Michael Mahlke

Der neue Streetfotograf – Sinngebung für Kamerabesitzer?

Ich gebe zu, dieser Artikel ist ein bisschen anders. Aber mittlerweile erlebe ich in jedem Forum, dass immer mehr sich als Street-Fotografen ausgeben. Und in sehr vielen Fällen sind es Menschen, die in ihrem echten Beruf unterwegs sind und dann zwischendurch Fotos machen.

Und da heute digital alles veröffentlicht werden kann, wird man damit fast automatisch zum Streetfotografen?!

Je nach Einkommen wird dann noch unterschieden nach Kameras. Es scheint so zu sein, dass Streetfotografie hier zur Sinnsuche und der Sinngebung der eigenen Existenz dient. Das ist übrigens gut.

Logisch wäre für mich: Wer Sport treibt und Fußball spielt, ist ein Fußballer. Und wer fotografiert und als Thema Strassenfotografie hat, ist ein Streetfotograf.

Aber ich hätte eine Bitte. Wie beim Fußball gibt es in meinen Augen  auch für Strassenfotografie ein paar Regeln. Und deshalb ist nicht jedes Foto automatisch Streetfotografie, genau wie nicht jeder Tritt vor einen Ball Fußballspielen ist.

Ein gutes Streetfoto hat in meinen Augen nachprüfbare Kriterien:

1. Es erzählt immer eine Geschichte

2. Es folgt geometrischen Proportionen

3. Es beschränkt sich

(4.) Es ist spannend – geht nicht immer

Ob die Fotos gefallen, ist eine andere Frage. Aber ein paar Regeln halte ich persönlich für richtig. Und sie schaden auch nicht.

Doch unabhängig von meiner hier niedergeschriebenen Auffassung ist das Thema Streetfotografie für die Fotoindustrie ein Zukunftsthema.

Da es immer mehr Kameras in immer mehr technischen Geräten gibt und immer mehr Menschen immer mehr unterwegs sind, ist das Thema Strassenfotografie oder Streetfotografie eines der sich aus der Natur der Sache ergebendes Arbeitsfeld.

Und die von mir aufgezeigte Sinngebung von immer mehr technisch orientierten Menschen als Streetfotograf zeigt, dass diese Richtung zunehmen wird.

Und deshalb fände ich es gut, wenn es Sinn machen würde, beim Fotografieren auch die drei aufgeschriebenen Regeln zu beachten. Denn dann gibt es nicht nur Streetfotografie sondern vor allem gute Streetfotografie.

Und ich finde, dann macht das Fotografieren, das Ausstellen und das Betrachten doch auch viel mehr Spass – oder?!

Stephen Shore, Das Wesen der Fotografie

„Eine Fotografie hat Ränder, die Welt nicht.“ Dies ist ein Satz aus dem einzigartigen Buch „Das Wesen der Fotografie“ von Stephen Shore. Es gibt kaum eine höhere Kunst, als die wichtigsten Dinge in einfachen Sätzen zu sagen.

Das Buch von Stephen Shore ist Ausdruck dieser Kunst. Ich kenne kein zweites Buch, welches so klar und gut das „Wesen“ der Fotografie zeigt.

Stephen Shore hat in diesem Buch Fotos sehr vieler weltbekannter Fotografinnen und Fotografen als Beispiele gesammelt und bespricht sie. Es ist für mich aktuell DAS Buch für Menschen, die wirklich verstehen wollen, wie eine Fotografie im Kopf entsteht. Dafür gibt es Gründe.

Dieses Buch vermittelt das sinnliche und geistige Instrumentarium für gute Bilder. Zugleich lernt man hier, ein Bild zu sehen.

Wenn wir uns im Angesicht der Massen an digitalen Fotos die Frage stellen, wieviele davon wirklich im Kopf gestaltet und dann umgesetzt worden sind, dann wird deutlich, wie wenig es nur sein können und welcher Aufwand dafür erforderlich ist.

Stephen Shore hat ein Buch gestaltet, welches auch durch seine didaktische Aufbereitung brilliert. Es gibt kurze gedankliche Abschnitte und Fotos, die jeweils das Merkmal zeigen. Dadurch kann man in diesem Buch blättern und sich Elemente des Buches langsam aneignen.

Fast spielerisch erlaubt das Buch, sich die einzelnen Doppelseiten anzuschauen und dabei den Gedanken und den Elementen des fotografischen Sehens  zu begegnen. Und wer dann soweit ist, dass auch bei ihr oder ihm die Bilder im Kopf entstehen, der merkt irgendwann, wie wichtig dieses Buch sein kann.

Auf viceland.com hat sich Shore zu diesem Buch geäußert: „Das Buch ist genau genommen auf Grundlage eines Kurses von mir entstanden, in dem es um „fotografisches Sehen“ ging. Ich benutzte zunächst John Szarkowskis Buch The Photographer’s Eye als Unterrichtstext. Aber eins der Kapitel passte nicht zu der Art, wie ich unterrichten wollte, also schrieb ich stattdessen ein eigenes. Dann merkte ich, dass ich genug Material für ein Buch hatte. Und, ja, ich benutze es tatsächlich immer noch und ich habe den Eindruck, dass es bei den Studenten gut ankommt.“

Man muß dem Phaidon Verlag sehr dankbar dafür sein, dass er dieses Buch produziert hat. Wirklich gute Bücher setzen sich ja immer erst im Laufe der Zeit durch. Anfängliche Verkaufserfolge und tatsächliche Wirkkraft sind bei Büchern so unterschiedlich wie Schulnoten etwas über Charakter aussagen.

Ich glaube, dass dieses Buch von der Aussagequalität her auf derselben Ebene anzusiedeln ist wie „The Mind´s Eye“ von Henri Cartier-Bresson. Cartier-Bresson hat in seinem Essay über den entscheidenden Augenblick das Wesen des richtigen Augenblicks für ein gutes Foto herausgearbeitet und Stephen Shore hat mit der Schule des fotografischen Sehens ein herausragendes visuell-gedankliches Buch umgesetzt.

Ich vergleiche beide Bücher, weil in meinen Augen beide Bücher eine Gemeinsamkeit haben: sie zeigen den Weg zum Blick oder wie ein Bild im Kopf entsteht. Der eine zeigt, wie man eine Situation erleben und den richtigen Moment darin erkennen und nutzen kann, der andere vermittelt den Blick für das bewusste Entstehen des Fotos.

Dies wiederum darf man nicht mit den beiden Autoren als Fotografen verwechseln. Cartier-Bresson „sieht“ völlig anders als Shore und deshalb sind für beide auch die Ausschnitte und Gestaltungen anders. Aber der Weg zu dem jeweiligen Blick ist der Weg, den beide in ihren Büchern beschreiben. Die Blicke selbst sind verschieden.

Es sind beides Bücher, die wirklich etwas durch die Person des jeweiligen Autors bedingt herausarbeiten und erlebbar machen, obwohl beide Fotografen aus völlig verschiedenen Richtungen stammen. Und es sind beides Bücher, die sich durch das Motto „Weniger ist mehr“ auszeichnen.

Das Buch von Stephen Shore handelt vom fotografischen Sehen mit dem Auge als Instrument und mit dem Kopf als wichtigstem Steuermittel. Kameras spielen in dem Buch von Stephen Shore keine Rolle. So entsteht ein zeitloses Buch für die geistige Vorarbeit und Nacharbeit in der Fotografie, egal ob in der Kunst- oder in der Reportagefotografie.

Dieses Buch wird auch nie langweilig. Denn jedes Mal ruft es – und sei es nur beim Blättern – die Bedingungen fotografischer Arbeit hervor. Und dies mit einer Leichtigkeit, die das „Lesen“ des Buches zu einer wahren Wonne machen. Es ist ein herausragendes Buch.

Stephen Shore

Das Wesen der Fotografie

ISBN-13: 9780714849904
ISBN-10: 071484990

Occupy – ein Tag geht um die Welt

Das ist ein Fest für Flickr-Freunde. Wer auf flickr.com geht und dort „occupy“ ohne Gänsefüßchen eingibt, der kann ausnahmsweise die Vorteile der Fotovereinigung sehen. Dort gibt es hunderttausende Fotos aus aller Welt zu diesem Begriff.

