Alle Fotos von Salgado in diesem Buch sind Schwarzweissaufnahmen. Viele sind beeindruckend, weil er beeindruckende Szenen aufgenommen hat. Er war dort, wo andere nicht waren. Aber zugleich sind in diesem Buch ja auch Fotos von der Stahlindustrie in Frankreich und dem Bau des Eurotunnels. Fast immer sieht man Menschen, die dort arbeiten, aber man sieht meistens nicht das einzelne Gesicht. Die Schärfe der Details liegt eher auf den Werkzeugen und den Produkten. Es sind Fotos, die mit Schärfe und Unschärfe arbeiten und durch die schwarzweisse Atmosphäre natürlich Strukturen und Schattenspiele zeigen.

Ganz anders stellt sich das Buch von NationalGeographic dar. „So arbeitet die Welt, Eine Fotoreise“ Der Titel des Buches vom Verlag NationalGeographic erinnerte mich an das Buch „Workers“ von Salgado.

Herr Ferdinand Protzman schreibt darin ein Vorwort und scheint auch Herausgeber zu sein. Das Vorwort ist sehr klug. Er schreibt zum Beispiel: „Die Fotos sind schön. Ihre Formen und Farben, ihre Ansichten und Gesichter sind betörend. Aber Schönheit, Tragödie und Schrecken schließen einander nicht aus. Die Fotografen, die so hart an diesen Bildern gearbeitet haben, wissen, dass das, was diese zeigen, sowohl großartig als auch elektrisierend schrecklich sein kann.“ Stimmt.

Alle Kontinente und drei sogenannte Portfolios (also Sammelmappen) sortieren das Buch. Es sind Fotos aus mehr als einhundert Jahren dabei. Um es noch einmal zu sagen, das Buch ist schön, die Texte auch, aber mir fehlt da was. Erstens erschliesst sich mir nicht der rote Faden. Wenn es ein Buch der Gegenwart ist, warum sind dann so viele Fotos aus der Vergangenheit darin. Ja, man findet Fotos von Mccurry und Salgado, aber auch Fotos aus den 30er Jahren und sogar Autochrome.

„Work. The world in Photographs“ war der englische Titel. Irgendwie scheint es sich auch um eine Geschichte der Arbeit zu handeln und nicht nur um die Gegenwart. Also insgesamt läßt die Schlüssigkeit des Buchansatzes aus meiner Sicht zu wünschen übrig. Aber es ist ein schönes Buch.

Und deshalb kann ich eins überhaupt nicht verstehen. Das Buch hat ein Format von 20×22 cm, es ist also fast quadratisch und ziemlich klein. Die Texte sind dadurch sehr klein gedruckt und schlecht zu lesen. Und wenn man schon ein Buch über Fotos macht, dann müssen die Fotos auch von Inhalt und Form übereinstimmen. Viele Fotos sind einfach viel zu klein abgedruckt. Mit der Lupe kann ich sie mir zwar vergrössern, aber das ist eigentlich nicht Sinn der Sache. Es ist in meinen Augen einfach so. Das Buch ist schön gemacht aber viel zu klein im Format. Und wenn dann mal Fotos größer gedruckt sind, dann sind sie genau in der Mitte geteilt. Das Buch hätte rechteckig und doppelt so groß sein müssen, um Inhalt und Form in Einklang zu bringen.

Wieder anders und auch fotografisch anders aufgebaut ist das Buch von Werner Bachmeier und Udo Achten. Die Fotos hat der Fotograf Werner Bachmeier gemacht. Er weist in seiner Einführung mit dem Titel „Kurz aber intensiv“ darauf hin, dass journalistische Fotos “ in einem extrem kurzen Moment“ entstehen und „authentische Portraits von Menschen am Arbeitsplatz … den direkten Zugang zur Person“ erfordern.

Die Aufnahmen zeigen die ungeschminkte Realität. Dazu gehört der OP-Tisch ebenso wie das Pflegebett im Seniorenheim oder der Autolackierer mit Schutzmaske. Und an diesen Stellen wie bei der Schutzmaske finden sich dann auch Texte von Udo Achten wie der zum Thema „Gesundheit“, in dem er auf die krankheitsbedingten Fehlzeiten, Burnout-Syndrome und die Wichtigkeit der Verankerung eines Gesundheitsschutzes im Betrieb hinweist.

Dadurch wird dieses Buch tatsächlich ein Buch mit einer Botschaft. Fotografisch gefallen mir die vielen Nahaufnahmen mit dem Weitwinkel von Werner Bachmeier. Im Prinzip versucht der Fotograf die jeweilige Tätigkeit mit den optischen Mitteln der Weitwinkelaufnahme durch die Vergrößerung im Vordergrund in den Mittelpunkt zu rücken und zugleich den Menschen im Hintergrund sichtbar und deutlich zu machen. Wenn man dieses Buch fotografisch betrachtet mit der Frage „Was wird dort getan und wer tut es wie?“ dann ist dies fotografisch in den meisten Fällen sofort durch diese Herangehensweise sichtbar und erkennbar.

Dieses fotografische Mittel ist auch deshalb so wichtig, weil natürlich viele Arbeitsplätze einfach langweilig aussehen, es sind eben Arbeitsplätze und keine Menschenplätze. Durch den gekonnten Einsatz des Weitwinkels erhalten aber selbst diese Bilder in diesem Rahmen eine klare Aussage. Denn jeder Arbeitsplatz hat ein Gesicht und das ist das kleine Geheimnis dabei. Einige der Fotos aus dem Buch findet man auf der Homepage des Fotografen.

