Michael Mahlke

Wie man mit der Dokumentarfotografie Geschäfte macht oder wer gewinnt zahlt drauf?

Foto: Michael Mahlke

Umsonst ist nicht genug

Da gibt es nun eine Ausschreibung für einen Fotowettbewerb. Dort lese ich:

„Mit der Ausstellung ACHTUNG?! – RESPEKT, KONTROLLE, VERÄNDERUNG im Münchner Stadtmuseum schafft FotoDoks Raum für fotografische Arbeiten, die sich auf besondere Art den Themen unserer Zeit widmen, die Beziehung des Fotografen zur Welt beleuchten und einen reflektierten Umgang mit dem Bild zeigen. Gemeinsam mit dem diesjährigen Partnerland Großbritannien (UK) setzt sich FotoDoks mit der aktuellen Dokumentarfotografie, den Fotografen und den Fotografierten auseinander.

Die Ausstellung wird am 17. Oktober 2012 im Münchner Stadtmuseum eröffnet und ist dort bis zum 25. November zu sehen.“

So ist es also in München möglich, Dokumentarfotografie zu zeigen. Also werfe ich einen Blick auf die Ausschreibungsbedingungen und dort finde ich folgende Sätze:

„Ausstellung

Die Ausstellung FotoDoks findet vom 17.10.2012 bis zum 25.11.2012 im Münchner Stadtmuseum statt.

Die ausgewählten Fotografen werden bis zum 15.08.2012 per E-Mail benachrichtigt.

Die Gestaltung der Ausstellung erfolgt durch den Veranstalter im Einvernehmen mit dem/der Fotograf/in. Die endgültige Entscheidung obliegt dem Veranstalter. Wir behalten uns vor, kurzfristig Exponate z.B. aus technischen oder versicherungstechnischen Gründen von der Ausstellung auszunehmen.

Jede/r Teilnehmer/in ist für die Erstellung der Abzüge oder Prints in galerieüblicher Qualität selbst verantwortlich. Die Art der Präsentation ist mit dem Veranstalter abzusprechen.

Die Teilnehmer/innen der Ausstellung, tragen selbst die Kosten und Verantwortung für die Anlieferung und Hängung der Fotografien.

Kosten für die Rücksendung in maximaler Höhe von 50,- Euro werden übernommen. Darüber hinausgehende Kosten trägt der Teilnehmer selbst.

Die Anwesenheit zur Hängung (15. & 16.10.) ist verpflichtend und eine Teilnahme am Festival (vom 17.10.-21.10 2012) erwünscht.

Jede/r ausgewählte Teilnehmer/in ist verpflichtet einen Pressetext zu seiner Arbeit bis spätestens 01.09.2012 in digitaler Form zu übermitteln.

Jede/r Teilnehmer/in willigt ein, dass der Aussteller eines oder mehrere Bilder im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit für die Ausstellung und den Wettbewerb reproduzieren und verbreiten darf.“

Alles umsonst aber dafür nicht kostenlos

Das Ganze ist meiner Meinung nach ein Musterbeispiel für die Feststellung, dass Dokumentarfotografie kein Geschäftsmodell ist. Wer mitmacht und zugelassen wird, muss so gut wie alles selber bezahlen und erlaubt sogar noch die nicht weiter spezifizierte kostenlose Verbreitung seiner Fotos laut dieser Infos.

Da braucht es keine Urheberrechtsdebatte um Bezahlsysteme, wenn Teilnehmer nicht nur selbst zahlen sondern dafür auch noch ihre Rechte abgeben.

Wenn man sich gleichzeitig die Liste der „Premium Partner“ anschaut, dann fragt man sich schon, wer und was wird da bezahlt, wenn die Teilnehmer und ihre Fotografien – also der Kern der Sache – fast alles selbst bezahlen müssen.

(Wichtig: Es gibt zu diesem Artikel eine Anmerkung von Jörg Koopmann, der für die Veranstalter von fotodoks spricht und darauf hinweist, dass diese Ansichten von mir so nicht stimmen. Ich kann das nicht überprüfen, verweise aber in diesem Beitrag schon auf die Kommentarbeiträge am Ende dieses Artikels. So kann man sich ein eigenes Urteil bilden.)

Dokumentarfotografie ist doch ein Geschäftsmodell

So könnte man zu der Feststellung kommen, dass Dokumentarfotografie sehr wohl ein Geschäftsmodell ist – nur nicht für die Fotografinnen und Fotografen, die die Fotos liefern. Es ist sogar eine fast geniale Geschäftsidee. Früher bestimmte der die Musik, der sie bezahlte. In diesem Fall bestimmen andere (u.a. „Sponsoren“?)  die Musik und man selber muß auch noch dafür bezahlen und auf eigene Kosten produzieren.

Deutschlands „beste“ Dokumentarfotografen?

Aber auch dieses Geschäftsmodell kann man noch toppen. Am besten sucht man einen Verlag, der ein Buch herausbringt mit dem Titel „Deutschlands beste Dokumentarfotografen“ und wer will, der kauft sich für z.B. 1000 Euro in dem Buch eine Selbstdarstellung.

Das ist ein kluges Geschäftsmodell, bei dem alle verdienen – ausser den beteiligten Dokumentarfotografen.

So kann man mit der Dokumentarfotografie gute Geschäfte machen.

Übrigens gibt es ganz viele Beispiele in dieser Richtung, so dass mein Beispiel nur gerade aktuell ist und mir unter die Finger kam. Mehr Fotowettbewerbe finden Sie u.a. hier.

Und  bei z.B. fotodoks kann man scheinbar nur mitmachen, wenn man sich auf diese Bedingungen in dieser Form einlässt. Damit ist klar, dass man über einen seriösen Umgang mit Fotografie sehr geteilter Auffassung sein kann.

Text Version 1.1

Wertloser Moment oder verpasste Gelegenheit?

Collage - Foto: Michael Mahlke

Heute im Gottesdienst. Eine Taufe steht an. Viele haben Kompaktkameras dabei, einige DSLRs. Alle blitzen wie verrückt als die Kinder mit den Eltern in der ersten Reihe sitzen.