Wobei „Tag“ einmal ein englisches Wort ist und übersetzt auf deutsch  „Schlagwort“ bedeutet und Tag auf deutsch als Wochen-Tag genutzt wird, also als Zeiteinheit.

Hinzu kommt bei flickr eine Gruppe zum Thema Photojournalism = Fotojournalismus, die sich ebenfalls mit diesem Thema beschäftigt.

Das ist nun wirklich neu. Die Bürger nutzen weltweit den Tag (= das Schlagwort), um Bilder sichtbar zu machen für Menschen auf der ganzen Welt.

Occupy ist das englische Wort für „Besetzen“, in diesem Fall das Besetzen öffentlicher Plätze, um auf die Misere mit den Finanzmärkten aufmerksam zu machen. Man könnte ja auch das Wort „Demonstration“ oder „Demo“ eingeben, weil es sogar weltweit gleich ist.

Aber „Occupy“ geht weiter. Es sagt, wir demonstrieren gegen die Finanzmärkte und ihre Macht und für eine Gesellschaft, die den Menschen gehört. Es ist ein Akt der Rückeroberung der Zivilgesellschaften. Es ist auch ein Eintreten für Meinungsfreiheit und Demokratie. Einige sprechen sogar vom Dritten Weltkrieg.

Die Occupy-Bewegung ist ein weltweite Bewegung für eine demokratische Zivilgesellschaft, die den Menschen Chancen und Sicherheiten gibt. Aber das wird sicherlich an anderer Stelle diskutiert werden. Hier geht es um die fotografischen Blicke.

Und hier geschieht fotografisch etwas Neues. Man könnte sagen, ein Schlagwort( = engl. Tag) erobert die fotografische Welt. Weltweit nutzen Menschen dies, um ihre Fotos darzustellen.

So hat flickr eine weltweite Bedeutung für soziale Bewegungen. Das ist hochpolitisch, positiv und hoffentlich ohne Zensur.

Damit aber nicht genug. Die Occupy-Bewegung macht ihre eigenen Medien, weil sie wohl zu Recht vielen Medien nicht traut.

Dass ausgerechnet im Spiegel ein Artikel erschien mit der Überschrift „99 Prozent blieben zu Hause“ ist von einer seltsamen journalistischen Ignoranz. Der Journalist Carsten Volkery scheint überhaupt nicht zu verstehen, was die Menschen bewegt. Natürlich waren nicht alle Menschen dabei. Denn die Macht der Verhältnisse führt unter anderem dazu, dass sehr viele Menschen von den 99 Prozent auch samstags jobben müssen, zum Teil kein Geld haben, um in große Städte zu fahren und viele andere Verpflichtungen. Aber so viel Zuspruch von Menschen, die sonst eher unpolitisch sind, gab es selten. Schade, da hätte ich vom Spiegel mehr erwartet und vor allem mehr Differenzierung. Die scheint in diesem Fall eher im Spiegel-Forum zu erfolgen, aber da dort nicht jeder Beitrag veröffentlicht wird, ist es wohl nicht so viel wert. Nach diesem Schwenk in den aktuellen Journalismus zurück zu den Fotos.

Ich wünsche viel Spaß beim Anschauen von Fotos, da dokumentiert sich gerade eine weltweite Bewegung fotografisch. So haben viele Handys und Digitalkameras und eine weltweite Community eines gemeinsam, sie besetzen digitalen Raum und gelangen in das Bewusstsein der Menschen, die dies nutzen können.

Die Fuji X10 im Test oder wie Spiegel.de manche digitalen Fotomagazine alt aussehen ließ – eine Spekulation?

Grastest auf der Weide, Absprache der Testerinnen Foto: Michael Mahlke

Informationsoligopole


Manchmal gibt es ja auch was zu lachen. Deshalb schreibe ich nun eine Geschichte, von der ich glaube, dass sie so passiert ist. Aber ich weiß es nicht, ich spekuliere nur. Allerdings ist manches augenfällig.

Der Markt für Internetinformationen über neue Kameras scheint weltweit ziemlich aufgeteilt. Da gibt es eine sehr bekannte englischsprachige Seite, die für ihre technischen Kameratests bekannt ist und langsam zu versuchen scheint, auch Dinge anzubieten, die eher woanders angesiedelt sind.

Dann gibt es eine Seite mit Gerüchten aus der Fotografie, die so ziemlich einmalig immer wieder Infos über neue Kameras veröffentlicht, wenn alle Vorab-Testmagazine noch den Mund halten.

Und es gibt u.a. eine Reihe von Magazinen, die aus meiner Sicht mit Pseudo-Artikeln, die testend wirken sollen und nichts ausser Werbung zu sein scheinen, neben den Anzeigen der Kamerahersteller dann ihre  Ankündigungen publizieren.

Darüber hinaus gibt es ein paar Testseiten, die ich für sehr seriös halte.

Digitale Unberechenbarkeit

So, und nun hat ausgerechnet spiegel.de, sozusagen als erster in Deutschland, vielleicht sogar weltweit, einen Test der Digitalkamera Fuji X10 publiziert, den ich ja schon erwähnt habe.

Ich weiß nicht, wie der Spiegel an die Kamera gekommen ist, aber er hat auf jeden Fall alle Absprachen auf Marketingseiten bzw. Internetseiten quasi weltweit ausgehebelt, so meine Vermutung. Das ist die neue digitale Unberechenbarkeit.

Es scheint ja so zu sein, dass die meisten Kameras, die als marketingmässige Hauptprodukte angesehen werden, erst einmal monatelang überall digital beschrieben werden, ohne dass man sie testen oder kaufen kann.

Da gibt es dann diese Magazine, die sehr oft die Kameras in den höchsten Tönen loben, so dass man selbst nur glauben kann, was man liest.

Glauben heisst ja bekanntlich etwas nicht zu wissen. Und die Erfahrung lehrt, dass einiges nicht stimmt.

So werden Meinungen in die Köpfe reingesetzt, die eigentlich erst durch das eigene Testen im Kopf entstehen sollten.

Und jetzt erhält die Fuji bei spiegel.de eine nicht gerade schmeichelnde Einschätzung, so dass ein mögliches geplantes mediales Konzept mit anderen Beteiligten ziemlich alt aussieht.

Spiegel.de hat es – so meine Vermutung – unbewusst durchkreuzt, weil er an die Kamera einfach früher drangekommen ist. Etwas Ähnliches habe ich mehrfach in Österreich erlebt. Dort waren schon Kameras und Objektive auf dem Markt, die in Deutschland erst zwei Monate später zu erhalten waren.

Suggestivkultur

Ich schreibe diese Vermutungen hier einmal auf, weil ich mich in der Vergangenheit zu oft über die durch suggerierende Bemerkungen kauffördernden Artikel, die eine Art Vorweg-Teil-Test suggerieren sollen, geärgert habe.

Bei englischsprachigen Webseiten spricht man beim ersten Besprechen von Kameras von einem „Hands-on preview“ (welcher dann aber in der Rubrik „Test“ steht). Andere im deutschen Sprachraum sprechen von einem „Kompakttest“ wieder andere einfach von „Tests“. Ich glaube, jeder der Beteiligten weiß genau, was er tut.

Da dies aber alles unbestimmte und global sowieso unbestimmte Begriffe sind, kann man hinter diesen Begriffen eigentlich machen, was man will.

Nun gut, Marketing und Manipulation sind vielfach zusammen anzutreffen. Und der Weg von der Presse zur PR endet manchmal im Kreisverkehr.

Mittlerweile gibt es mehr Tests und Artikel als den bei spiegel.de. Besonders empfehlenswert ist dieser.

Wie auch immer, ich wollte diesen Artikel, der nur meine persönlichen Ansichten wiedergibt, einfach einmal zur Diskussion stellen und ich glaube, dass Schweigen Zustimmung ist.

Text 1.1

Handyfotos – die Zukunft der Fotojournalisten?


Manchmal ist ein Blick über den Tellerrand ganz hilfreich. Wer von Österreich nach Deutschland schaut, der sieht uns anders als wir uns selbst. In derstandard.at ist vor kurzem ein Artikel des Journalisten Oliver Mark erschienen mit dem Titel „McDonaldisierung“ der Pressefotografie“. Sehr interessant und sehr informativ!

