Dokumentarfotografie

Dokumentarfotografie – was ist Dokumentarfotografie?

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Was ist denn nun eigentlich Dokumentarfotografie?

Wenn Fotos eingeordnet werden sollen wird die Frage wichtig, zu welcher Art der Fotografie ein Foto denn nun gehört. Und wenn ich wissen will, was ich warum fotografiere ist dies ebenso entscheidend.

Wenn ich meinen eigenen Artikel von 2011 zu diesem Thema durchlese, dann hat Dokumentarfotografie heute eine teilweise neue Richtung bekommen.

Ich würde sagen vom Dokumentieren eines Ausschnitts aus der Wirklichkeit geht es zur Darstellung des Dokumentarischen bis zur dokumentarischen Darstellung.

Was heisst das?

Im Lateinischen hieß documentum beweisende Urkunde.

So sollte Dokumentarfotografie beweisen, daß etwas geschehen ist.

Das hat sehr gut die englische Wikipedia formuliert:

„The figure most directly associated with the birth of this new form of documentary is the journalist and urban social reformer Jacob Riis. Riis was a New York police-beat reporter who had been converted to urban social reform ideas by his contact with medical and public-health officials, some of whom were amateur photographers. Riis used these acquaintances at first to gather photographs, but eventually took up the camera himself. His books, most notably How the Other Half Lives of 1890 and The Children of the Slums of 1892, used those photographs, but increasingly he also employed visual materials from a wide variety of sources, including police „mug shots“ and photojournalistic images.

Riis’s documentary photography was passionately devoted to changing the inhumane conditions under which the poor lived in the rapidly expanding urban-industrial centers. His work succeeded in embedding photography in urban reform movements, notably the Social Gospel and Progressive movements. His most famous successor was the photographer Lewis Wickes Hine, whose systematic surveys of conditions of child-labor in particular, made for the National Child Labor Commission and published in sociological journals like The Survey, are generally credited with strongly influencing the development of child-labor laws in New York and the United States more generally.“

Jakob Riis war der erste Fotojournalist Amerikas, wenn man so will. Er blieb zeitlebens arm und dokumentierte das Leben der Armen.

Rudolf Stumberger schreibt dazu u.a.:

„Der aktuelle Gebrauchswert der Fotografien von Riis und Drawe entfaltete sich vor allem im narrativen Zusammenhang der Vorträge, sie dienten als authentischer Beleg für die geschilderten sozialen Sachverhalte. Was zwar bisher schon in Holzschnitten und Zeichnungen in Zeitungen und Magazinen zu sehen gewesen war, gewann nun eine eigene Qualität kraft der »Unmittelbarkeit« der Bilder. Die unteren sozialen Klassen und ihr Elend wurden – durchaus in sozialreformerischer Absicht – so vermittelt dem bürgerlichen Publikum vorgeführt. Die Fotografien dienten als Verstärkung eines appellativen Kontextes, der »ganz auf die Selbstregulierungskraft des Systems und die Beseitigung der Probleme durch eine verantwortungsbewußte und vor allem informierte Bürgerschaft« setzte. Obwohl Riis am eigenen Leibe erlebte, wie auf streikende Arbeiter geschossen wurde und ihm auch selbst als Arbeitssuchender übel mitgespielt wurde, vertraute er doch eher auf die göttliche Gerechtigkeit und auf amerikanischen Tugenden als auf die politische Organisation der Unterklassen: »The Lord Chief Justice over all is not to be tricked. If the labor men will only remember that, and devote, let us say, as much time to their duties as to fighting for their rights, they will get them sooner.«
Öffentlichkeitswirksam wurden die Fotografien neben den Lichtbildvorträgen in Zeitungsartikeln und Buchpublikationen: 81 der Fotografien von Drawe erschienen 1908 in den »Quartieren« im Halbtonverfahren, eine Auswahl war zuvor 1906 auf einer Hygieneausstellung in der Wiener Rotunde zu sehen.“

Fotos als authentische Beläge. Das ist auch heute noch direkt bei Fotos von Tatorten der Fall. Aber auch da kommt es schon auf die Perspektive und den Ausschnitt an. Darauf kommt es aber immer an, weil alle Wahrnehmung subjektiv ist.

Die Authentizität ist also der Wesenskern der Dokumentarfotografie. Dabei geht es um Wirklichkeit.

Regentropfen Foto: Michael Mahlke

Wann wird aus Dokumentarfotografie Fotokunst? – Regentropfen Foto: Michael Mahlke

Interessant ist der folgende Einführungstext:

„Der Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie sieht seinen Schwerpunkt in der »wirklichkeitsbezogenen Fotografie«. Darunter verstehen wir die journalistische und dokumentarische, fotografische Auseinandersetzung mit der Außenwelt, ausgehend von der situativen und örtlichen Realität. Dabei interessiert uns vor allem die persönliche Interpretation der Wirklichkeit. Dies verlangt immer auch die Entwicklung einer Haltung zum Objekt selbst und zum Medium Fotografie.

Dazu suchen wir Studenten mit einem inhaltlichen Interesse an der Welt. Studenten, für die eine Tageszeitung nicht einfach nur Material zum Einwickeln von Fisch ist und die Dieter Bohlens Memoiren nicht für Literatur halten. Die neugierig sind auf die Welt und die Erfüllung nicht im Hocken vor dem Computer sehen. Die wissen, dass MAGNUM mehr ist als nur ein Speiseeis und Cartier-Bresson keine Uhrenmarke. Die streitbar sind und streitfähig. Für die Opportunismus und Angepasstheit der Anfang vom Ende jeder Entwicklung ist und die Loyalität und Solidarität nicht nur buchstabieren können. Und die last but not least die Fotografie leidenschaftlich lieben.“

Hier geht es um „wirklichkeitsbezogene Fotografie“.

Einen Schritt weiter geht die Agentur Hutter und Donner mit ihrer Webseite Fotografie-der-Zeit. Diese Webseite hat meiner Meinung nach alles, was man im SEO braucht, um bei google ganz vorne zu stehen und zugleich Fotos zu vermarkten, die über das Etikett Dokumentarfotografie zu Fotokunst werden (sollen).

Ich finde diesen Ansatz hochintelligent. Ein Artikel über Henri Cartier-Bresson, ein Artikel über Magnum, eine Domain mit assoziativen Namen und Artikel zu den Themen Kunst online kaufen, Online-Galerie, Fotokünstler und dies alles gewürzt mit dem Wissen der Spezialisten aus der digitalen Welt.

So macht man es, das muß man neidlos anerkennen. Und daher dokumentiert diese Webseite auch den Versuch, das Thema als Fotokunst zu etablieren.

Blickt man auf die dort aufgeführten Fotokünstler, dann kommt man im Ergebnis zur „ersten Online-Galerie für hochwertige Dokumentarfotografie“.

Und nun wird es interessant. Dort wird dann unterteilt in „Abstrakt, Dokumentarisch, Inszeniert, Farbe, Schwarz-weiß“.

Offenkundig hat man dort erkannt, daß man zwischen echten Momenten aus der Wirklichkeit und Inszenierungen mit Elementen aus der Wirklichkeit unterscheiden muß.

Wobei die Inszenierungen aus der Wirklichkeit aus der Mode stammen, die damit auch fotografisch punkten wollte.

„Heute werden Models als Terroristen verkleidet, um aufzufallen. Damals verkleideten sich Terroristen als Spießer, um nicht aufzufallen.“

Diese Sätze zeigen sehr schön, daß dies alles schon etwas länger kochte aber schon vorher ein Erfolgsrezept war.

Nichtsdestowenigertrotz finde ich den Ansatz gut, aus realer Dokumentarfotografie auch verkaufsfähige Fotografie zu machen.

Nachrichtenfotos von Ereignissen sind heute durch die socialmedia meistens kostenlos. Der Markt ist ja eingebrochen.

Dokumentarfotografie fängt heute nach der Nachricht bei der Reportage mit bleibendem Wert an oder einzelnen Fotos mit einem besonderen Moment.

