Monthly Archives: April 2014

Dokumentarfotografie und visual history

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Visual History

Der Historiker Gerhard Paul kommt in der Einleitung zu einem Sammelband (pdf) mit dem Titel „Von der Historischen Bildkunde zur Visual History“ u.a. zu folgenden Schlußfolgerungen:

„Selbst die Lokal- und Regionalgeschichtsschreibung hat sich in der Zwischenzeit den Bildern der Geschichte und der Visualität des Geschehens zugewandt,wie exemplarisch Untersuchungen über die »visuelle Erinnerungs- und Geschichtskultur in Kassel 1866-1914″  oder eine neue Studie über »das fotografische Gedächtnis« des Saarabstimmungskampfes von 1934/35 demonstrieren.
Ausgehend von den aktuellen Standards der fotohistorischen Forschung werden hier zentrale Siegesbilder als visuelle Inszenierungen dekonstruiert und die unterschiedlichen Perspektiven deutscher und ausländischer Fotografen auf die Ereignisse rekonstruiert.
Charakteristisch für alle diese Studien ist ein »eklektizistischer Methoden-Mix« (Karin Hartewig), der sich ikonografisch-ikonologischer Methoden, semiotischer Ansätze als auch Verfahren der Soziologie bedient. Dieser »Wald- und Wiesenweg« der Praktiker habe eine »Fülle überzeugender Darstellungen und Bildpräsentation« hervorgebracht.“

Später weist er darauf hin, daß der Wiener Historiker Gerhard Jagschitz den Begriff in Deutschland eingeführt hat und dehnt ihn dann über die Fotografie hinaus aus.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

„Nur mit dem von Karin Hartewig als »eklektizistischem Methoden-Mix« bezeichneten Verfahren, das abhängig vom zu untersuchenden Gegenstand Methoden der Hermeneutik, der Semiologie, der historischen Kontextualisierung und des Vergleichs anwendet, dürfte es in absehbarer Zeit möglich sein, den komplexen Zusammenhang von Bildstruktur, -produktion, -distribution, -rezeption und Traditionsbildung zu bearbeiten und auf diese Weise ungelösten Problemen der Geschichte seit Beginn der visuellen Revolution auf die Spur zu kommen. Visual History bedarf daher – ähnlich wie die Ikonologie – ständiger Grenzüberschreitungen, Improvisationen und der Bereitschaft zur Interdisziplinarität.“

Zuguterletzt schreibt er dann:

„Der Begriff Visual History umschreibt somit drei Ebenen: die Erweiterung der Untersuchungsobjekte der Historiker in Richtung der Visualität von Geschichte und der Historizität des Visuellen, das breite Spektrum der Erkenntnismittel im Umgang mit visuellen Objekten sowie schließlich die neuen Möglichkeiten der Produktion und Präsentation der Forschungsergebnisse.“

Puuuuuuuuuuuuuh (darf man nur schreiben, wenn es kein bezahlter wissenschaftlicher Artikel ist).

Früher hat man gesagt, welche Materialien man als historische Quellen zwischen Überrest und Tradition auswählt, um damit zu arbeiten. Heute grenzt man sich ununterbrochen von anderen „Wissensgebieten“ ab, um dann noch ein neues Wissensgebiet zu „finden.“ Ich habe auch keine Möglichkeit gesehen, das Zitat zu kürzen, weil es immer verfälscht gewesen wäre.

Fotografie als Zulieferer

Aus Sicht von Herrn Paul hört sich das Ganze für mich so an, als ob die Fotografie eine Art Zulieferer für die Geschichtsforschung sei.

Das kann man aber auch anders sehen.

Fotografie auf Augenhöhe

Wenn wir den deutschen Sektor verlassen und ein paar Jahre zurückgehen, dann können wir das Buch von Peter Burke „Augenzeugenschaft. Bilder als historische Quellen“ finden.

