Buch

Edith Tudor-Hart – Im Schatten der Diktaturen

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„Edith Tudor-Hart – moderne Fotografie“ – so verstand sie sich selbst. Die 1973 verstorbene Fotografin (geborene Suschitzky) gab den Namenlosen in Wien und in Wales ein Gesicht und ihre sozialdokumentarischen Fotos beeindrucken auch heute noch. Sie sind so frisch und ungestellt wie das wahre Leben.

Das Wien Museum Karlsplatz macht zu ihrem Werk gerade eine Ausstellung und bietet die Möglichkeit einen Teil der Bilder online anzuschauen.

Sehr schön ist auch die Darstellung auf diepresse.com.

Aber die Ausstellung ist mehr. Sie ist auch die Aufarbeitung eines Menschen in seiner Zeit, der Zeit des Übergangs von einer Demokratie in eine Diktatur. Es ist die Geschichte einer Frau, die mit der Kamera die Welt um sich herum festgehalten hat.

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Das im HatjeCantz Verlag erschienene Buch zu der Ausstellung ist mehr als ein Katalog. Es ist eine herausragende Arbeit mit sehr informativen Beiträgen zu den persönlichen und fotografischen Lebensereignissen von Edith Tudor-Hart.

Das Buch ist spannend und dies liegt ebenso an den Texten wie an den Bildern. Die zitierten Berichte Dritter über Sie, die teilweise interessengeleitet waren, die Schilderung ihrer Lebensumstände, die Fotos, die öffentliche Ereignisse wiederspiegeln – alles dies ergibt in diesem Buch ein dichtes Bild über einen Menschen, der die Fotografie als Methode und Bestandteil der eigenen politischen Existenz gewählt hat.

Der Titel ist durchaus doppeldeutig gewählt.

Einmal war es die Nazidiktatur, in deren Schatten sie war und ein anderes Mal war es der Schatten der vergangenen Nazidiktatur und der noch vorhandenen Sowjetdiktatur, der ihre Lebenssonne beeinträchtigte. Das Buch versucht ihrem Leben gerecht zu werden und die Frau und die Fotografin herauszuarbeiten. Das gelingt, zumindest ist dies mein Eindruck.

Roberta McGrath schreibt in ihrem Essay dazu: „Während Edith Tudor-Hart in politischer Hinsicht Moskau die Treue hielt, ist es das bleibende Zeugnis ihres Feminismus, dass sie auch weiterhin die Art und Weise dokumentierte, wie die Ungleichheit der Klassen sich in Großbritannien mit der Genderfrage überschnitt.“

So erleben wir eine Frau, die letztlich aus politischen Gründen sogar mit der Fotografie aufhörte. Sie hatte in den 50er Jahren ein Verhältnis mit dem Atomwissenschaftler Engelbert Broda und stand unter Spionageverdacht. „Kurz danach wiesen die britischen Sicherheitsbehörden sie an, ihre fotografische Tätigkeit einzustellen. Tudor-Hart zerstörte ihren Studiokatalog sowie zahlreiche Negative und Fotografien, die sie oder ihre Genossen hätten belasten können.“

So endet das fotografische Leben von Edith Suschitzky bzw. Tudor-Hart und damit endet auch das Buch über sie. Interessant ist der folgende Aufsatz über ihr „Nachleben“. Die Rezeption ihres Werkes begann bei Forschungen zur Artists International Association 1973 und führte dann 1983 zu einer ersten Ausstellung. Auch hier zeigt sich, daß in der Dokumentarfotografie überhaupt erst nach dem Tod der Fotografin oder des Fotografen oftmals ihr Werk in den Fotografenhimmel überführt wird, wenn eine neue Zeit ihren dokumentarischen Wert sieht und frei von den Interessen der damaligen Zeitgenossen ist. So ist historische Forschung der Weg zu dem, was rückblickend in einer Zeit und bei einem Thema wichtig war oder wichtig wurde – oder einfach nur da war.

Edith Tudor Hart
Im Schatten der Diktaturen

Hrsg. National Galleries of Scotland, Edinburgh, Wien Museum, Wien, Texte von Duncan Forbes, Anton Holzer, Roberta McGrath, Gestaltung von Marc Naroska

Deutsch

2013. 127 Seiten, 152 Abb. in Duplex

24,90 x 28,70 cm
gebunden

ISBN 978-3-7757-3566-7

 

 

 

Sowjetische Fotografien. Politische Bilder 1918-1941. Die Sammlung Daniela Mrazkowa

Sowjetische Fotografien, Sammlung Mrazkowa

Was hat es mit dieser Sammlung auf sich?

bei offeneskoeln.de finden wir die entscheidenden Hinweise:

„Anlage 1 ………….
PHOTOSTROIKA
Daniela Mrazkova’s and Vladimir Remes collection of Soviet photography between
two world wars
Diese Sammlung besteht aus 234 Fotografien und beinhaltet die wichtigsten Autoren
sowjetischer Fotografie der zwanziger bis vierziger Jahre.
Sie vereint die verschiedenen fotografischen Strömungen der Zeit und gibt zugleich
einen hervorragenden Überblick über die Dokumentations- und Reportagefotografie
in der Sowjetunion.
Die Bandbreite der Arbeiten spiegelt die drei zentralen Richtungen der Fotografie
der UDSSR in der damaligen Zeit wieder: Es finden sich Portraits der intellektuellen
Helden der Sowjetunion, mit Bildformen des Piktoralismus von Nappelbaum und
Sterenberg; ‚konstruktivistische’ Fotografie, z.B. von Ignatowitsch und Rodchenko,
die Architektur und industrielle Erneuerungen thematisieren; als auch Darstellungen
von Arbeitern und Landbevölkerung im Stil des sozialistischen Realismus von Zelma
und Alpert.
Viele der hier vereinten Fotografien dienten zur Mobilisierung der Bevölkerung zum
Aufbau des neuen Staates. Zugleich arbeiteten die meisten der Fotografen, die in
dieser Sammlung vertreten sind, für die viersprachige Zeitschrift „UDSSR im Bau“,
die zum Zweck der Propaganda von 1931 bis 1941 veröffentlicht wurde.
Sowjetische Fotografie ist sehr selten in Auktionen vertreten. Das liegt zum einem
daran, dass dieses Material ohnehin sehr rar ist und zum anderen, dass sowjetische
Fotografie weniger von traditionellen Fotosammlern auf Auktionen erworben wird,
sondern die Käufer sind internationale Museen und Kunstsammler, die sich auf die
russische Avantgarde, den Konstruktivismus und auf den sozialistischen Realismus
spezialisiert haben. Diese Sammlungen haben das Ineinandergreifen von Politik,
Kunst und Propaganda in ihren Sammlungsfokus gestellt. Der Markt für Sowjetische
Fotografien wird weitgehend durch Händler und Galeristen bestimmt.

