Monthly Archives: September 2014

Das Bild als Zeuge – Kunst als Verlust der Realität

Karen Fromm

“Dokumentarische Bilder zielen eher auf Wahrheit und die sachliche Vermittlung von Informationen in detailreicher Klarheit und Nüchternheit. Bei authentischen Bildern geht es weniger um die Sachlichkeit als um die Vermittlung von Echtheit, Unmittelbarkeit und häufig auch Emotionalität.“ Dieser Satz aus der Doktorarbeit von Karen Fromm, die begutachtet wurde von Prof. Dr. Susanne von Falkenhausen und Dr. Bettina Uppenkamp, führt uns hinein in die akademische Betrachtung des Dokumentarischen.

(Ich habe hier mal die akademischen Titel aufgeführt, aber mir erschließt sich nicht, wieso akademische Abschlüsse in den Personalausweis eingetragen werden und Teil des Namens werden können. Das gibt es so nur in Deutschland. Logischerweise müßte dann das Thema der Doktorarbeit mit eingetragen werden weil nur dort die Qualifikation nachgewiesen ist. Aber das ist eine andere Frage.)

Dissertationen setzen dort an, wo der aktuelle Stand der Forschung ist und fügen einen bisher unerforschten Teil hinzu. Das ist dann das Erforschte.

Mit gefällt ihre Doktorarbeit, weil ich den Eindruck habe, daß sie das Thema interessiert hat.

Zudem ist sie praxisorientiert.

Der Untertitel lautet „Inszenierungen des Dokumentarischen in der künstlerischen Fotografie seit 1980“.

Damit kommen wir wieder dort an, wo man heute versucht, mit Fotografie Geld zu verdienen.

Wie wirklich ist die Wirklichkeit fragte früher Paul Watzlawick.

Und Karen Fromm fragt, was denn das Dokumentarische ist?

Eine gute Frage.

Sie wandert dann durch die Theorien, die man wahrscheinlich als Nachweis der akademischen Beschäftigung mit diesem Thema erbringen muß und kommt zu dem Thema „Das spezifische Verhältnis des Dokumentarischen zur Wirklichkeit“.

Dokumentarisch, wirklich, real, wahr – wo ist die Schnittmenge und wer definiert dies wie?

Mir gefällt folgende Aussage von ihr:

„Die Begriffe von Wahrheit und Wirklichkeit, die der Produktion und Konsumption des Dokumentarischen zugrunde liegen, sind damit keineswegs als neutral und überzeitlich, sondern als Teil gesellschaftlicher Machtverhältnisse zu lesen, die diese verhandeln und definieren. Wie jede Form der Wissensproduktion ist auch die Herstellung dokumentarischer Wahrheits- und Wirklichkeitseffekte an Machtverhältnisse, sogenannte Wahrheitsregimes gekoppelt. Dokumentarische Praktiken lassen sich damit weniger als Wahrheit denn als Politik der Wahrheit begreifen, die Foucault als ein Set von Regeln versteht, die Wahrheit verhandeln und definieren.“

Und dann wandern wir mit ihr durch die Gedanken, Fotografien und Grafiken vieler Namen, die immer wieder auftauchen in der Galerie der Fotokunst.

Es ist ein „Buch“, das die Gelegenheit bietet, alles das zu lesen, was in der akademischen deutschen fotografischen Welt aktuell wichtig ist.

Frau Fromm schließt mit den Worten: „Denn genau wie das Dokumentarische nicht als Ergebnis, sondern als Handlung zu begreifen ist, die immer mit zahlreichen Machtformationen verknüpft ist, stellen die künstlerischen Bilder einen Bezug zu den Ereignissen her, auf die sie rekurrieren. Sie fungieren jedoch nicht als Belege, dass die Ereignisse tatsächlich stattgefunden haben, sondern reflektieren, dass die Lesbarkeit von Welt, die Abbildbarkeit der Ereignisse nie vollständig gelingen kann. Insofern baut das künstlerische Vorgehen auf eine Differenz zum Ereignis und ist damit letztlich auf Verlust angelegt.“

Der Text ist online kostenlos verfügbar als Teil der öffentlichen Wissenschaft und daher mit einem Mausklick ladbar und lesbar.

