Monthly Archives: September 2015

Indien, Steve McCurry

„Die Fotos zeigen Indien, wie es wirklich ist, mit all seinen Gegensätzen.“ So erfahren wir es im Vorwort dieses großformatigen und großartigen Buches.

Indien, Steve McCurry

Indien, Steve McCurry

Nun ist Steve McCurry mittlerweile einer der bekanntesten Fotografen und seine Vorliebe für Asien und Indien hat uns viele bemerkenswerte Fotos beschert.

Kann man das noch toppen?

Ja.

Dieses Buch ist im Wortsinne sehr sehenswert.

Es ist eine Sammlung von Fotografien, die in mehr als 30 Jahren von Steve McCurry in Indien gemacht wurden. Dabei ist dann auch der Übergang vom analogen Fotografieren in das digitale Fotografieren zu sehen.

Besonders bemerkenswert ist dabei, daß der Übergang manchmal gar nicht auffällt.

Alle Fotos © Steve McCurry”  “aus Indien (Prestel Verlag, 2015)” Westbengalen, 1983. Fahrräder hängen an der Aussenwand eines Eisenbahnwaggons.

Alle Fotos © Steve McCurry”
 “aus Indien (Prestel Verlag, 2015)” Westbengalen, 1983. Fahrräder hängen an der Aussenwand eines
Eisenbahnwaggons.

Auffallend ist eher die Art des Fotografierens, die unterschiedlichen Motive, die sich durch die Präsenz an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten ergab und die Breite der Darstellung, die sich nur durch eine Sammlung über eine so lange Zeit ergeben kann.

Wir erfahren, daß die kulturelle Differenz vom Google- und Microsoft-Komplex  zum Ochsenkarren in Indien höchstens zwanzig Minuten beträgt.

Und wir sehen Fotos, die zeigen, daß sich in dieser langen Zeit trotz zivilisatorischer Änderungen und dem Einzug des digitalen Lebens im Alltag und der Darstellung nach außen offenkundig wenig geändert hat.

Aber das Buch ist noch mehr.

Es ist auch ein visuelles Farbenmeer, das die visuelle Tradition Indiens wiedergibt.

Mit den Augen des Europäers betrachtet sieht man hier, wie selbstverständlich absolute Armut ohne Bett und soziale Sicherheit neben eklatantem Reichtum akzeptiert wird ohne sich zu wehren.

Die fotografische Welt von Steve McCurry in diesem Buch gefällt mir aber noch aus einem anderen Grund.

Es ist ein Buch, das die Fotos so darstellt wie gute Fotos auch dargestellt werden sollen: großformatig und mit klarem geometrischem Aufbau.

Das Buch ist so groß wie das berühmte Buch von Henri Cartier-Bresson und enthält so viele gute Motive, die das Leben und die Menschen in ihrer dargestellten Würde zeigen, daß es eine stundenlange Wonne sein kann, darin visuell zu schwelgen.

Alle Fotos © Steve McCurry”  “aus Indien (Prestel Verlag, 2015)” Rajasthan, 2012. Mahuts schlafen bei ihren Elefanten.

Alle Fotos © Steve McCurry”
 “aus Indien (Prestel Verlag, 2015)” Rajasthan, 2012. Mahuts schlafen bei ihren Elefanten.

Die Sitten und Gebräuche und die Realität des Lebens im öffentlichen Raum (soweit es dies dort gibt) wird uns vor Augen geführt.

Und gerade der zeitliche Längsschritt zeigt das Überzeitliche, wenn ich mich mal so philosophisch ausdrücken darf.

Der Prestel-Verlag hat damit ein großartiges Buch auf den Markt gebracht, das sich als Geschenk eignet und eher von Dauer sein wird, weil es auch fotografisch gut ist.

Die Welt der Armen und der Reichen, Mühsal und Luxus, gestern und heute und die bemerkenswerte Farbenpracht machen aus diesem Buch ein im besten alten Sinne „Sittengemälde“ einer Gesellschaft und eines Kontinents.