Der Gottesdienst beginnt. Nun soll die Taufe durchgeführt werden und die Eltern, die anderen Kinder und alle anderen werden zum Taufbecken gebeten und die Taufe beginnt.

Keiner fotografiert, keiner nimmt das Ereignis auf, keiner hält den schönen Moment fest: wie die Eltern strahlen, das Kind freundlich lächelt, das Glück dieser Situation. Weder mit Blitz noch ohne Blitz. Dann ist es vorbei.

Zeitqualität

Jeder Moment hat seine eigene Zeitqualität. Manche Momente sieht man Jahre später ganz anders oder hat sie ganz anders in Erinnerung. Aber was sind solche Momente wert?

Wie das Beispiel zeigt, zunächst einmal fotografisch nichts.

Ich persönlich glaube, dass irgendwann alle sich freuen würden, wenn ein Foto auftauchen würde, bei dem sie so beisammen sind. Denn es ruft einen Moment der Freude mit all seinen Facetten und Erinnerungen wach.

Aber dieses Foto wurde nie gemacht, denn man kann nicht einfach in einer Kirche fremde Menschen und Familien fotografieren und man kann dies alles schon gar nicht erklären.

Hier gibt es eben viele Grenzen, juristische, soziale und persönliche.

Aber man kann es auch anders sehen und sagen, es ist eine verpasste Gelegenheit. Denn irgendwann stellt man sein Leben in ein Verhältnis zur Zeit und den sozialen Beziehungen, in denen man ist oder war und dann wären solche Fotos genau die Schlüssel für Erinnerungen, Diskussionen und Dokumentationen.

So ist dies ein Artikel zu einem verpassten Foto und zu einem Ereignis mit symbolischen Übergang, das nie wiederkommt und nicht nachgeholt werden kann.

Und es bewahrheitet sich der Spruch, wer fotografiert hat mehr vom Leben – und wenn es auch erst später ist.

 

Wie viel sind die Folgen von berlinfolgen wert? Wie verdient man Geld im Netz oder mit dem Netz?

Das hat was. Die taz hat laut meedia ca. 11.000.000 – elf Millionen – an Einlagen und pro Jahr in letzter Zeit ca. 300.000 Euro Gewinn gemacht.

Die taz ist auch sehr experimentierfreudig und hat sich mit dem Thema Foto- und Videojournalismus beschäftigt.

Dazu hat sie die Serie berlinfolgen mit 2470media produziert. Und nun folgt die Frage, wie viel ist Multimediajournalismus als Dokumentarjournalismus im Alltag wert?

Wie viel ist Multimediajournalismus wert?

Um das Projekt weiter laufen zu lassen, hat die taz 13.000 Euro bereitgestellt und bei startnext ein crowdfunding Projekt erstellt, um die anderen 13.000 Euro zu bekommen, damit die Serie weiterläuft.

Eigentlich dürfte es in einer Stadt wie Berlin überhaupt kein Problem sein, die Summe zusammen zu bekommen. Oder doch? Das Projekt hat noch gut einen Monat Zeit, um die Summe an Spenden bzw. Zuschüssen zu erhalten.

Wenn es gelingt, dann wissen wir, wie viel Werbung erforderlich ist, um für solche kleinen Projekte Geld zu erhalten. Wenn es misslingt, dann wissen wir, wie mühselig das Geschäft der Dokumentarfotografie ist, wenn sie diese Themen fotografiert und mit Videoszenen darstellt.

Und dabei ist dies in der Hauptstadt angesiedelt, wird gut promotet und hat viele Follower.

Wie verdient man Geld im Netz?

Wenn wir das Thema erweitern und die Frage stellen, wie man Geld im Netz verdient, dann kommen wir zur Ulrike Langer. Diese hat auf ihrem Blog medialdigital einen Artikel mit umfangreichen Verlinkungen und Folien zu diesem Thema bereitgestellt.

Die Folien sind sehr empfehlenswert, weil sie aus der journalistischen Praxis mit einem weiten Blick in andere Erdteile gemacht sind.

No magic bullet

Wer Zeit hat, dem kann ich ein Video zur Zukunft der Dokumentarfotografie empfehlen, leider nur auf Englisch.

Mission possible oder Dokumentarfotografie als Ausdruck einer persönlichen Mission

Wenn wir uns anschauen, wo der digitale Leuchtturm für Dokumentarfotografie als Multimediafotografie steht, dann ist es offenbar immer noch Mediastorm. Die Signale von dort inspirieren ganz unterschiedliche Aktivitäten.

Bemerkenswert finde ich die christliche Dokumentarfotografie und Spillthebeans. Beide haben völlig unterschiedliche Themen und wollen doch ihre Mission dokumentieren: engagierte Fotografie im Sinne von Engagement für ….

Dokumentarfotografie = Verliererfotografie?

Und es bleibt doch irgendwie dabei, dass Dokumentarfotografie „Verliererfotografie“ (im Sinne massenmedialer Kategorien) ist – von Verlierern für Verlierer?

Wenn ich mir die bemerkenswert eindrucksvollen Fotos von Saiful Huq in Bangladesh anschaue, dann sind die Themen dort wie hier.

Es geht immer wieder um die existenziellen Fragen der Menschen und des Menschseins. Hier werden Situationen der Lebendigkeit und der Absurdität der Welt dokumentiert.

Und so will ich schließen mit dem Hinweis auf Christopher Keeley, der auf seiner Seite tunlaw.org eine schier unglaubliche Sammlung an sozialdokumentarischer Fotografie hat  zwischen Obsession und Occupy – die nicht in den empflindlichsten Momenten der Seele angeschaut werden sollte, denn sie ist ein Spiegel eines Teils dieser Welt und dieser Zeit.

 

 

 

 

ct Digitale Fotografie 2/12 oder eine gelungene Mischung

Im Heise-Verlag ist eine neue Special-Ausgabe zum Theme digitale Fotografie erschienen. Obwohl ich eigentlich zwischen puren Büchern und reinem Internet pendel („richtig“: pendle), ist dieses Heft schon einige Bemerkungen wert.

