Michael Mahlke

Zwischen BSI und EXR oder die Hoffnung stirbt zuletzt

Nun ist im Internet auch einiges über den neuen Sensor von Fuji zu finden, der eventuell ab 2012 marktreif sein könnte. Es gibt sogar schon Gerüchte über eine Fuji LX10 mit Wechseloptik.

Und wieder können wir lesen, dass es besser werden soll. Das letzte Mal habe ich dies beim BSI-Sensor gelesen.  Das ist noch gar nicht so lange her.

Wir leben in der Ära der Digitalfotografie mit Sensorfotos. Digital bedeutet ununterbrochen irgendeine Veränderung. Nur die optischen Gesetze bleiben gleich.

Das sollte uns nicht daran hindern, weiter den Blick für die fotografischen Möglichkeiten zu bewahren. Und da gibt es klare Grenzen, sozusagen den fotografischen Rahmen:

Wir sind beschränkt durch

  1. die Möglichkeiten der Drucktechnik,
  2. die Möglichkeiten des Monitors und
  3. die Möglichkeiten des menschlichen Auges
  4. die Möglichkeiten des jeweiligen Sensors

Daher kann man mit dem vorhandenen Equipment ganz in Ruhe fotografieren und sollte nicht glauben, dass erst die neue Kamera oder der neue Sensor gute Fotos macht. Bei henner.info ist dies in einer guten Grafik ebenfalls zusammengefasst.

Abgesehen davon haben auch gute Kameras Probleme. Aktuell scheint es das Problem der Fuji X10 mit den weissen Löchern zu sein, Firmware 1.02. Ein Beispiel sehen Sie hier:

weisse Löcher bzw. Scheiben in manchen Bildern der Fuji X10 - Foto: Michael Mahlke

Umgekehrt  kann man mit der Fuji auf die Schnelle – je nach Motiv und Licht  – gute Fotos machen ohne Probleme:

Remscheid morgens am Markt - Foto: Michael Mahlke

Aber eine Kamera mit „Fotolotto“-Qualitäten wäre ein Problem. Das wird mittlerweile auch u.a. hier diskutiert.

Aber uns hat Fuji Hoffnung gemacht, dass sie das Problem lösen wollen. Ob es dabei um eine Lösung oder Minderung des Problems geht, werden wir sehen.

Schopenhauer hat geschrieben, dass das Neue der Feind des Guten ist. Und gute Fotos kann man mit allen Kameras machen. Nur bei schlechtem Licht wird es wohl auch zukünftig schwierig bleiben.

Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Daher werden wir wohl immer weiter hoffen, auf bessere Sensoren und ein besseres Leben. Das wissen wir aus der schriftlich überlieferten Weltgeschichte seit 5000 Jahren. Ob wir es noch erleben?

Nachtrag Juli 2012: Das Problem ist durch einen veränderten Sensor mittlerweile in den neu produzierten Modellen der Fuji X10 offenkundig behoben worden.

 

Fotoshooting von Maria Benning und Gerald Zörner


„Kommunikation läuft nicht in erster Linie über Inhalte. Es geht viel mehr um die Vermittlung von Selbstbildern.“ Dieser Satz aus den ersten Seiten des Buches „Fotoshooting. Das Subjekt vor dem Objektiv“ von Maria Benning und Gerald Zörner zeigt uns den Weg in eine wunderbare Welt.

Es ist ein besonderes Buch. Dieses Buch ist ein Produkt der digitalen Zeit, denn es reflektiert den veränderten Umgang mit Fotos und Bildern seitdem sie digital und online fast ununterbrochen eingesetzt werden.

Einige bekannt gewordene Fotografen haben darauf hingewiesen, dass ein Foto im Kopf entsteht. Das ist das Geheimnis und das Problem der guten Fotografie zugleich.

Und genau dieses Thema wird hier theoretisch und praktisch bearbeitet – aber psychologisch-fotografisch.

Was passiert eigentlich psychologisch, wenn ich vor einer Kamera stehe – und hinter einer Kamera? Welche Macht hat der Fotograf/die Fotografin über mich? Was will ich eigentlich? Welches Bild von mir habe ich? Habe ich überhaupt ein Bild von mir?

„Nahezu jeder möchte heute visuell präsentieren… Doch viele empfinden es als schwierig, vor der Kamera zu stehen. Woher kommt dieser Mulm? Und warum ist es für viele Menschen zweierlei, wie sie auf den Bildern wirken und wie sie wirken wollen? Und lässt sich das eine mit dem anderen nicht besser in Übereinstimmung bringen?

Diesen Fragen gehen der Porträtfotograf Gerald Zörner und die Journalistin Maria Benning nach. Sie stellen die psychologischen Aspekte des Fotografiertwerdens dar.“

So beginnt das Buch und diesem Anspruch wird es auch gerecht. Es ist ein Buch, das den Spagat zwischen Wissenschaft und Lebenspraxis bewältigt.

Benning und Zörner trauen sich, eigene Gedanken, gute Zitate und praktische Vorschläge aus verschiedenen Wissensbereichen in einen inhaltlichen Zusammenhang zu stellen, nämlich das Fotoshooting.

„Was tun Sie, wurde Herr K. gefragt, wenn sie einen Menschen lieben?

Ich mache einen Entwurf von ihm, sagte Herr K., und sorge, dass er ihm ähnlich ist.

Wer? Der Entwurf?

Nein, sagte Her K. Der Mensch.“

Diese Geschichte von Bertolt Brecht kommt ebenso als Schlüssel zum Selbstverständnis und der fotografischen Identität in dem Buch vor wie die Untersuchung von Pierre Bordieu über „Die feinen Unterschiede“ bei der Frage des Bild Entwerfens.

Doch hört sich das eher intellektuell an. Das ist das Buch aber eigentlich nicht. Es ist anspruchsvoll obwohl es leicht geschrieben ist.

Und es ist von hohem praktischen Wert, denn Maria Benning und Gerald Zörner arbeiten mit Fotos und Tabellen, die man sogar im Kundengespräch einsetzen kann und in der Vorbereitung auf Porträt-Fotoshootings.