Um zu einer Bewertung der 234 Fotografien dieser Sammlung zu gelangen, hat die
Gutachterin für jedes Bild einen Preis, der sich u.a. an aktuellen Auktionsergebnissen
orientiert, festgesetzt. Der Gesamtpreis beträgt danach 1.134.000 US$ / 756.000
Euro.“

Nach dem Ankauf wurde die Sammlung Grundlage für eine Ausstellung, die 2009 stattfand.

Das Deutschlandradio berichtete darüber und viele andere Medien.

Im Steidl-Verlag erschien dazu ein Buch, das die Sammlung vollständig dokumentiert. Das Buch hat einen besonderen Reiz, auch wenn wir schon ein paar Jahre weiter sind. Dieses Buch zeigt offenkundig das, was fotografisch möglich war. Es sind Beispiele, die für viele andere Fotos stehen. Der sozialdokumentarische Gehalt ist ebenso stark wie der formale in vielen Fotografien. Sowjetische Fotografie ist bis heute ein eher blinder Fleck in der fotografischen Landschaft von Deutschland. Dabei ist es doch umgekehrt so, daß gerade heute die Sammler deutschsprachiger Fotokunst oft aus der Sowjetunion kommen und hier eine Geldanlage suchen (und finden).

Aber wenn man zurückblickt, dann ist seit 2009 nicht mehr viel aus der sowjetischen Vergangenheit an fotografischen Sammlungen hinzugekommen, so daß der Wert der Fotos nicht hoch genug als pars pro toto eingeschätzt werden kann.

Nun gibt es das Buch in Restexemplaren zu kaufen. Es wird wohl nicht wieder aufgelegt werden. Aber es lohnt sich heute und morgen. Ich finde es sehr inspirierend und ich freue mich, daß diese dokumentarische Sammlung in Buchform der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

Meinen Dank möchte ich daher auch an Frau Mrazkowa schicken, unbekannterweise.

Patina. Halle von 1986 – 1990 von Harald Kirschner

Foto: Harald Kirschner, Mitteldeutscher Verlag

Foto: Harald Kirschner, Mitteldeutscher Verlag

Ein Juwel taucht auf aus dem Nichts.

Der Fotograf Harald Kirschner fotografierte von ca. 1986 bis 1990 die Stadt Halle. Dazwischen war die Grenzöffnung.

Das führt zu einem einzigartigen Einblick in die Architektur und das öffentliche soziale Leben vorher und nachher.

Als ich das Buch durchsah erkannte ich sofort den fotografischen Schatz. Harald Kirschner hat mit dem Blick, der sozialdokumentarische Situationen erkennt, eine Stadt fotografisch festgehalten, die im Kleinen ein fotografisches Gesamtbild des sozialen und architektonischen Lebens in der DDR vermittelt.

Das hat auch damit zu tun, dass damals nicht regional sondern gesamtstaatlich Architektur, Veranstaltungen und vieles mehr umgesetzt wurden.

Und der Wechsel von einem System in ein anderes System wird somit auf einzigartige Weise dargestellt. Gerade die letzten Fotos vermitteln Welten, wenn man sieht wie auf einem DDR-Haus plötzlich ein Schild der Commerzbank auftaucht.

Jetzt sind wir mehr als 20 Jahre weiter. Wenn man bedenkt, dass die Bank vor nicht allzu langer Zeit vor dem Aus stand, dann wird auch fotografisch deutlich, daß Farbe und neue Fassaden nicht unbedingt die bessere Weiterentwicklung sind.

Aber das führt hier natürlich zu weit.

Dem Mitteldeutschen Verlag ist zu danken für dieses Buch. Es enthält unglaublich gute Fotos, die den Alltag, die Öffentlichkeit und die Welt zeigen, die die Menschen umgab.

Wer damals dort war, auf Besuch oder weil er dort lebte, wird dies sofort wiedererkennen.

Das Buch ist große Fotografie und zeigt in der kleinen Welt von Halle das, was das Leben der Menschen im öffentlichen Raum damals ausmachte.

Auch das Format des Buches passt perfekt zu der Aufbereitung der Fotos. Und sogar mit Fadenheftung!

Man geht nicht nur durch die Stadt von damals, man bekommt auch Lust, mit dem Buch in der Hand noch einmal nach Halle zu fahren und die Stadt neu zu entdecken.

Das Buch ist in meinen Augen mit seinem Erscheinen schon ein neuer Klassiker der sozialdokumentarischen Fotografie zu diesem Thema.

Zugleich ist es ein wunderbares Geschenk für Menschen, die sich für Halle, für sozialdokumentarische Fotografie oder für die DDR interessieren.

Denn die Fotos zeigen oft mehr als auf den ersten Blick zu sehen ist und das ist nicht immer negativ.

Es ist im Mitteldeutschen Verlag erschienen:

Harald Kirschner
Patina
Halle 1986–1990

112 S., geb., mit Farbabb., 16,7 x 24,0 cm
mit einer Einleitung von T. O. Immisch
ISBN 978-3-95462-063-0

Gesichter der Stille von Christophe Agou

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Das Buch ist ein Geheimtipp. Die Edition Braus hat schon manches fotografisch hervorragendes Buch verlegt. Dieses hier ist etwas besonderes. Es sind die festgehaltenen Momente eines langen Projektes über Arbeit und Leben am Beispiel von Kleinbauern in Frankreich und damit wurde es ein gutes Buch zur Dokumentarfotografie.

