Buch

Die fotografische Inszenierung des Verbrechens. Ein Album aus Auschwitz

„Mit der Fertigstellung des Krematoriums III in Auschwitz Birkenau Ende Juni 1943 waren dort sämtliche Mord- und Verbrennungsanlagen funktionsfähig, die zusammen mit dem alten Krematorium in Auschwitz I 4756 Menschen am Tag einäschern konnten. Stolz benachrichtigte Karl Bischoff, Leiter der Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei Auschwitz, Hans Kammler über die „Leistung“ und Daten der Anlagen: 1440 Leichen pro Krematorium II und III sowie 768 Leichen pro Krematorium IV und V.“

„Dieser Betrieb wird bestreikt“ hrsg. vom Technoseum Mannheim

Bilder- und Lesebuch zu Streik und Aussperrung 1963 in Mannheim – so lautet der Untertitel zu diesem höchst interessanten Buch.

„In dem vorliegenden Bildband beschäftigen sich eine Historikerin und sechs Historiker und Sozialwissenschaftler unterschiedlichen Alters (Jahrgang 1943 – 1986) mit Bildern eines Ereignisses, das 1963 auch international Aufsehen erregte, dann aber schnell wieder in Vergessenheit geriet.“

Auf den Spuren der Erinnerung von Lara Morri

„Die Beelitzer Heilstätten und die verbotene Stadt in Wünsdorf“ lautet der Untertitel des Buches aus dem Mitteldeutschen Verlag.  Hier präsentiert die Autorin ein gut gemachtes Fotobuch und ein Geschichtsbuch mit Geschichten und eine Dokumentation in einem Einband.

Lost Places, das Fotografieren von verlassenen Orten, wird in den Beeltzer Heilstätten dokumentierend kombiniert mit einer Spurensuche nach der Geschichte. Dabei werden Zeitzeugen befragt und Eindrücke vor Ort fotografisch festgehalten. So entsteht eine interessante und kluge Mischung aus Text und Bild.

BLACK_ED OUT von Alexander Gohlke

Wie sieht Zensur aus? Wir im heutigen Deutschland wissen dies eher dadurch daß etwas nicht zu sehen ist. Alexander Gohlke zeigt uns wie es woanders schon aussieht und bei uns auch auftaucht. Er zeigt uns wie Zensur sichtbar aussieht.

Eine neue alte Dimension der Streetfotografie – the pictorial treatment of locality

Foto Mahlke

Ich las in dem Buch Unfamiliar Street Photography von Frau Bussard. Das Buch ist eher akademisch und für eine amerikanische Leserschaft gemacht aber lesenswert, leider nur auf Englisch.

Frau Bussard greift einen Artikel von Osborne Yellott auf, der als erster über Street Photography / Strassenfotografie um 1900 schrieb und dort zwei Betrachtungsweisen unterscheidet: die Örtlichkeit und das soziale Leben. Während z.B. Cartier-Bresson dann den entscheidenden Moment im sozialen Leben fand, ist die Örtlichkeit bisher nicht so als Betrachtungsweise in der Streetfotografie aufgetaucht. Das führt sie an Fotos von Richard Avedon, Charles Moore, Martha Rosler und Philip-Lorca Dicorcia dann aus. Ich finde ihre Schreibweise etwas schwierig aber die Gedankenführung an sich sehr aufschlußreich.

So waren die Kämpfe für Gleichbehandlung 1963 in Birmingham in den USA zu dieser Zeit an diese Örtlichkeit gebunden und die Fotos von Charles Moore auf der Straße an diesem Ort zeigten was geschah. Denn dort wurde der öffentliche Raum besetzt, um Gleichbehandlung auf sozialer Ebene durchzusetzen.

Das war Strassenfotografie, die zugleich politische Fotografie war und ohne die Straße gar nicht da gewesen wäre, weil es um die Besetzung der Straße als Ort für soziales Geschehen ging, „politicized streets“ in ihren Worten.

Bei Avedon ging es nicht direkt um Politik sondern um Mode, aber diese war direkt an die Straßen von Paris gebunden und wäre ohne diese Straßen so nicht umsetzbar gewesen.

So geht es weiter in dem Buch und diese Betrachtungsweise zeigt, daß Streetfotografie durchaus mehr sein kann als nur der entscheidende Moment einer sozialen Situation auf irgendeiner Strasse. Es kann genau so gut entscheidend sein, dass das Soziale nur an einer bestimmten Örtlichkeit entstehen kann, das dann zum Motiv wird.

Da Streetphotography zudem in New York geboren wurde und dann später in Paris wuchs, um später jede Stadt zu erobern, ist die Örtlichkeit als fotografisches Biotop wesentlich für viele Motive.

Die bildhafte Betrachtung eines Ortes ist ja auch mehr als die rein architektonische Aufnahme.

Was für Menschen gemacht ist, erfüllt erst in der Interaktion von Mensch und Örtlichkeit seinen Zweck. Und wer dies fotografiert, macht dann Strassenfotografien, die Form und Inhalt zusammenbringen können.