Es ist ein fotografisches Lesebuch mit Fotos und Texten. Der Publizist Udo Achten weist in seiner Einleitung darauf hin, dass dieses Buch helfen soll, „Fotos zu lesen“. Dazu dienen an einigen Stellen auch erläuternde Texte, die soziale und politische Zusamenhänge aufzeigen. Es ist ein gelungener Querschnitt der aktuellen Arbeitswelt mit ihren „guten“ Bedingungen.

Es handelt sich in den meisten Fällen offenbar um Betriebe, die einen Betriebsrat haben und/oder Tarifverträge. Wer tief genug in der Arbeitswelt verankert ist, der weiß, dass es viele Betriebe gibt, die nicht so aussehen. Aber das ist kein Manko dieses Buches sondern eher ein guter Ansatz: hier wird aufgezeigt, wie „Gute Arbeit“ aussieht in Deutschland, wenn es die Verantwortlichen in Betrieb und Gesellschaft ernst nehmen.

Nach der Beschäftigung mit diesen drei Büchern möchte ich zurückkommen auf das Thema Dokumentarfotografie. Bemerkenswert finde ich den Wandel in der Farbgestaltung. War das Buch von Salgado noch Schwarzweiss so ist das Buch von NationalGeographic fast und das Buch aus dem Klartext-Verlag durchgängig farbig. Das tut ihrer dokumentarischen Wirkung keinen Abbruch. Wenn man es genau nimmt, dann sind sie in vielfacher Hinsicht sogar noch genauer in meinen Augen.

Das Buch von Nationalgeographic hat noch ein besonderes Bild. Es zeigt auf Seite 122/123 im Buch ein Bild von Edward Burtynsky aus seinem beeindruckenden Buch „China“. Dieses Foto und einige andere finden sich auch zum Nachschauen auf der Webseite von Edward Burtynsky. Burtynsky wurde auf einer Podiumsveranstaltung in Berlin 2010 zu diesen Fotos in China gefragt, wie er denn an die Erlaubnis kam, die Fotos der chinesischen Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken zu machen. Burtynsky antwortete, dass dies die chinesischen Behörden erlaubt hätten, weil es sich um chinesische Fabriken handelte. Die amerikanischen Unternehmen in China hätten dies nicht zugelassen.

Die schlimmsten physischen Arbeitsverhältnisse – wenn man das pauschal überhaupt sagen kann – dokumentiert sicherlich Salgado. Das Protzman Buch ist eine Mischung aus guten und schlechten Arbeitssituationen. Dagegen zeigt das Buch von Bachmeier und Achten eine durchgängig „Gute Arbeit“ auf. Dies wird immer gekoppelt mit informativen Texten, die Arbeit in Deutschland und das juristische und tarifliche Umfeld einordnen. Wobei natürlich alle Fotos die physische Situation aufzeigen, nicht die psychische Situation. Das wären dann auch wohl andere Fotos, zum Beispiel von überladenen Schreibtischen, frustriert und leer blickenden Angestellten oder schmutzigen Betriebsratsbüros in Kellerverschlägen.

Dokumentarfotografie dokumentiert. Im Bereich Arbeitswelt haben dies drei Bücher auf unterschiedliche Weise getan. Man könnte sie im Hinblick auf das Thema auch bei der sozialdokumentarischen Fotografie einordnen, um detaillierter zu werden.

Es gibt natürlich Unmengen an Dokumentarfotos. Eine Serie, die ich in Buchform nicht erhalten habe über Bürokratie und Bürokraten hat der niederländische Fotograf Jan Banning gemacht. Dort sagen Bilder ebenfalls mehr als tausend Worte und sie zeigen in Farbe aktuelle Arbeitswelten auf.

Dazu gehört auch meine Serie mit dem Thema „Nichts kommt von selbst – 15 Blicke auf das Arbeitsleben“.

So paradox das ist, in meinen Augen ist Dokumentarfotografie heute vielleicht notwendiger denn je:

1. Sie hilft bei der Entschleunigung einer reizüberfluteten Zeit.
2. Sie rückt Themen in den Vordergrund und zeigt auch Zusammenhänge auf.
3. Sie ist überwiegend engagiert und sie kann eine neue Zukunft haben.

Diese kann übrigens auch audiovisuell sein und aus Multimediaslideshows bestehen. Aber meiner Meinung nach nur begrenzt. Buch und Monitor werden parallel existieren. Denn gute Fotos will man nicht immer nur digital sehen sondern manche auch in einem schönen Buch im Regal stehen haben oder einfach als Ausdruck für zu Hause oder in sozialen zusammenhängen.

Und es kommt auch darauf an, was man dokumentarisch fotografiert. Ich möchte daher nicht vergessen, hier auch über die Folgen der (sozialdokumentarischen) Dokumentarfotografie zu sprechen. Diese können dramatisch sein. Auf einer Reise in Wien besuchte ich die Ausstellung KONTROVERSEN im Kunsthaus Wien. Dort las ich die Geschichte von Kevin Carter. Mich hat sehr das Foto beeindruckt, bei dem ein kleines Kind auf dem Weg zur Essensausgabe im Sudan war und dahinter schon ein Geier wartete. Der Fotograf Kevin Carter hat später Selbstmord begangen, offenkundig im Zusammenhang mit dem Ruhm, den er durch dieses Foto erhielt und die Attacken seiner Kritiker. Dies wird hier geschildert.

Das ist auch eine Dimension der Dokumentarfotografie und der Themen, die dort behandelt werden. Es kommt eben nicht nur darauf an, daß man dokumentiert, es kommt auch darauf an, was man dokumentiert.

In diesem Sinne

Übrigens, hier hat man einen Teil meines Artikel abgeschrieben ohne auf mich zu verlinken.

