Monthly Archives: Oktober 2014

Alles war so. Alles war anders – Bilder aus der DDR von Thomas Billhardt und Kerstin Hensel

billhardt_hensel

„Mein erstes Blauhemd der Freien Deutschen Jugend fiel der Wellenradwaschmaschine zum Opfer… Da ich kein Blauhemd mehr besaß, mußte ich mich beim Appell zur Strafe in die letzte Reihe stellen, dort wo die Christlichen standen.“

So beginnt ein Kapitel von Kerstin Hensel, das „verdichtete Erinnerungen“ erzählt.

„Es gab so viele Deutsche Demokratische Republiken wie es Menschen gab, die dort gelebt haben. Wenn Typisches vorzuweisen ist, so kristallisiert es sich über Millionen einzelner Biographien heraus.“

Thomas Billhardt zeigt uns in Fotografien diese Epoche, bei der es nicht darum geht, die DDR wie sie war zu zeigen sondern sich zu erinnern.

„Die Wahrheit steckt hinter den Fassaden.“

So können wir die Fotos als Fassaden oder als reale Wiederspiegelung betrachten.

Es sind zeitgeschichtliche Fotos, die Erinnerungen auslösen. So habe ich vieles in der DDR auch erlebt.

Aber es ist irgendwie ein Ostblick auf die DDR.

Ich habe eher den Westblick, wenn es das gibt. Ich war jedes Jahr „drüben“. Wir mußten pro Tag 25 DM umtauschen. Wir fuhren mit der Bahn. Am Grenzübergang Helmstedt-Marienborn saßen wir immer still im Sechserabteil und warteten bis wir den Stechschritt der Grenzer hörten. Kniehohe Stiefel, knarrende Stimmen und das Öffnen der Koffer war an der Tagesordnung.

Wir durften den Ort nie verlassen und mußten uns immer sofort bei der Polizei melden und bezahlen.

Als ich älter wurde ging ich eines Abends durch den Ort. In den wenigsten Fenstern hingen Gardinen. Es war kurz vor acht. Wirklich überall war Westfernsehen zu sehen. Die Aufmärsche habe ich durch meine Verwandten kennengelernt. Und auch die Ängste. Westkontakte – selbst zur eigenen Schwester – waren teilweise beruflich vernichtend. So wie heute bei einer Bewerbung die Angabe, man sei älter als 50 oder habe studiert.

So haben sich die Zeiten geändert aber die Ergebnisse sind doch sehr ähnlich. Die Wahrheit steckt eben auch heute hinter den Fassaden.

Aber bleiben wir bei dem Buch.

„Die DDR war, wie jedes sozialistische Land, ein Ort, wo der Widerspruch zwischen gedachter und gelebter Utopie und Realität aufs krasseste zutage trat. Aber sie war kein Laboratorium und das Dasein kein Experiment. Hinter jedem Menschen steckt ein Leben, kein vorläufiges, sondern ein jahrzehntelang gelebtes.“

Das zeigt das Buch in der Kombination von Text und Bild.

Und dann kommt noch ein Satz, der daran erinnert, daß die DDR sich mit der Alltagsgeschichte des Volkes beschäftigte. Das sind Begriffe, die heute völlig out klingen: „Geschichte kann weder aufgearbeitet noch bewältigt werden. Sie ist nur aus dem Alltag heraus zu begreifen.“

Da könnte man länger drüber diskutieren.

