Monthly Archives: August 2014

Milieufotografie heute oder der Zille Faktor in der Dokumentarfotografie

Zille sein Milljöh waren die Armen und die Arbeitenden, wobei meistens eine Personenidentität vorlag.

Seine Region war Berlin.

Das Milieu gab es aber überall.

Unter Milieu werden die sozialen Bedingungen von Menschen und die dazugehörigen Schauplätze verstanden.

Zille zeichnete und fotografierte.

Heute gibt es die verschiedenen Milieus auch überall zu sehen.

Daher dachte ich mir, ich arbeite mit meinem persönlichen  Zille-Faktor durch digitale Filter, um Fotos wie Zeichungen aussehen zu lassen und verschiedene Wirkungen zu verstärken.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Mir gefällt dies sehr gut. Leider gibt es außer Zille selbst keine Entsprechungen. Aber vielleicht ist es nun an der Zeit, um dieses Thema neu anzupacken.

Wenn wir heute Armut fotografieren, Menschen in ihrem sozialen Umfeld oder Strassenszenen, dann diskutieren wir immer über das Thema Recht am eigenen Bild und sprechen über Strassenfotografie bzw. Streetphotography.

Das ist es aber nicht.

Einen Schritt weiter findet in meinen Augen die gestaltende Deutung der Wirklichkeit mit digitalen Filtern an.

Meine Richtung dafür ist weg von der superscharfen Abbildung und hin zur detailgetreuen digitalen Zeichnung, die mehr ist als ein Comic.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Milieustudien sind nicht nur Armutsstudien sondern zeigen Menschen in ihrem Umfeld mit der Kleidung und den Dingen, die real da sind.

Zille selbst fotografierte monochrom bzw. schwarzweiß und malte ebenso schwarzweiß, aber auch bunt.

Da ist dann die Schnittmenge.

Die manchmal durch den Einsatz digitaler Filter übertriebene Dominanz einzelner Bildteile ist dann natürlich gewollt.

Interessant ist dabei die Frage, wie zeigt man Wirklichkeit?

Heinrich Zille zeigte sie durch seine Zeichnungen und nebenbei in seinen Fotos.

Ich zeige sie teilweise bewußt durch die digitalen Filter.

Für mich sind solche Fotos die Fotos mit Zille-Faktor:

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Es ist meine spezielle Form von Fotografie und photographischer Kunst. Ich finde dies alles oft ausdrucksstärker als  viele andere Fotos.

Es ist Milieufotografie und da finde ich diese Darstellungsweise sehr spannend.

Weil ich sehr viel im lokalen öffentlichen Raum von Remscheid, Solingen und Wuppertal fotografiere, habe ich diese Art der Fotografie mit lokalem Bezug auch Wupperart genannt.

Klaus Staeck hat sich einmal zu Heinrich Zille geäußert:

„Heinrich Zille ist ja jemand, von dem alle glauben, sie würden ihn kennen. Man kennt seine derben, wunderbaren Karikaturen, Zeichnungen, jeder hat einen anderen Begriff dafür, aber das ist nur ein Teil von Zille. Er war ein Avantgardist, vor allen Dingen als Fotograf. Für uns heute ist er jemand, der wie kaum ein Zweiter die sozialen Verhältnisse um die Jahrhundertwende und Anfang des letzten Jahrhunderts dargestellt hat, satirisch zum Teil, aber eben auch vor allen Dingen sozialkritisch….

Heinrich Zille ist insofern modern, als er durch seine Fotos jemand war, der neue Wege gewiesen hat. Und er ist modern insofern, als er uns daran erinnert, dass die Kunst auch eine Aufgabe hat, indem sie den Teil der Wirklichkeit beschreibt, den wir am liebsten verdrängen wollen. Das ist das Elend, das ist Kinderarmut, das ist auch Verwahrlosung in vielerlei Hinsicht. Wir reden heute immer alle über Jugendgewalt etc. Es gibt Themen, die bleiben.“

Was mir wichtig ist, das ist die klärende Distanz. Durch Abstand den Zusammenhang besser sehen oder durch Abstand klarer sehen. Das ist es, was ich bei dieser Art der Fotografie empfinde.