Das Buch ist mit Theorie total auf fotografische Praxis angelegt. Und das gelingt sehr gut.

Fragen wie die nach der Entstehung eines Bildes von mir oder anderen, wie kann ich besser Sehen lernen, wie kann ich mich beeinflussen, ermöglichen in dem Buch eine breite und gute Auseinandersetzung mit Gedanken, Prinzipien und der Frage, wie ich mehr Akzeptanz bekomme – fotografisch und im Leben.

Es ist ein Buch zum Blättern, zum Lesen und zum Anwenden. Und es macht Spass.

Wer das Buch liest, wird anders mit Fotos und sich selbst umgehen. Die Literaturhinweise, die Fotos und die Tabellen sind eine gute Quelle für die Arbeit an Bildern und an Selbstbildern – im Kopf und mit der Kamera.

Das Buch leistet, was die Werbung verspricht: „Entwerfen Sie ein Bild von sich, bevor es andere tun – faszinierende Einblicke in die Psychologie des Fotografiertwerdens.“

Maria Benning, Gerald Zörner

Fotoshooting. Das Subjekt vor dem Objektiv
ISBN 978-3-456-84998-0

Weibliche Fotografie – ein männlicher Versuch

Foto: Michael Mahlke

Gisele Freund sagte einmal zu Georg Stefan Troller: „Wissen Sie, ich habe doch damals, in den Dreißigern, meine erste große Reportage gemacht, für LIFE, über das Elend der arbeitslosen Bergarbeiter in Nordengland. Und der Bildredakteur, der war ganz erstaunt, daß ich von jedem Motiv nur ein Photo gemacht hatte, nur eines oder höchstens zwei. Aber das saß dann. Später, bei Magnum, hat man mir die Kontaktbögen von Cartier gezeigt, und da hatte er einen ganzen Film… und eines war dann bestimmt darunter, das er den entscheidenden Moment nannte. Auf diese Idee bin ich nie gekommen, schon weil Film so teuer war für mich.“

Nun schreibe ich diesen Artikel als Mann. Aber vielleicht ist dies auch nur so möglich, weil ich manches anders sehe (eben männlich). Diese Aussage von Gisele Freund ist für mich aber der Grund für diesen Artikel gewesen.

Almut Adler hat vor Jahren ein Buch mit dem Titel „Das weibliche Auge“ publiziert. Leider habe ich sie bis heute nicht persönlich kennengelernt sondern lediglich dieses Buch von ihr gelesen. Aber es war anders als Bücher, die ich schreiben würde. Das Buch ist freier, unverkrampfter und experimentierfreudiger.

Almut Adler selbst beginnt das Buch in der Einleitung mit dem Satz: „Sie (die Frauen, Anm. M.M.) suchen eher das Visuelle als das Technische. Frauen fotografieren eher intuitiv, aus dem Bauch heraus, sie erfassen das Besondere und erspüren die Ästhetik. Sie legen mehr Wert auf Farbgestaltung und Bildaufbau. Aufwendiges Equipment ist ihnen anfangs eher fremd…“

Nun habe ich für diesen Artikel nicht das weibliche Auge oder Frauenfotografie als Überschrift gewählt sondern weibliche Fotografie. Mir geht es also um Eigenschaften, die das weibliche Fotografieren ausmachen.

Folgt man Almut Adler und Gisele Freund, dann ist die Grundlage der weiblichen Fotografie ein klassischer Bildaufbau als Basis für Kreativität und das Hören auf das eigene Gefühl. Kreativität und Gefühl in der Fotografie sind schon eher weibliche Attribute.

Mich hat das alles etwas „verunsichert“, weil es eben nicht Richtung Perfektion läuft sondern in Richtung Loslassen und Spüren. Da muß man erst einmal hinkommen.

Ich habe vor einiger Zeit Nicole Strasser vorgestellt, die ebenfalls faszinierende Blicke auf die Wirklichkeit hat. So hätte ich bis dahin nie geschaut. Für mich war die Sicht von Cartier-Bresson (einem Mann) klar, einsichtig, nachvollziehbar.

Aber die weibliche Fotografie schaut anders auf die Dinge.

Alle diese Gedanken zeigten sich auch in meinem persönlichen weiblichen fotografischen Umfeld. Frauen mit Kameras – so meine Beobachtung – waren selten allein. Die Kamera war nicht nur dabei sondern Medium und eigentlich ein Teil des Miteinanders. Und so entstanden Fotos auch im Miteinander zwischen Motiv und dem Prozess des Machens.

Aber natürlich fiel mir noch etwas auf. Während ich und andere Männer im Laden nach den neuen Kameras schauten, interessierte dies die Frauen in der Regel überhaupt nicht. Wenn sie eine Kamera hatten, die ihnen gefiel, dann reichte diese im Prinzip für die nächsten zehn Jahre (bei Männern eher für zehn Monate).

Besonders bemerkenswert war es im Zoo. Das obige Foto zeigt zwei Frauen im Zoo, die beide viel Spaß dabei hatten, mit ihrer Bridge-Kamera um die Wette zu fotografieren. Beide machten kreative und gute Fotos. Ganz anders der Mann auf dem unteren Foto. Dort war die Voraussetzung für das Foto die „beste“ Technik:

Foto: Michael Mahlke

Zwischen diesen beiden fotografischen Herangehensweisen liegen Welten. Und doch entsprechen sie exakt den oben beschriebenen Werten und Verhaltensweisen.

Aber damit will ich noch nicht enden.

Für mich hat weibliche Fotografie noch einen zusätzlichen Reiz. Und da kommt der Name Esther Haase ins Spiel. Ich bin immer noch fasziniert von einem Buch, das die Fotografin Esther Haase im Kehrerverlag veröffentlicht hat mit dem Titel Rock´N´Old.

Es handelt sich zwar um inszenierte Fotos, aber die Freiheit, das Miteinander und die Unverkrampftheit haben mich in ihren Bann gezogen.

