Dokumentarfotografie – was ist Dokumentarfotografie?

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Was ist denn nun eigentlich Dokumentarfotografie?

Wenn Fotos eingeordnet werden sollen wird die Frage wichtig, zu welcher Art der Fotografie ein Foto denn nun gehört. Und wenn ich wissen will, was ich warum fotografiere ist dies ebenso entscheidend.

Wenn ich meinen eigenen Artikel von 2011 zu diesem Thema durchlese, dann hat Dokumentarfotografie heute eine teilweise neue Richtung bekommen.

Ich würde sagen vom Dokumentieren eines Ausschnitts aus der Wirklichkeit geht es zur Darstellung des Dokumentarischen bis zur dokumentarischen Darstellung.

Was heisst das?

Im Lateinischen hieß documentum beweisende Urkunde.

So sollte Dokumentarfotografie beweisen, daß etwas geschehen ist.

Das hat sehr gut die englische Wikipedia formuliert:

„The figure most directly associated with the birth of this new form of documentary is the journalist and urban social reformer Jacob Riis. Riis was a New York police-beat reporter who had been converted to urban social reform ideas by his contact with medical and public-health officials, some of whom were amateur photographers. Riis used these acquaintances at first to gather photographs, but eventually took up the camera himself. His books, most notably How the Other Half Lives of 1890 and The Children of the Slums of 1892, used those photographs, but increasingly he also employed visual materials from a wide variety of sources, including police „mug shots“ and photojournalistic images.

Riis’s documentary photography was passionately devoted to changing the inhumane conditions under which the poor lived in the rapidly expanding urban-industrial centers. His work succeeded in embedding photography in urban reform movements, notably the Social Gospel and Progressive movements. His most famous successor was the photographer Lewis Wickes Hine, whose systematic surveys of conditions of child-labor in particular, made for the National Child Labor Commission and published in sociological journals like The Survey, are generally credited with strongly influencing the development of child-labor laws in New York and the United States more generally.“

Jakob Riis war der erste Fotojournalist Amerikas, wenn man so will. Er blieb zeitlebens arm und dokumentierte das Leben der Armen.

Rudolf Stumberger schreibt dazu u.a.:

„Der aktuelle Gebrauchswert der Fotografien von Riis und Drawe entfaltete sich vor allem im narrativen Zusammenhang der Vorträge, sie dienten als authentischer Beleg für die geschilderten sozialen Sachverhalte. Was zwar bisher schon in Holzschnitten und Zeichnungen in Zeitungen und Magazinen zu sehen gewesen war, gewann nun eine eigene Qualität kraft der »Unmittelbarkeit« der Bilder. Die unteren sozialen Klassen und ihr Elend wurden – durchaus in sozialreformerischer Absicht – so vermittelt dem bürgerlichen Publikum vorgeführt. Die Fotografien dienten als Verstärkung eines appellativen Kontextes, der »ganz auf die Selbstregulierungskraft des Systems und die Beseitigung der Probleme durch eine verantwortungsbewußte und vor allem informierte Bürgerschaft« setzte. Obwohl Riis am eigenen Leibe erlebte, wie auf streikende Arbeiter geschossen wurde und ihm auch selbst als Arbeitssuchender übel mitgespielt wurde, vertraute er doch eher auf die göttliche Gerechtigkeit und auf amerikanischen Tugenden als auf die politische Organisation der Unterklassen: »The Lord Chief Justice over all is not to be tricked. If the labor men will only remember that, and devote, let us say, as much time to their duties as to fighting for their rights, they will get them sooner.«
Öffentlichkeitswirksam wurden die Fotografien neben den Lichtbildvorträgen in Zeitungsartikeln und Buchpublikationen: 81 der Fotografien von Drawe erschienen 1908 in den »Quartieren« im Halbtonverfahren, eine Auswahl war zuvor 1906 auf einer Hygieneausstellung in der Wiener Rotunde zu sehen.“

Fotos als authentische Beläge. Das ist auch heute noch direkt bei Fotos von Tatorten der Fall. Aber auch da kommt es schon auf die Perspektive und den Ausschnitt an. Darauf kommt es aber immer an, weil alle Wahrnehmung subjektiv ist.

Die Authentizität ist also der Wesenskern der Dokumentarfotografie. Dabei geht es um Wirklichkeit.

Regentropfen Foto: Michael Mahlke

Wann wird aus Dokumentarfotografie Fotokunst? – Regentropfen Foto: Michael Mahlke

Interessant ist der folgende Einführungstext:

„Der Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie sieht seinen Schwerpunkt in der »wirklichkeitsbezogenen Fotografie«. Darunter verstehen wir die journalistische und dokumentarische, fotografische Auseinandersetzung mit der Außenwelt, ausgehend von der situativen und örtlichen Realität. Dabei interessiert uns vor allem die persönliche Interpretation der Wirklichkeit. Dies verlangt immer auch die Entwicklung einer Haltung zum Objekt selbst und zum Medium Fotografie.

