Michael Mahlke

Mit der Ricoh GR II die Wahrheit einfangen – Photokina 2016

Bei Pentax Ricoh auf der photokina 2016

Bei Pentax Ricoh auf der photokina 2016

Heute am Ricoh Stand. Innerhalb von fünf Minuten fragten in meinem Beisein drei Männer nach der Ricoh GR II. Es waren nach meiner Einschätzung ein Russe, ein Chinese und ein Deutscher. Alle sprachen begeistert von der Kamera.

Die Entkoppelung von decisive moment und street photography

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Im Marketing hat sich zumindest auf der Weltmesse Photokina beim Thema Streetfotografie etwas getan.

Der entscheidende Moment als Wesensmerkmal guter Strassenfotografie wurde komplett von der Streetphotography entkoppelt.

Früher wurde damit geworben, daß die Kamera schnell genug sei, um jeden Moment schnell genug einzufangen, damit kein entscheidender Moment bei der Streetfotografie verloren geht.

Das ist im Moment vorbei. Jetzt ist street photography alles auf der Straße und um die Straße herum.

Ich hatte auf der Photokina den Eindruck, es geht eigentlich nur noch um das Sehen einer Kamera einer Marke und das Wort Street Photography, weil dieses eben positiv besetzt ist so wie auf dem Foto – plakative Werbung.

Fotografieren im urbanen Raum ist aber nicht Streetfotografie, höchstens Streetsfotografie bzw. urbane Fotogafie.

Es geht eben nicht mehr um das soziale Leben auf der Straße mit dem entscheidenen Moment sondern um urbane Strukturen, also Straßen, Häuser und Dinge – manchmal auch Menschen.

Das ist keine Streetfotografie sondern der Versuch der Umwertung der Streetfotografie – vielleicht eine Ab-Art der Streetfotografie?

Aber weil es so auf der photokina zu sehen ist, wollte ich diese Randnotiz auch festhalten.

 

Neue Heimat Leipzig von Mahmoud Dabdoub

Dabdoub Leipzig

Dabdoub Leipzig

„Das Buch vom Heimischwerden eines Palästinensers in Leipzig beginnt mit einem Selbstporträt… Ich hatte den deutlichen Eindruck, daß Mahmoud sein Bildermachen als eine Art Lebenshilfe betrieb.“

Diese Worte aus der Einführung von Helfried Strauss geben sehr schön wieder welch ein Juwel der Lehmstedt-Verlag hier aufgelegt hat.

Mahmoud Dabdoub fotografierte in Leipzig auf der Straße Menschen und Situationen in den letzten Jahren der DDR. Mit dem Blick von heute dokumentiert er damit nicht nur den Zeitgeist vor Ort sondern auch den Wandel und seine Grenzen. Als Ausländer hatte er dabei den neugierigen und noch ungefilterten Blick auf die Sitten und Gebräuche der deutschen Lebensweise.

Das kommt sehr gut rüber. Gerade die klassische Strassenfotografie ist ein Indikator für den Zustand der Gesellschaft.

Verena Hein hat das einmal so beschrieben: „„Die Straße als öffentlicher Raum zeigt damit weit mehr als intime Porträts, sie steht als Chiffre für die Möglichkeiten individueller Entfaltung und Lebensgestaltung.“

Insofern sind die Fotografien und sein damaliger Blick ein Glücksfall der visuellen Dokumentation des Zeitgeistes einer untergegangenen Epoche, die aber bis heute noch sozial und strukturell sichtbar ist. Denn er dokumentierte deutsch sein und deutsch leben im Alltag des öffentlichen Raums der DDR.

Mit scharfer Beobachtungsgabe blickte er auf den Alltag.

Wo fotografiert man eigentlich den Zeitgeist in einer Stadt?

Eigentlich doch im öffentlichen Raum, also dort, wo man sich zeigt und gesehen wird und zwar unabhängig von sozialen Barrieren.