Denn es gibt fundierte Einstiege in verschiedene Arbeitsbereiche der Fotografie. Das Thema HDR wird dort ebenso detailliert von Ralph Altmann besprochen wie das richtige Freistellen von Maike Jarsetz.

Dr. Klaus Peeck und Jobst-H. Kehrhahn besprechen aktuelle Kameras und es gibt viele Infos zum Thema Farbmanagement und Drucken von Reinhard Merz und Erich Baier.

Man findet in diesem Heft viele Namen von Autoren, die auch Bücher publiziert haben, gute Bücher. Und so verwundert es nicht, wenn man dieses Buchwissen als kompakte Workshops in diesem Heft angepasst wiederfindet.

Die ct steht für Qualität bei Informationen und so ist es auch in diesem Fall.

Aber das ist es nicht allein. Dem Heft liegt eine DVD bei und über bzw. mit der DVD erhalten sie komplette Bücher als kostenlose PDF-Dateien zum Runterladen, in diesem Fall die auf dem obigen Foto beschriebenen Bücher zum Farbmanagement und zur HDR-Fotografie.

Selbst wenn es sich um eine Zweitverwertung handeln sollte (was ich nicht weiß), ist dies doch nicht nur attraktiv sondern eine mehr als aufeinander abgestimmte Kombination von Informationen zur Fotografie auf verschiedenen Medien.

Die ct Digitale Fotografie zeigt, was journalistisch gelingen kann, wenn man Fachautoren, Journalisten, Büchermacher und Fotografen zusammenbringt, die ein Interesse an gutem Journalismus haben, bei dem zwischen der Werbung recherchierte und tiefe Informationen stecken.

Wer Interesse an diesen Informationen und Themen hat, der erhält für ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis sehr viel fotografisches Know-how und vergrößert dadurch seine fotografische Kompetenz.

Es macht richtig Spass über dieses Heft zu schreiben, weil es sehr vielfältig, anregend und tiefgehend informiert. Wer es sieht, sollte es einmal in die Hand nehmen und sich fragen, ob dies nicht eine gute Investition wäre.

 

 

Digitale Minen oder Pressemitteilungen unterliegen dem Urheberrecht – mit allen Folgen

Wenn das Absurde paradox wird

Eigentlich logisch: ich erhalte per Email eine Pressemitteilung und bin bereit, diese zu veröffentlichen.

Stop! Wenn ich das mache, kann es richtig teuer werden.

Auf anwalt.de wird darauf hingewiesen, dass Pressemitteilungen urheberrechtlich geschützte Werke sind, die eben nicht einfach veröffentlicht werden dürfen.

Die Folgen können Abmahnungen und Schadensersatzansprüche sein.

1. Fall

Warum schreibe ich das? Weil ich immer mehr Emails mit Pressemitteilungen erhalte, die zum Beispiel als Adressaten nicht mich persönlich sondern einen Begriff oder einen anderen Namen enthalten. Weiter unten steht dann, dass der Inhalt nur für den aufgeführten Empfänger persönlich bestimmt ist und Dritten nicht zugänglich gemacht werden darf.

Auf gut Deutsch, ich erhalte eine Pressemitteilung, die ich nicht veröffentlichen darf ohne mit einer Abmahnung zu rechnen.

Dies gilt sowohl für Pressemitteilungen zu Fotoausstellungen als auch zu Pressemitteilungen zu technischen Artikeln oder zu Hotels mit Fotos.

2. Fall

Oder ich erhalte Pressemitteilungen mit dem Hinweis, dass dieser Text zur Veröffentlichung zur Verfügung steht. Wenn ich ihn nutzen will, schickt mir der Autor einen Bestellbeleg und eine Rechnung.

3. Fall

Pressemitteilungen mit Fotos sind noch pikanter. Immer wieder erhalte ich Emails mit einem Hinweis auf eine Fotoausstellung oder einen Fototermin von einem Verband, einer Institution, einem Unternehmen etc.. Darin sind dann auch Fotos. Zum Teil steht dort dann, dass diese benutzt werden dürfen. Wenn ich dann nachfrage, ob der/die, die mir dies geschickt haben, auch über die Rechte daran verfügen, dann kommt meistens die Info, sie würden beim Autor nachfragen! Wenn später dann die Antwort kommt, ich dürfe das, dann ist dies dennoch nicht rechtsverbindlich, es sei denn, der Autor eines Bildes schreibt mir persönlich.

Da kommt Freude auf

Da kommt Freude auf. Es reicht also nicht, eine Pressemitteilung zu verschicken. Der Empfänger kann die Inhalte nur dann gefahrlos nutzen, wenn in der Pressemitteilung steht, dass der Versender dieser Mitteilung über alle Rechte an den Texten und Fotos verfügt und diese vom Empfänger uneingeschränkt oder unter speziellen Bedingungen genutzt werden können.

Wie kann man sich schützen?

1. Indem man sich per Email versichern läßt, dass die Rechte bei dem Versender der Email liegen und man die Pressemitteilung nutzen darf

2. Indem der Versender von sich aus in die Email schreibt, dass er die Rechte besitzt und die Nutzung der Texte und Bilder in der Email oder im Anhang kostenfrei zur Verfügung stehen

3. Indem die Agentur selbst die Texte schreibt und publiziert

Urheberrecht verkehrt

Im übrigen zeigt der Artikel die Grenze des Urheberrechts auf. Denn hier wird die Welt paradox, da die Funktion einer Pressemitteilung darin besteht, der Presse etwas mitzuteilen. Der Sinn besteht darin, die Informationen aus der Pressemitteilung zu nutzen bzw. zu benutzen.

Relativ sicher wird man damit umgehen können, wenn man dies dann paraphrasiert. Aber da man Informationen in einer Pressemitteilung meistens nicht überprüfen kann, würde man die journalistische Sorgfaltspflicht verletzen, wenn man andere Worte wählt wie die in der Pressemitteilung, Also ist es am klügsten, dass man gar keine Pressemitteilungen mehr nutzt, solange der Versender nicht eindeutig geschrieben hat, wie und in welchem Umfang die Texte zitiert, kopiert und genutzt werden können.

