Monthly Archives: März 2014

Sind die Wörter Foto und Photo jetzt geschützte Marken?

Interessant was man so findet:

picanova

Screenshot der Meldung

Ich wollte mal wissen, wer sich die Domains foto.guru und photo.guru gesichert hat. Deshalb gab ich diese ein und erhielt dazu folgende Meldung:

„You have received this Trademark Notice because you have applied for a domain name which matches at least one trademark record submitted to the Trademark Clearinghouse.

You may or may not be entitled to register the domain name depending on your intended use and whether it is the same or significantly overlaps with the trademarks listed below. Your rights to register this domain name may or may not be protected as noncommercial use or „fair use“ by the laws of your country.

Please read the trademark information below carefully, including the trademarks, jurisdictions, and goods and services for which the trademarks are registered. Please be aware that not all jurisdictions review trademark applications closely, so some of the trademark information below may exist in a national or regional registry which does not conduct a thorough or substantive review of trademark rights prior to registration. If you have questions, you may want to consult an attorney or legal expert on trademarks and intellectual property for guidance.

If you continue with this registration, you represent that, you have received and you understand this notice and to the best of your knowledge, your registration and use of the requested domain name will not infringe on the trademark rights listed below.“

Auf gut Deutsch habe ich das so verstanden, daß der, der das Wort Foto oder Photo registrieren will, eine Marke verletzt.

Ich habe dies dann mit anderen Endungen ausprobiert und erhielt immer wieder bei Foto oder Photo dieselbe Meldung mit derselben Firma.

Das Trademark Clearinghouse ist laut wikipedia „eine Datenbank der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers, die im Zuge der Einführung neuer Top-Level-Domains für Inhaber eingetragener Marken geschaffen wurde. Sie fungiert seit März 2013 als Clearingstelle, die Markeninhaber automatisiert über die Verwendung ihrer Marken in Domains informiert.“

Wie geht denn das jetzt weiter?

Da dürfen wir ja gespannt sein, wenn wir zukünftig das Wort Foto oder Photo benutzen…

Nachtrag:

Kurz nach dem Erscheinen dieses Artikels kam ein Artikel von Daniel Dingeldey, der offenkundig dieses Thema verfolgt hat. Sie finden ihn hier.

Er schreibt: „Dies lässt vermuten, dass eine Art von »chilling effect« zu einer Selbstbeschränkung der Domain-Anmelder führt, um in vorauseilendem Gehorsam das Risiko unliebsamer juristischer Auseinandersetzungen zu vermindern. Zudem dürften automatisierte Abfragen von Domainern auf der Suche nach attraktiven Domain-Namen zu Mehrfach-Benachrichtigungen bezogen auf einzelne allgemeinbeschreibende Wörter geführt haben.“

Das läßt aber viele Fragen offen. Entweder handelt es sich um eine Datenbank, die eingetragene Marken hat oder nicht. Wenn möglichen Registranten vermittelt wird, es handele sich um eine Rechtsverletzung, dann muß das doch auch stimmen. Ansonsten wäre doch zumindest der Hinweis wichtig, dass niemand für die Richtigkeit der Angaben in der Datenbank garantieren kann. Habe ich was übersehen? Mir erscheint hier immer mehr immer fragwürdiger. Wenn eine eingetragene Marke existiert für diesen Bereich dann ist es ja ok. Aber wenn keine existiert und die Datenbank so tut als ob, dann gibt es doch Interessen anderer Natur – oder sehe ich das falsch?

Davon abgesehen ist es für mich aktuell undenkbar, daß die Wörter Foto und Photo geschützt werden können. Die Zukunft wird dies sicherlich klären.

Schwierige Lichtverhältnisse in der Fotografie am Beispiel der Grenzen der Fuji X10

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Tageslicht und Kunstlicht, Deckenstrahler und Beamerlampe, abgedunkelter Raum vorne und offenes Licht durch das Fenster von hinten – eine absolut extreme Lichtsituation als Voraussetzung für den Einsatz. Es war soweit. Nun mußte die Fuji X10 zeigen, was sie konnte.

Hinzu kam die Vortragssituation. Bei einer solchen Situation muß die Kamera nicht nur diskret und still sein. Sie muß auch diese Lichtmischung hinbekommen, so daß ein ausgewogenes Bild zustandekommt.

Und natürlich ohne Blitz!

