Monthly Archives: November 2013

Armut 2.0 in Deutschland – Fotografie zwischen Dokumentation und Kunst

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Armut hat Gesichter.

Doch wir haben mehr als zehn Jahre nach der Einführung von Hartz 4 in Deutschland eine besonders beschämende Situation.

Denn die Armut in Deutschland ist staatlich verordnet.

Selbst wer Arbeit findet, ist meistens schlecht bezahlt und nur befristet eingestellt.

Es sind diese Gesetze, die den ehrlichen Menschen die Chancen nehmen, sie zum finanziellen Abstieg zwingen und jeden Arbeitslosen, der dieses Sozialsystem vorher mitfinanziert hat, diskriminieren.

Hartz 4 – Alg 2

Hartz 4 ist die herzlose Antwort der Asozialen auf die sozialen Herausforderungen in Deutschland nach der Wiedervereinigung.

Wie geht man damit nun fotografisch um?

Man kann es ignorieren und nicht fotografieren.

Man kann es auch fotografieren wollen, aber keine Gesichter dazu finden oder man macht die Gesichter – selbst wenn man sie im öffentlichen Raum findet – dann doch unkenntlich.

Die mögliche soziale Stigmatisierung hat in den letzten Jahren dazu geführt, daß es zu diesem Thema so gut wie keine sozialdokumentarische Fotografie gibt.

Das, was bekannt ist, ist eher anonyme Armutsfotografie, die symbolhaft vorgeht.

Armut 2.0

Armut 2.0 ist Armut in hochentwickelten Ländern wie Deutschland, die den echten Sozialstaat abschaffen und durch eine Armenspeisung mit diktaturähnlichem Überwachungssystem ersetzen.

Wie kann man diese gesellschaftlichen Zustände festhalten?

Ich habe dazu eine kleine Webwanderung durchgeführt und möchte die interessanten Beispiele hier vorstellen.

Obdachlosigkeit

Unter Anleitung von Andreas Herzau hat dazu Anna Stumpf eine Fotoserie mit dem Titel „Trügerisches Idylle“ vorgestellt. Sie schreibt auf ihrer Webseite dazu: „Nach dem Armutsbericht der Bundesregierung sind 330.000 Menschen in Deutschland wohnungslos. … Der Bremer Hauptbahnhof bildet das im Takt des Alltags pulsierende Herz der Stadt. Der daneben ansässige ehemalige Güterbahnhof bietet einen Rückzugsort für Obdachlose. Vermeintliche Müllberge entpuppen sich als stille Zeugen einer Gesellschaft, die neben unserer existiert.“

Genau diese Dokumentation ist besonders bemerkenswert, weil der liebe Herr Steinmeier als Architekt der Hartz-Gesetze eine Dissertation mit dem Titel „Bürger ohne Obdach: zwischen Pflicht zur Unterkunft und Recht auf Wohnraum; Tradition und Perspektiven staatlicher Intervention zur Verhinderung und Beseitigung von Obdachlosigkeit“ erstellt hat.

Und dann sind in Deutschland 330.000 Menschen offiziell obdachlos?

Diese Fotoserie ist damit viel mehr als nur eine fotografische Momentaufnahme. Sie dokumentiert darüber hinaus das absolute Versagen der politischen Klasse am Beispiel von Frank-Walter Steinmeier und ist damit hochpolitisch und aktuell.

Wahrnehmung von Armut

Ist Armut bei uns schon selbstverständlich?

Bei Masterphotos gibt es eine Serie mit dem Titel Beiläufige Wahrnehmung.

Darin befinden sich auch einige Fotos, die zeigen, wie selbstverständlich heute Armut im öffentlichen Raum vorhanden ist und gar nicht mehr darauf reagiert wird. Sie ist nicht mal mehr einen bewussten Blick wert, könnte man sagen. Und genau dies wird dort fotografisch festgehalten.

Verarmte Wohnviertel

Schon etwas älter ist die Serie von Jonas Bendiksen zum Thema „Slums des 21. Jahrhunderts.“ Diese Serie setzt Deutschland in ein Verhältnis zu anderen Ländern, weil sie international angelegt ist und keine Fotos von Deutschland zeigt.

