Michael Mahlke

Wo bleibt die Firmware? Beispiele für Modellpflege und Philosophie in der Kameraindustrie

Warten auf ein Update - Foto: Michael Mahlke

Eine persönliche gedankliche Skizze in einer Zeit der fotografischen Unübersichtlichkeit

Im Zeitalter der Software-Fotos

Im digitalen Zeitalter sind Kameras nicht mehr nur von der Optik abhängig. Hinzu kommen zusätzlich der Sensor und die Software. Die Software regelt das Zusammenspiel aller Komponenten (Firmware). Man könnte sogar von Software-Fotos sprechen.

Daher ist es unerläßlich, sich die Frage zu stellen, was Kamerahersteller tun, um die Qualität einer Kamera für ihre Kunden durch die Software sicherzustellen.

Musterschüler Leica und Ricoh

Eins muß man Leica lassen. Sie pflegen ihre Produkte wie die Leica M Serie doch sehr. Man hat dabei nicht das Gefühl etwas zu kaufen, das mit dem Kauf schon wieder veraltet ist.

Vielmehr weiß man, dass es an die technischen Entwicklungen im Umfeld (Speicherkarten, Betriebssysteme,  Steuerung des Fokus, verbesserte Algorithmen etc.) angepasst wird.

Mir scheint, dass Leica diese Philosophie im Bereich der Kompaktkameras ergänzt/verändert hat.

Im Bereich der Kompaktkameras kommt nun auch bald jedes Jahr in Anlehnung an die aktuellen Panasonic Lumix Modelle etwas Neues heraus. Updates sind dort nicht so oft zu finden. Das kann aber auch daran liegen, dass es dort von vornherein sehr gute Firmware gibt.

Bei Ricoh fühlt man sich auch nicht im Stich gelassen. So werden insbesondere die Kompaktkameras der GX, GR und GXR-Serie feinabgestimmt mit sinnvollen Updates versorgt und auch noch Jahre nach Erscheinen neuer Modelle gepflegt. Ricoh möchte ich deshalb besonders erwähnen, weil man dort keine Kamera für tausende von Euro  kaufen muß, um in diesen nachhaltigen und guten Service zu kommen.

Die Gretchenfrage bei Fuji

Fuji ist nun auf diesen Zug in meinen Augen aufgesprungen. Mit der Fuji X100 und der Fuji  X10 wird  versucht, Bewährtes und Neues zu verbinden, ähnlich wie bei der M9.

Doch nun wird es für mich spannend. Wird Fuji für diese Kameras die Firmware verbessern?

Für die X100 ist dies zwar teilweise geschehen, aber die Verbesserungsmöglichkeiten sind noch sehr hoch und sehr viele Käufer erwarten auch, dass diese Optimierungen noch umgesetzt werden.

Sollte Fuji stattdessen eine neue Kamera auf den Markt bringen ohne die bisherige X100 zu optimieren, dann wird dies sicherlich dazu führen, dass man sich fragt, ob bei einer solchen Firmenphilosophie ein neuer Kauf von hochwertigen Produkten Sinn macht.

Hinzu kommt das Problem mit der X10. Die ist zwar preiswerter aber für ihr Segment sehr hochpreisig. Wird Fuji hier im Sinne der Kunden eine Lösung finden? Zumal im Vergleich mit Ricoh die Kamera noch teurer ist als zum Beispiel eine Ricoh GR 3 oder 4.

Es wird in meinen Augen nicht reichen, den Kunden neue Kameras ca. im Jahrestakt für 500, tausend oder mehr Euros anzubieten und die Software der bisherigen Modelle nicht zu optimieren und auch noch nach Erscheinen eines neuen Modells zu pflegen.

Die Sache mit Sony

Bei Sony sind sehr viele Kameras relativ schnell durch neue Kameras abgelöst worden. Man muss mindestens zwischen Nex, Alpha und Kompaktkameras unterscheiden. Bisher gab es z.B. für die Sony HX9V keine neue Firmware, obwohl man mit dieser Kamera dann durchaus jahrelang optimiert gut fotografieren könnte. Bei den höherpreisigen NEX-Kameras waren doch Firmware-Updates zu verzeichnen.

Andere

Dies alles könnte man nun noch sehr viel mehr ausführen und recherchieren. Das würde diese gedankliche Skizze sprengen.

Gretchenfrage

Aber aktuell brennt im digitalen Land vermutlich das Verhalten der Firma Fuji unter den Nägeln. Wird es diese Firma schaffen, sich Teile des Image der Firma Leica (ähnlich Leica M) oder der Firma Ricoh aufzubauen?

Diese Frage wird sich 2012 durch das Handeln der Beteiligten sicherlich von alleine beantworten. Wir werden es erleben und live dabei sein.

Text-Version 1.1.

 

Vom Zauber älterer Neuentdeckungen oder digitale Oldtimer und der besondere Charme

von der Leica M6 zur Lumix DMC-L1 – Foto: Michael Mahlke

Digitale Oldtimer werden aktuell

Manchmal erleben verschiedene Menschen dasselbe. Immer wieder und in letzter Zeit verstärkt „spiele“ ich mit der Panasonic DMC-L1. Die gab es auch als Digilux 3. Alle Fotos, die ich damit gemacht habe, waren irgendwie besonders schön. Sie hatten einen besonderen Zauber.

Aber als ich dann die Erfahrung machte, dass in der Strassenfotografie unauffälliges Fotografieren aus der Nähe nur noch mit handyähnlichen Kameras möglich ist und in der Reisefotografie das „standardisierte“ Weitwinkelbild geliebt wird, suchte ich andere Kameras.

Doch der Geschmack an grossen Kameras kam zurück und die Bilder der DMC-L1 hatten immer einen besonderen Schick, den ich mit keiner anderen Kamera hinbekam. Selbst die Nachbearbeitung mit digitalen Filtern veränderte die Fotos anderer Kameras nicht so, dass ich sagen könnte, ja es ist praktisch gleich.