Er schreibt folgendes: „Der Filmtheoretiker Siegfried Kracauer (1889-1966) verglich einmal Leopold von Ranke (1795-1886), lange Zeit der Inbegriff einer objektiven Geschichtsschriebung, mit dessen Zeitgenossen Louis Daguerre (1787-1851), um darauf hinzuweisen, daß Historiker wie Photographen jeweils aussuchen, welchen Aspekt der realen Welt sie portraitieren wollen.“

Damit ist plötzlich die Fotografie als Material und Darstellungsform auf Augenhöhe in der Geschichtsschreibung. Für mich ist die Fotodokumentation in solchen Fällen die Geschichtsschreibung.

Es ist eben alles nicht so einfach.

Wenn Fotografen etwas dokumentieren wollen, dann ist es oft ein Ereignis, eine Situation oder ein Thema – oder alles gleichzeitig.

Damit entsteht dann auch fotografisches Material, auf das eventuell später Historiker zurückgreifen können. Es kann aber auch schon die Geschichtsschreibung an sich sein, wenn Geschichte mehr ist als Texte.

Und für mich sind Fotos mindestens gleichzusetzen mit einigen Höhlenmalereien. Sie erzählen oft mehr als jeder Text es bis heute kann.

Beim Anschauen der vielen Serien zur Dokumentarfotografie ist mir immer wieder deutlich geworden, daß hier oft der einzige visuelle Eindruck eines Ablaufes, einer Situation oder einer Veränderung festgehalten wurde. Oft schreiben die fotografischen Serien die Geschichte wenn es um sozialdokumentarische Fotografie geht.

Wenn ich auf die Metabebene wechsle und untersuche, wer die Fotografie wie gebraucht, dann ist das wieder anders Dann kommt der Historiker ins Spiel, der untersucht, wie die Fotos benutzt und gemacht worden sind und welche Interessen dahinter stecken bis zur Hofberichterstattung.

„Bilder können Zeugnis ablegen von etwas, das nicht in Worte gefaßt werden kann.“

Dieser Satz von Peter Burke zeigt die Richtung.

Gerade heute leben wir in einer Zeit, in der nicht nur immer mehr – sondern von immer weniger immer mehr fotografiert wird.

Reale Themen wie Armut in unserer Gesellschaft werden dagegen so gut wie gar nicht mehr fotografiert.

So ist die Dokumentarfotografie heute in jeder Form besonders wichtig als Element der zukünftigen Geschichtsschreibung, weil sie Dinge hinterlassen kann, die heute jenseits der Schriftlichkeit vieles dokumentieren.

Aber schon sind wir im nächsten Problem.

  • Wie soll denn die Dokumentarfotografie etwas hinterlassen?
  • Gedruckt auf Papier oder online?
  • Wenn online, wer sammelt es denn?

Die deutsche Nationalbibliothek müßte es, kann es aber nicht. Blieben die NSA und archive org.

Ob das reicht?

Was aktuell online ist kann ja abgefragt werden. Aber damit ist nur das vorhanden, was online ist. Hier kommt dann die Gretchenfrage des Urheberrechts ins Spiel, ob man alles abkopieren darf, um es Dritten zur Verfügung zu stellen. Viele Fragen, wenig neue Antworten.

Es ergeben sich also für die Geschichtsschreibung immer mehr Fragen, die zeigen, daß heute vieles neu gedacht werden muß.

Vielleicht hat Gerhard Paul eine Antwort für die Praxis der Geschichtsschreibung gegeben, die sich aus der Begegnung mit der  Dokumentarfotografie ergibt.

Es ist der „Wald- und Wiesenweg der Praktiker“.

Meine Erfahrung ist, daß es besser ist, das auszuwerten was da ist, als darüber nachzudenken, was man brauchen würde, um es umfassend zu tun. Es steckt bei der Analyse meistens viel mehr drin und es ergeben sich immer neue Dimensionen, wenn man erst einmal angefangen hat.

Und so ist es auch mit Fotos als historische Quellen.

Nun ist dies kein wissenschaftlicher Aufsatz sondern ein Wald- und Wiesenaufsatz mit wissenschaftlichem Wanderstock als Einstieg in diese Materie.

