Michael Mahlke

Eine neue alte Dimension der Streetfotografie – the pictorial treatment of locality

Foto Mahlke

Ich las in dem Buch Unfamiliar Street Photography von Frau Bussard. Das Buch ist eher akademisch und für eine amerikanische Leserschaft gemacht aber lesenswert, leider nur auf Englisch.

Frau Bussard greift einen Artikel von Osborne Yellott auf, der als erster über Street Photography / Strassenfotografie um 1900 schrieb und dort zwei Betrachtungsweisen unterscheidet: die Örtlichkeit und das soziale Leben. Während z.B. Cartier-Bresson dann den entscheidenden Moment im sozialen Leben fand, ist die Örtlichkeit bisher nicht so als Betrachtungsweise in der Streetfotografie aufgetaucht. Das führt sie an Fotos von Richard Avedon, Charles Moore, Martha Rosler und Philip-Lorca Dicorcia dann aus. Ich finde ihre Schreibweise etwas schwierig aber die Gedankenführung an sich sehr aufschlußreich.

So waren die Kämpfe für Gleichbehandlung 1963 in Birmingham in den USA zu dieser Zeit an diese Örtlichkeit gebunden und die Fotos von Charles Moore auf der Straße an diesem Ort zeigten was geschah. Denn dort wurde der öffentliche Raum besetzt, um Gleichbehandlung auf sozialer Ebene durchzusetzen.

Das war Strassenfotografie, die zugleich politische Fotografie war und ohne die Straße gar nicht da gewesen wäre, weil es um die Besetzung der Straße als Ort für soziales Geschehen ging, „politicized streets“ in ihren Worten.

Bei Avedon ging es nicht direkt um Politik sondern um Mode, aber diese war direkt an die Straßen von Paris gebunden und wäre ohne diese Straßen so nicht umsetzbar gewesen.

So geht es weiter in dem Buch und diese Betrachtungsweise zeigt, daß Streetfotografie durchaus mehr sein kann als nur der entscheidende Moment einer sozialen Situation auf irgendeiner Strasse. Es kann genau so gut entscheidend sein, dass das Soziale nur an einer bestimmten Örtlichkeit entstehen kann, das dann zum Motiv wird.

Da Streetphotography zudem in New York geboren wurde und dann später in Paris wuchs, um später jede Stadt zu erobern, ist die Örtlichkeit als fotografisches Biotop wesentlich für viele Motive.

Die bildhafte Betrachtung eines Ortes ist ja auch mehr als die rein architektonische Aufnahme.

Was für Menschen gemacht ist, erfüllt erst in der Interaktion von Mensch und Örtlichkeit seinen Zweck. Und wer dies fotografiert, macht dann Strassenfotografien, die Form und Inhalt zusammenbringen können.

„Art is social in the first instance“ – Kunst ist zuerst immer sozial. Mit diesem Zitat von Rosalyn Deutsche fängt das Kapitel von Frau Bussard über Martha Rosler und ihren Spaziergängen in der Bowery an, einer verarmten Strasse in New York. Darin wird aufgeschlüsselt, daß Dokumentarfotografie und Streetfotografie sich immer überlappten und oft je nach Interessenlage und Mode tituliert wurden.

Zugleich zeigt Frau Rosler mit einigen ihrer Fotos, daß man eben nicht „echte“ Fotos, also ungestellte konkrete soziale Situationen, beliebig aus dem Zusammenhang reißen kann, um sie formal abstrahiert im Museum auszustellen.

Anders ausgedrückt, man kann es, aber es ist sozial völlig sinnlos, es sei denn es soll als reines Geldobjekt und nicht mehr als reales Foto genutzt werden.

Und was lerne ich daraus?

Ein gutes Foto hat eine echte Geschichte…

Zwischen solo und sozial – Mein Blick auf die Dokumentarfotografie

Blicke auf die Wirklichkeit Foto: Michael Mahlke

Natürlich stehe ich bei dem Thema Dokumentarfotografie mit meinem Eimer vor einem Ozean. Wenn ich daraus schöpfe, dann ist darin alles vorhanden und trotzdem nur sehr wenig drin im Eimer – pars pro toto..

Aber die Beschränkung ermöglicht erst den Blick und den Durchblick. Doch wahr ist auch, daß nicht jedes Foto Dokumentarfotografie ist. Jedes Foto könnte dokumentarisch bzw. dokumentierend im weiten Sinne sein als Beleg seiner selbst. Aber zur Dokumentarfotografie wird ein Foto erst, wenn es einen öffentlich relevanten sozialen Zusammenhang hat und öffentlich gemacht wird. Das kann auch regional oder sozial begrenzt sein.

Das kann man nun noch mehr unterscheiden und je mehr Wörter darüber verloren werden, desto mehr Unterscheidungen gibt es und je mehr das akademisiert wird, desto weniger versteht man davon dann noch.

Als Historiker habe ich versucht auf den Spuren derer zu gehen, die davon und damit gelebt haben. Von der Fotografie als Waffe bis zum fotografischen Erhalt dessen, was physisch einfach da war reichte der Bogen, um Veränderungen zu zeigen bei öffentlichen Themen und im öffentlichen Raum.

Besonders faszinierend ist dabei für mich die sog. soziale Landschaft, die Folge und Ursache von sozialem Auftritt ist.

Im Kern ging es mir immer um sozial relevante Themen. Armut ist ja nicht abstrakt sondern kann sehr gut vor Ort konkret auf der Straße gezeigt werden, wenn sie sichtbar wird im öffentlichen Raum. Geheimes Denken kann durch heimliche Darstellungen im öffentlichen Rahmen gezeigt werden etc.

Und am Beispiel der sozialen Symbolik in der Stadt Remscheid habe ich dies auch konkret in verschiedenen Artikeln aufgearbeitet.

Und die Auseinandersetzung mit dem Sozialen durch die Fotografie verändert dich und die Wahrnehmung von dir und dem Drumherum.

Dabei wird nichts einfacher aber manches eben sichtbar oder anders gesehen.

Und jetzt?

Jetzt bin ich sehr froh, alle diese Menschen visuell und textuell getroffen zu haben und mich mit ihnen auseinandergesetzt zu haben. Das bringt mir persönlich viel, aber hat mir auch gezeigt, wo die Grenzen sind.

Wenn ich über die Vergessenen schreibe und dieses Thema fotografiere, dann dokumentiere ich etwas, das vergessen ist und bleibt, so meine Erfahrung, wenn ich von meinen digitalen Orten der öffentlichen Darstellung einmal absehe.

Es ist kein Thema für Geld und Aufträge. Das will niemand kaufen und dafür gibt es auch kein Geld über Projekte. Auch darüber habe ich geschrieben.

Jedes bisher geschriebene Wort könnte ich auf einen eigenen Text verlinken.

Damit ist es bei google eher sichtbar und wird sogar für die wikipedia immer wieder gebraucht.

Dokumentarfotografie ist aber mehr.