Denn das ist ja gerade die Herausforderung: das Licht und die Situation so einzufangen wie man es gerade vorfindet.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Das Foto mit der Frau vor der Leinwand: Solche Schattenspiele sind eine Variante, die sich aber auch nur in dieser Gestaltung anbietet.

Hier ging es mir darum, den schönen Hut mit dem feinen Netz und die Gestaltung des Kopfes zu zeigen. Da bot sich das Schattenspiel vor der Leinwand an.

Welche Messmethode, welche Einstellung, welche Blende sind hier am besten?

Es kommt darauf an, was für ein Foto ich haben möchte.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Hier spricht der Chef des Kunstmuseums Solingen. Das Foto wurde aus einer RAW-Datei entwickelt und zeigt alles so wie ich es sah.

Da das Licht von hinten kam war sein Gesicht auch nicht voll ausgeleuchtet.  Ich saß ca. 15 Meter entfernt und hatte die Fuji mit Blende 2.8 auf 112 Millimeter. Es wurde lediglich hinterher per Software automatisch die Beleuchtung der RAW-Datei vorgenommen, so daß so das Ergebnis so aussieht wie es war.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Hier ist das Ganze noch mal mit dem Abwedeln-Pinsel im Gesicht nachbearbeitet. Ich habe das Gesicht aufhellt. So hell und gut sichtbar war es eigentlich gar nicht aber zumindest sieht man, was möglich ist (wobei es für mich schon grenzwertig ist und mir das Bild ohne Aufhellung besser gefällt).

Aber es geht auch einfacher.

fujlicht9

Man braucht die Fuji nur auf Umgebungslicht zu stellen. Dann gibt es zwar keine RAW-Dateien aber es gibt fertige Fotos. Die sehen dann so aus:

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Das größere Foto im Hintergrund ist die Version, die direkt aus der Kamera kam. Die kleinere und aufgehellte Version ist die, die ich einfach mit dem Aufhellen der Schatten im Foto innerhalb von 5 Sekunden erzeugt habe.

Allerdings muß ich noch einmal betonen, daß die aufgehellten Gesichter nicht der tatsächlichen Wahrnehmungssituation entsprechen, weil von hinten die Personen durch direktes Tageslicht „beleuchtet“ waren und das Fotografieren gegen das Licht ohne Blitz nicht so einfach ist.

Für mich war die Fuji genau richtig. Sie löste alle Probleme:

  • Sie schaffte es bei schlechtem Licht zu fokussieren.
  • Sie erstellte Fotos, die die echte – schwierige – Lichtsituation wiedergeben.
  • Sie war sehr diskret und leise durch den Sucher und das Ausschalten des Monitors.
  • Der Akku hielt dadurch extrem lang.
  • Die Fotos konnte ich entweder selbst gestalten mit RAW und JPG oder der Kamera überlassen.

Für Reportage und einfache Drucke in Magazinen und natürlich im Web reichen die Ergebnisse allemal, auch bei Bildausschnitten.

Umgekehrt würde ich die Kamera nicht mitnehmen auf eine Klettertour in den Alpen.

Die Fuji ist eine Kamera für extreme Lichtsituationen. Sie ist nicht unbedingt eine Kamera für extreme Outdoor-Situationen mit wechselndem Wetter etc.

Aber als Reportagekamera für das klassische diskrete Fotografieren mit Sucher ist sie optimal. Und sie hat eine der extremsten Lichtsituationen wirklich gut gemeistert.

Sie braucht allerdings Licht. Sie ist nicht für lichtloses Fotografieren gemacht. Das ist aber auch nicht der Sinn der Lichtmalerei.

 

 

Menschen hinter den Kriegen – Kriegs- und Krisenfotografie von Ursula Meissner

Ursula Meissner im Kunstmuseum Solingen - Foto: Michael Mahlke

Ursula Meissner im Kunstmuseum Solingen – Foto: Michael Mahlke

Dr. Justinus Maria Calleen hatte den richtigen Blick als er Hajo Jahn von der Else-Lakser-Schüler Gesellschaft für das Thema Krieg und Krisen und 1914 bis 2014 die Fotografin Urusla Meissner und ihr Werk empfahl. Es zeigt das Kernthema des menschlichen Beisammenseins bis heute und ist der fotografische rote Faden.

Und so war es heute der Tag der offiziellen Eröffnung und interessanten Vorträge, die Lust auf Fotos machten.

