Michael Mahlke

Hautnah Fotografieren – ein Praxiskurs zum Thema Freistellen und Tiefenschärfe als Lösung für das Recht am eigenen Bild

Wie kann man hautnah gute Fotos machen und dabei das Recht am eigenen Bild beachten?


Ich möchte an dieser Stelle zeigen, wie es geht. Dazu stellte sich freundlicherweise Herr Bernd Schiele, bekannt als Astromant, als Fotomodell zur Verfügung.

Wir gingen dorthin, wo immer etwas los ist: auf die Düsseldorfer Königsallee. Alle Fotos wurden mit einer Nikon D90 und dem Sigma 30mm/1.4 aufgenommen. Das Sigma hat umgerechnet auf Kleinbild ungefähr 50mm Brennweite und entspricht damit der normalen Wahrnehmung des menschlichen Auges. Es ist zudem im Bereich der klassischen Brennweiten für Reportage zwischen 35 und 50 mm angesiedelt.

Und schon ging es los. Wie man auf dem nachfolgenden Bild gut sehen kann, stehen wir mitten auf der Strasse an einem Hinweisschild auf das Museum Kunstpalast. An uns gehen Menschen vorbei und wie man unschwer rechts sehen kann, schaut ein Herr im dunklen Anzug mitten in die Kamera.

Er ist zwar sichtbar aber zugleich nicht erkennbar. Und dies, obwohl er nur ca. drei Meter entfernt an uns vorüber ging.

Und weiter geht es. Bei diesem Wetter sitzen natürlich sehr viele Menschen in den Strassencafes. So gingen wir ebenfalls dorthin und machten ein Foto von der Atmosphäre. Dieses Foto hat eigentlich alles, was juristisch wichtig und fotografisch wichtig ist.

Man beachte, dass wir nur gut zwei Meter von den ersten Tischen stehen und der Mann im Hintergrund, der weiß gekleidet über der Schulter sichtbar ist, voll in die Kamera schaut. Was sieht man? Man sieht die Szenen im Strassencafe mit zunehmender Unschärfe auf der linken Seite. Alle Personen sind sichtbar aber nicht erkennbar. Auf der rechten Seite sieht man den Strom von Fußgängern auf der Königsallee. Man kann die gesamte Stimmung gut einfangen und dabei zugleich durch diese Art der Freistellung und dem Spiel von Schärfentiefe und Tiefenschärfe wunderbare Fotos machen.

Nun änderten wir die Perspektive. Wir stellten uns vor ein Cafe und eine Gruppe sitzender Männer.

Auch hier sieht man, wie die gesamte Situation eingefangen werden kann und dabei dennoch die Schärfentiefe vor dem Recht am eigenen Bild schützt.

Damit komme ich abschließend zu dem wohl interessantesten Bild zu diesem Thema.

Sie sehen, dass links unten der Mann voll in die Kamera schaut. Parallel dazu schaut der Mann rechts mit dem gelben Hemd ebenfalls direkt in die Kamera. Man sieht es und dennoch sind beide nicht erkennbar. Trotzdem sieht man, dass wir zwischen Cafe und Fußweg stehen und uns mitten zwischen anderen Menschen befinden.

Es ist also jederzeit möglich, hautnah zwischen Menschen durch das Spiel mit Schärfentiefe und Freistellung gute Fotos zu machen und das Recht am eigenen Bild aller dort sich befindlichen Personen zu berücksichtigen.

Alle Fotos wurden mit Blende 1.4 aufgenommen. Um den Unterschied in der Blende noch einmal zu demonstrieren abschließend zwei Fotos, eines mit Blende 1.4 und eines mit Blende 6.3.

Hier mit Blende 1.4:

Und nun Blende 6.3:

Als letztes Fotos etwas ganz anderes. Hier ist alles andersrum. Das ist ein Spiel mit vielen optischen Pinseln.

Hier sehen Sie, dass nicht das Modell im Vordergrund scharf ist sondern seine Spiegelung im Werbefenster. Sie blicken zudem direkt auf das, was sie sonst gar nicht sehen können. Der dunkle Teil von dem Werbebild führt nämlich dazu, dass sie den Fotografen sehen (in diesem Fall mich) und mit abnehmender Schärfentiefe sich die Königsallee ebenfalls auf dem Foto wiederspiegelt. Und dabei werden wir beobachtet von all den Figuren, die auf dieser Werbung zu sehen sind. Dadurch entsteht ein Bild in dem Bild mit mehreren Ebenen und einem vollständigen Eigenleben. Wofür geworben wird, ist nicht sichtbar. Dafür der Gedanke „Be the Inspiration“ – Sei die Anregung.

In genau diesem Sinne will ich enden und hoffe, mit diesem kleinen Ausflug auf die Königsallee und dem Spiel mit der Schärfentiefe deutlich gemacht zu haben, wie man gut und sicher hautnah fotografieren kann.

Fineart Streetphotography – die feine Art der Strassenfotografie

einfaches Beispiel für Strassenfotografie – Foto: Michael Mahlke

Wenn man nicht nur fotografiert sondern auch über Fotografie schreibt, dann ist man immer wieder erstaunt, was diskutiert wird. In der Zeitschrift Photonews wurde nun in den letzten Ausgaben über Strassenfotografie geschrieben. Dabei kam in meinen Augen heraus, dass heute erlaubt ist, was gefällt. Dies bedeutet, die von mir hier oft diskutierten Kriterien für gute Strassenfotografie fallen samt und sonders weg. Daher will ich sie noch einmal nennen:

Diogenes in der Tonne oder welche Kamera ist gut für diskrete Reportagefotos?

Ein bisschen Meinung

Foto: Michael Mahlke

Von der Leica zur Fuji?

Früher war es die Leica M. Cartier-Bresson fotografierte am liebsten mit einer 50mm Brennweite, zumindest wird ihm das nachgesagt. Daneben benutzte er die 35mm. So wurde er bekannt als Fotograf, der mit einer Normalbrennweite wunderbare Fotos schoß.

Stellt man sich die Frage, womit man heute die Reportagefotografie am besten erledigt, dann merkt man schnell, dass dies einige Gedanken wert ist.

Kriterien sind im klassischen Sinne

  • Sucher,
  • grosser Sensor,
  • leises Auslösegeräusch,
  • umgerechnet auf Kleinbild ca. 35mm Objektiv
  • und nicht zu groß.

Wobei mir bei den Sensoren der APS-C Chip mit dem Cropfakter 1,5 besser gefällt als das Vollformat.

Natürlich kann es die Leica M mit einem 35mm Objektiv, aber sie hat einen manuellen Fokus und ist sehr teuer im Verhältnis zum Ergebnis, nämlich digitalen Fotos.

Natürlich kann es die Fuji X100, meiner Einschätzung nach DIE Kamera für Reportagefotografie in traditioneller Kameraform auf modernem Niveau aktuell überhaupt, zumal nach dem umfassenden Firmware-Update.

Und dann?

Bei Nikon und Canon ist mir nichts bekannt, was den umgerechnet 35mm-Kriterien entsprechen würde. Oder kennt jemand ein kleines, lichtstarkes 24mm Objektiv mit Autofokus, leicht und bezahlbar, welches man auf Canon oder Nikon Kameras mit 1,5 Cropfaktor schrauben könnte?

So griff ich zum Schluss zu meiner D3100 mit dem Nikkor 35mm/F1.8 Objektiv. Das ist umgerechnet ein 50mm Objektiv, die klassische Brennweite von Cartier-Bresson. Das ist ok für 50mm.

Da würden mir dennoch umgerechnet 35mm besser gefallen (eben ein kleines und bezahlbares 24mm F1.8 oder F2 oder 2.8 Objektiv). Alternativ gibt es noch das 30mm F1,4 von Sigma, welches mir sehr gut gefällt und bei ca. 45mm Brennweite wäre. Das ist es aber schon.

Und die neuen Stars in den digialen Medien?

Soweit ich gelesen habe ist die neue Canon Powerhot G1X laut Testergebnis zu langsam für Schnappschüsse, die neuen Kameras von Fuji wie die Pro-1 bringen für das Thema in meinen Augen keine wirklichen Verbesserungen ausser Wechseloptiken, wenn sie für Reportagen denn nötig sein sollten.