Wenn ich den Bereich der Vergessenen verlasse und sie in Richtung darstellende Fotografie ändere, dann ist alles möglich – auch das Geldverdienen.

Das ist aber jenseits der Reportage sozialer Not und schlechter Ereignisse. Diese Themen dürfen sowieso nur noch in wenigen Ländern fotografiert werden ohne dass man verhaftet wird. Und welche Relevanz haben sie denn?

Insofern wird es nicht gefördert und kleingehalten.

Aber das stört kaum jemand, weil die Welt ja eigentlich lieber über die Gewinner spricht und die Vergessenen vielfach auch am liebsten dazu gehören würden und sich selbst mental verdrängen. Sie wollen sich als Vergessene nicht zeigen sondern lieber vergessen werden statt sich zu zeigen, um Aufmerksamkeit und Veränderungen einzufordern. Dagegen wollen sich Gewinner zeigen und gesehen werden.

Das ist natürlich etwas pauschal aber stimmt meistens.

Die Welt hat zumindest mir deutlich gemacht, daß die Hoffnung auf ein besseres Morgen so nicht stimmt, weil die Machtverhältnisse sich nicht wirklich ändern und dies allein auch kein hinreichendes Kriterium für Verbesserungen wäre.

Und wenn man nur irgendwie die Chance hat dabei zu sein und anerkannt zu werden im Kreis einer sozialen Gruppe, dann ist dies oft der Zustand, der auf dieser Welt am ehesten erstrebenswert zu sein scheint, weil es keine echte Alternative dazu im Leben gibt.

Welchen Sinn hat es recht zu haben, wenn die Menschen nicht auf dich hören oder hören können oder andere Interessen haben? Was macht man dann?

Man kann sich zurückziehen und einsam sein oder man schaut nicht so genau hin und akzeptiert die Welt, die man nicht ändern kann. Einzig und allein dann die eigene Grenze so in Worte zu fassen wie hier und dies dann entweder im Tagebuch oder in einem öffentlichen Blog zu zeigen bleibt als Möglichkeit, ist aber ohne Relevanz.

Denn sobald du deinen Geist verläßt und dich dem sozialen Leben zuwendest, kannst du mit diesem Denken nicht bestehen, sondern mußt die Gesetze des Miteinanders annehmen.

Das ist die Wirklichkeit, die mir durch das Fotografieren immer wieder bewußt wurde. Das war der Weg von mir zwischen solo und sozial.

Und damit dieser erhellende Moment für mich auch für andere, die sich davon angesprochen fühlen, nicht verloren geht, habe ich es hier aufgeschrieben, weil ich dies nun nicht in ein Foto stecken konnte.

Selbst Fotos haben Grenzen, die nur durch Worte überschritten werden können.

Und deshalb publiziere ich dies hier auch von Angesicht zu Angesicht, von mir zu Dir!

Aber diese Worte waren mir erst knapp sechs Monate nach dem Ende des Bloggens an dieser Stelle möglich.

Die Zeit spielt also mit.

Deshalb erst heute – oder besser schon heute?

Das alles könnte man übrigens auch dokumentieren – mit neuen Fotos …

Neue Zeit für neue Fotografie und neue Fotos?

 

Visual History oder Geschichte schreiben mit Bildern durch Fotografie

Mein Thema waren und sind die Vergessenen. Über die wollte ich immer schreiben, weil ich es als ungerecht empfand, daß in den Geschichtsbüchern immer die Mächtigen stehen und diese auch den Unterricht bestimmen – sogar nach ihrem Tod.

Ich wollte dazu beitragen, daß die kleinen Leute mit ihren Kämpfen und ihrem Leben nicht vergessen werden (wie ich selbst), damit sie irgendwann in der Gegenwart mit ihren Themen dominieren können.

Und so schrieb ich erst Bücher und versuchte später mit Fotografien und Dokumentarfotografie gegen das Vergessen und für Verbesserungen zu schreiben.

Die Rückkehr der Armut wurde ab der Agenda 2010 zu meinem Thema und die neue Völkerwanderung mit ihrer Bedrohung kam hinzu.

Das findet man einerseits bei bergischer.bildermonat.de und andererseits bei zeitgeist.bergischdigital.de. Im größeren Rahmen ist dies auf dokumentarfotografie.Info zu finden.

Ich konnte die visuelle Geschichtsschreibung umsetzen, die die Auswirkungen der politischen Entscheidungen auf die Menschen im öffentlichen Raum zeigt und das soziale Geschehen festhält – klassische Dokumentarfotografie eben.

Aber mehr war nicht drin und ist wohl auch mit Bildern in diesem Rahmen nicht möglich, zumal meine Mikrowelt Remscheid und drumherum war.

Ich sah, wie große Medien weiterhin das Denken und Handeln dominieren. Ich analysierte diese Kraft der Bilder.

Mein Wissen brachte mir Erkenntnisse wie: Sozialer Wechsel wird ersetzt durch einen Bilderwechsel.

Ich habe verstanden.

Es sind die Mächtigen, die bestimmen und die bestimmen auch, was vergessen und übersehen wird.

Und selbstverliebt wird von der herrschenden politischen Klasse fast alles ausgeblendet, was zwar da ist, aber nicht in ihre Interessen passt. Die Interessen sind bestimmt vom eigenen Ego und denen, die sie führen und bezahlen, wenn auch oft indirekt.

Es ist so, daß Politiker regieren und die Mächtigen herrschen. Nur in den USA erleben wir gerade, wie Einer aus der Gruppe der Herrschenden gerade versucht als Politiker auch zu regieren. Das ist was besonderes im aktuellen Zeitgeschehen.

Und so habe ich immer gegen das Vergessen gekämpft und gehofft, visual history in digitalen Zeiten würde auch Bewußtsein schaffen, das im Handeln mündet.

Aber das geht nicht, weil der Aufstieg des kleinen Mannes das Beamtentum ist und damit sofort wieder die bestehenden Verhältnisse stabilisiert werden.

Der Sklave möchte eben Aufseher der Sklaven werden statt die Sklaverei abzuschaffen, wie Gabriel Laub einmal bemerkte.

Wie wahr!

Nun gut, zumindest ist die Wirklichkeit, die ich eingefangen habe, da. Aber es gehört auch zur Wirklichkeit, daß die meisten Menschen so mit ihrer eigenen persönlichen Wirklichkeit beschäftigt sind, daß sie die sozialen Strukturen und Verhältnisse dahinter gar nicht sehen wollen oder können, geschweige denn dagegen angehen wollen.

Anders ausgedrückt und viel besser ausgedrückt hat es Karl Marx: das Sein bestimmt das Bewußtsein.

Und die Welt der Bilder heute stabilisiert den fehlenden Durchblick.

Das System mit seiner repressiven Toleranz ist stärker und die Mehrheit darin will es so behalten.

Für mich ist es bitter, daß meine Kraft nicht ausgereicht hat, um für die Vergessenen, zu denen ich mich auch zähle, mehr zu tun und meine Opferbereitschaft hat vor allem aus mir selbst ein Opfer gemacht, wie ich reflektierend erkennen mußte.