 

Klassen-Bilder. Sozialdokumentarische Fotografie von Rudolf Stumberger


“Geschichte ist auch Bild-Geschichte.” Damit beginnt Rudolf Stumberger den ersten von zwei Bänden zur sozialdokumentarischen Fotografie. Das Buch ist wissenschaftlich geschrieben und trotzdem lesbar. Das ist nicht selbstverständlich und sollte daher nicht unerwähnt bleiben.

Und es zeigt viele Dinge auf, die wohl fast niemand, der die Bücher nicht gelesen hat, so umfassend und systematisch kennt. Nun ist der Zeitgeist nicht unbedingt für diese Art der Fotografie geeignet.

Hinzu kommt: “Fotografen bedienen sich kaum soziologischer Theorien und der soziologischen Begriffswelt, um ihre Abbildungsprojekte ideologisch zu unterfüttern. Meist werden diese Projekte von einer impliziten, den Fotografen kaum bewussten und nicht thematisierten Ideologie getragen. “Ein Bild sagt mehr als tausend Worte”, lautet dann die Begründung für diese intellektuelle Blindheit. Andererseits nutzen Soziologen in der Regel kaum das Medium Fotografie, der visuelle Gehalt eines Bildes scheint ihnen nicht wissenschaftlich genug fassbar zu sein.”

So führt uns der Autor langsam auf den Weg, um einen Ansatz immer wieder theoretisch zu reflektieren, der als “visuelle Soziologie” dabei ist, sich zu etablieren. Dabei geht es Rudolf Stumberger nicht nur um Geschichten im Bild sondern zugleich um die Geschichte des Bildes, das da gerade etwas zeigt.

Da man nicht nicht kommunizieren kann, ist das Objekt des Fotografen zugleich immer in einer Beziehung mit dem Fotografen und dieser Zusammenhang spielt immer eine Rolle. Stumberger dringt dann wirklich in alle Tiefen vor, die es zu diesem Thema geben kann.

Er zeigt den Zusammenhang zwischen sozialer Perspektive und verdecktem Hintergrund auf: “Dem Gauner ist das Gerichtsgebäude ein anderes Ding als dem Richter, dem Arbeiter die Fabrik ein anderes Ding als dem Manager.”

Und er zeigt, dass Bilder überhaupt erst in der sozialen Sphäre eine Bedeutung gewinnen und diese variiert: “Der Weg des Bildes in die öffentliche Sphäre ist der Weg des Bildes in die verschiedenen gesellschaftlichen Felder wie dem ästhetischen Feld des Kunstmarktes, dem journalistischen oder dem politischen Feld. In ihnen herrschen bestimmte Spielregeln und eigene Wertmaßstäbe, agieren eigene Institutionen und spezifische Gruppen.”

Er nennt dann sechs Kriterien, um fotografische Projekte einzuordnen und untersucht im ersten Band die europäisch-amerikanische Entwicklung dieser Fotografie.

Dabei geht er detailliert auf Lewis W. Hine, den New Deal, Walker Evans und Dorothea Lang, russische Ansätze mit Rodtschenko, El Lissitzky, deutsche Vertreter wie Walter Ballhause, August Sander und viele mehr ein. Stumberger zeigt die Zeit von 1900 bis 1945 auf. Dieser erste Band wurde als Habilitation konzipiert.

Der neu erschienene zweite Band, der die Zeit von 1945 bis 2000 untersucht, ist ebenso tief und gut konzipiert. “Die Nachkriegszeit bis hin zur Mitte der 1970er Jahre – die Ölkrise 1973 markierte den Wendepunkt in der wirtschaftlichen, politischen und sozialpolitischen Entwicklung – wird von Historikern auch als das “Goldene Zeitalter” bezeichnet… Diese Zeit lässt sich auch so charakterisieren: Als eine Zeit, in der zum ersten Mal für all die körperlich schwere, oft gesundheitsbelastende, oft monotone und einseitige, in Sonn-, Feiertags- und Nachtschichten und am Fließband erbrachte Arbeit ein vernünftiger Lohn gezahlt wurde, der mehr erlaubte, als das bloße kümmerliche Überleben.”

Hatte Stumberger im ersten Band noch darauf hingewiesen, dass die sozialdokumentarische Fotografie in der ersten Hälfte des 20. Jhdt. “Teil eines umfassenden Prozesses der Visualisierung von Welt” war, so zeigt er im 2. Band den Wandel.

Chargesheimer, Doisneau, Ronis, Eugene W. Smith, William Klein, Diane Arbus, Garry Winogrand, Lee Fridlander, Milton Rogovin und viele andere werden dort mit ihrem Ansatz dargestellt.

Stumberger fasst dies so zusammen: “Demgegenüber ist die sozialdokumentarische Fotografie der Nachkriegszeit in überwiegendem Maße das Werk von einzelnen Individuen… Der Blick dieser Nachkriegsfotografen ist nicht mehr wie in den 1930er Jahren durch eine politisch eingebettete und ausgearbeitete Ideologie bestimmt.”

Im ersten Band hatte Stumberger Roland Günter zitiert, der schrieb: ”Sozialfotografie ist die fotografische Erfassung der sozialen Realität.”

Diese Begrifflichkeit ist deshalb so interessant, weil diese Art der Fotografie “engagiert, parteilich, interessengeleitet” ist. Stumberger zeigt sehr detailliert auf, wie dies in den 1970er Jahren zum “Hinüberwechseln der Fotografie in das Feld der Kunst” führt.

Für ihn sind Bernd und Hilla Becher das personifizierte Symbol für diese Veränderung. “Sie stehen nicht nur für die Verschiebung der Dokumentarfotografie hinein in den Bereich der Kunst, sondern ihre Motive zeigen zugleich die Wahrzeichen einer mittlerweile untergegangenen industriellen Epoche.”