Meine Überlegungen und die Gedanken unterstützt durch die Herren Paul und Burke dürften ausreichen, um das Thema anzuschneiden und darauf aufmerksam zu machen.

Ich hoffe nur, daß zum Schluß die Wortwahl der neuen Historiker noch so verständlich und eindeutig bleibt wie früher.

Denn eins habe ich erlebt:

Sozialwissenschaften zwischen Soziologie und Kommunikation bilden so gerne Fachsprachen, um sich abzugrenzen und zu brillieren, daß man zum Schluß denkt, ein Furz ist eine fulminante Erscheinung am Rande des persönlichen Universums mit ästhetischem Potential und sinntranszendierender Stimulanz.

Das muß nicht sein.

Hautnah Fotografieren – ein Praxiskurs zum Thema Freistellen und Tiefenschärfe als Lösung für das Recht am eigenen Bild

Wie kann man hautnah gute Fotos machen und dabei das Recht am eigenen Bild beachten?


Ich möchte an dieser Stelle zeigen, wie es geht. Dazu stellte sich freundlicherweise Herr Bernd Schiele, bekannt als Astromant, als Fotomodell zur Verfügung.

Wir gingen dorthin, wo immer etwas los ist: auf die Düsseldorfer Königsallee. Alle Fotos wurden mit einer Nikon D90 und dem Sigma 30mm/1.4 aufgenommen. Das Sigma hat umgerechnet auf Kleinbild ungefähr 50mm Brennweite und entspricht damit der normalen Wahrnehmung des menschlichen Auges. Es ist zudem im Bereich der klassischen Brennweiten für Reportage zwischen 35 und 50 mm angesiedelt.

Und schon ging es los. Wie man auf dem nachfolgenden Bild gut sehen kann, stehen wir mitten auf der Strasse an einem Hinweisschild auf das Museum Kunstpalast. An uns gehen Menschen vorbei und wie man unschwer rechts sehen kann, schaut ein Herr im dunklen Anzug mitten in die Kamera.

Er ist zwar sichtbar aber zugleich nicht erkennbar. Und dies, obwohl er nur ca. drei Meter entfernt an uns vorüber ging.

Und weiter geht es. Bei diesem Wetter sitzen natürlich sehr viele Menschen in den Strassencafes. So gingen wir ebenfalls dorthin und machten ein Foto von der Atmosphäre. Dieses Foto hat eigentlich alles, was juristisch wichtig und fotografisch wichtig ist.

Man beachte, dass wir nur gut zwei Meter von den ersten Tischen stehen und der Mann im Hintergrund, der weiß gekleidet über der Schulter sichtbar ist, voll in die Kamera schaut. Was sieht man? Man sieht die Szenen im Strassencafe mit zunehmender Unschärfe auf der linken Seite. Alle Personen sind sichtbar aber nicht erkennbar. Auf der rechten Seite sieht man den Strom von Fußgängern auf der Königsallee. Man kann die gesamte Stimmung gut einfangen und dabei zugleich durch diese Art der Freistellung und dem Spiel von Schärfentiefe und Tiefenschärfe wunderbare Fotos machen.

Nun änderten wir die Perspektive. Wir stellten uns vor ein Cafe und eine Gruppe sitzender Männer.

Auch hier sieht man, wie die gesamte Situation eingefangen werden kann und dabei dennoch die Schärfentiefe vor dem Recht am eigenen Bild schützt.

Damit komme ich abschließend zu dem wohl interessantesten Bild zu diesem Thema.

Sie sehen, dass links unten der Mann voll in die Kamera schaut. Parallel dazu schaut der Mann rechts mit dem gelben Hemd ebenfalls direkt in die Kamera. Man sieht es und dennoch sind beide nicht erkennbar. Trotzdem sieht man, dass wir zwischen Cafe und Fußweg stehen und uns mitten zwischen anderen Menschen befinden.