Digitale Oldtimer haben Charme

Und jetzt schreiben wir das Jahr 2012 und plötzlich veröffentlicht C. Garrard einen Artikel über die DMC-L1. Man muss sich natürlich fragen, warum macht Carl Garrard das. Das kann ja auch PR sein, wenn Panasonic eine DMC-L2 plant und die alte Kamera aktualisiert bewertet  und in die fotografische Diskussion gebloggt werden soll. Das kann so sein. (Nachtrag 2015: Und tatsächlich kam 2013 die GX7 heraus)

Es kann aber auch sein, dass da einfach jemand einen Artikel über eine Kamera schreibt, die ihm gefällt und die auch noch mal gewürdigt werden soll im Ozean der fotografischen Nachrichten. Das hat Mr Garrard früher auch schon getan. Ich erinnere an seinen sehr substanziellen Artikel zur GX200/GX300.

Wir werden sehen, was davon stimmt. Aber davon abgesehen gibt es in dem Artikel Argumente, die auch meine wären.

von der Leica M6 mit Festbrennweite zur Lumix DMC-L1 mit Varioobjektiv – Foto: Michael Mahlke

Warum?

Auch er schreibt vom Zauber, den die Fotos dieser Kamera ausstrahlen und von dem besonderen Gefühl, mit dieser Kamera zu fotografieren.

Was dem einen sein Oldtimer, ist dem anderen seine digitale Oldtimer-Kamera. Und es scheint, dass langsam die Zeit beginnt, bei der ältere digitale Kameras noch einen hohen Nutzwert haben und die Zeit der digitalen Oldtimer beginnt.

Die Digitalkameras der ersten Jahre waren von den Versuchen mit der neuen Technik bestimmt. Und die Kameras mit bis zu 5 Megapixel waren zwar für den Monitor gut nutzbar aber für Ausdrucke weniger.

Seit es mehr als 5 Megapixel gibt und seit die Modelle technisch, optisch, sensormässig und softwaremässig ausgereifter wurden, entstanden dann Kameras, die heute ebenso nutzbar sind wie neue Modelle. Der meistens einzige echte Unterschied für das Fotografieren ist die ISO-Zahl bei schlechtem Licht.

Der ISO-Faktor

Man kann mit allen älteren Modellen mit niedrigen ISO auf Stativ hervorragende Fotos machen bei unbewegten Objekten. Nur bei bewegten Objekten im Schummerlicht geht es nicht mit hohen ISO und kurzen Verschlusszeiten. Dafür gibt es heute eben Kameras wie die D3S, die das können. Aber wer will so eine Kamera dabei haben?

Hinzu kommt natürlich, dass man die älteren Kameras mit mehr als 5 Megapixel auch noch in zehn oder zwanzig Jahren nutzen kann für Web und Druck. Und wenn immer mehr ins Web verlagert wird, dann wohl noch länger.

Zudem wird es sicherlich irgendwann auf minimale Unterschiede bei der Darstellung digitaler Fotos am Monitor und im Netz ankommen. Dann wird auch deutlich werden, dass digitale Filter nicht alles können.

In diese Kategorie der digitalen Oldtimer gehören sicherlich u.a. auch die Sony DSC-R1, von Canon die EOS 5D und die EOS 40D, die Sigma DP1s  und die Olympus E400. Sie haben alle bemerkenswerte Chips, die die Kameras für Kenner auf Fotos auch heute noch eindeutig identifizierbar machen.

Nur Erfahrung zählt

Aber was ich hier schreibe, ist nicht durch Tests erfahrbar und erlebbar. Es ist die Folge

  • von Erfahrung durch die Benutzung verschiedener Kameras in unterschiedlichen fotografischen Situationen,
  • das Betrachten sehr unterschiedlicher Fotos verschiedener Kameras im Vergleich
  • und das Gefühl für technisch-fotografische Zusammenhänge

So wird dann aus einer vermeintlich alten Kamera ein Luxusobjekt der digitalen Oldtimerszene. Dabei sind es eben nicht die teuersten Kameras, um die es geht. Sondern es sind besondere Kameras mit heute nicht mehr hergestellten Sensoren, die für besondere Fotos und besonderes Fotografieren stehen. Das ist natürlich auch in der analogen Ära so gewesen.

Der Genuss, Momente mit einer Kamera festzuhalten, die über besondere Merkmale verfügte oder die dem Fotografierenden einen besonderen Zugang vermittelte für das Festhalten der Motive oder die Gestaltung – das ist und bleibt etwas besonderes.

Es gibt bei den grossen Fotocommunities schon länger Treffen von Analogfotografen, die sich speziell auf ein Modell konzentriert haben und dann als Gruppe damit Fotos machen und sich danach zusammensetzen. Das wird es sicherlich in absehbarer Zeit auch für digitale Kamera-Oldtimer geben.  Vielleicht gibt es dann Aufrufe zum Fototreff auf der Kö/ am Dom oder in Elberfeld, um die Wirklichkeit mit dem Sensor einer DMC-L1/Digilux 3 gemeinsam festzuhalten und danach ein Alt/Kölsch oder einen guten Kaffee zu trinken.

So bieten sich völlig neue Möglichkeiten, dabei zu sein, und auch danach online Bilderwelten auszutauschen und die Freude am Fotografieren mit diesen digitalen Oldtimern zu pflegen.

Zeitgeist-Fotografie

„Nur wer sich ändert bleibt sich treu.“

Fotomonat ist ein Projekt, das ich vor einiger Zeit ins Leben gerufen habe. Es war nach mehrjähriger Beschäftigung mit Henri Cartier-Bresson und meiner eigenen Entwicklung in diesem Bereich der Schritt vom Kopf in die Welt.

Mir ging es dabei darum,

  • meine Erfahrungen in der Reisefotografie,
  • meine Erfahrungen mit thematischen Dokumentationen und
  • das Thema Dokumentarfotografie früher und heute zu verarbeiten.

Es geht um Dokumentarfotografie und um die Frage von Fotokunst. Es geht letztlich um Fotografie als Bestandteil der tatsächlichen Welt in Abgrenzung zu einer virtuellen Welt.

Und ich fand im Internet ausser ein paar verstreuten Artikeln wenig, was meinen Vorstellungen entsprach. Vieles war sehr flach und manches war sehr kurz (gedacht).

Vom Text zum Bild

Nun ist eine Zeit gekommen, die das Projekt fotomonat erweitern wird. Fotomonat ist wie ein digitales Buch und steht auch weiter zur Verfügung. Es wird sogar neue Artikel geben, wenn es sich lohnt.

