Gesichter der Namenlosen – Aufschreiben mit Bildern?

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Aufschreiben

Aufschreiben, die Welt erklären, Geschichte als Spiegel zum Verständnis der Gegenwart und als Handlungsanleitung waren meine Antriebskräfte. So habe ich Bücher geschrieben und habe Software entwickelt, Menschen geschult und mich eingemischt. Die Welt nicht den schlechten Teilen im Menschen überlassen, sondern Engagement, Anstand und Demokratie fördern.

Es waren undankbare Themen. Ich glaubte an die Ehe von Wissen und Macht und an die Macht der Wörter – eine Illusion in den meisten Fällen, in denen die Wahl zwischen Erkenntnis und Interesse bestand.

Ich stieß auf die Fotografie als mir die oft fehlende Wirkung der Wörter beim Festhalten von Ereignissen und Eindrücken klar wurde.

So kam ich auch zum Bild, weil Bilder etwas festhalten können. Diese waren aber als Zeitdokumente erklärungsbedürftig, so daß Bilder allein keine Alternative zu Wörtern waren. Beides war nötig.

Aufschreiben mit Bildern?

Nun sind es zehn Jahre, in denen ich geschrieben und fotografiert habe. Es waren dialektische Prozesse. Wieder ging es darum, etwas festzuhalten.

Mir ist nun klar, daß ich die Zeit festhalten wollte, die ich miterlebt habe, weil sich seitdem eine völlige Veränderung der sozialen Verhältnisse eingestellt hat.

Auch die Fotografie als Teil der sozialen Verhaltensweisen der Menschen ist Bestandteil der sozialen Verhältnisse.

Deutschland hat den Menschen die Lebensperspektive genommen durch fehlende soziale Absicherung und der Gesellschaft das Herz. Es ist eine herzlose Zeit gekommen ohne Vergangenheit und ohne Zukunft.

Damals

Als ich geboren wurde, hatte die Reportagefotografie gerade ihr goldenes Zeitalter. Es war 1962 und die gedruckte Welt bestimmte die Weltbilder. Dazu gehörten Fotografien als wichtiges Bildmittel und dazu gehörten Bildagenturen, Zeitschriften, Tageszeitungen und vieles mehr. In diese Welt wuchs ich hinein. Spiegel und Stern waren meine Wochenration.

Das habe ich verinnerlicht und damit lebe ich.

Heute

Wenn ich heute geboren würde, dann wären gedruckte Informationen nicht mehr zuerst da. Zuerst wäre ein Fernseher da mit laufenden Bildern und danach wäre ein Smartphone zur Stelle, das bunt ist und durch Suchen etwas findet.

Das wird seit ein paar Jahren als primäres Weltbild erlebt. Gedruckte Bilder und aussagekräftige Fotos mit längerer Haltbarkeit kommen dabei nicht vor.

Die Älteren erleben die neue Medienwelt zusätzlich, die Jüngeren wissen gar nicht, was sie in der alten Welt sollen. Denn die neue Welt ist schneller, bunter und bietet mehr (aber nicht immer bessere) Informationen.

Die Zeit der Namenlosen

So dient diese Seite auch dazu, lokal und thematisch meiner Zeit und den Namenlosen – zu denen ich auch gehöre – einen Ort zu geben, der sich ihrer erinnert als Teil von sozialen Veränderungen und von sozialen Ereignissen und Lebenswelten.

Dabei ergeben sich neue Fragen. So schön das Bloggen ist – so wenig wird davon überdauern.

Digital ist nicht von Dauer

Das ist das Gegenteil des Festhaltens.

Die neuen Medien, in denen ich das festgehalten habe, was mir wichtig war und ist, können elektronisch nicht so aufbewahrt werden wie ein Buch. Umgekehrt ist ein Buch nicht so auffindbar wie diese Webseite.

Das Titelbild dieses Artikels zeigt eine Plastik, die mein Empfinden auf dieser Welt symbolisiert.

Und hier sehen Sie ein Foto, das zeigt, wie es aussieht, wenn man losläßt und alles fließt.

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Die Pyramiden sind der Versuch der Menschen gewesen, etwas zu schaffen, was sie unsterblich macht.

Das hat schon nicht funktioniert.

Und so ist jeder Wunsch (selbst innerhalb der biologischen Funktion) etwas weiterzugeben, nur von begrenztem Erfolg.

Religion und Überzeugungen sind das einzige, was länger wirkt.

Und nun schließt sich der Kreis:

  1. Das Anerkennen der Realität ist die Voraussetzung der Veränderung.
  2. Das Festhalten der Realität kann die Voraussetzung für das Anerkennen der Realität sein.
  3. Und dann ist die Voraussetzung für das Festhalten das Anerkennen von Veränderung.

Es ist dann so wie es ist: alles fließt.

Dies zu leben ist die Aufgabe, die gelöst werden muß.

Und die Fotografie kann die Haltepunkte liefern und Orientierung geben. Daraus entsteht dann immer wieder neu das Gesicht der Zeit, das sich ständig ändert und dennoch Elemente hat, die immer wiederkehren.

Text 1.3

 

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