 

Jamphel Yeshi

Jamphel Yeshi verbrannte sich selbst. Es war eine Botschaft. Und sein Sterben wurde festgehalten auf einem Foto. Das Foto ist einerseits schrecklich. Andererseits ist es genau der Moment, der den Menschen Jamphel Yeshi und sein politisches Anliegen festhält für andere Menschen.

Fotografisch betrachtet ist das Foto sehr interessant. Ist es ein purer Schnappschuss oder wurde es nachbearbeitet? Das scheint mir so, weil die Unschärfe Richtung Zuschauer durchgängig gleich ist und nicht mit mehr Abstand zunimmt.

Aber das Foto erzählt eine Geschichte, grausam und verzweifelt. Es ist ein dokumentarisches Foto, eben Dokumentarfotografie.

Sie finden es hier.

 

Der blinde Fleck in der Dokumentarfotografie

Foto: Michael Mahlke

Wenn wir uns die aktuelle Berichterstattung in den Medien anschauen, dann erleben wir eine seltsame Medienkarawane. Sie zieht immer zu den Brennpunkten des Geschehens und suggeriert eine eindimensionale bunte Welt.

Aber das reicht nicht. Die dabei entehende Dokumentarfotografie sollte eigentlich darüber hinaus gehen und da anfangen, wo die Medienkarawane aufhört.

Ich habe zum Thema Tod des kritischen politischen Fotojournalismus an anderer Stelle geschrieben: „Wenn wir über das Internet sprechen und die GEZ bezahlten und privaten digitalen Angebote, dann gibt es weder multimediale Filme über das Geschäft der Grossen und Mächtigen noch Fotos über politische Szenen aus dem Berliner Leben. So gut wie nichts ist an exponierten Stellen zu finden. Was machen die Reporter eigentlich die ganze Zeit?“

Sehr schön hat dies alles Axel Schmidt auf einer Tagung dargestellt. Sein Vortrag zeigt auch die Propagandafotografie, die von der Politik heutzutage betrieben wird. Aber nicht nur das. Der Vortrag ist eigentlich eine der besten Darstellungen aus dem Leben eines Fotoreporters mit all seinen Tücken und Kanten, die ich gesehen habe. Und er ist nie langweilig.

Aber das ist nur ein Aspekt.

Einen anderen Aspekt für die blinden Flecke in der Dokumentarfotografie hat Stephen Mayes genannt: „Ein bedeutender Teil der Realität bleibt auf der Strecke. Vermutlich sind Konventionen der Grund.“

Und er nennt ein Beispiel: „Dennoch glaube ich, dass es viele unwichtige Themen gibt, die enorm überrepräsentiert sind. Ein Beispiel war das Thema Drogen. Es gibt ein unglaubliches Problem der Drogensucht in der Mittelklasse in  Nordamerika und Europa. Doch darüber wird nicht berichtet. Berichtet wird über arme Drogensüchtige. Als ob Drogengebrauch ein Thema der Armen, der verelendeten Gegenden ist.“ (in photonews 4/12).

Und damit kommen wir zum digitalen Paradoxon. Es entstehen immer mehr Fotos von immer weniger Themen. Was mir bei meinen Streifzügen durch die digitale Welt aufgefallen ist, hat Stephen Mayes, Geschäftsführer eine Agentur für „Konfliktfotografie“, auf die Formel gebracht, dass 90 Prozent der Nachrichten sich mit 10 Prozent der Welt beschäftigen.

Der blinde Fleck ist also riesig.

Es gibt genug, was noch fotografiert werden könnte und sicherlich interessant wäre. Wer nur mal einen Blick auf die Bilder des Jahres wirft, der sieht, wie unterschiedlich die Betrachtungsweise auch im Internet je nach Kontinent ist.

Aber wer soll das bezahlen und wer interessiert sich dafür?

Dokumentarfotografie scheint kein Geschäftsmodell zu sein obwohl eine freie Gesellschaft gerade die Aufgabe hätte, solche Projekte zu fördern, weil sie eine wesentliche Leistung in einer demokratischen und freien Gesellschaft erbringen.

Ereignisse werden heute gepostet mit Handys und übers Internet. Reporter/Journalisten kommen erst später ins Spiel und sollen eigentlich das Ganze in einen Zusammenhang stellen und transparent darstellen. Journalistinnen und Journalisten sind heute Aufbereiter von Informationen über Ereignisse, die geschehen sind.

Das ist eigentlich gut für kritischen Journalismus, weil Recherche und Zusammenhänge eine neue Rolle spielen. Aber freie Presse gibt es nicht überall und dort, wo sie ist, ist sie oft nicht frei für die Realität sondern frei für spezielle Interessen.

Pressefreiheit ist ein hohes Gut und gerade in Kerneuropa ist die freie Berichterstattung ein wesentliches Merkmal unserer Gesellschaft. Daher ist es eine gefährliche Entwicklung, wenn die blinden Flecke riesig sind und kaum darüber gesprochen wird.

Dokumentarfotografie ist mehr als Ereignisfotografie. Sie ist Themenfotografie und Serienfotografie, weil es um eine tiefere Betrachtung mit verschiedenen Gesichtspunkten geht.

Ich wollte mit diesen Zeilen auf die blinden Flecken hinweisen, die eben dazu führen, dass man viele Dokufotos über Armut und Elend woanders oder in Brennpunkten und anderes hat und so gut wie nichts über Probleme, die hier bei uns echt vorhanden sind in Mittelschichten, in Oberschichten etc..

Das ist übrigens dann eine soziale Gebrauchsweise der Dokumentarfotografie. Sie dokumentiert das Elend der anderen, von denen ich mich abgrenzen kann.

Und sie dokumentiert im Umkehrschluß auch uns selbst: wie wir sehen, wie wir die Welt sehen und was wir nicht sehen.

Henri Cartier-Bresson. Der Schnappschuss und sein Meister von Clément Chéroux


Alles fing mit Kodak an. Mit 13, 14 Jahren erhielt Henri Cartier-Bresson eine Brownie-Box von Kodak und entdeckte sein Interesse an der Fotografie.

Cartier-Bresson wuchs in einem vornehmen Viertel von Paris auf. Seine Familie hatte es mit Fabriken für Garne zu Wohlstand gebracht und Henri Cartier-Bresson konnte an allen Vorteilen einer solchen Situation teilhaben.