Magnum-Fotos sind z.B. bis heute von Cartier-Bresson z.T. auch Fotokunst. Sie zeigen aber eben kein Ereignis sondern etwas Typisches einzigartig ausgedrückt.

Das kann von Cartier-Bresson das Foto mit dem Mann und der Katze in der Häuserschlucht sein oder bei Steve Mccurry der Mann, der bei der Flut bis zum Hals im Wasser steckt und auf dem Kopf seine Nähmaschine trägt.

Ist das Fotokunst?

In meinen Augen ja, es ist dokumentarische Fotokunst obwohl und gerade weil es ein „echtes“ Foto ist, ein ungestellter Moment.

Es ist eben keine inszenierte Fotokunst.

Aber was passiert wenn man die vergangene Wirklichkeit am selben Ort mit der aktuellen Wirklichkeit kombiniert. Das ist dann eine Inszenierung der Wirklichkeit mit der vergangenen Wirklichkeit und wieder etwas anderes aber richtig gut, wie man hier bei Nick Brandt sehen kann.

Insofern kann die Inszenierung als Gestaltungsmittel ein sehr kluges Mittel sein, um Raum und Zeit miteinander zu verbinden. Es kommt eben darauf an, welche Funktion die Inszenierung hat.

Nun denn, diese Bestandsaufnahme zum Thema, was ist heute Dokumentarfotografie, kann Elemente der Zeit aufgreifen, die mit google nicht immer zu finden sind und oft eher bei bing oder eher in Büchern statt in Suchmaschinen.

So ändert sich der Zeitgeist und die Fotografie der Zeit.

Text 1.1

Schwarzweiss in der Reportage – heute noch aktuell?

Nie war die monochrome Fotografie einfacher als heute. Fast jede Software wandelt Fotos in monochrome Fotos um. Schwarzweiß-Fotografie ist auf Knopfdruck möglich, mit Filmkorn, ohne Filmkorn, mit Textur, ohne Textur – einfach wunderbar.

Aber ist das überhaupt noch interessant für Fotos, die etwas zeigen sollen?

Ich habe dies ausprobiert und möchte die Ergebnisse hier zeigen. Es handelt sich um den Rollei Retro 100 Tonal Film, den ich digital „eingesetzt“ habe.

Am Wenzelnberg wurden 71 Menschen ermordet. Die Gedenkfeier dazu fand am 6. April 2014 statt.

1. Foto

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

2. Foto

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

3. Foto

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

4. Foto

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

5. Foto

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Wie wirken diese Fotos?

Sind sie eindrucksvoller als die farbige Berichterstattung so wie hier?

Sind monochrome Fotos für eine solche Berichterstattung besser?

Oder haben Sie keine besondere Aussagekraft?

Ich denke, es kommt darauf an, was besser gefällt.

Vielleicht sind hier bunte Fotos von Demonstrationen und solchen Kundgebungen die bessere Wahl, weil sie auch die Farben zeigen, die dort bewußt gewählt wurden, um Aussagen zu verstärken.

Aber das Foto von Sylvia Löhrmann gefällt mir schwarzweiss besser als in Farbe obwohl die rote Brille mit den roten Farben auch einen besonderen Reiz hat.

Nun könnte man ja darauf kommen, das Beste aus zwei Welten miteinander zu verbinden und ein schwarzweisses Foto mit roter Brille und roten Blumen zu kreieren.

Das habe ich abschließend auch probiert.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Aber ob das Beste aus zwei Welten zusammen eine noch bessere Welt ergibt möchte ich bezweifeln.

Mir gefällt das monochrome Foto oder das bunte Foto jeweils auf seine eigene Art besser als dieses kombinierte Foto.

Monochrom bleibt eben monochrom und bunt bleibt bunt.

Schwierige Lichtverhältnisse in der Fotografie am Beispiel der Grenzen der Fuji X10

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Tageslicht und Kunstlicht, Deckenstrahler und Beamerlampe, abgedunkelter Raum vorne und offenes Licht durch das Fenster von hinten – eine absolut extreme Lichtsituation als Voraussetzung für den Einsatz. Es war soweit. Nun mußte die Fuji X10 zeigen, was sie konnte.

Hinzu kam die Vortragssituation. Bei einer solchen Situation muß die Kamera nicht nur diskret und still sein. Sie muß auch diese Lichtmischung hinbekommen, so daß ein ausgewogenes Bild zustandekommt.

Und natürlich ohne Blitz!

Denn das ist ja gerade die Herausforderung: das Licht und die Situation so einzufangen wie man es gerade vorfindet.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Das Foto mit der Frau vor der Leinwand: Solche Schattenspiele sind eine Variante, die sich aber auch nur in dieser Gestaltung anbietet.

Hier ging es mir darum, den schönen Hut mit dem feinen Netz und die Gestaltung des Kopfes zu zeigen. Da bot sich das Schattenspiel vor der Leinwand an.

Welche Messmethode, welche Einstellung, welche Blende sind hier am besten?

Es kommt darauf an, was für ein Foto ich haben möchte.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Hier spricht der Chef des Kunstmuseums Solingen. Das Foto wurde aus einer RAW-Datei entwickelt und zeigt alles so wie ich es sah.

Da das Licht von hinten kam war sein Gesicht auch nicht voll ausgeleuchtet.  Ich saß ca. 15 Meter entfernt und hatte die Fuji mit Blende 2.8 auf 112 Millimeter. Es wurde lediglich hinterher per Software automatisch die Beleuchtung der RAW-Datei vorgenommen, so daß so das Ergebnis so aussieht wie es war.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Hier ist das Ganze noch mal mit dem Abwedeln-Pinsel im Gesicht nachbearbeitet. Ich habe das Gesicht aufhellt. So hell und gut sichtbar war es eigentlich gar nicht aber zumindest sieht man, was möglich ist (wobei es für mich schon grenzwertig ist und mir das Bild ohne Aufhellung besser gefällt).

Aber es geht auch einfacher.

fujlicht9

Man braucht die Fuji nur auf Umgebungslicht zu stellen. Dann gibt es zwar keine RAW-Dateien aber es gibt fertige Fotos. Die sehen dann so aus:

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Das größere Foto im Hintergrund ist die Version, die direkt aus der Kamera kam. Die kleinere und aufgehellte Version ist die, die ich einfach mit dem Aufhellen der Schatten im Foto innerhalb von 5 Sekunden erzeugt habe.

Allerdings muß ich noch einmal betonen, daß die aufgehellten Gesichter nicht der tatsächlichen Wahrnehmungssituation entsprechen, weil von hinten die Personen durch direktes Tageslicht „beleuchtet“ waren und das Fotografieren gegen das Licht ohne Blitz nicht so einfach ist.

Für mich war die Fuji genau richtig. Sie löste alle Probleme:

  • Sie schaffte es bei schlechtem Licht zu fokussieren.
  • Sie erstellte Fotos, die die echte – schwierige – Lichtsituation wiedergeben.
  • Sie war sehr diskret und leise durch den Sucher und das Ausschalten des Monitors.
  • Der Akku hielt dadurch extrem lang.
  • Die Fotos konnte ich entweder selbst gestalten mit RAW und JPG oder der Kamera überlassen.

Für Reportage und einfache Drucke in Magazinen und natürlich im Web reichen die Ergebnisse allemal, auch bei Bildausschnitten.

Umgekehrt würde ich die Kamera nicht mitnehmen auf eine Klettertour in den Alpen.

Die Fuji ist eine Kamera für extreme Lichtsituationen. Sie ist nicht unbedingt eine Kamera für extreme Outdoor-Situationen mit wechselndem Wetter etc.

Aber als Reportagekamera für das klassische diskrete Fotografieren mit Sucher ist sie optimal. Und sie hat eine der extremsten Lichtsituationen wirklich gut gemeistert.

Sie braucht allerdings Licht. Sie ist nicht für lichtloses Fotografieren gemacht. Das ist aber auch nicht der Sinn der Lichtmalerei.