Die Anerkennung der Realität ist die Grundlage für alles, eine Französische Revolution ist nicht in Sicht (auch nicht unbedingt gewünscht), eher eine Art Merkeltilismus als Symbiose von Mächtigen und Regierenden in der repressiven Demokratie, die die soziale Sicherheit als Grundpfeiler demokratischen Handelns mit sozialer Unterwerfung und Kontrolle verknüpft hat (Hartz4) – gegen das geltende Grundgesetz.

Demokratie und Wohlstand sind eine Ehe eingegangen, bei der für den Wohlstand die Demokratie geopfert werden könnte.

Wer weiß ob die Mächtigen dies später in ihren Geschichtsbüchern auch so beschreiben.

Wer weiß, ob Europa Gestalter oder Opfer wird.

So viele Fragen, so großes Denken, so wenig Chancen.

So ist die Welt.

Ich nehme nun die Welt an wie sie ist und wende mich Albert Camus zu:

„Das Elend hinderte mich, zu glauben, daß alles unter der Sonne und in der Geschichte gut sei; die Sonne lehrte mich, daß die Geschichte nicht alles ist. Das Leben ändern, ja, nicht aber die Welt, die ich zu meiner Gottheit machte.“

Die Vergessenen und die vergessene Fotografie

Foto Mahlke – AFD und Die LInke zum Thema Armut

Der Buchautor Édouard Louis schrieb auf spiegel.de über seine Kindheitserlebnisse:

„Marine Le Pen sei die einzige, die von uns, von „den kleinen Leuten“ spräche, erklärten sie und machten sich auf ins Wahllokal. Alle anderen Kandidaten würden uns ignorieren.

Das Gefühl der Unsichtbarkeit war das zentrale Element unseres Lebens, war allgegenwärtig und eine Obsession. Kein Tag verging, an dem meine Mutter nicht sagte: „Für uns, die kleinen Leute, interessiert sich niemand. Schon gar nicht die großen Tiere.“ Wenn sie Politiker im Fernsehen sah, schimpfte sie: „Die sind doch alle gleich! Die denken doch nur an sich.

Meine Eltern fühlten sich von der Linken verraten. War die Verteidigung der Schwachen in der Gesellschaft nicht deren Sache gewesen? „Aber heute sind sie alle gleich, links wie rechts“, kommentierten sie, was sie als unnormal empfanden. In diesem „aber“ steckte ihre ganze Enttäuschung und das Gefühl der Verlassenheit, das an ihnen nagte.

Worte wie Hunger, Elend, Ungleichheit, Leiden, Schmerz, Erschöpfung kamen in den Erklärungen der Linken tatsächlich nicht mehr vor. …Kurz nach meinem zwanzigsten Geburtstag schickte ich das Manuskript meines ersten Romans an einen großen Pariser Verlag. In Das Ende von Eddy beschrieb ich jene Welt meiner Kindheit, die Armut und die Ausgrenzung, die ich erlebt hatte. Schon nach gut zwei Wochen erhielt ich Antwort: Sie könnten den Roman nicht veröffentlichen, teilte man mir mit. Das Elend, von dem ich berichtete, hätten wir vor hundert Jahren hinter uns gelassen, die Leser würden nicht glauben, was ich erzählte. Ein solches Buch kaufe keiner, hieß es.“

Dieses Erlebnis habe ich bis heute.

Die Welt aus der ich komme und die ich immer noch erlebe, kommt um mich herum überhaupt nicht vor in der öffentlichen Diskussion.

Und die wachsende Anzahl der Vergessenen trifft nun die Schutzsuchenden, die hier sofort leben können wie Einheimische ohne jemals etwas geleistet zu haben oder leisten zu müssen und mancher fragt sich, welchen Wert noch Staat, Fleiß und Grundgesetz haben.

Denn wer für seine Familie als schutzsuchende Asylanten sofort rechnerisch monatlich über 4000 Euro netto erhält (selbst wenn nicht alles bar ausgezahlt wird), welchen Ansporn sollte der haben, hier arbeitend mitzumachen?

Echte Sanktionen gibt es nicht, Ausweisung gibt es nicht, Bedingungen für das Bleiben gibt es nicht – aber viel Geld und lebenslange Leistungen, die Inländern bei Arbeitslosigkeit erst nach der Anwendung der Verarmungsregel von Hartz 4 zustehen.

Migrationsforscher warnen fast verzweifelnd vor den Folgen und fragen sich, wo man hier ist. Akzeptanz bedeutet nämlich, daß die aufnehmende Bevölkerung dies annimmt und nicht ablehnt. Dazu würde aber gehören Migranten und Asylanten rechtlich anders zu stellen so daß z.B. Migranten und Asylanten mehr Steuern zahlen müssen und weniger Sozialleistungen erhalten als die, die hier geboren sind und hier gearbeitet haben (wie das in klassischen Einwanderungsländern auch ist und dort auch für Asylberechtigte gilt und übrigens das Erlernen der Sprache zwingende Voraussetzung für das Bleiberecht ist und es dafür nix gibt statt nur Abzüge).

Das geht ohne Probleme, denn es sind zwei paar Schuhe. Man muß sich verdienen dabei sein zu dürfen und nicht erst einmal alles ohne Arbeit erhalten auf Kosten der Einheimischen, denen man seit Jahren immer mehr wegnimmt. Das bedeutet Akzeptanz.

Einfach zu regeln wäre dies mit einer Basissicherung für Asylsuchende, die nach erfolgreicher Integration länger gewährt wird und in den Arbeitsmarkt führen muß und einer echten höheren Grundsicherung (die mehr als das Existenzminimum abdeckt) für arbeitslose Inländer, also Menschen, die hier gearbeitet haben, die je nach Anzahl der sozialversichert gearbeiteten Jahre aufgestockt wird und Erspartes nicht anrechnet und bei der Rente mitzählt. So einfach geht das Grundgesetz und so einfach baut man Hass ab.

Aber es ist wohl politisch anders gewollt: Hartz4 stabilisiert die wachsende Ungerechtigkeit und die vorhandenen Machtverhältnisse, weil das Volk mehr kontrolliert wird als in der DDR und natürlich bei den Nazis.

Man vergaß wohl bewußt die, die diese Gesellschaft tragen oder vor der Arbeitslosigkeit getragen haben.

Stattdessen wird über die berichtet, die sich tragen lassen und es wird mit viel Geld alles getan, um ja keine Debatte über die zu führen, die dies alles tragen und ertragen.

Dabei müßten die, die hier gearbeitet haben, belohnt werden und nicht bestraft werden.

Insofern handelt es sich um bewußt „vergessene“ Fotografie, die nicht zeigt, was bei vielen Millionen von Staatsbürgern hier real an sozialer Armut durch materielle Armut vorherrscht.

Die in Deutschland aus sicheren EU-Ländern angekommenen Asylanten wurden und werden hier aber gerne fotografiert und exponiert ausgestellt, die vergessenen Inländer werden so gut wie nie fotografiert. Die betteln dafür u.a. in der Elberfelder City.

