Monthly Archives: Januar 2016

Das Fotobuch und seine Bedeutung in der Dokumentarfotografie

Michael Mahlke Fotobücher

Michael Mahlke Fotobücher

Einige Erfahrungen online und offline

Nun schreibe ich über zehn Jahre digital über Dokumentarfotografie.

Da lohnt sich für mich die Frage, welche Rolle dabei Fotobücher gespielt haben?

Denn in digitalen Zeiten sind viele Fotos ja auf Webseiten zu finden – sollte man meinen.

Aber da fängt es schon an.

Fotojournalismus mit einigen der besten Reportagen

Contrasto books photo journalism

Contrasto books photo journalism

Fotojournalismus heute ist anders als früher.

Damals war der Fotojournalist derjenige, der überhaupt Bilder vom Geschehen lieferte. Heute ist der Fotojournalist derjenige, der aus einem Ereignis eine Story macht im Querschnitt und/oder im Längsschnitt.

Aber manchmal ist es auch noch wie früher und der Reporter ist der Einzige, der das Thema fotografisch festhält. Dabei geht es dann aber weniger um politische Ereignisse und Naturkatastrophen sondern um andere soziale Themen oder die Folgen von etwas.

Mir ist aufgefallen, daß zwei der besten Bücher zum Thema Fotojournalismus nie auf Deutsch erschienen sind.

Aktuell gibt es ja ein gutes deutsches Handbuch des Fotojournalismus.

Das ist aber etwas ganz anderes.

Bei den Büchern, die ich meine, handelt es sich um Berichte aus der weltweiten Praxis.

My Brother’s Keeper. Documentary Photographers And Human Rights, editor Alessandra Mauro

und

Eyes wide Open by Mario Calabresi

Zumindest zu letzterem Buch gibt es auch einige Auszüge online.

In beiden Büchern erfahren wir etwas über die Haltung der Fotografen und über ihr Engagement.

Dabei sind die Fotos oft gar nicht reißerisch sondern drücken in ihrer Art genau das große Ganze aus, um das es dabei ging.

Das ist ja die Kunst der Fotoreportage.

Die Bücher sind deshalb so gut weil man von den Texten und den Fotos in den Büchern sehr viel lernen kann.

Da ich selbst vor kurzem gemerkt habe, wie zufällig man nur auf Bücher stößt, die nicht dem eigenen Sprachraum entstammen aber besonders gut sind, wollte ich es nicht versäumen, auf diese beiden Goldstücke des Fotojournalismus aufmerksam zu machen. Wer mit Englisch nicht so gut zurechtkommt, kann allein von den Fotos dennoch sehr profitieren und sich ein Stück über das Internet die Zusammenhänge erarbeiten.

Viel Erfolg!

 

Welche Digitalkamera würde sich heute Henri Cartier-Bresson kaufen?

Von Leica zu Lumix - Foto: Michael Mahlke

Von Leica zu Lumix – Foto: Michael Mahlke

Diese Frage stelle ich mir, weil ich wissen möchte, ob meine Wahl auch seine Wahl gewesen wäre.

Die Frage habe ich vor sechs Jahren so ähnlich schon einmal gestellt.

Als er intensiv zu fotografieren begann, hat er sich für eine Kleinbildkamera von Leica entschieden, weil dies die kleinste Kamera auf dem Markt mit Wechselobjektiven war. Es ging also primär um technische und praktische Gesichtspunkte, die für seine Art unterwegs zu sein, Momente schnell und diskret aufzunehmen und fotografisch zu sehen entscheidend waren.

Der Preis spielte für ihn eher keine Rolle, da er aus einer sehr reichen Familie stammte.

Er hat aber nicht mit einer Leica Fotografieren gelernt. Und sein Benutzen der Festbrennweite um die 50mm ist legendär.

Die Fotos, die er mit diesen Kameras gemacht hat, wären heute in digitalen Zeiten auch mit jeder durchschnittlichen Kompaktkamera in dieser Qualität möglich.

 

Hätte sich Cartier-Bresson heute überhaupt eine Digitalkamera gekauft oder direkt nur noch ein Smartphone?

Ich glaube, er hätte den Sucher gemocht, weil Sucherfotografie intensiver ist und weil der Sucher seiner Art entsprach, der Wirklichkeit einen Rahmen zu geben und das Foto geometrisch zu gestalten.  Deshalb wäre das Smartphone wohl nur eine Ergänzung gewesen.

Er wollte ja immer eine kompakte und schnelle Kamera haben, die er unauffällig benutzen kann.

Und da würde es heute natürlich eine andere und bessere Auswahl geben.

In der Tradition von Leica mit einem besseren Sucher wäre die Fuji X100 interessant.

Entscheidend wäre sicherlich eine Kombination von Sucher und Monitor und er wäre bestimmt auch experimentierfreudig genug, um Aufnahmen mit dem Monitor zu machen.

