Das Fotobuch und seine Bedeutung in der Dokumentarfotografie

Michael Mahlke Fotobücher

Michael Mahlke Fotobücher

Einige Erfahrungen online und offline

Nun schreibe ich über zehn Jahre digital über Dokumentarfotografie.

Da lohnt sich für mich die Frage, welche Rolle dabei Fotobücher gespielt haben?

Denn in digitalen Zeiten sind viele Fotos ja auf Webseiten zu finden – sollte man meinen.

Aber da fängt es schon an.

Die meisten Fotos habe ich in Büchern gefunden, weil es das Thema Dokumentarfotografie online zunächst gar nicht separat gab sondern es irgendwie eher im Kopf als ordnender Gedanke mitlief.

Das war es dann aber auch.

Weil ich bei meinen Recherchen im beginnenden Internet ab 2005 nichts wirklich systematisches zum Thema Dokumentarfotografie gefunden habe und es nichts gab, wo dies längs und quer aufgeschrieben worden war, entschloß ich mich zuguterletzt, dies einmal selbst zu tun.

Mir war von Anfang an klar, daß ich mit einem Eimer am Ozean des Wissens stehen würde und heute mit der zunehmenden Nutzung sozialer Medien noch mehr neue digitale Meere ununterbrochen gefüllt werden.

Aber Schöpfung kommt von schöpfen und so war das Schöpfen im digitalen Ozean mein erster Schritt.

Im Laufe der Jahre wurden daraus drei Kriterien, die ich für Artikel nutzte:

  1. Fotos und Themen in verschiedenen Medien
  2. Aktuelle Bücher auf dem Markt
  3. Persönliche Entdeckungen

Dabei spielte das Fotobuch von Anfang an eine entscheidende Rolle.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

 

Das entscheidende Kriterium: der Rückblick

Denn auf den Webseiten – auch der meisten Medien – wurden eher nur aktuelle Themen mit Fotos gezeigt oder aktuelle Produkte oder sog. Portfolios.

Was aber daraus irgendwann vom Nachrichtenfoto zur dokumentarischen Fotografie wird, ist eine andere Frage.

Damit entwickelte sich als Kriterium für mich der Rückblick: die vergangene Zeit und der Wert von Fotos im Rückblick aus sozialer Sicht: welche Fotos von gestern zeigen Elemente der Gesellschaft dokumentierend im Längsschnitt oder Querschnitt?

Das bewegt sich von den menschenlosen Aufnahmen der Industriebauten bei den Bechers bis zur Reportage über Migration von Salgado bis heute, wobei Nachrichtenfotos über die Migrationsströme das Thema eben nicht dokumentarisch sondern rein nachrichtlich wiedergeben.

Sie dokumentieren zwar gut aber nicht über den Moment hinaus.

Es ist zunächst einmal Pressefotografie.

John Ingledew hat das so ausgedrückt: „Fotojournalismus bedeutet die Verbindung von Fotografie und Journalismus… Ein Fotograf wohnt einem Ereignis bei und berichtet darüber in Form von Fotos. Die Verwendung des Begriffs Dokumentarfotografie deutet darauf hin, dass ein Ereignis für die Nachwelt festgehalten wird. Das ist ein Unterschied zum Fotojournalismus.“

 

Fotobücher sind entscheidende Orientierungspunkte in der Dokumentarfotografie

Und genau da kommen Bücher ins Spiel.

Ein Buch fängt da an wo Tageszeitungen und Magazine aufhören.

Es zeigt Zusammenhänge, präsentiert Entwicklungen, stellt Themen dar und ermöglicht, das zeitgebundene zwischen zwei Buchdeckeln zu etwas Eigenem zu machen.

Für mich wurden Fotobücher die Orte der Begegnung bei der Beurteilung von Fotografien auf meinem Weg durch die Dokumentarfotografie zwischen gestern und morgen.

Alles fing mit einem Fotobuch von Henri Cartier-Bresson an, das mich später zu einem Neuansatz auf dieser klassischen Grundlage führte, die ebenfalls in einem Buch formuliert wurde:

street21 streetphotography strassenfotografie by mike mahlke

street21 streetphotography strassenfotografie by mike mahlke

Damals verstand ich noch nicht die Unterschiede zwischen Reportagefotografie, Streetfotografie und Dokumentarfotografie.

Später wurde mir klar, daß Dokumentarfotografie mehr ist.

Dazu trugen sehr die Bücher über sozialdokumentarische Fotografie von Rudolf Stumberger bei.

So erhielt ich Wissen und konnte verstehen und sehen.

 

Das Fotobuch zwischen Verlag und Selbstversuch

Die letzten 15 Jahre waren in meinen Augen in digitalen Zeiten die bisher beste Zeit, um mit Fotobüchern aus Verlagen das Thema Dokumentarfotografie aufzuarbeiten. Denn es gab Fotobücher vieler Verlage mit guten Fotos und Themen von Sammlern bzw. Sammlerinnen und es gab Fotobücher zu vielen Ausstellungen. Da relativ viel Geld zur Erforschung einzelner Themen in der Fotografie als Teil visueller Kommunikation ausgegeben wurde, konnte auch die Dokumentarfotografie davon profitieren, obwohl nie so viel wie die sog. künstlerische Fotografie.

Selbst Armut wurde thematisiert. Seitdem sie immer mehr anschwillt, wird es aber immer stiller um dieses Thema.

image description

Nun verändert sich gerade dieser Markt massiv.