Und sie werden z.T. sogar beschimpft, wenn sie nun die wählen, die sie als Einzige ansprechen und ihnen Hoffnung geben.

Was für eine Zeit!

Projekt beendet oder warum es Sinn macht, etwas Neues anzufangen

Dieser Blog mit Namen Streetlens.de bzw. dokumentarfotografie.info ist wie Frontlens.de und Artlens.de ein Teil von Fotomonat.de.

Fotomonat ist als Projekt in der Deutschen Nationalbibliothek gespeichert, weil ich knapp zehn Jahre

  • die mediale
  • und universitäre
  • und reale Debatte und Umsetzung

des Themas Dokumentarfotografie

  • in neuen Medien
  • und in Fotobüchern
  • mit meinem Blick

aktuell bearbeitet habe und zugleich dies alles in die historischen Entwicklungen eingebettet habe, die ich wiederum oft erstmals aus dem englischen Sprachraum in die deutsche Welt holte.

Hinzu kamen daraus abgeleitet oder als Teil davon eigene Projekte als Historiker, Sozialwissenschaftler, Publizist und Fotograf.

Aber die digitale Welt ist anders.

Der ursprüngliche Sinn des Internets war u.a. die Verlinkung auf Texte an anderen Stellen, um gemeinsam Wissen zu erweitern. Und so habe ich viel verlinkt und merkte eines Tages, daß die Verlinkungen verschwunden sind. Daraufhin zitierte ich wesentlich mehr aus den verlinkten Texten, damit wenigstens etwas erhalten bleibt.

Das war gut so, weil meine Blogs hier insgesamt ein unerreichtes Wissen um die Dokumentarfotografie in deutscher Sprache in diesem zeitlichen und aktuellen Zusammenhang zeigen und ich glaube, es gibt so gut wie nichts Vergleichbares für diesen Rahmen.

Aber wie das so ist.

Immer mehr Verlinkungen verschwinden oder werden sogar umgelenkt auf kommerzielle andere Inhalte. Das geschieht dann wohl bewußt und ist link.

Das kann ich gar nicht nacharbeiten und würde auch die authentische Struktur meiner Artikel und der damaligen Wissensbasis zerstören. Es gibt ja kein neues und besseres Wissen zu vielen meiner Themen sondern nur neue Themen.

Daher halte ich es für sinnvoll, wenn ich diese Blogs in dieser Form beende und als Dokumentation von Themen und der Jahre von 2007 bis 2017 zum Thema Dokumentarfotografie nutze.

Denn es beginnt real und digital eine neue Zeit.

Die Geografie der Armut gibt es aktuell nur in Amerika

Während in Deutschland die unteren Schichten gerade aus der fotografischen medialen Öffentlichkeit verschwinden, tauchen sie in den USA zunehmend auf.

Offenbar hat der Sender MSNBC den Fotografen Matt Black unterstützt und so eine fotografische Landkarte der Armut in den USA erstellt.

Das Ganze ist als Webseite des Fotografen zu sehen und als Webseite mit Photos and Words, also Texten, bei msnbc.

Interessant ist dabei, daß die Instagram-Fotos des Fotografen offenbar nicht ausreichen für die Kombination aus Texten mit Fotos. Das spricht für Ansprüche über das digitale Quadrat hinaus.

Matt Black fing 2013 mit einem instagram-feed über seine Heimatregion an und reiste 2015 drei Monate zu den Regionen mit den meisten Armen (in Kooperation mit msnbc?).

Das führte zu einer Ausstellung und einigem mehr und erinnert an ein anderes Projekt.

Auf zeit.de ist nun auch eine Fotostrecke zu sehen.

Es lohnt sich also darüber nachzudenken.

Es handelt sich um ein privatwirtschaftlich finanziertes Projekt.

Würde zeit.de dies auch zeigen, wenn es sich um Deutschland handeln würde? – Vielleicht!

Stellen Sie sich doch mal vor, wir würden in Deutschland nun eine Landkarte der Armut erstellen und Fotografen würden die Städte und Dörfer besuchen, die die höchste Armutsquote haben wie Remscheid, Wuppertal etc. und dann systematisch dies mit entsprechenden Fotos zeigen, ähnlich wie in den USA.

Können Sie sich vorstellen, dies würde hier dann auch noch in diesem Jahr gezeigt?

Da käme ja die Frage auf, wer ist schuld daran, weil es ja von der Politik gemacht wurde durch Gesetze für Armut und für Reiche.

Lassen Sie einfach mal ihre Gedanken kreisen …

Doch neben dieser politischen Frage möchte ich auch noch ein fotografisches Thema erörtern.

Die Geography of poverty ist komplett digital. Es gibt außer einer kleinen Broschüre zu einer Ausstellung nur digitale Fotos. Die Fotos, die auf instagram publiziert wurden, sind damit ja auch nicht mehr verkaufbar und die Fotos darüber hinaus haben wahrscheinlich den Einsatz des Fotografen bezahlt und die Wörter der schreibenden Journalistin.

Während man bei uns im Rahmen öffentlicher Förderung sogar gezwungen wird von digitalen Fotos Papierabzüge zu erstellen, weil die Gremien nicht bereit sind, die digitalen Fotos zu akzeptieren(!), werden woanders selbstverständlich rein digitale Projekte gefördert – aber offenbar privat finanziert.

Das aber nur am Rande.

Interessanter finde ich den Vergleich zwischen der Webseite des Fotografen und der Reportage auf msnbc. Da wirken die Fotos allein auf mich ziemlich verloren.

Ich finde man sieht hier sehr gut, wie wichtig Texte zu den Fotos sind, damit sie wirklich aussagekräftig werden. Denn die Fotos allein sagen wenig aus. Sie könnten fast überall und nirgends sein. Insofern ist der Text auch hier wesentlicher Bestandteil eines Fotos, das eine gute Aussage haben soll, wenn es um sozialokumentarische Fragen geht. Das bestätigt den Ansatz von Henri Cartier-Bresson für den die Textunterschriften seiner Fotos wesentlicher Bestandteil der Fotos an sich waren.

Hinzu kommt, dass die Fotos mit ihrer detailverschluckenden Schwarzeissanmutung eben nicht ermöglichen, Details zu entdecken, die Ort, Zeit und Umstände der Aufnahme deutlich machen.

In der Kombination der Fotos mit der multimedialen Aufbereitung durch gute Texte und eine interaktive Landkarte entsteht dann eine beeindruckend gute journalistische Dokumentation, die einem guten Buch gleichwertig ist aber eben digital-interaktiv. Das ist nicht besser sondern anders.

Abschließend fehlt hier noch eine soziale Einordnung. Alles dies war vor dem Wahlsieg von Donald Trump bekannt und ausgestellt und genau diese Menschen haben ihre Hoffnung auf Herrn Trump gesetzt. Darüber lohnt es sich auch einmal nachzudenken, denn die Dokumentation dieser Landkarte der Armut ist ja auch eine Dokumentation der vorherigen Politik

Industrielle Zone von Dolf Toussaint

Dolf Toussaint

Der Anfang ist das Ende.