Aber es ist auch ein Zeitpunkt gekommen, an dem ich die Entscheidung treffen mußte, ob ich in den Trott der permanenten Präsenz durch nicht wirklich neue Informationen eintrete oder lieber Yin und Yang zu ihrem Recht kommen lasse.

Es wird auch im Jahr 2012 viel Neues geben. Davon ist aber nicht viel wirklich neu. Die Konsumindustrie suggeriert, dass man permanent das Neue haben muß. Es geht eben um Konsum. Wenn sich zum Schluß der Wert einer Ware aber darin erschöpft, dass man sie gekauft hat (danke Kuno für deine Hinweise, die meine Sinne schärften!), dann ist es für mich sinnlos, darüber zu schreiben. Denn darüber schreiben genug andere.

Projekt Zeitgeist

So entstand das Projekt Zeitgeist 2012: mehr Fotos zum Festhalten der Gegenwart.

Ob das viele Fotos werden oder nur 3 für ein Jahr – wer weiß das schon! Aber im Jahr 2012 sollen eher Bilder sprechen. Denn auch unsere Welt ändert sich. Ich glaube, dass wir in einer Ära leben, die den Menschen in eine kolossale Unsicherheit versetzt. Immer mehr nehmen die Dinge auch nicht mehr wahr und immer mehr wird diskutiert, dass alles Realität ist, was das Gehirn wahrnimmt.

So einfache Unterscheidungen wie Innenwelt und Aussenwelt sind auch dabei ganz hilfreich. Und die Dinge in der Welt um uns herum fotografisch festzuhalten, ist dann ein guter Weg, um die Welt zu sehen und den Zeitgeist einzufangen.

„Wahr“nehmungsprobleme

Es scheint ja so zu sein, dass immer mehr Menschen gar nicht mehr die Häßlichkeit und Seelenlosigkeit der Wohn- und Lebensbedingungen wahrnehmen. Bäume werden lieber abgeholzt und neue Häuser mit „individuellem“ Charakter überall als Menschenboxen installiert.

Wir haben in Deutschland das Glück, dass die bauliche Schönheit in Teilen Ostdeutschlands restauriert wurde. Wer zum Beispiel einmal in Naumburg an der Saale war, der versteht, was den Unterschied zwischen menschenfreundlichem und naturfreundlichem Städtebau einerseits und seelenlosem und naturfeindlichem Städtebau andererseits ausmacht.

Wenn man sich dann kontrastierend z.B. nur die neuen Städte in China anschaut, kann einem Angst und bange werden. Es ist auch hier so, als ob es die „Unwirtlichkeit unserer Städte“ und Alexander Mitscherlich nie gegeben hätte.

Real wird irreal

Wer dies alles aber nicht mehr weiß und sieht, der ist auch anfällig für die Übernahme der digitalen Welt als reale Welt, die dann als Folge die Schwelle und die Wahrnehmung für echte Natur und wirkliches Leben völlig verändert. Da der Mensch aber für die natürliche Welt konstruiert ist, kommt hier noch einiges auf uns zu. Dies dann wiederum digital kompensieren zu wollen ist zwar günstig für die Konsumindustrie aber schlecht für den Menschen und die Natur. Nun gut!

Zeitgeist

Ich habe den Begriff Zeitgeist bewußt gewählt habe. Er kommt eigentlich aus der Geschichte und Philosophie  und wurde genutzt, um bestimmte zivilisatorische (manchmal auch kulturelle) Tendenzen („Eigenart einer Epoche„) voneinander abzugrenzen. So gab es früher Bücher zu Themen wie dem Zeitgeist des Bismarckreiches und dem Zeitgeist der Weimarer Republik. (Übrigens zeigt mir mein Rechtschreibsystem an dieser Stelle gerade, dass ich Bismarck nur mit k und ohne c schreiben soll…)

Hobsbawm hat gefragt „Wieviel Geschichte braucht die Zukunft?“ Und genau in dieser Zeit sind wir gerade, wie allein der Ausflug zu Mitscherlich gezeigt hat.

Und diesen Zeitgeist kann man mit Fotos vielleicht ganz gut festhalten. Damit meine ich Dinge, die um uns herum sind und unseren Alltag und unser Denken(?) bestimmen und ich meine Handlungen, die für die Gegenwart typisch sind. Auch dies ist Dokumentarfotografie.

Es ist eine eher stille Arbeit für denkende Menschen, die die permanente Präsenz durchbrechen wollen und ihre Wahrnehmung schärfen wollen, um nicht im Dickicht des digitalen Schrotts zu erblinden.

Wenn Sie also ab 2012 ab und zu etwas davon sehen wollen und ich etwas finde, dann lohnt sich vielleicht ein Blick auf die Internetadresse zeitgeist-fotografie.de.

Übrigens können Sie dabei auch mitmachen, wenn sie möchten.

Auch dies wird wieder ein Experiment sein wie bei fotomonat und ich bin ziemlich gespannt, was daraus wird.

Nachtrag 2016: Mittlerweile ist das Projekt beendet und die Domain ist an anderer Stelle, wo neuer Zeitgeist ist.

 

 

Be Receptive – Das Geheimnis von Henri Cartier-Bresson

finden Sie, wenn Sie diesen Film anschauen, besonders die ersten drei Minuten vom zweiten Teil:

 

Software-Fotos und das Scheitern von Labortests – der neue Trend

ein zusammengerechnetes Foto bei wenig Licht - Foto: Michael Mahlke

RAW ist nicht Roh

Es ist schon länger bekannt, dass selbst RAW-Fotos schon bearbeitet sind.

Aber während diese digitalen Ergebnisse noch einigermassen „roh“ sind, ist fast alles danach mittlerweile ein Ergebnis ausgeklügelter Software. Wenn man sich „fertige“ JPGs anschaut, dann kann man u.a. folgende Tendenzen feststellen:

  • Verzeichnungen durch Objektive werden rausgerechnet, bevor das JPG gespeichert wird.
  • Dunkle Stellen werden durch Lightning-Funktionen (Erhellen) aufgehellt, bevor das JPG gespeichert wird.
  • Durch HDR-Funktionen werden mehrere unterschiedlich belichtete Fotos zu einem Foto zusammengerechnet, bevor das JPG gespeichert wird.
  • Bei schlechtem Licht wird „DSLR-Qualität“ einfach durch das Zusammenrechnen eines Fotos aus mehreren Einzelfotos erzielt, bevor das JPG gespeichert wird.
  • In den EXR-Modi wird durch Software Licht und Schatten erzeugt ohne das z.T. Eingriffe möglich sind.