Hier setzt Steffen Diemer an.  Er hat dies am Beispiel der Bayreuther Strasse in Ludwigshafen umgesetzt. Wir sehen dort wie Menschen leben, die etwas besseres verdient haben als Hartz 4, nämlich echte Chancen.

Verfestigung von Armut

Berichte über die Verfestigung von Armut oder auch strukturelle Armut habe ich nur mit Symbolfotos gefunden.

So gäbe es noch eine Menge zu fotografieren, wenn man nur diese deutschen Verhältnisse in ihrer Wirklichkeit festhalten will.

Aber will man das?

Demos gegen Armut und Hartz 4

Natürlich gibt es viele anständige Menschen, die das dokumentieren wollen und die etwas ändern wollen. Einige davon dokumentieren die vielen Demonstrationen und Kundgebungen auch zu diesem Thema:

UmFairteilen 2
Und so gibt es Projekte und fotografische Aktivitäten von, mit und über Armut und Hartz 4 in Deutschland.

Und noch mehr zu diesem Thema gibt es hier.

 

 

Fast 50 Prozent weniger Fotojournalisten als im Jahr 2000

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

So steht es zumindest in einer Statistik über die Entwicklung der Jobs in den USA.

Und in Deutschland?

Der Vorsitzende von Freelens ist umgeschwenkt vom Fotojournalismus auf PR und Werbung.

Als ich vor ein paar Jahren bei Freelens nach einem Presseausweis fragte erklärte man mir, den würde man nur hauptberuflich tätigen Fotojournalisten ausstellen.

In dieser Logik dürfte der Vorsitzende von Freelens keinen Presseausweis mehr bei Freelens erhalten.

Ja so ist das, wenn man mal darüber nachdenkt…

Ulrike Kaiser vom DJV weist darauf hin, daß es für Deutschland keine genauen Zahlen gibt. Aber auch die ungenauen Zahlen malen ein Bild.

Was wird von diesen Zahlen bleiben? Warten wir mal die nächsten zehn Jahre ab.

Colours of Cologne – Streetfotografie als visuelle Poesie

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Heute ist Strassenfotografie wieder ein großes Thema. Da kann man was draus machen.

Kann man denn den Moment eines Ortes oder einer Strasse noch visuell festhalten?

Kann man ein Thema so in Fotos packen, daß es sichtbar wird?

Gute Fotos entstehen spontan im Kopf. Die Situation inspiriert und das Foto entsteht innerhalb der Ränder, die den Rahmen ergeben.

Damit das Ganze konkreter wird, möchte ich auf eine Serie hinweisen, in der die fotografische Muse die Stadt Köln geküßt hat.

Großstadtleben bedeutet die ununterbrochene Begegnung mit anderen Menschen ohne sich Kennenzulernen.

Diese Anonymität ist überall anders und zugleich eine Grunderfahrung im urbanen Raum.

Wie sehen diese Begegnungen in Köln aus?

Welche Farben und Strukuren bietet Köln, wenn man dies dort erlebt?

„Colours of Cologne – Passing Strangers“ ist eine Serie mit 11 Fotografien, die genau dies zeigt.

Die Atmosphäre des Ortes wird mit dem Thema konfrontiert.

In diesem Fall ergab es visuelle Poesie als Streetphotography.

Fotografisch handelt es sich um

  • schnelle Fotos, die sichtbar einen Moment einfangen und nicht geplant werden konnten,
  • farbige Fotos, die bewußt die Farben der Umgebung eingefangen haben
  • Fotos ohne Nachbearbeitung, um die reale Atmosphäre festzuhalten

Es handelt sich um echte Streetfotografie und nicht um inszenierte Fotos.

Das Ebook ist kostenlos (pdf).

Text 1.1

Reisefotografie und Rahmen – Beobachtungen beim Fotografieren in den Gärten von Schloss Trauttmannsdorff

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

“Eine Fotografie hat Ränder, die Welt nicht.” Dieser einfache Satz von Stephen Shore enthält ein wichtiges Merkmal menschlicher Beobachtungen.

Wir nehmen nur das wahr, was wir sehen können. Der Rahmen oder Sucher ist in der Fotografie das eigentliche Geheimnis des Erfolgs.

Nicht die Entgrenzung sondern die Begrenzung ermöglicht dem Menschen Orientierung und Genuß.