Das ist völlig anders als z.B. eine Clubszene oder Veranstaltungen zu fotografieren. Denn der öffentliche Raum ist der Teil der Gesellschaft, den jeder fast so betreten und sich zeigen kann, wie er/sie will. Daraus resultiert dann auch die sich ständig verändernde soziale Landschaft, die sich durch räumliche und zeitliche Abgrenzungen und Wiederholungen manifestiert.

Deshalb fotografiert man den Zeitgeist eben auch dort, wo die Menschen sich treffen, im Zentrum, in Parkanlagen, auf Bahnhöfen etc.

Umgekehrt haben wir kaum Fotos von Jobcentern oder Sportstadien, weil dort Fotoverbote und Privaträume vorherrschen mit anderen Regeln obwohl dort oft sozial wesentliche Entwicklungen ablaufen mit weitreichenden Auswirkungen.

Und so bietet das Buch im Wortsinn Straßenfotografie mit unglaublich vielen Momenten und Personen. Heute wäre dies ohne Model release in fast jedem Fall gar nicht mehr möglich, weil oft Einzelpersonen gezeigt werden, allerdings nie diskriminierend. So ändern sich die Zeiten auch für das Fotografieren.

Das Buch des Fotografen Mahmoud Dabdoub zeigt somit viel mehr als nur Momente. Es zeigt Menschen in der Stadt Leipzig an öffentlichen und öffentlich zugänglichen Orten bis zur Wende, gut sieben Jahre lang.

Wer heute nach Leipzig reist, findet in diesem Buch einen wunderbaren Reiseführer zur damaligen sozialen Landschaft in der Innenstadt. So ist dem Lehmstedt-Verlag und Herrn Dabdoub gelungen Geschichte mit Fotos zu schreiben über das Alltagsleben und die vorhandenen Freiheiten.

Großartig!

Es ist im Lehmstedt-Verlag erschienen – gut gebunden und gut gemacht.

Mahmoud Dabdoub

Neue Heimat Leipzig

Fotografien 1982–1989

Mit einem Vorwort von Helfried Strauß
Herausgegeben von Mathias Bertram und Mark Lehmstedt

144 Seiten mit 120 Duotone-Abbildungen

24x 27 cm, Festeinband, Schutzumschlag, Fadenheftung

ISBN 978-3-95797-028-2

 

 

Dokumentarfotografie – Soziale Kämpfe im Ruhrgebiet und im Bergischen Land zwischen 1987 und 2010

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Es hat knapp dreißig Jahre gedauert bis die Fotos von Michael Kerstgens über den Stahlarbeiterstreik in Duisburg-Rheinhausen 1987 als Buch erschienen sind. Dieses Buch wurde u.a. durch die Hans-Böckler-Stiftung gefördert. Es ist ein gutes Buch geworden und es erinnert mich an meine eigenen Erlebnisse.

Michael Kerstgens zeigt Fotos von 1987 bis 1993 als im Walzwerk in Hagen die letzte Schicht war und symbolisch das Ende des gesamten sozialen Konstruktes.

Und im Bergischen Land ging es dann weiter.

Aufruhrgebiet. Uproar Area von Michael Kerstgens

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1987 war der Krupp-Stahlarbeiterstreik in Duisburg-Rheinhausen. 2016 erscheint dazu ein Buch mit Fotografien von Michael Kerstgens. Das Buch ist wirklich gut und sehr authentisch.

Kuba 1959 von Burt Glinn

kuba1959

Wie sieht Revolution aus?

Der Weg der Armut

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Wenn du in dein Schicksal einwilligst wird es dich leiten…

So muß man sich das auch in der Fotografie vorstellen. Die Dinge geschehen und wenn du dann offen genug dafür bist sie zu sehen, dann hat das Schicksal dir die Chance gegeben selbstbestimmt diese Dinge anzunehmen und umzusetzen – auch in der Fotografie.

Dann entwickelt sich sogar Streetfotografie plötzlich zu einer stillen sozialdokumentarischen Fotografie.