So übernimmt immer mehr Software den Versuch, das „Gelingen“ von Fotos zu garantieren. Auch hier ist das Verlassen auf die Technik in eine neue Dimension gekommen, die weit über das pure Einfangen einer Situation hinausgeht. Das muß nicht schlecht sein.

Ohne Software keine Fotos

Aber es ist eine neue Zeit, die dadurch eingeläutet wurde. Es ist die Zeit der Software-Fotos. Software und Fotos gehören untrennbar zusammen. Umgekehrt könnte man auch sagen ohne Software keine Fotos.

Firmware als neue Lösung

Einer der Vorteile dieser Lösung ist ja die Möglichkeit der Firmware-Updates. Das ist Software, die das Zusammenspiel der einzelnen Komponenten einer Kamera (Sensor, Prozessor, Linsen) beeinflusst. Da ein Software-Update weltweit die Möglichkeit bietet, preiswert die Kunden ohne grossen Aufwand zu erreichen, ist dies eine kluge Sache.

Aber heute ist es so, dass einige Unternehmen lieber nach ein paar Monaten neue Kameras auf den Markt bringen statt die bisherigen Modelle einfach von Fehlern oder Ungereimtheiten zu befreien.

Das Scheitern von Labortests

Neue Kameras werden von verschiedenen Magazinen getestet, um sie in Bestenlisten einzuordnen und um Verkaufsentscheidungen zu geben/beeinflussen. Dies wird zunehmend schwerer. Allerdings behalten Tests wie z.B. der von DxO für die traditionellen Messungen ihre Gültigkeit. Aber in meinen Augen sind die traditionellen Messfaktoren zunehmend nicht mehr allein relevant für Aussagen über die tatsächliche Leistungsfähigkeit einer Kamera.

Als Sony z.B. mit der WX1 und Fuji mit der F200EXR auf den Markt kamen, konnte man merken, dass etwas nicht mehr stimmt bzw. bewertet werden kann in der bisherigen Form. Da wurden neue Modi angeboten, um Fotos bei schlechtem Licht durch das Zusammenrechnen mehrer Aufnahmen zu einem Foto oder durch das Zusammenlegen mehrerer Sensorpixel zu verbessern. In den Magazinen wurden aber meistens nur die bisherigen Einfachaufnahmen getestet.

Das Ergebnis war klar: die Werte waren nicht so toll. Hätte man die neuen Fotos genommen, wären die Werte eventuell anders gewesen. Dieses Problem setzt sich aktuell fort. Und normalerweilse müsste auch nach jedem Firmware-Update eine Kamera neu getestet werden. Aber umgekehrt reichen den meisten Lesern die einfachen Tests.

Und wer Goethe kennt, der erinnert sich vielleicht an den Satz „Die Anschauung ist die Grundlage jeder Erkenntnis.“ Aber es geht auch ohne Goethe, denn dies bedeutet auf gut Deutsch, man gehe in einen Fotoladen und nehme die Kamera in die Hand, probiere sie aus und entscheide sich dann.

Die Fotoformel

Und wenn man zuguterletzt statt einer Rentenformel eine Fotografieformel entwerfen wollte, dann könnte diese folgendermassen aussehen:

Sensor + Software + Optik / Können des Fotografierenden = Foto

 

 

 

Zwischen BSI und EXR oder die Hoffnung stirbt zuletzt

Nun ist im Internet auch einiges über den neuen Sensor von Fuji zu finden, der eventuell ab 2012 marktreif sein könnte. Es gibt sogar schon Gerüchte über eine Fuji LX10 mit Wechseloptik.

Und wieder können wir lesen, dass es besser werden soll. Das letzte Mal habe ich dies beim BSI-Sensor gelesen.  Das ist noch gar nicht so lange her.

Wir leben in der Ära der Digitalfotografie mit Sensorfotos. Digital bedeutet ununterbrochen irgendeine Veränderung. Nur die optischen Gesetze bleiben gleich.

Das sollte uns nicht daran hindern, weiter den Blick für die fotografischen Möglichkeiten zu bewahren. Und da gibt es klare Grenzen, sozusagen den fotografischen Rahmen:

Wir sind beschränkt durch

  1. die Möglichkeiten der Drucktechnik,
  2. die Möglichkeiten des Monitors und
  3. die Möglichkeiten des menschlichen Auges
  4. die Möglichkeiten des jeweiligen Sensors

Daher kann man mit dem vorhandenen Equipment ganz in Ruhe fotografieren und sollte nicht glauben, dass erst die neue Kamera oder der neue Sensor gute Fotos macht. Bei henner.info ist dies in einer guten Grafik ebenfalls zusammengefasst.

Abgesehen davon haben auch gute Kameras Probleme. Aktuell scheint es das Problem der Fuji X10 mit den weissen Löchern zu sein, Firmware 1.02. Ein Beispiel sehen Sie hier:

weisse Löcher bzw. Scheiben in manchen Bildern der Fuji X10 - Foto: Michael Mahlke

Umgekehrt  kann man mit der Fuji auf die Schnelle – je nach Motiv und Licht  – gute Fotos machen ohne Probleme:

Remscheid morgens am Markt - Foto: Michael Mahlke

Aber eine Kamera mit „Fotolotto“-Qualitäten wäre ein Problem. Das wird mittlerweile auch u.a. hier diskutiert.

Aber uns hat Fuji Hoffnung gemacht, dass sie das Problem lösen wollen. Ob es dabei um eine Lösung oder Minderung des Problems geht, werden wir sehen.

Schopenhauer hat geschrieben, dass das Neue der Feind des Guten ist. Und gute Fotos kann man mit allen Kameras machen. Nur bei schlechtem Licht wird es wohl auch zukünftig schwierig bleiben.

Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Daher werden wir wohl immer weiter hoffen, auf bessere Sensoren und ein besseres Leben. Das wissen wir aus der schriftlich überlieferten Weltgeschichte seit 5000 Jahren. Ob wir es noch erleben?

Nachtrag Juli 2012: Das Problem ist durch einen veränderten Sensor mittlerweile in den neu produzierten Modellen der Fuji X10 offenkundig behoben worden.