Und es ist noch zu haben. Daher will ich ihnen diesen Tipp nicht verschweigen, denn solche Bücher sind rar.

Agou läßt Bilder sprechen. Es gibt keine Bildunterschriften und es gibt keine Erläuterungen. Es gibt zwischendurch Reprints von Briefen aber es gibt keine Erläuterungen zu den Fotos.

Also muß das reichen, was man sieht.

Es sind Blicke auf die conditio humana.

Montbrison liegt beim Blick auf die Karte links von Lyon im Zentralmassiv und Agou zeigt das Leben der Kleinbauern. Jeder Mensch ist ein Stück Kosmos und wir sehen unseren Spiegel. Wir sehen das Leben wie es ist zwischen Schmutz und Würde. Wir sehen auch, was wir brauchen und was darüber hinausgeht.

Wir sehen hier auch noch die Natürlichkeit unseres Lebens, wie es mit der Natur aussieht als Gegensatz zu dem Leben voller „Unnatürlichkeiten“ wenn es ohne Natur gelebt wird.

Agou spricht von Stille und Einsamkeit. Die sieht man auch. Man sieht auch den Umgang damit und dass Stille und Einsamkeit nichts furchtbares sind sondern Teile des Ganzen, die man akzeptieren muß. Und man lebt weiter.

Hoffnung und Hoffnungslosigkeit sind ständige Begleiter durch das Leben und das Soziale ist Schicksal und Chance des Menschen – mit sich und mit anderen. Die Blicke auf die Menschen in dieser Region von Agou sind ehrliche Blicke auf uns selbst – wenn man so schauen möchte.

Ich persönlich sehe in diesem Buch auch eine fotografische Umsetzung des Mythos von Sisyphos von Albert Camus.

Die Absurdität der menschlichen Existenz, ihre Kraft, ihre Würde und vieles mehr sind hier zu finden.

Die Fotos laden zum wiederholten Anschauen ein und erzählen immer wieder die Geschichte dieser Menschen wie sie Agou erlebt hat.

Das Buch ist in meinen Augen als Versuch der Beschreibung des Sisyphos und der conditio humana etwas besonderes, weil es dies als Längsschnitt fotografisch dokumentiert.

Auf arte gibt es dazu ein Video. Dort sieht man manches anders und deshalb ist es gut, wenn Sie zuerst diesen Texte gelesen haben.

Ich habe das Video eingebunden und solange es bei arte zu finden ist, können Sie es auch hier sehen:

 

Das Buch ist in der Edition Braus auf Deutsch erschienen.

Christophe Agou, Gesichter der Stille

ISBN 9783862280032

Questions without answers

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Immer wieder kommen Bücher auf den Markt, die es wert sind, besprochen zu werden.

Die visuelle Geschichte der letzten ca. zwanzig Jahre seit 9/11 in New York und dem „Ende“ des Kalten Krieges will dieses Buch erzählen mit Fotos und Geschichten.

Und wissen Sie was? Es gelingt.

Das Buch ist so wie die globalisierte Welt. Es ist ein Mosaik, das in der Gesamtschau die Entwicklungen zeigt.

Die große Kunst der dokumentarischen Fotografie besteht darin am Beispiel eines Menschen ein ganzes System darzustellen oder an einer Familie den Schrecken eines Krieges.

Hier gelingt es. Dieses Buch erweitert den Horizont und ermöglicht einen Blick auf die reale Welt jenseits der Illusionen.

Es wird auch deutlich, warum wir nicht alle Probleme lösen können und warum oft der Waffenstillstand die einzige Lösung ist.

So lesen wir bei einem Foto, das ein blutendes Mädchen in Afghanistan zeigt z.B.: In Afghanistan in Kandahar verhaftet die Polizstin Malalai Kakar einen 35jährigen Mann, der immer wieder seine 15jährige Frau quälte. Als man sie fragte, was mit dem Mann geschieht, sagt sie: „Nichts, die Männer sind hier die Könige.“ Kakar wurde später von den Taliban ermordet.

Es ist also ein Buch über die Welt mit Fotos von der „Front line“ wie der Verlag zurecht schreibt.

Das Buch ist ein Geschenk, welches man mehrfach in die Hand nehmen wird, weil es viel zu viele gute Fotos und gute Geschichten hat. Man hat das Gefühl, man greift in die Realität der Welt. Das Buch ist auch ein Spiegel und zeigt uns, was wir vermeiden müssen. Gerade der Gegensatz macht hier die Werte und die Grenzen zur Naivität deutlich.

Mich hat das Buch sehr beeindruckt, weil es wirklich gute Dokumentarfotografie zeigt und zugleich eine visuelle Darstellung der politischen Weltgeschichte der letzten 20 Jahre ist.

Und das Buch ist eine Dokumentation der Kulturen und Philosophien der Welt in Fotografien, wenn sie aufeinander treffen oder wenn sie an ihre Grenzen kommen.

Es ist bei Phaidon erschienen.

 

Photoshop Elements 11 von Martin Quedenbaum

9783827248060

Als ich es zum ersten Mal in meinen Händen hielt dachte ich mir, warum ein Buch, wenn man doch Videos sehen kann und das Handbuch hat?

Und so ging ich eher skeptisch an dieses Buch heran. Doch ich mußte mich revidieren.

Martin Quedenbaum hat hier ein Buch erstellt, das wirklich all die Fragen im Zusammenhang beantwortet, die man bei der Einarbeitung in das Programm PSE 11 entwickelt, wenn man mit der Software arbeitet.

Genau das ist der Unterschied.

Photoshop Elements 11 bietet vereinfachte Arbeitsmöglichkeiten. Wem dies reicht, der wird das Buch nicht brauchen.