Man findet viele Aspekte aktueller deutscher universitärer Fototheorie wieder.

Ach so, was ist denn jetzt in ihren Augen Dokumentarfotografie?

„Zum einen muss zwischen Dokumentarfotografie und Dokument unterschieden werden. Denn Solomon-Godeaus Zitat zeigt, dass jede Fotografie im Sinne ihrer Indexikalität ein Dokument dessen ist, was sich vor der Kamera befunden hat; sie ist damit aber noch nicht notwendig eine Dokumentarfotografie. … Die vorfotografische Realität würde ich auf die Beschreibung dessen, was sich während des Fotografierens vor der Kamera befunden hat, beschränken. Mithilfe dieser Differenzierung wird nämlich eine mögliche Unterscheidung zwischen inszenierter, auf Fiktives rekurrierender Fotografie und dokumentarischer Fotografie deutlich. Im Fall der inszenierten Fotografie spielt die nicht-fotografische Realität lediglich als intendierte Rezeptionsrealität eine Rolle und die reale vorfotografische Realität löst sich in der Fotografie gleichsam auf, während sie im Fall der Dokumentarfotografie in die nichtfotografische Realität zurückgeht, die sie ja selbst einmal war und aus der sie entstanden ist. Ein wesentliches Charakteristikum dokumentarischer Fotografie ist damit ihr Referenzobjekt, das sie im Gegensatz zur inszenierten Fotografie in der nichtfotografischen Realität findet.“

Es kommt also darauf an, ob ich eine gestellte oder ungestellte Szene aufnehme.

Wenn man den Text gelesen hat und dann zur Kamera greift und dabei darüber nachdenkt, wie dokumentarisch die Wirklichkeit ist, dann wird man merken, daß ihr Ansatz, dabei Macht und Interesse nicht zu vergessen, aus der Praxis stammt – wenn auch mit wissenschaftlicher Akribie formuliert.

Die Fotografie ist eben eine Waffe – sogar in der Kunst.

In dem Text sind auch Abschnitte wie der über Richard Billingham´s Ray´s a Laugh, die auf mich völlig überakademisiert wirken und jenseits von meiner Auffassung sind.

Aber so ist das eben mit der Fotografie und dem Dokumentarischen und der Wissenschaft, die Wissen schafft.

Damit wären wir bei der Frage, wo die Schnittmenge von Wissen und Wirklichkeit ist.

Aber das ist ein anderes Thema.

Und nun viel Spaß beim Lesen des Textes.

 

Big Shots! Die Geheimnisse der weltbesten Fotografen von Henry Carroll

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Endlich mal ein Buch, das neue Wege geht!

Der Autor Henry Carroll schreibt im Vorwort:  „Stattdessen enthält dieses Buch inspirierende Arbeiten von Fotografen von früher und von heute. Schauen Sie sich die Bilder an, verstehen Sie ihre Ideen und lernen Sie, wie Sie die Techniken selbst umsetzen können. Sie werden feststellen, dass es bei genialen Fotos weniger um technisches Know-How und vielmehr darum geht, Ihr wertvollstes Instrument zu bedienen – Ihre Augen.“

Es ist ein Buch, das davon lebt, wirklich gut zu sein. Ursprünglich im angelsächsischen Raum erschienen, kommt das Buch über die Schweiz in den deutschen Sprachraum. Das hat ihm sehr gut getan. Es ist eines der Bücher, die dem deutschen Drang der ellenlangen Dokumentation das wirklich wichtige Wissen entgegensetzen: die Praxis des Sehens, die mehr ist als einfaches Fotografieren.

