Monthly Archives: November 2016

Fred Herzog Modern Color

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Solche Fotos habe ich noch nicht gesehen. Sie erzählen etwas über Zeitgeist, Fotografie, den Unterschied von Monochrom und Farbe und über ein Leben, das Leben von Fred Herzog.

In einem umfassenden Buch aus dem Hatje Cantz Verlag wird Fred Herzog vorgestellt. Beruflich in der medizinischen Fotografie tätig, privat mit der Kamera unterwegs. Seine Fotos erzählen aus seiner Sicht über die Welt, in der er lebte.

Er lebte in Vancouver und deshalb enthält dieses Buch einen zusätzlichen Essay von Jeff Wall.über Vancouver in den Fotografien von Fred Herzog. Hinzu kommen sehr informative Texte von David Campany und Hans-Michael Koetzle.

Gerade die Nutzung von Farbe zu einer Zeit als die Reportage in Schwarzweiss fotografiert wurde, läßt uns heute auf fast gemalte Fotos blicken. Sie sind sehr detailliert fotografiert. Obwohl es auch Fotos mit Bokeh gibt, sind die meisten Fotos von vorne bis hinten scharf und beinhalten mindestens zwei Ebenen mit vielen Details auf jedem Foto.

Hinzu kommt ein Selbstporträt aus dem Jahr 1959.

Dort wird sichtbar, daß Fred Herzog kein Blitzer sondern ein Maler mit Licht war. Er nutzte die Sonne, um sich selbst einen Rahmen zu setzen, der so ausgeleuchtet ist und darin befindet er sich selbst – toll!

Er scheute sich nicht die Verschiedenheit auch verschieden zu zeigen.

Mich persönlich faszinieren besonders Fotos wie die mit dem Titel Boys Wrestling.

Sie zeigen nicht nur kämpfende Jungen sondern sie zeigen auch das Umfeld und lassen viele Rückschlüsse zu auf die Welt, wo dies so passiert. Es sind ungeheuer interessante Fotos.

Man merkt dem Buch an, daß es einer Person gerecht werden soll. Daher ist es auch gut gebunden und groß genug gedruckt, um auch noch in 30 Jahren wirken zu können.

Es sind die Themen des Alltags im öffentlichen Raums, die Herzog uns zeigt und die seine Aufmerksamkeit gefunden haben. Heute könnten wir ähnliche Situationen aufnehmen aber das Umfeld wäre zivilisatorisch anders. Neben seine Fotos gelegt würden sie uns die Differenz von gestern zu heute deutlich machen.

Aber das Ganze hat noch eine andere Dimension.

Nicht alle Fotos sind aus Vancouver aber ein erheblicher Teil.

Jeff Wall hat dazu über Fred Herzog folgendes geschrieben: „„Das soll nicht heißen, dass es nicht Fotografen gibt, die dazu in der Lage wären, dasselbe wie er zu schaffen und mit behutsamer Zuneigung jene Straßen, Eingänge, Hinterhöfe und Schaufenster einzufangen. Es geht viel eher darum, dass man, um diese Zuneigung zu empfinden, auch etwas benötigt, das sie verdient.“

Und er schreibt weiter: „Was diese Objekte der Zuneigung ersetzte, sind Gebilde, die dieses Gefühl nicht mehr auslösen können, da sie es nicht beinhalten. Es wurde ihnen nicht mitgegeben, als man sie schuf.“

So sind die Fotos von Fred Herzog zugleich Dokumente einer Zeit, die vorbei ist.

Aus Fotos wurden Geschichten aus dem Alltag einer Stadt, einer Zeit, eines Menschen auf der Suche.

Es ist ein Buch, das man nicht nur einmal aufschlägt, denn es lädt auch dazu ein, detailliert und länger einzelne Fotos zu betrachten.

Ein einziges Foto in dem Buch ist aus Deutschland, Loco in Rain von 1952 in Schwarzweiss. Es ist nicht so schön wie die farbigen Fotos.

So zeigt uns dieses Buch aus dem Hatje Cantz Verlag die Welt des Fotografen Fred Herzog, der mit seiner Kamera durch seine Lebenszeit ging und das festhielt, was ihn in einem Moment fesselte.

Es war Streetfotografie vor der Streetfotografie, es war Farbfotografie vor der Farbfotografie, es war detaillierte Fotografie vor der Makrofotografie, es war seine Fotografie und keine Auftragsfotografie.

Still erzählen uns seine Fotos aus seinem Leben mit der Kamera und es ist sehr schön, daß wir seinen Blicken folgen können und so eine Welt sehen, die schon lange vorbei ist und doch ein wenig an heute erinnert.

Ein schönes Buch, in das man gerne seine Lebenszeit investiert.

Es ist im HatjeCantz-Verlag erschienen.

Fred Herzog

Texts by David Campany, Hans-Michael Koetzle, Jeff Wall

German, English

2016. ca. 320 pp., ca. 230 ills.

27.00 x 27.30 cm
hardcover

ISBN 978-3-7757-4181-1

 

Die Welt des weißen Mannes in den USA – Palm Springs 1960 von Robert Doisneau

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Es ist das Buch, das gefehlt hat.

Als Robert Doisneau in den USA war, machte er Farbfotos. Er war ein Meister der Beobachtung und gilt als einer der Vertreter der humanistischen Fotografie.