Dazu suchen wir Studenten mit einem inhaltlichen Interesse an der Welt. Studenten, für die eine Tageszeitung nicht einfach nur Material zum Einwickeln von Fisch ist und die Dieter Bohlens Memoiren nicht für Literatur halten. Die neugierig sind auf die Welt und die Erfüllung nicht im Hocken vor dem Computer sehen. Die wissen, dass MAGNUM mehr ist als nur ein Speiseeis und Cartier-Bresson keine Uhrenmarke. Die streitbar sind und streitfähig. Für die Opportunismus und Angepasstheit der Anfang vom Ende jeder Entwicklung ist und die Loyalität und Solidarität nicht nur buchstabieren können. Und die last but not least die Fotografie leidenschaftlich lieben.“

Hier geht es um „wirklichkeitsbezogene Fotografie“.

Einen Schritt weiter geht die Agentur Hutter und Donner mit ihrer Webseite Fotografie-der-Zeit. Diese Webseite hat meiner Meinung nach alles, was man im SEO braucht, um bei google ganz vorne zu stehen und zugleich Fotos zu vermarkten, die über das Etikett Dokumentarfotografie zu Fotokunst werden (sollen).

Ich finde diesen Ansatz hochintelligent. Ein Artikel über Henri Cartier-Bresson, ein Artikel über Magnum, eine Domain mit assoziativen Namen und Artikel zu den Themen Kunst online kaufen, Online-Galerie, Fotokünstler und dies alles gewürzt mit dem Wissen der Spezialisten aus der digitalen Welt.

So macht man es, das muß man neidlos anerkennen. Und daher dokumentiert diese Webseite auch den Versuch, das Thema als Fotokunst zu etablieren.

Blickt man auf die dort aufgeführten Fotokünstler, dann kommt man im Ergebnis zur „ersten Online-Galerie für hochwertige Dokumentarfotografie“.

Und nun wird es interessant. Dort wird dann unterteilt in „Abstrakt, Dokumentarisch, Inszeniert, Farbe, Schwarz-weiß“.

Offenkundig hat man dort erkannt, daß man zwischen echten Momenten aus der Wirklichkeit und Inszenierungen mit Elementen aus der Wirklichkeit unterscheiden muß.

Wobei die Inszenierungen aus der Wirklichkeit aus der Mode stammen, die damit auch fotografisch punkten wollte.

„Heute werden Models als Terroristen verkleidet, um aufzufallen. Damals verkleideten sich Terroristen als Spießer, um nicht aufzufallen.“

Diese Sätze zeigen sehr schön, daß dies alles schon etwas länger kochte aber schon vorher ein Erfolgsrezept war.

Nichtsdestowenigertrotz finde ich den Ansatz gut, aus realer Dokumentarfotografie auch verkaufsfähige Fotografie zu machen.

Nachrichtenfotos von Ereignissen sind heute durch die socialmedia meistens kostenlos. Der Markt ist ja eingebrochen.

Dokumentarfotografie fängt heute nach der Nachricht bei der Reportage mit bleibendem Wert an oder einzelnen Fotos mit einem besonderen Moment.

Magnum-Fotos sind z.B. bis heute von Cartier-Bresson z.T. auch Fotokunst. Sie zeigen aber eben kein Ereignis sondern etwas Typisches einzigartig ausgedrückt.

Das kann von Cartier-Bresson das Foto mit dem Mann und der Katze in der Häuserschlucht sein oder bei Steve Mccurry der Mann, der bei der Flut bis zum Hals im Wasser steckt und auf dem Kopf seine Nähmaschine trägt.

Ist das Fotokunst?

In meinen Augen ja, es ist dokumentarische Fotokunst obwohl und gerade weil es ein „echtes“ Foto ist, ein ungestellter Moment.

Es ist eben keine inszenierte Fotokunst.

Aber was passiert wenn man die vergangene Wirklichkeit am selben Ort mit der aktuellen Wirklichkeit kombiniert. Das ist dann eine Inszenierung der Wirklichkeit mit der vergangenen Wirklichkeit und wieder etwas anderes aber richtig gut, wie man hier bei Nick Brandt sehen kann.

Insofern kann die Inszenierung als Gestaltungsmittel ein sehr kluges Mittel sein, um Raum und Zeit miteinander zu verbinden. Es kommt eben darauf an, welche Funktion die Inszenierung hat.

Nun denn, diese Bestandsaufnahme zum Thema, was ist heute Dokumentarfotografie, kann Elemente der Zeit aufgreifen, die mit google nicht immer zu finden sind und oft eher bei bing oder eher in Büchern statt in Suchmaschinen.

So ändert sich der Zeitgeist und die Fotografie der Zeit.

Text 1.1

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