Monthly Archives: Mai 2014

Das Scharnier zwischen Dokumentarfotografie und Geschichte

Am Ueling, Remscheid, Festumzug mit Hahneköppen - Foto: Horst Mahlke

Am Ueling, Remscheid, Festumzug mit Hahneköppen – Foto: Horst Mahlke

Beim Studium von Zeitgeschichte und Geschichtsdidaktik hatte ich viel mit ihm zu tun: Joachim Rohlfes. Rohlfes war ein Praktiker, ebenso wie mein Ausbilder Professor de Buhr. Eigentlich bildeten beide für die Schule aus, aber damals wurden Geschichtslehrer und Sozialwissenschaftler nicht eingestellt.

Weil ich danach immer nur Erwachsene qualifizierte und es nie um das Thema Geschichte ging, verblaßte die Erinnerung. Der Weg durch die Berufswelt formte dann mein Verständnis von Schulung. Doch Rohlfes didaktisches Verständnis saß offenbar gut versteckt in meinem Unterbewußtsein.

Als ich merkte, daß Texte zum Dokumentieren nicht reichen, kam ich zur Fotografie, genauer zur sozialdokumentarischen Fotografie.

Und Jahre später nach vielen Erfahrungen mit dem Fotografieren stieß ich wieder auf Joachim Rohlfes, mittlerweile in einem erneuerten Buch. Dort fand ich die Formulierung, die den Rahmen und das Scharnier für die Schnittmenge von Geschichte und Dokumentarfotografie definiert.

Sucherfotografie ist intensiver

Es hat eigentlich 5 Jahre gebraucht bis ich diesen Satz formulieren konnte.

Ich fühlte mich immer mehr zum Sucher hingezogen.

Erst war es der meditative Moment und dann wurde mir irgendwann klar, daß die Verdichtung eine Intensität in der Wahrnehmung herbeiführt, die viel stärker ist als bei einem Monitor.

Das ist das Geheimnis, das ist mein Erleben und das ist meine Wahrheit.

Mit dem Sucher sucht man besser.

Mit dem Sucher fotografiert man intensiver.

Mit dem Sucher spürt man das Fotografieren als Teil der eigenen Lebenszeit.

 

 

Nach dem Tod der Arbeiterklasse: Der Tod der schweren körperlichen Arbeit?

Michael Glawogger ist tot. Er starb und seitdem ist sein Film Workingman´s death vielfach in den Medien erwähnt. Ein großartiger Film mit großartigen Fotos.

Er zeigt die Folgen der Globalisierung anhand von Tätigkeiten rund um den Globus auf.

Aktuell werden Teile des Films online gezeigt, so daß man sich selbst ein Bild machen kann.

Im Sternzeichen Schütze geborene Menschen sind Überflieger, die das Große sehen und das Kleine eher nicht. Hier ist das Große mit dem Kleinen wunderbar kombiniert worden.

Ich wünsche Michael Glawogger unbekannterweise eine gute Reise in der Unendlichkeit und hoffe, daß seine Gedanken dazu beitragen, den Horizont der Lebenden zu erweitern.

Er war unterwegs an unwirtlichen Orten und zeigte uns, was er dort fand.

Was machen wir damit?

Er bekam Preise für den Film.

Wir haben ihn kaum angeschaut.

Zu stark waren die Bilder, zu beeindruckend die Wirklichkeit?

 

 

 

Streetfotografie auf die feine Art – Beispiele aus der Praxis

Es lohnt sich immer wieder die 5 Kriterien für gute Streetphotography in der Praxis auszuprobieren.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Hier muß man nicht viel erzählen.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Hier geht es um die Zigarettenkippen und die Umweltverschmutzung da, wo Kinder spielen.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Hier geht es um die Kirmes und die Menschen, die ihren Spaß haben.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Hier geht es um die Besucher der Strasse.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Und hier geht es um eine Ausstellung in einem EInkaufscenter.

