Aufruhrgebiet. Uproar Area von Michael Kerstgens

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1987 war der Krupp-Stahlarbeiterstreik in Duisburg-Rheinhausen. 2016 erscheint dazu ein Buch mit Fotografien von Michael Kerstgens. Das Buch ist wirklich gut und sehr authentisch.

Es zeigt mit den Fotografien, die er damals aufnahm, wer, wo und wie damals etwas machte und welcher Zeitgeist vor Ort herrschte. Hinzu kommen einige sehr gute Aufsätze.

Stefan Berger schreibt über Gewerkschaften und Soziale Bewegungen, Theo Steegmann als ein Hauptakteur „von unten“ über seine Erfahrungen und Christoph Fasel beschreibt das Ende im Walzwerk Hagen 1993, dem letzten Werk aus der „Kampfzeit“.

Für viele ist die Welt der metallverarbeitenden Industrie eine unbekannte Welt, selbst wenn sie vor der eigenen Haustür liegt. Die Härte des Materials, die Härte der Arbeitsumgebung und die Nüchternheit des funktionalen Miteinanders lassen keine Herzenswärme aufkommen. Und das „Wir“ der Arbeiterbewegung inklusive der Gewerkschaftsbewegung als Kampf für bessere soziale Verhältnisse minimierte sich umso mehr wie die Sozialgesetze Tarifverträge ersetzten.

Im Ergebnis war der Kampf um Rheinhausen der Anfang vom Ende. Erst starb die Stahlindustrie im Sinne des wichtigsten Arbeitgebers für gute Arbeit und später ging es dann in der metallverarbeitenden Industrie weiter.

Die ungeschönten Aufnahmen in Schwarzweiß zeigen die Menschen und die Arbeit so wie sie damals waren. Sie waren im öffentlichen Raum noch so wie man sie auch am Ende der Dreißiger Jahre sehen konnte, nur der Arbeitsschutz und die Bezahlung waren dank Gewerkschaften besser.

„Es war eine Bewegung von unten, die nicht von der IG Metall initiiert wurde“, schreibt Stefan Berger. Aber der Mythos von Rheinhausen ist dennoch mit der IG Metall verknüpft, weil damals so gut wie alle in der IG Metall waren und die Organisation deshalb gar nicht anders konnte als hinter ihren Mitgliedern herzulaufen.

Aber das ist vorbei. Geblieben ist eine Dokumentation dieser Zeit, die ich nur loben kann. Michael Kerstgens zeigt hier die Dinge so wie sie waren bei sozialen Kämpfen in der alten Bundesrepublik. Sozialer Kampf ist Alltag auf dem Flur, im Büro, bei Versammlungen und auch mit der Öffentlichkeit aber nicht nur in der Öffentlichkeit. es ist das WIR.

Auf den Fotos sehen wir ausgemergelte Menschen, die immer gearbeitet haben und nun dafür kämpfen, daß sie weiterarbeiten können und ihre Kinder ebenso eine Arbeit finden können – mit Tarifvertrag und der IG Metall.

Wenn Theo Steegmann schreibt „Ja, es hat sich gelohnt, sich zu wehren!“ dann zeigt dies die Machtverhältnisse. Es gab nach dem sozialen Kampf mehr Übergänge und bessere Lösungen als ohne die sozialen Kämpfe. Aber es endete eben auch 1993 im Walzwerk in Hagen wie wir in dem Buch dann auch sehen können, wenn die letzte Schicht fotografiert wurde.

Das Buch dokumentiert detailliert und zugleich mit großen Linien das Ende der großen Zeit der westdeutschen Stahlindustrie und des Wohlstands des kleinen Mannes, dem dann später mit Hartz 4 das Genick gebrochen wurde.

Es ist beeindruckend gut und bei Peperoni-Books erschienen.

Michael Kerstgens

Aufruhrgebiet. Uproar Area

160 Pages
21 x 28 cm
BW-images throughout / Duoton
With text records by Stefan Berger,
Christoph Fasel and Theo Steegmann
English, German
978-3-941249-02-8

Das Buch ist auch Teil einer Ausstellung, die aktuell in Oberhausen zu sehen ist.

 

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