 

 

Menschen hinter den Kriegen – Kriegs- und Krisenfotografie von Ursula Meissner

Ursula Meissner im Kunstmuseum Solingen - Foto: Michael Mahlke

Ursula Meissner im Kunstmuseum Solingen – Foto: Michael Mahlke

Dr. Justinus Maria Calleen hatte den richtigen Blick als er Hajo Jahn von der Else-Lakser-Schüler Gesellschaft für das Thema Krieg und Krisen und 1914 bis 2014 die Fotografin Urusla Meissner und ihr Werk empfahl. Es zeigt das Kernthema des menschlichen Beisammenseins bis heute und ist der fotografische rote Faden.

Und so war es heute der Tag der offiziellen Eröffnung und interessanten Vorträge, die Lust auf Fotos machten.

Ursula Meissner im Kunstmuseum Solingen - Foto: Michael Mahlke

Ursula Meissner im Kunstmuseum Solingen – Foto: Michael Mahlke

Ursula Meissner wurde von Dr. Calleen interviewt und es zeigte sich, daß solche Fotos ohne persönliches Engagement undenkbar sind.

 

Dr. Calllen, Ursula Meissner - Foto: Michael Mahlke

Dr. Calllen, Ursula Meissner – Foto: Michael Mahlke

Ursula Meissner wird noch einige Veranstaltungen des XX Else-Lasker-Schüler Forums „Der blaue Reiter ist gefallen ….“ bis Mitte Mai besuchen und mit diskutieren.

Das Programm dazu finden Sie hier.

Die Ausstellung lohnt sich sehr und ist zusammen mit der direkt daneben liegenden und passenden Ausstellung über Ernst Friedrich eine kaum jemals wieder zu sehende Kombination von Informationen über Krieg seit 100 Jahren und die Rolle der Fotografie.

Sie regt sehr zum Weiterdenken an.

Armut 2.0 in Deutschland – Fotografie zwischen Dokumentation und Kunst

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Armut hat Gesichter.

Doch wir haben mehr als zehn Jahre nach der Einführung von Hartz 4 in Deutschland eine besonders beschämende Situation.

Denn die Armut in Deutschland ist staatlich verordnet.

Selbst wer Arbeit findet, ist meistens schlecht bezahlt und nur befristet eingestellt.

Es sind diese Gesetze, die den ehrlichen Menschen die Chancen nehmen, sie zum finanziellen Abstieg zwingen und jeden Arbeitslosen, der dieses Sozialsystem vorher mitfinanziert hat, diskriminieren.

Hartz 4 – Alg 2

Hartz 4 ist die herzlose Antwort der Asozialen auf die sozialen Herausforderungen in Deutschland nach der Wiedervereinigung.

Wie geht man damit nun fotografisch um?

Man kann es ignorieren und nicht fotografieren.

Man kann es auch fotografieren wollen, aber keine Gesichter dazu finden oder man macht die Gesichter – selbst wenn man sie im öffentlichen Raum findet – dann doch unkenntlich.

Die mögliche soziale Stigmatisierung hat in den letzten Jahren dazu geführt, daß es zu diesem Thema so gut wie keine sozialdokumentarische Fotografie gibt.

Das, was bekannt ist, ist eher anonyme Armutsfotografie, die symbolhaft vorgeht.

Armut 2.0

Armut 2.0 ist Armut in hochentwickelten Ländern wie Deutschland, die den echten Sozialstaat abschaffen und durch eine Armenspeisung mit diktaturähnlichem Überwachungssystem ersetzen.

Wie kann man diese gesellschaftlichen Zustände festhalten?

Ich habe dazu eine kleine Webwanderung durchgeführt und möchte die interessanten Beispiele hier vorstellen.

Obdachlosigkeit

Unter Anleitung von Andreas Herzau hat dazu Anna Stumpf eine Fotoserie mit dem Titel „Trügerisches Idylle“ vorgestellt. Sie schreibt auf ihrer Webseite dazu: „Nach dem Armutsbericht der Bundesregierung sind 330.000 Menschen in Deutschland wohnungslos. … Der Bremer Hauptbahnhof bildet das im Takt des Alltags pulsierende Herz der Stadt. Der daneben ansässige ehemalige Güterbahnhof bietet einen Rückzugsort für Obdachlose. Vermeintliche Müllberge entpuppen sich als stille Zeugen einer Gesellschaft, die neben unserer existiert.“

Genau diese Dokumentation ist besonders bemerkenswert, weil der liebe Herr Steinmeier als Architekt der Hartz-Gesetze eine Dissertation mit dem Titel „Bürger ohne Obdach: zwischen Pflicht zur Unterkunft und Recht auf Wohnraum; Tradition und Perspektiven staatlicher Intervention zur Verhinderung und Beseitigung von Obdachlosigkeit“ erstellt hat.

Und dann sind in Deutschland 330.000 Menschen offiziell obdachlos?

Diese Fotoserie ist damit viel mehr als nur eine fotografische Momentaufnahme. Sie dokumentiert darüber hinaus das absolute Versagen der politischen Klasse am Beispiel von Frank-Walter Steinmeier und ist damit hochpolitisch und aktuell.

Wahrnehmung von Armut

Ist Armut bei uns schon selbstverständlich?

Bei Masterphotos gibt es eine Serie mit dem Titel Beiläufige Wahrnehmung.

Darin befinden sich auch einige Fotos, die zeigen, wie selbstverständlich heute Armut im öffentlichen Raum vorhanden ist und gar nicht mehr darauf reagiert wird. Sie ist nicht mal mehr einen bewussten Blick wert, könnte man sagen. Und genau dies wird dort fotografisch festgehalten.

Verarmte Wohnviertel

Schon etwas älter ist die Serie von Jonas Bendiksen zum Thema „Slums des 21. Jahrhunderts.“ Diese Serie setzt Deutschland in ein Verhältnis zu anderen Ländern, weil sie international angelegt ist und keine Fotos von Deutschland zeigt.

Hier setzt Steffen Diemer an.  Er hat dies am Beispiel der Bayreuther Strasse in Ludwigshafen umgesetzt. Wir sehen dort wie Menschen leben, die etwas besseres verdient haben als Hartz 4, nämlich echte Chancen.

Verfestigung von Armut

Berichte über die Verfestigung von Armut oder auch strukturelle Armut habe ich nur mit Symbolfotos gefunden.

So gäbe es noch eine Menge zu fotografieren, wenn man nur diese deutschen Verhältnisse in ihrer Wirklichkeit festhalten will.

Aber will man das?

Demos gegen Armut und Hartz 4

Natürlich gibt es viele anständige Menschen, die das dokumentieren wollen und die etwas ändern wollen. Einige davon dokumentieren die vielen Demonstrationen und Kundgebungen auch zu diesem Thema:

UmFairteilen 2
Und so gibt es Projekte und fotografische Aktivitäten von, mit und über Armut und Hartz 4 in Deutschland.

Und noch mehr zu diesem Thema gibt es hier.

 

 

Dokumentarfotografie: Das Duisburger „Stadtmassaker“

Die Welt verändert sich. Deshalb verändern sich auch die Städte und die Interessen der Menschen in den Städten. Die Stadt Duisburg hatte und hat zwei Probleme, die bis heute überregional medienwirksam sind, die Loveparade und die Stadtentwicklung am Beispiel von Duisburg Bruckhausen.

Roland Günter

Roland Günter hat dazu ein Buch geschrieben „Stadtmassaker und Sozialverbrechen. Studie zur Kommunalpolitik am Fallbeispiel Stadtzerstörung und Stadtentwicklung in Duisburg“.

Dieses Buch ist in der Reihe „Einmischen und Mitgestalten“ erschienen und wurde im Klartext-Verlag veröffentlicht.

  • In China werden die Menschen einfach vertrieben ohne Hilfsleistungen zu erhalten.
  • Im Braunkoheltagebau in Deutschland werden Dörfer komplett umgesiedelt und alle Kosten für die Bewohner übernommen.
  • Und unter der Frage des Rückbaus von Städten und dem Rückbau von Stadtteilen werden nun ohne große Hilfe für die Menschen ebenfalls Umsiedlungsaktionen von einzelnen Kommunen beschlossen.

Dies hat in Duisburg sehr viel Unmut ausgelöst und wurde und wird auch fotografisch dokumentiert. Deshalb schreibe ich auch darüber.

