Ray lacht immer noch und Gundula ist online – wie aus Fotos dokumentarische Fotografie wird

Richard Billingham

Als Richard Billingham das Buch Ray’s a Laugh publizierte war noch nicht klar, daß dieses Buch auch öffentlich zu einer Ikone wurde.

  • Eigentlich gelang es Billingham mit diesem Buch, die Distanz zu seiner Lebenssituation zu schaffen, die es ermöglichte, dies alles anzunehmen und loszulassen. So betrachtet waren die Fotos eine Fototherapie, die sogar die Liebe bewahren konnte.
  • Aber die Fotos waren mehr. Sie hielten die Lebenssituation einer Familie fest,  in der sich viele Betrachter der Fotos wiedererkannten, so daß das Buch auch ihr Buch wurde. Billingham traf den Nerv der Zeit, weil er als Zeitgenosse seine Zeit festhielt.
  • Doch das Buch ist auch mehr als eine Fotosammlung. Es ist einerseits eine Fotoreportage, weil es Dinge über einen längeren Zeitraum mit seinen Entwicklungen zeigt.
  • Eine Fotoreportage unterscheidet sich von der Dokumentarfotografie dadurch daß sie für die Gegenwart gemacht ist und die Dokumentarfotografie für die Nachwelt dokumentiert. Die Schnittmenge dabei ist groß und oft wird im Rückblick eine Fotoreportage zu dokumentarischer Fotografie. So wurde aus einer Fotoreportage ein Buch mit einer persönlichen Geschichte und es wurde daraus beste sozialdokumentarische Fotografie, weil Billingham eben nicht nur Köpfe sondern die gesamte Situation aus seinem Blick aufgenommen hat.
  • Damit nicht genug. Seine Eltern sind wahrscheinlich dauerhaft eines der bekanntesten Ehepaare der Welt geworden und er als Fotograf ebenfalls.

Das Buch selbst war aber zunächst nur einem kleineren Kreis bekannt und hatte auch keine große Auflage. Aber im Laufe der Zeit wurde es zu einem Hit, der immer lauter wurde.

Dies ist aber auch dem aufkommenden Internet zu verdanken. Denn die Welt mußte das Buch ja sehen, um es zu kennen. Ausstellungen und Buchverkäufe reichten nicht.

Und was machen alle die, die wegen fehlender Nachdrucke nie ein Buch bekommen konnten?

So wurde das Buch vielfach abgefilmt und online gestellt. Auf irights.info finden wir dazu den Hinweis: “ Videos und Filme schauen ist im Netz genauso wenig eine urheberrechtlich relevante Handlung wie Filme im Fernsehen anzusehen, ein Buch zu lesen oder Musik zu hören. Das Urheberrecht – das war schon immer so – regelt nur das Kopieren, Veröffentlichen oder Weitergeben von geschützten Inhalten, nicht aber deren Rezeption, den Werkgenuss.“

Ohne das Abfilmen wären die Fotos und das Buch nie so populär geworden.

Und nun gibt die Errataedition dieses Buch als Nachdruck mit Essay neu heraus „Books on Books #18 contains every page spread from this classic book including a contemporary essay by Charlotte Cotton.“

Wenn Ray heute lacht und wir ihn kennen, dann ist dies alles ohne Internet nicht möglich gewesen. Richard Billingham hat sich seitdem ja vielfach entwickelt. Aber gerade durch den fotografisch distanzierten Blick hat er seine eigene Persönlichkeit ebenso profiliert weiterentwickeln können wie umgekehrt die Vergangenheit festhalten können.

Dies alles ist ein Stück von ihm selbst und unterscheidet sich dadurch auch von anderen Fotoessays grundlegend.

Mich fasziniert dabei vor allem, wie hier durch das Dokumentieren selbst dokumentiert wird und wie die Kamera dabei helfen kann, sein eigenes Leben aus einer Situation zu holen, um damit besser umgehen zu können.

Nun könnte ich diesen Artikel beenden. Ich möchte aber den Horizont noch etwas erweitern.

Vergleichen Sie doch mal folgende Fotoessays:

mit

Richard Billingham Ray´s a Laugh

Da liegen Welten zwischen.

Es ist auch Dokumentarfotografie, eher noch Fotoreportage, die erst noch Dokumentarfotografie werden soll.

Billingham hat als Beteiligter seine Welt fotografisch festgehalten und erzählt woher er kommt ohne da stehengeblieben zu sein. Gerade das nicht verleugnen ermöglicht die Weiterentwicklung.

Die beiden anderen Essays sind anders. Man ist auf Besuch und erzählt über Dritte. Man besichtigt andere Welten und andere Leben.

Sie sind nicht vergleichbar.

Gundula Schulze Eldowy

Aber es gibt ein Beispiel von ähnlicher Kraft wie bei Billingham.

Das ist die Fotoreportage Berlin – in einer Hundenacht.

Hier hat Gundula Schulze Eldowy ebenfalls als Beteiligte fotografiert und daraus wurden dann authentische Fotos, die ansprechen: „Ich erzeugte nichts, ich war eine von ihnen.“

Aber auch hier gilt, daß es nicht die mit Geld verbundenen Ausstellungen oder die Bücher für wenige waren sondern das Internet, welches uns auf sie hat aufmerksam werden lassen.

Und natürlich spielen Zufälle und Entwicklungen eine Rolle.

Sie schreibt: „Der überwiegende Teil der Fotos schlummerte 22 Jahre in meinem Archiv. Es ist schon ein wenig verwunderlich, dass plötzlich etwas geschieht, was lange Zeit nicht geschah. Wahrscheinlich mussten das Land und ich erst reifen. … Inzwischen hat sich die Welt drastisch verändert. … Es herrscht eine merkwürdige Mischung aus Zwang, Druck, Überforderung, Hast, Eile und Chaos. Der Verlust des Arbeitsplatzes, Ehescheidungen, Trennungen, Pleiten, Ruin, Nervenzusammenbrüche, Psychosen, Neurosen, Selbstmorde, Depressionen und Tod sind an der Tagesordnung. Erschreckend viele Menschen bekommen kaum noch bezahlte Jobs…“

Schulze Eldowy und Billingham sind so gut, weil sie nicht nur einfangen und dokumentieren sondern weil sie die Gefühle und die Hoffnungen dahinter und da drin sichtbar und spürbar werden lassen – auch das Scheitern und die Zeit danach.

Es ist keine unbeteiligte und distanzierte Fotografie sondern es ist Fotografie, die engagiert festhält, um weiterzukommen.

Und nebenbei zeigt sich hier auch, daß man für großartige Fotos keine teuren Kameras braucht.

Und in beiden Fällen taucht der Name Robert Frank auf, den Schulze-Eldwoy 1985 in Ost-Berlin traf.

Ich würde aber nicht so weit gehen, daß nach The Americans von Robert Frank Richard Billingham The English und Gundula Schulze Eldowy The Germans produziert haben. Dazu sind die Themen zu verschieden.

Aber es ist ein Blick in den jeweiligen Reportagen, der vieles zeigt, was Würde in würdelosen Situationen ausmacht. Und das hat was mit sozialen Bedingungen zu tun.

1.1