Ursula Meissner im Kunstmuseum Solingen - Foto: Michael Mahlke

Ursula Meissner im Kunstmuseum Solingen – Foto: Michael Mahlke

Ursula Meissner wurde von Dr. Calleen interviewt und es zeigte sich, daß solche Fotos ohne persönliches Engagement undenkbar sind.

 

Dr. Calllen, Ursula Meissner - Foto: Michael Mahlke

Dr. Calllen, Ursula Meissner – Foto: Michael Mahlke

Ursula Meissner wird noch einige Veranstaltungen des XX Else-Lasker-Schüler Forums „Der blaue Reiter ist gefallen ….“ bis Mitte Mai besuchen und mit diskutieren.

Das Programm dazu finden Sie hier.

Die Ausstellung lohnt sich sehr und ist zusammen mit der direkt daneben liegenden und passenden Ausstellung über Ernst Friedrich eine kaum jemals wieder zu sehende Kombination von Informationen über Krieg seit 100 Jahren und die Rolle der Fotografie.

Sie regt sehr zum Weiterdenken an.

Kriegsmedien – Medien im Krieg. Von Ernst Friedrich zu Guantanamo

Prof. Jörg Becker im Kunstmuseum Solingen - Foto: Michael Mahlke

Prof. Jörg Becker im Kunstmuseum Solingen – Foto: Michael Mahlke

Welche Wirkung haben Fotos vom Krieg? Warum sehen wir heute in den offiziellen Medien keine Kriegsfotos mehr? Wußten Sie, daß Särge von amerikanischen Soldaten erst seit Obama wieder fotografiert und publiziert werden dürfen?

Prof. Jörg Becker hielt im Kunstmuseum Solingen im Rahmen des XX. Else-Lasker-Schüler Forums 2014 einen sehr engagierten und sachlichen Vortrag zu Ernst Friedrich und seinem Engagement für Frieden und gegen den Krieg. „Krieg dem Kriege“ war sein wichtigstes Buch. Becker schilderte wie Ernst Friedrich mit Fotos von Ferdinand Sauerbruch ein Buch erstellte, das die Menschen zeigt, die verstümmelt wurden und ermordet einfach rumlagen oder an ihren Leiden zugrunde gingen. Andere mußten als Vollinvaliden noch arbeiten.

Kunstmuseum Solingen - Foto: Michael Mahlke

Kunstmuseum Solingen – Foto: Michael Mahlke

Sein Vortrag regt natürlich zu der Frage an, welche Wirkung Fotos haben?

Ernst Friedrich hatte sogar ein Museum, um dort Fotos gegen den Krieg zu zeigen. Seine Wirkung war beschränkt, der 2. Weltkrieg brach ebenso aus wie hunderte von Kriegen danach. Doch Prof. Becker hielt nicht nur einen Vortrag. Er hatte zudem gemeinsam mit der Museumsleitung und der Else-Lasker-Schüler Gesellschaft eine kleine Ausstellung im Kunstmuseum Solingen initiiert, die es in sich hat.

Ernst Friedrich Ausstellung im Kunstmuseum Solingen  Prof. Jörg Becker - Foto: Michael Mahlke

Ernst Friedrich Ausstellung im Kunstmuseum Solingen Prof. Jörg Becker – Foto: Michael Mahlke

Neben dem Originalbuch finden sich in der Ausstellung Originaldokumente für Kinder und Erwachsene, die den Krieg verherrlichen.

Ernst Fiedrich im Kunstmuseum Solingen - Foto: Michael Mahlke

Ernst Fiedrich im Kunstmuseum Solingen – Foto: Michael Mahlke

Künstliche Ersatzgelenke für Kriegsverletzte zeigen, was überhaupt möglich war.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Jörg Becker hat den Kampf gegen den Krieg ebenso wenig aufgegeben wie Ernst Friedrich und M. Grothe.

Aber die Ausstellung zeigt eben auch, wie oft der Kampf gegen den Krieg verloren wurde und wie der Charakter des Menschen angelegt ist.

Ernst Friedrich, Jörg Becker, M. Grothe - Foto: Michael Mahlke

Ernst Friedrich, Jörg Becker, M. Grothe – Foto: Michael Mahlke

Das führt uns dann zu der Frage nach den Kriegen von heute. Dazu gibt es gleich nebenan im Kunstmuseum Solingen eine großartige Ausstellung mit Fotos von Ursula Meissner.