In einer Rezension von 1999 heißt es:

„Billhardt, Jahrgang 1937, hat die gesamte Geschichte des Landes mitgemacht und es in dem Dreibuchstabenland zu einem der Ersten unter den Fotografen gebracht. Hensel, Jahrgang 1961, gehört zu der Generation, von der kommunistische Altkader in besten DDR-Zeiten behaupteten, sie hätte sich in die „gemachten Betten“ des Sozialismus gelegt. Hensel war wirklich undankbar. Statt sich des Bettes zu freuen, versuchte sie, den Mief des Bettes zu lüften. Billhardt und Hensel, geborene Chemnitz-Karl-Marx-Städter, haben sich zusammengetan, um „Bilder aus der DDR“ zu veröffentlichen. Dabeigewesene, kritische Gesellen, die sie sind, kam es ihnen gar nicht in den Sinn, die DDR schönzuschminken. Die letzten beiden Sätze sämtlicher Sätze von Hensel, die dem Buch den Titel Alles war so. Alles war anders verpaßten, bestimmen den Inhalt. Denn das Anstehen, Strammstehen, Stillstehen, Stummdasitzen, In-Reih-und-Glied-Marschieren war nicht d i e DDR. Bilder und Texte bringen eine Menge von dem zum Vorschein, was anders war. Das, was anders war, war das Leben der Leute. Jener Leute, von denen soeben der West-Berliner Autor Bodo Morshäuser abermals sagte, daß sie „einheitlich leicht nach vorn gebeugt“ gingen und, daß der Kopf „hängengelassen“ wurde, „als sei er längst abgegeben worden“.

Wer das Buch noch bekommt, der sollte es sich anschauen.

Thomas Billhardt und Kerstin Hensel

Alles war so. Alles war anders – Bilder aus der DDR

ISBN 3378010355

 

„Nepotism built this industry“ – Fotograf & Fotografieren – von der Berufung für Reiche zum Beruf für alle?

„Für „Stand der Dinge“ haben Sie digital fotografiert. Eigentlich sind Sie aber ein Verfechter des Analogen. Warum das Umdenken?

Jim Rakete: Das hatte in diesem Fall auch finanzielle Gründe. Aber ich sehe es tatsächlich so, die Fotografie ist uns durch das Digitale mit wenigen Ausnahmen ein bisschen weggestorben. Das ist jetzt ein Beruf, den jeder machen kann. Das, was früher Handwerk oder kompliziert daran war, kann jetzt die Kamera. Und das, worum es eigentlich geht, also ein Bild zu machen, das irgendeine Bedeutung hat, wird immer schwieriger, bei sinkenden Auflagen, sterbenden Magazinen, usw. Ich möchte heute ums Verrecken kein junger Fotograf mehr sein.“

Was Jim Rakete hier in der Tiroler Tageszeitung sagt, faßt grob die Entwicklung der Fotografie in den letzten hundert Jahren zusammen.

Vor kurzem sprachen wir bei einem Fototalk noch darüber, wie es in den 80er und 90er Jahren war.

Wie sagte ein Teilnehmer?

„Ja wir hatten diese Kameras mit Filmen, aber wir mussten immer rechnen. Denn ein Film kostete mit Entwicklung und Druck um die 30 D-Mark.“

Fotografie war eben ein teures Hobby und daher nur sehr selten etwas für Arme. Gegen Ende der analogen Zeit wurden die Fotos billiger, nur noch 20 Pfennig für 10×15 plus Entwicklung, also ca. 14 Euro pro Film. Aber das war auch nur Basis.

Und heute?

Heute ist alles drin. Denn das Smartphone macht und zeigt. Und wer es größer mag, der nutzt den Computer.

Aber wenn wir uns Fotografenkarrieren anschauen, dann waren es doch fast immer Menschen ohne finanzielle Sorgen, die in den letzten Jahrzehnten der analogen Fotografie als Beruf „Fotograf“ angegeben haben.

Damit meine ich nicht den bezahlten festangestellten Fotograf einer Tageszeitung und ich meine auch nicht den Fotohändler, der Passfotos macht.

Ich spreche von denen, die in den deutschen Medien eine besondere Aufmerksamkeit erhielten.

Wer war davon nicht finanziell privilegiert?

Es war eben auch ein soziales Unterscheidungsmerkmal. Diese Art von Fotograf hatte eben Einstiegsvoraussetzungen, die sich aus Kontakten, Geld und Einfluß ergaben – so wie heute auch noch.

Wird heute anders gewürfelt?