„Deutschland sorgt für Aufwind“ lautet denn auch eine Zusammenfassung im Artikel. Aus der Sicht einiger Fotografinnen und Fotografen, die in Österreich arbeiten, ist der deutsche Markt wesentlich besser für Fotografen bzw. Fotoreporter bzw. Fotojournalisten.

Aber ebenso sind neue Trends erkennbar.

1. Der Trend zu Handyfotos für Magazine und Zeitungen nimmt zu, vor allem Online

In dem Artikel von Oliver Mark gibt es einen bemerkenswerten Satz: „“Vor kurzem haben wir einen Auftrag für ein renommiertes englisches Magazin mit dem iPhone fotografiert“, erzählt Anzenberger im Gespräch derStandard.at.“

Darauf habe ich schon verschiedentlich hingewiesen, zuletzt hier. Und daher ist die „McDonaldisierung“ nicht unbedingt schlecht zu bewerten, sondern ein Zeichen der Zeit. Es gehen mehr Menschen zu McDonalds als in Feinkostläden. Ebenso ist es mit der Fotografie. Wenn ich selber mit dem Handy fotografiere und mir diese Fotos reichen, dann ist der Weg nicht mehr weit, um meinen Fotostandard auch in Magazinen und vor allem im Internet zu akzeptieren. Damit ist ein fotografischer Standard gesetzt.

2. Die digitale Nachbearbeitung mit Filtern löst das optisch konstruierte Bild vielfach ab

Da bei kleinen Kameras eine große Tiefenschärfe vorherrscht, wird dann oftmals hinterher mit digitalen Filtern der Teil eines Bildes unscharf gemacht, der nicht vom Hauptmotiv ablenken soll oder der juristisch schwierig werden könnte. Und fertig ist das Bild. Das machen im Internet mittlerweile auch in Deutschland alle grossen Magazine und Zeitungen.

3. Aktuell ist ein – vielleicht letzter – Höhpunkt des noch klassischen Fotojournalismus

Im Moment gibt es in Deutschland einen Höhpunkt des Fotojournalismus. Parallel neben der Stockfotografie werden Reporter vielfach beauftragt und in den Online-Medien erscheinen viele aktuelle Fotos. Tagesaktuelle Berichterstattung könnte in vielen Fällen zukünftig auch mit Handyfotos erfolgen.

Da immer mehr visualisiert werden muss, wird die Anzahl der erzeugten Bilder zunehmen. Weil aber das Arbeitsgerät relativ wenig kostet – mit Ausnahme einiger weniger Spezialthemen – wird die Anzahl der Bilder im Verhältnis zur Bezahlung zunehmen.

4. Der Wandel zum Multimediajournalismus ist nur begrenzt möglich

Auf medialdigital.de ist eine schöne Schilderung des Unternehmens 2470media. Hier zeigt eine Handvoll kreativer junger Menschen, wie der neue Multimedia-Journalismus aussieht. Die dort dargestellten Mischformen sind aber auch die Grenzen für journalistische Arbeit und das Verhältnis von Aufwand und Ertrag.
Ein Video – wenn es gut sein soll – setzt andere Zeit- und Bearbeitungsschritte voraus als ein Foto für viele Leser bzw. ZuschauerInnen. Die Beispiele von2470media in der Taz zeigen dabei, dass einfach strukturierte Videos möglich sind, wobei einfach immer schwierig ist. Das hebt sie positiv von den vielen – ich nenne sie mal – 1Euro-Videos ab, die man auf immer mehr Seiten sehen kann, die aber vielleicht genau das Ergebnis von Aufwand und Ertrag wiederspiegeln.

Da steht dann ein „Reporter“, der eine Kamera auspackt und dann die Kamera mit ihren Bedienungselementen zeigt und wie man damit Fotos machen kann – und man muß sich vorher noch bis zu 20 Sekunden Werbung anschauen. Diese Art der 1Euro-Videos ist die weit überwiegende Realität im Netz. Daher muss man sich die Frage stellen, inwieweit Qualität eine Rolle spielen kann oder ob dies die akzeptierte Qualität ist, die das optimale Verhältnis von Aufwand und Ertrag darstellt. Das ist eine offene Frage.

5. Es wird von immer weniger immer mehr fotografiert

So paradox es ist. Je mehr Geräte zum Fotografieren da sind, desto weniger Themen werden damit fotografiert. Diese Tendenz hat u.a. 2010 Manfred Scharrnberg gut beschrieben: „Ein Blick in die Bildarchive wirkt erhellend. Nehmen wir das Thema Kinderarmut: Getty, einer der Branchenführer, wirft bei dem Stichwort gerade einmal 31 Fundstellen aus: Inszenierte Details oder Fotos aus Entwicklungsländern. Aber auch von freien Fotografen bestückte Archive bleiben bei dem Thema seltsam blass. Inszenierte Fotos von traurig dreinblickenden Kindermodels, wahlweise mit Sparschwein oder dünner Suppe. Der beste Ansatz sind dokumentarische Bilder bei der Essenausgabe einer sozialen Einrichtung.“

Die guten Geschichten liegen auf der Strasse und im Internet gibt es Platz ohne Ende – wo bleiben sie denn dann? Hängt alles allein vom Geld ab? Geht es nur über Spenden oder Crowdfunding? Hier zeigt sich entweder eine wachsende Interesselosigkeit oder Orientierungslosigkeit. Das muß man wohl noch eine Weile beobachten. Man muß aber auch die GEZ-finanzierten Sender im Auge behalten, denn die haben eigentlich einen Auftrag…

6. Qualität wird ein Nischenprodukt

Meiner Meinung nach ist der akzeptierte Qualitätsstandard heute mehr von den digitalen und nicht mehr von den optischen Möglichkeiten geprägt. Das Sensationelle ist entscheidend, nicht das Fotografische. Aber auch dies gilt nur begrenzt. Wolfgang Steiner zum Beispiel meint dazu: „Ich bin überzeugt, dass über kurz oder lang, all die Gratis-Fotoagenturen wieder vom Markt verschwinden werden, da all die benötigten Server und Internetplattformen echtes Geld kosten, auch wenn die armen User keines sehen. Der Markt wird sich selbst regulieren, wie er das immer schon getan hat. Verlage die einen entsprechend hohen Anspruch an sich selbst stellen, ein gutes Magazin drucken zu wollen (Beispiel National Geographic), werden auch in 50 Jahren immer noch gut bezahlte Profi-Fotografen benötigen.“ Wir werden sehen, was daraus wird.

Doch ich will nicht unerwähnt lassen, dass ich Qualität hier mit einer doppelten Bedeutung versehen habe, einmal als gestaltete Aufnahme und einmal als Auswahl der Themen. Insofern liegt die Zukunft im Auge der Fotojournalisten und der Medienmacher. Mal sehen!

 

 

The Eye is a Lonely Hunter

Was kann Fotografie heute, was macht Dokumentarfotografie heute? Wer sich heute diese Fragen stellt, der wird mit dem Mut zur Entscheidung immer wieder fündig werden und er hat das Sprachproblem der Welt gelöst, denn „Fotografie ist zu einer globalen Sprache geworden“.

So beginnt die Danksagung des Vorstandes des Fotofestivals Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg in dem Buch zum 4. Fotofestival, welches im Kehrer Verlag erschienen ist.

Das Buch ist eine aktuelle Dokumentation lebendiger fotografischer Versuche, die Welt und uns selbst zu zeigen und festzuhalten. Einige fotografische Projekte sind global angelegt, andere lokal. Die Ausstellungsmacher haben hier ein Stück Fotografie der Welt festgehalten, eine Momentaufnahme mit vielen Blicken, die zeitlich und thematisch in die Tiefe geht.

Viele erzählen kleine Geschichten, die übertragbar wären. Katerina Gregos und Solverj Helweg Ovesen sprechen in dem Buch – vielleicht auch deshalb – über „Eine Betrachtung der Conditio humana im Jahr 2011“.

Das Auge als „einsamer Jäger“ soll weder selbstgerecht-westlich noch kolonial sein, sondern die Conditio humana in all ihrer Komplexität, Verschiedenheit und Unsicherheit“ aufzeigen.