Und wenn ich es in die Tradition zu dem berühmten Buch über Indien von Henri Cartier-Bresson setze, dann hat es eine würdige Fortsetzung gefunden.

Wie schreibt der Verlag?

„Indien ist ein Land, das sich und andere verändert. Eine seiner ersten Reisen führe den Fotografen Steve McCurry in den 1970er Jahren nach Indien. Dunkles Henna, gehämmertes Gold, Curry und Safran, all die vibrierenden Farben des Landes haben ihn gelehrt, mit Licht zu sehen und zu schreiben. In Indien, das so ganz anders als seine Heimat ist, hat McCurry zum ersten Mal intensiv gearbeitet. Denn anders als in seiner Heimat Amerika spielt sich das Leben hier auf der Straße ab. Anders als in Cleveland gibt es hier diese unglaubliche Vielfalt an Klassen, Kasten, Reichen und Armen. Diese Erfahrung hat McCurrys Blick für Farben, Menschen und Gesichter geprägt und ihn zu einem der renommiertesten Fotografen unserer Zeit gemacht.
Der neue Bildband Indien, der jetzt im Prestel Verlag erscheint, ist das Produkt einer jahrzehntelangen Liebe zu Indien und zugleich der Anspruch, die einzigartige Vielfalt dieses Landes zu dokumentieren. Von den 96 großformatigen, brillant gedruckten Bildern sind mehr als die Hälfte bislang unveröffentlicht und stammen aus McCurrys privatem Archiv – er selber hat sie für dieses Buch zusammengestellt. Sie zeigen Indien in seiner ganzen Schönheit und Widersprüchlichkeit, Indien mit seiner Kluft zwischen Reich und Arm, zwischen technischem Fortschritt und tiefer Religiosität. Von den Staubstürmen Rajasthans bis zu den in Monsunfluten versinkenden Dörfern Bengalens, von Kaschmir bis Kerala: McCurry entführt uns in eine Welt des klaren Lichts, leuchtender Farben und tiefschwarzer Schatten – deren Stimmung mal melancholisch, mal ausgelassen fröhlich ist. So beschert er uns tiefe Einblicke in die unterschiedlichen Facetten des indischen Lebens, von den riesigen Menschenansammlungen während Kumbh Mela bis hin zum einsamen Holzarbeiter in den Wäldern des Himalaya. Die Wirkung der ganzseitigen Abbildungen wird durch keine Texte gestört, kurze erläuternde Texte zum Motiv finden sich am Ende des Buches.
Das Vorwort schrieb der britische Reiseschriftsteller William Dalrymple, Korrespondent des New Statesman und Begründer des Jaipur Literatur-Festivals.

Es ist im Prestel-Verlag erschienen und sehr empfehlenswert.
Steve McCurry
Indien
Mit einem Text von William Dalrymple
208 Seiten mit 96 Farbabbildungen
Gebunden mit Schutzumschlag
27,5 x 38 cm
ISBN: 978-3-7913-8195-4

Spuren im Sand oder das Verschwinden sozialer Landschaften

Das einzig Beständige ist der Wandel. Menschsein bedeutet sich ununterbrochen auf die Lebendigkeit einzustellen und zugleich zu versuchen, Elemente der Beständigkeit im eigenen Verhalten durch Regeln, Rhythmen und Routine zu leben, um damit zurechtzukommen. Das ist übrigens die Anpassung an die uns umgebende Natur, die ebenfalls in Rhythmen lebt. Wir sind eben ein Teil davon und stehen nicht über ihr.

Daraus ergibt sich folgendes:

  • Wiederholungen von Handlungen und
  • vorhandene Menschen mit ihrem Verhalten im öffentlichen Raum

sind bei einer sozialen Landkarte das, was man vorfindet im Raum und in der Zeit, die man selbst wahrnimmt.