Als Dolf Toussaint 1983 die sterbenden Industriegebiete in Nordfrankreich, Südost Belgien und im Ruhrgebiet fotografierte, zeigte er die damalige Alltagskultur ungeschminkt und im Zusammenhang. Er hatte offenbar Weitblick und sah, was geschehen würde. Ein guter Essay von  Martin Schouten rundet das Buch ab.

Ob es Zufall ist, daß genau in diesen Regionen heute vielfach massive soziale Verwerfungen und Probleme dominieren und dort viele ohne Hoffnung ausharren und beginnen sich zu empören?

Im Buch wird zwischen den drei Industriegebieten nicht getrennt und deshalb weiß man auch nie, wo man ist.

Dies zeigt wie die Funktionalität der Industriegesellschaft länderübergreifend normiert – Menschen, Häuser, Fabriken, Strassen etc..

Nur dann werden Unterschiede deutlich, wenn der Fotograf es bewußt zeigen wollte, indem er Zeitungen, Plakate oder Aushänge mit in das jeweilige Foto integrierte.

Ein vergessenes Buch dokumentiert eine fast vergessene Zeit, die so lange noch nicht vorbei ist.

Bemerkenswerterweise habe ich auch fast zehn Jahre gebraucht, um auf dieses Buch zu stoßen, und dies auch nur, weil ich mich mit niederländischer Fotografie beschäftigt habe.

Es ist eben so, daß sozialdokumentarische Fotografie mit Weitblick und konkretem Blick keinen Blick wert zu sein scheint – außer bei mir hier und an wenigen anderen Stellen.

Ich habe mich in den letzten zehn Jahren in diesem Zusammenhang mit allen Fragen beschäftigt, die mir fotografisch wichtig waren.

  • Ich wollte wissen, welche Menschen früher engagiert fotografiert haben, weil sie damit auch gegen das Asoziale angehen wollten.
  • Ich wollte wissen, was passiert ist mit den vielen engagierten Menschen und ihren Fotobüchern.
  • Ich wollte „richtig“ fotografieren lernen und erlernte dies mit der klassischen visuellen Grammatik und fotografischen Vorbildern.

Aber: Die Ära, die ich meine, ist vorbei.

In gewisser Weise habe ich hier noch einmal das aufgearbeitet, was sozial und fotografisch vor meiner Zeit und während meiner Zeit in der Dokumentarfotografie an Entwicklungen ablief, ohne daß ich es bewußt wahrgenommen habe. Erst mit dem neuen Sehen war ich in der Lage, dies alles zu erfassen und systematisch darzustellen. Die Webseite hatte dann durch die Wechselwirkung zwischen Fotografie in Theorie und Praxis eine Dynamik, die sich im Tun entwickelte.  Einzigartig!

So ist diese Webseite mehr und wird wohl auch Grundlage für ein neues Buch sein können.

Ich habe in diesem Prozess die fotografische Philosophie von Henri Cartier-Bresson und anderen in die digitale Zeit geholt und mit dem Handbuch zur Fineart-Streetfotografie eine gute Anleitung für klassisch-gute Fotografie für uns heute nutzbar gemacht.

Und immer sind es eigene Fotos, die zu sehen sind.

Weil ich selbst ein Kind der Industriezeit bin, ist es auch richtig, wenn der Schwerpunkt auf dem lag, was ich selbst erlebt habe und was meine Interessen prägte.

Gerade die Eingrenzung ermöglichte die intensive Beschäftigung mit dem Themenfeld der Dokumentarfotografie und zeigt hier Zusammenhänge, die sonst nirgendwo zu finden sind.

Da ich kein Netzwerker war, habe ich dafür weder Förderung noch Hilfe bekommen und bin auch nicht in die DGPH aufgenommen worden wegen besonderer Verdienste um die Fotografie. Dafür hat diese isolierte Arbeitsweise eine unglaublich vertiefte Auseinandersetzung mit der Dokumentarfotografie ermöglicht bis zur Schilderung von Zusammenhängen, die die eingetrichterten Bilder aus dem Kopf holen und die Mechanismen der Manipulaton durch Bilder offenlegen. So kann man aus der Matrix aussteigen und mit befreitem Blick sehen – fotografisch und persönlich!

So ist es!

Ich bin diesen Weg gegangen und habe mich solange mit der Dokumentarfotografie auseinandergesetzt, bis ich kaum noch Neues fand. Das ist der Punkt an dem eine Veränderung angesagt ist.

Mein Rahmen steht.

Ausgestattet mit selbst erarbeiteten theoretischen und praktischen Instrumenten sehe ich anders und denke in Zusammenhängen, die ich früher nicht gesehen habe.

Ich habe fotografisch und sozial neu sehen gelernt und mein Horizont hat sich erweitert.

Daher ist dies für mich der Anlaß, mich bei der Vorstellung des Buches von Dolf Toussaint von hier zu verabschieden.

Denn eigentlich fing mit der Zeit, die er so klar und europäisch sah, alles an, was mein weiteres Leben hier prägte.

Es war mein Leben in einer Welt voller Industrie von der Blüte bis zum Zerfall – und dies alles in nur 30 Jahren von ca. 1980 bis 2010!

Das ist historisch interessant und sozial sehr ernüchternd.

Aber so war es und so ist es.

(Unter dem Gesichtspunkt der abgerissenen Industriekultur möchte ich an dieser Stelle auf den Duisburger Christian Brünig aufmerksam machen, der offenkundig mit viel Engagement weit über das Ruhrgebiet hinaus gut mit Fotos dokumentiert hat. So erhält man eine Vorstellung von den Strukturen, die verschwunden sind. Zusätzlich ist die Linksammlung auf lipinski.de gut nutzbar sowie die Verlinkungen im Pixelprojekt-Ruhrgebiet, das allerdings regional sehr eingeschränkt ist.)

Die sozialen Folgen davon sind fotografisch ein anderes Thema.

Damit sind auch die Möglichkeiten der dokumentarischen Fotografie aufgezeigt: sie kann dokumentieren und den Dingen und sozialen Situationen eine Chance geben, nicht vergessen und wieder gesehen zu werden.

Das ist wie Geschichtsschreibung im besten Sinne.

Und ich kann sagen, ich bin dabei gewesen und wurde zu einem Spezialisten für dokumentarische Fotografie und visuelle Geschichtsschreibung.

Damit nicht genug konnte ich visuell und mit Texten die Zeit dokumentieren, in der ich dabei war. So war es mir möglich, öffentlich und privat Gesehenes und Geschehenes real und mental aufzuarbeiten.

Wer weiß wozu es gut ist!

Alles Gute

Fancy Pictures von Mark Neville

Es gibt Bücher, die kann man nicht kaufen.