 

Fotoshooting von Maria Benning und Gerald Zörner


„Kommunikation läuft nicht in erster Linie über Inhalte. Es geht viel mehr um die Vermittlung von Selbstbildern.“ Dieser Satz aus den ersten Seiten des Buches „Fotoshooting. Das Subjekt vor dem Objektiv“ von Maria Benning und Gerald Zörner zeigt uns den Weg in eine wunderbare Welt.

Es ist ein besonderes Buch. Dieses Buch ist ein Produkt der digitalen Zeit, denn es reflektiert den veränderten Umgang mit Fotos und Bildern seitdem sie digital und online fast ununterbrochen eingesetzt werden.

Einige bekannt gewordene Fotografen haben darauf hingewiesen, dass ein Foto im Kopf entsteht. Das ist das Geheimnis und das Problem der guten Fotografie zugleich.

Und genau dieses Thema wird hier theoretisch und praktisch bearbeitet – aber psychologisch-fotografisch.

Was passiert eigentlich psychologisch, wenn ich vor einer Kamera stehe – und hinter einer Kamera? Welche Macht hat der Fotograf/die Fotografin über mich? Was will ich eigentlich? Welches Bild von mir habe ich? Habe ich überhaupt ein Bild von mir?

„Nahezu jeder möchte heute visuell präsentieren… Doch viele empfinden es als schwierig, vor der Kamera zu stehen. Woher kommt dieser Mulm? Und warum ist es für viele Menschen zweierlei, wie sie auf den Bildern wirken und wie sie wirken wollen? Und lässt sich das eine mit dem anderen nicht besser in Übereinstimmung bringen?

Diesen Fragen gehen der Porträtfotograf Gerald Zörner und die Journalistin Maria Benning nach. Sie stellen die psychologischen Aspekte des Fotografiertwerdens dar.“

So beginnt das Buch und diesem Anspruch wird es auch gerecht. Es ist ein Buch, das den Spagat zwischen Wissenschaft und Lebenspraxis bewältigt.

Benning und Zörner trauen sich, eigene Gedanken, gute Zitate und praktische Vorschläge aus verschiedenen Wissensbereichen in einen inhaltlichen Zusammenhang zu stellen, nämlich das Fotoshooting.

„Was tun Sie, wurde Herr K. gefragt, wenn sie einen Menschen lieben?

Ich mache einen Entwurf von ihm, sagte Herr K., und sorge, dass er ihm ähnlich ist.

Wer? Der Entwurf?

Nein, sagte Her K. Der Mensch.“

Diese Geschichte von Bertolt Brecht kommt ebenso als Schlüssel zum Selbstverständnis und der fotografischen Identität in dem Buch vor wie die Untersuchung von Pierre Bordieu über „Die feinen Unterschiede“ bei der Frage des Bild Entwerfens.

Doch hört sich das eher intellektuell an. Das ist das Buch aber eigentlich nicht. Es ist anspruchsvoll obwohl es leicht geschrieben ist.

Und es ist von hohem praktischen Wert, denn Maria Benning und Gerald Zörner arbeiten mit Fotos und Tabellen, die man sogar im Kundengespräch einsetzen kann und in der Vorbereitung auf Porträt-Fotoshootings.

Das Buch ist mit Theorie total auf fotografische Praxis angelegt. Und das gelingt sehr gut.

Fragen wie die nach der Entstehung eines Bildes von mir oder anderen, wie kann ich besser Sehen lernen, wie kann ich mich beeinflussen, ermöglichen in dem Buch eine breite und gute Auseinandersetzung mit Gedanken, Prinzipien und der Frage, wie ich mehr Akzeptanz bekomme – fotografisch und im Leben.

Es ist ein Buch zum Blättern, zum Lesen und zum Anwenden. Und es macht Spass.

Wer das Buch liest, wird anders mit Fotos und sich selbst umgehen. Die Literaturhinweise, die Fotos und die Tabellen sind eine gute Quelle für die Arbeit an Bildern und an Selbstbildern – im Kopf und mit der Kamera.

Das Buch leistet, was die Werbung verspricht: „Entwerfen Sie ein Bild von sich, bevor es andere tun – faszinierende Einblicke in die Psychologie des Fotografiertwerdens.“

Maria Benning, Gerald Zörner

Fotoshooting. Das Subjekt vor dem Objektiv
ISBN 978-3-456-84998-0

Weibliche Fotografie – ein männlicher Versuch

Foto: Michael Mahlke

Gisele Freund sagte einmal zu Georg Stefan Troller: „Wissen Sie, ich habe doch damals, in den Dreißigern, meine erste große Reportage gemacht, für LIFE, über das Elend der arbeitslosen Bergarbeiter in Nordengland. Und der Bildredakteur, der war ganz erstaunt, daß ich von jedem Motiv nur ein Photo gemacht hatte, nur eines oder höchstens zwei. Aber das saß dann. Später, bei Magnum, hat man mir die Kontaktbögen von Cartier gezeigt, und da hatte er einen ganzen Film… und eines war dann bestimmt darunter, das er den entscheidenden Moment nannte. Auf diese Idee bin ich nie gekommen, schon weil Film so teuer war für mich.“

Nun schreibe ich diesen Artikel als Mann. Aber vielleicht ist dies auch nur so möglich, weil ich manches anders sehe (eben männlich). Diese Aussage von Gisele Freund ist für mich aber der Grund für diesen Artikel gewesen.

Almut Adler hat vor Jahren ein Buch mit dem Titel „Das weibliche Auge“ publiziert. Leider habe ich sie bis heute nicht persönlich kennengelernt sondern lediglich dieses Buch von ihr gelesen. Aber es war anders als Bücher, die ich schreiben würde. Das Buch ist freier, unverkrampfter und experimentierfreudiger.

Almut Adler selbst beginnt das Buch in der Einleitung mit dem Satz: „Sie (die Frauen, Anm. M.M.) suchen eher das Visuelle als das Technische. Frauen fotografieren eher intuitiv, aus dem Bauch heraus, sie erfassen das Besondere und erspüren die Ästhetik. Sie legen mehr Wert auf Farbgestaltung und Bildaufbau. Aufwendiges Equipment ist ihnen anfangs eher fremd…“

Nun habe ich für diesen Artikel nicht das weibliche Auge oder Frauenfotografie als Überschrift gewählt sondern weibliche Fotografie. Mir geht es also um Eigenschaften, die das weibliche Fotografieren ausmachen.