Systemkameras sind eher nicht geeignet für Reportagefotografie

Bei den Systemkameras ist mir aktuell keine Kamera mit einem sehr leisen Auslösegeräusch bekannt, am ehesten noch die E-PM1. Und mit den Systemkameras habe ich sowieso noch ein Hühnchen zu rupfen. Ich war unterwegs an diesem sonnigen Tag. Da die Sonne schien, war es nicht möglich, mit meinen Systemkameras ohne Sucher zielgerichtet und gestaltend zu fotografieren. Die Displays waren im Sonnenlicht alle so gut wie nicht ablesbar. Mit einem aufgesteckten Sucher sind die Systemkameras aber so unhandlich, dass sie weder in der Größe noch von der Mechanik besser als DSLRs sind.

Bleiben die Panasonic G2/G3 mit dem 17mm F2.8 Objektiv von Olympus und dem 20mm F1.7 von Panasonic. Die Kameras haben einen Sucher, der flackert aber z.T. bei Kunstlicht. Leider ist auch das Auslösegeräusch in leiser Umgebung einfach zu laut und die Kameras sind so gross, dass eine kleine DSLR für mich unzweifelhaft besser ist.

Drei Alternativen mit grossen Sensoren als Lösung

Somit schließt sich der Kreis mit größeren Sensoren und leisem Auslösegeräusch und mündet für mich im Ergebnis

  • in die Fuji X100
  • die Nikon D3100 oder deren Nachfolger mit Quiet-Modus
  • oder die Leica M9 (Vollformat, nur manuell)

Es ist also nicht so, dass wir schon alles hätten im Bereich der Digitalkameras, wir warten eher drauf, dass es endlich mehr Reportagekameras für unauffälliges Fotografieren gibt.

Je nach Anspruch klappt es auch mit Kompaktkameras

Ergänzen kann man dies durch Kameras mit kleineren Sensoren.

Dann ist das Bokeh aber nur nachträglich digital erzeugbar.

Die neuen Kameras wie die Fuji X10/X20 und die Nikon V1/J1 haben ja einen Sucher und einen S-Modus.

Der ist entscheidend, weil nur so die Auslösegeschwindigkeit vorgewählt werden kann. Das ist in meinen Augen unerläßlich.

Wer auf die Gestaltung mit Bokeh durch Festbrennweiten und einen Sucher verzichten kann und auf RAW und die Dinge lieber der Kamera überläßt, der kann sicherlich schon mit Kompaktkameras mit/ohne Sucher glücklich werden.

Diese Geschichte muß man auch diskutieren. Dann fallen meine Kriterien weg. Das wird sicherlich die Richtung im Zeitalter der Software-Fotos sein. Und für Webfotos ist dies immer ausreichend und erlaubt durch den nachträglichen Filtermix unendliche Gestaltungsmöglichkeiten.

Mein Wunsch für eine kompakte Strassenkamera

Mein persönlicher Wunsch wäre eine Kamera ähnlich wie die Sony TX5 aber mit 1/1,7 oder größerem Sensor, dem Periskopobjektiv und RAW sowie einem kleinen optischen Sucher (wie in der Canon A1200), griffig, gutem Monitor und einer sehr guten Schnappschussfähigkeit sowie einem S-Modus.

Und wenn nur ein elektronischer Sucher möglich wäre, dann so wie ein ausfahrender Blitz: der Sucher würde links oben oder oben auf der Kamera bei Bedarf rausklappen wie bei anderen Kameras der Blitz.

(Info im Jahr 2015: Diesen Satz muß Sony gelesen haben, denn zwei Jahre nach dem Publizieren dieses Artikels ist die RXIII mit dieser Lösung auf dem Markt. Ich hätte erwartet dafür von Sony wenigstens eine Kamera als Anerkennung für die Nutzung meiner Gedanken zu bekommen. Ich warte mal noch ab.)

Oder man könnte auch einfach den gesamten Monitor nehmen und einen kleinen Teil davon links oben als separat zuschaltbaren Sucher nehmen und dafür einen kleinen Kunststoffrahmen zum Aufsetzen mitliefern, zum Drüberhängen von oben oder mit Magneten etc. Da ist vieles praktisch möglich.

Na ja.

Diogenes weiß Rat

So ist vieles eine Sache der Bewertung.

Der alte Diogenes fragte dazu immer, im Vergleich wozu?

Das ist die Frage.

Im Vergleich zu welcher Reportage brauche ich welche Kamera?

Und damit sind wir in einer Diskussion, die gerade erst begonnen hat und ich stelle die Frage, für welche Reportage brauche ich eigentlich noch eine größere Kamera als eine Kompaktkamera?

Und letztlich wird das Handy Nokia 808 sowie nunmehr ab 2013 eine Vielzahl anderer Nachfolger das Thema Smartphone-Fotografie eine neue Runde bei der Beantwortung der Frage dieses Artikels einläuten. Wobei ich das Smartphone vom Halten her als unpraktisch empfinde.

Nachtrag 2014:

Nun gibt es auch bei den Systemkameras geräuschlose Modelle mit Sucher wie die Panasonic G5.

Aber es gibt zunehmend kompakte Kameras, die auch mit einem kleinen Chip gute Arbeit leisten und kleine Kameras mit einem größeren Chip, die ebenso interessant sind – und meistens ohne Sucher sind, wobei für mich der Sucher das entscheidende Merkmal bleibt, wenn es eher unauffällig und leise bei Veranstaltungen und zwischen Menschen sein soll.

Es stellt sich heraus, dass kleine Sensoren durchaus auch Vorteile gegenüber den größeren Sensoren haben.

Ich würde die Olympus XZ-10 bei den Kompaktkameras ohne Sucher für Reportagefotografie wählen, weil sie extrem viele optische und haptische Vorteile hat.

Bei den Kameras mit Sucher würde ich die Fuji X10 oder X20 nutzen, wobei die Fuji X10 ein echtes Lowlight-Luder ist.

Das sehen die PR-Abteilungen der Kameraindustrie sicherlich anders.

So ist heute die Aufnahme nicht das Ende des Fotos sondern vielfach der Anfang des fotografischen Prozesses – wie früher.

Aber digital ist manches dann doch besser.

Und wenn Sie wissen wollen, welche Kamera sich der liebe Herr Cartier-Bresson 2016 kaufen würde, dann klicken Sie doch einfach mal hier…

Text 1.5

Journalisten im Visier von Transparency – Presserabatte und der „amtliche“ Presseausweis

Rabatte - Foto: Michael Mahlke

Ich hätte nie geglaubt, dass der Presseausweis als Ausweis für Presserabatte indirekt zum Thema bei Transparency International wird.

Direkt geht es um die Privilegien für Journalisten. Das erinnert mich an meinen Artikel zum Thema Reisejournalismus.

Der „amtliche“ Presseausweis

Den amtlichen Presseausweis gab es zwar noch nie. Aber in den Köpfen vieler Menschen gibt es ihn bis heute noch. Wie schön, dass es da die  wikipedia gibt. Ein Blick und schon findet man aktuell dort den Satz: „Da zwischen den Anwärtern und den vier Altverbänden keine Einigung zustande kam, beschloss die Innenministerkonferenz (IMK) am 7. Dezember 2007, dass Presseausweise ab 2009 nicht mehr die Autorisierung der Innenminister auf der Rückseite tragen dürfen. Bis dahin war dort die IMK-Aufforderung vermerkt, den Ausweis-Inhaber bei seiner Arbeit zu unterstützen. Seit 2009 lautet die Formulierung: „Institutionen und Unternehmen werden gebeten, den Vertretern der Presse die der Erfüllung ihrer öffentlichen Aufgabe dienenden Auskünfte zu erteilen.“

Was hier so lapidar steht heisst, es gibt seit 2009 keinen „amtlichen“ Presseausweis mehr. Das Grundgesetz schützt nun einmal die Pressefreiheit. Bis dahin war der Presseausweis ein Privilegiennachweis für Menschen, die hauptberuflich dafür bezahlt wurden, journalistisch tätig zu sein.

Und nun zitiere ich noch einmal aus dem Wikipedia-Artikel: „Am 5. Mai 2006 beschlossen die deutschen Innenminister darauf hin, auch künftig „das Erfordernis der Hauptberuflichkeit“ als „Leitbild“ beizubehalten. Aus behördlicher Sicht sei es jedoch „sachgerecht“, auch solchen Journalisten den Ausweis zuzugestehen, „die nicht hauptamtlich, aber quantitativ und qualitativ vergleichbar regelmäßig und dauerhaft journalistisch tätig sind“.“

Wer ist Journalist?