Ich erhöhe den Abstand, ohne die Wirklichkeit zu verfälschen, um mit Distanz den Blick zu schärfen.

Das ist interessanterweise die Art von Fotos, die sich bei mir ungeplant aber durch Interaktion mit Menschen und Situationen und digitaler Technik entwickelt hat.

Es ist aber nicht die einzige Art von Fotos, die ich mache.

Meine anderen Wege habe ich hier beschrieben.

Es kommt immer auf die Situation und die Aussage an.

Schönheit und Last von Peter Alexis Albrecht (Hg.)

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„Bildnisse vom Alter“ lautet die ergänzende Unterschrift des Titels. Und damit nähern wir uns einem sehr interessanten Buch.

Drei Fotografinnen – Ilona Ripke, Karin Wieckhorst und Irene Zandel – haben für die Cajewitz-Stiftung in deren Seniorenhäusern fotografiert.

Wie kann man im Alter mit Würde leben?

Kann dies selbstbestimmt und durchorganisiert funktionieren?

Die Cajewitz-Stiftung will zeigen, daß dies geht und zwar für alle.

So kosten die Wohnungen dort zwischen 600 und 1200 Euro.

Allerdings machen die Fotos deutlich, daß es ohne Geld trotzdem nicht geht, da man ab einem bestimmten Alter „Wahlleistungen“ braucht, weil die Bewältigung mancher Aufgaben sonst zur Qual werden würde.

Das Buch ist schon deshalb sehr sympathisch, weil es mit Fotos Würde im Alter zeigen will.

Das gelingt und ist völlig entgegengesetzt zu dem, was uns die Politik über längeres Arbeiten medial vermitteln will.

Das zeigt uns jedes Foto in diesem Buch: Aktivität im Alter ja – fremdbestimmte Geldarbeit zum Überleben nein.

Bei den Fotos der „Hochbetagten“ sind allerdings nur Kopfarbeiter mit wahrscheinlich höherem Einkommen. Es wäre interessant zu erfahren, ob dies sich aus der Auswahl der Fotos so ergeben hat oder real auch so ist. Dann würde ich fragen, wer arm ist stirbt früher? Und könnte dann auch nicht mehr fotografiert werden!

Barrierefreies Wohnen ohne die Lebenswelt eines Altenheimes ist das Ziel der Stiftung.

Aber sie sagt auch, daß soziale Sicherheit im Alter dafür unerläßlich ist.

Insofern ist dieses Buch hochpolitisch und so gesehen sind auch die Fotos der drei Fotografinnen hochpolitisch.

Jede Fotografin nähert sich dem Thema anders, alle fotografieren hier ausschließlich monochrom.

Es sind Fotos, die Menschen zeigen. Zu den Fotos gibt es Aussagen der Fotografierten und Erläuterungen.

Man spürt die Aktivität im Alter.

Man sieht die Würde, die sich auf den Fotos zeigt durch die Art, wie die Menschen sich für die Fotos zeigen.

Früher hätte ich geschrieben von Dänemark und Schweden lernen, heißt siegen lernen.

Heute schreibe ich von solchen Projekten lernen heißt siegen lernen.

Ilona Ripke zeigt Menschen im Raum, in ihren Räumen und versucht „die Spiegelungen eines ganzen Lebens abzubilden.“

Karin Wieckhorst hat als Thema Kultur und Lebensweise. Wie leben Menschen mit ihrer Umwelt, wie ist die Dynamik des Zusammenlebens in den Häusern der Stiftung?

Irene Zandel erzählt Fotogeschichten, die Lebenslinien aufzeigen.

Texte treten überall erläuternd zur Seite und ermöglichen so Einordnungen, die sich durch die Fotos allein nicht erschließen.

Denn es gibt in dem Buch eine fotografisch unsichtbare Seite. Es ist der bisherige Lebensweg. Dieser zeigt sich auf den Fotos nicht durch Erinnerungsstücke sondern durch die Erzählungen dazu.