Ich habe Frau Haase mehrfach angemailt und darum gebeten, bei ihr ein Praktikum machen zu können, weil diese Art zu fotografieren eine für mich völlig fremde und faszinierende Welt ist. Aber wahrscheinlich hat sie mit einem knapp 50jährigen, der einen solchen Wunsch äußert, nichts anzufangen gewußt.

Das alles ändert aber nichts an dem wunderbaren kreativen Wind, den dieses Buch entstehen läßt.

Und auch hier zeigt sich wieder, dass die Kreativität und das einfache So-Sein eine offenkundig weibliche Eigenschaft sind.

Sind Frauen deshalb auch die besseren Fotografinnen? Das würde ich als Mann natürlich in jedem Fall verneinen. Aber sie sind an verschiedenen Stellen einfach besser – oder besser: anders.

Und sie machen Dinge, auf die – zumindest ich – nie kommen würde.

So zeigt die weibliche Fotografie mir, dass es mehr gibt als die männliche Seite der fotografischen Welt. Sie zeigt mir unbekannte Welten und Dimensionen des Sehens, die ich von allein nie entdeckt hätte.

 

Great Britain 1964 bis 1984 von Jürgen Schadeberg

Jürgen Schadeberg begegnete mir als Thema immer wieder. Bei mehreren Zusammenkünften mit Fotojournalisten, in diversen Ausstellungen und in Gesprächen. So war ich sehr neugierig auf das Buch „Great Britain 1964-1984“ aus dem Mitteldeutschen Verlag.

Wenn man dem letzten Link folgt, dann kann man schon einige Rezensionen über dieses Buch lesen. Mir hat dieses Buch gefallen, weil es spontane und geplante Reportagefotografie ist, die viele kleine Zustände der damaligen Zeit festhält.

Ich war zu Beginn der 80er Jahre in London und habe viele Dinge wiedererkannt, die man damals im Vorübergehen gesehen hat und die irgendwie noch vorhanden waren.

Genau das macht einen besonderen Reporter aus: Dinge festzuhalten über die andere hinwegsehen, weil sie aktuell und selbstverständlich sind.

Dies macht auch den Reiz dieses Fotobuches aus. Es ist ein Thema, das eher für eine kleine Zahl von Menschen interessant ist. Es ist ein Stück fotografierte Welt, die durch das Fortschreiten der Zeit heute zu einem fotogeschichtlichen Buch geworden ist. Es zeigt die Art zu fotografieren von Jürgen Schadeberg und es zeigt die Menschen, wie sie sich zeigten, zu der damaligen Zeit an den Orten seiner Aufnahmen.

Es ist immer leicht, ein Buch oder einen Fehler im Buch zu kritisieren. Dieses Buch von Jürgen Schadeberg hat aber Aufmerksamkeit verdient, weil es Dinge zeigt, die im Spiegel der heutigen Zeit uns viel zu erzählen haben.

Man könnte fast auf den Gedanken kommen, mit dem Buch nach Großbritannien zu reisen und dort einige der fotografischen Stationen noch einmal zu besuchen. Aber dafür muß man wahrscheinlich Reporter sein.

Das Buch mit vielen Auszügen ist ebenfalls bei spiegel.de großzügig dargestellt worden. Das hat meiner Einschätzung nach auch etwas mit der Reputation von Jürgen Schadeberg in Fotoreporterkreisen zu tun.

So ist dieses Buch erstens ein interessantes fotografisches Dokument. Aber ich möchte noch zwei andere Gründe erwähnen, die für dieses Buch sprechen.

Zweitens hatte ich vielfach den Eindruck, dass Jürgen Schadeberg öfter Szenen fand, die sehr an die klassischen Aufnahmen der ersten Streetfotografen erinnern, in Kneipen, auf Bänken, auf der Strasse und in sehr speziellen Situationen. Aber eben so fotografiert, wie ein Jürgen Schadeberg fotografiert.

Und drittens hat er in dieser Tradition die damaligen Veränderungen von der Individualisierung zur Vermassung gut aufgezeichnet. Man sieht das Beispiel des Flughafens, der überquillt. Man sieht aber auch die Ikonen des Siegeszuges der modernen Technik. Viele Musiker sind ja nicht deshalb so berühmt geworden, weil sie so einzigartig gute Musik machten, sondern weil sie die ersten waren, die die Vermassung der Musikproduktion nutzen konnten. So werfen die Fotos auch Blicke auf Dinge, die erst im Nachhinein eine Bedeutung hatten.

Und genau diese drei Dinge machen das Buch aus meiner Sicht besonders reizvoll.

Jürgen Schadeberg
Great Britain 1964-1984
Fotografien – Photographs
Deutsch/englisch

ISBN 978-3-89812-853-7

 

Georg Stefan Troller SIEBEN SCHNAPPSCHÜSSE

Georg Stefan Troller ist 1921 in Wien geboren und hat viele bekannte Menschen kennengelernt. Darunter waren auch einige Fotografinnen und Fotografen. Jetzt hat er in der Lettre international einen Artikel über seine Begegnungen mit Man Ray, Henri Cartier-Bresson, Robert Lebeck, Jacques-Henri Lartigue, Brassai, Gisele Freund und  W. Eugene Smith veröffentlicht.

Foto: Michael Mahlke

 

Der Artikel ist etwas Besonderes, weil er einerseits wesentliche Merkmale der Menschen und ihrer Tätigkeit skizziert – so wie ich es noch nie irgendwo gelesen habe. Andererseits ist Troller Zeitzeuge und auch noch einer der letzten, die darüber schreiben können.

Hinzu kommt etwas Persönliches: Da ich als Mann anders lese als eine Frau ist mir gerade bei den Schilderungen Trollers aufgefallen, dass die Ausführungen zu Gisele Freund irgendwie eine andere – weibliche (?) – Sicht auf die Fotografie vermitteln, die den Horizont erweitert.

Georg Stefan Troller zeigt in dem hochinformativen Artikel, dass das Fotografieren bei allen ein Stück der eigenen Persönlichkeit gewesen ist. Er schildert sogar die Lebenshaltung hinter den Menschen, die so bemerkenswerte Fotos gemacht haben.