Natürlich kommt in diesem Buch deshalb auch Henri Cartier-Bresson vor, der Meister der Geometrie.

Und natürlich kommen in diesem Buch noch andere Fotografen vor: Sebastião Salgado, Fay Godwin, Martin Parr, Nadav Kander, Daido Moriyama, Elaine Constantine, Ansel Adams, Marc Asnin, Cristina Garcia Rodeo, Edward Burtynsky, Alkan Hassan, Guy Bourdin, Lars Tunbjörk, Lewsi Baltz, Bill Brandt, Ernst Haas, Luca Campigotto, Nayoa Hatakeyama, Slinkachu, Richard Misrach, Denis Darzacq, Jo Metson Scott, Adam Pretty, Tom Hunter, Trent Parke, Ryan Mcginley, Fay Godwin, Joel Sternfeld, Lee Fridlander, Richard Learoyd, Nadav Kander, Elaine, Constantine, Robert Burks, Holly Andres, Jeanloup Sieff, Philip-Lorca diCorcia, Rene Burri, Muzi Quawson, Youngjun Koo, Shikhei Goh, Chris Levine, Melanie Einzig, Robert Capa, Stepehn J. Morgan, Edward Weston, Elliott Erwitt, Apollo 17, Dorothea Lange, Maciej Dakowicz, Alec Soth, Robert Frank, Inzajeano Leif.

Es sind viele Namen und einige davon sind nicht in der  dauernd aktualisierten Medienkarawane der ununterbrochenen Fotoausstellungen zu finden, die überall und immer wieder als sogenannte Fotokunst in Museen gezeigt werden.

Das tut dem Buch gut, weil es zum Kern des Fotografierens vordringt und den Leserinnen und Lesern echte und kluge Zugriffe auf Fotos und fotografische Möglichkeiten bietet.

Carroll hat eine Meinung und er sagt sie schon am Anfang des Buches:

„Stellen Sie sich die Komposition als Fundament ihres Bildes vor. Wie bei jedem Bauwerk muß es stark sein.“

Und so steigt er ein mit dem Foto Monolith von Ansel Adams und danach mit dem Foto Department Var von Henri Cartier-Bresson.

Die guten Fotos nutzt er, um zu zeigen, was man in welcher Situation machen kann, damit die fotografische Komposition stimmt.

Auf Seite 28 schickt er seine Leserinnen und Leser dann erst mal raus zum Üben. Danach folgen weitere 100 Seiten voll mit guten Hinweisen und praktischen Beispielen.

Und wer wirklich übt, der wird das kleine Einmaleins der visuellen Grammatik des Sehens auch lernen können, weil die Vorbilder im Buch erstklassig sind und Carroll offenkundig Erfahrungen in der didaktisch gut aufbereiteten Wissensvermittlung hat.

Super!

Das Buch hat im Vergleich zu anderen Büchern aus deutschen Landen noch einen Vorteil. Es konzentriert sich voll auf das Fotografieren.

In dem Buch wird nicht ein einziges Mal irgendeine Kameramarke erwähnt oder betont, daß es nur die eine Art von Kamera sein kann…

Man braucht eben nicht die neuste Kamera für gute Fotos sondern ein geschultes Auge.

Im schwarzen Einband ist ein echtes Arbeitsbuch erschienen, das wirklich zeigt, wie man sein fotografisches Können verbessern kann.

Einen Hinweis habe ich aber noch. Das englische Original hat übersetzt den Titel Lies das, wenn du großartige Fotos machen willst!

Insofern ist das Buch ein richtig gutes Buch mit einem sehr hohen Lerneffekt und man kann sich sogar noch aussuchen, ob man lieber großartige Fotos machen will oder die Geheimnisse der weltbesten Fotografen kennenlernen möchte – oder beides.

Was will man mehr!

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Es ist im Midas-Verlag erschienen.