Folgt man Almut Adler und Gisele Freund, dann ist die Grundlage der weiblichen Fotografie ein klassischer Bildaufbau als Basis für Kreativität und das Hören auf das eigene Gefühl. Kreativität und Gefühl in der Fotografie sind schon eher weibliche Attribute.

Mich hat das alles etwas „verunsichert“, weil es eben nicht Richtung Perfektion läuft sondern in Richtung Loslassen und Spüren. Da muß man erst einmal hinkommen.

Ich habe vor einiger Zeit Nicole Strasser vorgestellt, die ebenfalls faszinierende Blicke auf die Wirklichkeit hat. So hätte ich bis dahin nie geschaut. Für mich war die Sicht von Cartier-Bresson (einem Mann) klar, einsichtig, nachvollziehbar.

Aber die weibliche Fotografie schaut anders auf die Dinge.

Alle diese Gedanken zeigten sich auch in meinem persönlichen weiblichen fotografischen Umfeld. Frauen mit Kameras – so meine Beobachtung – waren selten allein. Die Kamera war nicht nur dabei sondern Medium und eigentlich ein Teil des Miteinanders. Und so entstanden Fotos auch im Miteinander zwischen Motiv und dem Prozess des Machens.

Aber natürlich fiel mir noch etwas auf. Während ich und andere Männer im Laden nach den neuen Kameras schauten, interessierte dies die Frauen in der Regel überhaupt nicht. Wenn sie eine Kamera hatten, die ihnen gefiel, dann reichte diese im Prinzip für die nächsten zehn Jahre (bei Männern eher für zehn Monate).

Besonders bemerkenswert war es im Zoo. Das obige Foto zeigt zwei Frauen im Zoo, die beide viel Spaß dabei hatten, mit ihrer Bridge-Kamera um die Wette zu fotografieren. Beide machten kreative und gute Fotos. Ganz anders der Mann auf dem unteren Foto. Dort war die Voraussetzung für das Foto die „beste“ Technik:

Foto: Michael Mahlke

Zwischen diesen beiden fotografischen Herangehensweisen liegen Welten. Und doch entsprechen sie exakt den oben beschriebenen Werten und Verhaltensweisen.

Aber damit will ich noch nicht enden.

Für mich hat weibliche Fotografie noch einen zusätzlichen Reiz. Und da kommt der Name Esther Haase ins Spiel. Ich bin immer noch fasziniert von einem Buch, das die Fotografin Esther Haase im Kehrerverlag veröffentlicht hat mit dem Titel Rock´N´Old.

Es handelt sich zwar um inszenierte Fotos, aber die Freiheit, das Miteinander und die Unverkrampftheit haben mich in ihren Bann gezogen.

Ich habe Frau Haase mehrfach angemailt und darum gebeten, bei ihr ein Praktikum machen zu können, weil diese Art zu fotografieren eine für mich völlig fremde und faszinierende Welt ist. Aber wahrscheinlich hat sie mit einem knapp 50jährigen, der einen solchen Wunsch äußert, nichts anzufangen gewußt.

Das alles ändert aber nichts an dem wunderbaren kreativen Wind, den dieses Buch entstehen läßt.

Und auch hier zeigt sich wieder, dass die Kreativität und das einfache So-Sein eine offenkundig weibliche Eigenschaft sind.

Sind Frauen deshalb auch die besseren Fotografinnen? Das würde ich als Mann natürlich in jedem Fall verneinen. Aber sie sind an verschiedenen Stellen einfach besser – oder besser: anders.

Und sie machen Dinge, auf die – zumindest ich – nie kommen würde.

So zeigt die weibliche Fotografie mir, dass es mehr gibt als die männliche Seite der fotografischen Welt. Sie zeigt mir unbekannte Welten und Dimensionen des Sehens, die ich von allein nie entdeckt hätte.

 

Great Britain 1964 bis 1984 von Jürgen Schadeberg

Jürgen Schadeberg begegnete mir als Thema immer wieder. Bei mehreren Zusammenkünften mit Fotojournalisten, in diversen Ausstellungen und in Gesprächen. So war ich sehr neugierig auf das Buch „Great Britain 1964-1984“ aus dem Mitteldeutschen Verlag.

Wenn man dem letzten Link folgt, dann kann man schon einige Rezensionen über dieses Buch lesen. Mir hat dieses Buch gefallen, weil es spontane und geplante Reportagefotografie ist, die viele kleine Zustände der damaligen Zeit festhält.

Ich war zu Beginn der 80er Jahre in London und habe viele Dinge wiedererkannt, die man damals im Vorübergehen gesehen hat und die irgendwie noch vorhanden waren.

Genau das macht einen besonderen Reporter aus: Dinge festzuhalten über die andere hinwegsehen, weil sie aktuell und selbstverständlich sind.

Dies macht auch den Reiz dieses Fotobuches aus. Es ist ein Thema, das eher für eine kleine Zahl von Menschen interessant ist. Es ist ein Stück fotografierte Welt, die durch das Fortschreiten der Zeit heute zu einem fotogeschichtlichen Buch geworden ist. Es zeigt die Art zu fotografieren von Jürgen Schadeberg und es zeigt die Menschen, wie sie sich zeigten, zu der damaligen Zeit an den Orten seiner Aufnahmen.

Es ist immer leicht, ein Buch oder einen Fehler im Buch zu kritisieren. Dieses Buch von Jürgen Schadeberg hat aber Aufmerksamkeit verdient, weil es Dinge zeigt, die im Spiegel der heutigen Zeit uns viel zu erzählen haben.

Man könnte fast auf den Gedanken kommen, mit dem Buch nach Großbritannien zu reisen und dort einige der fotografischen Stationen noch einmal zu besuchen. Aber dafür muß man wahrscheinlich Reporter sein.

Das Buch mit vielen Auszügen ist ebenfalls bei spiegel.de großzügig dargestellt worden. Das hat meiner Einschätzung nach auch etwas mit der Reputation von Jürgen Schadeberg in Fotoreporterkreisen zu tun.

So ist dieses Buch erstens ein interessantes fotografisches Dokument. Aber ich möchte noch zwei andere Gründe erwähnen, die für dieses Buch sprechen.