Es ist also jederzeit möglich, hautnah zwischen Menschen durch das Spiel mit Schärfentiefe und Freistellung gute Fotos zu machen und das Recht am eigenen Bild aller dort sich befindlichen Personen zu berücksichtigen.

Alle Fotos wurden mit Blende 1.4 aufgenommen. Um den Unterschied in der Blende noch einmal zu demonstrieren abschließend zwei Fotos, eines mit Blende 1.4 und eines mit Blende 6.3.

Hier mit Blende 1.4:

Und nun Blende 6.3:

Als letztes Fotos etwas ganz anderes. Hier ist alles andersrum. Das ist ein Spiel mit vielen optischen Pinseln.

Hier sehen Sie, dass nicht das Modell im Vordergrund scharf ist sondern seine Spiegelung im Werbefenster. Sie blicken zudem direkt auf das, was sie sonst gar nicht sehen können. Der dunkle Teil von dem Werbebild führt nämlich dazu, dass sie den Fotografen sehen (in diesem Fall mich) und mit abnehmender Schärfentiefe sich die Königsallee ebenfalls auf dem Foto wiederspiegelt. Und dabei werden wir beobachtet von all den Figuren, die auf dieser Werbung zu sehen sind. Dadurch entsteht ein Bild in dem Bild mit mehreren Ebenen und einem vollständigen Eigenleben. Wofür geworben wird, ist nicht sichtbar. Dafür der Gedanke „Be the Inspiration“ – Sei die Anregung.

In genau diesem Sinne will ich enden und hoffe, mit diesem kleinen Ausflug auf die Königsallee und dem Spiel mit der Schärfentiefe deutlich gemacht zu haben, wie man gut und sicher hautnah fotografieren kann.

In eigener Sache oder ich habe Sisyphus getroffen

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Es ist ziemlich einsam, wenn man sich mit Dokumentarfotografie beschäftigt und sich für andere Menschen und bessere soziale Zustände einsetzt.

Jetzt sind andere dran. Die werden es schon richten – zumal sie dafür bezahlt werden.

Bei mir kam es von Herzen, die Folgen sind bekannt.

Dokumentarfotografie ist die Beschäftigung mit Geschichte und Gegenwart.

Ob ich wollte oder nicht habe ich bei der Beschäftigung mit der Dokumentarfotografie und den Inhalten überwiegend die schlechten Seiten unseres Zusammenlebens gefunden, wenn es um soziale Themen und die Natur ging.

Muß man das Schlechte studieren, um das Gute zu finden?

  • Die Zeitqualtät der nächsten Jahre ist schlecht.
  • Der menschliche Charakter ist zwiespältig.
  • Die Macht des Geldes ist stark.

Es wird wohl so sein wie ich es schon 1980 immer wieder zusammen mit anderen diskutierte:

„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

Die Weissagung der Cree wird wahr.

Wie reagiert man darauf? Aufklärung reicht nicht. Die Weltwirtschaft ist anders organisiert. Es geht um Macht.  Menschenwürde, Gerechtigkeit und Solidarität sind vergessene Erfahrungen.

Mir zeigt die Beschäftigung mit der Dokumentarfotografie und den aktuellen Themen dies immer wieder überall auf der Welt.

Damit schließt sich der Kreis von Engagement, Hoffnung und Scheitern. Aber es ist ein Kreis, d.h. ohne Anfang und Ende, wenn man vom Lebensende absieht.

Es geht weiter wie bei Sisyphus.

Ich finde mich hier wieder.

Ich befinde mich also in guter Gesellschaft.

Wenn man dies nun alles so sieht, dann muß man nicht unbedingt Selbstmord begehen.

Mann kann auch mit Camus weitermachen: „Das Elend hinderte mich zu glauben, dass alles unter der Sonne und in der Geschichte gut sei; die Sonne lehrte mich, dass die Geschichte nicht alles ist.“

 

Fotokaraoke von Dieter Zinn

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Leben mit der Fotografie – mit der Fotografie leben?