Nein, es hat sich nichts geändert wie dieser Artikel (2016) über den Sohn von David Beckham zeigt.

„Nepotism built this industry“ schrieb ein User als Kommentar. Besser geht es nicht.

Die Dauerikonen der Fotografie sind weg, die industriellen Eintagsfliegen der Fotografie sind da?

Das ist gemein.

Einmal der Erste sein bei einem Marketing-Wettbewerb und unter den „größten“ und „schönsten“ und … gewesen sein.

Fotografie macht Spaß.

Daher wollen immer mehr davon leben.

Aber wie soll das gehen?

Genau, es geht nicht.

Doch die alten Träume sind noch in den Köpfen der Menschen einer neuen Zeit.

Jeder kann heute fast umsonst fotografieren.

Wer damit zufrieden ist und davon nicht leben will, der hat einen fast idealen Weg zur Selbstverwirklichung entdeckt, der früher so nur einigen Reichen vorbehalten war.

Es ist so wie mit dem Leben.

Eine einfache Wohnung heute ist besser ausgestattet als zur Zeit von Goethe.

Aber wen interessiert das?

So kommt es darauf an, was ich womit vergleiche, um zufrieden oder unzufrieden zu leben.

Dennoch träumen noch viele diesen Traum vom großen Geld mit der Fotografie.

Diesen Traum am Leben zu halten ist eine Geschäftsgrundlage der Fotoindustrie.

Einen bemerkenswerten Gedanken fand ich in der photonews 11/14.

Dort zitiert Sabine Weier den Fotografen Julian Röder: „Mit seinen Genua-Bildern gewinnt Röder den Deutschen Jugendfotopreis und wird als Teilnehmer einer Masterclass der World-Press-Photo-Stiftung ausgewählt. Seine Begegnung mit dem internationalen Fotojournalismus ist ernüchternd. Es habe ihm missfallen, dass ausgerechnet aus privilegierten Verhältnissen stammende Fotojournalisten das Elend der Welt zeigten, sagt Röder.“

Diese Erfahrung wird durch eine aktuelle Untersuchung bestätigt.

Dort lesen wir: “Der Zugang zum Berufsfeld des Journalismus ist hierzulande an eine wohlbehütete soziale Herkunft gebunden; Kollateralschäden mit nicht-akademischem Elternhaus werden nur geduldet, wenn sie bedingungslos bereit sind, einen hochkulturellen Habitus anzunehmen. In ihrer Doktorarbeit belegt die Sozialwissenschaftlerin Klarissa Lueg, dass Journalisten zu mehr als zwei Dritteln eine privilegierte soziale Herkunft aufweisen und vor allem Eltern haben, die als Beamte oder Angestellte mit Hochschulabschluss im gehobenen bis sehr gehobenen Dienst tätig (gewesen) sind. Auf den Chefsesseln der Medien beträgt der Anteil der Bürger- und Großbürgerkinder sogar satte 77 Prozent.”

So können zwar heute alle ihr Essen fotografieren, aber die wichtigen Fotos für die Massenmedien jenseits der reinen Ereignisfotos werden immer noch von denen gemacht und ausgewählt, die privilegiert sind. Von Demokratie sind wir dabei noch weit entfernt und von sozialem Aufstieg erst recht.

Wer mehr aus sich machen will jenseits des reinen Journalismus, dem möchte ich das Fotopraxis Buch von Martina Mettner ans Herz legen.

Es hilft sehr, wenn man eigene Wege gehen will.

Text 1.1

Fotografieren wie Cartier-Bresson nach den Regeln der Fineart-Strassenfotografie von M. Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Heute ist das Fotografieren so einfach.

 

Draufhalten, drücken, fertig.

Die Herausforderung fängt an, wenn man etwas anderes will, nämlich gestaltete Fotos nach eigenen Maßstäben mit zufälligen Momenten.

Dann ist es schwer.

Dazu gehört zum Beispiel das Fotografieren nach den Regeln der Fineart-Strassenfotografie.

 

Man kann es sich aber noch schwerer machen.