Die Texte sind auch durchaus kritisch. Die Kritik bezieht sich sowohl auf Erfahrungen wie auf die Bauweise mancher Wohnung, so daß die Würde durch das Buch gelebt wird und dadurch wiederum Glaubwürdigkeit vermittelt wird.

Interessanterweise sind alle Fotos monochrom. Kein Foto ist langweilig und die Individualität der Menschen wird so wirklich gut betont.

So ist das Buch ein gelebtes Beispiel dafür, wie stark monochrome Fotos im Zeitalter der Farbfotografie sein können. Sie sind manchmal die bessere Wahl.

Sie strahlen auch Ruhe aus und schaffen ein angenehmes visuelles „Klima“.

Es ist ein großartiges Buch mit guten Botschaften, das soziale Wirklichkeit in Deutschland zeigt und eine Antwort auf die Frage gibt, wie wir selbstbestimmt leben können, auch wenn wir keine Millionäre sind.

Dies führt automatisch zu der Frage, wieso die Politik dann genau das Gegenteil macht?

So ist dieses Buch ein politisches Fotobuch im besten Sinne, das uns visuell Wege zeigt wie wir heute schon ohne Angst im Alter mit Würde leben können.

Und nun?

Nun ist es an uns, politische Forderungen zu stellen, die dafür sorgen, daß jung und alt mit Perspektive leben können.

Das Buch ist im Nicolai-Verlag erschienen.

 

Magnum´s First und Magnum neu – Gesicht der Zeit gestern und heute?

Die Fotoagentur Magnum ist wie ihre Fotografen ein Beispiel für den Wandel geworden.

Dies kann man sehr schön sehen, wenn man sich die erste Ausstellung von Magnum anschaut und im Anschluß daran auf die Webseite wechselt.

Zu der ersten Ausstellung gibt es ein schönes Video:

 

Was hat sich verändert?

Auf der Webseite der Fotoagentur Magnum gibt es einen Menüpunkt Blog. Dort sehen Sie dann, was ich meine.

Magnum zeigt nun aus dem Archiv Slideshows mit Fotos zu Themen und Fotografen und parallel dazu Fotografien und Projekte von heute.

Ich finde besonders bemerkenswert, daß hier auch aktuelle monochrome Reportagen zu finden sind.

Allerdings ist auch klar, was sich geändert hat.

Früher sah man solche Fotos erst, wenn man eine Zeitung kaufte.

Heute sieht man sie online, damit man auf die Webseite kommt, um die Fotografen und ihre Angebote kennenzulernen.

Das sind Seminare, sog. Master workshops, und natürlich Fotos.

Hinzu kommen Ausstellungen vor Ort und einiges drumherum.

Es ist ein guter Ort für Fotoreportagen  und es zeigt sich sehr stark der Wandel in der Reportage-Fotografie und der Vermarktung.

Das Foto ist nicht alleiniges Endprodukt sondern Ausgangsprodukt für viele andere Dinge.

Gerade der Kontrast zwischen der ersten Ausstellung und dem, was heute ausgestellt wird, zeigt, wie die Welt sich veränderte.

Und wie sie sich gleich blieb.

Die erste Ausstellung hieß Gesicht der Zeit.

Die Webseite zeigt das neue Gesicht der Zeit.

 

Digitalkameras für Journalismus, Reportage und Strassenfotografie

An dieser Stelle hätte ich vor ein paar Jahren noch die Frage gestellt, welche Kamera ist gut für Reportagefotografie?

Diese Frage stelle ich heute nicht mehr, weil heute so gut wie jede Kamera gut ist für journalistische Fotoreportagen und Streetphotography.

Auch das hat mit dem Wandel zu tun, allerdings dem technischen Wandel:

  • Heute ist jede hochwertige Kompaktkamera ab ca. 150 Euro in der Lage, überall richtig gute Fotos zu machen
  • Heute ist die Unauffälligkeit bei Streetphotograpy bzw. Strassenfotografie eher nicht mehr mit einer Leica M gegeben sondern mit viel kleineren Kameras und je nach sozialer Situation eher noch mit einem Smartphone
  • Heute werden die meisten Fotos online gezeigt und die Ansprüche an Fotos haben sich geändert

So ist die Entkoppelung spezieller Kameramarken von gutem Fotojournalismus auch ein Teil dieses Gesichts der neuen Zeit. Geschadet hat es ihm nicht.