Zudem bin ich überzeugt davon, daß er auch in Farbe fotografiert hätte. Das hat er ja auch zu seiner Zeit, aber es gefiel ihm nicht so. Auf dem Monitor und mit der Möglichkeit sofort mehr zu sehen, wäre dies vielleicht anders gewesen.

Denn auch er wußte, daß manche Fotos monochrom und manche farbig besser wirken.

 

Wäre er bei einer größeren Kamera geblieben oder hätte er sich eine kleinere Kamera geholt?

Das ist ein Kapitel aus dem Themenbereich der ungeschehenen Geschichte.

Er hat gerne mit der Minilux fotografiert als es sie gab: „Die Leica ist eigentlich gar keine Leica, sondern sie wurde von 1995 bis 2003 von der Firma Panasonic aus japanischen Bauteilen gefertigt.  Lediglich das Summarit-Objektiv stammt aus deutscher Rechnung, aber auch nicht aus deutscher Fertigung.“

Es war also nicht der Messsucher und die Kameragröße an sich, da der Sucher der Minilux bzw. Minilux Zoom  ja viel kleiner war und die berühmten zwei Lämpchen hatte, die bis vor kurzem bei allen optischen Suchern mit Autofokus zu finden waren: „Sucher:  Realbild-Sucher mit Markierungen für das Autofocus-Meßfeld, für Aufnahmen im Nahbereich und für Panorama-Aufnahmen. Blitz-Funktionsanzeige durch eine rote Leuchtdiode. Funktionsanzeige für Autofocus und Belichtungsmessung durch eine grüne Leuchtdiode.“

Das ist sehr gut in dem Buch Faceless zu sehen.

Aus heutiger Sicht hat danach und bis heute überhaupt die wahrscheinlich besten optischen Sucher die Firma Fuji mit der X100 für eine größere und mit der Fuji  X10 bzw. X20 für eine kleinere Digitalkamera mit Autofokus angeboten und bei den „kleineren“ optischen Suchern war und ist der optische Sucher der Fuji X10 davon letztlich wohl der beste.

(Anmerkung 2018: Hier eine kleine Ergänzung dazu)

 

Was würde Henri Cartier-Bresson heute nutzen?

Wenn ich mir nun anschaue, was aktuell auf dem Markt verfügbar ist, dann wäre für mich die Wahl klar.

Foto: Michael Mahlke Lumix TZ71

Foto: Michael Mahlke Lumix TZ71

Es wäre unter technischen Gesichtspunkten und der Bequemlichkeit, wenn man unterwegs ist, eine Panasonic Lumix TZ-71.

Da diese Digitalkamera ein Leica-Objektiv hat, wären alte Namen und neue Möglichkeiten hier taschenfreundlich vereint.

Auch das Design ist fein.

Und man kann neben allen klassischen und fortschrittlichen Techniken sogar mit Sucher manuell sehr detailliert scharfstellen mit elektronischer Hilfe. Nur die Olympus Stylus 1 ist besser aber auch etwas größer. Sie hätte ihn vielleicht auch interessiert. Ohne Sucher aber mit der Möglichkeit einen Sucher aufzustecken könnte es auch die Ricoh GR mit dem APS-C Sensor sein, weil die auch klasse für Street ist.

 

Hätte Herr Cartier-Bresson meine Meinung geteilt?

Es bleibt offen, ob Monsieur Cartier-Bresson sich aus sozialen Gründen als reicher Mann dann nicht doch lieber eine teurere oder größere Kamera gekauft hätte. Wahrscheinlich hätte er sie sogar geliehen oder geschenkt bekommen.

Aber für Reportage und Street und schnelle Schnappschüsse unterwegs ist die Lumix TZ-71 eine gute Wahl.

„Alles dran und alles drin“ stimmt wirklich.

Das liegt vielleicht auch daran daß es nicht die erste Kamera in der Serie ist und Panasonic auch Erfahrungen integriert. Sie ersetzt in meinen Augen auch eine so gute Kamera wie z.B. die DMC-FZ150, die im Bereich der Bridgekameras bis heute wirklich gut ist. Ich persönlich würde sogar noch schwanken zwischen der Lumix TZ-71 und der DMC-LF1 alias Leica C.

Na gut!

Andere leichte, technisch und optisch ausgereifte und flexible Kameras mit Sucher wären sicher auch möglich und wenn ich den Artikel in fünf Jahren noch mal schreiben sollte, würde das Ergebnis sicher wieder neu ausfallen.

Aber wer kennt dann noch seinen und meinen Namen und stellt sich so eine Frage?

Vielleicht mehr als man heute meint.

Wer weiß!

Die Kamera ist sicherlich nicht die beste Kamera, um eine Kartoffel zu fotografieren oder eine Handtasche und dafür dann 1 Million Dollar zu erhalten.

Dafür muß die Kamera wohl teurer sein.

Aber sie ist gut genug um das Soziale im Ablauf von Begegnungen, Momenten und dem Leben festzuhalten. Dafür gibt es dann aber nicht so viel Geld – aber mehr Leben.

