Edith Tudor-Hart – Im Schatten der Diktaturen

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„Edith Tudor-Hart – moderne Fotografie“ – so verstand sie sich selbst. Die 1973 verstorbene Fotografin (geborene Suschitzky) gab den Namenlosen in Wien und in Wales ein Gesicht und ihre sozialdokumentarischen Fotos beeindrucken auch heute noch. Sie sind so frisch und ungestellt wie das wahre Leben.

Das Wien Museum Karlsplatz macht zu ihrem Werk gerade eine Ausstellung und bietet die Möglichkeit einen Teil der Bilder online anzuschauen.

Sehr schön ist auch die Darstellung auf diepresse.com.

Aber die Ausstellung ist mehr. Sie ist auch die Aufarbeitung eines Menschen in seiner Zeit, der Zeit des Übergangs von einer Demokratie in eine Diktatur. Es ist die Geschichte einer Frau, die mit der Kamera die Welt um sich herum festgehalten hat.

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Das im HatjeCantz Verlag erschienene Buch zu der Ausstellung ist mehr als ein Katalog. Es ist eine herausragende Arbeit mit sehr informativen Beiträgen zu den persönlichen und fotografischen Lebensereignissen von Edith Tudor-Hart.

Das Buch ist spannend und dies liegt ebenso an den Texten wie an den Bildern. Die zitierten Berichte Dritter über Sie, die teilweise interessengeleitet waren, die Schilderung ihrer Lebensumstände, die Fotos, die öffentliche Ereignisse wiederspiegeln – alles dies ergibt in diesem Buch ein dichtes Bild über einen Menschen, der die Fotografie als Methode und Bestandteil der eigenen politischen Existenz gewählt hat.

Der Titel ist durchaus doppeldeutig gewählt.

Einmal war es die Nazidiktatur, in deren Schatten sie war und ein anderes Mal war es der Schatten der vergangenen Nazidiktatur und der noch vorhandenen Sowjetdiktatur, der ihre Lebenssonne beeinträchtigte. Das Buch versucht ihrem Leben gerecht zu werden und die Frau und die Fotografin herauszuarbeiten. Das gelingt, zumindest ist dies mein Eindruck.

Roberta McGrath schreibt in ihrem Essay dazu: „Während Edith Tudor-Hart in politischer Hinsicht Moskau die Treue hielt, ist es das bleibende Zeugnis ihres Feminismus, dass sie auch weiterhin die Art und Weise dokumentierte, wie die Ungleichheit der Klassen sich in Großbritannien mit der Genderfrage überschnitt.“

So erleben wir eine Frau, die letztlich aus politischen Gründen sogar mit der Fotografie aufhörte. Sie hatte in den 50er Jahren ein Verhältnis mit dem Atomwissenschaftler Engelbert Broda und stand unter Spionageverdacht. „Kurz danach wiesen die britischen Sicherheitsbehörden sie an, ihre fotografische Tätigkeit einzustellen. Tudor-Hart zerstörte ihren Studiokatalog sowie zahlreiche Negative und Fotografien, die sie oder ihre Genossen hätten belasten können.“

So endet das fotografische Leben von Edith Suschitzky bzw. Tudor-Hart und damit endet auch das Buch über sie. Interessant ist der folgende Aufsatz über ihr „Nachleben“. Die Rezeption ihres Werkes begann bei Forschungen zur Artists International Association 1973 und führte dann 1983 zu einer ersten Ausstellung. Auch hier zeigt sich, daß in der Dokumentarfotografie überhaupt erst nach dem Tod der Fotografin oder des Fotografen oftmals ihr Werk in den Fotografenhimmel überführt wird, wenn eine neue Zeit ihren dokumentarischen Wert sieht und frei von den Interessen der damaligen Zeitgenossen ist. So ist historische Forschung der Weg zu dem, was rückblickend in einer Zeit und bei einem Thema wichtig war oder wichtig wurde – oder einfach nur da war.

Edith Tudor Hart
Im Schatten der Diktaturen

Hrsg. National Galleries of Scotland, Edinburgh, Wien Museum, Wien, Texte von Duncan Forbes, Anton Holzer, Roberta McGrath, Gestaltung von Marc Naroska

Deutsch

2013. 127 Seiten, 152 Abb. in Duplex

24,90 x 28,70 cm
gebunden

ISBN 978-3-7757-3566-7

 

 

 

About Michael Mahlke

Früher habe ich Bücher geschrieben über den Nationalsozialismus, die Gewerkschaftsbewegung, das Leben der kleinen Leute im Arbeitsleben, Ausstellungen organisiert, Lernsoftware entwickelt und Seminare zu Themen wie „Global denken vor Ort handeln“ geleitet. Nach der Grenzöffnung 1989 qualifizierte ich Menschen und half, in Umbrüchen neue Lebensorientierungen zu finden und dann wechselte ich in die industrielle Organisationsentwicklung. Oft war ich einer der wenigen, der das Sterben der Betriebe und das Sterben der Hoffnung der Menschen sah. Ich wollte nicht nur helfen sondern auch festhalten für die Nachwelt. Denn die Worte zeigten keine Gesichter und die Geschichten erzählten keine Momente, so wie ich es erlebt hatte. Wenn ich das alles damals schon nicht aufhalten konnte, dann wollte ich es wenigstens festhalten. So kam ich zum Fotografieren. Mehr hier - http://dokumentarfotografie.de/2022/09/17/der-fotomonat-und-seine-zeiten/

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