Gisèle Freund, Fotografische Szenen und Porträts von Janos Frecot und Gabriele Kostas

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„Wer bei Gisele Freund über Porträts spricht, spricht auch über Farben.“

So schildern Yoann Thommerel und Lorraine Audric das Archiv ihrer Fotos.

Es sind Fotos aus schwierigen Zeiten.

Sie erzählen Geschichten vom Leben und Sterben. Immer dabei Walter Benjamin.

Hnzu kommen Fotoreportagen und der Briefwechsel zwischen Walter Benjamin und Gisele Freund in Paris.

So entstand ein Buch, das Gisele Freund zeigt, ohne daß die Fotografin dazu noch etwas sagen könnte.

Janos Frecot und Gabriele Kostas betonen, daß die Auswahl der Fotos nicht nur die Porträts zeigen, sondern den Alltag der Abgebildeten, eben fotografische Szenen.

Daraus entstand ein Buch, das die Vergangenheit fast aktuell zurückholt.

Es sind bemerkenswert lebendige Fotos und man kann in dem Buch genau sehen, wie versucht wurde, verblassende Farben digital wieder hinzubekommen.

Das ist gelungen und spannend.

Das Buch liefert aber auch eine Untersuchung über die Art, wie Gisele Freund Porträts machte.

Fast immer war eine Hand zu sehen.

Interessant ist die These, daß die Fotos nicht aus einer Freude am Visuellen entstanden sind sondern aus inhaltlichen Gründen.

Wie schön, daß es das im Fotojournalismus noch gab!

„Die farbigen Nahansichten von Schriftstellern, besonders die berühmt gewordenen Porträts, die Gisele Freund um 1939 aufgenommen hat, verhindern oft durch ihre porentiefe, nicht nur den Dargestellten selbst unangenehme Genauigkeit die nötige Distanz, die uns gleichzeitig wieder anlocken würde.“

So steht es im Buch.

Enno Kaufhold untersucht in dem Buch die Rezeption und weist darauf hin, daß Gisele Freund erst 1977 in Deutschland im Rahmen einer Ausstellung mit Porträts und Fotoreportagen öffentlich zur Kenntnis genommen wurde.

Nun hat der Nicolai-Verlag dieses Buch herausgegeben und es wird die Frage erneut aufwerfen, ob es einen weiblichen Blick gibt.

Im Buch selbst wird genau dies diskutiert und mit Zitaten von Hans Georg Puttnies und Verena Lueken mit Pro und Contra versehen.

Egal ob oder ob nicht.

Das Buch eignet sich wunderbar, wenn man Menschen in einer Nähe und Lebendigkeit sehen möchte, die man sonst nur aus der Literatur kennt. Und es ist ein großartiges Buch, wenn man die Fotos von Gisele Freund im Großformat sehen möchte und Fotos sehen will, die sich verkauften

Am Ende des Buches sind auch die Fotos von Eva Peron zu sehen und die Geschichte mit den Fotos, mit der Politik und der Agentur Magnum wird so erzählt wie wir sie noch nicht kannten.

Die vielen Autorinnen und Autoren liefern viele verschiedene Ansichten und insgesamt ein Puzzle zu Leben, Werk und Wirken einer Frau und Fotografin, die die Reproduzierbarkeit der Fotografie auch als Broterwerb hatte.

Ein spannendes, umfassendes und gut gemachtes Buch aus dem Nicolai-Verlag.

Janos Frecot, Gabriele Kostas (Hg.)
Gisèle Freund
Fotografische Szenen und Porträts
224 Seiten, 22 x 27 cm
175 farbige und Duotone-Abbildungen
gebunden
ISBN 978-3-89479-848-2

 

Arbeiterfotografie gestern und heute

„Aufrichtig zu sein kann ich versprechen, unparteiisch zu sein aber nicht.“

Johann Wolfgang von Goethe

Arbeiter und Arbeitnehmer

Heute ist das Wort Arbeiter faktisch in der öffentlichen Debatte verschwunden.