Auf gut deutsch, jeder, der regelmäßig und dauerhaft journalistisch tätig ist, hat das Recht auf einen Presseausweis, auch ohne dafür bezahlt zu werden. So, und hier scheint es, fängt der Kampf um die Privilegien an. Soweit ich das verstehe und auch auf Nachfrage gehört habe, weigern sich die bisherigen Herausgeber dieser Presseausweise, Menschen einen Presseausweis auszustellen, die nicht hauptberuflich damit ihr Einkommen bestreiten. Offenkundig haben sich einige dieser Verbände unter www.presseausweis.org zusammengetan. Dort steht zu lesen: „…und zwar nur an hauptberuflich tätige Journalistinnen und Journalisten. Genau deshalb ist er anerkannt, anerkannt bei Behörden, in den Reihen der Polizei und bei vielen Unternehmen.“

Und tatsächlich, wer also vielfach und überwiegend journalistisch tätig ist,

  • indem er als Rentner/Arbeitsloser/Einkommensloser kontinuierlich einen Blog betreibt, auf dem Informationen aufbereitet werden,
  • an einer regelmässigen regionalen Zeitung mitarbeitet,
  • Bürgerfunksendungen produziert,
  • eigene Webmagazine und Publikationen aufbaut,
  • Bürger- oder Studentenzeitungen mit herausbringt,
  • als freier Journalist Artikel oder Internetbeiträge verkauft, aber davon nicht leben kann

und dies überwiegend und dauerhaft journalistisch tut, erhält nach der Logik der oben genannten Verbände keinen Presseausweis?

Ist das also keine professionelle Arbeit, weil sie nicht hauptberuflich ist?

Und dies in einer Gesellschaft, die den Verlust des Normalarbeitsverhältnisses systematisch ausbaut?

Das entspricht in keinster Form dem Grundgesetz und auch nicht den darauf aufbauenden Beschlüssen vom 5. Mai 2006 – oder doch?

Denn man braucht diese Verbände gar nicht. Der Presseausweis ist nicht geschützt. Daraus folgt, dass jeder sich selbst einen Presseausweis ausstellen oder besser von seinem Medium oder Verein ausstellen lassen kann.

Diese sind ebenso „gültig“ wie alle anderen, wenn sie die oben aufgeführten Kriterien erfüllen.

Hinzu kommt heute noch, dass eine Webseite automatisch mehr Öffentlichkeit haben kann als eine gedruckte Zeitung, weil sie überall sofort und frei verfügbar sein kann.

Zum Teil beklagen dieselben Verbände, dass immer mehr Journalisten gar nicht mehr hauptberuflich davon leben können, sondern sich mit anderen Jobs finanzieren müssen. Und die Künstlersozialkasse spielt auch eine sehr fragwürdige Rolle, wie hier schon geschildert wurde.

Man könnte auch zu der Auffassung kommen, dass der Umgang mit Presseausweisen der unter presseausweis.org zu findenden Verbände eine Diskriminierung gegenüber allen Menschen ist, die journalistisch arbeiten, aber davon nicht leben können oder wollen, zumal der Presseausweis ja Zutrittsrechte und Informationsrechte ermöglichen soll, die man ohne den Ausweis nicht haben soll – oder eben Presserabatte, wie jetzt in den Fokus gerückt ist.

Was kann man daraus lernen?

Zuallererst, dass der  Presseausweis dieser Verbände von presseausweis.org in erster Linie dem Nachweis der Festanstellung und der Hauptberuflichkeit dient und damit keine Aussage über journalistische Qualität und Reichweite getroffen wird.

Und darüber hinaus, dass jeder, der journalistisch dauerhaft – also immer wieder – arbeitet, das Recht auf einen Presseausweis haben sollte – unabhängig davon wieviel er/sie damit gerade aktuell verdient.

Genau an dieser Stelle setzen andere Anbieter an.

Da gibt es www.presseausweis.de, www.presseausweis.com oder auch  www.dpv.org und www.djf-ev.de sowie etliche andere Anbieter. Sie bieten Presseausweise auch für Menschen an, die nicht vom Journalismus leben können oder wollen.

So produziert die Ausgrenzung zugleich einen neuen Markt mit neuen Angeboten für die neuen Formen des Journalismus und der Lebenswirklichkeiten.

Aber das ist noch nicht alles.

Presserabatte und Glaubwürdigkeit

Es hat schon was, wenn Transparency International sich zum Thema Journalistenrabatte äußert und die Reaktionen Bände sprechen…

Kluge und seriöse hauptberufliche  Journalistinnen und Journalisten könnten ja auch mal eine Serie über Privilegien machen, z.B. für Beamte, für Politiker etc. und dies dann als seriös recherchierte Arbeit publizieren statt über die Abschaffung eigener Privilegien zu klagen. Jetzt wäre der Zeitpunkt dafür.

Privilegien will man selten teilen und gerne haben. Und es scheint so zu sein, dass es beim Presseausweis weniger um den Zugang zu Ereignissen geht sondern eher um den Zugang zu Privilegien in Form von Rabatten – für hauptberufliche Journalisten.

Neue Zielgruppen?

Sind Presserabatte Leistungen ohne Gegenleistung?

Haben sich Rabattanbieter davon etwas versprochen wie eine Schere im Kopf, eine gute Presse, gesteigerte Aufmerksamkeit, gute Berichte – wer weiß?

Wenn sich Rabattanbieter jetzt nicht mehr so viel davon versprechen, dann könnte es einen Bedeutungsverlust der Presse geben und die Deutungshoheit liegt woanders oder wird eher digital an anderen Stellen errungen.

So könnten die von den Organisationen der traditionellen festangestellten Journalisten ausgeschlossenen (privaten/nebenberuflichen) Blogger zum Beispiel Teil der neuen Deutungsmacht sein, die man identifiziert hat und die man ansprechen will.

Mal sehen…

Nachtrag: Bei mediummagazin.de ist mittlerweile ein Artikel erschienen mit Stellungnahmen der meisten relevanten Organisationen, der eine fast ideale Ergänzung zu diesem Artikel ist.

Version 1.1

Der Pinsel des Malers oder die Festbrennweite in der Fotografie

Früher hieß der Fotograf Lichtbildner. Darin war die Gestaltung mit Licht enthalten. Die Malerei mit dem Licht, das Malen mit Licht, ist das Wesentliche in der Fotografie gewesen. Dadurch entstehen schöne Fotos. Dabei spielt die jeweilige Optik eine entscheidende Rolle. Die Pinselwahl des Malers entspricht der Optikwahl des Fotografen.

Die Wahl des jeweiligen Bildausschnittes, das Motiv und die jeweilige Schärfentiefe und Tiefenschärfe im Foto ist dann Ausdruck der individuellen Person. Natürlich kann man heute einiges auch digital machen. Aber vieles eben auch nicht. Dazu gehört vor allem das Festhalten des Moments mit einer Festbrennweite, die durch die Lichtführung und die Schärfeführung die Dinge so darstellt wie der Fotograf es bei der Aufnahme auch wollte.

Wie man mit Festbrennweiten „malen“ kann, möchte ich an verschiedenen Bildern zeigen.

Zigarettenrauch – Foto: Michael Mahlke

 

Dieses Bild hat als Thema Rauchen und Stimmung. Wie man sieht ist es in einer Gaststätte aufgenommen. Scharf und richtig freigestellt ist allein der Zigarettenrauch. Alles andere davor, daneben und dahinter ist nicht wirklich scharf aber dennoch so „gemalt“, dass dadurch für das Auge gut sichtbar die Situation mit Licht gemalt worden ist. Aufgenommen mit einer Lumix G2 und 20mm/1,7.

Malen mit Licht und ohne Blitz – Portrait – Foto: Michael Mahlke

 

Dieses Bild ist ein Porträt mit Blumen. Im Hintergrund sehen wir Blumen, die mit ihrer Farbenpracht gemäldeartig eine schöne und natürliche Stimmung erzeugen und im Vordergrund wird die junge Dame mit ihrer ungeschminkten Schönheit und der Natürlichkeit ihres Lachens und ihres Blickes  hervorgehoben. Das könnte ein Maler nicht besser, nur anders. Solche Bilder entstehen aber im Kopf. Man braucht dazu dann Licht, Lichtstärke und das, worum es geht. Aufgenommen mit einer Nikon D5000 und einem 50mm/1,4.

Man muß bei diesem Thema viel ausprobieren, so wie ein Maler viel ausprobiert. Es reicht nicht das Motiv.