Wer aber mit Photoshop Elements professionell arbeiten möchte – und das ist ja mit diesem Programm möglich – der findet in dem Buch einfach alles erklärt, was während seiner Arbeitsprozesse an Fragen auftauchen kann.

Zumindest bei mir war das der Fall.

Klugerweise hält sich das Buch an eine gute Tradition und hat ein sehr gutes Inhaltsverzeichnis.

Das erschließt dann auch die Wege, um die richtigen Informationen zu finden.

Ich habe nun ca. drei Monate mit dem Buch gearbeitet und kann nur sagen, es hat mich nie enttäuscht.

Das Buch ist bei Pearson erschienen.

 

Photoshop Elements 11. Das Praxishandbuch

von Martin Quedenbaum

ISBN: 978-3-8272-4806-0

Exklusiv: Genesis von Sebastiao Salgado

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Am Rande der Genesis auf Rügen – Foto: Mike Mahlke

Die PR-Maschine

Benedikt Taschen hat Sebastiao Salgado geküßt und der Stern hat das Foto veröffentlicht. Hans-Hermann Klare vom Stern schreibt darüber wie ein alter Freund von Salgado. Nun läuft weltweit eine Marketingmaschine an, um das Buch „Genesis“ von Salgado zu vermarkten. Ein großes Buch mit vielen monochromen Fotos. Vielleicht ist das eine Erklärung für das Verhältnis von Ursache und Wirkung. Ich werde auf eine große Feier in Los Angeles eingeladen und die Zeitschrift, für die ich arbeite, berichtet danach ausführlichst darüber. Ein Schelm, wer dabei weiterdenkt.

Aber so ist die Welt, egal ob es uns gefällt und wer dort war in Los Angeles bei Herrn Taschen, der wird sicherlich andersrum sagen, das ist völlig normal und guter Journalismus. Mit PR hat das nichts zu tun – denke ich mir so.

Nun gut.

Was in dem Buch zu sehen ist, hat der Stern nun schon einmal mit einer Fotostrecke gezeigt, die wahrscheinlich der Verlag zur Verfügung gestellt hat. Die zwölf Fotos zeigen, wie man mit Schwarzweißfotografie gute Fotos machen kann. Salgado war ein Analogfotograf und ist mittlerweile – wenn die Infos stimmen – ein Digitalfotograf.

Denn Kodak stellt den Tri-X Film schon länger nicht mehr her. Daher wechselte er zum DXO-Filmpack und konnte somit auch im digitalen Zeitalter den analogen Charakter seiner Fotos beibehalten. Das setzt natürlich digitale Kameras voraus.

Hätten Sie´s gewußt?

Und zufälligerweise schreibt Canon, dass Salgado für sein Genesis-Projekt Canon Objektive und Kameras genutzt hat. Eine oder mehrere seiner Leica-Kameras hatte er schon vorher verkauft.

Aber die Kameramarke scheint auch weniger wichtig zu sein. „Für einen Fotografen sind gute Schuhe wichtiger als eine gute Kamera, sagt Salgado.“

Der persönliche Nutzen

Denn damit hat das neue Buch von Salgado erstmals auch einen ganz praktischen Nutzen. Man kann selber sehen und ausprobieren, wie man mit einem digitalen Filter gute monochrome Fotos machen kann.

Denn Sie können Salgado spielen, wenn sie sich die Testversion des Filmpack kostenlos runterladen und ausprobieren. Das können Sie mit jeder Kamera, denn jedes JPG-Foto(!) kann damit bearbeitet werden.

So hat das Ganze einen unerhört praktischen Nutzen!

Ich mag viele Fotos von Salgado, weil er Fotos gemacht hat, die das Elend durch Ästhetik ertragbar und ansehbar machen. Man mag das kritisieren, aber die nackte Wahrheit ist oft wohl nicht so wirksam wie die gut verpackte Wahrheit – so ist es vielfach auch mit der Fotografie.

Eines der besten Interviews mit Salgado und über seine Arbeit und das Projekt stammt von 2009. Sie finden es hier.

Nach seiner Selbstdarstellung scheint er – ähnlich wie Cartier-Bresson – die richtigen Kontakte und Möglichkeiten gehabt zu haben, um weiterzukommen. Salgado wurde berühmt zu einer Zeit als die Fotografie die größte Wirkung hatte im Journalismus und der Bildjournalismus die Königsdisziplin war.

Parallelwelten

Heute ist es anders. Daher ist der Blick auf  Genesis ein Blick zurück und ein Blick nach vorn.

Salgado sagt, dass knapp die Hälfte unseres Planeten noch so ist wie zur Zeit der Schöpfung und dies bewahrt werden soll. Daher dokumentiert er nach den Arbeitern und den Flüchtlingen nun die Schöpfungen unseres Planeten.

Das ist irgendwie ein Gegengewicht zu den künstlichen Schöpfungen, die mehr und mehr unser tägliches und tatsächliches Leben bestimmen.

Er ist acht Jahre rumgereist und hat die Welt dort besucht, wo wir meistens nicht hinkommen oder wovon wir vielfach kaum etwas wissen. Das macht aus dem Buch eine Entdeckungsreise.

Zusätzlich sollen die Fotos in über dreißig Ausstellungen weltweit gezeigt werden. Damit ist dem Thema und dem Fotografen die Aufmerksamkeit sicher.

Google zeigt über die Suchfunktion schon jetzt viele Fotos des Projektes und vieles mehr und Artikel dazu entstehen fast täglich.

Die Fotos entstanden zwischen 2004 und 2012 und sind somit auch eine Bestandsaufnahme der Globalisierung – nur andersrum. Und kontinuierlich wurden Fotos aus dem Projekt auch veröffentlicht, so dass es eine dauerhafte Publizität gab.