Und er zeigt, dass es immer auch auf den Zeitgeist ankommt, wenn man fotografisch erfolgreich sein will.

Der philosophische Schriftsteller Baltasar Gracian hat einmal formuliert: „“Die außerordentlich seltenen Menschen hängen von der Zeit ab. Nicht alle haben die gefunden, deren sie würdig waren, und viele fanden sie zwar, konnten aber doch nicht dahin gelangen, sie zu nutzen. Einige waren eines besseren Jahrhunderts wert, denn nicht immer triumphiert jedes Gute. Die Dinge haben Periode, und sogar die höchsten Eigenschaften sind der Mode unterworfen. Der Weise hat jedoch einen Vorteil, den, daß er unsterblich ist: ist dieses nicht sein Jahrhundert, so werden viele andere es sein.“

Wenn man dies überträgt auf die Fotografie, dann kann man zumindest erklären, warum gute Fotos nicht immer erfolgreich sind. Dies habe ich im Bereich Strassenfotografie ja auch schon thematisiert.

Logischerweise ist der Artikel in der Lettre kein Buch. Er könnte aber auch als Büchlein mit dem Titel „Praktische Philosophie der Fotografie“ erschienen sein.

Es gibt den kompletten Artikel von Georg Stefan Troller nur gedruckt in der Lettre. Ich hoffe, der kleinen Schar klassisch orientierter Fotografinnen und Fotografen einen guten Hinweis zu geben, weil ich diesen Artikel für einen kleinen und guten Höhepunkt in der Informationsflut über Fotografie halte.

 

Komm Fotografieren von Miriam Leuchter

Mit der digitalen Spiegelreflexkamera (DSLR) besser werden und professionell arbeiten lernen – geht das? Ja, mit diesem Buch ganz leicht.

Miriam Leuchter hat ein Buch geschrieben mit Kurzanleitungen zu den Themen „Menschen, Orte, Dinge.“

Alle Tipps sind in dem amerikanischen Magazin „Popular Photography“ erschienen. Es sind echte Profitipps. Wer wissen will, wie man aktuell Fotos macht, die sich auch verkaufen, der ist hier goldrichtig.

Die Sehgewohnheiten der Menschen haben sich geändert. Die Reizüberflutung durch digitale Fotos hat dazu geführt, dass Hingucker besondere Perspektiven brauchen. Und genau hier setzt das Buch kompromisslos gut an.

Miriam Leuchter versucht erst gar nicht faule Kompromisse einzugehen und ein Buch für alle Kameratypen zu schreiben. Nein, sie sagt klar, ich brauche mindestens eine DSLR, um entsprechend gute und auch in schwierigen Situationen verlässliche Technik zu haben. Und dann nimmt sie uns mit in eine Welt, die die Gestaltung technisch guter Fotos zeigt.

Sie wollen einen Figurschmeichler haben, also ein Aktfoto mit der Betonung der natürlichen Schönheit des Modells? Die Autorin gibt uns dafür eine Zeichnung an die Hand mit Beleuchtungsvorschlag, Positionsbeschreibung und detaillierten Vorbereitungen.

Sie wollen ein Actionfoto, das durch einen ungewöhnlichen Blickwinkel den Zuschauer sofort in seinen Bann zieht? Miriam Leuchter gibt Beispiele vom Unterwassergehäuse bis zur Kamera am Motorrad, die mit einem Funkfernauslöser bedient wird.

Und sie nennt Beispiele von Fotografinnen und Fotografen.

Doch was den eigentlichen Reiz des Buches ausmacht, das sind die vielen Erfahrungen und Hinweise, die aus diesem Buch einen wahren Schatz an Möglichkeiten machen.

Pia Kleine Wieskamp hat auf dem Blog von Addison Wesley noch einmal die Worte hervorgezaubert, die mir dieses Buch und das Denken dazu schmackhaft gemacht haben: „Wir leben in einer Welt der Bilder. Auf Plakatwänden, in Zeitschriften und zu Hause an der Wand, wir sind von ihnen umgeben. Wir stellen sie online und schicken sie unseren Freunden aufs Handy. Und immer mehr tragen eine (kleine oder größere) Kamera ständig bei sich. Im 21. Jahrhundert ist praktisch jeder ein Fotograf.“

Das ist die beste Beschreibung der digitalen Situation, die ich jemals gelesen habe.

Und genau deshalb gibt es einen Unterschied zwischen dem einfachen Knipsen und dem gestalteten Fotografieren.

Und wo der Unterscheid ist und wie man richtig gute Fotos mit DSLRs in professioneller Aufmachung erstellt, das findet man in diesem Buch.

So ganz nebenbei wird in dem Buch auch gezeigt, dass ein Foto in diesem Sinne im Kopf entsteht. Denn Miriam Leuchter legt sehr viel Wert auf Vorbereitungen für die jeweilige Situation.

Und das Buch macht auch klar, warum der Fotografenberuf in der bisherigen Form mit grossen Veränderungen zu kämpfen hat. Denn der Siegeszug der digitalen Zivilisation wird und hat die Wahrnehmung und den Wert von Bildern verändert.

Doch aus meiner Sicht hat das Buch den entscheidenden Vorteil, mehr zu sein als eine Anleitung zum Fotografieren. Es ist eine Anleitung zum Erstellen professioneller Fotos, mit denen man dann Geld verdienen kann. Und das erhöht den Nutzwert ungemein.

Miriam Leuchter

Menschen, Orte, Dinge

ISBN: 978-3-8273-3087-1

 

Kaum erlebt schon vorbei? – Zeitgeist ab 2012

Foto: Michael Mahlke

Der digital programmierte Mensch 2.0

Es verändert sich was. Heute sprach ich mit einer Kindergärtnerin (die heute auch anders heisst). Sie sagte mir, dass sie früher eine Gruppe mit zwei Kindergärtnerinnen und neun bis 15 Kindern waren. Heute sind in der Gruppe neben den zwei Kindergärtnerinnen noch eine Psychotherapeutin, eine Logopädin und noch eine weitere Spezialistin. Und die Kinder können weder Spiele wie „Mensch ärgere dich“ noch einfach in der Gruppe miteinander zurecht kommen. Es werden zunehmend sog. Störungen bei immer mehr Kindern gefunden. Aber sie haben fast alle ein Handy, eine Spielekonsole, einen Fernseher und weitere digitale Geräte.