Es folgt eine sehr lesenswerte Darstellung. Er untersucht Robert Adams, Nicholas Nixon, Stephen Shore und andere und dann kommt der Satz: “Das Eintrittsbillet in die Kunst heißt dabei Interesselosigkeit.”

Und einige Zeit später lesen wir: “In dieser Interesselosigkeit schwebt auch jene dokumentarische Fotografie im letzten Quartal des 20. Jahrhunderts, die sich oft mit Großbildkameras und in großformatigen Fotografien in Tradition der Neuen Sachlichkeit aus den 1920er Jahren der Welt zuwendet. Ist die soziale Welt eine Welt der Interessen, Urteile und Bedeutungen, so ist die Welt dieser Dokumentarfotografie die der kühlen Distanz und der technisch objektiven leidenschaftslosen Darstellung der Dinge.”

So ist auf einmal auch der Unterschied zwischen interesseloser dokumentarischer Fotografie und sozialer dokumentarischer Fotografie klar. Doch damit endet dieses Buch natürlich nicht.

Ich möchte dennoch an dieser Stelle aufhören und beide Bände sehr empfehlen. Ich würde aber mit dem zweiten Band beginnen, weil er auch Bewertungskriterien für aktuelle fotografische Entwicklungen ermöglicht.

Diese Bücher sind eine Sternstunde der Fototheorie und Fotogeschichte und der eigenen Auseinandersetzung mit der Fotografie, wenn sie mehr sein soll als das Festhalten einer Familienfeier.

An mehreren Stellen in den Büchern wird auch deutlich, wie undankbar diese Art der Fotografie ist, weil man eigentlich kaum Geld damit verdienen kann und der persönliche Aufwand ziemlich hoch ist.

Man könnte sagen, sozialdokumentarische Fotografie rüttelt an den Verhältnissen und fordert zu Engagement auf, leidenschaftslose bzw.interesselose dokumentarische Fotografie hat keine Meinung. Beide Bereiche sind Teile der Dokumentarfotografie.

Genau dies macht die Fotografie zu einem Spiegelbild des Zeitgeistes. Wo Menschen zu Maschinen werden ohne Herz und Verstand, da ist dann auch die Fotografie ohne Herz und Verstand, könnte man dann denken.

Aber auch hier zeigen die beiden Bände, dass es sich um einen Prozess handelt, eben um Geschichte. Ich habe zu Beginn auf sechs Kriterien hingewiesen, die Stumberger anführt, um Fotografie gedanklich einordnen zu können. Dies ermöglicht eine sehr viel bessere Einordnung von Fotografie als dies in den meisten Medien jemals geschehen wird.

Aber man darf natürlich die Fotografie auch nicht überschätzen. Das Leitmedium Fotografie wurde durch das Leitmedium Fernsehen abgelöst und vielleicht wird es zukünftig durch das Internet gar kein Leitmedium mehr geben. Umgekehrt wurde noch nie so viel fotografiert und so viel veröffentlicht wie seit dem Siegeszug der digitalen Welt. Aber bedeutet dies überhaupt etwas?

Der Erkenntnisgewinn aus diesen beiden Büchern war für mich sehr groß. Beide Bücher beinhalten natürlich viel mehr als ich in diesem Artikel zeigen kann. Sie lohnen sich sehr.

Rudolf Stumberger

Klassen-Bilder I
Sozialdokumentarische Fotografie 1900-1945
ISBN 978-3-89669-639-7

Klassen-Bilder II
Sozialdokumentarische Fotografie 1945-2000
ISBN 978-3-86764-281-1

Abschließend noch eine Anmerkung. Ich habe bewußt auf Seitenzahlen hinter den Zitaten verzichtet und auf die Nennung der 6 Kriterien. Nachdem ich mehrmals erlebt habe, dass Studenten oder Schüler meine Artikel und Zitate übernommen haben, um nicht selbst lesen zu müssen, verzichte ich auf die Seitenzahlen und manche wichtigen Details. Es lohnt sich nämlich, das Buch selbst zu lesen und vielleicht sind dann ganz andere Textstellen wichtig wie die, die ich rausgesucht habe.

Fotografieren auf Demonstrationen – ein Praxiskurs über die politische Bildreportage

„Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.“

In unserer Demokratie sind Demonstrationen wichtig. Auf einer Demonstration treten Menschen mit ihrem Anliegen in die Öffentlichkeit (demonstrare lat. = zeigen). Es gibt in Deutschland viele kleine und grosse Demonstrationen: Menschen, die um ihre Arbeitsplätze kämpfen, Menschen mit politischen Zielen, Menschen mit humanitären Anliegen etc.

In diesem fotografischen Praxiskurs geht es um die Frage, wie man auf einer Demonstration so fotografiert, dass das Thema sachgerecht in einer journalistischen Fotoreportage im Internet oder als Bildberichterstattung online und offline dargestellt wird.

Dieser Text besteht aus drei Teilen:

  1. Informative Fotografie und Bildaussagen
  2. Interessante Fotografie und Persönlichkeitsrechte
  3. In Farbe oder in Schwarzweiss und die Frage der Darstellung

Neben den fotografischen Fragen kommt es vor Ort im Gespräch auf Freundlichkeit, Sachlichkeit und den gesunden Menschenverstand an. Die Demonstranten wollen ja in der Regel, dass ihr Thema Aufmerksamkeit erzielt und inhaltlich auch wahrgenommen und weitergetragen wird.