Es kommt darauf an

Eine Anekdote gefällt mir besonders. Als Salgado bei den Nenets in Sibirien war, erzählten sie ihm, dass sie sich nur einmal im Jahr waschen. Als er fragte, ob sie stinken antworteten sie „Nein“, weil ja alle so riechen. Es ist eben so wie bei Diogenes. Es kommt immer auf die Frage an „im Vergleich wozu…“

Das Buch und die Ausstellung sind quasi der Abschluss des Genesis-Projektes und ermöglichen Rückblick und Überblick.

So geben uns die Fotos die Chance, etwas von dem zu erblicken, was wir selbst so vielleicht nicht mehr so sehen können oder zumindest in dieser Zusammenschau nicht mehr.

Darüber hinaus ist es einfach schön, die monochrome Art des Fotografierens mit digitalen Filtern noch einmal in diesen Fotos zu finden.

Die monochrome Art des Fotografierens hat was, die Fotos aus dem Buch haben es  auch.

TASCHEN

Sebastião Salgado. Genesis

Lélia Wanick Salgado

Hardcover mit 17 Ausklappern

520 Seiten

€ 49,99

 

Art und Limitierte Edition:

Collector’s Edition

Hardcover, 2 Bände mit einem vom Tadao Ando entworfenen Buchständer aus Kirschbaumholz
Diese Collector’s Edition ist auf 2500 Exemplare limitiert.

704 Seiten, € 3.000

Auch erhältlich 5 Art Editions, auf jeweils 100 Exemplare limitiert, mit je einer signierten Schwarz-Weiß-Fotografie

Hardcover, 2 Bände vollständig in Leder gebunden mit einem vom Tadao Ando entworfenen Buchständer aus Kirschbaumholz

Jedes Set wird mit einem signierten und nummerierten Silbergelatine-Print geliefert, € 8500 Euro

Text 1.3

Texte zur Theorie der Fotografie von Bernd Stiegler (Hg.)

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Das ist mal ein schönes Lesebuch zu einem nie enden wollenden Thema.

„Das heißt, die Fotografie war früher das Repräsentationsmedium, unter das alle anderen Medien subsumiert und mit dessen Hilfe sie aufgeteilt und analysiert werden konnten. Heute muß diese Rolle der Computergrafik zu gesprochen werden. Dadurch wird die Fotografie lediglich zu einer unter vielen Repräsentationsformen. Eine Kritik der digitalen Fotografie muß diese Unterordnung des Fotos unter die Grafik berücksichtigen.“

Mit einem Text von Peter Lunenfeld, aus dem das Zitat stammt, endet das Buch zur Theorie der Fotografie, welches bei Reclam erschienen ist. Es hat folgende Rubriken:

  1. Fotografie und das Reale
  2. Fotografie und Indexikalität
  3. Fotografie und Kunst
  4. Fotografie und Wahrnehmung
  5. Fotografie und Gesellschaft
  6. Fotografie im digitalen Zeitalter

Diese Kapitel werden jeweils von Bernd  Stiegler mit einer Einleitung versehen, die aus meiner Sicht eigene Beiträge sind. Danach folgen insgesamt gut 25 Texte verschiedener Autorinnen und Autoren. Das Buch ist eigentlich eine Art Geschichtsbuch der Fototheorie aus analogen Zeiten. Einige Beiträge schließen zur Gegenwart auf, einige sind vielleicht zeitlos.

Das ist hier die Frage.

Bernd Stiegler weist in seiner Einleitung darauf hin, dass mit den digitalen Medien der „ontologische Zweifel Einzug gehalten“ hat und zu „nachhaltigen Verschiebungen führt. Auch wenn in vieler Hinsicht die gesellschaftlichen Gebrauchsweisen der Fotografie sich kaum geändert haben … gilt das für ihre Distribution und ihren ontologischen Charakter nicht.“

Haben Sie das verstanden?

„Die Ontologie (griechisch ὄν, on, „seiend“, als Partizip Präsens zu εἶναι, einai, „sein“, und λόγος, logos, „Lehre, Wort“) ist eine Disziplin der theoretischen Philosophie. In der Ontologie geht es in einer allgemeinen Begriffsverwendung um Grundstrukturen der Wirklichkeit. Dieser Gegenstandsbereich ist weitgehend deckungsgleich mit dem, was nach traditioneller Terminologie „allgemeine Metaphysik“ genannt wird.“ Soweit die Wikipedia.

Und hier kommt genau das wieder, was in immer mehr Büchern zur Fotografie und Fototheorie auffällt. Die Fotografie wird von immer mehr Wissenschaften entdeckt, die sie mit Begriffen besetzen, vor denen sie nicht flüchten kann.

Es gibt viele Texte zur Theorie der Fotografie. Wer eine Sammlung von Texten haben möchte, die einen Wegweiser durch etliche Ecken und Abgründe fotografischer Theorie darstellt, der kommt bei diesem Buch auf seine Kosten – positiv und negativ.

Dabei entwickelte sich bei mir eine Frage: Wie kommt es eigentlich, dass die älteren Texte i.d.R. viel lesbarer sind als die neueren Texte?

Die älteren Texte sind ja nicht unwissenschaftlicher sonst wären sie in dem Buch nicht vertreten. Sie sind aber sofort verständlich, auch wenn man nicht Linguistik oder andere Fächer studiert hat. Ketzerisch könnte man sogar sagen, dass man die älteren Texte auch lesen kann, wenn man „nur“ fotografiert und nicht studiert.

Daher ist das Buch auch empfehlenswert, wenn man einmal unverständliche wissenschaftliche Texte der letzten 40 Jahre und verständliche wissenschaftliche Texte aus der Zeit davor (zum Teil auch in dieser Zeit) lesen möchte.

Und damit repräsentiert das kleine große Reclambuch eine Geschichte der Theorie der Fotografie, die auch zeigt, dass die Deutungshoheit über die Fotografie durch eine unverständliche Fachsprache nicht zu erreichen ist.

Vielmehr überzeugen die älteren Texte in der Regel mehr. Aber auch der Text von Allan Sekula von 1982 ist lesbar, wenn auch dicht und mit einem fachbezogenen Wortschatz ausgestattet.