Es entstehen neue Menschen, die 2. Generation digital.  Sie wachsen in eine Welt, die sie von klein auf mit Bildern prägt. Der Stellenwert des Bildes wird alltäglich und banal in einer Weise, wie es früher nicht der Fall war. Auch früher gab es Bilder. Aber es war anders.

Heute im Bus und an der Universität erlebe ich fast nur Menschen, die ein Handy in ihrer Hand halten. Musik hören im Bus, zwischendurch SMS tippen und neue Nachrichten abrufen oder kleine Videos anschauen. Man spricht nicht miteinander eher nebeneinander. Man spricht über sichtbare (oder hörbare) Dinge. Handys und Computer sind die neuen Zauberwerkzeuge. Sie sind die neue Normalität. Es ist die 1. Generation digital. Zunehmend ist derjenige unnormal (entspricht nicht der Norm), der dies nicht lebt oder hat.

Man ist online und glaubt, man sei dabei und oft auch noch informiert. Es ist die perfekte Augenzeugenillusion und vielleicht schon die Angst, einmal offline zu sein (nicht biologisch sondern digital!).

Neue Wirklichkeit

Diese Worte sind der Versuch, eine neue Wirklichkeit ins Auge zu fassen. In der Geschichte sprechen wir vom Zeitgeist einer Epoche. Hier handelt es sich um Schilderungen zum Zeitgeist dieser Epoche.

Da passt natürlich ein Gedanke wie der, dass man Erlebnisse sofort digital teilen soll, besonders gut.

Aber es ist natürlich ein Irrtum so zu denken, weil dies erhebliche Auswirkungen hat auf Wahrnehmung und Verhalten. Die Welt als permanente Gegenwart reduziert den Horizont. Und nicht umsonst schrieb Neil Postman Bücher wie „Wir amüsieren uns zu Tode“.

Menschen bleiben Menschen – nur die Programmierung ändert sich

Heute erleben wir um uns herum eine Digitalisierung, die wenig an der Lage der Menschheit verbessert hat. Man könnte sogar vom Gegenteil ausgehen. In jedem Fall hat das Internet die Sicht auf die Welt erweitert und verändert. Aber die Menschen haben sich ja in ihrer Struktur nicht geändert sondern es gibt durch die digitale Welt veränderte Wahrnehmung und ein verändertes Verhalten. Und man kann schon die Folgen sehen.

Die neuen Menschen auch in ihrer Neuheit zu sehen kann vielleicht am besten von denen geleistet werden, die noch „alt“ sehen und „alt“ denken. Da bietet es sich an, dies alles mit digitalen Fotos festzuhalten, das Alte und das Neue, das Bestehende und das Veränderte.

Zeitgeist ist das, was die Menschen in einer Zeit denken und tun.

Es ist z.B. das,

  • was man wahrnimmt,
  • wie man sich verhält,
  • welche Waren und Dienstleistungen angeboten werden,
  • welche Architektur, welches Essen, welche Kleidung da sind,
  • welche Gedanken vorherrschen

Das langfristige Projekt Zeitgeist ab 2012

Aus diesem Grund will ich ein Projekt beginnen, bei dem ich über einen längeren Zeitraum Fotos erstelle, die dies zum Thema haben.

Gedacht ist an den Zeitraum ab 2012. Ich stelle meine Sicht und meine Erlebnisse auf verschiedenen Webseiten dar und versuche so, die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie und viele andere Dinge des aktuellen Zeitgeistes zu finden.

Text 1.1

Nachtrag Jahre später:

Das Projekt ist in dieser Form beendet. Ein Teil ist sichtbar auf flickr und ein anderer hier.

 

W. Eugene Smith von Britt Salvesen, Enrica Vigano

Deleitosa – die Foto- und Textreportage über das spanische Dorf zog mich in ihren Bann und ließ mich nicht mehr los. Anders kann ich den Weg in dieses Buch nicht beschreiben. Wer es aufschlägt und mit dem Lesen und dem Betrachten der Fotos beginnt, der wird es nie mehr aus seiner Erinnerung streichen können.

Das im Kehrer Verlag erschienene Buch zum Werk von W. Eugene Smith ist eine souveräne Konzeption, die die Fotos und Texte und den Menschen W. Eugene Smith dem heutigen Publikum zeigt. Die Fotos und Texte sind so aktuell und so spannend, dass sie Menschen, die Einfühlungsvermögen besitzen, unversehens in ihren Bann ziehen.

Waren Sie schon einmal in Spanien, auf Mallorca oder auf dem Festland? Wenn sie die Reportage über „Das Spanische Dorf“ gelesen haben, werden sie auch das heutige Spanien mit anderen Augen sehen.

Interessanterweise zitiert Enrica Viganò, der Kurator, in seinem Aufsatz den Autor Philippe Halsman mit dem Satz: „Cartier-Bresson registriert die Wahrheit. Gene Smith schafft seine eigene.“

Und dann landet er bei Smith selbst und zitiert ihn mit dem Satz: „Ich habe mich nie damit begnügt, ein Fotograf zu sein, der die Ereignisse bloß registriert. Ich glaube vielmehr, dass es mir in meinen besten Arbeiten gelingt, das Besondere einer Situation abzubilden und das Universale symbolisch auszudrücken.“

Er führt dann in Anlehnung an Serge Tisseron den Begriff der „emblematischen Fotografie“ ein, die weit über die Betrachtung hinausgeht.

Dann kommt W. Eugene Smith selbst mit einer autobiografischen Erklärung zu Wort. Und dann sprechen seine Fotos und Reportagen.

Das Buch schenkt dem Menschen und dem Werk neues Leben. Und es ist ein Geschenk für unsere Zeit, denn es zeigt, dass die intensive Reportage in schwarz-weiß nicht durch die Farbfotografie abgelöst werden kann. Farbe ist anders und Texte werden zeitlos, wenn sie gut sind.