Das ist auch das Geheimnis guter Reisefotos.

Ich habe einige Zeit ein Reisemagazin herausgegeben, Travigal.de. Dort wurden besondere Reiseberichte publiziert, die weniger über Essen und Trinken berichteten als über Land und Leute und die dem Zufall einen Raum gaben.

Dabei entstanden einige Fotobücher in elektronischer Form.

Das digitale Fotobuch „Fotografieren in den Gärten von Schloß Trauttmannssdorf“ ist ein Beispiel für die sozialen Gebrauchsweisen der Reisefotografie.

Im Prinzip ist es eine stichprobenartige Dokumentation der sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie im Urlaub beim Besichtigen einer „Location.“

Man könnte auch einfach in den Gärten spazierengehen.

Stattdessen entdecken die meisten Menschen die Schönheit dieser Gartenlandschaft durch das Fotografieren – durch ihren persönlichen Rahmen. Der Rahmen ermöglicht erst die Individualität wie man in diesem Buch sehr schön sehen kann.

Das Buch hat den Vorteil, daß es die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie im Urlaub an diesem Ort detailliert an einigen zufälligen Beispielen demonstriert. So wird deutlich wie wichtig Reisefotografie zum Entdecken von Menschen und Landschaften heute geworden ist.

Reisefotografie ist also vielfach die Voraussetzung für „erfolgreiches“ Reisen und den Genuß der besten Momente.

Wie gut, daß es Digitalkameras gibt!

Das neue Image der Streetphotography

Subjektive Beobachtungen objektiv vorhandener Kommunikation

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Imagebildung bedeutet Bilder bzw. Eindrücke von einer Sache zu vermitteln, um gefühlsmäßig Meinungen anderer zu beeinflußen.

Und so ist die Streetphotography oder Strassenfotografie gerade dabei, ein neues Bild zu erhalten, das  der neuen Zeit angepaßt wird. Da lohnt sich schon das Hinschauen.

Fineart Streetphotography – die feine Art der Strassenfotografie

einfaches Beispiel für Strassenfotografie – Foto: Michael Mahlke

Wenn man nicht nur fotografiert sondern auch über Fotografie schreibt, dann ist man immer wieder erstaunt, was diskutiert wird. In der Zeitschrift Photonews wurde nun in den letzten Ausgaben über Strassenfotografie geschrieben. Dabei kam in meinen Augen heraus, dass heute erlaubt ist, was gefällt. Dies bedeutet, die von mir hier oft diskutierten Kriterien für gute Strassenfotografie fallen samt und sonders weg. Daher will ich sie noch einmal nennen:

Gesichter der Namenlosen – Aufschreiben mit Bildern?

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Aufschreiben

Aufschreiben, die Welt erklären, Geschichte als Spiegel zum Verständnis der Gegenwart und als Handlungsanleitung waren meine Antriebskräfte. So habe ich Bücher geschrieben und habe Software entwickelt, Menschen geschult und mich eingemischt. Die Welt nicht den schlechten Teilen im Menschen überlassen, sondern Engagement, Anstand und Demokratie fördern.

Es waren undankbare Themen. Ich glaubte an die Ehe von Wissen und Macht und an die Macht der Wörter – eine Illusion in den meisten Fällen, in denen die Wahl zwischen Erkenntnis und Interesse bestand.

Ich stieß auf die Fotografie als mir die oft fehlende Wirkung der Wörter beim Festhalten von Ereignissen und Eindrücken klar wurde.

So kam ich auch zum Bild, weil Bilder etwas festhalten können. Diese waren aber als Zeitdokumente erklärungsbedürftig, so daß Bilder allein keine Alternative zu Wörtern waren. Beides war nötig.

Aufschreiben mit Bildern?

Nun sind es zehn Jahre, in denen ich geschrieben und fotografiert habe. Es waren dialektische Prozesse. Wieder ging es darum, etwas festzuhalten.

Mir ist nun klar, daß ich die Zeit festhalten wollte, die ich miterlebt habe, weil sich seitdem eine völlige Veränderung der sozialen Verhältnisse eingestellt hat.

Auch die Fotografie als Teil der sozialen Verhaltensweisen der Menschen ist Bestandteil der sozialen Verhältnisse.