Wie früher! Da gab es noch keinen Autofokus.

Der Meister des Schnappschuss war Henri Cartier-Bresson.

Er fotografierte zu einer Zeit als es noch keinen Autofokus gab.

 

Warum sollte man heute so fotografieren?

Weil man damit ein Gefühl für das richtige Verhältnis von Schärfe und Abstand erhält und weil man damit besser „sehen“ lernt.

 

Wie macht man das?

Wichtig ist eine Kamera, die das noch kann.

Es muß eine Kamera sein bei der man den Fokus einstellen kann auf einen bestimmten Abstand.

Die Schlüsselwörter dabei sind Panfokus oder Fixfokus oder auch Prefocus.

Dabei wird grob gesprochen auf 1m, 2,5 m oder 4 m scharfgestellt und alles danach ist dann je nach Blende, Sensor und Abstand sowieso scharf.

Oder man stellt manuell an einem Objektiv einen bestimmten Abstand für die Schärfe ein.

 

Welche Kameras sind sinnvoll?

Es können preiswerte und kleine Kompaktkameras genommen werden oder teure und große Digitalkameras.

Die Kamera muß nur über diese technische Möglichkeit verfügen.

Übrigens gibt es auch Smartphones mit solchen Fixfokus-Objektiven, die ab ca. 20 oder 50 cm alles scharfstellen.

 

Wie geht es weiter?

Der Rest ist raus und üben.

Cartier-Bresson hatte eine analoge Filmkamera im sog. Kleinbildformat und er hatte eine Festbrennweite, am liebsten 50mm.

Heute geht es digital besser, weil man sofort sehen kann, ob man richtig lag mit der Schärfe und dem Abstand zum Motiv.

 

Viel Spaß!

 

Und wenn Sie fertig sind merken Sie, daß das Schwere vieles leichter macht – auch digital.

Aber nur, wenn Sie eine persönliche Ausrichtung beim Fotografieren entwickeln.

Sonst lohnt sich alles nicht.

Fotopraxis mit Perspektive von Martina Mettner

Fotopraxis-Cover-Druck

„16 erfolgreiche Projekte und ihre Macher“ ist der Untertitel dieses Buches.

Engagiert und einzigartig angelegt führt uns Dr. Martina Mettner kompetent und mit viel Erfahrung durch die Welt erfolgreicher Fotoprojekte.

Dazu hat sie 16 Interviews geführt und zeigt uns die Wirklichkeit, die dahinter steckt.

Eine Kernfrage ist, wie man mit Fotografie heute Geld verdienen kann jenseits des Journalismus und des Beamtentums.

Erfolg ergibt sich heute aus harter Arbeit und Zufall und Facetten der eigenen Persönlichkeit.

Dies findet sich in fast allen Interviews wieder.

Die Interviews zeigen, wie man erfolgreich sein kann – auch nach einem früheren Scheitern.

Es gibt kein Erfolgsrezept, es gibt viele Wege und einige führen manchmal zum Erfolg.

In dem Buch finden sich fotografische Autodidakten und ausgebildete Fotografen oder Fotodesigner.

Das alles ist aber nie allein entscheidend sondern das danach. Genau darum geht es.

Frau Mettner interviewte folgende Personen: Carlos Spottorno (Madrid), Ekkehart Keintzel (Berlin), Andreas Meichsner (Berlin), Ahrens + Steinbach (Köln), hiepler, brunier, (Berlin), J. Scriba (Hamburg), James Mollison (Venedig), braschler/fischer (Zürich/New York), Robert Maybach (Graz), Oliver Stegmann (Zürich), Alexander Schneider (Perg, OÖ), Ulla Lohmann (München), Julia Runge (Berlin), Kai Löffelbein (Hannover), Patrick Willocq (Paris/Hongkong), Bénédicte Vanderreydt (Brüssel/Paris).

Es ist also eine große Bandbreite vertreten.