Ab 1926 besuchte Cartier-Bresson, der mehrmals beim Abitur durchgefallen war, die Akademie für Malerei von André Lhote.

Alles dies und noch viel mehr erfahren wir in dem wunderbar gestalteten und informationsreichen Buch „Henri Cartier-Bresson. Der Schnappschuss und sein Meister“ von Clément Chéroux. Offenbar war Cartier-Bresson ein Netzwerker, wie wir heute sagen würden.

Wahrscheinlich hatte er durch seine Familie schon Zugang und geöffnete Türen, die anderen nicht aufgemacht worden wären.

Chéroux schreibt, dass Cartier-Bresson Harry und Caresse Crosby kennenlernte. „Die Elite der künstlerischen und literarischen Avantgarde verkehrt in der Moulin du Soleil, dem Haus der Crosbys…. Dort trifft Cartier-Bresson Crevel und Breton wieder, begegnet Salvador Dali und Max Ernst. Dort lernt er auch Julien Levy kennen…“

1930 reist Cartier-Bresson dann nach Afrika. „Nach einem Monat erreicht er die Elfenbeinküste, wo er fast ein Jahr bleibt und verschiedenen Tätigkeiten nachgeht. Er ist Holzhändler und Plantagenbesitzer, bis er einen österreichischen Jäger trifft, der ihm beibringt, nachts mit einer Karbidlampe zu jagen, um die Beute anzulocken.“

Dann wurde er krank und kehrte nach Europa zurück.

Wie wurde er denn nun Fotograf?

Chéroux schreibt dazu: „Es ist heute schwierig, zwischen belegten Fakten und einer persönlichen Mythologie zu unterscheiden, die im Nachhinein durch eine logische Folge von auslösenden Ereignissen rekonstruiert wurde.“

Und so reiste er und fotografierte, erst in Europa und später in Südamerika.

Und schon 1933, ein Jahr nach seinem Entschluß, Fotograf zu werden, stellt er in der Galerie von Julien Levy in New York aus.

Man kann sich beim Lesen der Seiten dieses Buches und der Kontakte und Bekanntschaften, die Cartier-Bresson in den „feinen“ Kreisen machte, nicht des Eindrucks erwehren, dass hier viele helfende Hände im Netzwerk einflussreicher Beziehungen eine Rolle gespielt haben, denn allein mit den produzierten Fotos ist dies nicht erklärbar.

So lernt man umgekehrt wie Können und Kontakte (neudeutsch Networking) Wege zum Erfolg ermöglichen und die richtigen Verhältnisse dabei sehr hilfreich sein können.

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs erfolgt 1947 eine Ausstellung im MOMA und er wird sich ab diesem Zeitpunkt ganz dem Reisen, dem Fotografieren und dem Vermarkten widmen. Dazu wird die Fotoagentur Magnum gegründet.

Cartier-Bresson fotografiert bekannte Schriftsteller und Künstler, trifft Politiker wie Gandhi und kann durch Türen gehen, die andere nicht einmal erreichen würden.

So wird er berühmt und eine Legende. Mir gefallen viele seiner Fotos und vor allem gefällt mir das Buch von Clément Chéroux aus dem Schirmer-Mosel Verlag.

Das Buch ist für mich das am besten gestaltete Buch über Cartier-Bresson, welches ich kenne.

Und das Buch hat mir zu der Erkenntnis verholfen, dass das Fotografieren alleine nicht reicht. Um davon leben zu können, ist das Networking und die Hilfe reicher und einflussreicher Menschen viel wichtiger.

Cartier-Bresson hat bei Andre Lhote Malen gelernt. Die Geometrie war dabei das, was für ihn am wichtigsten war.

Mit dem Satz „Am Anfang war die Geometrie“ setzte er dann seinen Weg in die fotografische Welt fort. Und der geometrische Aufbau, die visuelle Grammatik, wurde dann auch wesentliches Merkmal seiner Fotos. Diese waren am besten, wenn Form und Inhalt stimmten.

Seine Schnappschüsse stellten sich später als erarbeitete und geplante Auswahl heraus – was sie nicht mindert – oder wie Gisele Freund einmal erzählte: “Wissen Sie, ich habe doch damals, in den Dreißigern, meine erste große Reportage gemacht, für LIFE, über das Elend der arbeitslosen Bergarbeiter in Nordengland. Und der Bildredakteur, der war ganz erstaunt, daß ich von jedem Motiv nur ein Photo gemacht hatte, nur eines oder höchstens zwei. Aber das saß dann. Später, bei Magnum, hat man mir die Kontaktbögen von Cartier gezeigt, und da hatte er einen ganzen Film… und eines war dann bestimmt darunter, das er den entscheidenden Moment nannte. Auf diese Idee bin ich nie gekommen, schon weil Film so teuer war für mich.”

Und so bleibt die Erkenntnis, dass man schon planen und viel fotografieren muß, um Momente zu bekommen, die später wie Zufall aussehen können. Aber Planung reicht auch nicht, das Können liegt dann in der Anwendung der Geometrie und in der Umsetzung durch die Person mit ihren Möglichkeiten.

Ich bin ein Fan vieler Fotos von Cartier-Bresson und seiner Art zu fotografieren. Und deshalb mag ich das Buch besonders, weil es zeigt, „Meisterhaftigkeit“ in der Fotografie (wie auch immer definiert) und Erfolg sind zwei verschiedene Dinge. Cartier-Bresson hatte – je nach Definition – beides, daher wurde er bekannt und prominent. Die meisten anderen heute haben nur eines davon.

Ein großartiges Buch, aus dem man viel lernen kann.

Clément Chéroux
Henri Cartier-Bresson. Der Schnappschuss und sein Meister
ISBN-13: 9783829603775

 

Was ist Schnappschussfähigkeit?


„Der Schnappschuss und sein Meister“ ist der Titel eines Buches über Henri Cartier-Bresson. Nun konnte man mit der damals vorhandenen analogen Kameratechnik für damalige Verhältnisse offenkundig gute Schnappschüsse machen. Heute wird technisch anderes angeboten.