DDR-Ansichten von Thomas Hoepker

Wie war der Alltag in der DDR? Wer dies einmal sehen oder wiedersehen möchte, der hat nun endlich ein Buch, das darauf eine Antwort gibt. DDR-Ansichten von Thomas Hoepker ist eine visuelle Reise in eine vergangene Zeit. Die fotografische Qualität von Hoepker, seine scharfe Beobachtungsgabe und sein Gespür für starke Fotos durch klare Aussagen zeigt sich auch hier.

Was Cartier-Bressons fotografische Qualität für Frankreich ist, ist Hoepkers fotografische Qualität für Deutschland. Es ist diese Synthese aus Thema und Geometrie mit dem besonderen Blick für Zusammenhänge und Details, wobei ich oft dieses augenzwinkernde witzig-ironische auf den Fotos entdecke, das mich zu einem Schmunzeln ermutigt.

Foto: Thomas Hoepker

Das Vorwort von Wolf Biermann zeigt schon die Inspiration, die diese Fotos ausüben. Und Wolf Biermann schreibt noch mehr: “ Über 2000 Milliarden Dollar. Todkranke Städte wie Halle, Leipzig, Görlitz, Schwerin, Ostberlin sind genesen, die Dörfer verfaulen nicht mehr. Supermärkte in jedem Kaff, die hohen Renten auch für Stasi-Offiziere und Parteisekretäre werden brav vom Staat bezahlt. Aber mit dem verkümmerten Geist der Freiheit und mit den geschundenen Seelen der Menschen dauert es offenbar noch eine kleine Ewigkeit länger, ich schätze mindestens drei Generationen.“

Ja, so ist das. Und deshalb ist dieses Buch ein echter fotografischer Schatz. Ich war damals oft in der DDR. Und ich staunte nicht schlecht, als ich sah, wie es Hoepker gelungen ist, Situationen so einzufangen, dass sie quasi überall in der DDR so zu finden waren.

Dadurch dass er quasi überall fotografieren durfte – für DDR-Verhältnisse – sehe ich nun Situationen, über die man mir früher etwas erzählt hat, die aber West-Bürgern verboten waren.

Foto: Thomas Hoepker

Hoepker hat auch die Zeit nach der Wende eingefangen und Szenen des Übergangs festgehalten. Das Buch ist eine Art fotografisches Geschichtsbuch und ein Buch, in dem es richtig Spaß macht, zu blättern, zu schauen und zu lesen.

Das Buch ist im Hatje Cantz Verlag erschienen.

Thomas Hoepker
DDR Ansichten
Mit einem Vorwort von Wolf Biermann, Texte von Günter Kunert, Eva Windmöller, Thomas Hoepker, Gestaltung von Jutta Herden

ISBN 978-3-7757-2813-3

Der Kampf um Mannesmann – Dokumentarfotografie im Internet vor 12 Jahren

Der Kampf um Mannesmann - Webseite von Michael Mahlke

Der Kampf um Mannesmann – Webseite von Michael Mahlke

Wer hätte 1999 und 2000 daran gedacht, dass das Internet einmal in dieser Form als Informationspool dienen könnte? Was wäre eigentlich passiert, wenn es damals schon Facebook und Google gegeben hätte?

Wer damals schon mit Computern lebte, der hatte als Highlight Windows 98 und höchstens Monitore mit 13 oder 15 Zoll. Alles andere war nicht bezahlbar. Webseiten waren in der Regel im Format 640×480 Pixel. Und die Kosten für die Datenübertragung im Internet waren immens hoch.

Damals (1999/2000) fand in Remscheid der Kampf um das Stammwerk von Mannesmann statt. Und es war eine – wenn nicht die Geburtsstunde – für engagierte Dokumentarfotografie im Internet. Ja, das Ziel war zu informieren, um Öffentlichkeit und Solidarität mit der Bevölkerung zu erhalten.

Ich stellte die Domains solidaritaet.de und solidarisch.de zur Verfügung, programmierte die gesamte Webseite und mit den ersten benutzbaren Digitalkameras machte ich Fotos. Später wurde dies noch um die Bilder von Herrn Brandt und Herrn Brand ergänzt.

Es war natürlich fotografisch digital viel weniger möglich als die heutigen technischen Möglichkeiten zulassen. So entstand eine digitale fotografische Dokumentation. Die einen nennen es Dokumentarfotografie, die anderen sozialdokumentarische Fotografie. In allen Fällen ist es eine der ersten Webseiten, wenn nicht die erste, mit Dokumentarfotografie im Internet gewesen.

Damals gab es Digitalkameras mit maximal 3 Megapixel Auflösung und in der Regel waren Fotos auf Speichermedien in der Größe von maximal 640×480 oder 320×240 Pixel gespeichert. Alles andere war unbezahlbar. Nur als Hinweis. Eine Speicherkarte (CF) mit 32 MB (nicht GB) kostete damals in meiner Erinnerung ca. 200 DM.

Es entstand damals eine komplette Webseite über einen Kampf, der die Menschen und eine Region bewegte.

Diese Tradition wurde in meinen Augen nur sehr rudimentär von den beteiligten Organisationen weiterentwickelt. Aber die damaligen Fotografen (Michael Mahlke, Lars Jorma Brandt, Gerhard Brand) haben damit ein Stück sozialdokumentarische Fotografie im Internet geschaffen – was sich aber erst 12 Jahre später mit entsprechendem Abstand zeigt.

So hat die digitale Fotografie im Internet ihren Platz in der Geschichte der Menschen, die ihre Geschichte nicht aus freien Stücken machen aber selbst, durch Mitmachen, Zulassen oder Unterlassen.

Diese Dokumentation gab es nie gedruckt. Sie ist eines der ersten Produkte des digitalen Zeitalters. Dies ist dann übrigens auch eine neue Herausforderung für Fragen der Dokumentation von Geschichte und Geschehen.