Henry Carroll
BIG SHOTS !
Die Geheimnisse der weltbesten Fotografen

128 Seiten, Paperback, Fadenheftung
durchgehend vierfarbig, 50 Fotografien
ISBN: 978-3-907100-51-6

Eine Leseprobe gibt es hier.

 

 

Meisterinnen des Lichts von Boris Friedewald

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Große Fotografinnen aus zwei Jahrhunderten will das Buch zeigen.

Man blättert und schaut in diesem Buch mit zunehmendem Vergnügen.

Mir ist zwar nicht klar, welche Kriterien für „groß“ gelten aber  alle Beiträge sind sehr interessant und viele Fotos einfach großartig in Idee oder Umsetzung.

Es sind viele Namen in dem Buch: Berenice Abbott, Eve Arnold, Anna Atkins, Ellen Auerbach, Jessica Backhaus, Tina Barney, Lillian Bassman, Sibylle Bergemann, Margaret Bourke-White, Claude Cahun, Julia Margaret Cameron, Imogen Cunningham, Rineke Dijkstra, Trude Fleischmann, Martine Franck, Gisèle Freund, Nan Goldin, Jitka Hanzlová, Lady Clementina Hawarden, Florence Henri, Candida Höfer, Evelyn Hofer, Graciela Iturbide, Lotte Jacobi, Gertrude Käsebier, Rinko Kawauchi, Herlinde Koelbl, Germaine Krull, Dorothea Lange, An-My Lê, Helen Levitt, Vera Lutter, Vivian Maier, Sally Mann, Hellen van Meene,  Susan Meiselas, Lee Miller, Lisette Model, Tina Modotti, Sarah Moon, Inge Morathh, Zanele Muholi, Madame d’Ora, Bettina Rheims, Viviane Sassen, Shirana Shahbazi, Cindy Sherman, Dayanita Singh, Rosalind Solomon, Grete Stern, Ellen von Unwerth, JoAnn Verburg, Carrie Mae Weems, Francesca Woodman, Madame Yevond.

Das zeigt wie viele Frauen fotografierten und fotografieren.

Die meisten Frauen werden auf je zwei Doppelseiten vorgestellt, machmal sind es mehr.

So gelingt es, mit einem Text den Menschen und die Einstellung zur Fotografie zu erklären und einige Fotos in ansprechender Größe wiederzugeben.

Gut durchdacht und gut gemacht!

Boris Friedewald schreibt: „All dies sind Blicke von Frauen, für die die Bezeichnung Fotografin unscharf ist. Und das aus ganz individuellen Gründen. So sieht sich Zanele Muholi als visuelle Aktivistin. Claude Cahin sah sich selbst jenseits von weiblich, männlich oder androgyn und Eve Arnold glaubte, daß die Bezeichnung Fotografin sie reduziere.“

Damit öffnet er den Blick auf soziale Relität jenseits der alten Begrifflichkeit. Fotograf/Fotografin ist zunehmend kein Berufsbild mehr sondern eine Art der Kommunikation, weil die Technik keine Fachkenntnisse mehr erfordert. Sie wird eher eine Ausdrucksform und dann kommt es darauf an, ob diese Ausdrucksform als Fotokunst vermarktet werden soll oder als Beitrag die soziale Wirklichkeit beeinflussen soll – oder beides.

Es ist ein Buch zum Blättern, Blicken und Verweilen. Dabei wird es nie langweilig und die Texte sind sehr informationsreich. Damit lernen wir die Frauen in diesem Sinne kennen und werfen Blicke auf ihr fotografisches Werk.

Ein gutes Buch aus dem Prestel-Verlag.

Schade, daß es nicht noch dicker ist.

Boris Friedewald
Meisterinnen des Lichts
Große Fotografinnen aus zwei Jahrhunderten

ISBN: 978-3-7913-4673-1

 

Das Buch ist im Prestel-Verlag erschienen.