Dem amerikanischen Publikum war W. Eugene Smith lange bekannt, er war dort einer der bekanntesten Fotografen. Aber hier ist er wohl nur in Fachkreisen bekannt gewesen. Neben dem Werk kommt auch der Mensch zum Vorschein und wir erleben die Tragödie und die Absurdität der menschlichen Existenz, die  uns auf unsere eigene Weise alle betrifft.

In einer Zeit ohne Geschichte bringen Bücher wie dieses das Verhältnis von Geschichte zur Gegenwart zurück. Die beeindruckenden Reportagen führen zudem dazu, dass man heute automatisch überlegt, ob es Ähnliches nicht heute auch zu finden gibt.

Denn W. Eugene Smith hat seine beeindruckendsten Reportagen (in diesem Buch) in unserem Alltag gefunden. Er ging dort hin, wo andere zur Arbeit gehen oder leben. So geben seine Fotos uns einen Spiegel über unser Leben in diesen Zeiten.

Und wir – zumindest ich – sehe(n), dass die grossen Reportagen letztlich vom Auge und Einfühlungsvermögen des Reporters (mit Foto und Text) und von den Massenmedien (Publizierung) abhängig sind.

Mit diesen Gedanken versuche ich schon den Transfer in die heutige digitale Welt. Es ist eben ein wirklich inspirierendes und in den Bann ziehendes Buch.

Wer etwas für seine fotografische Entwicklung haben möchte oder ein wirklich gutes Geschenk sucht, der findet mit diesem Buch eine gute Antwort.

So will ich enden mit einem Zitat von W. Eugene Smith, das mir gefällt: “Ich denke, dass Fotojournalismus Dokumentarfotografie mit einer bestimmten Absicht ist.”

 

W. Eugene Smith

Autoren: Britt Salvesen, Enrica Vigano, W. Eugene Smith
Künstler: W. Eugene Smith

ISBN 978-3-86828-255-9

 

Die Kunst der Schwarzweißfotografie von Torsten Andreas Hoffmann

„Auf Fotoausstellungen meiner Bilder werde ich oft zuallererst gefragt: Mit was für einer Kamera haben Sie das fotografiert? Inzwischen bekenne ich mich leidenschaftlich zu meinen zwei alten Nikon-Modellen… Die Kamera ist wirklich nicht das Allerwichtigste. Das mögen sämtliche Fotos auf dieser und der folgenden Doppelseite beweisen. Sie sind nämlich mit einer kleinen Olympus-Kompaktkamera aufgenommen, die sogar in die Hosentasche passt.“

Und dann gibt uns Torsten Andreas Hoffmann, der Autor des Buches „Workshop kreative Schwarzweiss-Fotografie“ einen Einblick in gutes Sehen und gutes Aussehen. Er inspiriert und vermittelt Ideen für bessere Fotos, er zeichnet Strukturen in den Fotos und er vermittelt die Kunst, den Weg zu gehen, um bessere Fotos selbst zu erstellen. Ein wunderbares Buch, ein Arbeitsbuch, um den Blick schulen zu lassen und die Strukturen des Sehens zu verbessern.

T. A. Hoffmann orientiert sich an zeitlos guten Gedanken für gute Fotos u nd geht dabei seinen Weg. Der Beginn des Buches lautet denn auch „Meine Bilder, wie ich sie sehe, empfinde, gestalte.“ Damit zeigt er eine Wiederkehr der guten Fotografie. In meinen Augen ist sein Buch ein Klassiker für gute Fotografie, für klare Blicke und eine wunderbare Quelle von Anregungen für das eigene Fotografieren. Es ist nie langweilig und ein grosser Wurf – mein Glückwunsch.“

So schrieb ich vor einigen Jahren über das Buch.  Damals hatte das Buch den Titel „Workshop kreative Schwarzweiss-Fotografie“.

Mittlerweile ist das Buch mit ergänztem Inhalt, überarbeitet und mit Bearbeitungshinweisen für Photoshop in einer erneuerten Auflage erschienen unter dem Titel „Die Kunst der Schwarzweißfotografie“.

Hoffman hat Wert darauf gelegt, in den Neuauflagen den Schwerpunkt auf Inhalt, Stimmung und formale Gestaltung beizubehalten. So ist das Buch auch heute mehr als nur eine Einführung. Es ist weiterhin ein Buch, welches sich mit der prägenden Art der Fotografie auseinandersetzt – der Schwarzweißfotografie –  und sie in die digitale Welt herüberholt.

Wenn man auf die Entwicklung des Buches und die Entwicklung der Schwarzweißfotografie in den letzten zehn Jahren zurückblickt, dann merkt man sehr schnell, dass in der „ernsthaften“ Fotografie zum Teil eine Rückkehr zu Schwarzweiß erfolgt.

Es ist eben so, dass Motive und Stimmungen zum Teil in Farbe und zum Teil in Schwarzweiß besser rüberkommen. Damit wird die Schwarzweißfotografie einen bleibenden Anteil im digitalen Zeitalter haben. Sie wird aber nicht mehr die Masse der Fotos ausmachen.

Denn die Gegenwart ist bunt. Schwarzweiß wird der Kontrast sein, die Reduktion, die Chance des Besonderen.

Und dies gut umzusetzen, das war, ist und bleibt eine Aufgabe, die man mit dem Buch von Torsten Andreas Hoffmann sehr gut lösen kann.

