Das Böse, das Leiden und die Fotografie – Gedanken zu Hannah Arendt, Susan Sontag und darüber hinaus

„Ich aber stand vor etwas völlig anderem und doch unbestreitbar Wirklichem. Ich war frappiert von der ungeheuren Seichtheit des Täters, die keine Zurückführung des unbestreitbar Bösen seiner Handlungen auf irgendwelche tieferen Wurzeln oder Beweggründe ermöglichte. Die Taten waren ungeheuerlich. … das einzig Bemerkenswerte an seinem ..Verhalten …war etwas rein Negatives; nicht Dummheit , sondern Gedankenlosigkeit… Dieses Fehlen des Denkens rief mein Interesse wach… Die Vernunft ist nicht auf der Suche nach Wahrheit, sondern nach Sinn. Und Wahrheit und Sinn ist nicht dasselbe. …sie (die Verbrecher) haben gemordet, nicht um zu morden, sondern weil es zur Karriere gehörte… Und ich gebe zu: Es ist leichter zu ertragen das Opfer eines Teufels in Menschengestalt oder… als das eines beliebigen Hanswurstes, der noch nicht einmal verrückt oder ein besonders böser Mensch ist.“

Diese Worte von Hannah Arendt hat Katharina Mayer in einer Präsentation ausgewählt, um den Essay von Susan Sontag „Das Leiden anderer betrachten“ zu diskutieren.

sontag

Können wir es ertragen, daß das Böse und Gemeine einfach so da ist und man es tut, wenn man es darf?

Peter Scholl-Latour hat dies kürzlich bei telepolis.de so ausgedrückt:

„Sie wurden auch gefoltert?

Peter Scholl-Latour: Ja. Ich werde aber keine Details erwähnen, ich bitte um Ihr Verständnis. Nur so viel möchte ich Ihnen mitteilen, damals, als junger Mann von 21 Jahren, lernte ich die Abgründe der menschlichen Natur kennen. Ich bin aber auch immer Heiligen begegnet. Der Mensch ist halt beides – böse und gut -, und es kommt auch immer auf die Umstände an, welche Seite dominiert. Diesbezüglich geben wir uns heute gerne immer wieder irgendwelcher Illusionen hin. Deshalb gibt es ja auch die Religion, nicht um den Mensch gut, sondern um ihn erträglich zu machen, wobei Religion natürlich auch immer missbraucht wurde und wird.“

Welche Rolle spielt die Fotografie beim Erleben des Bösen und des Leidens?

Ist sie ein Mittel, um das Böse und das Leiden festzuhalten?

Hat sie Wirkung?

Susan Sontag ist in diesem Zusammenhang so interessant, weil sie 1977 ein Buch über Fotografie und 2003 ein Buch über Fotografie geschrieben hat und sich dabei einiges änderte: „Hatte sie in ihrem früheren Essay kritisiert, dass maßloser Gebrauch von Bildern gegenüber fremdem Leid abstumpft, so betone sie im vorliegenden Text, dass Bilder nun mal das Wirkungsvollste sind, wenn es darum geht, fremde Erfahrungen zu vermitteln.“

Das ist aber nicht alles wie man leicht erfahren kann, wenn man die Präsentation von Katharina Mayer liest, die ich weiter oben verlinkt habe.

Sontag war selbst in Sarajewo und erlebte dort, wie Menschen mit Bildern umgingen. Sie schildert in dem Buch das Verhalten einer Frau, die beim Anblick der Zerstörung von Vukovar im Fernsehen umschaltete und kommt zu dem Schluß: „Wo Menschen sich sicher fühlen…, werden sie gleichgültig….Die Weigerung der Frau sich auf die Bilder einzulassen …war dagegen ein Ausdruck von Hilflosigkeit und Angst.“

Später schreibt sie: „Mitgefühl ist eine instabile Gefühlsregung. Es muß in Handeln umgesetzt werden, sonst verdorrt es.“

Fotografie kann also eine Waffe sein. Es ist immer eine Momentaufnahme, die momentan wirken kann.

Können denn die Fotos über den Moment hinaus weiter wirken?

Susan Sontag sagt ja und begründet dies so: „Aber Fotos, die das Martyrium und das Leiden eines Volkes vor Augen führen, erinnern nicht bloß an Tod, Scheitern und Erniedrigung. Sie beschwören auch das Wunder des Überlebens. Wer den Fortbestand der Erinnerung sichern will, der hat es unweigerlich mit der Aufgabe zu tun, die Erinnerung ständig zu erneuern, ständig neue Erinnerungen zu schaffen – vor allem mit Hilfe eindringlicher Fotos. “

Damit lösen wir weder das Böse noch das Leiden auf. Aber wir erinnern daran, daß das Gute auch existiert und der Teil im Menschen ist, der ihm allein die Hoffnung möglich macht, die für ein Leben im Sinne eines menschenwürdigen und unversehrten Daseins wesentlich ist.

Dafür lohnt es sich einzustehen – auch fotografisch.