Falls so etwas möglich ist, möchte ich diese Webseite denen widmen, die damals dabei waren und deren Familien.

Dieser Kampf ist auch historisch höchst interessant. Wenn man rückblickend überlegt, wer damals schon was wusste, was man damals nicht wusste – aber das ist ein anderes Thema.

Hier geht es um dokumentierende Fotografie. Um die Webseite richtig ansehen zu können, sollten Sie die Bildschirmauflösung auf ihrem Monitor oder Notebook auf 640×480 oder 800×600 Pixel umstellen (bei Windows Rechtsklick auf dem Desktop und Bildschirmeigenschaften/Auflösung, bei Apple links oben auf den Apfel, Systemeinstellungen/Monitor). Dann wirken auch die Fotos anders, nämlich so, wie es auch eigentlich gedacht war.

Sie finden die Webseite u.a. hier.

Nichts kommt von selbst – 15 Blicke auf das Arbeitsleben – eine Fotoausstellung

Die Lebenden sind nicht nur Zeitzeugen sondern „schreiben“ durch ihr Handeln auch die Geschichte. Es sind 15 Bilder, die die Entwicklung einer Region (Bergisches Land ca. 2000 bis 2010) und die Erlebnisse der Menschen am Beispiel von Teilbereichen der Industrie zeigen. Die 15 Fotos dieser Fotogeschichte zeigen den Arbeitsalltag und die Erlebnisse von Menschen in der Industrie. Sie zeigen, wie Demokratie im Betrieb funktioniert und sie zeigen, dass nichts von selbst kommt. Sie zeigen noch viel mehr, aber das sollte jeder selber spüren beim Anschauen dieser Fotos.


Ich widme diese Fotogeschichte den Menschen, die sich unternehmerisch und sozial einsetzen. Denn es ist ihre Geschichte und ihre Lebenszeit.

Vom Foto zur Fotoikone oder Monika liefert das Foto ihres Lebens

Das scheint das Schicksal von Fotografinnen und Fotografen zu sein: einmal ein Foto, welches berühmt macht.

Amy Weston hat es geschafft mit einem Foto, das unscharf und undeutlich ist und dennoch eine Geschichte erzählt. Auf Spiegel online ist dies in einem sehr schönen Artikel mit dem Titel „Spring, Monika, spring“ niedergeschrieben worden.

Ich frage mich aber, warum exakt die Kamera und das Objektiv dabei angegeben werden. Ein Schelm, wer dabei an  PR denkt, zumal das Foto für mich undeutlich wirkt. In anderen Internetmagazinen ist die Geschichte auch erzählt, aber ohne  so detailliert die Kamera zu erwähnen, zum Beispiel bei Hollywoodreporter und im Guardian.

Doch immer wieder wird in diesem Moment die Frage gestellt, warum hat man nicht geholfen sondern fotografiert?

Ein Fall, bei dem dies in einer schrecklichen Tragödie endete, war Kevin Carter. Auch Kevin Carter machte ein Bild, das weltweit berühmt wurde. Doch was sich daraus entwickelte war zum Schluß nicht schön.

Und sagt ihnen Sebastião Salgado etwas? Ein Fotograf, der zufällig das Attentat auf Ronald Reagan aufnahm. Das war der Beginn seines fotografischen Lebens mit eindrucksvollen Fotoprojekten.

So leben wir in einer sehr paradoxen Welt. Es braucht erst das Foto eines schrecklichen Ereignisses, welches als Metapher von den Medien für das Ereignis gewählt wird.

Dies ist möglicherweise dann der Aufstieg der jeweiligen Fotografin oder des jeweiligen Fotografen in den Ruhm und das Geld.

Aber der Weg zum berühmt machenden Foto zu einem Foto, das zur Fotoikone wird, ist weit. Ein gutes Beispiel ist für mich das Foto von Thomas Hoepker vom Attentat am Ground Zero. Er äußerte sich selbst dazu, was mit dem Foto geschah und was eine Fotoikone ausmacht.

Und es war eben nicht das direkt publizierte Foto von dem Ereignis, es war ein Foto, welches erst später publiziert wurde und sich dann ins Gedächtis einbrannte.

So dürfen wir ein aktuell bekanntes Foto nicht mit einem Foto verwechseln, welches zur Fotoikone wurde. Und dies wird immer wieder geschehen und ist immer wieder spannend.

Und wir dürfen gespannt sein, was Amy Weston aus dem Sprung von Monika macht …

 

 

 

Tottenham als Beispiel oder „kollektive Bildreportagen“

Die Proteste in Tottenham sind auf vielen Fotos zu finden. Bemerkenswert ist ein Nachrichtenartikel auf Yahoo.de, der den Artikel um Fotos Dritter auf Flickr gruppiert.

Wer auf Flickr.com „Tottenham“ eingibt, der erhält viele Suchergebnisse.

Canon Powershot SX10IS, EOS 50 D, Panasonic GF2, viele andere Kameras und Handyfotos zeigen hier, wie man auf einer Fotoplattform eine kollektive Bildreportage erstellt.

Natürlich soll dies alles auch als Geschäftsmodell dienen. Daher sind sehr viele Fotos nur nutzbar, wenn man sie über getty images kauft. Aber bei flickr selbst kann man sie ja alle kostenlos anschauen. Dadurch entsteht nicht nur ein Bild, sondern so etwas ist neu.

Es ist auch anders als bei Facebook, das  eher ein kommunikatives Adressbuch und Terminbuch ist, welches nur nach Anmeldung nutzbar ist, im Gegensatz zu flickr, wo jeder freigegebene Fotos sehen kann ohne Anmeldung.

Die Fotos bei flickr sind nur möglich in einer Demokratie mit einer solchen für jeden zugänglichen Software und durch die Erfindung der Digitalfotografie mit Kameras und Handys.

