Monthly Archives: Februar 2014

Die Schnappschussästhetik in der Strassenfotografie zwischen Remscheid und New York – Streetfotografie heute

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Wissen Sie was Schnappschussästhetik ist?

„Die Straßenfotografen des frühen 20. Jahrhunderts entwickelten »eine Art Schnappschussästhetik, die dem modernen Stadtleben […] perfekt entsprach. Die Rhythmen der Stadt wurden übersetzt in ein Zelebrieren des Momenthaften und das Akzeptieren nicht klassischer Bildausschnitte sowie eine moderate Bewegungsunschärfe. In den 1930er-Jahren wurden diese ästhetischen Prinzipien von Fotografen, die mit der Leica arbeiteten, zur Perfektion gebracht, etwa von Henri Cartier-Bresson und André Kertész«. Cartier-Bresson gab mit seiner berühmten Philosophie des »entscheidenden Augenblicks« eine adäquate Antwort auf die Hektik des Großstadtlebens, wobei er seine reflexhaft eingefangenen Motive mit einer ausgewogenen, eleganten Komposition zu verbinden verstand. Bis weit in die 1950er-Jahre hinein war er ein Vorbild für die Straßenfotografie sowohl in Europa als auch in den USA.“

So steht es im Kunstlexikon von Hatje Cantz.

Der Artikel dort wurde auf der Grundlage von Steven Jacobs, »Street Photography«, in: Lynne Warren (Hrsg.), Encyclopedia of Twentieth-Century Photography, Bd. 3: O–Z erstellt.

Steven Jacobs hat über urbane Fotografie im späten 20. Jhrdt. promoviert.  Aber der Artikel wirft Fragen auf, weil er drei Dinge miteinander vermischt, die zunächst einmal nichts miteinander zu tun haben.

Henri Cartier-Bresson wurde vor allem bekannt für Fotos, die geometrisch gut gestaltet waren. Er war eben der Meister des klassischen Bildausschnittes und nicht der Meister des nicht klassischen Bildausschnitts. Seine Schnappschussästhetik zeichnet sich durch klare Formen aus. Daher ist die Vermischung von Steven Jacobs, die er in dem Artikel vornimmt, so nicht nachvollziehbar.

Wenn man sich dem Thema andersrum nähert, dann findet man in der wikipedia eine Erklärung für die Schnappschussästhetik, die im Englischen snapshot aesthetic heisst.

Dort wird dann beschrieben, was man darunter versteht: Es handelt sich meistens um das Fotografieren von banalen Alltagsgegenständen ohne erkennbare geometrische Präsentation der Dinge im Foto selbst.

Die Willkür ist die Regel für die Wirkung des Fotos.

So verstehe ich dies wenn ich Joel Rotenberg folge, der schreibt: „Snapshot arbitrariness means that unintended effects, large or small, are the rule.“

Das ist aber eben nicht Cartier-Bresson. Denn dieser hat den Moment geometrisch gestaltet. Das ist anders, völlig anders.

Insofern ist Schnappschussästhetik sehr unterschiedlich. Schnappschussästhetik wandelt sich.

Daher ist die Verschmelzung von Leica, Cartier-Bresson und die Übertragung auf das moderne Fotografieren nicht so einfach.

Denn eigentlich kommt Schnappschussästhetik nach der Logik von Steven Jacobs dann erst nach Cartier-Bresson vor. Oder man geht anders vor und sagt, Schnappschussästhetik wandelt sich vom geometrisch selbst gestalteten Moment bis Hin zum völlig sich dem Zufall und der Auswahl überlassen.

Steven Jacobs weist später in dem Artikel auf folgendes hin. „Durch die zunehmende Individualisierung, das Aufkommen der multikulturellen Gesellschaft und die wachsende Bedeutung von Randgruppen zerfiel die bürgerliche Gemeinschaft im klassischen Sinne und mit ihr der öffentliche Raum. Fotografen wie etwa Bruce Davidson und Nan Goldin widmeten sich Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre Phänomenen von privaterem Charakter, bevorzugten schrille oder extreme Sujets und die Darstellung von Subkulturen.“

Jacobs erreicht elegant die Gegenwart, wenn er darauf hinweist, daß die Streetfotografie in der Öffentlichkeit vielleicht auch nur aus dem Blick geraten ist und nennt als Beispiel für die Wiederentdecktung das Buch Streetphotography Now.

Mehr zu dem Thema findet man sehr schön auch hier in dem Video.

Wenn Sie darüber hinaus eine fortlaufende Sammlung echter Streetfotografie aus Germany sehen wollen zwischen Journalismus und neuen Wegen, die die Wirklichkeit so abbildet wie sie ist ohne dabei immer auf Geometrie zu verzichten, dann empfehle ich die wupperart.

Dort ist die Fotografie so wie das Leben. Aber nicht wie in New York sondern im New Germany zwischen Düsseldorf und Köln in Remscheid, Solingen und Wuppertal.

Wenn Sie mehr sehen wollen, dann können Sie von dort zum Wupperartmuseum wechseln und haben das, was aus dem Alltäglichen als zeitlos aktuelle Themen herausgefiltert wurde.

So findet die Realität des Kunstlexikons von HatjeCantz seinen Niederschlag direkt vor Ort. Das ist die lebendige Kunst in der Fotografie, um die es geht – Streetfotografie today.

 

Das Low Light Luder – die Fuji X10

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Die Fuji X10 ist eine Kamera, die schon viele Höhen und Tiefen gesehen hat.

Sie ist wohl die einzige Kamera, die während ihrer Produktion einen anderen Sensor bekam, der aus Kundenwünschen heraus realisiert wurde.