Das Buch von Dieter Zinn ist mehr als ein Buch. Es ist eine wunderbare dauerhafte Quelle der Inspiration für ein Leben mit der Fotografie und mit den Bildern, die entstehen – im Kopf und auf dem Monitor.

„Worte haben keine Energie, solange sie nicht ein Bild auslösen.“ Mit diesem Gedanken von Virginia Satir beginnt das Buch.

Es ist eine Reise des Autors durch die Welt.

„Es geht in den Texten um den Zensor der Wahrnehmungen, durch den Realitäten so gefiltert werden, dass wir sie als eigene Wirklichkeiten akzeptieren“, schreibt Dieter Zinn.

Mit der Fotografie leben.

„Darum geht es in diesem Buch. Um Wahrnehmungen innerer und äußerer Bilder, die unser Leben bestimmen. Bewusst oder unbewusst, Selbstbilder oder Fremdbilder, wir sehen und wir fühlen mit den Sprachen der Bilder.“

Und so stellt das Buch von A bis Z mit Texten von Dieter Zinn alles was im Leben wichtig ist über Gedanken zu Bildern (im Kopf) und ihrem Umgang damit vor.

Der Weg durch die Welt von Dieter Zinn führt den Leser durch die Welt mit den Augen von Dieter Zinn. Er sieht, was Dieter Zinn sieht. Aber nur insoweit die Worte dieselben Assoziationen auslösen.

Es ist ein besonderes Buch, weil es ein Buch ist, das die Klassiker der philosophischen Lebensweisheit von gestern und heute als inspirative Zugänge für die Bilder im eigenen Leben nutzt.

Es ist ein gut gebundenes Buch mit einem erstklassigen Layout und wunderschönem Papier, das vom Verlag mit viel Liebe erstellt wurde.

Die Kombination von monochromen Fotos, die auch Bilder entstehen lassen, und den Texten macht aus dem Ganzen eine Art gelebte Theorie.

Und es ist ein erstklassiges Buch für ein besseres Leben mit sich und seinen Bildern.

Aber es ist ein Buch zum Nachdenken und nicht einfach nur zum Runterlesen. Denn es führt durch das sich Einlassen zu echten Veränderungen im Denken, im Sehen und bei den eigenen Bildern.

Das kann man psychologisch und fotografisch verstehen.

So ist es auch.

Das Buch endet mit Z wie Zufall und einem Zitat von Albert Camus aus dem „Mythos von Sisyphos“.

Wer so weit gekommen ist, der hat durch das Buch und mit dem Buch seine Sicht auf die Welt geprüft und geändert.

So ist es ein Buch, auf das man sich einlassen muß, um danach wirklich mit der Fotografie und den Bildern im Kopf anders leben zu können.

Und neue Lust auf die Fotografie im eigenen Leben zu bekommen.

Erstklassig!

Das Buch ist im Mitteldeutschen Verlag erschienen.

Dieter Zinn
Fotokaraoke
Wir sehen, was wir sehen

248 S., geb., 148 x 210 mm, s-w-Fotografien
ISBN 978-3-95462-107-1

 

Wenn Sie bis hier hin gelesen haben, dann kommt jetzt der Sprung vom Buch zum Video, denn Dieter Zinn hat einen Vortrag gehalten zu seinem Buch.

Denn sehen Sie hier:

Und – was ist besser?

 

Frontlens – wenn Fotografie auf Wirklichkeit trifft

Ich schaue durch die Linse und sehe, was vor der Linse ist. Das ist das, was ich als Frontlens-Fotografie bezeichne. Es ist eine Fotografie, die die Wirklichkeit vorfindet, durch die Fotolinse auswählt und festhält.

„Die Fotolinse schafft Distanz.“ Deshalb ist sie auch so wichtig bei Berichten von Krisen.

frontlens

Aber Frontlens-Fotografie ist eben nicht reduziert auf Kriegs- oder Konfliktfotografie sondern jede Art von Begegnungsfotografie mit der Wirklichkeit.