Deutschland hat den Menschen die Lebensperspektive genommen durch fehlende soziale Absicherung und der Gesellschaft das Herz. Es ist eine herzlose Zeit gekommen ohne Vergangenheit und ohne Zukunft.

Damals

Als ich geboren wurde, hatte die Reportagefotografie gerade ihr goldenes Zeitalter. Es war 1962 und die gedruckte Welt bestimmte die Weltbilder. Dazu gehörten Fotografien als wichtiges Bildmittel und dazu gehörten Bildagenturen, Zeitschriften, Tageszeitungen und vieles mehr. In diese Welt wuchs ich hinein. Spiegel und Stern waren meine Wochenration.

Das habe ich verinnerlicht und damit lebe ich.

Heute

Wenn ich heute geboren würde, dann wären gedruckte Informationen nicht mehr zuerst da. Zuerst wäre ein Fernseher da mit laufenden Bildern und danach wäre ein Smartphone zur Stelle, das bunt ist und durch Suchen etwas findet.

Das wird seit ein paar Jahren als primäres Weltbild erlebt. Gedruckte Bilder und aussagekräftige Fotos mit längerer Haltbarkeit kommen dabei nicht vor.

Die Älteren erleben die neue Medienwelt zusätzlich, die Jüngeren wissen gar nicht, was sie in der alten Welt sollen. Denn die neue Welt ist schneller, bunter und bietet mehr (aber nicht immer bessere) Informationen.

Die Zeit der Namenlosen

So dient diese Seite auch dazu, lokal und thematisch meiner Zeit und den Namenlosen – zu denen ich auch gehöre – einen Ort zu geben, der sich ihrer erinnert als Teil von sozialen Veränderungen und von sozialen Ereignissen und Lebenswelten.

Dabei ergeben sich neue Fragen. So schön das Bloggen ist – so wenig wird davon überdauern.

Digital ist nicht von Dauer

Das ist das Gegenteil des Festhaltens.

Die neuen Medien, in denen ich das festgehalten habe, was mir wichtig war und ist, können elektronisch nicht so aufbewahrt werden wie ein Buch. Umgekehrt ist ein Buch nicht so auffindbar wie diese Webseite.

Das Titelbild dieses Artikels zeigt eine Plastik, die mein Empfinden auf dieser Welt symbolisiert.

Und hier sehen Sie ein Foto, das zeigt, wie es aussieht, wenn man losläßt und alles fließt.

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Die Pyramiden sind der Versuch der Menschen gewesen, etwas zu schaffen, was sie unsterblich macht.

Das hat schon nicht funktioniert.

Und so ist jeder Wunsch (selbst innerhalb der biologischen Funktion) etwas weiterzugeben, nur von begrenztem Erfolg.

Religion und Überzeugungen sind das einzige, was länger wirkt.

Und nun schließt sich der Kreis:

  1. Das Anerkennen der Realität ist die Voraussetzung der Veränderung.
  2. Das Festhalten der Realität kann die Voraussetzung für das Anerkennen der Realität sein.
  3. Und dann ist die Voraussetzung für das Festhalten das Anerkennen von Veränderung.

Es ist dann so wie es ist: alles fließt.

Dies zu leben ist die Aufgabe, die gelöst werden muß.

Und die Fotografie kann die Haltepunkte liefern und Orientierung geben. Daraus entsteht dann immer wieder neu das Gesicht der Zeit, das sich ständig ändert und dennoch Elemente hat, die immer wiederkehren.

Text 1.3

 

Bild.Strategien, Fotografie zwischen politischem Kalkül und sozialdokumentarischem Anspruch

Das Buch ist ganz großes Kino.

„Vorliegendes Buch, herausgegeben von Robert Gander und Maria Markt, basiert auf fünf Diplomarbeiten, die am Institut für Kunstgeschichte der Universität Innsbruck 2007/2008 erarbeitet wurden und widmet sich dem Themenschwerpunkt Fotografie, Medien, Bildforschung.“

So beschreibt im Vorwort Christoph Bertsch das Konzept und den Rahmen des Sammelbandes.

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Auffallend an dem Buch ist, daß alle Beiträge neben dem fachlichen Gehalt auch sprachlich hervorragend sind.