„Art is social in the first instance“ – Kunst ist zuerst immer sozial. Mit diesem Zitat von Rosalyn Deutsche fängt das Kapitel von Frau Bussard über Martha Rosler und ihren Spaziergängen in der Bowery an, einer verarmten Strasse in New York. Darin wird aufgeschlüsselt, daß Dokumentarfotografie und Streetfotografie sich immer überlappten und oft je nach Interessenlage und Mode tituliert wurden.

Zugleich zeigt Frau Rosler mit einigen ihrer Fotos, daß man eben nicht „echte“ Fotos, also ungestellte konkrete soziale Situationen, beliebig aus dem Zusammenhang reißen kann, um sie formal abstrahiert im Museum auszustellen.

Anders ausgedrückt, man kann es, aber es ist sozial völlig sinnlos, es sei denn es soll als reines Geldobjekt und nicht mehr als reales Foto genutzt werden.

Und was lerne ich daraus?

Ein gutes Foto hat eine echte Geschichte…

Wie Bilder Dokumente wurden. Zur Genealogie dokumentarischer Darstellungspraktiken von Renate Wöhrer (Hg)

Was ist Dokumentarfotografie? Wo wenn nicht hier muß diese Frage beantwortet werden.

Und die Antwort wurde erforscht und in einem Buch publiziert.

Die Herausgeberin Renate Wöhrer weist darauf hin, daß rückblickend bis in die 20er Jahre des 20. Jhrdts. eigentlich alle Fotografien als Dokumente galten.

Im englischen Sprachraum gab es record photography, im deutschen Sprachraum die Aufnahme. Das drückte eine Nähe zum Dokumentcharakter aus.

John Grierson nutzte das Wort dokumentarisch erstmals bei einer Filmkritik und seitdem war es in der Welt. „Erst die bewusste filmische Gestaltung und argumentative Struktur des aufgezeichneten Materials bezeichnete er als dokumentarisch“, so Wöhrer.

Das Wort wurde in den 30er Jahren populär, so wie später Streetfotografie oder heute Selfies.

„Welcher Umschlag geschah zwischen record photography und documentary photography, zwischen Aufnahme und Dokumentarfotografie? Auf welche Faktoren ist die Popularität der Bezeichnung dokumentarisch zurückzuführen?“

Das sind Fragen, die sich Wöhrer stellt.

Das Buch enthält Beispiele für diese Entwicklungen von verschiedenen Autorinnen und Autoren.

Ein dokumentarisches Foto ist eben mehr als nur Abdrücken.

Es ist die bewußte Wahl von Ausschnitt, Moment und Gestaltung von dem, was man sieht – also der gesehenen Wirklichkeit – wie es Grierson schon formulierte.

Bis heute wird über die Abgrenzung zur Fotokunst gestritten. Einige meinen, daß die Fotokunst sich abgrenzen mußte und daher das Dokumentarische als Nicht-Fotokunst mit diesem Wort eingrenzte.

Aber das klappt so auch nicht, weil eben auch Dokumentarfotografie Fotokunst sein kann, wie man an den Fotos von Walker Evans sah, die plötzlich als Fotokunst galten, obwohl sie ursprünglich rein dokumentarisch waren.

Es ist eben eine rein soziale Ebene, bei der es darauf ankommt, wann wer was wofür benutzte, wenn wir feststellen, ab dann wurde dort das und das als Wort genutzt.

Aber es war auch eine Methode, also eine besondere Art und Weise der Darstellung und des Aufbereitens von Informationen mit Fotografien und Texten.

So ist dieses Buch quasi ein begriffliches Grundlagenwerk für das, was ich hier seit Jahren betreibe – das Produzieren von Fotos und Texten mit Themen aus der und über die Dokumentarfotografie.

Das Buch ist im Kadmos-Verlag erschienen.

Aber ich war eher da als das Buch.

Schön daß wir uns getroffen haben.

 

Agenten der Bilder von Annette Vowinckel

Vowinckel

Vowinckel

Für das Buch braucht man eine Woche, dafür spart man sich hundert Jahre. Das ist ein ziemlich gutes Geschäft.

„Gegenstand dieses Buches ist … die Erforschung der visuellen Dimension von Politik unter den spezifischen Bedingungen des 20. Jhrdts…. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass Historiker besser qualifiziert sind, die Geschichte der Öffentlichkeit und vor allem die Geschichte von Institutionen wie Presseorganen, Bildagenturen und Zensurbehörden zu erforschen als die Kollegen aus der Kunstgeschichte.“

Das ist doch mal eine Ansage.

Und so geht Frau Vowinckel los und hat sich einen Überblick über Archive, Bestände und Arbeitsmöglichkeiten verschafft und dann eine Auswahl, ihre Auswahl, getroffen. Diese wird systematisch und nachvollziehbar dargestellt.

Sie schaut nach dem Fotografischen Handeln, weil dies „ein Spezifikum der Moderne (ist), das seine volle Wirkungsmacht mit der Möglichkeit der massenhaften Reproduktion, genauer – der Reproduktion in Massenmedien, entfaltet.“

Das klingt alles akademisch und wissenschaftlich und ist es auch. Aber auf der Strecke durch das Buch wird es oft lesbarer.