Zweitens hatte ich vielfach den Eindruck, dass Jürgen Schadeberg öfter Szenen fand, die sehr an die klassischen Aufnahmen der ersten Streetfotografen erinnern, in Kneipen, auf Bänken, auf der Strasse und in sehr speziellen Situationen. Aber eben so fotografiert, wie ein Jürgen Schadeberg fotografiert.

Und drittens hat er in dieser Tradition die damaligen Veränderungen von der Individualisierung zur Vermassung gut aufgezeichnet. Man sieht das Beispiel des Flughafens, der überquillt. Man sieht aber auch die Ikonen des Siegeszuges der modernen Technik. Viele Musiker sind ja nicht deshalb so berühmt geworden, weil sie so einzigartig gute Musik machten, sondern weil sie die ersten waren, die die Vermassung der Musikproduktion nutzen konnten. So werfen die Fotos auch Blicke auf Dinge, die erst im Nachhinein eine Bedeutung hatten.

Und genau diese drei Dinge machen das Buch aus meiner Sicht besonders reizvoll.

Jürgen Schadeberg
Great Britain 1964-1984
Fotografien – Photographs
Deutsch/englisch

ISBN 978-3-89812-853-7

 

Georg Stefan Troller SIEBEN SCHNAPPSCHÜSSE

Georg Stefan Troller ist 1921 in Wien geboren und hat viele bekannte Menschen kennengelernt. Darunter waren auch einige Fotografinnen und Fotografen. Jetzt hat er in der Lettre international einen Artikel über seine Begegnungen mit Man Ray, Henri Cartier-Bresson, Robert Lebeck, Jacques-Henri Lartigue, Brassai, Gisele Freund und  W. Eugene Smith veröffentlicht.

Foto: Michael Mahlke

 

Der Artikel ist etwas Besonderes, weil er einerseits wesentliche Merkmale der Menschen und ihrer Tätigkeit skizziert – so wie ich es noch nie irgendwo gelesen habe. Andererseits ist Troller Zeitzeuge und auch noch einer der letzten, die darüber schreiben können.

Hinzu kommt etwas Persönliches: Da ich als Mann anders lese als eine Frau ist mir gerade bei den Schilderungen Trollers aufgefallen, dass die Ausführungen zu Gisele Freund irgendwie eine andere – weibliche (?) – Sicht auf die Fotografie vermitteln, die den Horizont erweitert.

Georg Stefan Troller zeigt in dem hochinformativen Artikel, dass das Fotografieren bei allen ein Stück der eigenen Persönlichkeit gewesen ist. Er schildert sogar die Lebenshaltung hinter den Menschen, die so bemerkenswerte Fotos gemacht haben.

Und er zeigt, dass es immer auch auf den Zeitgeist ankommt, wenn man fotografisch erfolgreich sein will.

Der philosophische Schriftsteller Baltasar Gracian hat einmal formuliert: „“Die außerordentlich seltenen Menschen hängen von der Zeit ab. Nicht alle haben die gefunden, deren sie würdig waren, und viele fanden sie zwar, konnten aber doch nicht dahin gelangen, sie zu nutzen. Einige waren eines besseren Jahrhunderts wert, denn nicht immer triumphiert jedes Gute. Die Dinge haben Periode, und sogar die höchsten Eigenschaften sind der Mode unterworfen. Der Weise hat jedoch einen Vorteil, den, daß er unsterblich ist: ist dieses nicht sein Jahrhundert, so werden viele andere es sein.“

Wenn man dies überträgt auf die Fotografie, dann kann man zumindest erklären, warum gute Fotos nicht immer erfolgreich sind. Dies habe ich im Bereich Strassenfotografie ja auch schon thematisiert.

Logischerweise ist der Artikel in der Lettre kein Buch. Er könnte aber auch als Büchlein mit dem Titel „Praktische Philosophie der Fotografie“ erschienen sein.

Es gibt den kompletten Artikel von Georg Stefan Troller nur gedruckt in der Lettre. Ich hoffe, der kleinen Schar klassisch orientierter Fotografinnen und Fotografen einen guten Hinweis zu geben, weil ich diesen Artikel für einen kleinen und guten Höhepunkt in der Informationsflut über Fotografie halte.

 

Komm Fotografieren von Miriam Leuchter

Mit der digitalen Spiegelreflexkamera (DSLR) besser werden und professionell arbeiten lernen – geht das? Ja, mit diesem Buch ganz leicht.

Miriam Leuchter hat ein Buch geschrieben mit Kurzanleitungen zu den Themen „Menschen, Orte, Dinge.“

Alle Tipps sind in dem amerikanischen Magazin „Popular Photography“ erschienen. Es sind echte Profitipps. Wer wissen will, wie man aktuell Fotos macht, die sich auch verkaufen, der ist hier goldrichtig.

Die Sehgewohnheiten der Menschen haben sich geändert. Die Reizüberflutung durch digitale Fotos hat dazu geführt, dass Hingucker besondere Perspektiven brauchen. Und genau hier setzt das Buch kompromisslos gut an.

Miriam Leuchter versucht erst gar nicht faule Kompromisse einzugehen und ein Buch für alle Kameratypen zu schreiben. Nein, sie sagt klar, ich brauche mindestens eine DSLR, um entsprechend gute und auch in schwierigen Situationen verlässliche Technik zu haben. Und dann nimmt sie uns mit in eine Welt, die die Gestaltung technisch guter Fotos zeigt.

Sie wollen einen Figurschmeichler haben, also ein Aktfoto mit der Betonung der natürlichen Schönheit des Modells? Die Autorin gibt uns dafür eine Zeichnung an die Hand mit Beleuchtungsvorschlag, Positionsbeschreibung und detaillierten Vorbereitungen.

Sie wollen ein Actionfoto, das durch einen ungewöhnlichen Blickwinkel den Zuschauer sofort in seinen Bann zieht? Miriam Leuchter gibt Beispiele vom Unterwassergehäuse bis zur Kamera am Motorrad, die mit einem Funkfernauslöser bedient wird.

Und sie nennt Beispiele von Fotografinnen und Fotografen.

Doch was den eigentlichen Reiz des Buches ausmacht, das sind die vielen Erfahrungen und Hinweise, die aus diesem Buch einen wahren Schatz an Möglichkeiten machen.