In allen Fällen sind die Kriterien der Fineart-Streetphotography erfüllt. Es sind Geschichten, die Persönlichkeitsrechte werden geachtet und die Fotos sind gestaltet.

Allerdings sind die bisherigen Beispiele eher langweilig. Sie konzentrieren sich auf die Form und nicht auf den Inhalt.

Bessere Beispiele gibt es hier und hier.

Lee Miller – Krieg. Mit den Alliierten in Europa 1944-1945. Reportagen und Fotos

leemiller_tiamat

»Sie war auf eine bissige Art brillant und dennoch vollkommen loyal, unprätentiös und unerbittlich gegenüber jeder Art von Augenwischerei. Sie war eine vollendete Künstlerin und ein vollendeter Clown, zugleich eine Hinterwäldlerin aus Upstate New York und eine kosmopolitische Grande Dame, kaltes, soigniertes fashion model und Wildfang.«

Diese Worte von David E. Scherman führen in dieses gut zu lesende Buch ein. Es zeigt die Wunden und Verwundungen von Menschen und Völkern im 2. Weltkrieg. Lee Miller machte Fotos und schrieb Texte. Sie war eine Kriegsreporterin. Sie ist mehr als eine Fotojournalistin gewesen, weil sie die Reportagen dazu lieferte, die über die Fotos hinausgingen. Man sieht mit ihren Augen die letzten Kämpfe der Amerikaner in Frankreich und Luxemburg und vieles darüber hinaus.

Wenn man in dem Buch zu lesen beginnt hat man das Gefühl, mitten im Geschehen zu sein. Die Edition Tiamat hat einen kleinen Diamanten freigelegt und publiziert.

Meine Kriterien sind

  • Authentizität,
  • Fotos mit Schicksalen und den Folgen des Krieges für die Menschen und
  • der Wandel des Buches von der Dokumentation des Tagesgeschehens zu einem historischen Zeitdokument mit bleibendem Wert.

Lee Miller reiht sich ein in die Reihe der prominenten Fotografen und SchreiberInnen, die durch das Leben dazu gekommen sind und nicht durch eine dezidierte Ausbildung.

Das Schicksal führte sie dorthin. Es war weder geplant noch lag es in der Familie begründet. Man findet auch nirgendwo den Hinweis, der sonst bei Fotografen immer kommt, daß sie schon im Bauch der Mutter knipste und die Familie eine lange Tradition mit der Fotografie hatte.

So ist dieses Buch heute ein guter Gradmesser dafür, daß Authentizität und Kompetenz viel mit echter Lebenserfahrung, gewinnen UND scheitern und dem ununterbrochenen versuchen zu tun haben.

Wenn in der wikipedia über Lee Miller dann steht: „Ihr Vater machte sie schon sehr früh mit den künstlerischen und technischen Aspekten der Fotografie vertraut, indem er sie portraitierte“, dann verursacht dies Kopfschmerzen, wenn man denken kann. Später wird der Wikipedia-Artikel besser.

Das Buch über und von Lee Miller in der Edition Tiamat führt uns mit ihren Augen und ihrem Denken – und ihren Fotos – durch die wilden Zeiten der Kapitulation und der Zeit direkt nach dem 2. Weltkrieg.

Sie war da und schrieb darüber und dokumentierte durch ihre Fotos.

Gerade der persönliche Zugang macht hier alles so interessant und zeigt, wie man mit Fotos und Artikeln persönlich Geschichte schreiben kann.

Lassen wir sie doch einmal selbst zu Wort kommen:

„Deutschland ist ein schönes Land – mit Dörfern wie Juwelen und zerbombten Stadtruinen – und wird von Schizophrenen bewohnt…. Sie haben großes Glück gehabt. Der Krieg ist für sie gerade rechtzeitig vorbei, — um zu sehen und zu ernten und eine warme Sommerzeit zu genießen. Die Franzosen und die Belgier hatten nicht so viel Glück. Deren Ernte wurde vom Krieg vergiftet, und der Staub ihrer pulverisierten Dörfer wurde an Kampfstiefeln quer durch Frankreich bis an die deutsche Grenze getragen. Ich missgönne den Deutschen jeden Grashalm, jede Kirsche im Vorratsschrank ihrer sparsam geführten Haushalte, jede Furche Acker und jedes unversehrte Dach.