Texte wie der von Henri Cartier-Bresson sind dann wieder eine reine Freude und versöhnen mit Sätzen, die einen nur noch sprachlos staunen lassen wie dieser hier von Roland Barthes: „Wir wissen, daß ein System, welches sich der Zeichen eines anderen Systems bedient, um sie zu seinen Signifikanten zu machen, ein System der Konnotation ist. Das buchstäbliche Bild ist also ein denotiertes und das symbolische Bild ein konnotiertes.“

Haben Sie es verstanden?

Nun denn, Sie merken an meiner Rezension, dass das Buch in jedem Fall nicht langweilig wird und zur Bildung einer eigenen Meinung einlädt.

Insofern kann man Sie nur einladen, sich dieses Buch bei Interesse am Thema wirklich zu gönnen.

Das Buch ist bei Reclam erschienen.

Texte zur Theorie der Fotografie

Hrsg.: Stiegler, Bernd; Übers.: Lenz, Susanne
376 S. 10 s.-w. Abb.

ISBN: 978-3-15-018708-1

Glamour des Elends von Evelyn Runge

9783412207267

„Ethik, Ästhetik und Sozialkritik bei Sebastiao Salgado und Jeff Wall“ lautet der Untertitel des Buches, das auch als Promotion angenommen wurde. So war ich gespannt wie das Thema Dokumentarfotografie im Buch dargestellt wird, zumal es sich bei den beiden Fotografen ja um weltbekannte Namen handelt.

Das Buch hat viele Aspekte und deshalb will ich auch keine Rezension schreiben, die so dick wird wie das Buch.

Auf Seite 69 landet die Autorin explizit im Bereich „Kernbegriffe der Dokumentarfotografie“. Sie schreibt: „Zu den beliebten Topoi im Diskurs über Fotografie und im speziellen über Dokumentarfotogafie zählen Mitleid, Ästhetisierung und Würde.“

Die Autorin leitet dann begriffsgeschichtlich Mitgefühl und Mitleid her und beschäftigt sich danach mit Fragen der Ästhetik. Dann folgt ein Kapitel über Würde und Humanität und auch zum Thema Würde im Bild.

In Anlehnung an das „Bildsystem Fotografie“(S. 25) von Gottfried Jäger schreibt sie dann: „In der vorliegenden Arbeit geht es vor allem um Abbilder (Dokumentarfotografie) und Reflexbilder (Konzeptfotografie, Medienreflexion)“ (S. 106).

So nähert sie sich dem Kern ihres Buches „Ethik, Ästhetik und Sozialkritik bei Sebastiao Salgado und Jeff Wall“.

Sie stellt Sebastiao Salgado und sein Werk ebenso vor wie Jeff Wall und kommt dann u.a. zu dem Gedanken: „Der Unterschied ist aber, dass inszenierte Fotografie als Bildidee bis hin zur Form der Publikation und Präsentation überdacht ist und, wie erwähnt, das Bildresultat in der Bildidee mitkonzipiert ist. In der dokumentarischen und journalistischen Fotografie steht nach wie vor die Spontaneität und das Fotografieren im Vordergrund“ (S. 175).

Im „Ausblick“ stellt Frau Runge fest: „Eine der Herausforderungen für künftige Forschungen über Fotografie besteht nach wie vor darin, ein klareres Vokabular zu schaffen“ (S. 245)

Ich will diese beiden Zitate als Rahmen nehmen für weitere Gedanken.

Da sie feststellt, dass es keine genaue und/oder eindeutig akzeptierte und wissenschaftlich erarbeitete Begrifflichkeit gibt, arbeitet die Autorin mit dem, was da ist und vieldeutig eingesetzt wird. So ist vieles nicht intersubjektiv sondern nur subjektiv zu fassen und regt  zur Auseinandersetzung an.

Man merkt dem Buch und der Autorin an, dass sie sich tief und engagiert mit diesem Thema auseinandergesetzt hat.

Das Schicksal von guten Autorinnen und Autoren besteht darin, mit dem Mut zur Lücke und dem Mut zur Meinung zu schreiben. Frau Runge hat ein gut zu lesendes und inhaltlich interessantes Buch zu einer Spezialfrage geschrieben. Es hat Charakter und ist eine echte Kaufempfehlung. Frau Runge hat eben eine gute „Schreibe“ und einen eigenen Blick.

Exemplarisch zeigt das Buch“Glamour des Elends“  zudem, dass Wörter und Bilder vielfach zwei verschiedene Kommunikationswege sind. Es ist einfach schwierig über Fotos zu schreiben und das dann alles noch in wissenschaftlich nicht eindeutige Begriffe zu packen. Dafür kann aber die Autorin nichts. Das ist das Schicksal der Fotografie.

Das Buch ist im Böhlau-Verlag erschienen und lohnt sich sehr, wenn man sich für Fotografie und diese Fragen interessiert.

Evelyn Runge
Glamour des Elends. Ethik, Ästhetik und Sozialkritik bei Sebastião Salgado und Jeff Wall
ISBN 978-3-412-20726-7

Text 1.1

The American Social Landscape. Dokumentarfotografie im Wandel des 20. Jahrhunderts von Gisela Parak

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„In der vorliegenden Arbeit wird die Dokumentarfotografie nicht als Genre oder Stilrichtung verstanden, sondern als Diskurs über Gesellschaft und Lebensmöglichkeiten, der mit den Mitteln der Fotografie geführt wird. Von der Annahme einer schlichten Abbildung grenzt sich das zugrundeliegende Medienverständnis ab und es wird immer wieder zu klären sein wie Realität dargestellt, konstruiert und produziert wird.“

Diese Worte aus der Einleitung des Buches machen neugierig auf die Darstellung der Dokumentarfotografie im 20. Jahrhundert.

Allerdings muss man sich erst einmal durch einige andere Seiten lesen. Die Autorin arbeitet dort mit Begriffen wie „Konnotation des Dokumentarischen“, sie spricht von einer „Ontologie digitaler Bilder“ und kommt zu dem Schluß, dass sich „drei maßgebliche Erklärungsansätze fotografischer Bildtheorie aus der Geschichte synthetisieren“ lassen, ein autoreferentieller, ein indexikalischer und ein diskurskritischer Ansatz.