Nachtrag am 20.5.2014:

Wenigstens bin ich nicht ganz allein mit meiner Berichterstattung geblieben. Einen guten Artikel dazu gibt es noch und den möchte ich dann auch empfehlen. Sie finden ihn hier.

 

 

Freelens, Frontlens, Warlens, Streetlens, Artlens

Wir leben heute im Zeitalter der neuen Wörter. Deshalb möchte ich auf einige eingehen.

  • Freelens ist sicherlich ein Begriff. Es handelt sich um eine Organisation für Fotoreporter, die frei sind, also nicht fest angestellt. Daher das Adjektiv free für frei. Das Wort ist komplett in Englisch obwohl die Organisation komplett deutsch ist.
  • Frontlens ist  Begegnungsfotografie. Es ist Konfrontationsfotografie und Fotografie der direkten Begegnung mit der Wirklichkeit. Es kann auch Konfliktfotografie sein. Es geht um das, was vor die Linse kommt wenn man der Wirklichkeit begegnet. Daher handelt es sich nie um inszenierte Fotografie sondern um die Ausschnitte aus der Wirklichkeit, die mir begegnen und die ich so gestaltet dann festhalte. Front bedeutet Vorderseite. Es geht um das, was ich sehe, was mir begegnet. Was hinter meinem Rücken abläuft sehe ich nicht und kann es daher auch nicht bewußt gestalten.
  • Warlens ist eine Anspielung auf war photographer und auf war view, also Kriegsfotografie und Kriegsblick. Amerikaner sprechen auch davon, nicht länger durch die Brille des Kalten Krieges zu blicken und nennen dies Cold War Lens.
  • Streetlens ist ebenfalls ein Wort, das ich benutze, um den Bereich der Streetfotografie/Streetphotography/Straßenfotografie einzugrenzen. Es handelt sich teilweise dabei um Dokumentarfotografie und immer um Frontfotografie (Frontlens), weil es immer um gesehene Wirklichkeit geht.

 

Das Böse, das Leiden und die Fotografie – Gedanken zu Hannah Arendt, Susan Sontag und darüber hinaus

„Ich aber stand vor etwas völlig anderem und doch unbestreitbar Wirklichem. Ich war frappiert von der ungeheuren Seichtheit des Täters, die keine Zurückführung des unbestreitbar Bösen seiner Handlungen auf irgendwelche tieferen Wurzeln oder Beweggründe ermöglichte. Die Taten waren ungeheuerlich. … das einzig Bemerkenswerte an seinem ..Verhalten …war etwas rein Negatives; nicht Dummheit , sondern Gedankenlosigkeit… Dieses Fehlen des Denkens rief mein Interesse wach… Die Vernunft ist nicht auf der Suche nach Wahrheit, sondern nach Sinn. Und Wahrheit und Sinn ist nicht dasselbe. …sie (die Verbrecher) haben gemordet, nicht um zu morden, sondern weil es zur Karriere gehörte… Und ich gebe zu: Es ist leichter zu ertragen das Opfer eines Teufels in Menschengestalt oder… als das eines beliebigen Hanswurstes, der noch nicht einmal verrückt oder ein besonders böser Mensch ist.“

Diese Worte von Hannah Arendt hat Katharina Mayer in einer Präsentation ausgewählt, um den Essay von Susan Sontag „Das Leiden anderer betrachten“ zu diskutieren.

sontag

Können wir es ertragen, daß das Böse und Gemeine einfach so da ist und man es tut, wenn man es darf?

Peter Scholl-Latour hat dies kürzlich bei telepolis.de so ausgedrückt:

„Sie wurden auch gefoltert?

Peter Scholl-Latour: Ja. Ich werde aber keine Details erwähnen, ich bitte um Ihr Verständnis. Nur so viel möchte ich Ihnen mitteilen, damals, als junger Mann von 21 Jahren, lernte ich die Abgründe der menschlichen Natur kennen. Ich bin aber auch immer Heiligen begegnet. Der Mensch ist halt beides – böse und gut -, und es kommt auch immer auf die Umstände an, welche Seite dominiert. Diesbezüglich geben wir uns heute gerne immer wieder irgendwelcher Illusionen hin. Deshalb gibt es ja auch die Religion, nicht um den Mensch gut, sondern um ihn erträglich zu machen, wobei Religion natürlich auch immer missbraucht wurde und wird.“

Welche Rolle spielt die Fotografie beim Erleben des Bösen und des Leidens?