Die Fotolinse spielt dabei eine Rolle als

  • Methode zur Auswahl,
  • zur psychischen Distanzwahrung und
  • zur fotografischen Betonung

Frontlens-Fotografie kann in jeder sozialen Situation stattfinden:

  • im Krieg,
  • auf der Strasse,
  • zu Hause,
  • im Urlaub,
  • bei Krankheit
  • auf Reisen.

Entscheidend ist die ungestellte Situation.

Frontlens bedeutet Konfrontation mit der Wirklichkeit ohne Inszenierung.

Frontlens means unposed – Frontlens bedeutet ungestellt.

Es  ist eine Methode der Fotografie.

Es sind Blicke aufs Leben.

Armut im Blickfeld – Wege der Fotografie

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Armut wird unsichtbar

„Je näher Armut dem westlich-weiß dominierten Kulturkreis rückt, desto unsichtbarer wird sie.“

Diese Aussage aus einer Untersuchung (pdf) von Lena Mann und Jana Tosch zeigt einen blinden Fleck in der heutigen Fotografie.

Ihr Ergebnis ist sehr ernüchternd: „Strukturelle Ursachen von Armut werden kaum bildlich thematisiert. Armut wird dann präsent, wenn eine medientaugliche, soll heißen spektakuläre Krisensituation eintritt, die Armut verstärkt, verursacht oder durch sie bedingt ist. Armut ist trotz ihrer Realität diesbezüglich kein Thema für sich. In teuren Hochglanzmagazinen (z.B. GEO, Unicef) findet man ab und an Fotoreportagen über Armut in der so genannten ‚3. Welt’. Fachmagazine haben allerdings ihren Preis: Diese Reportagen erreichen im Vergleich zur Tagespresse nur ein sehr kleines Publikum. Armut wird in diesem Fall meist durch Ästhetisierung verklärt und exotisiert, was das Bild eines imaginär ‚Anderen’ produziert, um von eigenen Problematiken abzulenken. Das Thema Armut gehört zur Definition des ‚3. Welt’-Klischees (‚3. Welt’ = arm) und nicht zu derjenigen der Wohlstandsstaaten. Dieser Mangel wird hierzulande durch das Persönlichkeitsrecht untermauert: Veröffentlichungen von Nahaufnahmen sind in Deutschland und einigen anderen europäischen Staaten nur mit dem Einverständnis der fotografierten Personen (bei Kindern muss die Erlaubnis der Eltern eingeholt werden) möglich.“

Und so ist die Realität da verschleiert, wo sie gezeigt werden müßte.

Das neue Bild der Gesellschaft ist ohne Armut

Man kann es aber auch anders sehen. Es gibt ja die sog. visuelle Soziologie, die sich ein Bild von der Gesellschaft macht. Wenn die Armut nicht mehr sichtbar ist, dann ist dies auch ein Bild von einer Gesellschaft.

Rudolf Stumberger hat dies einmal sehr schön formuliert: „Die sozialdokumentarische Fotografie des 20. Jahrhunderts ist auch eine Dokumentation des sozialen Wandels wie auch des Wandels des Sozialen, an dem sie als Mittel in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in unterschiedlicher Intensität beteiligt ist. Sie steht für die visuelle Seite der Interpretation von Gesellschaft, die selbst diese Gesellschaft durch ihre Wirkkraft mit hervorbringt. Die sozialdokumentarische Fotografie ist so nicht nur ein fotografisches Genre, sondern soziale und politische Praxis.“

Das finden Sie komplett hier (pdf).

Wer will soziale Verhältnisse der Armen sehen?

Aber es geht noch weiter. Roland Günter hat in seinem Buch Fotografie als Waffe die drei entscheidenden Fragen gestellt, die für politische Fotografie weiterführend sind:

  • Wer hat Interesse an einer Darstellung der sozialen Verhältnisse?
  • Wer hat Interesse, Partei zu nehmen zugunsten der “Schwächeren”?
  • Wer finanziert diese Art von Fotografie?