Markus Schaden hat dies sehr dezidiert schon 2012 in einem Interview formuliert.

Der Abverkauf der ziemlich vielen und guten Bücher aus dem Bereich der Dokumentarfotografie war seitdem voll im Gange und ist nun weit fortgeschritten.

Mittlerweile dominieren selbstgemachte Fotobücher.

Jeder kann es mit Drag and Drop und einer Software online oder offline machen. Damit reduzieren sich die Bücher, die viele lesen und werden ersetzt durch Bücher, die nur wenige kennen.

Ob die sozialen Medien dann die Verbreitung gewährleisten wie es bei Fotobüchern früher war, ist eine andere Frage. Verbreitet wird viel, gelesen wird weniger und vor allem hat der Wert eines Fotos auf einem Monitor so gut wie keine zeitliche Bestandskraft, weil das Weiterwischen und die Menge gar kein Blickerlebnis erlauben wie bei einem gut gemachten und gedruckten Fotobuch.

 

Das Fotobuch als Wissensträger

„Wer lebensälter ist, der fragt sich manchmal, wieso die Welt über google definiert wird, wenn doch viele Informationen, die noch in den Bücherregalen stehen, bei google gar nicht auftauchen.“

Diese Sätze stammen aus einem Artikel von mir zum Thema Politische Fotografie.

Suchmaschinen reduzieren den Blick auf die Vielfalt der Welt erheblich. Suchmaschinen haben viele Informationen und wenig Wissen. Sie verknüpfen Informationen aber ersetzen keinerlei Wissen, das über die reine Verknüpfung von Informationen im vielen Bereichen hinausgeht. Den meisten mag das Verknüpfen der Oberfläche reichen.

Mir reichte es nie und ich weiß als überzeugter Leser den Wert eines guten Buches zu schätzen.

Damit meine ich nicht die heute in Papierform zu findenden Dokumentationen und Dissertationen, die über ihre Funktion nie hinausgekommen sind. Ich meine damit die guten Fotobücher, die mit Wort und Bild das Erlebnis im Kopf herbeiführen, das mehr ist als die Summe seiner Teile.

Solche Bücher sind ja dann auch hier zu finden, weil sie im Zeitalter der massiven Vermassung oft zu kurz kommen und doch gewürdigt werden sollen, zumal sie einen Wert über sich selbst hinaus haben.

 

Das Fotobuch als Ergebnis eigener Fotopraxis

Ich will aber nicht verschweigen, daß die neue Art Fotobücher zu machen, auch eine wichtige Rolle übernehmen kann. Denn so wird der einzelnen Person ermöglicht, eigene fotografische Projekte in eine gebundene Form zu bringen. Das ist für die persönliche Fotografie toll, weil damit die eigene Lebenszeit einen dokumentierten Wert erhalten kann, auch wenn es vielfach keine Bücher sind, über die viele sprechen und sie somit nur Teil des persönlichen Zeitgeistes werden.

Meine Stadtansichten sind so eine Buchtrilogie – dokumentarisch, persönlich und öffentlich.

Sie zeigen das aus der Wirklichkeit einer Region, was viele andere auch gesehen haben, aber offiziell nicht gezeigt wird.

Es sind eben nicht die schönsten Seiten aber die für die meisten Menschen täglich sichtbaren Seiten im öffentlichen Raum, oft schon durch Neues ersetzt.

Es ist real aber unbequem und leider nicht öffentlich gefördert obwohl dies andere Regionen anders sehen.

Stadtansichten - Remscheid, Solingen, Wuppertal von Michael Mahlke

Stadtansichten – Remscheid, Solingen, Wuppertal von Michael Mahlke

 

Das Digitale ist das neue Thema im sozialen Bereich und das Schicksal unserer Generation. Dazu gehört das Fotobuch in neuer Form. Man kann es als gedrucktes Buch erhalten oder als Online-Ausgabe anschauen wie das Buch über Streetfotografie und Fotocoaching.

Insofern ist das digitale Zeitalter nicht das Ende des Buchzeitalters. Vielmehr ergeben sich neue Möglichkeiten. Gerade heute ist ein gedrucktes Buch oft die schönere Variante, weil das Digitale andere Medien und Materialien eben in diesem Fall nicht ersetzt wenn es um mehr geht als nur um den reinen Text. Aber Bücher und auch Fotos sind gedruckt etwas anderes und wirken auch ganz anders.

Zuguterletzt ist es so, daß gerade im Web die Unübersichtlichkeit durch die vorgefilterte Ordnung noch größer geworden ist und nur selten Zufallsfunde gelingen.

Über einen wunderbaren Zufallsfund habe ich geschrieben.

Der war aber nur möglich, weil ein Deutscher, der in Belgien lebte, heute eine Rezension über ein Buch auf Deutsch geschrieben hat, das nur in niederländischer und französischer Sprache erschienen ist und von einem Deutschen mit Englischkenntnissen allein nie gefunden worden wäre.

Gut dass es Fotobücher gibt – und die deutsche Sprache – und das Internet.

Abschließend möchte ich noch auf einen Gedanken hinweisen, der mir nach dem Schreiben dieses Artikel wieder einfiel und den ich vor vielen Jahren sogar digital notiert hatte: „Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, dann liest du nicht genug“ – „If your pictures aren’t good enough, you aren’t reading enough“ – Tod Papageorge, nach David Campbell

Na dann

Text 1.1

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.