Ist sie ein Mittel, um das Böse und das Leiden festzuhalten?

Hat sie Wirkung?

Susan Sontag ist in diesem Zusammenhang so interessant, weil sie 1977 ein Buch über Fotografie und 2003 ein Buch über Fotografie geschrieben hat und sich dabei einiges änderte: „Hatte sie in ihrem früheren Essay kritisiert, dass maßloser Gebrauch von Bildern gegenüber fremdem Leid abstumpft, so betone sie im vorliegenden Text, dass Bilder nun mal das Wirkungsvollste sind, wenn es darum geht, fremde Erfahrungen zu vermitteln.“

Das ist aber nicht alles wie man leicht erfahren kann, wenn man die Präsentation von Katharina Mayer liest, die ich weiter oben verlinkt habe.

Sontag war selbst in Sarajewo und erlebte dort, wie Menschen mit Bildern umgingen. Sie schildert in dem Buch das Verhalten einer Frau, die beim Anblick der Zerstörung von Vukovar im Fernsehen umschaltete und kommt zu dem Schluß: „Wo Menschen sich sicher fühlen…, werden sie gleichgültig….Die Weigerung der Frau sich auf die Bilder einzulassen …war dagegen ein Ausdruck von Hilflosigkeit und Angst.“

Später schreibt sie: „Mitgefühl ist eine instabile Gefühlsregung. Es muß in Handeln umgesetzt werden, sonst verdorrt es.“

Fotografie kann also eine Waffe sein. Es ist immer eine Momentaufnahme, die momentan wirken kann.

Können denn die Fotos über den Moment hinaus weiter wirken?

Susan Sontag sagt ja und begründet dies so: „Aber Fotos, die das Martyrium und das Leiden eines Volkes vor Augen führen, erinnern nicht bloß an Tod, Scheitern und Erniedrigung. Sie beschwören auch das Wunder des Überlebens. Wer den Fortbestand der Erinnerung sichern will, der hat es unweigerlich mit der Aufgabe zu tun, die Erinnerung ständig zu erneuern, ständig neue Erinnerungen zu schaffen – vor allem mit Hilfe eindringlicher Fotos. “

Damit lösen wir weder das Böse noch das Leiden auf. Aber wir erinnern daran, daß das Gute auch existiert und der Teil im Menschen ist, der ihm allein die Hoffnung möglich macht, die für ein Leben im Sinne eines menschenwürdigen und unversehrten Daseins wesentlich ist.

Dafür lohnt es sich einzustehen – auch fotografisch.

 

Der Gang der Dinge, hg. von Christiane E. Fricke

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„So folgt die Tätigkeit der Deutschen Fotothek der Überzeugung, dass die Bewahrung von Photographie stets mit ihrer Aktivierung einhergehen muss. Erst die Aktivierung durch Online-Präsentation sowie durch Ausstellungen und Publikationen sichert die bleibende Wertschätzung photographischer Oeuvres. Bewahren, Erschließen und Präsentieren wird als Einheit verstanden.“

Diese Sätze aus dem Artikel von Jens Bove und Sebastian Lux sind irgendwie Programm des gesamten Buches „Der Gang der Dinge. Welche Zukunft haben photographische Archive und Nachlässe?“, das von Christiane E. Fricke für die DGPH herausgegeben wurde. Es ist die Zusammenfassung einer Tagung, die es wert war, dokumentiert zu werden.

Zu viele Bestände landeten schon im Müll oder in unberufenen Hände. Zu viele bedeutende Bildsammlungen und Archive fanden im Ausland ihre Heimat. Ausgehend von dem interdisziplinären DGPh-Symposium „Der Gang der Dinge. Welche Zukunft haben photographische Archive und Nachlässe?“ im Jahr 2012 in Wolfsburg erläutert das Buch Herangehensweisen und neue Lösungsansätze für den künftigen Umgang mit photographischen Nachlässen und Sammlungen.

Das Buch ist sicherlich das deutsche Standardwerk zu diesem Thema. Jeder Artikel ist unglaublich interessant. Wir sehen, was Fotografie historisch als Gedächtnisarbeit heute leisten kann jenseits des Porträtcharakters. Dabei ist Fotografie dann auch ein Teil der Alltagsgeschichte.