Das Buch von Roland Günter ist ja unter wissenschaftlichen Aspekten völlig verrissen worden.

Wenn man das Buch mit dieser Messlatte anpackt, dann wird man dem Buch nicht gerecht und geht an der Substanz des Buches vorbei. Denn die Realität besteht nicht aus Fußnoten und eigenes Erleben ist ebenfalls kein Fall für Fußnoten. Bliebe die Frage, ob das Buch ein wissenschaftliches Standardwerk sein will?

Sicher nicht – ganz im Gegenteil.

Das Buch ist zwei Bücher, wenn man so sagen kann.

Es ist einmal eine Streitschrift im besten Sinne im politischen Prozess und formuliert Positionen und beschreibt Vorgänge. Dazu zitiert der Autor aus Schreiben an ihn und andere und er schildert Erlebnisse, die er hatte.

Dazu braucht man keine Fußnoten.

Es geht ihm vielmehr darum, „aufzustehen gegen das, was in Duisburg und anderswo geschieht.“

Katrin Susanne Gems und Gerda Sökeland

Günter verweist dabei auf das Internet  und die Adressen geschichtswerkstatt-duisburg-nord.de und deutscherwerkbund-nw.de.

Man findet dort viele Fotos und Informationen. Einen Teil davon findet man auch im Buch. Katrin Susanne Gems und Gerda Sökeland haben hier dokumentarische Fotografie publiziert, die die Veränderungen und das Verschwundene festhalten soll.

Roland Günter

Roland Günter

Wenn man das Buch rumdreht, dann ist es ein anderes Buch mit dem Titel „Kein Stadtmassaker und Sozialverbrechen, sondern eine Visionäre Stadt“ – also eine positive Utopie.

Dort entwirft Roland Günter eine „visionäre Stadt“ und benennt die Baustellen, die bearbeitet werden müssten.

Das Buch ist dick, es ist interessant und die Fotos sind es auch. Es knüpft in meinen Augen an eine aufklärerische und emanzipatorische Tradition an, die einstmals soziale Bewegungen groß gemacht hat.

Es ist sehr gut, dass es im Umfeld des Buches einige Internetadressen gibt, die dokumentieren, dass etwas passiert.

Redpicture

Noch interessanter sind dabei die Aufnahmen von Redpicture auf flickr und an anderen Stellen. Denn dort dokumentiert er den Prozess des Ganzen.

Man sieht also nicht nur die Situation sondern darüber hinaus auch die Dokumentierenden und Aktiven in dieser Situation. Das ist unabhängig vom Erfolg dieses sozialen Kampfes gute Dokumentarfotografie.

Allerdings geht Redpicture weit über dieses Ereignis hinaus und dokumentiert auch viele andere öffentliche Ereignisse, die man sonst kaum sehen würde. So lohnt sich der Besuch seiner fotografischen Webseiten vielfach, weil er sozialdokumentarische Fotografie und fotojournalistische Arbeit in klassischer Art und Weise macht, die so in Videos nicht möglich wäre.

Würden nur halb so viele Menschen zu einer Demo für Bruckhausen kommen wie auf der Loveparade waren, wäre die Frage des Stadtteils und der Stadtentwicklung sicherlich geklärt. Aber das ist ein Zeichen einer neuen Zeit.

Fotos und Videos

Wie unterschiedlich die Berichterstattung zwischen Fotos und Videos ist und wie verschieden dabei die Schwerpunkte sind, kann man sehr schön sehen, wenn man sich zu dem Thema  ein Video anschaut. So stehen Möglichkeiten und Grenzen – auch inhaltlich – von Videos und Fotos direkt nebeneinander. Es sind sich ergänzende Bereiche, die zusammen mehr zeigen als jeder Teil für sich allein. Und manches kann besser mit Fotos, anderes besser als Video gezeigt werden.

Vielleicht schon prophetisch schreibt Günter in der Einleitung „Es gehört zu den wichtigen Fähigkeiten des modernen Menschen, mit der Unsicherheit zu leben. Trotzdem zu handeln. Mit der Substanz der Menschenwürde und einer Vorstellung des Gemeinwesens.“

In diesem Sinne

 

 

Dokumentarfotografie konkret – Die Auguststrasse in Remscheid

… oder wenn Architektur und Stadtgeschichte sichtbar werden.

Wie kann man Veränderungen dokumentieren? Wie kann man mit Fotos die Veränderungen der Architektur einer Stadt festhalten? Was macht den Charakter der Architektur einer Stadt aus? Was sagt die Architektur über die Geschichte einer Stadt aus?

Alle diese Fragen möchte ich mit einigen Bildern beantworten. Dazu dient mir die  Auguststrasse in Remscheid.

Warum gerade dort? Weil es sich angeboten hat. Die Auguststrasse ist so unbekannt, dass sie genau deshalb sinnvoll ist. Denn es geht nicht um die Dokumentation des Abrisses der Volkskammer in Berlin. Es geht um die Dokumentation von dem, was vor Ort überall immer wieder geschieht. Dokumentarfotografie ist daher überall sinnvoll und das will ich damit zeigen.

Noch etwas zu Remscheid. Remscheid liegt zwischen Düsseldorf und Köln und hat drei Autobahnauffahrten und noch ca. 100.000 Einwohner mit ca. 120 Nationalitäten. Hier ist also die Welt zuhause. Sie liegt im Zentrum einer wachsenden Megalopolis der Rhein/Ruhrmetropolen. Sie ist eine Art Bergdorf des Bergischen Landes und daher trotz der Strassen relativ für sich gelegen.

Remscheid war früher bekannt als die „Seestadt auf dem Berge“ und hatte vor allem Handwerksbetriebe und Industrie und natürlich den Handel. Der hat viele reich gemacht. Der prominenteste Fotograf aus Remscheid ist Wolfgang Tillmans, der aus einer Kaufmannsfamilie stammt, der bekannteste Arzt war Wilhelm Conrad Röntgen und die bekanntesten aktuellen Unternehmen sind sicherlich Dirostahl und Vaillant.

Heute nach der starken Deindustrialisierung der Region und der wachsenden Attraktivität anderer Regionen stellt sich Remscheid aktuell auf eine schrumpfende Bevölkerung ein. Weil das Wetter in Remscheid wie im Sauerland eher feucht ist, ist auch die Bauweise der Häuser früher entsprechend gewesen.

Die Auguststrasse in Remscheid zeigt nun sehr schön, was Dokumentarfotografie festhalten und zeigen kann. Die Wohnsiedlung in der Auguststrasse gehörte der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Gewag.

Diese plante spätestens seit 2008 einen Abriss und eventuell Neubau.

Man sieht hier eine gewachsene Siedlung mit schönen Vorgärten und einer gemütlichen Atmosphäre.

Die Siedlung Auguststrasse 2010 – Foto: Michael Mahlke

Die Haustüren sind so wie man sie hier seit Menschengedenken kennt.

Die Siedlung Auguststrasse 2010 – Foto: Michael Mahlke

Aber die meisten Häuser sind verlassen. Eine Renovierung kam offenbar nicht in Betracht.

Die Siedlung Auguststrasse 2010 – Foto: Michael Mahlke

Hier sieht man die Siedlung mit den gelben Häusern im Jahre 2010:

Die Siedlung Auguststrasse 2010 – Foto: Michael Mahlke

Und hier im Jahre 2012. Die Häuser sind abgerissen:

Die verschwundene Siedlung Auguststrasse 2012 – Foto: Michael Mahlke

Die Häuser, Bäume und Gärten sind verschwunden.

wo Häuser standen ist jetzt Luft

Stattdessen erblickt man nun die dahinter bisher verborgen liegende älteste Architektur von Remscheid:

Die verschwundene Siedlung Auguststrasse 2012 – Foto: Michael Mahlke

Kleine Schieferhäuschen mit Spitzdach und kleinem Garten:

Die verschwundene Siedlung Auguststrasse 2012 – Foto: Michael Mahlke

Auf der anderen Strassenseite wird es ebenfalls noch einmal sehr deutlich. Plötzlich sticht die frühere Architektur und die ursprüngliche Bebauung ins Auge. So sah Remscheid aus bevor die Siedlung an der Auguststrasse gebaut wurde. Von der Vorderseite der Strasse kann man dies nicht so deutlich sehen. Und wenn hier wieder gebaut wird ist dies auch nicht mehr sichtbar.