Zudem ist sie schon durch ein anderes Modell mit einem wieder anderen Sensor ersetzt worden.

Aber sie ist eben eine Kamera für eine Zehn-Jahres-Bindung, denn sie hat etwas, das andere Kameras nicht haben.

Sie ist kein Boxenluder sondern ein Lichtluder im Sinne einer Verlockung bei Lowlight-Situationen.

  1. Denn erstens kann man mit der Kamera und dem Chip Fotos auch bei schlechtem Licht machen,
  2. zweitens gibt es dafür extra Aufnahmemodi von EXR bis zum Verschmelzen von vier Fotos zu einer Aufnahme und
  3. drittens hat sie den optischen Sucher, der gerade bei wenig Licht den klaren Blick ermöglicht.

Und dies alles geht im Prinzip völlig geräuschlos vor sich, weil das Auslösegeräusch abschaltbar ist und weil man den Monitor auf der Rückseite ausschalten kann. Es bleibt am Sucher der kleine grüne Punkt, wenn man scharfgestellt hat. Das ist alles.

Man kann mit der Kamera so fotografieren als ob es sich um eine analoge Kamera handelt. Gerade der relativ große optische Sucher und das Abschalten des Monitors machen aus der Kamera eine ideale Lowlight-Kamera.

Hätte Sie einen elektronischen Sucher wäre die Sicht durch den Sucher anders und sie würde mehr Strom brauchen.

Und durch das Ausschalten des Monitors spart man noch mehr Strom und verlängert so die Anzahl der möglichen Aufnahmen erheblich.

Kennen Sie eine andere Kamera in dieser Größe, die so wunderbar für diskrete Lowlight-Fotografie genutzt werden kann?

Es gibt sie nicht, weil keine andere Kamera über einen ähnlich großen optischen Sucher verfügt außer dem Nachfolgemodell, der X20.

Die hat aber einen anderen Sensor.

So bleibt die Fuji X10 eine Kamera für fotografische Indiviudalisten, die wissen was sie wollen und was sie tun.

Sie ist die Kamera, die Lust auf mehr gute Fotografie macht, sie reizt, eben ein echtes Luder …

Literatur und Fotografie

Text und Bild ergänzen sich. Sie gehören deshalb vielfach zusammen. Seit Jahren verfolge ich die Biografien von Fotografinnen und Fotografen und immer wieder kommt dabei heraus, dass sie sich erst mit Texten und später mit Bildern beschäftigt haben. Es sind keine ausgebildeteten Fotografen nach der Handwerksordnung sondern vielfach autodidaktische Menschen, die sich vorher in einem anderen Bereich geformt haben und nun mit Fotografie weitermachen.

Gillian Laub und Andreas Herzau sind zwei Beispiele dafür.

Aber bleibt das so?

Ich zweifle daran, weil heute immer mehr Fotografen (solange es den Beruf so noch gibt) aus dem „Design“ kommen. Sie haben sich dann wohl mit Ästhetik beschäftigt und mit Fragen der visuellen Gestaltung. Aber das sozialkritische, durch Textarbeit vertiefte eigenständige Denken ist eine andere Sache.

Damit will ich auch nicht sagen, daß die Literatur zur Fotografie führt. Aber wenn man sich die Biografien von männlichen und weiblichen Bildermachern anschaut, dann scheint das früher bis heute so gewesen zu sein.

Laub und Herzau haben ja nun auch Themen angeprochen und fotografiert, die undankbar und unschön sind. Sie sind sozialkritisch und kompetent aber legen auch Finger in offene Wunden.

Das ist eben guter Journalismus gewesen.

Gibt es ihn auch heute noch?

Was verändert sich gerade?

Streetfotografie und NSA – wo ist der Unterschied?

Streetphotography bzw. Strassenfotografie ist heute immer noch eines der beliebtesten fotografischen Themenbereiche. Und seit den Enthüllungen von Edward Snowden ist es noch interessanter weil ein neuer Aspekt hinzukommt, die Frage der persönlichen Doppelzüngigkeit.

Persönlichkeitsrechte sind unteilbar. Freiheit ist ebenso immer die Freiheit des Andersdenkenden wie der Schutz der eigenen Persönlichkeit auch für andere gilt.

Wenn man die fotografische Bloglandschaft durchstreift, dann schreiben immer mehr über ihre persönlichen Erfahrungen mit Kameras, Objektiven und der Strassenfotografie.

Denn sie gehen ja mit ihren Kameras vor die Haustür und machen Fotos.

Dabei ist nun sehr oft festzustellen, dass sich in Blogbeiträgen dazu geäußert wird, daß es zwar das Recht der Menschen gibt, nicht öffentlich einfach fotografiert werden zu wollen und sie das Recht haben, selbst darüber zu bestimmen, ob man sie digital festhält oder dies sogar noch veröffentlicht wird.

Aber dann kommt oft ein Satz danach, der mit irgendwelchen Argumenten rechtfertigt, warum man dann doch einfach fremde Menschen fotografiert, die erkennbar sind und diese Fotos sogar noch online setzt.

Ich hoffe, diese Menschen verstehen irgendwann, daß sie sich damit auf eine Stufe mit der NSA stellen. Auch dort werden deutsche Gesetze einfach gebrochen, weil man der Auffassung ist, man stehe über dem Gesetz.

Dabei ist es fotografisch so einfach.

Deshalb will ich noch eimal auf die goldene Regel zur Strassenfotografie hinweisen.

Denn es ist mit einfachen fotografischen Mitteln möglich, besser zu werden, gute Fotos zu machen und sich selbst zu vervollkommnen.