Natürlich muß man die Frage stellen, inwiefern „zensiert“ flickr. Man muß auch die Frage stellen, wo gibt es überhaupt Internet, das so zugänglich ist. Das will ich hier nicht diskutieren, weil dieser Artikel die Fotografie dabei als Thema hat, aber es gehört dazu.

Fakt ist für mich aber, dass hier schon länger auf solchen Fotoplattformen etwas medial Neues entstanden ist.

Tottenham ist natürlich nicht die erste kollektive Bildreportage. Aktuell müsste man bei flickr z.B. nur „Somalia“ „refugees“ oder anderes eingeben, dann kommen sehr viele Suchergebnisse. Nicht alle sind dokumentarisch aber viele authentisch.

So ergeben sich aus der Digitalfotografie neue Möglichkeiten der Information durch Bilder und hier durch eine „kollektive Bildreportage“ zum aktuellen Zeitgeschehen.

Wahre Helden von Jörg Boström und Jürgen Heinemann

„Die westdeutsche Industrie befand sich in einer tiefen Krise, als Prof. Jörg Boström und Prof. Jürgen Heinemann Ende der 70er Jahre bis Anfang der 90er Jahre mit ihrer Kamera die industrielle Arbeitswelt in verschiedenen Betrieben Westfalens dokumentierten.“

Dieser Satz aus der Einführung von Willi Kulke zeigt den Rahmen dieses Buches. Es ist ein Buch, welches nur durch Drittmittel finanziert werden konnte und eher die Form einer Paperbackbroschüre hat.

Das ist sehr schade, weil es sich um ein sehr interessantes fotografisches Dokument unserer Industriegesellschaft handelt. Von der Brauerei Felsenkeller in Herford über die Zeche Haus Aden, die Heinrichshütte in Hattingen, die Zeche Minister Stein, Thyssen Stahl AG in Bielefeld, die Miele-Werke, die Dürkoppwerke bis zur Weberei C.A. Delius und noch einige mehr sind in diesem Buch Fotos in Farbe und Schwarzweiss versammelt.

Die Fotos dokumentieren eine schon verschwundene Zeit bzw. teilweise gerade noch im Verschwinden begriffene Zeit. Es sind Bilder über Menschen in industriellen Arbeitsverhältnissen. Dadurch ist dieses Buch ein fotografisches Geschichtsbuch.

Aber dieses Buch hat natürlich noch eine andere Dimension. Alle Fotos wurden von zwei Professoren für Fotografie gemacht. Dadurch erhält das Buch automatisch eine Dimension, die nach der Qualität der Aufnahmen fragt. Und dabei sind verschiedene Aspekte sehr interessant. Erstens sind es analoge Aufnahmen, zweitens sind es Farb- und Schwarzweissaufnahmen und drittens geht es um die Frage der Inhalte auf den Fotos.

Was man zuerst feststellen kann, ist keine Überraschung: man konnte auch schon vor der digitalen Kamera gute Fotos machen. Gerade die Arbeitsplätze waren ja meistens keine gut beleuchteten Fotostudioplätze, sondern es mußte mit dem vorhandenen Licht und eventuell einem Blitz gearbeitet werden.

Ebenso interessant ist die Mischung aus Schwarzweiss und Farbe. Womit werden dokumentarische Fotos am besten gemacht? Das Buch zeigt, es ist beides möglich. Offenkundig ist aber, dass die Farbe nicht automatisch besser ist.

Damit komme ich zum dritten Punkt und frage, was auf den Fotos zu sehen ist. Prof. Jörg Boström und Prof. Jürgen Heinemann zeigen Menschen. Wenn ich das richtig sehe, steht auf allen Fotos (bis auf eines) der Mensch im Mittelpunkt. Der Mensch am Arbeitsplatz und vor allem mit Gesicht. Hier sind zwar namenlose aber keineswegs anonyme Bilder entstanden. Hier sieht man Menschen mit Gefühlen: lachend unter Tage, schwitzend am Tisch, erschöpft am Band, konzentriert am Steuerpult etc.

Die Fotos leben. Ich traue mich dabei gar nicht nach dem heutigen Recht am eigenen Bild zu fragen. Wahrscheinlich wären diese Fotos mit dem heutigen juristischen Denken so nur noch sehr mühsam möglich.

Dieses Buch dokumentiert Aspekte des Arbeitslebens in unserer Industrie wie sie war und nur noch vereinzelt ist. Es ist ein fotografisches Geschichtsbuch. Es ist aber auch eine Art fotografisches Lehrbuch für dokumentierende Sozialfotografie.

Wie wurde fotografiert, worauf wurde geachtet, was steht im Mittelpunkt?

Das Buch ist fotografisch und historisch sehr lohnenswert, zumal es wirklich engagiert und durchgängig Menschen bei der Arbeit an Maschinen zeigt. Es ist eines der wenigen systematisch aufbereiteten Zeugnisse einer Zeit, die vergangen ist oder gerade vergeht.  Es entstand in Zusammenarbeit mit dem LWL-Industriemuseum in Lage und ist ein echtes Stück Dokumentarfotografie.

LWL-Industriemuseum

Wahre Helden

Fotografien von Jörg Boström und Jürgen Heinemann

ISBN 978-3-8375-0414-9

Aghet oder wie wichtig Fotos sein können

Bis heute scheint die türkische Regierung zu leugnen, dass im Ersten Weltkrieg die damalige Regierung einen Völkermord an den Armeniern beging. Wie wichtig in solchen historischen Fragen Augenzeugenberichte und Fotos sind, zeigt der Fernsehfilm Aghet auf arte.