Man kann das Buch lesen ohne von wirklichkeitsfremden Fachvokabular erschlagen zu werden und das Gefühl zu haben, in geistigen Blähungen zu ersticken.

Ganz im Gegenteil!

Hier wird Fachwissen auch sprachlich aufbereitet, Begriffe werden erklärt und Argumentationen transparent.

Das entspricht in gewisser Weise auch dem Thema. Fotografien kann sich auch jeder anschauen ohne vorher studiert zu haben. Und das, was damit geschieht ist hier wieder so wie die qualifizierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Fotografie früher war: Worte sagen das, was sie meinen und Fachworte werden genutzt, um präziser zu werden.

Vielleicht liegt es ja daran, daß das Buch in Österreich verlegt wurde in einem kompetenten Verlag.

Man verzeihe mir diese wortreiche Einleitung. Aber es ist eben so selten geworden, daß Wissenschaft nicht nur Wissen schafft sondern dieses Wissen auch genutzt werden kann von Menschen, die sich für das Thema, hier Fotografie, interessieren.

Damit komme ich zum Inhalt und möchte das Buch durchstreifen und einige erhellende Gedanken hervorheben.

Der Untertitel des Buches verrät dabei den Rahmen, der die Themen zusammenhält: „Fotografie zwischen politischem Kalkül und sozialdokumentairschem Anspruch.“

Dabei sind die Themen so hart wie die Welt aus der sie berichten.

Schon in der Einleitung untersucht Christoph Bertsch die „Ikonografie des Schreckens“, also wie wir bei Katastrophen zuschauen und die Faszination, die auf uns Bilder des Grauens haben.

Susan Sontags Verweis auf Georges Bataillle und seine Faszination für ein Folterfoto ist der Ansatz, der ihn bei Fotos mit geköpften Menschen im Internet heute enden läßt. Ihre Symbolik, ihr Einsatz und die Nutzung als fotografisches Kampfmittel zeigen, welche Rolle Fotografie spielen kann.

Die Fotos, die den Folterskandal von Abu Ghraib ins Rollen brachten, werden von Robert Gander und Maria Markt untersucht und dargestellt. Darstellung, Entkoppelung von der Situation und Rezeption werden untersucht. Diese konkrete Herangehensweise zeigt, daß Imitationen davon sogar von Modefotografen für Hochglanzfotos zu Werbezwecken gemacht wurden.

Wenn Maria Markt die Fotomontage als politische Aussage darstellt, dann geht dies von John Heartfield bis Klaus Staeck und darüber hinaus. Fest steht, daß bis heute die grafische Darstellung von Zusammenhängen eine hohe politische Aussagekraft haben kann, wenn es gelingt, dies als Mittel mit Resonanz in die politische Diskussion einzubringen.

Und heute?

Sich der Sprache der Werbung bedienen und dann das Gegenteil davon propagieren wird von einer wachsenden Zahl von Menschen gemacht. Man nennt dies Kommunikationsguerilla und das Verändern Culture Jamming.

Robert Gander untersucht Robert Capa im Spanischen Bürgerkrieg.

Was hat er fotografiert und wie hat er fotografiert?

Die Untersuchung zeigt den Fotografen und Journalisten.

„Die Dramatik des Krieges wurde relativiert und seine Schrecken ästhetisiert und für ein breites Publikum konsumierbar gemacht.“(S. 139) Interessant dabei ist für mich die Entwicklung der Fotos. Sie werden heute überhaupt nicht mehr genutzt, um den Spanischen Bürgerkrieg darzustellen sondern dienen dazu, die Person des Fotografen mit Momenten seines fotografischen Lebens zu illustrieren. Die Art und Weise zu fotografieren ist das neue Thema und nicht die Inhalte der Fotos, zumindest primär.

Und dann kommt der Beitrag über Henri  Cartier-Bresson und visuelle Geschichtsschreibung von Ulrike Thöny.

Sie zeigt, daß die Zeit des Aufstiegs und die Blütezeit des Bildjournalismus von 1945 bis 1980 mit Magnum und eben auch mit Henri Cartier-Bresson verbunden ist. Er ist Teil dieser Zeit, weil er Fotos machte, die die Welt zeigten. Reportage-Fotografie war deshalb so interessant, weil sie etwas tut, was sonst so nicht erfolgt. Denn sie zeigt nie Gesehenes – inhaltlich oder von der Art des Draufblickens. Thöny zeigt das Problem „missbräuchlicher Kontextualisierung“ auf und erklärt, warum Cartier-Bresson deshalb so viel Wert auf die Bildunterschriften legte.