Wir sprechen von Arbeitnehmern.

Wo ist da der Unterschied?

Der gesichtslose Arbeitnehmer als Merkmal des Zeitgeistes

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Früher waren Arbeiter stolz darauf fotografiert zu werden.

Es gab sogar die Arbeiterfotografie.

Menschen und ihre Gesichter erzählten und erzählen viel über sich selbst und die Welt, in der sie leben.

Und heute?

„Was machen Sie denn da? Sie wollen mich doch nicht etwa fotografieren?“ brüllt mir aus 50 Meter Entfernung ein Mann zu, der am Rande einer Großbaustelle arbeitet, bei der ich gerade die Stützwand eines Gebäudes fotografierte.

Es war Samstag gegen Mittag und das Wetter war freundlich.

Ging es der Person um das Recht am eigenen Bild oder hatte sie eher Angst, daß etwas dokumentiert wird, was nicht gesehen werden soll?

Die Frage wird wohl offen bleiben.

Nun habe ich das Foto erst gemacht als die Person hinter dem LKW verschwunden war.

Wie man sieht, sieht man nichts außer Überresten einer eher schweren Arbeit.

Zwei Tage drauf an anderer Stelle.

Viel Lärm und Sägenlärm.

Was ist da los?

„Sie dürfen hier nicht fotografieren. Ich rufe jetzt die Polizei.“

„Ja rufen Sie die Polizei. Ich warte darauf. Ich bin hier auf einer öffentlichen Strasse und fotografiere, was hier gerade geschieht.“

„Was fällt Ihnen denn ein. Sie dürfen hier nichts fotografieren. Ich rufe die Polizei.“

„Ja rufen Sie doch endlich die Polizei.“

Dann hupten oben Autos und der LKW mußte erst einmal aufwendig die Strasse freimachen.

Daher sieht man hier auch keine Menschen sondern nur die Strasse…

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Foto: Michael Mahlke

So ist das heute.

Blickt man zurück auf die Geschichte, dann war dies früher anders.

Fakt ist, daß heute (auch die Gesichter) arbeitende(r) Menschen aus den öffentlichen Medien verschwinden.

Damit ist dies eine andere Öffentlichkeit geworden.

Und deshalb ist dies ein Artikel ohne Gesichter.

 

Das Auge des Arbeiters von Wolfgang Hesse (Hg.)

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Diese Buchvorstellung dient dazu, auf ein einzigartiges Buch aufmerksam zu machen. Es ist selten genug, wenn Forschung Wirklichkeit erfasst. Hier ist ein Kompendium erstellt worden, das als Fotobuch Forschungsergebnisse und historisches Geschehen in umfassender Weise zusammenfaßt.

Das Buch lebt.

Das Layout ist von Beginn an so gemacht wie Fotos es brauchen: groß, übersichtlich und mit vielen fotografischen Zeugnissen in Orginalformaten gefüllt.

Die Schrift der Texte ist gut lesbar, weil die Texte gelesen werden wollen.

Und das gesamte Buch zeigt die Lebendigkeit von Forschung, die sich nicht verstecken will sondern über Menschen, Schicksale und das Thema Fotografie im Arbeiterleben erzählen möchte.

Arbeiterfotografie um 1930 ist das Thema.

Wissenschaftlich hört sich das so an: „In der Arbeiterfotografie als Ausformung visueller Eigen- und Gegenkultur nichtbürgerlicher Schichten im beginnenden Medienzeitalter haben sich diese Faktoren – durchaus widersprüchlich – niedergeschlagen.“

Das steht in der Einleitung und weist auf viele Beteiligte hin. Wir erfahren, daß die Kunstsammlungen Zwickau, das Käthe Kollwitz Museum in Köln und das Stadtmuseum Dresden durch ihre Bestände ein Interesse daran hatten, dieses Thema zu begleiten und auch eine Ausstellung mit zu gestalten.

Das ist auch gelungen.