Das sind die Leitfragen (man könnte auch von Leidfragen sprechen) für politische Fotografie.

Und das Thema Armut hat sehr viel damit zu tun. Eigentlich muß man nur die Fragen anwenden auf das Thema Armut und dann wird einiges klar.

Fotojournalistisch

Das Fotografieren dieses Themas wird kaum bezahlt, man setzt sich dem Vorwurf aus, am Leid anderer Geld verdienen zu wollen und man hat nur Ärger. Wenn man es dann selbstlos macht (wovon lebt man denn selbst?), dann ist es letztlich zwar massenmedial ehrenwert und „berührend“ aber es folgen keine gesellschaftlichen Debatten. Zudem ist dies alles sehr unwirklich. Wenn nur die Reichen die Armen fotografieren dürfen, weil sie kein Geld verlangen, dann passt nichts mehr.

Gesellschaftlich

Wenn die Armen kein fotografisches Thema mehr sind, dann gibt es auch keine „arme“ Öffentlichkeit mehr. Dann verschwinden die Bilder für eine Debatte aus dem öffentlichen Raum und dem öffentlichen Bewußtsein. Symbolisch könnte das Fehlen dieser Fotos auch als Visualisierung der Entsolidarisierung interpretiert werden. Was nicht gezeigt wird will man nicht sehen. So ist dies vielleicht einer der letzten Artikel in den nächsten Jahren, der dies alles anspricht und aufschreibt – wer weiß!

Methodisch und technisch

Wie kann man Armut fotografieren?

Folgendes habe ich im Netz dazu gefunden:

Es gibt sicherlich noch mehr Möglichkeiten.

Noch mehr Infos zu diesem Thema gibt es hier.

Text 1.1

Schwarzweiss in der Reportage – heute noch aktuell?

Nie war die monochrome Fotografie einfacher als heute. Fast jede Software wandelt Fotos in monochrome Fotos um. Schwarzweiß-Fotografie ist auf Knopfdruck möglich, mit Filmkorn, ohne Filmkorn, mit Textur, ohne Textur – einfach wunderbar.

Aber ist das überhaupt noch interessant für Fotos, die etwas zeigen sollen?

Ich habe dies ausprobiert und möchte die Ergebnisse hier zeigen. Es handelt sich um den Rollei Retro 100 Tonal Film, den ich digital „eingesetzt“ habe.

Am Wenzelnberg wurden 71 Menschen ermordet. Die Gedenkfeier dazu fand am 6. April 2014 statt.

1. Foto

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

2. Foto

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

3. Foto

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

4. Foto

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

5. Foto

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Wie wirken diese Fotos?

Sind sie eindrucksvoller als die farbige Berichterstattung so wie hier?

Sind monochrome Fotos für eine solche Berichterstattung besser?

Oder haben Sie keine besondere Aussagekraft?

Ich denke, es kommt darauf an, was besser gefällt.

Vielleicht sind hier bunte Fotos von Demonstrationen und solchen Kundgebungen die bessere Wahl, weil sie auch die Farben zeigen, die dort bewußt gewählt wurden, um Aussagen zu verstärken.

Aber das Foto von Sylvia Löhrmann gefällt mir schwarzweiss besser als in Farbe obwohl die rote Brille mit den roten Farben auch einen besonderen Reiz hat.

Nun könnte man ja darauf kommen, das Beste aus zwei Welten miteinander zu verbinden und ein schwarzweisses Foto mit roter Brille und roten Blumen zu kreieren.

Das habe ich abschließend auch probiert.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Aber ob das Beste aus zwei Welten zusammen eine noch bessere Welt ergibt möchte ich bezweifeln.

Mir gefällt das monochrome Foto oder das bunte Foto jeweils auf seine eigene Art besser als dieses kombinierte Foto.

Monochrom bleibt eben monochrom und bunt bleibt bunt.

Die vier Elemente der Fotografie und das 5. Element

4elemente

Mann kann Fotografie nach Situationen, Motiven, Techniken und Methoden einteilen.