Die 5 wichtigsten Steuerelemente sind:

  • Abstand zum Motiv
  • Sensorgrösse
  • Brennweite
  • Lichtstärke
  • Bokeh

Was man bei Festbrennweiten besser nicht tun sollte:

  • Nicht mit Blitz fotografieren
  • Nicht ohne Streulichtblende fotografieren
  • Nicht ungefähr scharfstellen sondern genau

 

Auch wenn wir heute meistens mit einem Zoomobjektiv arbeiten ist die Festbrennweite nicht überflüssig geworden. Vielleicht wird sie zukünftig sogar wieder wichtiger. Neben der „Malerei“ gibt es auch ganz handfeste andere Gründe. Wenn ich zum Beispiel in einer Gruppe eine Person fotografieren will und dies soll in ein Onlinealbum, dann muss ich ja die Persönlichkeitsrechte aller Personen auf dem Foto berücksichtigen. So kann die Tiefenschärfe die Lösung für juristische Fragen werden…

 

mit der Pentax K-r und dem SMC 1:1.2 50mm – Foto: Michael Mahlke

Wie man auf diesem Foto sieht, ist Lichtmalerei tatsächlich möglich. Hier wurde ein älteres manuelles Objektiv, ca. 30 Jahre alt, an eine neuere Kamera gesetzt. Das ermöglicht eigentlich nur das Pentax Bajonett ohne Adapter. Das manuelle Objektiv wurde mit Blende 1.2 und einem Abstand von ca. 50cm eingesetzt. Es zeigt einen kleinen Schärfebereich, wie er für eine so hohe Lichtstärke bei diesem Abstand üblich ist und dann verschmilzt der Rest zu einer wunderbaren Lichtmalerei. So ein schönes Bokeh ist eigentlich nur mit alten Objektiven möglich. In diesem Fall aufgenommen mit einer Pentax K-R und dem SMC 1:1,2 50mm.

Steffen Böttcher hat in seinem nett gemachten Buch „Abenteuer Fotografie“ dies aufgegriffen. Hier ein Zitat aus der Leseprobe bei digitalkamera.de:

Wie man lesen kann, sind gerade ältere Objektive im Bokeh oft besser. Ich wollte darauf an dieser Stelle noch einmal hinweisen, weil gerade viele neue Objektive und Festbrennweiten auf den Markt kommen, zu teilweise für mich nicht mehr nachvollziehbaren Preisen.

Parallel dazu gibt es Kameras, auch DSLRs, die gerade nahezu verschleudert werden für unter 400 Euro im Kit, obwohl sie erstklassige Fotografie erlauben und dazu noch die Möglichkeit bieten, günstig ältere manuelle Objektive zu nutzen.

Es ist an der Zeit den Wert und die teilweise heute nicht mehr erreichbare identische Qualität von älteren Objektiven zu erkennen und die Chance, damit seinen persönlichen fotografischen „Pinsel“ zu finden, um mit Licht zu malen. Denn Festbrennweiten sind die Pinsel der Fotografin und des Fotografen.

Viel Erfolg!

Dieser Artikel wurde überarbeitet und neu publiziert in der Version 1.1.

 

 

Fotografie und Lebenszeit – Nachdenken über die Pause

Wer die Welt durch das Fotografieren entdeckt und beim Betrachten der Fotos die Situationen neu entdeckt, der lebt. Fotografieren ist dabei nicht Selbstzweck sondern Mittel zum Zweck – die Aneignung der Welt, so wie man sie sieht. Fotos halten Momente fest.

Damit ist die Kamera ein besonderes Instrument. Leider entsprechen heute die meisten Kameras nicht mehr meinen fotografischen Anforderungen.

Und das Foto ist natürlich ein besonderes Element der eigenen Lebenszeit. Beim Betrachten eigener Fotos setze ich mich selbst in ein Verhältnis zu der Situation. Ich weiß, sie ist vorbei und dennoch ist sie da. So ist das Leben mehr als Dasein, es ist die Verarbeitung der eigenen Existenz.

Ich bin sehr froh, dass mir Henri Cartier-Bresson und Albert Camus durch ihre Werke geholfen haben, meine Welt durch Schreiben und Fotografieren zu entdecken.

Dazu gehört aber auch die Pause. „Ein Bild ist plötzlich da und beisst dich.“ Dieser Satz von Elliott Erwitt zeigt, dass die Fotografie, die ich meine, nicht erzwungen werden kann.

Und dies ist diametral entgegengesetzt zu der heutigen Welt, die sich in der medialen Öffentlichkeit durch die tägliche Portion digitaler Kost definiert.

  • Sich selbst wahrnehmen,
  • Situationen mit Gefühlen auf sich wirken lassen,
  • das Atemholen und die Pause bewußt wahrnehmen und
  • die Ruhe als Bestandteil und nicht als lästige Überbrückung des Lebens zu sehen
  • Fotografien zuzulassen

Das sind einige der Wirklichkeiten, die es unmöglich machen, ununterbrochen digital tätig zu sein.

Und die fotografische Pause in Theorie und Praxis ist die Voraussetzung für das Erleben der „bissigen“ Situationen.

Man nimmt nur wahr, was man sehen kann, bewahrheitet sich hier.

Nun sind diese Zeilen weder resignativ noch theoretisch. Sie sind höchstens praktisch-philosophisch und sie sind ein Kernelement des fotografischen Lebens.

Diese Pausen kann man übrigens gut nutzen, um sich ein bisschen mit dem Zeitgeist zu beschäftigen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und mir die richtigen Pausen, damit die Fotos so sind wie sie sein sollen und die Gedanken dazu so fliessen, wie es gut ist.

Die „besten“ Fotos – Blicke auf fotografische Wirklichkeiten

Naturkunst - Foto: Michael Mahlke

Womit ist man fotografisch sozial anerkannt innerhalb einer medienwirksamen Gruppe? Der Versuch, diese Frage zu beantworten ist zugleich ein Blick auf Werbung und Wirklichkeit.

Ich wollte hier ein paar Infos wiedergeben, die ich gefunden habe und die Anlass zum Weiterdenken sein können.

Deutschlands beste Fotografen bei Computerbild sind 2011 erfolgreich mit folgenden Kameras:

  1. analoge Kleinbildkamera
  2. Canon Sx200 IS
  3. Panasonic FZ50
  4. Nikon D90

 

Wer von der Fotografie leben will oder muß, der ist laut laif und Peter Rigaud erfolgreich, wenn er/sie folgendes erreicht:

  1. bessere Platzierungen in Magazinen
  2. bessere Preispolitik bei der Gage
  3. das richtige Image (Fotografen-Story) – wie man es macht sieht man z.B. hier
  4. besser Reportagen und Serien verkaufen

 

Die besten Fotos, eine Auswahl verschiedener Ausgewählter:

  1. die besten Fotos der DPA
  2. die besten Fotos vom Sony Wettbewerb
  3. die besten World Press Photos
  4. die besten Fotos vom Lumix Wettbewerb

 

1969 hat Andreas Feininger die Frage beantwortet „Wodurch wird eine Fotografie gut?“

Er schrieb: „Beim Analysieren von Fotos, die ich instinktmäßig als »gut« empfand, fand ich, daß diese Bilder ausnahmslos, obwohl in verschiedenem Maße, vier besondere Eigenschaften hatten:

  1. Aufmerksamkeit zu erregen
  2. Absicht und Sinn zu offenbaren
  3. gefühlsmäßig zu wirken
  4. grafische Gestaltung zu besitzen.“

 

Und nun noch die besten besonderen Listen

  1. Die besten Fotografen aller Zeiten
  2. Die besten internationalen Fotos der Lucie Foundation
  3. Die 100 besten Fotografen mit dem meisten Einfluss
  4. Die besten Fotos von Fotojournalisten
  5. Die besten Fotoblogs 2011 laut Life

Wenn Sie die Verlinkungen aufmerksam studieren, dann werden Sie feststellen, dass man ausserhalb von Deutschland ganz anders auf Fotos schaut und zum Teil auch Fotos bewertet.

So sind die „besten“ Fotos abhängig vom Zeitgeist, den Themen, den Kriterien, den Zielen, den Interessen etc.

Aber dies gilt natürlich nur für Reportage. Werbung, Lifestyle etc. haben andere Ziele.

Und Fotokunst ist wieder anders. „Ein Kunstfoto ist ein Foto, das keinen Zweck erfüllt.“ So lautet eine Sendung bei arte. Und eine andere Sicht auf die beste fotografische Welt.