Als Beispiel für die Fotografen und ihre Lebenstragödien ist die Familie Püscher aufgeführt, die Alfeld im Alltag fotografierte. Sie porträtierten die kleinen Leute und den Alltag im Siedlerheim. Aber es hat keinen sozialen Stellenwert wie wir hier sehen. Jede fotografierte Modekollektion scheint interessanter. Dabei ist dies das Tagebuch des kleinen Mannes in seinem Alltag. Nur ein Zufall rettete die Fotos als Dachbodenfund.

Das Buch geht aber viel weiter.

Was bleibt?

Die digitale Welt bleibt nicht. Es sind flüchtige Dokumente, die jederzeit gelöscht werden können und außerhalb der digitalen Kästen nicht existent sind. Papierabzüge bleiben, Computer und Betriebssysteme nicht.

Das Buch widmet sich den aktuellen Problemen, wobei es hier vor allem darum geht, Papierbestände zu sichern und diese online zu setzen.

Hochkompetente Autorinnen und Autoren haben Erfahrungen und Gedanken skizziert, die helfen, weiter zu denken.

Weiter so!

Das Buch ist im Fruehwerk-Verlag erschienen.

Autoren
Jens Bove und Sebastian Lux, Enno Kaufhold, Karolina Lewandowska, Sandrine Mahieu, Franziska Maria Scheuer, Simon Schwinge, Thomas Jahn, Karin Lingl, Sabine Krell, Bernd Rodrian, Christiane Stahl, Simone Klein, Marjen Schmidt, Florian Mercker und Christiane E. Fricke

Herausgegeben von
Christiane E. Fricke für die Deutsche Gesellschaft für Photographie (DGPh)

Format: 17 ° 24 cm, 190 Seiten,
durchgängig 4farbig, broschiert
ISBN: 978-3-941295-11-7

Eine Stadt auf Fotopapier

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„Letztlich können wir damit auch Leben und Leistung der Familie Püscher würdigen. Denn sie haben sich Zeit ihres Lebens neben der Photographie nichts gegönnt. Beim Sohn Eberhard haben Zeit und Geld nicht einmal für eine Familie oder Freundin gereicht. Er starb einsam, verarmt und hinterließ neben seinen Aufnahmen nur Schulden.“

So das nüchterne Resumee von Simon Schwinge.

Aber nun liegt es vor uns, das Buch aus dem Fruehwerk-Verlag über Alfeld (Leine).

Dort fotografierten Vater und Sohn und begleiteten als fotografische Chronisten das Alltagsleben der Menschen.

Aber dann?

Dann war es reiner Zufall, daß die Fotos nach dem Tod des Sohnes nicht auf dem Müll landeten. Und dann brauchte es viele Jahre bis sich Menschen fanden, die sich damit beschäftigten. Und auch dies war so mühsam wie die ganze Geschichte.

Annett Gröschner und Simon Schwinge haben dies alles nun als Buch herausgegeben und damit einen echten Beitrag zur Alltagsgeschichte von Alfeld und zur Dokumentarfotografie vor Ort geleistet.

Das Buch erinnert mich an meine Jugend. Die Aufzüge der Vereine, die geschmückten Girlanden vor den Häusern, das Milieu der Nachbarschaften. Es ist alles zu sehen, was in Alfeld und auch woanders so gewesen ist.

Aber Alfeld hatte die Püschers, die dies alles fotografierten.

Dazu gibt es auch eine Webseite aber vor allem auch dieses Buch. Es ist in jeder Hinsicht gelungen und zeigt durch das interessante Hochkantformat, wie man auch Fotos präsentieren kann, wenn man große und kleine Fotos kombinieren will.

Die Fotos haben Erinnerungswert, weil sie entweder Alltag zeigen, der überall hätte sein können oder konkret die Alfelder Familien. So entsteht das Album einer Stadt, die so war wie viele. Alfeld ist überall hätte man damals sagen können.

Zugleich ist dies aber auch die Geschichte der verlorenen Geschichte und ihrer vergessenen Chronisten.

Allerdings zeigt das Buch auch durch seine Existenz, wie sich dies doch auch ändern kann.

Das ist die andere Seite. Geschichte als Gedächtnisarbeit und fotografische Dokumentation. Es ist eine andere Art der Geschichtsschreibung im lokalen Raum, abseits der Politik und doch mittendrin.

Aber es zeigt auch die persönliche Tragödie, wenn man sieht wie die Fotografen endeten.

Dies scheint das Schicksal vieler Fotografen zu sein. Hier ist es dokumentiert. Das Buch ist wirklich interessant und es ist ein gelungenes Beispiel für die Aufarbeitung lokaler Fotografie durch die Autoren.