  • (Soziale) Situationen beim Fotografieren sind z.B. Reisefotografie, Kriegsfotografie, Strassenfotografie, Eventfotografie etc.
  • Motive beim Fotografieren sind z.B. Porträt, Landschaft, Makro, Menschen, Gebäude
  • Methoden (Herangehensweisen) beim Fotografieren sind z.B. direkte Begegnung, spontanes Erfassen, geplanter Aufbau, Wahl von Ort, Zeit oder Thema
  • Techniken beim Fotografieren sind die Nutzung von Schärfe, Tiefe, Bokeh, Farbe etc.

Das Ganze ist aber mehr als die Summe seiner Teile.

Das 5. Element ist die Frage nach dem Zweck.

Die Beispielfrage lautet:

Will ich etwas dokumentieren, damit es später noch so gesehen werden kann? Dann ist es dokumentierende Fotografie in einer sozialen Situation, in der ich meine Motive mit Methoden und Techniken erstelle.

So ist der Mensch das 5. Element, der dann das Foto so machen kann,

  • wie er/sie es gesehen hat oder
  • zum Ausdruck bringen oder
  • festhalten will.

Viel Erfolg!

Die Fotografie muss würdigen und Menschenwürde zeigen

Als im letzten Jahr an der Bergischen Universität Wuppertal eine Armutskonferenz stattfand, war dort auch eine Fotoausstellung über Armut in Deutschland heute zu sehen.

Am 23.11.2013 veranstaltete die Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW, das Interdisziplinäres Zentrum: Kindheiten. Gesellschaften der Bergischen Universität Wuppertal und das Beratungs- und Unterstützungswerk Tacheles Wuppertal eine Armutskonferenz. Im Vorfeld der Veranstaltung eröffnete R-Mediabase am 21.11. die Fotoausstellung „Armut in Deutschland“ ebenfalls in der Bergischen Universität Wuppertal. Gezeigt wurden Arbeiten von Kurt Feisel, Hans-Dieter Hey, Karin Richert, Dr. Marcus Richter, Hubert Perschke und Jochen Vogler.

Ein schwieriges Thema in einer schwierigen Zeit.

Diese Ausstellung wurde seitdem ununterbrochen an verschiedenen Orten gezeigt.

  • Hat Armut in der Fotografie heute noch Gesichter?
  • Führt die Anonymisierung dazu, daß dieses Thema nicht mehr sichtbar ist?
  • Wie gehen die beteiligten Fotografen damit um?

Ich hatte das Glück zwei der beteiligten Fotografen zu treffen, Kurt Feisel und Jochen Vogler. Die Fotoausstellung ist ein Projekt von r-mediabase mit Unterstützung von ver.di nrw und der Rosa- Luxemburg Stiftung NRW an dem 5 Fotografen und 1 Fotografin beteiligt sind.

von links: Jochen Vogler und Kurt Feisel im Cafe Tacheles, hinter ihnen Fotos der Ausstellung - Foto: Michael Mahlke

von links: Jochen Vogler und Kurt Feisel im Cafe Tacheles, hinter ihnen Fotos der Ausstellung – Foto: Michael Mahlke

Wir trafen uns im Cafe Tacheles des Tacheles e.V. , der nicht nur bei der Armutskonferenz Mitveranstalter war sondern aktuell auch die Ausstellung im Cafe zeigt.

Foto: Michael Mahlke

Jochen Vogler – Foto: Michael Mahlke

Der aktuelle Ausstellungsort Tacheles ist in ununterbrochener Folge der 4. Ausstellungsort. Danach wird sie weiterwandern. Sie umfaßt aktuell 25 Fotos und kann gerne über r-mediabase ausgeliehen werden.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten ist auch fotografisch entscheidend. Kurt Feisel und Jochen Vogler haben dies gemeinsam mit den anderen Beteiligten versucht.

Wie unterschiedlich man dies fotografisch machen kann finden Sie hier dargestellt.