Im Prinzip sieht man hier drei Etappen der städtebaulichen Entwicklung.

  • Es gab eine ursprüngliche Architektur mit kleinen Schieferhäuschen. Diese war ca. 50/70 Jahre nicht sichtbar.
  • Dafür war in dieser Zeit eine sehr schöne Siedlung der Blickfang. Diese prägte das Leben einer ganzen Generation.
  • Und jetzt wird nach dem Abriss dieser sehr schönen Siedlung der Blick wieder frei auf die ursprüngliche Architektur und es wird etwas Neues entstehen.

Man sieht auch auf einen Blick, was man von Remscheid halten kann. Ob die neue Architektur eher natur- und menschenfreundlich ist wird dann später zu dokumentieren sein.

Mir kommt es in diesem Artikel darauf an zu zeigen, was Dokumentarfotografie kann. Sie kann Veränderungen dokumentieren und festhalten, indem sie Orte und Zustände zu verschiedenen Zeitpunkten festhält.

Das ist wichtig, weil wir sonst nicht mehr verstehen, was einmal war und warum es so geworden ist. Dadurch ersetzt sie bei solchen Themen sogar die Texte. Wir leben zwar in einer Zeit, die eine Art permanenter Gegenwart produziert, aber das wird den Menschen irgendwann nicht mehr reichen.

Und so kann die Dokumentarfotografie ihren Beitrag leisten, um die Entwicklungen festzuhalten oder wie hier sogar den Blick noch einmal so einzufangen wie er vor langer Zeit – vor dem Bau der ersten Siedlung – gewesen sein musste.

 

Der blinde Fleck in der Dokumentarfotografie

Foto: Michael Mahlke

Wenn wir uns die aktuelle Berichterstattung in den Medien anschauen, dann erleben wir eine seltsame Medienkarawane. Sie zieht immer zu den Brennpunkten des Geschehens und suggeriert eine eindimensionale bunte Welt.

Aber das reicht nicht. Die dabei entehende Dokumentarfotografie sollte eigentlich darüber hinaus gehen und da anfangen, wo die Medienkarawane aufhört.

Ich habe zum Thema Tod des kritischen politischen Fotojournalismus an anderer Stelle geschrieben: „Wenn wir über das Internet sprechen und die GEZ bezahlten und privaten digitalen Angebote, dann gibt es weder multimediale Filme über das Geschäft der Grossen und Mächtigen noch Fotos über politische Szenen aus dem Berliner Leben. So gut wie nichts ist an exponierten Stellen zu finden. Was machen die Reporter eigentlich die ganze Zeit?“

Sehr schön hat dies alles Axel Schmidt auf einer Tagung dargestellt. Sein Vortrag zeigt auch die Propagandafotografie, die von der Politik heutzutage betrieben wird. Aber nicht nur das. Der Vortrag ist eigentlich eine der besten Darstellungen aus dem Leben eines Fotoreporters mit all seinen Tücken und Kanten, die ich gesehen habe. Und er ist nie langweilig.

Aber das ist nur ein Aspekt.

Einen anderen Aspekt für die blinden Flecke in der Dokumentarfotografie hat Stephen Mayes genannt: „Ein bedeutender Teil der Realität bleibt auf der Strecke. Vermutlich sind Konventionen der Grund.“

Und er nennt ein Beispiel: „Dennoch glaube ich, dass es viele unwichtige Themen gibt, die enorm überrepräsentiert sind. Ein Beispiel war das Thema Drogen. Es gibt ein unglaubliches Problem der Drogensucht in der Mittelklasse in  Nordamerika und Europa. Doch darüber wird nicht berichtet. Berichtet wird über arme Drogensüchtige. Als ob Drogengebrauch ein Thema der Armen, der verelendeten Gegenden ist.“ (in photonews 4/12).

Und damit kommen wir zum digitalen Paradoxon. Es entstehen immer mehr Fotos von immer weniger Themen. Was mir bei meinen Streifzügen durch die digitale Welt aufgefallen ist, hat Stephen Mayes, Geschäftsführer eine Agentur für „Konfliktfotografie“, auf die Formel gebracht, dass 90 Prozent der Nachrichten sich mit 10 Prozent der Welt beschäftigen.

Der blinde Fleck ist also riesig.

Es gibt genug, was noch fotografiert werden könnte und sicherlich interessant wäre. Wer nur mal einen Blick auf die Bilder des Jahres wirft, der sieht, wie unterschiedlich die Betrachtungsweise auch im Internet je nach Kontinent ist.

Aber wer soll das bezahlen und wer interessiert sich dafür?

Dokumentarfotografie scheint kein Geschäftsmodell zu sein obwohl eine freie Gesellschaft gerade die Aufgabe hätte, solche Projekte zu fördern, weil sie eine wesentliche Leistung in einer demokratischen und freien Gesellschaft erbringen.

Ereignisse werden heute gepostet mit Handys und übers Internet. Reporter/Journalisten kommen erst später ins Spiel und sollen eigentlich das Ganze in einen Zusammenhang stellen und transparent darstellen. Journalistinnen und Journalisten sind heute Aufbereiter von Informationen über Ereignisse, die geschehen sind.

Das ist eigentlich gut für kritischen Journalismus, weil Recherche und Zusammenhänge eine neue Rolle spielen. Aber freie Presse gibt es nicht überall und dort, wo sie ist, ist sie oft nicht frei für die Realität sondern frei für spezielle Interessen.

Pressefreiheit ist ein hohes Gut und gerade in Kerneuropa ist die freie Berichterstattung ein wesentliches Merkmal unserer Gesellschaft. Daher ist es eine gefährliche Entwicklung, wenn die blinden Flecke riesig sind und kaum darüber gesprochen wird.

Dokumentarfotografie ist mehr als Ereignisfotografie. Sie ist Themenfotografie und Serienfotografie, weil es um eine tiefere Betrachtung mit verschiedenen Gesichtspunkten geht.

Ich wollte mit diesen Zeilen auf die blinden Flecken hinweisen, die eben dazu führen, dass man viele Dokufotos über Armut und Elend woanders oder in Brennpunkten und anderes hat und so gut wie nichts über Probleme, die hier bei uns echt vorhanden sind in Mittelschichten, in Oberschichten etc..

Das ist übrigens dann eine soziale Gebrauchsweise der Dokumentarfotografie. Sie dokumentiert das Elend der anderen, von denen ich mich abgrenzen kann.

Und sie dokumentiert im Umkehrschluß auch uns selbst: wie wir sehen, wie wir die Welt sehen und was wir nicht sehen.

Die Aufgabe der Fotografie bei der Zerstörung unserer Welt

Eine gedankliche Reise zur aktuellen Einordnung einer historischen Situation

Im 21. Jahrhundert erhält die Fotografie neue Aufgaben. Diese ergeben sich schon dadurch, dass das Medium Foto digital geworden ist. Dadurch wird der Pixel die neue Einheit und das neue Arbeitsgebiet. Aber das ist nicht alles.

Menschen sind immer schon die Mörder ihrer Mitmenschen gewesen, wenn man nichts dagegen getan hat. Das liegt in der Struktur unseres Wesens. Einerseits sind wir mit dem Verstand ausgestattet, der uns ein Bewusstsein über uns und die Welt ermöglicht.

Andererseits sind wir eine Weiterentwicklung von Dinosauriern und Einzellern. Der vernünftige Umgang mit unserem Wesen hat in der Geschichte ebenso funktioniert wie der unvernünftige Umgang. Das Soziale ist Schicksal und Chance der Menschen.

So wurden Verfassungen und Gesetze verabschiedet, die der Gier und dem Neid des Menschen Grenzen setzten. Gesetze sorgten für relative Sicherheit und relative Gerechtigkeit und relative Beseitigung der Not. Ein Beispiel für die Erkenntnisse des menschlichen Charakters und die Umsetzung in einer Verfassung ist das Grundgesetz. Andere Versuche waren die Bleiwirtschaft in Sparta, das Losverfahren bei demokratischen Wahlen in Griechenland etc. Dies alles und noch viel mehr ist in der Geschichte zum Teil erfolgreich ausprobiert worden.