Am interessantesten für mich war das Interview mit Carlos Spottorno und am informativsten für die Frage nach dem „Markt“ war für mich das Interview mit Hiepler und Brunier über das Projekt Industrious.

Frau Mettner zeigt uns den Prozess der Veränderung im Arbeitsfeld Fotografie an positiven Beispielen.

Da sie selbst die Person ist,

  • die durch das Buch führt,
  • die die Fragen formulierte und
  • die Konzeption und Umsetzung übernahm,

ist es ein Buch, das uneingeschränkt und konsequent gestaltet ist.

Die ersten Kapitel des Buches sind daher so etwas wie die Essenz, die die Autorin selbst als erfahrende Beraterin formuliert.

Es ist eine höchst interessante Bestandsaufnahme der Wirklichkeit.

Einen Satz möchte ich zitieren:

„Denn auch das ist die Wahrheit: Aus Sicht des Fotografen hat das Unternehmen keine Ahnung „wie Bild geht“, und aus Sicht des Unternehmens haben Fotografen oft keinen blassen Schimmer von dem, worauf es dem Konzern (oder der Agentur) ankommt.“

Und jetzt?

Natürlich verrate ich nicht die Antworten, die Frau Mettner gibt.

Aber klar ist, es gibt nicht nur eine Antwort.

Daher sind die Interviews als authentische Aussagen neben den Texten von Frau Mettner eine wunderbare Quelle für Anregungen, Betrachtungsweisen und Empfehlungen.

Eine Fotografie hat einen Rahmen, die Wirklichkeit nicht.

Im Rahmen muß es stimmen.

So ist auch das Buch gestaltet.

Das Buch hat einen Rahmen und die Auswahl in dem Rahmen zeigt die soziale Wirklichkeit erfolgreicher Projekte und den Blick hinter die Kulissen.

Das Buch ist ebenso gelungen wie es das Foto wäre, wenn das Buch ein Foto wäre.

Aber man merkt auch, daß der Erfolg von gestern und die Erfolgsstrategie von gestern nicht automatisch den Erfolg von morgen garantieren.

Insofern ist dieses Buch besonders spannend.

Denn es lädt geradezu dazu ein, dieselben Interviews noch einmal in zehn Jahren zu führen und dann zu schauen, was aus den Beteiligten geworden ist.

So ist nicht nur dieses Buch großartig sondern es ist ein Buch, das neugierig macht auf die Zukunft der Beteiligten.

Und ich möchte nicht unerwähnt lassen, daß es sich auch buchbinderisch und vom Layout her wieder um etwas handelt, was wirklich noch ein Buch ist…

Wirklich und gut – wirklich gut!

Es ist im Fotofeinkost-Verlag erschienen.

Martina Mettner
„Fotopraxis mit Perspektive – 16 erfolgreiche Projekte und ihre Macher“
216 Seiten mit über 100 Abbildungen, in Leinen fest gebunden, Lesebändchen

ISBN 978-3-9813869-2-9

Wie real und wie symbolisch ist Dokumentarfotografie?

Einige persönliche Gedanken

Wenn man sich mehr als zehn Jahre theoretisch und praktisch mit Dokumentarfotografie beschäftigt, dann tauchen neue Fragen auf.

Neben technischen Fragen

  • wie man fotografiert

gesellen sich soziale Fragen

  • wie man die Fotos gebraucht.

Und dann kommen plötzlich Fragen nach der Symbolik der Fotos – zumindest bei mir.

Da in der letzten Zeit viele meiner dokumentarischen Fotos in Remscheid entstehen, sind die dortigen lokalen Themen automatisch auf den Fotos.

Remscheid liegt in Amerika, auch wenn es in Deutschland liegt.

So weit bin ich schon.

Aber es geht noch weiter.

In Remscheid wurden in letzter Zeit im Rahmen einer Marketingaktion an zentralen Stellen Werbebotschaften aufgestellt.

Diese sollen offenkundig als Überbleibsel einer „Löwenparade“ mit Beigeschmack noch an vielen anderen Stellen stehen.