Und in diesem Zusammenhang spielen auch die Schnappschussfähigkeit und die Schnappschusstauglichkeit eine Rolle. Um diese Frage konkret zu beantworten greife ich mir eine aktuelle Kamera heraus, die Casio EX-ZR200.

Casio selbst schreibt dazu: „Während andere Kameras noch das Objektiv ausfahren, machen Sie mit der EX-ZR200 längst die besten Fotos und Videos: In ca. 0,98 Sekunden ist die EX-ZR200 einsatzbereit. Um unterschiedliche Motive schnell einzufangen, können Sie mehrere Fotos hintereinander in einem zeitlichen Abstand von nur ca. 0,27 Sekunden aufnehmen. Außerdem ist die Kamera mit einem sehr schnellen Highspeed-Autofokus ausgestattet: Dieser benötigt gerade mal ca. 0,13 Sekunden, um einen Fokuspunkt zu finden und scharf zu stellen. So verpassen Sie keinen schönen, spannenden oder einzigartigen Moment mehr.“

Was ist Schnappschusstauglichkeit und was nicht mehr?

Chip.de nennt eine Auslöseverzögerung von 0,33 Sekunden für z.B. die Sony WX1 „richtig flott“ und für die Powershot S100 werden 0,37 Sekunden als „ausreichend flink“ angesehen. Für die Powershot G1X stellen die Tester von chip.de fest: „Der Autofokus braucht zum Schärfen 0,54 Sekunden im Weitwinkel und 0,67 Sekunden im Tele – knapp an der Schnappschusstauglichkeit vorbei.“

Ich denke, das zeigt den Rahmen für die Beurteilung der Schnappschusstauglichkeit. Man kann dies nun zunächst gleichsetzen mit dem Wort Auslöseverzögerung.

Schnappschusstauglichkeit = Auslöseverzögerung ?!

So wird auf digicam-beratung.de geschrieben: „Die Auslöseverzögerung ist die Zeitspanne vom Betätigen des Auslösers bis zum Erstellen des Bildes. Die Zeit setzt sich zusammen aus der Zeit für das Fokussieren, die Belichtungsmessung und dem eigentlichen Auslösen des Verschlusses. Wenn man, durch halbes Betätigen des Auslösers, vorfokussiert, erreicht man die geringstmögliche Auslöseverzögerung, da die AF-Zeit entfällt.“

Schnappschusstauglichkeit = Auslöseverzögerung + Serienbildmöglichkeiten + Videofähigkeiten?

Heute muss offenbar die Schnappschusstauglichkeit ergänzt werden um die Serienbildgeschwindigkeit und die Videofähigkeiten. Dazu zunächst ein Video, das sich mit den Videofähigkeiten der EX-ZR200 beschäftigt. Der Autor kommt zum Schluss, dass nun eine 2008 knapp tausend Dollar teure Kamera mit richtig guten Videofähigkeiten von Casio in der Casio EX-ZR200 ihre Wiederauferstehung feiert.

So interessant dieses Video ist, so anders argumentiert der Autor des folgenden Videos:

Ich habe diese beiden Videos ausgewählt, weil sie zeigen, wie unterschiedlich man etwas bewerten kann. Während der Eine völlig zufrieden damit ist, aus einer Reihe von Möglichkeiten die richtige Videogeschwindigkeit und Auslöseverzögerung auswählen zu können, ist der Andere völlig unzufrieden damit, dass er nicht alles manuell einstellen kann.

Achten Sie mal auf die Fokusebene in den beiden Videos. Im oberen Video wird ein Beispiel gezeigt, bei dem die Kamera gleichmäßig die Bewegung des Golfers an einer horizontalen Linie aufzeichnen kann. Im unteren Video steht die Kamera hinter dem Golfer, so dass quasi eine vertikale Bewegung erfolgt, bei der der Golfer nur an einem Punkt des Bewegungsablaufes scharfgestellt werden kann.

Von der Schnappschusstauglichkeit zum Schnappschuss

Aber eigentlich kommt es mir darauf an, zu zeigen, dass die Schnappschusstauglichkeit allein noch keine Schnappschüsse garantiert.

Denn der Weg zum Bild erfolgt über das Erkennen der Situation, dem Klarmachen der Kamera, dem Scharfstellen und dem Auslösen bei einem einzelnen Foto.

Und dann kommt es auf die Situation an. Aber selbst dies reicht nicht.

Abdrücken reicht nicht

Denn die Kamera kann den subjektiven, gestaltenden und auswählenden Blick der Fotografin und des Fotografen nicht ersetzen.

Und genau hier möchte ich die Schnappschussfähigkeit einführen.

Es gibt eben nicht nur die Schnappschusstauglichkeit der Kamera, um eine kurze Auslöseverzögerung zu ermöglichen. Es gibt auch die Fähigkeit der/des Fotografierenden, eine Situation zu erfassen und festzuhalten. Das ist die Schnappschussfähigkeit und nur dies macht die Individualität von Fotos aus.

Fazit

So ist die Schnappschussfähigkeit eine Fähigkeit von Menschen und die Schnappschusstauglichkeit eine Eigenschaft von Fotoapparaten, eine fotografisch interessante Situation zu erkennen und festzuhalten.

Dies zusammen kann zu jeder Jahreszeit wunderbare Schnappschüsse ermöglichen. Na dann!

Dokumentarfotografie oder Leben im Subraum

Begegnung

Foto: Michael Mahlke

DIE Webseite zur Dokumentarfotografie

Dies ist eine Webseite, die Gedanken aus der alten Welt in die digitale Zeit hineingeholt hat. Der Schwerpunkt ist Dokumentarfotografie im digitalen Zeitalter, also der Umgang mit der Welt und den Möglichkeiten der Fotografie.