Zeit der Entscheidungen

Doch etwas ist hinzugekommen. Das 21. Jhrdt. ist die Zeit, die der Menschheit durch ihr eigenes Handeln die gesamten Lebensgrundlagen weltweit rauben kann.

Das ist eine neue Dimension und diese ist nicht verhandelbar (aktuelle Beispiele sind die Erdölpest im Golf von Mexiko im Atlantik im Jahr 2010 und die atomare Verseuchung in Japan im Pazifik ab 2011). Dieser Prozess ist schleichend mit katalysatorischen Momenten. Denn nach dem Ablassen des verseuchten Wassers in Japan werden die Fische und die degenerierten Gene erst in den nächsten Jahren aus dem Meer auf unsere Tische kommen und zum Schluss uns krank werden lassen …

Dies wissen einige Menschen, dies weiß auch ein Teil der Politik. Aber der Vorhang der Massenmedien, das Wirtschaftssystem und die Machtverhältnisse sorgen dafür, dass sich fast nichts ändert.

Als ich in den 80er Jahren Seminare zum Thema „Global denken – vor Ort handeln!“ gab, wurden Szenarien entworfen: Was passiert in 30 Jahren, wenn nichts passiert? Es war klar, es wird nicht so weitergehen, wenn es so weitergeht. Die Szenarien des Club of Rome und Bücher wie „Friedlich in die Katastrophe“ von damals sind eigentlich alle eingetreten, selbst der atomare GAU, der nach Tschernobyl nun mit Fukuschima grosse Teile Japans und der Weltmeere umfasst und so bei uns im Körper landet.

Damals fragte man auch, was eigentlich passiert, wenn die Chinesen auch so leben wollen wie die USA. Heute wollen immer mehr Chinesen so leben und das Ergebnis hat sehr eindrücklich Wang Jiuliang für die Region um Peking mit Fotos dargestellt.

Diese Tendenzen werden Ende 2011 auch bestätigt. Aber das weiß man natürlich schon länger. Sehr gut ist dies bei Home dokumentiert (bis auf die makabre Werbung zu Beginn…).

Und sogar beim ZDF – öffentlich-rechtlich – macht man da mal eine Sendung zu, die dokumentiert und eine Fotostrecke hat.

Und 2012 hat der Club of Rome auch noch einmal darauf hingewiesen, dass leider die Prognosen von der Wirklichkeit noch übertroffen werden.

Aktuell ist der Zeitgeist trotz gegenteiliger Beteuerungen darauf ausgerichtet, so weiterzumachen. Die letzte Rettung scheint sich mittelfristig im Besuch von Ausserirdischen oder der Entwicklung des Raumschiff Enterprise zu verfestigen.

Noch ziehen die Vögel gen Süden, Treffen der Schwärme über Wermelskirchen mittags am 5.11.2011 – Foto: Michael Mahlke

Fotografisch betrachtet gab es noch nie so viele Fotos.

Welche Aufgabe hat die Fotografie in dieser Zeit?

Eine Antwort beruht sicherlich auf der Hoffnung, dass das Dokumentieren der aktuellen Zustände etwas nützt.

Wer so denkt, der wird aber hinter den Fotos nicht aufhören können. Er oder sie wird Fotos und daraus entwickelte Produkte wie Slideshows, Multimedia etc. in die gesellschaftliche Diskussion einbringen müssen. Dazu gehört die systematische Veröffentlichung im Internet und der Versuch, in vorhandenen Massenmedien und neuen Medien dies vielfach zu veröffentlichen. Und dann muß man selber mitmachen und nicht auf die anderen warten. Dies geschieht zum Teil seit einigen Jahren in aktuellen politischen Krisen wie wir gerade in Nordafrika und Arabien erleben. Aber es sind fast nur Bilder unserer bisherigen Probleme: poltische Systeme, Gewalt, Kämpfe. Das größere Problem der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen spielt als Ast, auf dem wir alle sitzen, auch dabei noch keine große Rolle.

Eine andere Antwort kann auch darin bestehen, dass man mit dem Elend Geld verdienen möchte ohne sich zu engagieren. Einige nennen dies auch Opferfotografie.

Und es geht noch tiefer. Solange z.B. aktuelle IT vielfach nur mit den Folgen der Zerstörung von Natur und Menschen gebaut werden kann, wird die Menschheit an den Folgen von Werbung und Massenmedien und Statussymbolen in alter Form langsam zugrunde gehen.

Die eigene Endlichkeit, das Denken in Status, Gier und Abgenzung, die Angst vor dem Unbekannten und vieles mehr, die trainiert werden, tun ihr übriges.

Es geht bei all dem nicht um die Frage, ob wir die Erde retten. Die Erde existiert auch ohne Menschen, aber wir existieren nicht ohne Erde und die darauf für uns vorherrschenden Lebensgrundlagen.

Für Deutschland gedacht:

Ganz deutsch gesprochen: Man stelle sich vor, öffentliche Gelder wie die GEZ-Gebühren würden z.B. genutzt,

um für Kostendeckung statt Gewinnorientierung zu werben oder
für einen neuen Leistungsbegriff, bei dem derjenige mehr erhält, der mehr für andere und die Natur tut, oder
für Patente, die ohne privaten Gewinn der Menschheit zur Verfügung gestellt werden, um die Grundprobleme zu lösen

statt die Risiken der Banken zu sozialisieren und die Gewinne zu privatisieren,
statt die Sozialsysteme und damit die Demokratie zu zerstören,
statt die Förderung schlechter Technik zu fördern,

was wäre dann schon medial möglich…

Fotografie neu gedacht

Damit zurück in die Welt des Geistes. Real ist die aktuelle unbeherrschbare Zerstörung, weil es kein weltweites Teilen gibt und keine systematische Beschränkung von Macht. So ist die Welt. Wenn wir davon ausgehen, dass sich die Menschheit nicht ändert, dann rettet uns nur die eigene biologische Endlichkeit vor der Übernahme echter Verantwortung für die Zukunft der Menschheit. Das kann sogar erleichternd sein.

Die Fotografie kann die bewohnbare Welt nicht retten, aber sie kann die Folgen unseres Handelns sichtbar machen. Insofern ist sie – ob kommerziell oder ideell – ein Teil des aktuellen Zeitgeistes. Es gibt keine Weltregierung, es gibt keine Menschheitsinteressen und es gibt keine Lösung ausserhalb von uns selbst.

Dies sind die Bedingungen unserer Existenz. Die Fotografie ist Teil davon. Sie kann sich engagieren oder die schöne Illusion einfangen. Aber sie ist mehr als nur eine digitale Droge.

Sie ist die Chance, Einfluss zu nehmen oder zu lassen. Fotografie ersetzt nicht das Engagement, sie gehört als Mittel dazu. Und die Fotografie hat ein Alleinstellungsmerkmal: sie ist international verstehbar ohne Worte.

Natürlich gibt es immer auch kulturelle Symbolik, aber das Foto kann eine Botschaft sein, die ohne Worte auskommt und zwar weltweit. Das macht sie einzigartig.

Und man darf sie nicht überschätzen. Wir haben in Deutschland alle die Bilder gesehen, als führende Klimapolitiker mit einem Hubschrauber zu einem Eisberg flogen, um symbolisch etwas für den Klimaschutz zu tun (!). Die Chancen stehen also weltweit und gerade in den industriell geprägten Ländern nicht gut, um sich selbst zu retten trotz Bilder und Videos.

In den letzten Jahrzehnten gab es einige Fotografinnen und Fotografen, die unterwegs waren. Sie haben sich vielfach engagiert, ob als Kriegsreporter oder für NGO´s oder auch nur, um in ihrem Land verbotene Wahrheiten ans Licht zu bringen. Aber welche Wirkung hatten sie? Es kommt natürlich darauf an.