Das Buch aus dem Kehrer Verlag dokumentiert diese Mischung in erstklassiger Weise. In einer globalisierten Welt ist der Rahmen des menschlichen Lebens und Sterbens deutlicher geworden. Es gibt keine Flucht in eine andere Welt mehr, nur in eine Scheinwelt, die die Wirklichkeit der eigenen Existenz nicht aufheben kann.

Es gibt immer mehr nackte Wahrheiten und die zeigen das Mischwesen Mensch, die Conditio humana – und das bedeutet neben der Hoffnung die gnadenlose Hoffnungslosigkeit und Zerstörung.

Das Buch mit seinen Fotos macht darauf aufmerksam und vermittelt vielfach sehr sensibel den Geist der Ausstellung, die aufgeteilt an verschiedenen Orten ist und nur im Buch zusammengetragen wird.

Hier wird deutlich, was Fotografie kann und wo sie Aufforderung zum Handeln ist.

Aber für mich hat dieses Buch noch eine andere Dimension. Max Frisch hat einmal geschrieben: „Der Mensch lebt den Widerspruch und zersetzt damit jegliche Ideologie.“

So macht das Anschauen der Fotos – zumindest mir – deutlich, dass die Menschheit überhaupt noch keine Antworten auf die globalen Probleme hat. Denn die Menschen sehen ihre Welt immer von dort, wo sie sind.

Und die Vielfältigkeit der Welt deutlich zu machen – bei uns alle betreffenden Problemen – ist eines der grossen Themen, die dieses Buch uns zeigt.

Um es kurz zu machen: Wer ein aktuelles Buch über Fotokunst und dokumentarische Fotografie sucht, das konzeptionell gestaltet ist und einen „echten“ fotografischen Blick auf die aktuelle „Conditio humana“ wirft, der wird wohl weltweit aktuell nichts besseres finden.

Infos zur Ausstellung
4. Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg
The Eye is a Lonely Hunter

 

Unter dem Titel „The Eye is a Lonely Hunter – Images of Humankind“ fokussiert das 4. Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg eine humanistische Sichtweise innerhalb der Tradition der Dokumentarfotografie. Es präsentiert Positionen, die in der Schnittmenge zwischen Dokumentar- und Kunstfotografie angesiedelt sind und die sowohl ein starkes visuelles Moment als auch ein feines Gespür für soziopolitische Zusammenhänge kennzeichnet. Es versucht einen Überblick über die conditio humana zu Beginn des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts, gesehen von einer Vielzahl geografischer Standpunkte wie Afrika, Südamerika, Osteuropa und Asien. Der Katalog spiegelt das Thema des Humanismus in zeitgenössicher Kunst und Dokumentarfotografie visuell und theoretisch wider. Texte der Kuratoren führen in strukturierende Unterthemen ein: Ecological Circuits, The Practice of Everyday Life, Role and Ritual, The Effect and Affect of Politics und Life Cycles. Jeder der teilnehmenden Künstler wird mit einem eigenen Bild- und Textteil vorgestellt.

 

Herausgeber: Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg e.V., Katerina Gregos, Solvej Helweg Ovesen
Autoren: Carolin Ellwanger, Heide Häusler, Jonatan Ahlm Brenander, Katerina Gregos, Solvej Helweg Ovesen, TJ Demos

 

Broschur mit Schutzumschlag
18 x 24,5 cm
240 Seiten
267 Farbabb.
Deutsch/Englisch
ISBN 978-3-86828-240-5

Der Sucher der Fuji X10 zwischen Marketing und Langzeittest

Ich war schon überrascht, unter der Überschrift „Gernegroß-Kamera mit Retro-Chic“ folgendes zu lesen: „Der optische Sucher der X10 hilft bei der Bildkomposition, wenn das Kameradisplay zum Beispiel im gleißenden Sonnenlicht schlecht zu erkennen ist. Allerdings hilft das Sucherbild eben nur bei der ungefähren Komposition. Im Sucher ist nicht zu erkennen, welche Bildbereiche fokussiert sind, welche Werte für Blendenöffnung, Belichtungszeit und ISO-Empfindlichkeit gewählt wurden und ob diese Kombination bei den aktuellen Lichtverhältnissen eine ausreichend belichtete Aufnahme produziert.“

So schlecht hatte ich mir den Sucher nicht vorgestellt. Da ist ja im Prinzip dasselbe wie die Einfachsucher bei den kleinen digitalen Kompaktkameras. Leider ist die Kamera ja noch gar nicht auf dem Markt, so dass der Spiegel sicherlich eine spezielle Quelle hatte, um die Kamera zu testen.

Aus der Werbeseite von Fuji selbst geht dies leider so nicht hervor. Damit ist die Hoffnung, eine echte Sucherkamera zu bekommen, geplatzt und der Unterschied beim Sucher zwischen Canon A1200, G12 oder Nikon P7000 und der Fuji X10 nur rein in der Größe und im Blickfeld zu finden.

Der Sucher scheint noch nicht einmal einen Markierungspunkt in der Mitte zu haben und man sieht das Objektiv.

In einem anderen Test sagt der Autor unumwunden, dass er bei der X100 lieber den Sucher benutzt und bei der X10 lieber das Display (!), weil der Sucher der X10 nur über eine grüne und eine orange LED Auskunft über Autofokus etc. gibt.

Nach einer anderen Auskunft gibt es sogar nur einen Ton, der den Autofokus an“zeigt“ und die Kamera hat eine extrem langsame Schreibgeschwindigkeit. – Puuuh!

Die Fuji-Guys haben informiert, dass es nur eine LED gibt, die blinkt, wenn der Fokus nicht stimmt.

Wenn Fuji echt nur den Einfachstsucher vieler Kamerahersteller der Vergangenheit vergrößert hat, dann ist meine Hoffnung bei der X100 steckengeblieben. Abgesehen davon verstehe ich nicht, wieso nicht wenigstens ein Weitwinkel von 24mm die Anfangsbrennweite ist. So hat die Kamera schon zwei Stolpersteine, bevor sie ins Rennen geschickt wird.

Aber man kann es auch gelassener sehen.

So argumentiert ein User hunz auf dpreview, dass der Sensor sowieso so klein ist, dass eigentlich immer alles scharf abgebildet wird, egal worauf man scharfstellt. Immerhin hätte der 2/3 Sensor nur 24 % der Fläche eines MFT-Sensors, nur 15,5 % der Fläche eines APS-C Sensors und nur 6,7 % der Fläche eines Vollformat-Kleinbildsensors.

Ich paraphrasiere den User hunz deshalb, weil er dort noch etwas sehr Interessantes zum Thema Strassenfotografie geschrieben hat: „Doing street with either the high-end Nikon Coolpix 5000 or 8400 worked just fine by setting it on Continuous, so it would shoot whether it thought it was in focus or not. Even at close street distances, it was never an issue and no out-of-focus images resulted.“

Auf Deutsch hat er mit der Nikon P5000 und der Nikon P8400 Strassenfotografie praktiziert und dabei einfach den Autofokus auf Continuos/dauerhaft gestellt. So sind eigentlich immer Bilder zustandegekommen, die scharf waren. (Wenn ich mir vorstelle, dass ich vor 4 Jahren ebenfalls genau diese Kameras genutzt habe, dann ist es schon interessant, was man aktuell dazu findet. Abgesehen davon sind die Kameras immer noch top… !)

Mittlerweile gibt es ganz viele Tests und einige User schreiben auch über Staub im Sucher (?). Bemerkenswerterweise ist die Kamera in Deutschland auch Anfang November 2011 nicht erhältlich, dafür gibt es aber schon ein Firmware-Update. So ist das eben im digitalen Leben…

Zuguterletzt noch ein Hinweis auf die zwarte kat im rangefinderforum. (der Beitrag ist hier mit google übersetzt). Der User zwarte kat hat sie nicht gekauft, aus denselben hier diskutierten Gründen.