Aspector hat zu einem Artikel von mir einen Kommentar geschrieben zum Thema „Neue Strassenfotografie“. Darin heisst es: „Der Prozess einer fortschreitenden Dekonstruktion der normativen Gültigkeit von traditionellen, als essentiell erachteten Regelwerken, Geboten und Konzepten des Kunstschaffens ist ja nichts grundlegend Neues…. Vor diesem Hintergrund läßt sich wenig Konkordanz für die oben aufgeführten fünf – wunderbaren konzeptionellen – definitorischen Regularien für die “wahre Streetfotografie” erwarten. Und leider ist es eben doch so, daß Regeln, die nicht ausgeführt, befolgt, beachtet werden – dann eben tot sind! Jedenfalls im “allgemeinen Verständnis”, anglizistisch näherungsweise: im “mainstream”. Natürlich gibt es in unserer multipluralen, aufsegmentierten Gesellschaft dann wieder Subräume, in denen das Alles weiter gilt – in einer Art kontrastivem Purismus vielleicht noch intensiver.“

Finde ich gut und sehr anregend!

Denn die Ziele hier sind

  • Bewahren, was mir wichtig erscheint: das fotografische Erbe (die visuelle Art zu sehen und festzuhalten) von Fotografen wie Henri Cartier-Bresson.
  • Anwenden auf die Fotografie von heute und Abgrenzen von Fotokunst in der digitalen Welt.
  • Diskutieren von einigen Kameras und technischen Ansätzen für Dokumentarfotografie durch den Filter der Erkenntnis, dass das Neue öfter auch der Feind des Guten ist.

Das habe ich alles getan – 200 Artikel lang. Durch einen Gastartikel zum Thema „Was wird aus dem Papierbild?“ wurden dann noch die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie beleuchtet. Dies führte zu weiteren Artikeln, die den Blick auf die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie mit eingeschlossen haben und dauerhaft hier verankerten.

Damit ist der Subraum zunächst gefüllt und geordnet. Und ganz persönlich bin ich sehr froh, dass es mir möglich war, diese fotografischen Schätze in die digitale Welt zu führen und dort zu etablieren mit Hilfe von Artikeln, die als Orientierung für klassisch gute Fotografie, für geschultes Sehen und für die Philosophie der Lebendigkeit dienen.

Foto: Michael Mahlke

Aber diese Webseite ist kein Museum sondern lebt. Es geht um das Weitergeben der Feuers und nicht um das Bewahren der Asche.

Und deshalb sind nun weitere Schritte unter neuen Bedingungen in der Welt der digitalen Fotografie notwendig. Durch das Experimentieren/Fotografieren und das Sammeln von Erfahrungen mit dem hier gesammelten Schatz an Wissen geht die fotografische Reise durch die digitale Welt weiter.

Dokumentarfotografie in der digitalen Welt

Da das digitale Meer ständig größer wird, muß neben die Reflexion die zunehmende Praxis treten. Ich habe in fast allen großen Tageszeitungen im letzten Jahr beobachten können, wie digitale Filter, Panning und Blur, tonaler Kontrast und die Änderung der Perspektive den neuen Alltag ausmachen.

Immer mehr Reportagen werden mit Handys gemacht und bis ISO 400 sind zunehmend mehr der „besseren“ Kompaktkameras in der Praxis – wenn es nicht um maximale Ausschnittvergrößerung geht – gleichrangig zu grossen Kameras für Print und Web.

Fotografieren bedeutet heute das Bearbeiten von digitalem Material in der Kamera und/oder am Computer. So tritt neben die eigentliche Aufnahme mit Cadrage und Blick die Bearbeitung mit den unendlichen digitalen Möglichkeiten.

Da die Halbwertzeit von Fotos in der Multimediagesellschaft maximal reduziert wurde und Fotos heute vielfach einen wesentlich höheren Gebrauchswert mit wesentlich kürzerem Bestandwert haben, muß man dies als Voraussetzung des eigenen Tuns in der Öffentlichkeit akzeptieren.

Wenn man dies wieder in konditionierte Subräume verlagert (auf digitalen Webseiten) dann kann man dort die Schnellebigkeit durch die Langlebigkeit für die Besucher dieses Subraumes darstellen. Aber die öffentlichen Bereiche sind durch das Neue bestimmt.

Kompaktkameras und Handys halten die Welt fest

Es ist an der Zeit, die digitalen Möglichkeiten in der Anwendung mit neuen kleinen Kompaktkameras und Handys zu leben und die digitale Dokumentarfotografie als eigenständiges Arbeitsfeld zu sehen.

Dies habe ich erstmals in dem kleinen Ebook zum Thema „10 gute Fotos zur Streetphotography mit Kompaktkameras“ umgesetzt. Dabei stand noch die visuelle Tradition im Vordergrund.

So wird der Blick sich hier ändern. Dokumentarfotografie und auch Strassenfotografie haben den Vorteil, fotografisch einfach eine Situation einfangen zu wollen.

Dazu braucht man kein Studio und kein riesiges Equipment. Und heute bearbeitet man einfach so nach wie man will, um Eindrücke entstehen oder verschwinden zu lassen.

Foto: Michael Mahlke

Und dazu braucht man heute eben nur noch eine gute Kompaktkamera und/oder ein Handy. Zudem werden langsam selbst die grösseren Kameras kleiner, so dass man vielleicht sogar den Begriff der Kompaktkamera neu definieren muß…

Der Zufall als Motiv

Als ich letztes Jahr die Zeitgeist-Fotografie ausrief, da ahnte ich schon, dass es viel Zeit braucht, um wirklich gute Situationen als Metaphern zu finden und fotografisch festzuhalten. Bisher habe ich nur drei gefunden, andere vielleicht schon mehr. Das kommt auf den Anspruch und den Zufall an.

Bücher und Fotos

Aber diese Webseite lebt davon, dass ich über Fotografie schreibe, die sich immer noch oft in Büchern wiederfindet und dieses Wissen in Relation setze zu eigenen fotografischen Erfahrungen. Bücher halten Fotos fest und ordnen sie. Und Fotos halten Situationen fest.

Das alte Wissen habe ich in die neue Zeit überführt und das neue Wissen muß nun erfahren und reflektiert werden – auch von mir.

Ich hoffe, auch zukünftig so anregende und tiefe Kommentare zu erhalten und vielleicht dadurch umgekehrt die Wege und die Ziele im Wechselspiel neu zu justieren.