Nun gibt es neue Fotografen, die die Zerstörung der Natur dokumentieren. Reicht dies oder wird das Bild nicht erst durch das Engagement danach zu mehr?

Die Frage greift zu kurz, weil nicht überall Pressefreiheit und Meinungsfreiheit herrscht. Und dennoch ist es die richtige Frage, denn sie zeigt, dass Fotos wichtig sind und Pressefreiheit unersetzlich ist. Und deshalb ist Pressefreiheit als Voraussetzung für Fotografie wichtiger als jemals zuvor.

Es geht nicht so weiter, wenn es so weitergeht

Mittlerweile gibt es die weltweite Occupy-Bewegung, die sich gegen die Banken richtet und hoffentlich das allgemeine Unbehagen weiterträgt.

Aber letztlich ist es auch eine Frage des Überlebens der menschlichen Rasse. Mittlerweile haben wir 7 Milliarden Menschen. Das kann sich schnell ändern wie die menschliche Geschichte gezeigt hat. Darauf hat u.a. Frank Fenner hingewiesen.

Vor 30 Jahren haben wir gewusst, was passiert, wenn nichts passiert. Ich selbst habe Seminare dazu gegeben. Aber so wunderbar die Gabe des Wissens ist, so wenig hat sie doch Macht über das Geschehen, wenn es die Menschen nicht interessiert. Aktuell sehen wir, wie es passiert.

Und wer in Geschichtsbüchern gelesen hat, der weiß, es ist nicht unvorstellbar, dass es eine neue Völkerwanderung gibt. Wenn nur 100 Millionen Menschen vor den Türen Europas oder Russlands oder der USA stehen, dann wird man wohl ein echtes Problem haben…

Menschen ändern ihr Verhalten überwiegend nur, wenn der Leidensdruck steigt. Dies alles wird die Fotografie dokumentieren können. Sollte die Menschheit dies überleben, dann werden Fotografien diese Geschichten erzählen ebenso wie andersrum vom Untergang – aber wem?

Bildung und Aufklärung

Die Voraussetzung für verbessernde Veränderung ist einerseits Bildung und Aufklärung und andererseits Leidensdruck. Das lehrt die Geschichte. Soziale Absicherung, repräsentative Demokratie und Transparenz sind die wichtigsten Ziele  und eine dauerhafte Herausforderung.

Das ist der Weg, der auch das Ziel wäre. Die Fotografie kann dies begleiten, übrigens auch multimedial.

Doch dokumentiert sie aktuell eher das Gegenteil, so dass es wichtig ist, in den Bilderfluten ihre wichtigsten Aufgaben nicht zu vergessen: sich fotografisch einmischen und selbst mitmachen!

Dieser Artikel wurde ursprünglich in etwas kürzerer Form schon im April 2011 publiziert und mehrfach erweitert, weil dieses Thema sich entwickelt, Version 1.3.

AIDS in der Dokumentarfotografie

Es gibt eine beeindruckende Bildgeschichte von Wolfgang Steiner, die eines der Tabuthemen unserer Zeit aufgreift, HIV. AIDS bzw. HIV ist deshalb ein Tabuthema, weil es zwar existiert aber verdrängt wird, da es tödlich ist und eine angeblich moralische Dimension hat.

Weil Sexualität einer der Kernbereiche des Menschen ist, bleibt dieses Thema aber nicht nur aktuell sondern es ist existenziell. Das Problem ist eben der Umgang damit.

Die frühere Herangehensweise mit „Pech gehabt“ oder die Diskriminierung sexueller Praktiken wird dem Thema absolut nicht gerecht, wie man gerade im Bereich der Dokumentarfotografie sehr gut sehen kann. Dokumentierende Aufklärung, schicksalhafte Geschichten zeigen, wie es wirklich ist.

Man muß sich nur folgenden Gedankengang vor Augen führen. Was wäre eigentlich, wenn man AIDS wie andere Virenkrankheiten mit einer Packung Antibiotika behandeln könnte und dann alles wieder ok wäre? Die Antwort ist ganz einfach: über AIDS würde man kaum noch sprechen.

Es kommt eben immer darauf an, welchen Massstab ich anlege. Damit zurück zur fotografischen Sichtweise.

Frank Röth hat dazu eine Slideshow über Südafrika gemacht.

Krisanne Johnson machte eine Story über Jugendliche in Amerika.

Die bekannte amerikanische Fotografin Nan Goldin hat mehrfach Fotos genutzt, um das Problem „sichtbar“ zu machen. Die Deutsche Aids-Hilfe hat dies im Rahmen der Ausstellung „Bilder vom Verlust des Lebens“ sehr differenziert dargestellt.

Wer die Wörter „ADS“ und „Slideshow“ bei Google eingibt, erhält viele Treffer.

Dass da noch mehr Fotojournalismus war und manches schon im digitalen Papierkorb verschwunden ist, zeigt die Seite von David Campbell.

Allein die aufgeführten Beispiele zeigen aber noch mehr. Sie zeigen globale Zusammenhänge, fehlende Aufklärung, strukturelle Gewalt nach Johann Galtung und Überlebenschancen je nach medizinischen Möglichkeiten.

Hier machen Fotos das, was sie sollen. Sie dokumentieren Momente von Menschen. Bei Fotos muß man nur hinsehen, um sie zu erfassen.

Es sind Blicke auf die Welt, die Hoffnungslosigkeit zeigen, die nur durch Güte und Zuneigung erleichtert werden können, wie Wolfgang Steiner so treffend dargestellt hat.

Aber sehr oft dokumentiert die Dokumentarfotografie eben auch die Hoffnungslosigkeit und den Umgang damit.

Denn hoffnungslos ist ja nicht herzlos und letztlich muß man sich fragen, ob die Absurdität der Existenz nicht ebenso hoffnungslos ist wie eine schwere Krankheit?

Fotos können dabei helfen, sich dem Thema in all seinen Facetten zu nähern. Vielleicht hat Pranee Porjai recht, wenn sie sagt: „Lach einfach und ertrage alles, was da kommen mag. Es ist der beste Weg, denn wir können es nicht ändern.“

Und ich frage mich, ob dies nicht die Antwort von Sisyphos im 21. Jhrdt. wäre….

 

Stephen Shore, Das Wesen der Fotografie

„Eine Fotografie hat Ränder, die Welt nicht.“ Dies ist ein Satz aus dem einzigartigen Buch „Das Wesen der Fotografie“ von Stephen Shore. Es gibt kaum eine höhere Kunst, als die wichtigsten Dinge in einfachen Sätzen zu sagen.

Das Buch von Stephen Shore ist Ausdruck dieser Kunst. Ich kenne kein zweites Buch, welches so klar und gut das „Wesen“ der Fotografie zeigt.

Stephen Shore hat in diesem Buch Fotos sehr vieler weltbekannter Fotografinnen und Fotografen als Beispiele gesammelt und bespricht sie. Es ist für mich aktuell DAS Buch für Menschen, die wirklich verstehen wollen, wie eine Fotografie im Kopf entsteht. Dafür gibt es Gründe.

Dieses Buch vermittelt das sinnliche und geistige Instrumentarium für gute Bilder. Zugleich lernt man hier, ein Bild zu sehen.

Wenn wir uns im Angesicht der Massen an digitalen Fotos die Frage stellen, wieviele davon wirklich im Kopf gestaltet und dann umgesetzt worden sind, dann wird deutlich, wie wenig es nur sein können und welcher Aufwand dafür erforderlich ist.

Stephen Shore hat ein Buch gestaltet, welches auch durch seine didaktische Aufbereitung brilliert. Es gibt kurze gedankliche Abschnitte und Fotos, die jeweils das Merkmal zeigen. Dadurch kann man in diesem Buch blättern und sich Elemente des Buches langsam aneignen.

Fast spielerisch erlaubt das Buch, sich die einzelnen Doppelseiten anzuschauen und dabei den Gedanken und den Elementen des fotografischen Sehens  zu begegnen. Und wer dann soweit ist, dass auch bei ihr oder ihm die Bilder im Kopf entstehen, der merkt irgendwann, wie wichtig dieses Buch sein kann.