Und auch bei Cnet hat man die Kamera einem „Vorab-Test“ (was ist das?) unterzogen. Dort heisst es: „Die Fujifilm X10 verfügt über ein weiteres Feature, dass man bei aktuellen Kompaktkameras eher selten sieht: einen optischen Sucher. Das kleine Guckloch verfügt über eine Linsenkonstruktion, so dass der Sucher die Brennweitenveränderung mitmacht. Im Vergleich zur Konkurrenz aus Canon G12 und Nikon P7100 ist das Guckloch etwas größer. An den raffinierten Hybrid-Sucher der X100 kommt es allerdings nicht heran. Außerdem werden hier keine Informationen zu Blende, Belichtungszeit & Co. dargestellt. Im Weitwinkel ist außerdem das Objektiv leicht im Sucher zu sehen.“

Damit ist die Kamera eine Konkurrenz zur Nikon P7000/7100 und der G11/G12, aber nicht mehr eine Klasse für sich. Und dann – glaube ich – wird es schwer für Fuji.

Abgesehen davon ist es schon bezeichnend, dass man die Kamera selbst nicht erhält (5.11.2011) sondern auf Informationen angewiesen ist, die sehr oft aus Quellen kommen, bei denen die Hersteller auch werben.

Dieser Artikel ist ein kompletter Second-Hand-Artikel. Es kam mir darauf an zu zeigen, wie wir gezielt mit Informationen versorgt werden, die wir nicht nachprüfen können. Damit entsteht eine Meinung im Kopf ohne dass diese geprüft werden konnte.

Und da Journalismus mittlerweile weltweit gesehen werden muß und dort manchmal eingehaltene deutsche Standards sehr relativ sind und oft mit Werbung gleichgesetzt werden, ist das Ganze sehr nüchtern zu sehen.

Bis hierhin ist also alles Gerücht und auch in meinen Kopf ist alles second Hand.

Bis hierhin.

Ab hier konnte ich die Kamera selbst nutzen. Den Bericht finden Sie hier.

Nachtrag 2015:

Dieser Artikel ist von 2011. Man sieht hier sehr schön, wie sich Informationen entwickeln, wie sie im Netz gestreut werden und wie man selbst versucht, diese zu interpretieren.

Ich arbeite nun schon einige Jahre mit der Kamera und ich finde sie rückblickend wunderbar mit dem neuen Sensor und mit dem Sucher: groß, einfach, pur, gut…

Hinzu kommt, daß die Fuji X10 wahrscheinlich die einzige Kamera ist, deren Sensor verändert wurde während der Laufzeit des Modells. Das wußte 2011 auch noch niemand.

Ich bin von dieser Kamera ebenso überzeugt wie von ihrer großen Schwester, der X100. Aber weil ich keinen anderen Artikel kenne, der so die Zusammenhänge von PR, Vorabinformationen und realer Bewertung darstellt, habe ich ihn online gelassen. Denn er ist ein einzigartiges Studienobjekt – auch für mich.

Text 1.5

Cloud – Digitale Demenz oder das langsame Verschwinden der echten Fotografie?

Verkehrs-und Datenströme Foto: Michael Mahlke

Cloud – das Wort steht für Wolke und jetzt auch für Datenwolke. Nun sind Wolken sehr temporär, verändern sich ständig und können ziemlich schnell abregnen oder durch die Sonne aufgelöst werden.

Und so ist es auch digital. Sind sie schon einmal im Aufzug steckengeblieben? Haben Sie schon einmal den Zusammenbruch des Handynetzes nach einem Fußballspiel erlebt? Dann wissen Sie auch, wie störanfällig und sensibel diese Systeme sind und in meinen Augen bleiben werden.

Und die Fotografie? Die Fotografie war immer eine Sache des Fotos. Foto bedeutete aber bedrucktes Papier. Das war dann eine je nach Papiersorte kurzlebige oder langlebige Sache. Die fertigen Fotos hielten länger als manches Menschenleben. Und Fotografie war untrennbar mit Ausdrucken auf Papier verbunden.

Das ist vorbei. Fotografie heute bedeutet ohne Papier Fotos mit digitalen Hilfsmitteln zu sehen – zeitgleich überall, wo es Datenautobahnen gibt. Das Bild ist geblieben, aber die Eigenschaften haben sich geändert. Das ist weder schlecht noch gut, es ist einfach so.

Und genau dies macht den entscheidenden Unterschied im Gedächtnis aus. Natürlich gibt es auch heute noch Drucker und es wird noch viele gedruckte Fotos geben, auch Fotobücher. Aber die dokumentierte Wahrnehmung der Welt wird zunehmend digital gespeichert werden.

Und zwar dort, wo ich ohne Computer und Strom nicht mehr hinkomme. Aber das allein wäre noch zu verkraften. Entscheidender ist der reglementierte Zugriff. Bei meinen Fotos konnte ich ins Wohnzimmer gehen und sie aus dem Schrank holen. Bei einem Computer konnte ich sie in meinem Büro auf der Festplatte finden.

In der Cloud bestimmen andere – und zwar allein und irgendwo – darüber, was ich sehe und wann. Daraus entstehen viele Probleme, wenn man sie sehen will, so zum Beispiel:

1. Datenschutz ist überall anders und er wird – wie im Fall von Twitter und Wikileaks gerade sichtbar – weltweit massiv anders ausgelegt von viel Schutz bis kein Schutz

2. Das gespeicherte digitale Gedächtnis kann mehr oder weniger manipuliert oder sogar kontrolliert werden

3. Was passiert eigentlich, wenn es mal eine Gedächtnispolizei gibt und die Demokratie abgeschafft würde?

Ich möchte nicht als Bedenkenträger gelten, aber wenn wir eines aus der Geschichte lernen können, dann ist es, dass Technikglaube nicht den menschlichen Charakter, das Streben nach Macht, Reichtum und Gier ersetzt hat sondern umgekehrt neue Technik eher zur Manipulation und zum Beherrschen und Siegen eingesetzt wurde.

Und auch in der Fotografie gilt, dass die neuen Möglichkeiten auch die Funktionen der Fotos ändern.

Sollen Fotos noch als visuelles Gedächtnis dienen? Gibt es zukünftig noch Fotoarchive, die gedruckte Momente bewahren? Welche Rolle soll und wird die Fotografie spielen? Wie nehmen wir sie wahr und was ändert sich für uns im Umgang damit?

Wird die Geschichtslosigkeit manifestiert durch Bilderfluten ohne Vertiefung, ist die Gegenwärtigkeit als zeitlose Kultur in der Fotografie sichtbar durch den Wandel vom Print zur Cloud?

Gedächtnis bedeutet spätere Wiederaneignung von Situationen und Wissen. Dazu bedarf es der Möglichkeit, nach etwas suchen zu können und es auch finden zu können. Wie soll das in einer Cloud möglich sein, in der Anbieter kommen und gehen und Dinge unter materiellen Gesichtspunkten da sind oder abgeschaltet werden?

Ich habe nur Fragen, ich mache Beobachtungen, aber ich habe noch keine Antworten. Aber wissen Sie was? Warum soll ich die Antworten suchen? Das ist etwas für die freie Presse und die Journalisten, denn es ist ihr Job!

 

Miniatureffekt und Diorama – Möglichkeiten eingebauter kreativer Fotografie

Fotos wie im Miniland oder Spielzeugladen. In immer mehr neuen Digitalkameras gibt es sogenannte Kreative Filter oder Art Filter. Diese gelten für Fotos und manchmal auch für Videos. Ein auffälliger Effekt ist der Miniatureffekt.

„Die Täuschung entsteht durch die am Computer erschaffene geringe Schärfeausdehnung im Bild. Fotos von sehr kleinen Objekten werden mit Makro-Objektiven angefertigt, die eine charakteristische Unschärfe vor und hinter dem fokussierten Punkt am Motiv entstehen lassen. Besitzt ein Foto nun diese makrotypische geringe Schärfentiefe, entsteht sofort der Eindruck, dass es sich um kleine Objekte auf dem Bild handeln muss“, so die Erklärung bei netzwelt.de.

Was kann man damit machen? Ist es sinnvoll, diesen Effekt zu nutzen? Ich habe es auf einer einfachen Bahnfahrt nach Wuppertal und in Wuppertal mit der Schwebebahn ausprobiert. So erzähle ich nun die Geschichte einer Eisenbahnfahrt von Remscheid nach Wuppertal.

Alles fing damit an, dass ich in Remscheid am Bahnhof stand. Es erfolgte die Durchsage, dass der nächste Zug ca. 20 Minuten Verspätung hat. Ich ging auf die Treppe, die zu den Gleisen führt. Hier stand ich etwa drei Meter hoch und machte das erste Foto. Und siehe da, es wirkt irgendwie mini.