Da man nach dem Leben und dem Sterben im Himmel alle Menschen wiedertrifft, werde ich dann die Gelegenheit nutzen, um Monsieur Henri Cartier-Bresson selbst zu fragen. Ich hoffe es dauert noch ein Weilchen, aber wenn es so weit ist, bin ich auf seine Antwort gespannt.

Nun hoffe ich, daß ich in fünf Jahren (heute ist 2016) den nächsten Artikel mit dieser Frage schreiben kann – ich bleibe dran.

Charleroi in Belgien und Remscheid im Bergischen Land

charleroi

Es ist sehr schwer auf Bücher aufmerksam zu werden, die hier nicht auf dem Buchmarkt zu finden sind.

Daher bin ich Peter Lindhorst sehr dankbar, daß er das Buch Charleroi von Stephan Vanfleteren rezensiert hat.

Es war ihm offenkundig eine Herzensangelegenheit.

Das Buch hat einen niederländischen und einen französischen Text.

Es ist also für Deutsche mit Englischkenntnissen so gut wie unerreichbar.

Um so schöner war es, das Buch und den Fotografen Stephan Vanfleteren von Peter Lindhorst in dieser Form in deutscher Sprache vorgestellt zu bekommen.

Die Fotos, die auch in einer Ausstellung in Charleroi zu sehen waren, sprachen mich sofort an.

Eine sterbende Industriestadt, Menschen mit ihrer Lebenszeit darin und dann auch noch monochrome Fotos in digitalen Zeiten.

Ich mußte über vier Wochen warten, aber es gelang mir über buecher.de unkompliziert das Buch zu bestellen. Woanders war es nicht zu finden.

Und ich bin von dem Buch sehr angetan.

Denn es ist eine sehr persönliche Sicht und es ist vor allem ein Buch, das zeigt, wie interessant auch heute monochrome Fotos sein können.

Rein technisch betrachtet gibt es in dem Buch verwackelte Fotos, sehr scharfe Fotos, sehr grobkörnige Fotos und sehr detaillierte Fotos. In der Kombination in einem Buch wird daraus ein Streifzug durch eine Stadt mit ihren Menschen und den Lebensmomenten und jedes Foto in jeder technischen Ausprägung erzählt eine eigene Geschichte.

Dieses Buch erinnert mich an meine Stadtansichten von Remscheid und dem Wupperdreieck, weil es auch so persönlich ist.

Es hat bei mir aber noch mehr bewegt.

Es ist für mich der Anlaß geworden, aktuell verstärkt zur monochromen Fotografie zurückzukehren.

Ich bin immer hin- und hergerissen zwischen bunt und monochrom, weil jedes Foto anders ist und manche eben nur in Farbe und manche nur in Schwarzweiß richtig wirken.

Die soziale Realität im Blick und Fotos, die die Menschen ehrlich und doch nicht bloßstellend sondern mit ihrer Seele zeigen, das ist es, was mich immer wieder antreibt.

Diese Art der Dokumentarfotografie setzt den Namenlosen ein Denkmal und zeigt der Umwelt das, was sie nicht immer sehen wollen aber sehen sollen.

Vielleicht spüre ich in dem Buch von Stephan Vanfleteren so etwas wie eine Seelenverwandtschaft an dieser Stelle.

Ich weiß es nicht aber ich weiß, daß ich so etwas bei diesem Buch spüre.

Das Buch ist auch buchbinderisch eine Augenweide und von unglaublicher Qualität.

Der Preis von 35 Euro (ohne Porto 24,95 €) macht es auch für die Bewohner des Ortes erschwinglich.

Charleroi und diese Art der Fotografie ist ein Thema, das man mögen muß. Denn es sind Aufnahmen aus der Wirklichkeit im Längsschnitt.

Und es ist dokumentierende Fotografie und irgendwie auch sozialdokumentarische Fotografie.

Es geht hier um den öffentlichen Raum in Charleroi und die Menschen auf der Straße mitten in ihrem Leben. Da sieht man dann erstaunliche Parallelen zwischen kaputten Straßen und vom Leben benutzten Menschen, die aber ihre Seele aus den Augen schimmern lassen und da sprüht manche Lebensfreude.

Vanfleteren hat auch eine besondere Art zu fotografieren. Er schneidet oft ein Bild so ab, daß manche Einzelteile wie z.B. eine Hand auf einer Schulter mehr aussagen als es ein Foto mit der gesamten Person aussagen könnte.

Die Hand spricht und ihre Geste sagt noch viel mehr.

Das Buch ist Persönlich, Poetisch und (für mich auch) Politisch.

Denn es zeigt die Folgen einer Industriekultur und den sozialen und asozialen Zusammenhang von Maschinen und Menschen: Stolz und Würde, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Leben, Armut und Ende und die Sichtbarkeit im öffentlichen Raum.

Ich finde das Buch großartig.