In diesem Sinne wünsche ich ihnen nur das Beste…

 

Der Fall der Fuji X10 – oder von der Leica CL zur Fuji X10

Foto: Michael Mahlke

Die Leica CL war meine Lieblingskamera von Leica. Sie hatte für mich die richtige Größe und Griffigkeit und ich habe viele Jahre gehofft, dass es einen digitalen Nachfolger gibt. Mir gefällt die Leica CL immer noch. Aber Leben heisst nun mal Veränderung. Mittlerweile habe ich meine Leica CL in die guten Hände eines Analogfotografen abgegeben und hoffe, dass er ebenso viel Freude damit hat wie ich sie hatte.

Ich habe mit der Fuji X10 nun meinen persönlichen Nachfolger für die Leica CL gefunden nachdem die Probleme am Sensor (WDS) in den neu produzierten Kameras behoben worden sind. Da ich der Fuji X10 zunächst eher kritisch gegenüberstand, habe ich sie aus meiner Sicht auf Herz und Nieren in der Praxis geprüft und möchte nun meine praktischen Erfahrungen hier niederschreiben.

Bildqualität – Kleinbild gegen 2/3 Sensor der Fuji X10

Die Leica CL war eine Kleinbildkamera, so wie alle Filmkameras Kleinbildkameras (= Vollformat digital) waren. Und sie war robust und hatte einen optischen Sucher.  Die Fuji X10 hat einen 2/3 Sensor.

Aber ehrlich gesagt entspricht für mich die digitale Bildqualität  der Qualität der früheren Kleinbildfilme. Und durch die Möglichkeit der digitalen Nachbearbeitung sind für mich mit dieser Kamera problemlos Ausdrucke bis A4 oder A3 möglich. Abgesehen davon bin ich persönlich nicht mehr ein bedingungsloser Verfechter des Vollformates/Kleinbildformat. Mir gefallen Fotos mit APS-C Größe oder MFT ebenso gut und nun ist der 2/3 Sensor gut genug, um das zu leisten, was er soll: beherrschbar gute Fotos zu machen auch bei schlechterem Licht.

Und bei einer kompakteren Kamera ist der 2/3 Sensor eigentlich die Antwort auf die meisten Probleme der 1/2,3 Sensoren. Was die 1/1,7 Sensoren nur teilweise lösten (wie z.B. Probleme der Detailtreue bei höheren ISO), hat zumindest Fuji mit dem EXR-Sensor in meinen Augen gut gelöst, nachdem das Problem der weissen Scheiben durch neue Sensoren gelöst worden ist. Ich erinnere in diesem Zusammenhang noch einmal an den Artikel „Wieviel Pixel braucht der Mensch?“.

Davon abgesehen stört mich persönlich etwas Rauschen nicht. Mich stört viel mehr der Verlust von Details in eher konstrastarmen Bereichen oder Unschärfe in scharf fokussierten Bereichen.

Messsucher gegen optischen Sucher

Der Messsucher der Leica CL  ermöglicht das Scharfstellen innerhalb des Suchers. Das ging mehr oder weniger genau aber es ging meistens ganz gut. Bei der Fuji X10 war ich skeptisch, weil in dem Sucher keine Anzeige ist und die Scharfstellung durch eine kleine LED rechts daneben erfolgt. Ich fokussiere einfach mittig und muss sagen, wenn die kleine LED grün wird, dann werden die Fotos auch scharf. (Aber: die Fuji X10 ist keine X100 mit dem großartigen Sucher. Nur ist die X100 einfach wesentlich größer und nicht so flexibel wie die X10.)

Geschwindigkeit

Mit der Leica CL war Fotografieren so wie man es analog kennt. Am Objektiv vorne fokussieren bis es im Messucher scharf ist (mit dem Schnittbildentferungsmesser), dann fotografieren und danach den Film weiterziehen. Bei der Fuji X10 ist es anders. Ich habe das Gefühl einen enorm schnellen und treffsicheren Autofokus zu haben, also einfach gucken, drücken und schon wieder gucken und drücken. Das Speichern in RAW und JPG geht sehr schnell und im Serienbildmodus natürlich noch schneller.

Foto: Michael Mahlke

 

Handling und Griffigkeit

Wie bei der Leica CL kann man auch bei der Fuji X10 so ziemlich alles von Hand einstellen an den aussen sichtbaren Rädchen. Das geschieht sehr schnell. Bei der Fuji X10 führt das Drehen des Objektives dazu, dass die Kamera eingeschaltet wird und die Kamera bereit ist. Die Fuji X10 ist etwas kleiner als die Leica CL.

Sie liegt gut in meinen Händen. Zudem kann man sie mit beiden Händen auch anfassen – so fotografiere ich am liebsten – und das Gehäuse ist nicht so dick. Bei so gut wie allen anderen digitalen Kameras in dieser Größe war es immer so, dass das Objektiv so weit auf der linken Seite war, dass meine linke Hand als zweite Hand nicht richtig zupacken konnte. Das hat Fuji geändert, so dass auch hier dasselbe Handling möglich ist wie bei meiner Leica CL.

Foto: Michael Mahlke

 

Weitere Vorteile der Fuji

Die Fuji X10 löst bei mir nicht nur die Leica CL aus den bisher genannten Gründen ab sondern hat darüber hinaus noch viele andere Vorteile. Und das hängt einfach mit der digitalen Welt zusammen. Die Fuji X10 hat den Monitor und man kann entweder den Monitor zum Fotografieren nutzen oder man kann direkt nach dem Fotografieren die Bilder anschauen.

Sie hat die eingebauten Filmsimulationen und sie hat den EXR-Sensor. Da reichen dann auch 5 bis 6 Megapixel im EXR-Modus, um in speziellen schlechten Lichtsituationen noch Bilder zu machen, die so mit einem analogen Film kaum möglich gewesen wären.

Darüber hinaus gibt es für mich persönlich noch andere Gründe, um die Fuji X10 als vollwertigen Ersatz für die Leica CL zu sehen.

Der wichtigste Grund ist: es macht mir endlich wieder so viel Spaß zu fotografieren wie ich mit der Leica CL hatte.

Für mich hat das Fotografieren auch viel mit dem Gefühl der Richtungsgebung zu tun, welches ich durch das doppelseitige Anpacken und den Sucher habe. Hinzu kommt, dass ich als Brillenträger mich bisher bei digitalen Kameras ausser bei DSLRs weitgehend vernachlässigt fühlte, weil der Monitor mir bei kritischen Situationen nie das Gefühl gab, sicher zielen und treffen zu können.

Und es hat etwas mit dem – aus meiner Sicht – sehr treffsicheren Autofokus zu tun. Ich habe bisher kaum unscharfe oder falsch fokussierte Fotos mit der Fuji X10 gehabt.

Ich glaube, dass die Fuji X10 eine gute Antwort auf die Anforderungen der klassischen Strassenfotografie des 21. Jahrhunderts ist. Sie ist darüber hinaus auch eine Antwort auf die Frage nach einer kleinen und guten Reportagekamera. Als Familienkamera würde ich sie nicht unbedingt nutzen.

Und sie vermittelt in einer aus den Fugen geratenen Welt den Eindruck, dass nicht alles, was früher gut war, heute automatisch schlecht ist, sondern dass das wirklich Gute eben nicht nur neu sondern auch gut ist und dabei das Bewährte sinnvoll um das Neue erweitert wird.

Konrad Lorenz schildert – wenn ich mich richtig erinnere –  in seinem Buch „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ wie schwer es ihm fiel, etwas Altes abzugeben, weil es ein Stück von ihm selbst wurde und wie lange es gedauert hat, bis etwas Neues den Platz einnehmen konnte.

So war auch bei mir die Suche nach einer neuen Kamera lange Zeit nicht zufriedenstellend. Abgesehen davon spielt – zumindest bei mir – auch Geld eine Rolle, denn eine teure Kamera, die so teuer  und evtl. persönlich wertvoll ist, dass sie gehütet wird wie ein Schatz, wäre für mich emotional und finanziell inakzeptabel.

Eine Kamera ist ja kein Liebesersatz sondern ein fotografisches Instrument. Und auch da zeigt Fuji mit der X10, dass eine gute Kamera für den fotografischen Alltag (wie ich ihn verstehe) zu einem akzeptablen Preis auf den Markt kommen kann.

In diesem Sinne „Tschüss Leica“ und „Hallo Fuji“!

Nachtrag am 22.07.2012:

Ich habe die erste Kamera, die auf den Fotos zu sehen ist, zurückgegeben und mir einige Monate später eine neue Fuji X10 mit einem fehlerbereinigten Sensor gekauft. Das Ergebnis ist nun überzeugend für mich. Sie finden es hier. Aber die Kommunikation der Firma Fuji mit ihren Kunden beim Problem der WDS, die ich erlebt habe, hat mich sehr enttäuscht.