In ihrem Buch will sie nach einer Darstellung von Atget, Riis, Hine, Lange, Evans, Frank, Firedlaender, Winogrand, Arbus, Adams, Baltz, Sekula und Rosler dann eine „Neuverortung der fotodokumentarischen Methode vornehmen“.

Die Beispiele dafür sind die Fotografen Allan Sekula, Joel Sternfeld und David Goldblatt. Sie will damit eine „dekonstruktive Methode des Dokumentarischen vorstellen, die sich den gesellschaftlichen Wirklichkeiten in einer konzeptuellen Verwendungsweise des Mediums annähert.“

Dabei geht sie eigentlich so vor wie jeder gute Historiker, wenn sie schreibt: „Von der Annahme einer schlichten Abbildung grenzt sich das zugrundeliegende Medienverständnis ab und es wird immer wieder zu klären sein, wie Realität dargestellt, konstruiert und produziert wird.“

Man verzeihe mir diese vielen Zitate zu Beginn, aber diese riesigen Begriffe kann man nicht noch mal in eigene Worte packen ohne sofort in Erklärungsnot zu kommen.

Es sind dann auch später Sätze wie „Die Dokumentarfotografie der 60er/70er Jahre beinhaltet somit das metareflexive Eingeständnis einer epistemologischen Aporie, das in den Bildreihen stilistischen Ausdruck fand“, die diesem Buch seinen Charakter geben. Da das Buch als Promotion im Fach Kunstgeschichte angenommen wurde, ist diese Wortwahl vielleicht auch die Erfüllung einer Erwartungshaltung Dritter – wer weiß.

Auf Seite 92 kommt die Autorin dann zur „Neuverortung der dokumentarischen Methode“ und sie schreibt über Allen Sekula: „Die von Sekula verwandte dokumentarische Methode ist die der Dekonstruktion, als Bild/Text zergliedert der Fotoband die Konstitution der sozialen Landschaft  in nachvollziehbare Einzelteile. Dabei … richtet sich Sekulas Konzeption der Dokumentarfotografie explizit gegen John Szarkowskis formalisierte Bildbetrachtung und gegen die Annahme einer bildimmanent zu entschlüsselnden Bedeutung.“

Sie schildert dann an der Tätigkeit einiger Fotografen, wie dies im Einzelfal aussieht. Ihre Bildbesprechungen sind in meinen Augen eines der Wesensmerkmale dieses Buches.

Es zeigt sich auch hier ein grundlegendes Problem der Fotografie. Sie ist so multidimensional, dass jeder aus seiner Ecke mit jeder Art von Theorie sie benutzen kann. Es fehlt eben ein „klareres Vokabular (Runge)“.

Es scheint echt so, dass bald jeder seine eigene Theorie ist und damit aus einem einfachen Foto oder einer Reihe von Fotos Dinge werden, die den Orbit verlassen und unverstanden um uns herum kreisen.

Das Buch hat den Vorteil, uns durch viele dieser zumindest mir vorher völlig unbekannten Theorien und Gedanken zu führen, deren Nutzen sich mir nicht erschließt und die ohne weitere praktische Relevanz für das Leben, die Wissenschaft (?) und die Fotografie zu sein scheinen.

Für diesen gedanklichen Weg durch dieses Dickicht muß man der Autorin dankbar sein. Zumal sie dadurch auch die Problematik von Wissenschaften aufzeigt, die sich immer mehr zersplittern, die immer mehr -ismen bilden, die an jeder Ecke neue Begriffe kreieren, die vielleicht sogar irgendwann so viele Theorien und Wörter haben wie die Fotografien, die sie beschreiben wollen.

Wie schreibt der Verlag? „Aufgezeigt wird der Wandel vom Glauben an die bildliche Evidenz bis hin zu den dekonstruktiven Herangehensweisen der Gegenwart.“

Mir hat es Spaß gemacht, das Buch zu lesen und wer Lust auf eine solche gedankliche Auseinandersetzung hat wie ich sie hier geschildert habe, der findet in dem Buch genau das, was er/sie sucht.

Es ist im WVT-Verlag erschienen.

Gisela Parak:

The American Social Landscape:

Dokumentarfotografie im Wandel des 20. Jahrhunderts

ISBN 978-3-86821-123-8

 

 

 

 

 

All-American Volume Twelve: A Book of Lessons von Bruce Weber


Immer wieder stößt man auf Bücher, die nach dem Öffnen nicht mehr loslassen. So erging es mir bei dem Buch von Bruce Weber.

Seit mittlerweile elf Jahren veröffentlichen der Fotograf und Filmemacher Bruce Weber und seine Partnerin Nan Bush die Buchreihe All-American, ein unabhängiges Portfolio mit Werken von Künstlern, Fotografen, Essayisten, Dichtern und Persönlichkeiten, deren Leben und Errungenschaften die Herausgeber feiern möchten. Einige der Mitwirkenden sind bereits Berühmtheiten, doch mindestens genauso oft begegnen uns in All-American relativ unbekannte, aber nicht weniger bemerkenswerte Menschen, von denen Weber und Bush überzeugt sind, dass ihre Geschichten und Leistungen den Leser auf einer persönlicheren Ebene ansprechen.

Kennen Sie George Ivanovitsch Gurdjieff? Nein? Wenn Sie das Buch von Bruce Weber aufschlagen und die ersten Fotos gesehen haben, dann wollen Sie mehr wissen über die Fotos und wer dahintersteckt. Und so kommt Bruce Weber zum Text, der die Geschichte von Franklins Farms in Mendham, New Jersey erzählt.

Kennen Sie Danny Trejo? Ich kannte ihn nicht, aber er ist ein amerikanischer Action-Schauspieler, der eine unglaubliche Lebensgeschichte hat. Auch diese wird bildreich und wortreich erzählt und zeigt uns durch den Menschen ein Stück Amerika wie wir es als Europäer nie sehen würden.