 

Torsten Andreas Hoffmann

Die Kunst der Schwarzweißfotografie

Eine Schule der Bildgestaltung im digitalen Zeitalter

ISBN: 978-3-89864-775-5

Magie der Bilder – ein Buch aus dem Magnum Archiv

Dieses Buch aus dem Prestel-Verlag ist eine fotografische Reise durch 60 Jahre mit interessanten Fotos von Fotografinnen und Fotografen der Agentur Magnum: Peter Marlow, Nikos Economopoulos, Antoine D `Agata, Mikhael Subotzky, Alex Majoli, Inge Morath, Erich Lessing, Josef Koudelka, Jacob Aue Sobol, Miguel Rio Branco, David Alan Harvey, Larry Towell, Raymond Depardon, Werner Bischof, Peter van Agtmael, John Vink, Ara Güler, Paolo Pellegrin, Jonas Bendiksen, Alessandra Sanguinetti, Constantine Manos, Marc Riboud, Steve Mccurry, Jean Gaumy, Henri Cartier-Bresson, Elliott Erwitt, Guy Le Querrec, W. Eugene Smith, Christopher Anderson, Thomas Bworzak, Cornell Capa, Raghu Rai, David Alan Harvey, Jim Goldberg, Lise Sarfati, Chris Steele-Perkins, Bruce Davidson, Susan Meiselas, Micha Bar-Am, Stuart Franklin, Mark Power, Herbert List, Ferdinando Scianna, Donovan Wylie, Martin Parr, Trent Parke, Rene Burri, Bruno Barbey, Olivia Arthur, Gueorgui Pinkhassov, Marilyn Silverstone, Robert Cappa, Burt Glinn, Chien-Chi Chang, Patrick Zachmann, Martine Franck.

Viele Namen und noch mehr Fotos machen aus diesem Band eine Sammlung der Fotografie in vielen Facetten, die alle eines gemeinsam haben: sie zeigen echte Fotos, also eine Aufnahme von einem Moment, den die Fotografinnen und Fotografen selbst gesehen haben.

Dies macht aus diesem Buch eine bemerkenswerte Sammlung von Fotografien, die alle von Fotografinnen und Fotografen gemacht worden sind, die damit ihr Geld verdienen mußten. Deshalb ist dieses Buch so spannend. Man erhält unendlich viele Anregungen für die verschiedenen Arten der Fotografie und man bekommt Eindrücke von dem, wie und was andere sehen. Damit aber nicht genug.

Ich will dies an einem Beispiel darstellen. Das Recht am eigenen Bild gibt es ja nicht nur in Deutschland sondern in den meisten europäischen Staaten. Dazu stellte ich mir beim Anschauen des Buches die Frage “Wie haben andere Fotografen dieses Problem beim Fotografieren auf Strassen, bei Veranstaltungen und woanders gelöst?”

Da es sich bei den Magnum-Fotografinnen und Fotografen ja um einen anerkannten Kreis handelt, ist die jeweilige im Bild zu findende Antwort darauf sehr interessant. Und da habe ich alles gefunden. Vor allem aber wurde mir klar, dass es viele Fotos gibt, auf denen durch geschicktes Positionieren dieses Problem einfach gelöst wurde.

Dazu zwei Beispiele: Die Fotografin Dennis Stock hat das Venice Beach Rock Festival in Kalifornien 1968 fotografiert. Man sieht von der Bühne von hinten eine Akteurin und dann am Strand die Menschen. Diese sind aber so klein, dass sie als Einzelne nicht erkennbar sind, dafür aber das Gesamtbild mit Vordergrund und Hintergrund das klassische Foto ergibt.

Der Fotograf Guy Le Querrec hat im Palais des Congres 1979 mit einem Abstand von zwei Metern zwei Männer fotografiert, die sich für Schallplatten interessieren. Der eine “horcht” gerade an einer Platte, so dass sein Gesicht nicht richtig erkennbar ist und der andere Kopf ist ganz geschickt durch eine davorstehende Schallplatte so bedeckt, dass alles erkennbar ist außer dem Gesicht.

Natürlich gibt es auch Fotos, wo Menschen erkennbar sind. Das sind einerseits Fotos aus Gegenden der Welt, wo dieses Recht so nicht wahrgenommen wird wie in großen Teilen von Asien und natürlich Fotos, auf denen die Menschen fotografiert werden wollen und damit einverstanden sind oder öffentliche Ereignisse. Das sieht man diesen Fotos aber auch direkt an und damit wird dies auch wieder sehr interessant.

Es gibt in diesem großartigen Buch 365 Fotos aus mehr als 60 Jahren in schwarzweiss und bunt. Das Buch ist als ewiger Kalender konzipiert. Auf jeder Doppelseite steht links der Tag und rechts das Foto. Inwiefern die Fotos einen Bezug zu dem jeweiligen Tag haben ist mir nicht erkennbar. Aber als fotografische Inspiration ist es interessant und vor allem wirkt auf einer Doppelseite immer nur ein Foto: auf der linken Seite ist die Fotografin oder der Fotograf aufgeführt und auf der rechten Seite ist das Foto und sonst nichts.

Das gibt ein bißchen Ruhe zurück in einer Welt der fotografischen Überflutung und räumt die Chance ein, sich mit einem Foto, nämlich genau diesem Foto des Tages, zu beschäftigen. Eine erläuternde Bildunterschrift zu jedem Foto ist im Anhang aufgeführt. Das hat den Vorteil der unvoreingenommenen Betrachtungsweise mit allen Vor- und Nachteilen. Das Buch endet mit einer Liste aller im Buch vorkommenden Fotografinnen und Fotografen der Agentur Magnum.

Diese Buch kann ich jedem empfehlen, der sich wirklich mit dem Fotografieren auseinandersetzen will oder der ein schönes Geschenk für einen Schreibtisch sucht. Es ist nicht sehr teuer, es hat sogar Fadenheftung und es gibt einen wirklichen Querschnitt der Arbeit und der Veränderungen in einer – der – Fotoagentur in den letzten 60 Jahren wieder.

Jonas Bendiksen, der Präsident von Magnum (2010) schreibt im Vorwort “Ein Jahr mit diesen ganz unterschiedlichen Fotos inspiriert andere hoffentlich genauso, wie es mich inspiriert hat.”

Marie-Christine Biebuyeck, die dieses Buchprojekt umgesetzt hat, schreibt aus ihrer Sicht: “Bei der Arbeit zu Magie der Bilder tauchte ich tief in eine elegante Formenwelt ein. Folgen Sie den sichtbaren und unsichtbaren Linien – dem neugierigen Auge erschließen sich viele Details.” Dem ist nichts hinzuzufügen.