Rückblickend ist sein Buch über Palm Springs das gut beobachtete Sittengemälde der Vorzeigewelt des weißen Mannes und der weißen Frau im Amerika der 60er Jahre.

Das Buch ist sozialdokumentarisch grandios und ein wahrer Glücksfall, weil nur ein Fotograf wie Doisneau über die Beobachtungsgabe verfügte und die kulturelle Distanz, die nur den Fremden sehen lassen, was für den Eingeborenen alltäglich und selbstverständlich ist.

Gemischt mit der Geometrie der visuellen Grammatik ist ein kleines großes Buch erschienen, das ich als direkte Ergänzung des Buches von Robert Frank sehe.

Wo Robert Frank die Zerrissenheit zwischen Sein und Sicht zeigt, fotografiert Doisneau die gelebte amerikanische Traumwelt des weißen Mannes und der weißen Frau.

Doisneau zeigt den konstruierten amerikanischen Traum, der in der Wirklichkeit der USA bei Frank nur als Hoffnung in den Gesichtern der Menschen zu sehen ist.

Es sind materialisierte Träume, die wir bei Doisneau sehen, während Frank uns die unerfüllte Sehnsucht nach diesem Traum in den Blicken der Menschen zeigt.

Das Buch ist bei randomhouse noch zu haben.

 

Smarter fotografieren ohne Smartphone und mit Sucher

Kunstpause - Foto Michael Mahlke

Kunstpause – Foto Michael Mahlke

Aktuell werden ca. 80% aller Fotos mit Smartphones und 20% mit Digitalkameras aufgenommen. Die Smartphonefotos sind Fotos, die Teil der visuellen Kommunikation sind. Es sind nicht die Fotos, die nur mit speziellen Digitalkameras aufgenommen werden können.

Und es fehlt der Sucher.

Ich habe diesen Sommer viel mit elektronischen Suchern in Digitalkameras fotografiert. Sobald die Sonne blendete und ich den Monitor kaum noch erkennen konnte wechselte ich auf den Sucher und konnte darin fast genauso wenig sehen, weil er nicht richtig abgeschottet war. Nur wenn ich die Hand schützend über den Sucher legte hatte ich klare Sicht.

Das war bei optischen Suchern besser und so wurde mir klar, daß das Neue nur neu ist aber nicht unbedingt auch besser.

Das ist eben auch so eine 80:20 Regel. In 80% Prozent aller fotografischen Situationen sind die neuen elektronischen Sucher ok, aber in den entscheidenden 20% aller Situationen ist der optische Sucher besser wie z.B. starke Sonne, viele verschiedene Lichtquellen oder maximale Unauffälligkeit.

Daher bin ich ganz froh, daß ich noch ältere Digitalkameras nutzen kann wie die Fuji X10.

Damit bin ich aber raus aus dem Rennen zum Thema neuste Technik und drin im Thema wie fotografiere ich authentisch?

Stattdessen bin ich immer up to date, wenn ich smart berichte über zeitlos gute Dinge. Zeitlos bedeutet, es sind Fotos und Themen, die authentisch aus ihrer Zeit berichten oder heute brennen aber nicht unbedingt prominent waren. Zeitlos gut sind z.B. die Fotos von Friedrich Seidenstücker.

Daher erscheinen hier eher wenig Artikel über neuste Technik, dafür aber aktuelle Artikel über gute alte oder neue Fotografie in sozialen Zusammenhängen.

Auf der Photokina dieses Jahr hatte ich ein sehr intensives Gespräch mit einem kompetenten Mann, dem ich sagte, daß ich nicht verstehe, wieso mir Kamerahersteller nie langfristig Kameras zur Verfügung stellen sondern lieber über ihre PR-Agenturen Frauenblogs oder reine Technikblogs unterstützen und dort auch werben. Es gab eine Zeit, da hat es mich sehr frustriert, daß ich hier alles privat bezahlen muß. Der Mann lachte und sagte zu mir: „Ich kenne ihre Blogs und die stehen für sich voller Kompetenz, Authentizität und Engagement. Wollen Sie sich wirklich davon abhängig machen, daß man Ihnen für sechs Monate eine Kameraausrüstung für 2000 oder 3000 Euro zur Verfügung stellt und Sie dann gezwungen sind, ihre ganze Arbeitsweise davon abhängig zu machen? Und was haben Sie denn letztlich davon außer Abhängigkeit ohne echte Gegenleistung?“

Diese Worte taten mir richtig gut und das war die Befreiung. Der Mann hatte so was von Recht, daß ich ihm mit diesen Zeilen noch einmal unbekannterweise danken möchte – zumal hier im Schnitt täglich gut 5000 echte Besucher auf den Fotoblogs lesen.

Und nun?

Fotografieren nach dem Weltuntergang in unserer Endzeit kann für mich bedeuten, das Humanistische in trostlosen Zeiten festzuhalten.

Es gibt ja keine Alternative dazu, weil die eigene biologische Lebenszeit klare Grenzen setzt und die politischen Bedingungen aktuell sozial nur Unsicherheit schüren.

So ist dieser Artikel eine Skizze wie auf einem Blatt Papier, die dazu dient, einen Blick darauf zu werfen und sich dann zu entscheiden ob, ob hier oder ob nicht…