So wurde die Serie Der Weg der Armut geboren.

Nur so.

Imperium Romanum Opus Extractum II von Alfred Seiland

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So groß wie das Römische Reich so groß wirken auch die Fotos von Alfred Seiland. Das Buch Imperium Romanum Opus Extractum II bietet Begegnungen von Menschen mit Überresten aus der Geschichte. Primär visuell mit sehr informativen Texten gekoppelt gelingt es dem Fotografen, Geschichte und Gegenwart fotografisch zu verschmelzen.

Homeland-Fotografie

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Was ist Homeland-Fotografie? – Ein Versuch

Um das im deutschen Wesen besser einordnen zu können, fange ich mit einigen Eingrenzungen an.

Heute ist das deutsche Wort oft ein englisches Wort. Manchmal sogar zu recht.

Ein Beispiel: Über Harry Gruyaert und sein Buch 2015 schreibt Francois Hebel: „In 1972, while living in London, Gruyaert created the striking seriesTV Shots by turning the dial on a television set at random and photographing the distorted images he saw there. A later series, Made in Belgium, portrays his ambivalent relationship with his homeland in a palette of saturated tones.“

Auf Deutsch fotografiert Herr Gruyaert sein zwiespältiges Verhältnis zu seinem Heimatland (homeland) mit gesättigten Farben.

Wenn ich über Heimat und Heimatland spreche, dann ist dies im deutschen Wesen total besetzt. Gibt es eine Trennung zwischen Heimat und Heimatland? Land ist eine regionale Begrenzung, während Heimat mehr ist oder sogar ohne Land sein kann?! Das habe ich noch nicht zu Ende gedacht.

Wenn ich über homeland spreche, dann ist dies nicht unbedingt nur das Heimatland sondern kann auch die „Örtlichkeit“ sein, in der ich mich zu hause fühle oder zu hause bin. Da ist für mich die Trennung von meinem Geburtsland drin. Man muß es eben exakt sagen.

Hinzu kommt, daß Heimatland in Deutschland immer politisch verknüpft wird, während mein Homeland, so wie bei den Amerikanern, alle paar Jahre woanders sein kann.

Und so kann Homeland-Fotografie eine Fotografie sein, die das Umfeld entdeckt, in dem ich bin und das ich so zeigen will, wie ich es sehe.

Homeland ist ein subjektives Wort, weil ich bestimme, welchen Raum und welche Region ich zu meinem entdeckenden Homeland erkläre.

Und ich trenne mich hier auch bewußt von der Übersetzung, weil für mich Homeland-Fotografie eben nicht deckungsgleich mit Heimat-Fotografie ist. Es hat eben primär nichts mit Staatsgrenzen zu tun sondern mit sozialen Strukturen oder Themen.

Damit wäre die regionale Eingrenzung weg. Kann ich meine Heimat mitnehmen in ein anderes Land wäre die umgekehrte Frage?

Natürlich kann man alle Wörter auch anders definieren.

Da die deutsche Wortinhaltsebene aber im englischen Sprachraum nicht gelten muß, sondern umgekehrt die englische Wortinhaltsebene auch im deutschen Sprachraum gelten kann, ist meine Argumentation eher logisch als unlogisch. Wenn Parallelwelten mit Inhalten vorhanden sind, muß man sich entscheiden, mit welcher inhaltlichen Bedeutung das Wort genutzt wird.

Mit der digitalen Kamera und Software als Werkzeug kann ich gestalten.

Dazu gehören

  • der Rahmen,
  • die inhaltliche Gestaltung mit Vordergrund und Hintergrund
  • das Malen mit Bokeh und Freistellung einerseits und digitalen Filtern andererseits

Wie sieht dies konkret aus?

Aktuell sehr bekannt ist das Buch Sagenhaftes Deutschland von Kilian Schönberger.