Magie der Bilder. Das Magnum Archiv
ISBN: 978-3-7913-4436-2

Sebastiao Salgado oder meine Entdeckung der Fotografie in einem absurden Leben

Ich habe lange überlegt, ob ich die nachfolgenden Zeilen schreiben soll. Aber die Fotografie ist für mich ein Ausdruck der Möglichkeit, der menschlichen Existenz in seiner Absurdität einen Sinn zu geben. Der Sinn entsteht durch das Abbilden von Wirklichkeit, die verändert werden könnte, um die Humanität der menschlichen Existenz zu verbessern in der eigenen Lebensspanne.

Dieser ziemlich philosophische Satz ist wichtig, weil er differenziert ausdrückt was ich meine. Ich meine, die Würde des Menschen gilt es zu verteidigen. Um dafür immer wieder neu Bewusstsein zu wecken, muss Elend und Ungerechtigkeit immer wieder neu dokumentiert werden, durch Film und Foto.

Die Fotografie bietet in meinen Augen eine andere und vielleicht auch bessere Dimension, um solche Momente festzuhalten, Momente der Menschheit, Momente der Zeit. Sie ersetzt aber nicht die Tat, die aber in einer anderen Dimension stattfindet und hier nicht weiterverfolgt wird.

Was hat aber nun Salgado damit zu tun? Nun, zunächst einmal war ich auf der Suche nach Antworten auf meine oben gestellte Lebensfrage, was der Mensch tun soll in seiner absurden Lebenszeit.

Und dann stiess ich auf diesen Namen und wusste nichts damit anzufangen.
Ja, ich bekenne mich. Ein Mann, der mit den höchsten fotografischen Auszeichnungen geehrt worden ist, war mir nicht bekannt. Aber Fotografie ermöglicht das Entdecken und das Internet ermöglicht die Entwicklung.

Ich entdeckte seine Internetseite und dort seinen „Kursus der Fotografie, ein erzieherisches Programm.“

Ich sah dort Fotos aus Bosnien und Serbien. Weiter fand ich Aufgaben, die er stellte, wie z.B. in welcher Weise Bilder erzählen und die Aufforderung von Salgado, selbst aktiv zu werden.
Übersetzt aus dem Englischen heisst es dort an einer Stelle: Entdecke die Themen der Gewalt in grossen Städten. Unterstütze Studenten ein Tagebuch zu schreiben über einen Menschen in einem Flüchtlingscamp.

Was bedeuten diese Aufforderungen von Salgado?
Um „gute“ Fotos zu machen sind solche Dinge offenbar eine Voraussetzung. Fotografie und Lebenserfahrung hängen also zusammen.

Damit hat Salgado eine ganz besondere Sichtweise entwickelt. Als „Geometrist“ im Sinne von Henri Cartier-Bresson entdeckte ich hier etwas ganz Neues.

Ich entdeckte eine neue Sicht, ich entdeckte einen Zeitgenossen, einen reiseerfahrenen Menschen, der durch seine Fotos mir einen neuen Blick auf die Welt möglich machte. Ich entdeckte aber auch, dass jeder Fotograf, jede Fotografin sein/ihr eigenes Universum ist.

Man kann zum Beispiel Cartier-Bresson und Salgado nicht vergleichen, aber man kann bei beiden sehen, wie ihre Fotos den Kern der menschlichen Existenz zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort in einer bestimmten Situation darstellen.

Sie geben uns auf ihre jeweils eigene Art die Chance, uns als Teil des Menschengeschlechts zu entdecken, individuell und kollektiv, solidarisch und egoistisch, liebenswert und gemein.

Saldagos Buch über Afrika zeigte mir, dass Dokumentarfotografie eine Dimension von Humanität durch die Darstellung der Inhumanität erhalten kann, die mir vorher nicht so bewusst war.

Danach entdeckte ich sein Buch „Workers“, ein Buch aus den 90er Jahren mit vielen Fotos über arbeitende Menschen in allen Teilen der Welt. Ich sah die Mühsal und die Dimensionen einer kulturellen Vielfalt, die durchgängig geprägt war von der Bewältigung der industriellen Zeit. Ein wahrhaft historischer Ansatz, eine besondere „Arbeiterbewegung.“

Und dann entdeckte ich noch das Photo Pocket Buch der Edition Braus über Sebastiao Saldago, das so viele kleine grosse Fotos und Gedanken zu einem kleinen Preis enthält.

Salgado hat nur Schwarzweissfotos veröffentlicht in den von mir beschriebenen Schriften. Keines dieser Fotos könnte durch Farbe eine bessere Aussagekraft bekommen. Darüber nachzudenken bringt mir neben zeitloser Aktualität auch noch eine Bestätigung, dass die Struktur einer Sache durch Farbe nicht besser wird.

Hier ist ein grosser Liebhaber der Menschen am Werk. Er hat uns gezeigt, welche Chancen in uns verborgen liegen und welche Charakterzüge die Wirklichkeit oft bitter bestimmen.

Ich möchte mich dafür bedanken, dass ich diese Bücher geniessen konnte und nun auch noch diese Zeilen schreiben kann. Es war eine Zeitspanne, die dem Leben in seiner Absurdität paradoxerweise einen tiefen Sinn verlieh.  Vielleicht weil es ehrliche Themen waren.

Ich kann nur empfehlen Sebastiao Salgado kennenzulernen durch diese Bücher oder andere, denn es sind Blicke auf uns selbst, auf unsere Existenz, unsere Paradoxie und unser Leben.

Einführung von Christian Caujolle, Edition Braus, Heidelberg 2006, ISBN 978-3-89904-238-2

Africa, Sebastiao Salgado, Texte von Mia Couto, Konzeption und Gestaltung Lelia Wanick Saldago, Köln 2007, ISBN 978-3-8228-5621-5

Workers, Sebastiao Salgado, An Archaeology of the Industrial Age, New York 1993, ISBN 978-0-89381-525-7

Hinweis: Dieser Text erschien ursprünglich auf meinem Blog gesehenes.de im Jahre 2010. Es war eine schöne Zeit.