Auf dem Weg in die digitale Klassik der Fotografie

Daher wird diese Webseite dies aufnehmen und im eigenen Rahmen umsetzen. Das ist der Weg – und das Ziel. Es ist der Weg in eine digitale Fotoklassik, in der mit den neuen technischen Möglichkeiten die Wirklichkeit durch Fotos dargestellt wird – aber ganz im Sinne der klassischen Dokumentarfotografie mit Engagement und Augenmaß!

Der Weg ist das Ziel

Und wenn man da ist (wo man hin will?), dann weiß man auch, dass der Weg nicht gesucht sondern nur gefunden werden kann durch die Aneignung der Welt, indem man einfach lebt im Sinne von Da-Sein.

Mr. Spock würde sagen „Faszinierend“ – in diesem Sinne …

Text Version 1.1

Industrious von Marco Grob & Hiepler, Brunier

© INDUSTRIOUS - Photographs by Marco Grob & hiepler, brunier, published by teNeues in March 2012, www.teneues.com. Michel Ménart, Obourg, Belgium, 2010 Photo © Marco Grob, © 2012 Holcim IP Ltd.

Dieses Buch dokumentiert den Baukonzern Holcim.

„Zum hundertsten Firmenjubiläum macht der Baukonzern Holcim sich und seinen Mitarbeitern ein einzigartiges Geschenk. Starfotograf Marco Grob und das Künstlerduo hiepler, brunier, wurden eingeladen, in Steinbrüchen, Zement- und Betonwerken rund um den Globus Werktätige und Produktionsanlagen zu fotografieren. Herausgekommen ist dabei eine Hommage an die 80 000 Mitarbeiter in 70 Ländern.

Mit seinen einfühlsamen wie direkten Porträts gibt Marco Grob dem Unternehmen gleichsam ein Gesicht. Dagegen erscheinen die Orte, an denen die Menschen arbeiten, in den Architekturfotografien von hiepler, brunier, in abstrakter Schönheit.

Die so entstandenen Schwarz-Weiß-Bildserien sind von großer suggestiver Kraft und führen trotz ihrer Unterschiedlichkeit die Tradition der neusachlichen Fotografie eines August Sander und Albert Renger-Patzsch in zeitgemäßer Form fort.“

Dieser Text zeigt den Rahmen und den Anspruch, den das Buch erfüllen soll. Kann es das?

Ich habe mir die Frage gestellt, welches Selbstbild hat der Baukonzern und welches Selbstbild haben die Autoren? Und was kommt dabei dann als Ergebnis raus?

Wie schreibt Dr. Matthias Frehner vom Kunstmuseum Bern im Buch?

„Menschen ohne deren Einverständnis zu fotografieren ist inzwischen ein Tabu. Die Zeiten sind definitiv vorüber, in denen Fotografen ihre Stative aufstellen konnten, wo immer es ihnen beliebte. Industriefotografie, wie sie der Pionier Albert Renger-Patzsch in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf den damaligen Industrieschauplätzen praktizierte, ist heute nahezu inexistent. … Marco Grob wurde die Aufgabe übertragen, vor Ort nach subjektiven Kritierien Werktätige zu porträtieren; Hiepler, Brunier konnten in ebensom freiem Ermessen die Produktionsanlagen fotografieren.“

Es ist ein Buch, das schöne Porträts von Menschen in Schwarzweiss zeigt. Es sind Menschen, die bei Holcim arbeiten. Es ist ein schönes Buch, das auch schön sein will.  Es ist fotografisch ohne Ecken und Kanten. Bei Schwarzweissaufnahmen kommt es auf die Strukturen an. Und so ist alles irgendwie schön strukturiert. Die Strukturen auf den Fotos sind schön anzusehen, die Porträts sind schön anzusehen und die Produktionsanlagen auch.

Es „porträtiert“ Holcim. So entsteht ein Buch mit menschenleeren Produktionsanlagen einerseits und Porträts von Menschen andererseits.

Aber es ist kein Buch über Arbeit und das will es auch nicht. Es werden keine Bilder von Menschen bei der Arbeit gezeigt und schon gar nicht solche wie sie z.B. Edward Burtynsky gemacht hat.

Ich würde auch nicht August Sander als Beispiel nennen, denn der hat anders fotografiert, dokumentarisch und aus dem Leben heraus. Aber es ist ein sehr seltenes Buch über einen Konzern und es ist ein Buch mit schönen Porträtaufnahmen.

Das Kunstmuseum Bern schreibt zu der gleichnamigen Ausstellung auf seiner Webseite:

„Die Bilder, entstanden an 35 verschiedenen Destinationen und verteilt über fünf Kontinente, nehmen die Betrachterinnen und Betrachter auf eine visuelle Weltreise mit. Die Ausstellung und der eindrückliche Fotoband sind ein leuchtendes Beispiel für die Entwicklung von Kunst aus einem Auftragsverhältnis.

Der international gefragte Schweizer Fotograf Marco Grob löste unvergessliche Gesichter aus über achtzigtausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Konzerns heraus. Jedes Porträt gibt dem Betrachter Einblicke in individuelle Lebenstiefen und Existenzerfahrungen unserer Gegenwart.

Das Berliner Fotografenteam Hiepler und Brunier dokumentierte die Anlagen für die Herstellung von Zement, Zuschlagstoffen und Transportbeton. Damit vergegenwärtigen sie Produktionsprozesse, die in der globalisierten Welt überall gleich ablaufen und dennoch an jedemStandort eine neue Präsenz erlangen.“

So ist dieses Buch kein Beispiel für Dokumentarfotografie sondern für Fotokunst aus einem Auftragsverhältnis. Und vielleicht ermöglicht der Blick in die Porträts in dem Buch dem Betrachter ähnlich tiefe Einsichten zu den „Lebenstiefen und Existenzerfahrungen“ wie es den Ausstellungsmachern möglich war. Das wäre optimal.

Foto: Michael Mahlke

Das Buch ist im Verlag teneues erschienen. Es ist hervorragend verarbeitet und ein Beispiel für die digitalen und technischen Möglichkeiten heutiger Schwarzweissfotografie.

Industrious
Vorworte von Klaus Töpfer, Matthias Frehner

Marco Grob & Hiepler, Brunier

ISBN:978-3-8327-9539-9