Und Bedeutung erlangen die Dinge dann, wenn man sich daran erinnert.

handinhand

Ich möchte dies mit diesem Foto mitten aus dem Leben verdeutlichen.

Was sehen Sie auf dem Foto?

Sie sehen ein Paar, das sich an der Hand hält. Aus der Kleidung und daraus, daß Mann und Frau sich so verhalten, können Sie erkennen, aus welcher Kultur und Zivilisation das Paar stammt.

Das Foto zeigt Mann und Frau in einem abendländischen Zusammenhang. Ihre Geste ist ebenso eindeutig, aber nur in unserem Kulturkreis verstehbar.

Hier enden die Informationen, die direkt dem Foto entnehmbar sind.

Nun erzähle ich mehr.

Dieses Paar fuhr fast täglich mit dem Bus und lief auf dem Rückweg immer diese Straße entlang. Jeder, der tagsüber dort war, sah sie irgendwann. Sie lebten sehr intensiv miteinander im öffentlichen Raum.

Wenn man die Straße entlang ging oder mit dem Bus fuhr, dann erinnerte man sich immer an das Ehepaar. Sie gehörten also zu dem Raum dort und waren Bestandteil des eigenen sozialen Gedächtnisses und der sozialen Landschaft, die in dieser geografischen Landschaft im öffentlichen Raum vorhanden war.

Und dann verstarb eine Person. Plötzlich waren sie nicht mehr Teil der sozialen Landschaft.

So verschwindet das Gesicht der sozialen Landschaft, die mich umgibt und wird anders. Das ist bei allen Menschen so und damit ein Teil des Menschseins. Aber jeder hat dabei seine eigene soziale Landschaft.

Das Foto bleibt, aber es hat ohne zusätzliche Informationen keinerlei Bedeutung.

Diese Bedeutung muß ich dem Foto geben, weil es meine soziale Landschaft ist.

Nur durch das Aufschreiben wird dieser kleine Teil dauerhaft über mich selbst hinaus dokumentiert. Denn die soziale Landschaft hat sich schon wieder verändert, andere sehen anderes, und das hier ist vorbei.

Und meine soziale Landschaft endet mit meinem Ende.

Ich entscheide allein, ob ich dies als Teil meiner wahrgenommenen sozialen Landschaft sehe und speichere. So dokumentieren sich Zustände der eigenen Existenz im wahrgenommenen Umfeld.

Niemand außer mir wird sich jemals (wahrscheinlich) für dieses Foto interessieren. Aber durch diesen Artikel möchte ich daran erinnern und zeigen, was soziale Landschaft ausmacht. Gebäude und Ruinen sind tot ohne Erinnerungen an das soziale Leben. Daher ist die fotografische Abbildung der Stadtlandschaft das Eine und die Abbildung der sozialen Landschaft der eigenen Zeit das Andere.

Es sind die Spuren im Sand, die wir sehen bis zur nächsten Welle, die uns mitnimmt.

Aber sie können im zeitlichen Verlauf betrachtet dann doch wiederum sehr viel aussagen und deshalb ist es gut, daß es die Fotografie und die Schrift gibt.

So entsteht ein Mosaik der sozialen Landschaft wie ich sie sehe und erlebt habe.

Ich gehe sogar so weit zu sagen, daß außerhalb eines konstruierten Films, der eine soziale Landschaft verdichten kann, die Fotografie die Voraussetzung für die Dokumentation sozialer Landschaften ist in einer Zeit der absoluten Unbeständigkeit – natürlich nur fragmentarisch aber so, daß daraus ein Bild rekonstruierbar wäre, das über die Wahrnehmung des Einzelnen hinausgeht.

Und das ist wiederum sehr interessant – zumindest finde ich das, wenn ich solche Fotos betrachte.

Zugleich ist es dokumentierte Gegenwart, die zur Geschichte geworden ist.

Die Geschichte des Alltags und der eigenen Lebenszeit im öffentlichen Raum.