Zu meiner ganz ausgezeichneten Baedeker-Führung durch Deutschland gehören auch viele Orte wie Buchenwald… Nun aber kommt, trotz des Umstandes, dass der örtliche Gestapo-Rotary-Club keine Werbung machte, ein beharrlicher Touristenstrom ins Lager, um die Schreiben mit eigenen Augen zu sehen… Es war General Pattons Idee, dass die Bewohner Weimars, einige Tausende jeden Alters und Geschlechts, die von den Brutalitäten der Konzentrationslager noch nie gehört hatten, dem Lager einen Besuch abstatten sollten… Zu jenem Zeitpunkt (buchenwald wurde am 12. April 1945 befreit) war bereits Einiges weggeräumt worden, das heißt, es lagen keine noch warmen Leichern mehr herum… Die sechshundert Leichen, die sich im Hof des Krematoriums stapelten,… hatte man bis auf hundert weggeschafft…. An den Auspeitschungspfählen hingen nun Strohpuppen anstelle von Menschen, die schon so gut wie tot waren, die zwar noch fühlen, aber nicht mehr reagieren konnten. Im unterirdischen Krankenhaus arbeitete man auf Hochtouren. Dennoch starben an jedem Tag hundertfünfzig Menschen…. Unter den offiziellen Lagerakten … befand sich auch die Buchhaltung des Lagers. Da wurde kein Geld und keine Arbeitsstunden aufgeführt sondern die Zahl der Toten… fast sechstausend monatlich…. Niemals hätten wir daran gedacht, dass es ihnen aufgrund (des Brennstoffmangels, M.M.) unmöglochg eworden war, die materiellen Beweise für ihre Untaten zu entsorgen….

In Bonn (hatte, M.M.) ein gigantischer Luftschutzbunker einen Volltreffer abbekommen….  Die Schreie der darin eingeschlossenen und verletzten Menschen sollen drei Tage lang angedauert haben, doch niemand durfte sich ihnen nähern. Mehrere hundert Leichen liegen dort nun verschüttet. aber das war allen gleichgültig… Man sagt, die Nazi-Behörden ignorierten das Ausmaß der zivielen Verluste mit genau der Beharrlichkeit, mit der sie auch ihre Folteropfer verfolgten. Bad Godesberg, wo der Friedensvertrag zwischen Cahmberlain und Hitler unterzeichnet wurde und wo wir den Frieden nun auf die harte Toru gewinnen, ist wie die Stadt Brühl sehr Nazi. Reiche pensionierte Villenbesitzer, konservative Pensionsbetreiber, erfolgreiche Angehörige der Mittelklasse und starrköpfige Wertpapeirbesitzer hatten ein Interesse daran, eine Partei zu unterstützen, die ihnen Sicherheit versprach…“

Und hier sieht man eines ihrer Bilder zu diesem Text. Mehr Fotos und eine andere Rezension gibt es hier.

Insgesamt ist es eines der Bücher, das mehr bietet als man vermutet und anders ist als man denkt – im besten Sinne.

Es lohnt sich, wenn man wissen will, wie man gute Reportagen schreibt und wie sie Reportagefotos erstellt hat über die schlimmsten Verbrechen, die die Deutschen sich haben einfallen lassen.

Hoffen wir nur, daß diese Dokumente helfen, die Zukunft besser zu gestalten.

Oder wie es Klaus Bittermann in seinem Nachwort ausdrückt:

„Die Journalistinnen … bieten vielleicht nicht die gesichertsten Überlieferungen, aber ihr Blick war distanziert und fremd und deshalb von umso größerer Tiefenschärfe.“