Diese Art der symbolischen Stadtentwicklung auf der Grundlage eines Nazidenkmals wäre schon Grund genug, um über den symbolischen Wert von dokumentarischen Fotos nachzudenken.

Aber ich möchte dies alles noch etwas erweitern.

Betrachten wir das folgende Foto:

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Es handelt sich hier um die Kreuzung am „Zentralpunkt“, die zugleich der Verkehrsknotenpunkt in Richtung Südbezirk mit den größten Arbeitgebern von Remscheid ist.

Dabei handelt es sich u.a. um das Sana-Krankenhaus und die Firmen Vaillant, Mannesmann sowie andere Firmen drumherum. Es sind alles private Gesellschaften.

Und hier auf dem Berg thront nun eine Kopie des Nazidenkmals mit dem Symbol einer Zeitarbeitsfirma.

Das ist in sich schon symbolisch.

Das Jobcenter in Remscheid stellte in diesem Jahr fest: “Der Remscheider Arbeitsmarkt ist geprägt durch die Zeitarbeit.”

Insofern symbolisiert diese Figur als ein Denkmal etwas zum „Denk mal!“.

Damit aber nicht genug.

Welches der Unternehmen in diesem Stadtteil greift eigentlich nicht auf Zeitarbeitsfirmen zurück?

So ist für mich die Symbolik viel tiefer.

Hier wird der Triumph einer Gesellschaft symbolisiert, die immer mehr Arme in Arbeit und ohne Arbeit hervorbringt und soziale Verunsicherung in jeder Form.

Daß in diesem Stadtteil auch ein Teil der ganz Reichen wohnt, ist vielleicht die andere Seite und ein Grund mehr, warum es gerade hier steht.

Aber damit ist der Symbolgehalt immer noch nicht hinreichend beschrieben.

Denn hier steht nicht nur etwas, es steht auch auf etwas.

Genau, es ist eine rechteckige Box.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Auch dies ist ein Symbol.

Remscheid wird rechteckig.

Die Industriehallen-„Architektur“ des total häßlichen Funktionalismus greift an jeder Ecke um sich.

Eigentlich ist es schon schlimm genug, wenn in einem Industriegebiet solche hässlichen Hallen als Arbeitsboxen stehen. Sie sprechen eine andere Sprache wie die früheren Fabrikgebäude.

Aber nun kommt dies massiv an jeder Ecke.

Private Neubauten, Einkaufszentren und nun auch noch als „krönender“ Abschluß der Fuß eines denkwürdigen symbolischen Aktes des Stadtmarketings.

So ist auch hier eine Symbolik zu finden, die das Ergebnis der Tatsache ist, daß das Sein das Bewußtsein bestimmt.

Dies alles zeigen die Fotos.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Aber das meiste davon sieht man nicht direkt.

Es ist in der Symbolik solcher Fotos angelegt, besser: in der Situation, die hier fotografiert wurde.

So kann ein Foto symbolisch etwas zeigen, was sich dem erschließt, der um die Zusammenhänge weiß.

Genau deshalb ist die Aussagekraft eines Fotos, selbst wenn es nur eine „oberflächliche“ Aufnahme ist, je nach Wissen und Zeitpunkt enorm groß.

Und es bedeutet, daß man den öffentlichen Raum nicht genug aufnehmen kann, weil Fotos gute Quellen für die Betrachtung der Realität in Geschichte und Gegenwart sind.

Denn was für Fotos aus Remscheid gilt, gilt eigentlich überall.

Insofern ist Remscheid fotografisch der Nabel der Welt – aber nur insofern.