Auf viceland.com hat sich Shore zu diesem Buch geäußert: „Das Buch ist genau genommen auf Grundlage eines Kurses von mir entstanden, in dem es um „fotografisches Sehen“ ging. Ich benutzte zunächst John Szarkowskis Buch The Photographer’s Eye als Unterrichtstext. Aber eins der Kapitel passte nicht zu der Art, wie ich unterrichten wollte, also schrieb ich stattdessen ein eigenes. Dann merkte ich, dass ich genug Material für ein Buch hatte. Und, ja, ich benutze es tatsächlich immer noch und ich habe den Eindruck, dass es bei den Studenten gut ankommt.“

Man muß dem Phaidon Verlag sehr dankbar dafür sein, dass er dieses Buch produziert hat. Wirklich gute Bücher setzen sich ja immer erst im Laufe der Zeit durch. Anfängliche Verkaufserfolge und tatsächliche Wirkkraft sind bei Büchern so unterschiedlich wie Schulnoten etwas über Charakter aussagen.

Ich glaube, dass dieses Buch von der Aussagequalität her auf derselben Ebene anzusiedeln ist wie „The Mind´s Eye“ von Henri Cartier-Bresson. Cartier-Bresson hat in seinem Essay über den entscheidenden Augenblick das Wesen des richtigen Augenblicks für ein gutes Foto herausgearbeitet und Stephen Shore hat mit der Schule des fotografischen Sehens ein herausragendes visuell-gedankliches Buch umgesetzt.

Ich vergleiche beide Bücher, weil in meinen Augen beide Bücher eine Gemeinsamkeit haben: sie zeigen den Weg zum Blick oder wie ein Bild im Kopf entsteht. Der eine zeigt, wie man eine Situation erleben und den richtigen Moment darin erkennen und nutzen kann, der andere vermittelt den Blick für das bewusste Entstehen des Fotos.

Dies wiederum darf man nicht mit den beiden Autoren als Fotografen verwechseln. Cartier-Bresson „sieht“ völlig anders als Shore und deshalb sind für beide auch die Ausschnitte und Gestaltungen anders. Aber der Weg zu dem jeweiligen Blick ist der Weg, den beide in ihren Büchern beschreiben. Die Blicke selbst sind verschieden.

Es sind beides Bücher, die wirklich etwas durch die Person des jeweiligen Autors bedingt herausarbeiten und erlebbar machen, obwohl beide Fotografen aus völlig verschiedenen Richtungen stammen. Und es sind beides Bücher, die sich durch das Motto „Weniger ist mehr“ auszeichnen.

Das Buch von Stephen Shore handelt vom fotografischen Sehen mit dem Auge als Instrument und mit dem Kopf als wichtigstem Steuermittel. Kameras spielen in dem Buch von Stephen Shore keine Rolle. So entsteht ein zeitloses Buch für die geistige Vorarbeit und Nacharbeit in der Fotografie, egal ob in der Kunst- oder in der Reportagefotografie.

Dieses Buch wird auch nie langweilig. Denn jedes Mal ruft es – und sei es nur beim Blättern – die Bedingungen fotografischer Arbeit hervor. Und dies mit einer Leichtigkeit, die das „Lesen“ des Buches zu einer wahren Wonne machen. Es ist ein herausragendes Buch.

Stephen Shore

Das Wesen der Fotografie

ISBN-13: 9780714849904
ISBN-10: 071484990

The Eye is a Lonely Hunter

Was kann Fotografie heute, was macht Dokumentarfotografie heute? Wer sich heute diese Fragen stellt, der wird mit dem Mut zur Entscheidung immer wieder fündig werden und er hat das Sprachproblem der Welt gelöst, denn „Fotografie ist zu einer globalen Sprache geworden“.

So beginnt die Danksagung des Vorstandes des Fotofestivals Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg in dem Buch zum 4. Fotofestival, welches im Kehrer Verlag erschienen ist.

Das Buch ist eine aktuelle Dokumentation lebendiger fotografischer Versuche, die Welt und uns selbst zu zeigen und festzuhalten. Einige fotografische Projekte sind global angelegt, andere lokal. Die Ausstellungsmacher haben hier ein Stück Fotografie der Welt festgehalten, eine Momentaufnahme mit vielen Blicken, die zeitlich und thematisch in die Tiefe geht.

Viele erzählen kleine Geschichten, die übertragbar wären. Katerina Gregos und Solverj Helweg Ovesen sprechen in dem Buch – vielleicht auch deshalb – über „Eine Betrachtung der Conditio humana im Jahr 2011“.

Das Auge als „einsamer Jäger“ soll weder selbstgerecht-westlich noch kolonial sein, sondern die Conditio humana in all ihrer Komplexität, Verschiedenheit und Unsicherheit“ aufzeigen.

Das Buch aus dem Kehrer Verlag dokumentiert diese Mischung in erstklassiger Weise. In einer globalisierten Welt ist der Rahmen des menschlichen Lebens und Sterbens deutlicher geworden. Es gibt keine Flucht in eine andere Welt mehr, nur in eine Scheinwelt, die die Wirklichkeit der eigenen Existenz nicht aufheben kann.

Es gibt immer mehr nackte Wahrheiten und die zeigen das Mischwesen Mensch, die Conditio humana – und das bedeutet neben der Hoffnung die gnadenlose Hoffnungslosigkeit und Zerstörung.

Das Buch mit seinen Fotos macht darauf aufmerksam und vermittelt vielfach sehr sensibel den Geist der Ausstellung, die aufgeteilt an verschiedenen Orten ist und nur im Buch zusammengetragen wird.

Hier wird deutlich, was Fotografie kann und wo sie Aufforderung zum Handeln ist.

Aber für mich hat dieses Buch noch eine andere Dimension. Max Frisch hat einmal geschrieben: „Der Mensch lebt den Widerspruch und zersetzt damit jegliche Ideologie.“

So macht das Anschauen der Fotos – zumindest mir – deutlich, dass die Menschheit überhaupt noch keine Antworten auf die globalen Probleme hat. Denn die Menschen sehen ihre Welt immer von dort, wo sie sind.

Und die Vielfältigkeit der Welt deutlich zu machen – bei uns alle betreffenden Problemen – ist eines der grossen Themen, die dieses Buch uns zeigt.

Um es kurz zu machen: Wer ein aktuelles Buch über Fotokunst und dokumentarische Fotografie sucht, das konzeptionell gestaltet ist und einen „echten“ fotografischen Blick auf die aktuelle „Conditio humana“ wirft, der wird wohl weltweit aktuell nichts besseres finden.

Infos zur Ausstellung
4. Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg
The Eye is a Lonely Hunter

 

Unter dem Titel „The Eye is a Lonely Hunter – Images of Humankind“ fokussiert das 4. Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg eine humanistische Sichtweise innerhalb der Tradition der Dokumentarfotografie. Es präsentiert Positionen, die in der Schnittmenge zwischen Dokumentar- und Kunstfotografie angesiedelt sind und die sowohl ein starkes visuelles Moment als auch ein feines Gespür für soziopolitische Zusammenhänge kennzeichnet. Es versucht einen Überblick über die conditio humana zu Beginn des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts, gesehen von einer Vielzahl geografischer Standpunkte wie Afrika, Südamerika, Osteuropa und Asien. Der Katalog spiegelt das Thema des Humanismus in zeitgenössicher Kunst und Dokumentarfotografie visuell und theoretisch wider. Texte der Kuratoren führen in strukturierende Unterthemen ein: Ecological Circuits, The Practice of Everyday Life, Role and Ritual, The Effect and Affect of Politics und Life Cycles. Jeder der teilnehmenden Künstler wird mit einem eigenen Bild- und Textteil vorgestellt.

 

Herausgeber: Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg e.V., Katerina Gregos, Solvej Helweg Ovesen
Autoren: Carolin Ellwanger, Heide Häusler, Jonatan Ahlm Brenander, Katerina Gregos, Solvej Helweg Ovesen, TJ Demos

 

Broschur mit Schutzumschlag
18 x 24,5 cm
240 Seiten
267 Farbabb.
Deutsch/Englisch
ISBN 978-3-86828-240-5