Wie man hier sieht, funktioniert der Miniatureffekt nicht, wenn man die Dinge auf gleicher Höhe aufnimmt. Dieses Foto ist lediglich oben und unten unscharf.

Das relativiert sich durch Abstand. Hier ist der Blick leicht nach unten gerichtet und schon verkleinert sich für das Auge die Situation. Und natürlich führt zunehmende Entfernung ebenfalls zu einer Verkleinerung.

Hier bin ich in Wuppertal Oberbarmen. Ein Blick aus dem Treppenhaus zur Schwebebahn auf den Vorplatz. Von oben mit Abstand wirkt der Miniatureffekt am besten. Minimenschen mit Minitischen und Minibäumen sind für das Auge die Folge.

Dieses Bild vereint beide Betrachtungsweisen. Der telefonierende Mensch ist auf gleicher Höhe und der Blick auf den Bahnhof mit den Autos und den Menschen ist tiefer. Dadurch hat das Bild sowohl einen Blick ins Miniland als auch eine normale Perspektive. Vielleicht würde man es gar nicht so wahrnehmen, wenn man nicht wüßte, dass dieser Effekt eingesetzt wurde.

Aus optischer Sicht bietet sich die Schwebebahn natürlich für den Miniatureffekt an, weil man von oben fotografieren kann. Hier ist ein Beispiel für eine echte Minilandschaft. Wenn man sich vorstellt, dass es sich um einen echten Spielplatz mit echten Menschen handelt, dann ist der Miniatureffekt hier natürlich komplett sichtbar.

Mittlerweile bin ich dann in Elberfeld angekommen. Hier sieht man den Busbahnhof aus Sicht der Schwebebahn. Echt mini!

Hier ist es die umgekehrte Perspektive: von unten nach oben und nicht von oben nach unten fotografiert.

Was kann man nun damit anfangen? Ist dies nur ein Spass oder kann man damit mehr machen? Ich finde, für reine Internetfotos und für illustrative Bereiche ist dieser Effekt nutzbar. Unter dem Gesichtspunkt der Persönlichkeitsrechte ist er sogar ideal, weil niemand mehr erkennbar ist.

Die Grenzen ergeben sich aus dem Thema.

Es gibt Möglichkeiten, um diesen Effekt selbst auf Fotos nachträglich anzuwenden. Dies geht sogar online und kostenlos.

Abgesehen davon macht es mir allerdings mehr Spass, wenn ich dies alles direkt in der Kamera machen kann.

Die Firma Canon hat dies alles in einem Prospekt erläutert mit Fotos von Schloß Burg im Bergischen Land.

Und auf legovogel.de gibt es sogar ein Video mit einer Reise durch San Franciso, welches uns die Stadt auf völlig neue Art und Weise nahebringt.

Darüber hinaus gibt es bei dasfotoportal.de eine gute Darstellung, wie man dies alles hinterher durch Photoshop machen kann.

Bei hna.de gibt es sogar Leserfotos, die ebenfalls Perspektiven und Ereignisse dokumentieren.

Und bei fotomonat.de finden Sie eine gute Anleitung, um den super Monochrom Effekt der Olympus Art-Filter mit ACDsee selbst zu machen.

Es gibt also einige Möglichkeiten für eine informative Nutzung des digitalen Miniatureffektes. Un im Zeitalter der digitalen Möglichkeiten werden Reportagen und Berichte durch solche Darstellungen interessant, weil sie unterhaltend sind. So kann man Artikel aufpeppen ohne grossen Aufwand und es entstehen zum Teil einzigartige digitale Minikunstwerke.

Und es macht immer wieder Spass!

Text 1.1

Nicole Strasser – eine Fotografin mit Blick

Ich kenne die Fotos von Frau Strasser, aber ich kenne sie nicht persönlich. Doch ich wollte darüber schreiben, weil ihre Fotos sozialdokumentarische Fotografie vom Feinsten sind.

Ihre Serie über Benidorm, die an verschiedenen Stellen zu sehen ist oder war, dokumentiert freundlich und dennoch distanziert eine Seite unserer Zeit.

Ihre Webseite nicolestrasser.de lohnt sich wirklich.

Man findet an an anderer Stelle auch ein älteres Interview zu den Fotos und zu einem anderen Thema ein Interview hier. Ich bin begeistert von der fotografischen Art, wie Frau Strasser sieht und fotografiert. Das ist etwas besonderes. Es ist in gewisser Weise der fotografische Blick, den auch Menschen wie Thomas Hoepker haben – nur eben auf ihre Art.

Frau Strasser dokumentiert themenorientiert die Welt, in der wir leben. Sie dokumentiert in Benidorm einfach Urlaub und Lebenszeit einer Gesellschaft, die so isst und ist, wie sie gerade ist. So banal sich das anhört, so schwierig ist es, dies fotodokumentarisch darzustellen. Dadurch werden die Fotos zu einem fotografischen Geschichtsbuch mit einer Episode aus der Welt von heute.

Begeisterung stellt sich immer schnell ein, wenn wir das Fremde fotografieren, fremdes Elend, fremde Welten etc.

Aber die Konfrontation mit uns selbst und unserem Handeln in Mitteleuropa ist uns oft zu nahe. Frau Strasser schafft es, dies fotodokumentarisch festzuhalten und uns einen Spiegel vorzuhalten, der nicht bewertet sondern einfach darstellt.

Eigentlich haben ihre Fotos ein großes Veränderungspotential für den wahrnehmenden Betrachter. Aber das ist eine andere Geschichte.

Sie hat ebenfalls eine Slideshow erstellt, in der das Ende eines Bergwerks in Hamm kurz dokumentiert wird. Dort äußert sie sich auch zu ihrer Arbeit:

Da es sozialdokumentarische Fotografie sowieso schwer hat und diese Fotos kaum verkäuflich sind – höchstens als bezahlte Auftragsarbeiten für NGOs und Gewerkschaften – muß man sie ins digitale Licht holen.

Sie sind nämlich die Essenz unserer aktuellen Welt, festgehalten in Momenten. Denn sie erzählen über echte Ereignisse und echte Menschen und nicht über mediale Scheinwelten. Es ist soziale Fotografie.

In diesem Sinne viel Spass auf den Seiten von Nicole Strasser…

Dokumentarfotografie – aktuell und interessant

Die Dokumentarfotografie dokumentiert. Googelt man sich durch die Suchergebnisse, dann gibt es sehr verschiedene Infos. Die Wikipedia spricht von einer „Trendwende“ in den letzten Jahren. „Mehrere Museen und Wissenschaftsinstitutionen besinnen sich der dokumentarischen Kraft der Fotografie.“ Der Fotograf Tom Ang schreibt dazu: „“Trotz ihrer herausragenden Bedeutung in der Geschichte der Fotografie ist die Dokumentarfotografie nur schwer zu definieren… Was gute Dokumentarfotos gemeinsam haben, ist die realitätsgetreue Darstellung echter Situationen und echter Menschen.“

Und die Fachhochschule Hannover verkündete voller Stolz vor kurzem: „Nach Beschluss der Akkreditierungsgesellschaft »ACQUIN« ist die Studienrichtung nun ein eigener Studiengang und trägt die Bezeichnung »Fotojournalismus und Dokumentarfotografie«. Damit ist die Fachhochschule Hannover die einzige deutsche Hochschule, die die international übliche Bezeichnung »Photojournalism and Documentary Photography« als Begriff für das Kernprofil in der fotografischen Ausbildung trägt.“

Dies alles zeigt, dass dieser Begriff eine besondere Bedeutung hat. Wenn wir uns noch mal mit der Wikipedia beschäftigen, dann finden wir dort als einleitende Erklärung in dem Artikel folgendes: „Die Dokumentarfotografie ist eine Art des Fotografierens, deren Motivation es ist, ein fotografisches Dokument herzustellen, das für das Festhalten der Realität, als Zeit-Dokument, als Appell oder auch Warnung genutzt werden soll. Diese fotografischen Dokumente stellen dabei jedoch keine objektive, sondern eine subjektive oder ideologische Betrachtung zumeist mit sozialkritischem Hintergrund dar. Der Begriff „Dokument“ stammt von dem lateinischen Ausdruck documentum = beweisende Urkunde.“

Doch es geht noch weiter. Rudolf Stumberger unterscheidet einerseits dokumentarische Fotografie und andererseits sozialdokumentarische Fotografie. Wer den Unterschied zwischen Sozialdokumentarischer und Dokumentarischer Fotografie von Stumberger verstehen will, dem empfehle ich meinen Artikel über die Klassenbilder. (Nachtrag: hier gibt es noch einen neuen Artikel zu der Frage Was ist eigentlich Dokumentarfotografie?)