Sehr beeindruckt hat mich ihre Schilderung der Anfänge der Fotojournalisten, die sich von Fotografen dadurch unterscheiden, daß sie draussen und/oder unterwegs sind und zu Ereignissen gehen – im Gegensatz zum Fotografen. Möglich geworden war dies durch kleine Kameras.

Es war kein Lernberuf sondern Learning by Doing und eine Chance für viele Emigranten nach der Vertreibung durch die Nazis oder Faschisten selbst Geld zu verdienen. Arbeiter,  rassisch oder religiös Verfolgte und Migranten dominierten.

Weil es eine neue Art war, Geld zu verdienen, war dieser Bereich auch noch nicht sozial durch die traditionellen Eliten besetzt und vieles möglich.

Heute wird man dies nicht mehr aus der Not heraus sondern eher weil man keine Not hat und es sich leisten kann die Kurse zu besuchen, die als Eintrittsbillett fungieren in die eher abgeschlossene Welt des Journalismus, würde ich ergänzen.

Aber das ist ein anderes Thema.

Die genaueste Landkarte ist so groß wie das Land, das sie darstellen soll. Das hat Frau Vowinckel sinnvollerweise vermieden und schildert in großen Kapiteln ihr Thema in dem Wissen, daß „die Auswahl der Quellen in gewissem Maß willkürlich ist“ und mancher Recherche durch „mangelnde Sprachkenntnisse“ Grenzen gesetzt wurden.

Aber die großen Linien sind klar herausgearbeitet und wer mehr will, der kann die Anmerkungen und Verweise ja selbst noch aufsuchen.

Bei ihr finden sich auch Texte über die Protokollfotografen, die wir auch heute noch täglich sehen, wenn Sie mit dicker Linse große Fotos von Merkel und Co aufnehmen.

Sie nennt es Fotografie im Staatsdienst und meint damit nicht polizeiliche Tatortfotografie sondern die staatliche Bilddarstellung.

Protokollfotografen haben oft das einfachste Geschäft und sind zudem meist völlig staatstragend bis zur Apathie ohne kritischen Bildwert. Das gilt für die Bundesregierung ebenso wie für die USA.

„Echte“ Fotojournalisten lebten da anders. Sie mußten immer rumreisen und waren als Kriegsfotografen natürlich extrem belastet. Aber die Mehrheit der Fotojournalisten war nicht im Krieg sondern war irgendwo vor Ort – ganz entspannt.

Frau Vowinckel beschränkt sich komplett auf das 20. Jhrdt. betont aber zugleich: „… dass das Goldene Zeitalter des Fotojournalismus mit dem Aufstieg des Fernsehens zum Leitmedium und der Einstellung von Magazinen wie Picture Post oder Life zu Ende (ging), halte ich für falsch. Noch heute gibt es einen Großen Markt für Fotoreportagen und die Preise für journalistische Fotografien sind nicht linear gesunken, sondern punktuell stark gestiegen.“

Insofern lohnt es sich darüber nachzudenken, wie aktuell das Buch für heute ist und ob ihre Ansicht so stimmt.

Sie zeigt uns wie vielfältig die Bilderwelt jenseits von Magnum war und verbreitert durch das geschilderte Mosaik ungemein den Blick. Sie leuchtet in die Staatspropaganda und die Bildagenturen wie AP, die es durch die Nutzung von Übertragungsleitungen schafften, weltweit besser als andere zu sein.

Sehr viele englische Zitate zeigen, dass der Aufstieg der Fotoagenten wesentlich vom anglo-amerikanischen Markt geprägt war.

Frau Vowinckel versucht immer wieder diese Sichtweise um andere Aspekte zu ergänzen, wenn sie über Themen wie Fotojournalismus in Afrika, Fotojournalismus und FBI, Fotografie in der DDR zwischen Stasi und subversiven Aufnahmen eigene kleine Kapitel einstreut. Das läßt Bewußtsein wachsen und zeigt, daß es mehr gab als wir je erfahren werden und ihre „Fallbeispiele“ werden so konkret wie eine Tiefseebohrung. um mich plastisch auszudrücken.

Sie schließt das Buch mit einem brillianten Abschlußkapitel, das ich hier nicht wiedergebe bis auf eine Frage von ihr, um die Neugier zu erhöhen:

„Was für Bilder hätten das 20. Jhrdt. geprägt, wenn Fotojournalisten akademisch gebildete, von Konkurrenzdenken und individuellem Leistungsstreben getriebene Stubenhocker gewesen wären?“

So wie heute?

Das Buch ist einfach klasse.

Es ist im Wallstein-Verlag erschienen.

Annette Vowinckel

Agenten der Bilder

Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert
Reihe: Visual History. Bilder und Bildpraxen in der Geschichte (hg. von Jürgen Danyel, Gerhard Paul und Annette Vowinckel); Bd. 2

ISBN: 978-3-8353-1926-4