In dem Buch Fancy Pictures aus dem Steidl Verlag sind einige fotografische Projekte von Mark Neville, die man nicht kaufen konnte, endlich zu einem kaufbaren Buch vereint.

In England sind die Unterschiede zwischen arm und reich unendlich groß und man spürt dies und sieht dies. Und trotzdem gab und gibt es dort Projekte, die in Deutschland undenkbar sind – seltsamerweise.

Mark Neville ist so ein Fotograf, der solche Projekte umsetzt. Er schildert in dem Buch in sehr guten Interviews, wie er sich auf sein erstes Projekt bewarb und daraus eine Dokumentation des von ihm gesehenen sozialen Lebens in einer kleinen Stadt machte. Dann druckte er ein Buch mit seinen Fotos und verschenkte es an die Bewohner des Ortes.

Dies alles ist in dem Buch Fancy Pictures dokumentiert und dargestellt. Damit fängt ein Buch an, das unglaublich viel zu zeigen hat.

Es ist in englischer Sprache.

Fancy Pictures sind ironische Bilder mit Blicken auf die Gesellschaft. Das spielt auf englische Malereien im 18. Jhrdt. an, wie wir dem Buch entnehmen können.

Mark Neville erhielt offenkundig nach seiner ersten Arbeit immer wieder Einladungen für neue Projekte. So dokumentierte er das Leben in einer abgelegenen ländlichen Community mit herzoglichem Hintergrund oder Menschen, deren Leben von einem genetischen Defekt bestimmt war, der auf die Umgebung zurückzuführen war, oder eben auch die soziale Landschaft in London – vor allem den Gegensatz von arm und reich in der Serie „Here is London“.

Es ist ein Buch, das nicht im Buchregal stehenbleibt sondern aufgeschlagen wird, weil es zeigt, daß sozialdokumentarische Fotografie auch heute möglich ist aber kein kommerzieller Erfolg dabei vorprogrammiert ist.

Mark Neville versteht sich als Künstler, der Fotografie und Film in sozialen Zusammenhängen einsetzt und damit seine Projekte umsetzt.

Begrifflichkeiten sind in meinen Augen heute eher eine Sache des Datums. Zumindest sind einige Fotos und Serien mittlerweile als Kunsprojekte von ihm auch verkauft worden aber letztlich ist alles zunächst privat gefördert oder mit öffentlichen Mitteln fotografiert worden.

Es sind soziale Landschaften, die er hier zeigt und die ohne seine Fotos nie zu sehen gewesen wären.

England ist ein Land voller Gegensätze. Der Gegensatz zwischen reich und arm ist groß und dennoch war und ist die Öffentlichkeit und die Gesellschaft bereit, Fotografen/Künstler dafür zu bezahlen, soziale Widersprüche und Gegensätze zu dokumentieren.

Das ist in Deutschland so aktuell wohl nicht möglich. Aber das ist eben auch ein Zeichen für das gebrochene Verhältnis zur Freiheit und freien Meinungsäußerung, die in Deutschland nur frei ist, wenn sie nichts transzendiert – obwohl genau darin die Freiheit liegen würde, auch die fotografische Freiheit.

Und so hat der Steidl-Verlag hier ein ganz großartiges Werk publiziert, das gar nicht richtig in Worte gefaßt werden kann, weil es einfach viel mehr ist als mit Worten gesagt werden kann.

Fancy Pictures aus dem Steidl-Verlag ist ein ganz besonders gutes Buch voller Dokumentarfotografie und guter Geschichten.

ISBN 978-3-86930-908-8

Magnum Photobook by Fred Ritchin und Carole Naggar

70 Jahre Magnum von 1947 bis 2017 sind Anlaß für dieses Buch.

Jeder aus der fotografischen Welt kennt die Fotoagentur Magnum, aber nicht jeder weiß, wie viele Fotobücher von ihren Mitgliedern produziert und publiziert wurden.

Umso mehr lohnt sich der Blick in dieses Buch.  Auf einer oder mehreren Doppelseiten werden jeweils Bücher vorgestellt, die sich aus mancher Reportage ergaben oder jenseits der aktuellen Reportagen entstanden sind.

Auch in der Zusammenfassung sieht man beeindruckende Fotos, die oft dazu anregen, sich das eine oder andere Fotobuch doch noch einmal näher anzuschauen.

Es sind aber nicht nur die großen Bücher.

So findet sich auch ein Stern Taschenbuch von Thomas Hoepker und Eva Windmöller darin mit dem Titel Leben in der DDR.

Jede Doppelseite entführt uns in eine andere Welt und in die Perspektive des jeweiligen Fotografen bzw. der jeweiligen Fotografin.

Es ist ein Buch voller Bücher, das zum Stöbern und Entdecken einlädt.

Es ist meiner Meinung nach aber mehr als Magnum, weil hier nicht in erster Linie die Aspekte der Agentur gezeigt werden, sondern Fotobücher, die Themen aus der Sicht des jeweiligen Fotografen/Fotografin darstellen.

Das Buch gibt es nur auf Englisch aber man kommt auch so sehr gut damit zurecht, weil es eben um Fotos geht.

Das Buch ist nicht die erste Wahl, wenn es um die Fotoagentur Magnum geht, sondern wenn man mehr über die Mitglieder wissen will und das, was sie besonders zeigen wollten in einem Fotobuch.

Da ist es erste Wahl.

 

Wie Bilder Dokumente wurden. Zur Genealogie dokumentarischer Darstellungspraktiken von Renate Wöhrer (Hg)

Was ist Dokumentarfotografie? Wo wenn nicht hier muß diese Frage beantwortet werden.

Und die Antwort wurde erforscht und in einem Buch publiziert.

Die Herausgeberin Renate Wöhrer weist darauf hin, daß rückblickend bis in die 20er Jahre des 20. Jhrdts. eigentlich alle Fotografien als Dokumente galten.

Im englischen Sprachraum gab es record photography, im deutschen Sprachraum die Aufnahme. Das drückte eine Nähe zum Dokumentcharakter aus.

John Grierson nutzte das Wort dokumentarisch erstmals bei einer Filmkritik und seitdem war es in der Welt. „Erst die bewusste filmische Gestaltung und argumentative Struktur des aufgezeichneten Materials bezeichnete er als dokumentarisch“, so Wöhrer.

Das Wort wurde in den 30er Jahren populär, so wie später Streetfotografie oder heute Selfies.

„Welcher Umschlag geschah zwischen record photography und documentary photography, zwischen Aufnahme und Dokumentarfotografie? Auf welche Faktoren ist die Popularität der Bezeichnung dokumentarisch zurückzuführen?“

Das sind Fragen, die sich Wöhrer stellt.

Das Buch enthält Beispiele für diese Entwicklungen von verschiedenen Autorinnen und Autoren.

Ein dokumentarisches Foto ist eben mehr als nur Abdrücken.

Es ist die bewußte Wahl von Ausschnitt, Moment und Gestaltung von dem, was man sieht – also der gesehenen Wirklichkeit – wie es Grierson schon formulierte.