Zudem bin ich fest davon überzeugt, dass es nur der weltweiten Nutzung von Social Media über Monate zu verdanken ist, dass dieses Problem überhaupt gelöst wurde.

Ich traue jetzt der Kamera, weil sie einigermassen ausgereift erscheint. Aber insgesamt bin ich nach den Erfahrungen mit Fuji sehr zurückhaltend geworden und werde mir zukünftig erst Kameras kaufen, wenn sie mindestens ein Jahr auf dem Markt sind.

Text Version 1.4

16 Megapixel lohnen bei Kompaktkameras nicht

Alt ist oft besser

Ich war auf dem Flohmarkt. Dort wurden ältere Kompaktkameras verkauft. Egal ob Nikon P4 oder die flache Casio oder eine schicke kleine Sony. Für jede dieser Kameras wollte man maximal 35 Euro geben, obwohl jede über 200 Euro gekostet hat. Das war dem Verkäufer zu wenig. Später verkaufte er die Kameras zum Teil über eine Online-Börse. Da waren die Preise dann etwas höher und das war offenbar ok.

Und wer solche Kameras kauft, der ist nicht dumm. Denn vor kurzem hat  Verena Ottmann in der PC Welt ein Ergebnis ihrer Tests veröffentlicht, das eine einfach Wahrheit ausspricht: 16 Megapixel lohnen nicht bei Kompaktkameras, 10 bis 12 Megapixel sind besser.

Bei 6mpixel.org geht man noch weiter und zeigt, dass eigentlich schon 6 Megapixel das Optimum sind: „Der beste Kompromiss für eine Kompaktkamera ist ein Sensor mit 6 Millionen Pixeln oder besser eine Pixelgröße von > 3µm.“

Das hat natürlich Folgen für das Kaufverhalten und das Fotografierverhalten.

Die Chance des Schnäppchenjägers

Mit diesem Wissen kann man zum Schnäppchenjäger werden. Denn in den letzten Jahren sind relativ viele sehr gute Digitalkameras auf den Markt gekommen, die gerade im Abverkauf sind oder schon waren und daher bei Börsen im Internet wieder auftauchen.

Wenn ich als Suchkriterien eine Kompaktkamera mit 6, 8 oder 10 Megapixel und optischem Bildstabilisator nehme, dann geht es im Prinzip nur noch um die Frage, nehme ich eine Kamera mit dem neueren BSI-Sensor/CMOS oder mit dem älteren CCD-Sensor.

Je weniger Video ich brauche und je mehr pure Fotografie ich will, desto interessanter werden die bewährten CCD-Sensoren. Und damit kann ich mich dann für kleines Geld den kreativen Möglichkeiten der Fotografie widmen.

Pixelpitch als erste Orientierung

Nun geht das alles nur begrenzt. Bei Nikon gibt es eine Seite, die auch zeigt, wie man selbst den Pixelpitch berechnet. Allerdings weist Nikon darauf hin, dass man verschiedene „Generationen“ von Sensoren nicht miteinander vergleichen kann, aber ohne eine Differenzierungsmöglichkeit anzubieten. Daher ist die Feststellung so richtig wie sinnlos.

In diesem Fall hilft sogar die Wikipedia mehr.

Die beste Zusammenfassung habe ich hier gefunden.

So bleibt letztlich nicht viel mehr übrig, als sich das Vergnügen zu machen, dies alles auszuprobieren.

Einen Versuch von mir sehen Sie in dem Artikel über die Sony HX9V und die Lüneburger Heide. Dort ist neben Fotos, die mit der HX9V und 16MP aufgenommen worden sind, am Ende ein Foto, welches mit der Sony WX5 mit 12MP aufgenommen worden ist.

Dieses Foto der Sony WX5 mit 12MP ist in meinen Augen sichtbar besser als das Foto der Sony HX9V  mit 16MP – auch bei 100 Prozent.

Nun bin ich kein Labortester sondern benutze Digitalkameras in der Praxis unter sehr verschiedenen Bedingungen. Aber mittlerweile stimmen meine Erfahrungen mit den Aussagen, die ich hier zusammengetragen habe, so auffallend überein, dass dies schon einen Artikel wert ist.

 

 

Das Auslösegeräusch als Hindernis für leise Fotografie

Foto: Michael Mahlke

Seit Jahren verfolge ich die Debatte um das leise Fotografieren. Dabei geht es darum, dass man unauffällig Fotos macht. Das kann Strassenfotografie sein, das kann aber auch in einer Theateraufführung sein.

Im Prinzip gibt es verschiedene Probleme im Zusammenhang mit dem leisen Fotografieren:

1. Ein Monitor

Wer einmal in einem halb abgedunkelten Raum gesessen hat und mit einem Digitalkameramonitor fotografieren wollte, der weiss, was ich meine. Auffälliger geht es kaum. Automatisch wenden sich andere Zuschauer dem Licht zu. Das geht gar nicht!

2. Eine grosse Kamera

Eine grosse Kamera erfordert immer ein grosses Volumen, beim Transport, beim Anpacken und beim Benutzen. Im Zeitalter der Handys sind grosse Kameras zudem nicht normierte Teile am Menschen. Während Handys in Händern kaum noch wahrgenommen werden, würde man bei dicken Kamerabrocken sofort hinschauen. Das geht gar nicht!

3. Ein lautes Auslösegeräusch

Das lauteste Problem. Alles kann klappen, wenn es keiner merkt. Aber ich war schon sehr enttäuscht über die vielen neueren Kameras – auch Systemkameras – die wie Schüsse knallen, wenn sie auslösen.

Aktuell finde ich die Idee von Nikon sehr gut, die bei der D3100 und der D7000 mit dem Quiet-Modus am besten verwirklicht wurde. Aber auch die Pentax K5 ist sehr leise. Und ich finde die Lautstärke bzw. die fehlende Lautstärke der Fuji X100 sehr gut. Das reicht alles fürs normale Leben, aber für Kirche, Theater oder Wildlife würde es nicht reichen. Dort haben die Tiere feinere Ohren und bei  Chorauftritten oder im Theater oder bei Vorträgen ist oft absolute Ruhe angesagt. Da geht es wirklich nur ganz ohne Geräusche und blitzen ist ebenfalls out.

Bei den Kompaktkameras kenne ich keine lautlose mit optischem Sucher und relativ guter Bildqualität außer der Olympus C70 Zoom, der Canon S80 und der Nikon P6000 – oder in der Gehäusegröße von Systemkameras mit Einschränkungen die Nikon P8400 und die Nikon P7000 und die Powershot G11+G12-G15.

Nachtrag:

Mittlerweile gibt es neue Systemkameras mit Sucher wie die Nikon V1 oder die Panasonic G5 und Kompaktkameras mit Sucher wie die Fuji X10 plus Nachfolger, die auch lautlos fotografieren und lichtstark sind.

2015 sind noch mehr Kameras hinzugekommen, die diese Ansprüche erfüllen. Aber alle Ansprüche erfüllen nicht alle.

So ist zwar das Neue manchmal der Feind des Guten, aber das Alte öfter immer noch besser als das Neue?!

Man kann es auch anders sagen.

Langsam sind einige neuere Kameras so gut wie einige ältere Kameras schon sind.

Nachtrag 2016:

Dieser Artikel erschien ursprünglich 2011. Seitdem wurde er zigtausendfach gelesen. Und 2016 kann ich feststellen, daß nun fast alle Hersteller Kameras mit lautlosem Verschluß anbieten. Geht doch!

Albert Camus und die Fotografie

Albert CamusAlbert Camus war ein kluger Mensch. Er formulierte für die Zeit der Industriewelt in seinen Tagebüchern so viele gute Gedanken, dass das Lesen dieser Gedanken eine ununterbrochene Entdeckungsreise zu sich und der Welt ist.

Dabei hat er gar nicht viel geschrieben. Aber hier zeigt sich, dass weniger oft mehr ist.

Als Historiker und Sozialwissenschafter, Berater und Publizist habe ich immer versucht, die Welt zu verstehen. Und mir war klar, dass ich darüber schreiben muss. Aber irgendwann wurde mir in der Auseinandersetzung mit dem Leben auch klar, dass das geschriebene Wort nicht alles ist. Die meisten lesen wenig, in unserer Gesellschaft ist spätestens durch das Fernsehen das Lesen weitgehend ersetzt worden und Erkenntnis ist eben mehrdimensional.