Die Sammlung Püscher in Alfeld (Leine)

Gedächtnis und Dokumentation des Nachlasses der Fotografenfamilie Püscher in Alfeld (Leine)

Die Stadt Alfeld an der Leine in Niedersachsen besitzt etwas, das sie vor anderen deutschen Städten auszeichnet:

Eine nahezu lückenlose Dokumentation ihres Alltags. Der Nachlass zweier Fotografen – Vater und Sohn, Richard und Eberhard Püscher – umfasst die Zeit von 1947 bis in die 1990er Jahre. Das gesamte Leben einer Stadt und ihres Umlandes mit ihren Ritualen, Feiern und Ereignissen wird dokumentiert – visuelle Chronik und Gedächtnis, weit über die Grenzen Niedersachsens hinaus. Es scheint, als könne man die Zeit zwischen den Nachkriegs-, Wirtschaftswunder und Wiedervereinigungsjahren lückenlos rekonstruieren, wenn man nur alle Bilder der beiden Fotografen nebeneinander legen würde. Sie erzählen beispielhaft die Geschichte jener fünf Jahrzehnte im Westen Deutschlands, für die sich heute der Begriff der „alten Bundesrepublik“ durchgesetzt hat. „Eine Stadt auf Fotopapier“ ist eine kommentierte Bestandsaufnahme, die erstmals Einblick in die Sammlung Püscher gewährt und dabei auch versucht, eine Antwort auf die Frage zu geben, wie wir wurden, wer wir heute sind.

Autoren
Hans-Martin Buttler und Familie, Annett Gröschner, Mona Heiler, Melanie Huber, Lena Müller, Gisela Parak, Simon Schwinge

Herausgegeben von
Annett Gröschner und Simon Schwinge

Format: 18 ° 32 cm, 144 Seiten,
s/w und 4farbig, Schweizer Broschur
978-3-941295-12-4

 

Mit GoPro Kriegsbilder aus Syrien?

Da ist doch tatsächlich ein Video online, bei dem im Artikel darauf hingewiesen wird, daß es  mit GoPro Kameras aufgenommen wurde. Es geht um Tanks, also Panzer, die schießen und zerstört werden. Es geht um Menschen, die ermordet werden, aber nicht direkt sichtbar sind.

Wie geht man damit um?

Einerseits wissen wir nun, daß neuste Technik aus der Kameraindustrie an jeden für jeden Zweck verkauft wird.

Andererseits sind die Ergebnisse frei auf Blogs zu sehen.

Warum die Firma GoPro aber bewußt erwähnt wird, bleibt mir ein Rätsel.

Ob das Werbung ist?

Mehr Videos der russischen Agentur Anna-News aus Syrien gibt es hier.

 

 

 

Help my: Bilder vom belagerten Leben, Sarajevo 1992-1996 von Friedhelm Brebeck und Ursula Meissner

Ursula Meissner, Friedhelm Brebeck

Dieses Buch ist zeitlos gut. Es ist ein Buch, das bleibt. Es bleibt, weil es ein Fotografiebuch ist und zugleich ein Geschichtsbuch mit einer unvergleichlichen humanitären und fotografischen Mischung.

Es ist einerseits sozialdokumentarische Fotografie, zugleich ist es Kriegsfotografie und es ist andererseits eine Dokumentation über eine Stadt und ihre Menschen im zeitlichen Längsschnitt und thematischen Querschnitt.

Rückblickend ist es heute deshalb auch ein Geschichtsbuch, das den Krieg und seine Folgen zeigt.

Friedhelm Brebeck ist seit 1978 Fernsehkorrespondent der ARD. Das Sterben und Überleben im bosnischen Krieg hat er ab 1992 als Sonderkorrespondent aus Sarajewo begleitet. Mit über vierhundert Filmen, Live-Berichten, Features und Dokumentationen. Er schrieb die Texte zu diesem Buch.
Die Fotografin Ursula Meissner ist eine der wenigen, die bereits 1992 die ersten Kriegsmonate fotografiert hat, und die auch danach alle blutigen Sommer und die bitteren Winter mit leidenschaftlilcher Distanz dokumentierte.

Als ich das Buch aufschlug hatte ich das Gefühl mittendrin zu sein.

Ursula Meissner hat hier eine Art zu fotografieren, die quasi nach den Ereignissen anfängt und die Folgen davon zeigt. Damit werden aus Ereignissen fotografische Geschichten.

