Monthly Archives: Oktober 2016

Berlin.Backstage von Markus C. Hurek

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„Sowie man Berlin betritt, ist es mit Schick und Eleganz vorbei“, schrieb einst Theodor Fontane. Dass das heute, je nach Wahrnehmung und Fokussierung nicht anders ist, beweisen die Fotografien von Markus C. Hurek. Ausgestattet mit der Kamera und dem Blick für das Schräge, hat er das grandiose Elend dieser Stadt eingefangen. Eine wahre Orgie des (liebenswert) Hässlichen statt glamouröser Stadtansichten – Berlin Backstage, Bilder einer (ganz normalen) Großstadt.“

So beschreiben Autor und Verlag das Buch. Es ist ein kleines und feines Buch, das Blicke auf die Wirklichkeit und soziale Realität jenseits der schönen Straßen zeigt. Dort leben die Menschen und dort finden sich die Situationen, die alltäglich sind und doch nicht wahrgenommen werden.

Markus C. Hurek schafft es, jede Seite interessant zu gestalten. So ist das Berlin, wo man lebt, wenn man nicht woanders lebt.

Weil das Sein auch das Bewußtsein bestimmt, deshalb bestimmt das architektonische Dasein auch unser soziales Handeln und unsere Architektur wird Ausdruck unseres sozialen Daseins.

Dies alles kommt in diesem kleinen Buch sehr gut zum Vorschein.

Es erinnert mich sehr an meine Stadtansichten.

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Wie man sieht ist das Buch von Herrn Hurek noch kleiner, aber ebenso fein.

Ohne Glanz und Gloria aufgenommen handelt es sich eher um Bücher, die das konzentrierte Dasein zeigen und das geschieht eben klein, weil es keine Gönner gibt, die es groß produzieren lassen und/oder keine Käufer, die ihren eigenen Alltag nun auch in Buchform haben wollen. Sie entfliehen ja auch meistens in die digitale Welt, um ihrem Bewußtsein genau das zu zeigen, was sie draussen nicht sehen.

So ist die Welt und deshalb sind solche Bücher Dokumentationen und auch Antworten auf die Veränderungen in der sozialen Landschaft als Gegenstück zur architektonischen Welt um uns herum.

Warum gibt es in Elendsvierteln so viele Fernseher?

Markus C. Hurek zeigt uns diese Elendsviertel in Berlin, die dort Betonwüsten heißen.

„Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genau so töten wie mit einer Axt.“

Dieser Satz stammt von Heinrich Zille, der in Berlin lebte und damals schon wußte, was bis heute dort und woanders geschieht.

Aber sein Buch hat auch versucht, die untergehenden kleinen sozialen Treffpunkte einzufangen. Es sind fast liebevolle Fotos, die diese Reaität so einfach zeigen wie sie ist.

Mir gefällt sein Büchlein sehr und das fiel mir gar nicht schwer.

Es ist in der Edition Braus erschienen.

ISBN 9783862281480

Durch den Osten – was war, was ist, was bleibt? von Kai Stefes

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„Ich habe zwei Systeme durch eigenes Erleben kennengelernt und den Wandel von dem einen in das andere. Der normale Westdeutsche hat dies nicht und wird diese Erfahrung auch nicht nachholen können.“

So endet das Buch mit einer Aussage eines von Kai Stefes befragten Deutschen in der ehemaligen DDR. Es ist ein wunderbares Buch. Ein Westdeutscher begibt sich als Gesamtdeutscher mit einem ehemaligen DDR-Motorrad – der MZ – auf eine Reise durch die östlichen Bundesländer.

Das Buch ist mit viel Liebe gemacht und authentisch. Es wechseln sich Reisebeschreibungen mit kleinen Farbfotos und Schwarzweiss-Fotos aus einer analogen Pentacon ab. Einige der Menschen, die Kai Stefes auf der Reise getroffen hat, wurden von ihm befragt und die Antworten zeigen die Vielfalt, die bis heute herrscht.

Das Buch ist eine Lust für die Augen und eine Leselust. Der Autor und Fotograf geht sehr direkt auf die Motive und Menschen zu und dies macht aus dem Buch auch ein direktes Erlebnis für Auge und Geist.

Wir sehen die Schönheit der Landschaften, Aufbau und Zerfall, lesen über viele Entdeckungen und treffen Menschen. Kritik an der DDR kommt nicht zu kurz aber Kai Stefes fängt mit seiner Offenheit auch die neuen Wahrnehmungen ein.

Wenn ich seine Fotos sehe, dann hat der Osten Deutschlands sehr viele schöne Landschaften, die im Westen nicht zu finden sind.

Aber wenn ich sein Buch gedanklich rumdrehe und an den Westen denke, dann finde ich hier und heute mindestens ebenso viele kaputte, unrenovierte, heruntergekommene Örtlichkeiten. Und Plattenbauten heißen hier nur anders und sind bis heute in jeder Form und Farbe dort zu finden, wo viele Menschen in der Industrie beschäftigt waren – wie in der DDR.

Es ist dadurch auch ein Buch, das eigentlich zeigt, wie weit der Lack im Westen schon ab ist. Und das hat wenig mit der Wende zu tun.

Wenn ich es etwas bissig ausdrücken würde, würde ich einen Satz aufgreifen, den ein Mann aus Bautzen über die DDR in dem Buch geäußert hat: „Es gab immer genug zu essen, es muste niemand hungern, aber das war es im Großen und Ganzen.“

Dabei denke ich heute an Hartz 4 und würde zum Tag der Deutschen Einheit aus gesamtdeutscher Sicht sagen, wie recht der Mann damit hat.

Kai Stefes hat ein Buch gemacht, das aktuell ist und viele Antworten enthält auf das, was hier parallel läuft und teilweise nicht gesehen wird.

Wer mit einem westdeutschen Blick in den Osten reist, der hat nicht verstanden, daß es den Westen nicht mehr gibt und das neue Deutschland im Westen und im Osten sich verändert hat.

Ostdeutsche vergleichen das heutige System eher mit der Stasi-Überwachung und finden dann, heute sei es schlimmer und sie vergleichen ihre damalige echte soziale Sicherheit und die Gleichbehandlung von Mann und Frau mit der heute gelebten Scheinheiligkeit. Sie wissen mehr und haben mehr erlebt.

Deshalb ist dieses Buch und die Reise von Kai Stefes nicht nur eine Reise in die ehemalige DDR sondern ein wunderbarer Spiegel für die massenhaften Defizite der neuen BRD bzw. des neuen Deutschland.

Darüber könnte man zum Tag der Deutschen Einheit einmal nachdenken. Dieses Buch eignet sich wirklich sehr dazu.

Gut gemacht und gut fotografiert.

Das Buch ist im Westkreuz-Verlag erschienen.

Durch den Osten von Kai Stefes

ISBN: 978-3-944836-26-3