„All-American Volume Twelve: A Book of Lessons präsentiert eine vielseitige Palette amerikanischer Talente, die mit starker Persönlichkeit und Kreativität Eigenschaften wie Freiheit, Überzeugung und Inspiration beispielhaft verkörpern. In ihren persönlichen Lebensreisen stecken die „lessons“ oder Lehrstunden des Buches: Der Schauspieler und Aktivist Danny Trejo erzählt von seinem unwahrscheinlichen Weg zum Ruhm, Polly Mellen spricht über die wichtige Rolle der Neugier in ihrer glanzvollen Karriere als Moderedakteurin, und der Musiker und Musikproduzent Nile Rodgers gibt Aufschluss über seine magischen Künste als Hit-Fabrikant. Die aufstrebende Detroiter Kunstszene wird von zwei Seiten beleuchtet – zum einen anhand der Arbeiten von Studierenden und der handwerklichen Tradition an der Cranbrook Academy of Art, zum anderen in Gesprächen mit namhaften Kunstorganisationen im Zentrum der Stadt. Das Buch verneigt sich außerdem vor dem jüngst verstorbenen Grove-Press-Verleger Barney Rosset, dem Chicagoer Oral-History-Pionier Studs Terkel und der einstigen Salonlöwin Mabel Dodge Luhan, die später in der Künstlerkolonie Taos aktiv war.“

So ist dieses Buch wirklich etwas besonderes. Es erzählt Geschichten und es zeigt gute Fotoreportagen, interessanterweise mit Bildern aus den analogen Zeiten und den digitalen Zeiten der Fotografie.

Man merkt nicht den Unterschied für die Reportage aber es zeigt sich, dass verschiedene Bildstile auch völlig verschiedene Wirkungen hervorzaubern können.

Das Buch ist in englischer Sprache, aber die Fotos allein sind es schon wert. Neben zahlreichen Originalfotografien und Interviews von Bruce Weber enthält All-American Volume Twelve: A Book of Lessons Auftragswerke von Poppy de Villeneuve und Carlos Charlie Perez, bislang unveröffentlichte Fotografien von John Derek sowie Gedichte von Frank O’Hara und Danielle Faith Green, einer jungen Autorin aus Brooklyn.

In diesem Jahr übernimmt teNeues die Veröffentlichung von All-American und verschafft Bruce Webers Reihe damit ein wesentlich breiteres internationales Publikum als bisher. Das finde ich sehr gut, weil das Buch auch für Nicht-Amerikaner sehr reizvoll ist.

Was mir vor allem gefällt ist die doppelte Anspielung hinter der Überschrift „A Book of Lessons“ – Ein Buch mit Lektionen.

Man lernt nämlich nicht nur Lebenserfahrungen kennen, die den eigenen Horizont erweitern. Zugleich lernt man mit diesem Buch auch viel über gute erzählende Fotografie und illustrativen Journalismus.

Und nicht zuletzt macht es ausserordentlich viel Spass in dem Buch zu blättern, zu schauen und zu lesen.

Das Buch empfiehlt sich als Geschenk, wenn es etwas mehr sein soll und für Menschen, die fotografisch weiterdenken möchten.

All-American Volume Twelve:

A Book of Lessons

Bruce Weber

published by teNeues

134 color and 144 duotone photographs

Text in English

ISBN 978-3-8327-9667-9

Magnum Revolution, 65 Jahre Freiheitskampf von Jon Lee Anderson, Paul Watson


Magnum lebt. Und dieses Buch ist ein bemerkenswertes Stück Fotojournalismus, ein Geschichtsbuch und ein Buch voller Geschichten wie man es sich nicht besser wünschen kann.

„Kein Magnum-Fotograf hielt die letzten Momente im Leben Gaddafis nahe der Stadt Sirte fest, doch konnten wir sehen, was geschah… entweder durch unbeteiligte Bürger oder Kämpfende selbst. Sie filmten und fotografierten… und stellen es dann über das Internet … zur Verfügung. Macht diese technische Revolution die außergewöhnliche Gruppe der Magnum-Fotojournalisten bald überflüssig?  Möglich. Das läßt sich nicht absehen.“

Mit diesen Worten aus der Einleitung werden wir in ein Reich voller Fotogeschichten geführt, die das Geschehen der letzten 65 Jahre passieren lassen. Und es ist einfach so, dass die Fotoagentur Magnum ein wesentlicher Teil dieser Zeit war und deshalb hier auch ein sehr fotografisch substanzreiches und gutes Buch entstehen konnte.

Verschiedene Fotografen zeigen verschiedene fotografische Stile. Bilder erzählen Geschichten und Bilder zeigen meistens namenlos gebliebene Menschen als Symbolfiguren bestimmter Situationen. Wie wichtig Freiheit ist sieht man den Fotos derer an, die dafür kämpfen oder gerade befreit worden sind. Wie wichtig Menschlichkeit ist sieht man an den unmenschlichen Kriegssituationen, die überall auftauchen.

Es ist ein Buch voller Werte, die fotografisch abgebildet werden. Es ist kein Buch, das Elend dokumentiert, sondern hier findet man den Willen der Menschen wieder, sich nicht alles gefallen zu lassen.

Aber man findet hier auch ein reiches Potential an fotografischen Vorlagen für die Gestaltung eigener Fotografien. So kommt neben dem historischen und journalistischen Ansatz auch das fotografische Lernen nicht zu kurz.

Eines der beeindruckendsten Fotos für mich ist das Foto von John Vink aus Prag vom 24. November 1989. Das Foto spricht Bände. Sie können es sich selber anschauen, wenn Sie sich das Buch bestellen. Es ist ein bleibendes Geschenk und eine besondere Empfehlung wert.

Das Buch ist im Prestel-Verlag erschienen.

Magnum Revolution

65 Jahre Freiheitskampf

ISBN: 978-3-7913-4643-4