 

Aber dieser Film hat auch filmtechnisch eine neue Dimension. Um dies alles lebendig zu gestalten sprechen Schauspieler Augenzeugenberichte. Dazu gibt es mit z.T. Ken Burns ähnlichen Effekten dargestellte Fotos. Es ist im Prinzip eine Audioslideshow fürs Fernsehen.

Die Produktion Aghet zeigt sehr deutlich, wie wichtig dokumentierende Fotografie sein kann. Die fürchterlichen Gemetzel und die Augenzeugenberichte über die Gemetzel helfen sehr, das tatsächliche Geschehen des Völkermordes an den Armeniern darzustellen. Aber die verbliebenen und nun gezeigten Fotos machen erst visuell deutlich, was damals geschah.

Darüber hinaus zeigt sich auch, dass Fotografie auch digital letztlich weiter den Druck nutzen muß. Vieles muß auf Papier – oder wie hier auf Glasplatten – aufbewahrt werden, um auch noch Jahrzehnte später Zeitgeist und Entwicklung aufzeigen zu können.

 

6mois oder wie die Fotoreportage ins Fernsehen kommt

6mois ist ein neues französisches Magazin. Es bietet Fotoreportagen. Bei arte wird darüber regelmässig berichtet. Das ist insofern bemerkenswert, weil ein gedrucktes Magazin jetzt multimedial aufbereitet ins Fernsehen und Internet kommt.

Die multimediale Aufbereitung der im Heft gezeigten Fotos ist ebenfalls sehr interessant. Es scheint so, als ob nach dem Soundslides Prinzip vorgegangen wird: erst wird eine Tonspur erstellt und dann werden Fotos eingefügt. Die Fotos werden dann durch Zoomen optisch bewegt. Dies erinnert mich sehr an Ken Burns und seine Effekte.

Insgesamt finde ich dieses Projekt richtig gut. Denn es nutzt das Foto und die Reportage so wie man sie heute multimedial nutzen kann. Vor allem wird auch deutlich, dass es keines Videos bedarf, um einen sehr guten Sachbeitrag zu erstellen.

Es ist sehr interessant und macht Lust auf mehr. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob dies ein neues Geschäftsmodell für kritischen und guten Fotojournalismus werden kann. Ich denke schon, weil hier viele Dinge gezeigt werden können, die man mit einem gedrehten Videofilm nicht (so) machen könnte. Hier ist wirklich weniger mehr.

Abschließend noch eine Bemerkung. Solange es das Internet nicht gab, hätte mir das Heft gereicht. Aber in diesem Fall bin ich über die Audioslideshows auf arte zum Heft gekommen. Das Heft hat viel mehr Informationen. Es ist allerdings nur auf französisch und damit nicht international ausgerichtet. Englisch wäre hilfreich gewesen. Man merkt aber sofort, dass man mit einer Audislideshow und Ken Burns Effekten viel mehr aus einem Foto machen kann als dies gedruckt möglich ist.

Insgesamt muß ich feststellen, dass es digital neben dem Video als echte Alternative Audioslideshows gibt. Diese brauchen das Foto und vermitteln damit Informationen in einer Weise, die als Video nicht so brauchbar wären. Es zeigt sich auch hier, dass der Weg nicht linear vom Druck zum Video geht, sondern parallel Druck, Audioslideshow und Video existieren. Es kommt eben immer auf die richtigen Mittel bei der Darstellung eines Stoffes an.

Wo gibt es aktuelle gute sozialdokumentarische Fotografie?


Ja, es gibt sie noch, die sozialdokumentarische Fotografie. Wo? Dort wo sie das macht, was sie soll, nämlich aktuell und engagiert zu sein, zum Beispiel bei Ärzte ohne Grenzen im Magazin AKUT.

Wenn wir uns die aktuelle Nummer 1-2011 betrachten, dann sehen wir ein Bild mit einem Schild „Waffen verboten“ im Vordergrund und dahinter eine dörfliche Szene. Das Bild von Spencer Platt ist so gestaltet, dass der Schatten des Verandabalkens in der linken unteren Ecke endet und zugleich umgekehrt den Blick ins Bild zieht.

Ähnlich interessant ist das Bild auf Seite 3, ebenfalls von Spencer Platt. Es gibt viele Personen, aber nur eine ist erkennbar. Dadurch sind die Persönlichkeitsrechte der Personen nicht verletzt. Ich vermute, dass das Bild entweder mit einem Lensbaby aufgenommen wurde oder einem nachträglichen Filter so bearbeitet worden ist. Wie auch immer. Die exakte Schärfe auf dem Logo von Ärzte ohne Grenzen, die Drehbewegung der Person und der darum fließende Panning-Focus zeigen die Dynamik der Situation und jeder erkennt, worum es geht.

Auf Seite 6/7 sieht man ein Foto von Cédric Gerbehaye. Es zeigt die Garnisonsstadt Malakal. Das Foto hat es in sich. Es hat eigentlich einen schiefen Horizont. Aber interessanterweise schadet dies dem Bild nicht. Es ist so gestaltet, dass die Elektroleitung direkt aus der rechten oberen Ecke in das Bild hineinzieht und den Blick des Betrachters im linken Drittel fängt. Man hat sogar das Gefühl, dass dieses Bild gerade ausgerichtet seine Aussage eher verwässern würde, denn irgendwie ist an dieser Stelle alles schief.

Es gibt dort noch mehr Fotos, die allesamt zeigen, dass die visuelle Grammatik des Sokrates auch heute noch die Grundlage für solch gute Fotos ist. Und oft sagen diese Fotos mehr als tausend Worte, in diesem Fall dokumentieren sie die Arbeit der Organisation Ärzte ohne Grenzen.