Friedhlem Brebeck hat dazu Texte formuliert, die sich einprägen und betroffen machen. Beide zusammen haben ein Buch geschaffen, das gerade heute mit dem Blick zurück und dem Erleben der Folgen in der Gegenwart die Frage nach den Ursachen von Krieg und Frieden darstellt.

Das Buch ist große Literatur, weil es übergreifend gute Texte und gute Fotos vereint.

Die Fotos lassen nicht los, weil der Stil der Bilder so geraderaus alles zeigt, was auch bei uns der Fall wäre. Es zeigt auch die Banaliät des Bösen, die im Menschen steckt und sichtbar wird, wenn man ihn nur läßt.

Das Buch erzählt wie bei einem Gang durch eine Stadt mit Fotos und Texten Geschichten und ist parallel dazu eine Zeitreise mit so vielen Berührungspunkten in der Gegenwart, daß hier fast einzigartig gut der Zusammenhang von Geschichte und Gegenwart in Bildern und Worten erlebbar wird.

Wer es noch bekommt, der sollte es sich nicht entgehen lassen.

Help my: Bilder vom belagerten Leben, Sarajevo 1992-1996

von Friedhelm Brebeck und Ursula Meissner

ISBN 3-930459-17-5

 

 

Das Foto als PR-Waffe im Fall Hoeneß?

Ich weiß nicht ob das, was ich sehe stimmt oder einen Eindruck erwecken soll, der stimmen soll.

Nach der Urteilsverkündung und der schnellen Annahme durch Herrn Hoeneß gibt es ein Foto in der Presse, das mich sehr nachdenklich macht.

Sie finden es unter anderem hier.

Man sieht auf dem Foto Herrn Hoeneß in einem weißen Hemd (weiße Weste?) und rechts einen Kinderwagen (Opa und Enkel?).

Nun ist es ja in Deutschland verboten, mit Teleobjektiven Personen auf ihren privaten Grundstücken zu fotografieren. Und hier ist Herr Hoeneß auf dem eigenen Grundstück.

Welcher Fotograf wäre so dumm, sich da auf einen Rechtsbruch einzulassen, der sehr teuer werden kann?

Das Foto taucht überall auf, einmal mit Thomson Reuters, einmal mit rtr und einmal mit dpa als Nachweis.

Das Foto scheint Teil eines größeren Fotos zu sein. Dieses ist bei n24 zu finden.

Da ist der Kinderwagen exakt in der Mitte und rechts eine gemütliche Sitzgruppe. Wenn Geometrie eine Rolle in Fotos spielt, dann bestimmt hier.

Wurden da PR-Berater eingesetzt, um das richtige Bild zur richtigen Zeit zu entwerfen? Und wieso wird das Foto so oft verwendet?

An anderer Stelle gibt es auch ein Foto vom Anwesen des Herrn Hoeneß. Hier ist das Haus aber Teil der Landschaft und die ist frei einsehbar. Da dürfte es keine Probleme geben.

Ich stelle mir daher die Frage, ob es sich bei diesem Foto um eine gezielt eingesetzte fotografische Waffe handelt?

Kann das sein?

 

Neue Regeln für Streetfotografie in Ungarn

Auf newsroom.de wird darauf hingewiesen, daß es ein neues Gesetz in Ungarn gibt: „Demnach ist es strafbar, Privatpersonen ohne deren Einwilligung zu fotografieren, selbst wenn das Bild danach nicht veröffentlicht wird. Bisher betraf die Einschränkung nur die Publikation von Fotos, nicht aber deren Herstellung. Öffentlich aktive Persönlichkeiten wie etwa Politiker dürfen weiterhin ohne deren Einwilligung fotografiert werden, ebenso Menschenmengen.“

Das hört sich eher nach den aktuellen deutschen Regeln an.

Ein weiterer Grund, um endlich auf die Fineart-Streetphotograpy zu wechseln und solche Risiken auszuschließen.

Die englischsprachigen Debatten dazu sind sehr gemischt. Es wird darauf hingewiesen, daß dies teilweise in den USA schon gilt und in Großbritannien ebenfalls sehr rigide vorgegangen wurde.

Viele Diskutanten wünschen sich in den USA ähnliche Regelungen, weil sie es leid sind, überall fotografiert werden zu dürfen. Andere sehen eher das Ende der Freiheit.