So gibt man dem Augenblick Dauer aber nicht unbedingt eine Bedeutung über sich selbst hinaus.

Es kann aber gelingen, sich durch diese Art des Fotografierens selbst zu positionieren.

Und das kann im besten Fall zu einem neuen Verhältnis zur Wirklichkeit führen…

 

Er war der meistfotografierte Hochofen Deutschlands

Ich hatte noch nie eine Beziehung zum Ruhrgebiet obwohl ich dort viele nette Leute kennengelernt habe.

Ich sah kein Ende und keinen Anfang. Es blieb mir fremd.

Und meine Berichte über das Duisburger Stadtmassaker taten ein übriges, um mich eher vom Ruhrgebiet zu entfernen und mich anderen Landschaften zuzuwenden.

Doch jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo sich mir das Ruhrgebiet erschloß.

Thomas Pflaum hat mit seinem Fotoreiseführer Fotografieren im Ruhrgebiet mir erstmals Einblick, Überblick und Durchblick verschafft.

Er zeigt in seinem Buch auch Orte und Motive in Duisburg.

„Bruckhausen ist ein besonderer Stadtteil: Nirgendwo sonstim Ruhrgebiet ließ sich bis in die jüngste Vergangenheit das enge Nebeneinander von Schwerindustrie und Wohnen noch erleben“, schreibt Thomas Pflaum in seinem Fotoreiseführer.

Und dann zeigt er zwei Fotos, die er an der Ecke Dieselstraße/Bayreuther Straße 2010 und 2014 aufgenommen hat.

Der Hochofen ist weg.

Er schreibt: „Er war einmal der meist fotografierte Hochofen Deutschlands.“

So bietet der Fotoreiseführer mehr als den Ort.

Hier werden Geschichte und Gegenwart so verknüpft, daß man mit der Sprache der Fotografie Geschichten erzählen kann.

Und bei mir entstand die Lust, alte digitale Fotos herauszusuchen, die ich im Ruhrgebiet gemacht hatte.

Der Hochofen grüßte damals schon auf der Autobahn und zeigte die Richtung.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Es war im Jahr 2009 auf dem Marktplatz in Duisburg Bruckhausen.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Auf dem Marktplatz versammelten sich die Mitarbeiter verschiedener Werke von ThyssenKrupp voller Hoffnung und Wut.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Fotojournalisten waren ebenfalls zahlreich erschienen.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Hier sieht man wie eng Arbeit und Leben miteinander verknüpft waren. Der Hochofen war der Kölner Dom des Stadtteils.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Deshalb ist es gut, wenn man sich an die vielen ehrlichen und fleissigen Menschen erinnert, die dort zur Arbeit gingen und von ThyssenKrupp mehr erwarteten als Arbeitsplatzabbau. Damals war der Bezirksleiter der IG Metall Detlef Wetzel.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Der Hochofen ist weg, der Stadtteil Bruckhausen wurde Opfer eines „Stadtmassakers“ und die soziale Stadt, also die Beziehungen zwischen den Menschen und dem vorhandenen öffentlichen Raum, gibt es in der damaligen Form nicht mehr.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

So soll dieses letzte ruhige Bild von der Straße am Markt an die damalige Zeit und die Menschen mit ihren Hoffnungen und Problemen erinnern, die dort lebten und vielleicht noch leben.

Genau dies macht das Ruhrgebiet aus. Es ändert sich ununterbrochen.

Und damit komme ich zurück zu dem Buch von Thomas Pflaum. Ihm ist es gelungen, mir Orientierung zu geben und mich neugierig zu machen.

Nun denke ich sogar daran, mit diesen Erinnerungen noch einmal zum Markt in Duisburg Bruckhausen zu fahren, um dort zu fotografieren.

Ohne das Buch von Thomas Pflaum wäre weder dieser Artikel geschreiben worden noch der Wunsch entstanden, noch einmal dorthin zu fahren.

Besser kann ein Buch als Anregung wohl kaum sein.