Pia Kleine Wieskamp hat auf dem Blog von Addison Wesley noch einmal die Worte hervorgezaubert, die mir dieses Buch und das Denken dazu schmackhaft gemacht haben: „Wir leben in einer Welt der Bilder. Auf Plakatwänden, in Zeitschriften und zu Hause an der Wand, wir sind von ihnen umgeben. Wir stellen sie online und schicken sie unseren Freunden aufs Handy. Und immer mehr tragen eine (kleine oder größere) Kamera ständig bei sich. Im 21. Jahrhundert ist praktisch jeder ein Fotograf.“

Das ist die beste Beschreibung der digitalen Situation, die ich jemals gelesen habe.

Und genau deshalb gibt es einen Unterschied zwischen dem einfachen Knipsen und dem gestalteten Fotografieren.

Und wo der Unterscheid ist und wie man richtig gute Fotos mit DSLRs in professioneller Aufmachung erstellt, das findet man in diesem Buch.

So ganz nebenbei wird in dem Buch auch gezeigt, dass ein Foto in diesem Sinne im Kopf entsteht. Denn Miriam Leuchter legt sehr viel Wert auf Vorbereitungen für die jeweilige Situation.

Und das Buch macht auch klar, warum der Fotografenberuf in der bisherigen Form mit grossen Veränderungen zu kämpfen hat. Denn der Siegeszug der digitalen Zivilisation wird und hat die Wahrnehmung und den Wert von Bildern verändert.

Doch aus meiner Sicht hat das Buch den entscheidenden Vorteil, mehr zu sein als eine Anleitung zum Fotografieren. Es ist eine Anleitung zum Erstellen professioneller Fotos, mit denen man dann Geld verdienen kann. Und das erhöht den Nutzwert ungemein.

Miriam Leuchter

Menschen, Orte, Dinge

ISBN: 978-3-8273-3087-1

 

Kaum erlebt schon vorbei? – Zeitgeist ab 2012

Foto: Michael Mahlke

Der digital programmierte Mensch 2.0

Es verändert sich was. Heute sprach ich mit einer Kindergärtnerin (die heute auch anders heisst). Sie sagte mir, dass sie früher eine Gruppe mit zwei Kindergärtnerinnen und neun bis 15 Kindern waren. Heute sind in der Gruppe neben den zwei Kindergärtnerinnen noch eine Psychotherapeutin, eine Logopädin und noch eine weitere Spezialistin. Und die Kinder können weder Spiele wie „Mensch ärgere dich“ noch einfach in der Gruppe miteinander zurecht kommen. Es werden zunehmend sog. Störungen bei immer mehr Kindern gefunden. Aber sie haben fast alle ein Handy, eine Spielekonsole, einen Fernseher und weitere digitale Geräte.

Es entstehen neue Menschen, die 2. Generation digital.  Sie wachsen in eine Welt, die sie von klein auf mit Bildern prägt. Der Stellenwert des Bildes wird alltäglich und banal in einer Weise, wie es früher nicht der Fall war. Auch früher gab es Bilder. Aber es war anders.

Heute im Bus und an der Universität erlebe ich fast nur Menschen, die ein Handy in ihrer Hand halten. Musik hören im Bus, zwischendurch SMS tippen und neue Nachrichten abrufen oder kleine Videos anschauen. Man spricht nicht miteinander eher nebeneinander. Man spricht über sichtbare (oder hörbare) Dinge. Handys und Computer sind die neuen Zauberwerkzeuge. Sie sind die neue Normalität. Es ist die 1. Generation digital. Zunehmend ist derjenige unnormal (entspricht nicht der Norm), der dies nicht lebt oder hat.

Man ist online und glaubt, man sei dabei und oft auch noch informiert. Es ist die perfekte Augenzeugenillusion und vielleicht schon die Angst, einmal offline zu sein (nicht biologisch sondern digital!).

Neue Wirklichkeit

Diese Worte sind der Versuch, eine neue Wirklichkeit ins Auge zu fassen. In der Geschichte sprechen wir vom Zeitgeist einer Epoche. Hier handelt es sich um Schilderungen zum Zeitgeist dieser Epoche.

Da passt natürlich ein Gedanke wie der, dass man Erlebnisse sofort digital teilen soll, besonders gut.

Aber es ist natürlich ein Irrtum so zu denken, weil dies erhebliche Auswirkungen hat auf Wahrnehmung und Verhalten. Die Welt als permanente Gegenwart reduziert den Horizont. Und nicht umsonst schrieb Neil Postman Bücher wie „Wir amüsieren uns zu Tode“.

Menschen bleiben Menschen – nur die Programmierung ändert sich

Heute erleben wir um uns herum eine Digitalisierung, die wenig an der Lage der Menschheit verbessert hat. Man könnte sogar vom Gegenteil ausgehen. In jedem Fall hat das Internet die Sicht auf die Welt erweitert und verändert. Aber die Menschen haben sich ja in ihrer Struktur nicht geändert sondern es gibt durch die digitale Welt veränderte Wahrnehmung und ein verändertes Verhalten. Und man kann schon die Folgen sehen.

Die neuen Menschen auch in ihrer Neuheit zu sehen kann vielleicht am besten von denen geleistet werden, die noch „alt“ sehen und „alt“ denken. Da bietet es sich an, dies alles mit digitalen Fotos festzuhalten, das Alte und das Neue, das Bestehende und das Veränderte.

Zeitgeist ist das, was die Menschen in einer Zeit denken und tun.

Es ist z.B. das,

  • was man wahrnimmt,
  • wie man sich verhält,
  • welche Waren und Dienstleistungen angeboten werden,
  • welche Architektur, welches Essen, welche Kleidung da sind,
  • welche Gedanken vorherrschen

Das langfristige Projekt Zeitgeist ab 2012

Aus diesem Grund will ich ein Projekt beginnen, bei dem ich über einen längeren Zeitraum Fotos erstelle, die dies zum Thema haben.

Gedacht ist an den Zeitraum ab 2012. Ich stelle meine Sicht und meine Erlebnisse auf verschiedenen Webseiten dar und versuche so, die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie und viele andere Dinge des aktuellen Zeitgeistes zu finden.

Text 1.1

Nachtrag Jahre später:

Das Projekt ist in dieser Form beendet. Ein Teil ist sichtbar auf flickr und ein anderer hier.