Seine Reise zu mythischen Orten bezieht sich auf Deutschland als Heimatland. Er fotografiert in Regionen, die im deutschen Sagenschatz zu finden sind. Um das Märchenhafte zum Ausdruck zu bringen, werden digitale Filter eingesetzt und so gelingen sehr starke beeindruckende Aufnahmen, die das ausdrücken sollen, was in den Erzählungen zu finden ist.

Dies geht auch kleiner und vor Ort mit der aktuellen Kameraausrüstung und einer Software, wenn man einen Kurztrip machen möchte. Ich habe dafür den Ort Wetter an der Ruhr gewählt und Fotos mit einem HDR-Filter so gestaltet, daß zum Ausdruck kommen soll, was dort wirkt.

Das ist der Vorteil digitaler Technologie.

Aber die Auseinandersetzung mit dem homeland kann auch anders sein.

Neben märchenhafter Anmutung können auch die kalten Folgen menschlichen Handelns zu sehen sein, die aus Konsum kleine Katastrophen für die Menschen machen, persönlich und sozial.

Dazu habe ich einige Serien im Wupperartmuseum, hier und hier und landschaftlich hier.

Oder es kann sich auch darum handeln Zusammenhänge zu zeigen, wenn asoziale Architektur auf Menschen wirkt und das Sein das Bewußtsein bestimmt.

Dies alles ist Homeland-Fotografie, es kann also Stadt, Land, Fluß sein. Ich und mein Umfeld sind der  Rahmen. Es muß nicht einmal immer örtlich im Sinne fixer Geografie sein, es könnte sich auch um z.B. Hotels handeln, wenn ich immer dort bin oder fahrbare Bungalow-Siedlungen, wenn diese mein Homeland sind. Wie viel davon im deutschen Sinne Heimat ist, ist eine ganz andere Frage.

Es ist aber ein Bereich, der sich auf mein Da-Sein bezieht.

Und es ist mehr als my home is my Castle (die Rechtschreibprüfung setzt einfach Castor ein…). Es fängt danach an, dort wo es sozial wird…- finde ich.

Text 1.1

 

Erich Grisar – Ruhrgebietsfotografien 1928-1933

erichgrisar

Es ist vielleicht eines der gehaltvollsten Fotobücher zur Dokumentarfotografie in Deutschland überhaupt. Der Dortmunder Schriftsteller und Fotograf Erich Grisar war fast vergessen und nun sieht man im Rückblick, daß es ohne ihn keine Blicke auf die soziale Vergangenheit des Ruhrgebietes in dieser Form geben würde. Was für ein Lob für einen leider Toten, der seine Lebenszeit bewußt und klar aufgezeichnet hat mit Kamera und Schreibmaschine! Und wie gut, daß seine Fotos aufbewahrt wurden!

Mittelalter Fotografie von Charlie Dombrow

mittelalter

„Wie geht ein Ritter in Rüstung zum Klo? Trug jedes Burgfräulein einen Keuschheitsgürtel? … Zum Glück haben sich die Zeiten gewandelt. Heutzutage kann man solche Fragen direkt jenen stellen, die die Antworten eigentlich wissen müssen. Beispielsweise einem echten Ritter, der sich auf einem Mittelalterfest gewiss auch mit der Entsorgung beschäftigen muß…  Das wiederbelebte Mittelalter ist ein wunderbares Thema für Fotografen. Entdecken Sie mit der Kamera eine abwechslungsreiche Szene, die Traditionen bewahrt und Historie lebt…“

Mit diesen Worten führt uns der Autor Charlie Dombrow in sein Buch über Mittelalter-Fotografie ein.

peripher von Andreas Tschersich

peripher

Es ist ein Buch nach meinem Geschmack.

Mitten aus der Wirklichkeit und mitten aus dem Leben hat Andreas Tschersich „Orte des Übergangs und Durchgangs“ fotografiert, also Stellen, an denen verschiedene Baustile, Funktionen und Ansichten im öffentlichen Raum aufeinandertreffen.