Rasende Reporter. Eine Kulturgeschichte des Fotojournalismus von Anton Holzer

rasendereporter

„Dieses Buch handelt von alten fotografisch illustrierten Zeitungen… Dieses Buch rekonstruiert am Beispiel Österreichs die Gründungsjahre und -jahrzehnte des modernen Fotojournalismus. Es folgt den frühen Pionieren auf ihren Streifzügen, schildert den Arbeitsalltag der Fotografen und wirft einen Blick in die Redaktionen, wo die illustrierten Zeitungsseiten hergestellt werden.“

Mit diesen Worten aus dem Vorwort gelangen wir in ein opulentes Buch, das zum tagelangen Verweilen und Entdecken einlädt. Großformatig und großartig illustriert erfahren wir mit einer Fülle von substanziellen Artikeln zu allen Themen des Fotojournalismus, wie die Welt damals aussah und wie sie sich selbst sah im Spiegel der Fotografie.

Anton Holzer ist es gelungen, ein umfassendes Buch zu erstellen, das ein echtes Panorama der damaligen Zeit liefert.

Obwohl das Buch nur so von Fotos und Ausschnitten strotzt, ist es dennoch zugleich ein Buch voller Texte, die zeigen, wie man dieses Thema wissenschaftlich so bearbeiten kann, daß daraus dennoch ein lesbares Buch wird.

Gibt es eine fotografische Öffentlichkeit?

Diese Frage scheint die Leitfrage in diesem Buch zu sein und es ist eine gute Frage.

Seine Antwort ist eindeutig: „Schon sehr früh … etabliert sich … neben der … textlastigen Zeitungs- und Zeitschriftenöffentlichkeit, eine ebenso komplexe, weitaus populärere Bildöffentlichkeit. Diese frühe Form der Öffentlichkeit … scheint heute weitgehend vergessen zu sein. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Zeugnisse dieser Öffentlichkeit, die Bilder, … bisher erst wenige Historiker gefunden haben.“

Und so nimmt uns Anton Holzer mit in die fotografische Öffentlichkeit und entführt uns in die damalige Welt, die wir in Bildern betrachten können – so wie heute.

Nun ist dieses Buch über Österreich.

Ist das eine Einschränkung?

Eher nicht.

Sprachlich sind wissenschaftliche Bücher aus Österreich eher besser als aus Deutschland, weil sie mehr verständliches Deutsch und weniger unverständliche Fachsprache nutzen.

Das fällt mir auch bei diesem Buch auf.

Holzer schildert die verschiedenen Zugänge verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen und bleibt dann bei einer klaren historischen Fachsprache, die die Texte lesbar und sachlich macht.

„Die wichtigsten Zentren der Bildpresse im deutschsprachigen Raum sind Berlin und Wien“, schreibt Holzer.

Und so ist dieses Buch dann aus der Sache heraus doch eine Kulturgeschichte des gesamten deutschsprachigen Raums.

Fast jede Doppelseite hat mehrere Bilder von Zeitungen oder Wochenblättern bzw. Magazinen, viele davon aus Deutschland, weil die Pressefotografie mobiler wird und über Grenzen hinweg arbeitet. Und der weg von München nach Wien ist nun auch nicht so weit. Hinzu kommt, daß in der NS-Zeit Österreich und Deutschland zusammengeführt wurden und damit auch die Pressefotografie sich veränderte.

Schon visuell kann man so in dem Buch einen Weg gehen, der unglaublich viele Eindrücke hinterläßt.

Ab Seite 206 lesen wir dann über die Wege zur modernen Fotoreportage.

Wir entdecken

  • wie sich grafische Gestaltung und Bilder ändern,
  • wie Themenseiten mit Fotos hinzukommen und wir sehen,
  • wie politische Fotografie überall zu finden ist.

Es ist ein Buch, das jedem wissenschaftlichen und thematischen Anspruch gerecht wird, aber auch die Forschungslücken aufzeigt und zu weiteren Fragen anregt.

Es ist wahrscheinlich das Standardwerk zu diesem Thema geworden und im Primusverlag erschienen.

Anton Holzer

Rasende Reporter
Eine Kulturgeschichte des Fotojournalismus

2014, Etwa 496 S. mit ca. 530 farb. u. s/w Abb., Register, geb. mit Schutzumschlag
Format 22,0 x 29,0 cm
ISBN 978-3-86312-073-3