Wobei aber das Problem bleibt, dass einige sozialdokumentarisch meinen und dokumentarisch sagen. Das führt dazu, die Frage zu stellen, ob man durch die Unterscheidung nicht den nicht-sozialdokumentarischen Fotografen den größeren Begriff der Dokumentarfotografie überläßt. Die Diskussion ist in meinen Augen also noch nicht zu Ende.

Doch ich möchte etwas konkreter werden und benutze jetzt einfach die zweckorientierte Definition von Brenda Tharp (eigene Übersetzung, M.M.): „Naturfotografen wollen die Schönheit der Landschaft, das Drama des Lichtes und das Geschehen in der Natur zeigen. Reisefotografen wollen die Gesichter einer Kultur, einen Blick auf das tägliche Leben und die Sinnlichkeit eines Ortes zeigen. Fotojournalisten wollen den Moment oder die emotionale Situation vor ihnen zeigen“ (im Original „…want to share the moment“). Und aus diesem geteilten Moment kann Dokumentarfotografie werden, wenn es nicht reine Nachrichten/Ereignisfotografie bleibt.

So komme ich zurück zur Dokumentarfotografie. Sie dokumentiert. Darin sind sich alle einig. Und weil sie dokumentiert, möchte ich dies hier am Beispiel von drei Büchern aus den letzten 20 Jahren besprechen, die sehr unterschiedlich sind und doch ein paar Gemeinsamkeiten haben. Sie zeigen auch Entwicklungen auf. In allen drei Büchern geht es um das aktuelle Hauptthema der Menschheit. Es ist das Thema Arbeit und Arbeitswelt. Das erste Buch ist das Buch „Workers“ von Sebastiao Salgado, das zweite Buch ist das Buch von National Geographic „So arbeitet die Welt“ und das dritte Buch ist das Buch von Werner Bachmeier und Udo Achten „Arbeitswelten. Einblicke in einen nichtöffentlichen Raum“.

Das Buch von Sebastiao Salgado dokumentiert seine Besuche bei Arbeitern an verschiedenen Stellen auf dem Globus. Da man ja über Fotobücher nur schreiben darf, aber die Fotos nicht zeigen darf, empfehle ich an dieser Stelle zunächst mit den Wörtern „Sebastiao Salgado workers“ zu googlen und sich bei den Suchergebnissen die Fotos anzuschauen. Welche Rolle dieses Buch übrigens ausserhalb von Deutschland spielt möchte ich am Beispiel Texas aufzeigen. Dort gibt es das AMOA, das Austin Museum of Art. Man hat dort eine ganze Lernfolge zusammengestellt, um Schülern das Buch und die fotografischen Möglichkeiten daraus für Text und Bild nahezubringen.

Darin wird übrigens ebenfalls „dokumentarisch“ definiert als „Documentary – a visual or historical record“. Alle Fotos von Salgado in diesem Buch sind Schwarzweissaufnahmen. Viele sind beeindruckend, weil er beeindruckende Szenen aufgenommen hat. Er war dort, wo andere nicht waren. Aber zugleich sind in diesem Buch ja auch Fotos von der Stahlindustrie in Frankreich und dem Bau des Eurotunnels. Fast immer sieht man Menschen, die dort arbeiten, aber man sieht meistens nicht das einzelne Gesicht. Die Schärfe der Details liegt eher auf den Werkzeugen und den Produkten. Es sind Fotos, die mit Schärfe und Unschärfe arbeiten und durch die schwarzweisse Atmosphäre natürlich Strukturen und Schattenspiele zeigen.

Ganz anders stellt sich das Buch von NationalGeographic dar. „So arbeitet die Welt, Eine Fotoreise“ Der Titel des Buches vom Verlag NationalGeographic erinnerte mich an das Buch „Workers“ von Salgado.

Herr Ferdinand Protzman schreibt darin ein Vorwort und scheint auch Herausgeber zu sein. Das Vorwort ist sehr klug. Er schreibt zum Beispiel: „Die Fotos sind schön. Ihre Formen und Farben, ihre Ansichten und Gesichter sind betörend. Aber Schönheit, Tragödie und Schrecken schließen einander nicht aus. Die Fotografen, die so hart an diesen Bildern gearbeitet haben, wissen, dass das, was diese zeigen, sowohl großartig als auch elektrisierend schrecklich sein kann.“ Stimmt.

Alle Kontinente und drei sogenannte Portfolios (also Sammelmappen) sortieren das Buch. Es sind Fotos aus mehr als einhundert Jahren dabei. Um es noch einmal zu sagen, das Buch ist schön, die Texte auch, aber mir fehlt da was. Erstens erschliesst sich mir nicht der rote Faden. Wenn es ein Buch der Gegenwart ist, warum sind dann so viele Fotos aus der Vergangenheit darin. Ja, man findet Fotos von Mccurry und Salgado, aber auch Fotos aus den 30er Jahren und sogar Autochrome.

„Work. The world in Photographs“ war der englische Titel. Irgendwie scheint es sich auch um eine Geschichte der Arbeit zu handeln und nicht nur um die Gegenwart. Also insgesamt läßt die Schlüssigkeit des Buchansatzes aus meiner Sicht zu wünschen übrig. Aber es ist ein schönes Buch.

Und deshalb kann ich eins überhaupt nicht verstehen. Das Buch hat ein Format von 20×22 cm, es ist also fast quadratisch und ziemlich klein. Die Texte sind dadurch sehr klein gedruckt und schlecht zu lesen. Und wenn man schon ein Buch über Fotos macht, dann müssen die Fotos auch von Inhalt und Form übereinstimmen. Viele Fotos sind einfach viel zu klein abgedruckt. Mit der Lupe kann ich sie mir zwar vergrössern, aber das ist eigentlich nicht Sinn der Sache. Es ist in meinen Augen einfach so. Das Buch ist schön gemacht aber viel zu klein im Format. Und wenn dann mal Fotos größer gedruckt sind, dann sind sie genau in der Mitte geteilt. Das Buch hätte rechteckig und doppelt so groß sein müssen, um Inhalt und Form in Einklang zu bringen.

Wieder anders und auch fotografisch anders aufgebaut ist das Buch von Werner Bachmeier und Udo Achten. Die Fotos hat der Fotograf Werner Bachmeier gemacht. Er weist in seiner Einführung mit dem Titel „Kurz aber intensiv“ darauf hin, dass journalistische Fotos “ in einem extrem kurzen Moment“ entstehen und „authentische Portraits von Menschen am Arbeitsplatz … den direkten Zugang zur Person“ erfordern.

Die Aufnahmen zeigen die ungeschminkte Realität. Dazu gehört der OP-Tisch ebenso wie das Pflegebett im Seniorenheim oder der Autolackierer mit Schutzmaske. Und an diesen Stellen wie bei der Schutzmaske finden sich dann auch Texte von Udo Achten wie der zum Thema „Gesundheit“, in dem er auf die krankheitsbedingten Fehlzeiten, Burnout-Syndrome und die Wichtigkeit der Verankerung eines Gesundheitsschutzes im Betrieb hinweist.

Dadurch wird dieses Buch tatsächlich ein Buch mit einer Botschaft. Fotografisch gefallen mir die vielen Nahaufnahmen mit dem Weitwinkel von Werner Bachmeier. Im Prinzip versucht der Fotograf die jeweilige Tätigkeit mit den optischen Mitteln der Weitwinkelaufnahme durch die Vergrößerung im Vordergrund in den Mittelpunkt zu rücken und zugleich den Menschen im Hintergrund sichtbar und deutlich zu machen. Wenn man dieses Buch fotografisch betrachtet mit der Frage „Was wird dort getan und wer tut es wie?“ dann ist dies fotografisch in den meisten Fällen sofort durch diese Herangehensweise sichtbar und erkennbar.