Aktuell ist die Ausstellung in Zwickau zu sehen, danach in Köln und dann in Dresden. Aber es handelt sich jedes Mal um eine andere Ausstellung, weil der Schwerpunkt des jeweiligen Museums mit eingebunden wird. Das ist noch spannender.

Ausstellung und Buch lohnen sich sehr. Gemeinsam sind sie unschlagbar.

„Sowohl in der aktiven Wahrnehmung professioneller Fotografie und bildender Kunst wie auch im Eigensinn der nicht von Pressezwecken angepassten Praxis der Amateure haben sich in der Arbeiterfotografie somit sonst nicht existierende Dokumente eines Blicks von unten erhalten, die in Darstellungen zur Geschichte des Visuellen im 20. Jahrhindert bisher nicht hinreichend beachtet worden sind…. Denn die Alltagspraxis Arbeiterfotografie ist Teil der Vor- und Frühgeschichte heutiger Amateurkulturen und handelt nicht zuletzt (und durchaus aktuell) vom Kampf um gesellschaftliche Selbstbestimmung in der Massenkommunikation im Widerspruch zu unkontrollierbaren Funktionalisierungen der Subjekte durch wirtschaftliche und politische Interessen.“

Diese Sätze aus der Einleitung zeigen den Rahmen, der in diesem Buch zu finden ist. Es ist ein großartiges Buch voller dokumentierender Fotos mit exzellenten wissenschaftlichen Texten, bibliographischen Angaben und einer interessanten Quellenkunde.

Wer sich über Arbeiterfotografie ein Bild machen will, der ist hier richtig.

Es ist bei spectorbooks erschienen:

Das Auge des Arbeiters. Arbeiterfotografie und Kunst um 1930

Im Aufbruch der Medienmoderne hielten Arbeiter in den 1920er Jahren erstmals ihr beengtes Lebensumfeld, den Kampf der Arbeiterbewegung sowie die bewusste Theatralität des Alltags fest. In einem dreijährigen DFG-Projekt am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde wurden über 5.000 Fotografien in sächsischen Sammlungen (Dresden, Zwickau, Leipzig) erschlossen – die umfangreichste und detaillierteste Forschung zu diesem Thema. Die Beiträge in dem Band diskutieren diese neue Bildkultur und setzen sie ins Verhältnis zur Grafik und Malerei der Zeit. „Das Auge des Arbeiters“ erscheint als Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung in den Kunstsammlungen Zwickau, dem Käthe Kollwitz Museum Köln und dem Stadtmuseum Dresden. Teil der Publikation ist ein Bestandsverzeichnis der 400 Fotografien des Leipziger Bauarbeiters und Bauhausschülers Albert Hennig in den Kunstsammlungen Zwickau. Die Ausstellung wandert von Zwickau (Mai – August 2014) über Köln (August – Oktober 2014) nach Dresden (März – Juni 2015).

During the modernist media revolution of the 1920s, workers photographically recorded their cramped environments, the battles of the labor movement and their consciously theatrical every-day lives for the first time. In a three-year DFG-funded project at the Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde (the Institute for Saxon History and Ethnology), over 5.000 photographs from Saxon collections (Dresden, Zwickau, Leipzig) were assessed—in the most extensive and detailed research into this topic to date. The contributions in the book discuss this new image culture and compare the photographs to then contemporary graphic design and painting. “Das Auge des Arbeiters” (The Worker’s Eye) accompanies the eponymous exhibition at the Kunstsammlungen Zwickau, the Käthe Kollwitz Museum Cologne, and the Stadtmuseum Dresden. An inventory of the 400 photographs taken by Leipzig construction worker and Bauhaus student Albert Henning from the Kunstsammlungen Zwickau forms part of the publication. The exhibition will travel to Zwickau (May – August 2014), Cologne (August – October 2014), and Dresden (March – June 2015).

  • 28.0 x 19.5 cm, 440 Seiten, Deutsch, zahlreiche s /w und Farbabbildungen, fadengehefteter Festeinband
  • Gestaltung: Florian Lamm, Lamm & Kirch, Leipzig
  • Wolfgang Hesse
  • Leipzig 2014
  • ISBN: 978-3-944669-44-1