„Man denkt nur in Bildern. Wenn du Philosoph sein willst, schreib Romane.“ Diese Notiz aus dem Tagebuch von Albert Camus zeigt im Schreiben die andere Dimension. Er schreibt, dass das Denken in Bildern erfolgt. Damit ist das Schreiben die andere Hälfte vom Bild, wie Schwarz und Weiss oder Yin und  Yang.

Aber damit endet die Bedeutung dieser Aussage nicht. In dem schönen Buch „Mit der Kamera sehen, Konzeptionelle Fotografie im digitalen Zeitalter“ von Robert Hirsch kommt dann auf einmal die Erklärung. Robert Hirsch fragt „Was haben Bilder einem Text voraus?“

Er antwortet folgendermaßen: „Ein erfahrener Fotograf kann auf visuelle Weise seine Erfahrungen mit der Welt austauschen. die sich der Beschreibung durch Worte hartnäckig widersetzen. Albert Camus sagte einmal: „Ohne die Rätsel des Lebens gäbe es keine Kunst.“ Worte können zwar das eigentlich Unaussprechliche aussprechen, sie weisen aber auch immer auf ein Bewusstsein jenseits der Sprache hin. Fotos können Empfindungen für ein Motiv ausdrücken, ohne auf dessen körperliche Eigenschaften beschränkt zu sein. Fotos herrschen über Raum und Zeit und ziehen die Betrachter in ihren Bann, ohne dass diese beschreiben können, was sie eigentlich so fasziniert. Sie können uns daran erinnern, wie die flüchtigen Bilder unserer modernen Kultur unser Gedächtnis und unsere Gefühle besetzen und Teil unserer Gedankenwelt werden, die uns eine Identität verleiht und uns in die soziale Ordnung stellt.“

Soweit Robert Hirsch. Er fährt dann fort mit der Frage, was ein Foto interessant macht. Doch dies sollte jeder dann in dem Buch von Robert Hirsch selbst lesen.

Für mich ist bemerkenswert, dass Robert Hirsch genau dort angekommen ist, wo ich ebenfalls angekommen bin: bei Albert Camus. Seit ich die Fotografie entdeckt habe (und nach mehreren Jahren theoretischer und praktischer Anleitung mich aktuell im Stadium der dokumentarisch-publizistischen Fotografie befinde), erlebe ich, dass dies auch das Er-Leben einer Weltsicht ist.

Albert Camus gelingt es durch seine Worte, mir deutlich zu machen, dass die Welt nicht ohne Worte sein sollte, aber hinter den Worten weitergeht.

Camus zeigt mir, dass gerade die Zeit ohne Worte, das Erleben der Sonne, die Sinnlichkeit, für mich wesentlich ist. Nur so kann ich die Absurdität unserer Existenz auflösen, die ja bestimmt ist durch Kopf, Bauch und Sexus im Bewusstsein der eigenen Endlichkeit.

Historisch betrachtet wechseln wir gerade in eine neue Welt. Digitales Denken und digitale Medien bestimmen uns. Statt Zeitungen mit Texten und Bildern gibt es Bilder mit Tönen. Das ist nicht schlechter, es kommt eben darauf an, was ICH daraus mache. Und genau darauf will ich hinaus.

Es ist eine Chance für den einzelnen Menschen, seine absurde Existenz mit Bildern besser zu leben. Insofern gibt die Fotografie uns die Chance, die Rätsel des Lebens besser zu erleben und uns selbst besser zu erfahren.

Nicht umsonst ist das Fotografieren von Menschen so wichtig und fast jeder Mensch kann sich nichts Schöneres vorstellen, als fotografiert zu werden. Dabei geht es eigentlich nicht um Akt oder Erotik, sondern um die Erfahrung seiner selbst durch das Betrachten der eigenen Fotos. Du siehst dich und du siehst dich ganz. Du nimmst dich wahr von aussen, während du dich sonst nur von innen siehst. Du transzendierst dich, um zu dir zurückzukehren.  Die Betrachtung deiner eigenen Fotos gibt dir genau die Sprache ohne Worte, über die ich hier die ganze Zeit schreibe. Dies gilt natürlich für andere Bereiche der Fotografie ebenso, ist aber im Bereich der Porträtfotografie wahrscheinlich persönlich am intensivsten.

So kannst du die Zeit deines Lebens bewusster erleben. Letztlich ist es das Leben von Kunst. Du wirst dein eigener Künstler oder wie es Wolfgang Boesner einmal geschrieben hat: „Die Grenzen von Worten, Philosophien und Religionen werden durch Kunst aufgelöst.“

Doch damit möchte ich diesen Artikel nicht beenden. Aufmerksame Beobachter meines Denkens wissen, was jetzt kommt. Ja, es ist ganz einfach. Wer hat denn die bekanntesten Fotos von Albert Camus gemacht? Richtig, es war Henri Cartier-Bresson. Damit schliesst sich nicht nur der Kreis sondern es öffnet sich dadurch das Tor zu einer neuen fotografischen Welt.

Die Aufgabe der Fotografie bei der Zerstörung unserer Welt

Eine gedankliche Reise zur aktuellen Einordnung einer historischen Situation

Im 21. Jahrhundert erhält die Fotografie neue Aufgaben. Diese ergeben sich schon dadurch, dass das Medium Foto digital geworden ist. Dadurch wird der Pixel die neue Einheit und das neue Arbeitsgebiet. Aber das ist nicht alles.

Menschen sind immer schon die Mörder ihrer Mitmenschen gewesen, wenn man nichts dagegen getan hat. Das liegt in der Struktur unseres Wesens. Einerseits sind wir mit dem Verstand ausgestattet, der uns ein Bewusstsein über uns und die Welt ermöglicht.

Andererseits sind wir eine Weiterentwicklung von Dinosauriern und Einzellern. Der vernünftige Umgang mit unserem Wesen hat in der Geschichte ebenso funktioniert wie der unvernünftige Umgang. Das Soziale ist Schicksal und Chance der Menschen.

So wurden Verfassungen und Gesetze verabschiedet, die der Gier und dem Neid des Menschen Grenzen setzten. Gesetze sorgten für relative Sicherheit und relative Gerechtigkeit und relative Beseitigung der Not. Ein Beispiel für die Erkenntnisse des menschlichen Charakters und die Umsetzung in einer Verfassung ist das Grundgesetz. Andere Versuche waren die Bleiwirtschaft in Sparta, das Losverfahren bei demokratischen Wahlen in Griechenland etc. Dies alles und noch viel mehr ist in der Geschichte zum Teil erfolgreich ausprobiert worden.

Zeit der Entscheidungen

Doch etwas ist hinzugekommen. Das 21. Jhrdt. ist die Zeit, die der Menschheit durch ihr eigenes Handeln die gesamten Lebensgrundlagen weltweit rauben kann.

Das ist eine neue Dimension und diese ist nicht verhandelbar (aktuelle Beispiele sind die Erdölpest im Golf von Mexiko im Atlantik im Jahr 2010 und die atomare Verseuchung in Japan im Pazifik ab 2011). Dieser Prozess ist schleichend mit katalysatorischen Momenten. Denn nach dem Ablassen des verseuchten Wassers in Japan werden die Fische und die degenerierten Gene erst in den nächsten Jahren aus dem Meer auf unsere Tische kommen und zum Schluss uns krank werden lassen …

Dies wissen einige Menschen, dies weiß auch ein Teil der Politik. Aber der Vorhang der Massenmedien, das Wirtschaftssystem und die Machtverhältnisse sorgen dafür, dass sich fast nichts ändert.

Als ich in den 80er Jahren Seminare zum Thema „Global denken – vor Ort handeln!“ gab, wurden Szenarien entworfen: Was passiert in 30 Jahren, wenn nichts passiert? Es war klar, es wird nicht so weitergehen, wenn es so weitergeht. Die Szenarien des Club of Rome und Bücher wie „Friedlich in die Katastrophe“ von damals sind eigentlich alle eingetreten, selbst der atomare GAU, der nach Tschernobyl nun mit Fukuschima grosse Teile Japans und der Weltmeere umfasst und so bei uns im Körper landet.

Damals fragte man auch, was eigentlich passiert, wenn die Chinesen auch so leben wollen wie die USA. Heute wollen immer mehr Chinesen so leben und das Ergebnis hat sehr eindrücklich Wang Jiuliang für die Region um Peking mit Fotos dargestellt.

Diese Tendenzen werden Ende 2011 auch bestätigt. Aber das weiß man natürlich schon länger. Sehr gut ist dies bei Home dokumentiert (bis auf die makabre Werbung zu Beginn…).