Bis heute wird über die Abgrenzung zur Fotokunst gestritten. Einige meinen, daß die Fotokunst sich abgrenzen mußte und daher das Dokumentarische als Nicht-Fotokunst mit diesem Wort eingrenzte.

Aber das klappt so auch nicht, weil eben auch Dokumentarfotografie Fotokunst sein kann, wie man an den Fotos von Walker Evans sah, die plötzlich als Fotokunst galten, obwohl sie ursprünglich rein dokumentarisch waren.

Es ist eben eine rein soziale Ebene, bei der es darauf ankommt, wann wer was wofür benutzte, wenn wir feststellen, ab dann wurde dort das und das als Wort genutzt.

Aber es war auch eine Methode, also eine besondere Art und Weise der Darstellung und des Aufbereitens von Informationen mit Fotografien und Texten.

So ist dieses Buch quasi ein begriffliches Grundlagenwerk für das, was ich hier seit Jahren betreibe – das Produzieren von Fotos und Texten mit Themen aus der und über die Dokumentarfotografie.

Das Buch ist im Kadmos-Verlag erschienen.

Aber ich war eher da als das Buch.

Schön daß wir uns getroffen haben.

 

Der neue Fotojournalismus und der neue Presseausweis

Als ich 2010 über den Tod des Fotojournalismus und die Zeit danach schrieb, war ein neuer Weg das Video.

Es wurde kein Bildersatz wie damals einige vermuteten.

Zwar sind Videos heute mit jedem Smartphone möglich und überall anschaubar aber sie ersetzen keine Texte und keine Fotos, wenn es mehr sein soll als Ereignis ohne Einordnung oder Fokussierung. Video ist eine andere Welt, die umgekehrt auch nicht durch Fotos abgedeckt werden kann. Richtige Videoreportagen sind aufwändig geblieben, weil sie gestaltet werden müssen und Fotojournalismus bleibt, weil Fotos eben nicht direkt ersetzbar sind. Darauf hat aus akademischer Perspektive nun auch Annette Vowinckel hingewiesen.

Was sich geändert hat ist die verbreitete Nutzbarkeit und das, was verkaufsfähig ist. Inszenierte Fotografie, photogeshopte Fotografie und unglaublich viele Verkaufsfotos sind dabei neben dokumentierenden Fotos.

Alles verändert in der sozialen Kommunikation hat der Einzug der visuellen Sprache. Fotos sind sprechen, denn heute tippt man für Wörter und für Fotos einfach im Smartphone, einmal auf die Tastatur und einmal auf den Auslöser.

Daneben gibt es die themenbezogene Fotografie und Reportage, die über den direkten Sprechwert hinausgeht.

Digital ist eben alles möglich.

Das ist sehr gut zusammengefaßt im Handbuch des Fotojournalismus zu finden.

Und so ist die Zeit danach heute eine Zeit voller Fotos und voller Treppenwitze der Weltgeschichte.

Auf einen speziellen Fall möchte ich aus aktuellem Anlass hier noch einmal hinweisen. Ich habe ja vor Jahren keinen Presseausweis von Freelens erhalten, weil ich nicht überwiegend mit Fotos Geld verdiente. Das fand ich sehr unfair, weil man doch ein Journalist sein kann auch wenn man sein Geld vielfach anders verdient. Das erhöht ja gerade die journalistische Unabhängigkeit.

Das interessierte aber sehr wenig Menschen. So wurde ich Publizist, also Selbstzahler. Der Publizist ist alles in einem, Wissenschaftler, Journalist und Schriftsteller:

„Der Publizist ist ein Journalist, Schriftsteller oder Wissenschaftler, der mit eigenen Beiträgen (Publikationen) – beispielsweise Analysen, Kommentaren, Büchern, Aufsätzen, Interviews, Reden oder Aufrufen – an der öffentlichen Meinungsbildung zu aktuellen Themen teilnimmt,“ so die wikipedia.

Jetzt sind wir vier Jahre weiter. Und da finde ich einen Artikel von Sascha Rheker, auf dessen Blog ich gerne lese, und Herr Rheker schreibt folgendes: „Zu sagen, daß der Pressesprecher von Monsanto natürlich Journalist ist und der Fotograf, der es sich mit Hochzeitsfotografie selbst finanziert hat, eine Reportage über die Auswirkungen von Pflanzenschutzmitteln in Südamerika zu fotografieren, der ist, für die Herren auf den hohen Rössern, kein Journalist, das ist ein Schlag ins Gesicht des Fotojournalismus!“

Ja, das habe ich dem djv auf seiner Webseite schon vor Jahren geschrieben ohne Antwort zu erhalten.

Was mich damals schon betraf, betrifft jetzt immer mehr, aber mich nicht mehr.

Damals schrieb ich u.a. folgendes:

„Und tatsächlich, wer also vielfach und überwiegend journalistisch tätig ist,

  • indem er als Rentner/Arbeitsloser/Einkommensloser kontinuierlich einen Blog betreibt, auf dem Informationen aufbereitet werden,
  • an einer regelmässigen regionalen Zeitung mitarbeitet,
  • Bürgerfunksendungen produziert,
  • eigene Webmagazine und Publikationen aufbaut,
  • Bürger- oder Studentenzeitungen mit herausbringt,
  • als freier Journalist Artikel oder Internetbeiträge verkauft, aber davon nicht leben kann

und dies überwiegend und dauerhaft journalistisch tut, erhält nach der Logik der oben genannten Verbände keinen Presseausweis?

Ist das also keine professionelle Arbeit, weil sie nicht hauptberuflich ist?“

Der Treppenwitz der Weltgeschichte ist, ich habe zwar mehr als 1500 Artikel und noch mehr Fotos in den letzten Jahren publiziert und habe täglich im Schnitt ca. 5000 Leserinnen und Leser, aber einen Presseausweis von einer dieser Organisationen erhalte ich nicht.

So ist das in Deutschland.

Wenn ich es unter dem Gesichtspunkt der sozialen Gebrauchsweisen betrachte, dann ist der Presseausweis ein Disziplinierungs- und Selektionsinstrument.

(Nachtrag:  Als ich diese Gedanken hier schrieb, wußte ich noch nicht, daß es schon wieder eine Neuerung gab und der Presseausweis ab 2018 nur noch der Abschottung der dienenden Medien dient. Das entscheidende Kriterium ist allein die Hauptberuflichkeit nicht die Unabhängigkeit und Blogger müssen draussen bleiben.)

Neue Zeiten bräuchten neue Antworten, aber umgekehrt ist es so, daß weniger Presseausweise weniger Zutrittsmöglichkeiten und mehr Kontrolle der Ausweisinhaber ermöglichen. Und man will natürlich auch durch exklusive Zugänge über Dinge  berichten dürfen, mit denen man Geld verdienen kann. Aber dann wären natürlich gerade die, die jetzt keinen erhalten, besonders darauf angewiesen….

Soziale Netzwerke und Blogs sind daher die Plattformen für die, die nicht dahin dürfen, wo die offiziellen Situationen stattfinden.