Dieses fotografische Mittel ist auch deshalb so wichtig, weil natürlich viele Arbeitsplätze einfach langweilig aussehen, es sind eben Arbeitsplätze und keine Menschenplätze. Durch den gekonnten Einsatz des Weitwinkels erhalten aber selbst diese Bilder in diesem Rahmen eine klare Aussage. Denn jeder Arbeitsplatz hat ein Gesicht und das ist das kleine Geheimnis dabei. Einige der Fotos aus dem Buch findet man auf der Homepage des Fotografen.

Es ist ein fotografisches Lesebuch mit Fotos und Texten. Der Publizist Udo Achten weist in seiner Einleitung darauf hin, dass dieses Buch helfen soll, „Fotos zu lesen“. Dazu dienen an einigen Stellen auch erläuternde Texte, die soziale und politische Zusamenhänge aufzeigen. Es ist ein gelungener Querschnitt der aktuellen Arbeitswelt mit ihren „guten“ Bedingungen.

Es handelt sich in den meisten Fällen offenbar um Betriebe, die einen Betriebsrat haben und/oder Tarifverträge. Wer tief genug in der Arbeitswelt verankert ist, der weiß, dass es viele Betriebe gibt, die nicht so aussehen. Aber das ist kein Manko dieses Buches sondern eher ein guter Ansatz: hier wird aufgezeigt, wie „Gute Arbeit“ aussieht in Deutschland, wenn es die Verantwortlichen in Betrieb und Gesellschaft ernst nehmen.

Nach der Beschäftigung mit diesen drei Büchern möchte ich zurückkommen auf das Thema Dokumentarfotografie. Bemerkenswert finde ich den Wandel in der Farbgestaltung. War das Buch von Salgado noch Schwarzweiss so ist das Buch von NationalGeographic fast und das Buch aus dem Klartext-Verlag durchgängig farbig. Das tut ihrer dokumentarischen Wirkung keinen Abbruch. Wenn man es genau nimmt, dann sind sie in vielfacher Hinsicht sogar noch genauer in meinen Augen.

Das Buch von Nationalgeographic hat noch ein besonderes Bild. Es zeigt auf Seite 122/123 im Buch ein Bild von Edward Burtynsky aus seinem beeindruckenden Buch „China“. Dieses Foto und einige andere finden sich auch zum Nachschauen auf der Webseite von Edward Burtynsky. Burtynsky wurde auf einer Podiumsveranstaltung in Berlin 2010 zu diesen Fotos in China gefragt, wie er denn an die Erlaubnis kam, die Fotos der chinesischen Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken zu machen. Burtynsky antwortete, dass dies die chinesischen Behörden erlaubt hätten, weil es sich um chinesische Fabriken handelte. Die amerikanischen Unternehmen in China hätten dies nicht zugelassen.

Die schlimmsten physischen Arbeitsverhältnisse – wenn man das pauschal überhaupt sagen kann – dokumentiert sicherlich Salgado. Das Protzman Buch ist eine Mischung aus guten und schlechten Arbeitssituationen. Dagegen zeigt das Buch von Bachmeier und Achten eine durchgängig „Gute Arbeit“ auf. Dies wird immer gekoppelt mit informativen Texten, die Arbeit in Deutschland und das juristische und tarifliche Umfeld einordnen. Wobei natürlich alle Fotos die physische Situation aufzeigen, nicht die psychische Situation. Das wären dann auch wohl andere Fotos, zum Beispiel von überladenen Schreibtischen, frustriert und leer blickenden Angestellten oder schmutzigen Betriebsratsbüros in Kellerverschlägen.

Dokumentarfotografie dokumentiert. Im Bereich Arbeitswelt haben dies drei Bücher auf unterschiedliche Weise getan. Man könnte sie im Hinblick auf das Thema auch bei der sozialdokumentarischen Fotografie einordnen, um detaillierter zu werden.

Es gibt natürlich Unmengen an Dokumentarfotos. Eine Serie, die ich in Buchform nicht erhalten habe über Bürokratie und Bürokraten hat der niederländische Fotograf Jan Banning gemacht. Dort sagen Bilder ebenfalls mehr als tausend Worte und sie zeigen in Farbe aktuelle Arbeitswelten auf.

Dazu gehört auch meine Serie mit dem Thema „Nichts kommt von selbst – 15 Blicke auf das Arbeitsleben“.

So paradox das ist, in meinen Augen ist Dokumentarfotografie heute vielleicht notwendiger denn je:

1. Sie hilft bei der Entschleunigung einer reizüberfluteten Zeit.
2. Sie rückt Themen in den Vordergrund und zeigt auch Zusammenhänge auf.
3. Sie ist überwiegend engagiert und sie kann eine neue Zukunft haben.

Diese kann übrigens auch audiovisuell sein und aus Multimediaslideshows bestehen. Aber meiner Meinung nach nur begrenzt. Buch und Monitor werden parallel existieren. Denn gute Fotos will man nicht immer nur digital sehen sondern manche auch in einem schönen Buch im Regal stehen haben oder einfach als Ausdruck für zu Hause oder in sozialen zusammenhängen.

Und es kommt auch darauf an, was man dokumentarisch fotografiert. Ich möchte daher nicht vergessen, hier auch über die Folgen der (sozialdokumentarischen) Dokumentarfotografie zu sprechen. Diese können dramatisch sein. Auf einer Reise in Wien besuchte ich die Ausstellung KONTROVERSEN im Kunsthaus Wien. Dort las ich die Geschichte von Kevin Carter. Mich hat sehr das Foto beeindruckt, bei dem ein kleines Kind auf dem Weg zur Essensausgabe im Sudan war und dahinter schon ein Geier wartete. Der Fotograf Kevin Carter hat später Selbstmord begangen, offenkundig im Zusammenhang mit dem Ruhm, den er durch dieses Foto erhielt und die Attacken seiner Kritiker. Dies wird hier geschildert.

Das ist auch eine Dimension der Dokumentarfotografie und der Themen, die dort behandelt werden. Es kommt eben nicht nur darauf an, daß man dokumentiert, es kommt auch darauf an, was man dokumentiert.

In diesem Sinne

Übrigens, hier hat man einen Teil meines Artikel abgeschrieben ohne auf mich zu verlinken.

 

Gras beim Wachsen fotografieren oder Zeitraffer- und Intervallaufnahmen mit Kompaktkameras

Wer über eine längere Zeit ein Objekt beobachten will, der hat in einigen digitalen Kompaktkameras eine wunderbare Funktion dazu. Die Zeitraffer- oder Intervallaufnahme ermöglicht, interessante Entwicklungen festzuhalten und hinterher als Bildfolge oder Film darzustellen.

Bernd Margotte hat dies für die Ricoh GX200 in einer sehr ausführlichen Darstellung getan, die zeigt, was mit dieser kleinen Kamera möglich ist.

Bei heise.de hat man dieses Thema mit der Pentax WG-1 ausprobiert und eine wunderschöne Darstellung einer aufgehenden Seerose produziert.

Martin Setvak hat dieses Thema für alle Ricoh Kameras aufgearbeitet.

Jörg Niggli zeigt, was man damit alles machen kann und wie interessant dies dann werden kann – prinzipiell professionell.

Das Lomokino ermöglicht das Ganze auch analog und von Hand, was aber wesentlich aufwendiger ist.

Aber mittlerweile gibt es ja fast nichts, was es nicht gibt. Daher gibt es jetzt sogar schon eine spezielle Zeitrafferkamera. Die Somikon Zeitrafferkamera hat sogar einen Erdspieß, so dass man auch draussen die Zeitabläufe in der Natur sichtbar machen kann.

Die Menschheit hat ja die Zeit erfunden. Das ist ein gedankliches Konstrukt, um Orientierung in der Welt zu erhalten und soziale Verabredungen treffen zu können. Zeit und ihre Einteilung ist darüber hinaus eines der wichtigsten Machtmittel.

Und man kann im Zeitraffer eben auch Zeit sichtbar machen. Das ist das eigentlich Faszinierende in meinen Augen.

Es macht eben Spaß!