Und sogar beim ZDF – öffentlich-rechtlich – macht man da mal eine Sendung zu, die dokumentiert und eine Fotostrecke hat.

Und 2012 hat der Club of Rome auch noch einmal darauf hingewiesen, dass leider die Prognosen von der Wirklichkeit noch übertroffen werden.

Aktuell ist der Zeitgeist trotz gegenteiliger Beteuerungen darauf ausgerichtet, so weiterzumachen. Die letzte Rettung scheint sich mittelfristig im Besuch von Ausserirdischen oder der Entwicklung des Raumschiff Enterprise zu verfestigen.

Noch ziehen die Vögel gen Süden, Treffen der Schwärme über Wermelskirchen mittags am 5.11.2011 – Foto: Michael Mahlke

Fotografisch betrachtet gab es noch nie so viele Fotos.

Welche Aufgabe hat die Fotografie in dieser Zeit?

Eine Antwort beruht sicherlich auf der Hoffnung, dass das Dokumentieren der aktuellen Zustände etwas nützt.

Wer so denkt, der wird aber hinter den Fotos nicht aufhören können. Er oder sie wird Fotos und daraus entwickelte Produkte wie Slideshows, Multimedia etc. in die gesellschaftliche Diskussion einbringen müssen. Dazu gehört die systematische Veröffentlichung im Internet und der Versuch, in vorhandenen Massenmedien und neuen Medien dies vielfach zu veröffentlichen. Und dann muß man selber mitmachen und nicht auf die anderen warten. Dies geschieht zum Teil seit einigen Jahren in aktuellen politischen Krisen wie wir gerade in Nordafrika und Arabien erleben. Aber es sind fast nur Bilder unserer bisherigen Probleme: poltische Systeme, Gewalt, Kämpfe. Das größere Problem der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen spielt als Ast, auf dem wir alle sitzen, auch dabei noch keine große Rolle.

Eine andere Antwort kann auch darin bestehen, dass man mit dem Elend Geld verdienen möchte ohne sich zu engagieren. Einige nennen dies auch Opferfotografie.

Und es geht noch tiefer. Solange z.B. aktuelle IT vielfach nur mit den Folgen der Zerstörung von Natur und Menschen gebaut werden kann, wird die Menschheit an den Folgen von Werbung und Massenmedien und Statussymbolen in alter Form langsam zugrunde gehen.

Die eigene Endlichkeit, das Denken in Status, Gier und Abgenzung, die Angst vor dem Unbekannten und vieles mehr, die trainiert werden, tun ihr übriges.

Es geht bei all dem nicht um die Frage, ob wir die Erde retten. Die Erde existiert auch ohne Menschen, aber wir existieren nicht ohne Erde und die darauf für uns vorherrschenden Lebensgrundlagen.

Für Deutschland gedacht:

Ganz deutsch gesprochen: Man stelle sich vor, öffentliche Gelder wie die GEZ-Gebühren würden z.B. genutzt,

um für Kostendeckung statt Gewinnorientierung zu werben oder
für einen neuen Leistungsbegriff, bei dem derjenige mehr erhält, der mehr für andere und die Natur tut, oder
für Patente, die ohne privaten Gewinn der Menschheit zur Verfügung gestellt werden, um die Grundprobleme zu lösen

statt die Risiken der Banken zu sozialisieren und die Gewinne zu privatisieren,
statt die Sozialsysteme und damit die Demokratie zu zerstören,
statt die Förderung schlechter Technik zu fördern,

was wäre dann schon medial möglich…

Fotografie neu gedacht

Damit zurück in die Welt des Geistes. Real ist die aktuelle unbeherrschbare Zerstörung, weil es kein weltweites Teilen gibt und keine systematische Beschränkung von Macht. So ist die Welt. Wenn wir davon ausgehen, dass sich die Menschheit nicht ändert, dann rettet uns nur die eigene biologische Endlichkeit vor der Übernahme echter Verantwortung für die Zukunft der Menschheit. Das kann sogar erleichternd sein.

Die Fotografie kann die bewohnbare Welt nicht retten, aber sie kann die Folgen unseres Handelns sichtbar machen. Insofern ist sie – ob kommerziell oder ideell – ein Teil des aktuellen Zeitgeistes. Es gibt keine Weltregierung, es gibt keine Menschheitsinteressen und es gibt keine Lösung ausserhalb von uns selbst.

Dies sind die Bedingungen unserer Existenz. Die Fotografie ist Teil davon. Sie kann sich engagieren oder die schöne Illusion einfangen. Aber sie ist mehr als nur eine digitale Droge.

Sie ist die Chance, Einfluss zu nehmen oder zu lassen. Fotografie ersetzt nicht das Engagement, sie gehört als Mittel dazu. Und die Fotografie hat ein Alleinstellungsmerkmal: sie ist international verstehbar ohne Worte.

Natürlich gibt es immer auch kulturelle Symbolik, aber das Foto kann eine Botschaft sein, die ohne Worte auskommt und zwar weltweit. Das macht sie einzigartig.

Und man darf sie nicht überschätzen. Wir haben in Deutschland alle die Bilder gesehen, als führende Klimapolitiker mit einem Hubschrauber zu einem Eisberg flogen, um symbolisch etwas für den Klimaschutz zu tun (!). Die Chancen stehen also weltweit und gerade in den industriell geprägten Ländern nicht gut, um sich selbst zu retten trotz Bilder und Videos.

In den letzten Jahrzehnten gab es einige Fotografinnen und Fotografen, die unterwegs waren. Sie haben sich vielfach engagiert, ob als Kriegsreporter oder für NGO´s oder auch nur, um in ihrem Land verbotene Wahrheiten ans Licht zu bringen. Aber welche Wirkung hatten sie? Es kommt natürlich darauf an.

Nun gibt es neue Fotografen, die die Zerstörung der Natur dokumentieren. Reicht dies oder wird das Bild nicht erst durch das Engagement danach zu mehr?

Die Frage greift zu kurz, weil nicht überall Pressefreiheit und Meinungsfreiheit herrscht. Und dennoch ist es die richtige Frage, denn sie zeigt, dass Fotos wichtig sind und Pressefreiheit unersetzlich ist. Und deshalb ist Pressefreiheit als Voraussetzung für Fotografie wichtiger als jemals zuvor.

Es geht nicht so weiter, wenn es so weitergeht

Mittlerweile gibt es die weltweite Occupy-Bewegung, die sich gegen die Banken richtet und hoffentlich das allgemeine Unbehagen weiterträgt.

Aber letztlich ist es auch eine Frage des Überlebens der menschlichen Rasse. Mittlerweile haben wir 7 Milliarden Menschen. Das kann sich schnell ändern wie die menschliche Geschichte gezeigt hat. Darauf hat u.a. Frank Fenner hingewiesen.

Vor 30 Jahren haben wir gewusst, was passiert, wenn nichts passiert. Ich selbst habe Seminare dazu gegeben. Aber so wunderbar die Gabe des Wissens ist, so wenig hat sie doch Macht über das Geschehen, wenn es die Menschen nicht interessiert. Aktuell sehen wir, wie es passiert.

Und wer in Geschichtsbüchern gelesen hat, der weiß, es ist nicht unvorstellbar, dass es eine neue Völkerwanderung gibt. Wenn nur 100 Millionen Menschen vor den Türen Europas oder Russlands oder der USA stehen, dann wird man wohl ein echtes Problem haben…

Menschen ändern ihr Verhalten überwiegend nur, wenn der Leidensdruck steigt. Dies alles wird die Fotografie dokumentieren können. Sollte die Menschheit dies überleben, dann werden Fotografien diese Geschichten erzählen ebenso wie andersrum vom Untergang – aber wem?

Bildung und Aufklärung

Die Voraussetzung für verbessernde Veränderung ist einerseits Bildung und Aufklärung und andererseits Leidensdruck. Das lehrt die Geschichte. Soziale Absicherung, repräsentative Demokratie und Transparenz sind die wichtigsten Ziele  und eine dauerhafte Herausforderung.

Das ist der Weg, der auch das Ziel wäre. Die Fotografie kann dies begleiten, übrigens auch multimedial.

Doch dokumentiert sie aktuell eher das Gegenteil, so dass es wichtig ist, in den Bilderfluten ihre wichtigsten Aufgaben nicht zu vergessen: sich fotografisch einmischen und selbst mitmachen!

Dieser Artikel wurde ursprünglich in etwas kürzerer Form schon im April 2011 publiziert und mehrfach erweitert, weil dieses Thema sich entwickelt, Version 1.3.