Sie spannt den Bogen weiter bis heute und stellt fest, „dass die westliche Gesellschaft die Bildinformation braucht und es durch die immense Bilderflut nicht nur zu einer verfälschten Darstellung der Wirklichkeit kommt, sondern heute vom Betrachter auch die kritische Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie erwartet wird.“

Ihr Hinweis auf Thomas Bernhard, der die Fotografie als „menschenfeindlichste aller Künste“ sah, erweitert den Horizont des Lesers dann plötzlich noch einmal tief und kritisch.

Nadja Zwerger schreibt über Werner Bischof.

Sie zeigt, daß Bischof sich als Künstler verstand und nicht als Reportagefotograf. Ähnlich wie Cartier-Bresson kam er von der Malerei. Er arbeitete dann als Werbefotograf und entwickelte sich dann weiter durch das, was Krieg und Nachkriegszeit mit sich brachten. Während Cartier-Bresson nie ins Fotolabor ging verbrachte Bischof dort viele Stunden. Und Werner Bischof hat Fotos gemacht, die über die Sensation des Moments hinaus wirken, weil sie aufklären wollen mit den Mitteln der visuellen Grammatik statt zu schocken mit dem schlimmsten Gesehenen.

Gerade die Ästhetik seiner Fotos führt dazu, daß die Menschen bei seinen Fotos hinschauen, so Nadja Zwerger. Und weil sie Aufmerksamkeit bekommen erhalten sie eine Wirkung im Sinne der Sache, dem Engagement gegen Unterprivilegierung und Armut.

Spätestens an dieser Stelle merkt man, was dieser Sammelband alles zu bieten hat. Es entstehen Fragen wie die nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten von Fotografen wie Bischof und Cartier-Bresson oder Capa. Und es ergibt sich daraus auch ein sachlicher Blick auf das, was fotografisch alles möglich ist und vor allem, daß fotografisch nicht alles gleich ist.

Doch das Buch an sich ist noch nicht beendet an dieser Stelle.

„Rudolf Purner, Paris und Berlin durch die Linse eines Tirolers“ lautet der nächste Aufsatz.

Darin wird ein Fotograf vorgestellt, der offenbar ähnliches in Tirol erleben mußte wie heute noch viele Fotografen. Er bekam dort seinen Künstlerstatus aberkannt, er wurde nicht als Fotograf anerkannt und er konnte von seiner fotografischen Arbeit nicht leben. Dennoch machte er Fotos, die das Strassenleben in Goßstädten zeigten und dokumentarischen Wert haben. Dieser Aufsatz gefällt mir deshalb auch so gut, weil er dokumentiert, daß sich der Umgang mit dem Verständnis von Fotografie als Beruf und Berufung bis heute kaum geändert hat und öffentliche Anerkennung außerhalb eines Netzwerkes von Fotografenmachern fast unmöglich ist. Es kommt eben nicht auf das Können allein an sondern noch vielmehr auf das Kennen (der richtigen Leute).

Abgerundet wird das Buch mit einem Text von Michael J. Lindenthal über „Psychologische Aspekte der Wahrnehmung, Interpretation und Wirkung von Bildern.“

Es handelt sich um einen wunderbaren Aufsatz mit echten Aha-Erlebnissen und vielen neuen Erkenntnissen für die eigene Arbeit.

Man merkt an meinen vielen Worten, es handelt sich bei diesem Buch um einen echten Knüller, wenn man Theorie und Praxis sozialdokumentarischer Fotografie gestern und heute tief und qualitativ erfahren will. Hinzu kommen die Fotos, die jeden Beitrag ergänzen und das Ganz auch direkt umsetzbar machen.

Eines der wohl besten Bücher zu diesem Thema, das jemals in deutscher Sprache erschienen ist.

Das Buch ist im Studienverlag erschienen.

Robert Gander, Maria Markt (Hrsg.)

Bild.Strategien. Fotografie zwischen politischem Kalkül und sozialdokumentarischem Anspruch

ISBN 978-3-7065-4647-8