Damals arbeitete ich auch noch in der regionalen Berichterstattung, weil vor Ort die soziale Lebensfront ist, auch fotografisch.

Bei der Stadt Wuppertal hat man mich damals sogar bewußt nicht in einen Verteiler aufgenommen, damit ich nicht zu offiziellen Veranstaltungen kommen kann, um Fotos zu machen. Da hatten/haben einige Angst vor der Kraft meiner Fotos, weil sie unberechenbar ehrlich und entlarvend sind. Ja so war das und so ist das. Mit Presseausweis hätte ich mir das erzwingen können.

Und so konkret sind Diskriminierung und Ausgrenzung, obwohl dieselben Menschen woanders so tun als ob sie dies nie machen würden.

Erwischt!

 

Agenten der Bilder von Annette Vowinckel

Vowinckel

Vowinckel

Für das Buch braucht man eine Woche, dafür spart man sich hundert Jahre. Das ist ein ziemlich gutes Geschäft.

„Gegenstand dieses Buches ist … die Erforschung der visuellen Dimension von Politik unter den spezifischen Bedingungen des 20. Jhrdts…. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass Historiker besser qualifiziert sind, die Geschichte der Öffentlichkeit und vor allem die Geschichte von Institutionen wie Presseorganen, Bildagenturen und Zensurbehörden zu erforschen als die Kollegen aus der Kunstgeschichte.“

Das ist doch mal eine Ansage.

Und so geht Frau Vowinckel los und hat sich einen Überblick über Archive, Bestände und Arbeitsmöglichkeiten verschafft und dann eine Auswahl, ihre Auswahl, getroffen. Diese wird systematisch und nachvollziehbar dargestellt.

Sie schaut nach dem Fotografischen Handeln, weil dies „ein Spezifikum der Moderne (ist), das seine volle Wirkungsmacht mit der Möglichkeit der massenhaften Reproduktion, genauer – der Reproduktion in Massenmedien, entfaltet.“

Das klingt alles akademisch und wissenschaftlich und ist es auch. Aber auf der Strecke durch das Buch wird es oft lesbarer.

Sehr beeindruckt hat mich ihre Schilderung der Anfänge der Fotojournalisten, die sich von Fotografen dadurch unterscheiden, daß sie draussen und/oder unterwegs sind und zu Ereignissen gehen – im Gegensatz zum Fotografen. Möglich geworden war dies durch kleine Kameras.

Es war kein Lernberuf sondern Learning by Doing und eine Chance für viele Emigranten nach der Vertreibung durch die Nazis oder Faschisten selbst Geld zu verdienen. Arbeiter,  rassisch oder religiös Verfolgte und Migranten dominierten.

Weil es eine neue Art war, Geld zu verdienen, war dieser Bereich auch noch nicht sozial durch die traditionellen Eliten besetzt und vieles möglich.

Heute wird man dies nicht mehr aus der Not heraus sondern eher weil man keine Not hat und es sich leisten kann die Kurse zu besuchen, die als Eintrittsbillett fungieren in die eher abgeschlossene Welt des Journalismus, würde ich ergänzen.

Aber das ist ein anderes Thema.

Die genaueste Landkarte ist so groß wie das Land, das sie darstellen soll. Das hat Frau Vowinckel sinnvollerweise vermieden und schildert in großen Kapiteln ihr Thema in dem Wissen, daß „die Auswahl der Quellen in gewissem Maß willkürlich ist“ und mancher Recherche durch „mangelnde Sprachkenntnisse“ Grenzen gesetzt wurden.

Aber die großen Linien sind klar herausgearbeitet und wer mehr will, der kann die Anmerkungen und Verweise ja selbst noch aufsuchen.

Bei ihr finden sich auch Texte über die Protokollfotografen, die wir auch heute noch täglich sehen, wenn Sie mit dicker Linse große Fotos von Merkel und Co aufnehmen.

Sie nennt es Fotografie im Staatsdienst und meint damit nicht polizeiliche Tatortfotografie sondern die staatliche Bilddarstellung.

Protokollfotografen haben oft das einfachste Geschäft und sind zudem meist völlig staatstragend bis zur Apathie ohne kritischen Bildwert. Das gilt für die Bundesregierung ebenso wie für die USA.

„Echte“ Fotojournalisten lebten da anders. Sie mußten immer rumreisen und waren als Kriegsfotografen natürlich extrem belastet. Aber die Mehrheit der Fotojournalisten war nicht im Krieg sondern war irgendwo vor Ort – ganz entspannt.

Frau Vowinckel beschränkt sich komplett auf das 20. Jhrdt. betont aber zugleich: „… dass das Goldene Zeitalter des Fotojournalismus mit dem Aufstieg des Fernsehens zum Leitmedium und der Einstellung von Magazinen wie Picture Post oder Life zu Ende (ging), halte ich für falsch. Noch heute gibt es einen Großen Markt für Fotoreportagen und die Preise für journalistische Fotografien sind nicht linear gesunken, sondern punktuell stark gestiegen.“

Insofern lohnt es sich darüber nachzudenken, wie aktuell das Buch für heute ist und ob ihre Ansicht so stimmt.

Sie zeigt uns wie vielfältig die Bilderwelt jenseits von Magnum war und verbreitert durch das geschilderte Mosaik ungemein den Blick. Sie leuchtet in die Staatspropaganda und die Bildagenturen wie AP, die es durch die Nutzung von Übertragungsleitungen schafften, weltweit besser als andere zu sein.

Sehr viele englische Zitate zeigen, dass der Aufstieg der Fotoagenten wesentlich vom anglo-amerikanischen Markt geprägt war.

Frau Vowinckel versucht immer wieder diese Sichtweise um andere Aspekte zu ergänzen, wenn sie über Themen wie Fotojournalismus in Afrika, Fotojournalismus und FBI, Fotografie in der DDR zwischen Stasi und subversiven Aufnahmen eigene kleine Kapitel einstreut. Das läßt Bewußtsein wachsen und zeigt, daß es mehr gab als wir je erfahren werden und ihre „Fallbeispiele“ werden so konkret wie eine Tiefseebohrung. um mich plastisch auszudrücken.

Sie schließt das Buch mit einem brillianten Abschlußkapitel, das ich hier nicht wiedergebe bis auf eine Frage von ihr, um die Neugier zu erhöhen:

„Was für Bilder hätten das 20. Jhrdt. geprägt, wenn Fotojournalisten akademisch gebildete, von Konkurrenzdenken und individuellem Leistungsstreben getriebene Stubenhocker gewesen wären?“

So wie heute?

Das Buch ist einfach klasse.

Es ist im Wallstein-Verlag erschienen.

Annette Vowinckel

Agenten der Bilder

Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert
Reihe: Visual History. Bilder und Bildpraxen in der Geschichte (hg. von Jürgen Danyel, Gerhard Paul und Annette Vowinckel); Bd. 2

ISBN: 978-3-8353-1926-4