Monthly Archives: September 2013

Frühe Farbfotografie

Hatje Cantz Albert Kahn

Das LVR Landesmuseum zeigt frühe Farbfotografien aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg. Es handelt sich um frühe Farbfotografien aus dem Archiv der Medienpioniere Albert Kahn, Sergej M. Prokudin-Gorskii und Adolf Miethe.

„1914 – Welt in Farbe. Farbfotografie vor dem 1. Weltkrieg“ ist der Titel des Begleitbuches, welches im Hatje Cantz Verlag erschienen ist.

Es ist ein Buch, das mehr ist als ein Fotobuch. Es zeigt dokumentarische Fotografie. Es zeigt Motive, die Menschen in ihren Kulturen und Traditionen zeigen. Es zeigt alles das, was heute vergessen und verschwunden ist.

Dadurch ist dieses Buch sehr wertvoll. Denn es dokumentiert die Wichtigkeit von Dokumentarfotografie, wenn man die Menschen und ihren Zeitgeist festhalten will. Die Fotos sind groß genug, um die Details entdecken zu können und die Auswahl zeigt das, was den Menschen damals wichtig erschien, um festgehalten zu werden.

„Alle Bemühungen scheiterten, mittels der Macht der Bilder den Verlauf der Geschichte zu ändern, wie wir heute wissen.“ Dieser Satz aus einem der vielen Vorworte aus dem Buch zeigt die Grenzen der damaligen Visualität auf. Ob es heute anders ist?

Das Buch ermöglicht durch den Abstand von gut 100 Jahren zu den Fotografien vielfältige Betrachtungsmöglichkeiten, die fotografisch, historisch und philosophisch höchst inspirierend sein können. Insbesondere die von Albert Kahn in Auftrag gegebenen Fotos können süchtig machen.

Das Buch im Hatje Cantz Verlag ist das erste Buch in deutscher Sprache, das sich so ausführlich mit Albert Kahn beschäftigt.

Wem dieses Buch nicht reicht oder spürt wie diese interessanten Fotos süchtig machen können auf eine vergangene Welt, der kann mehr Fotos in einem anderen Buch finden auf Englisch von der BBC.

Wem dies auch nicht reicht, der kann zusätzlich Videos sehen, denn dazu gab es eine Fernsehserie, die uns zeigte, was wir alles nicht mehr wissen und sehen können – außer auf diesen Fotos.

Dokumentarfotografie ist eben die interessanteste Art der Fotografie – zumindest wenn man sich für Menschen und Kulturen interessiert.

Aber ob wir diese Fotos alle sehen könnten, wenn sie digital entstanden wären?

Da habe ich meine Zweifel, weil sie dann nicht mehr vorhanden wären ohne Internet.

So zeigt sich auch, dass die digitale Welt nur ein kleiner Teil der wirklichen Welt ist und nicht unbedingt gut für dokumentarische Zwecke, die auf Dauer angelegt sind.

Solche Fragen müssen dann in den nächsten Jahren beantwortet werden, jenseits von google und co.

 

Fotografieren das ganze Jahr

9783831023905 2

Tom Ang ist seit Jahren als Fotograf, Publizist und Dozent unterwegs.

„Tom Angs neuer Fotoratgeber“ ist ein Gemeinschaftswerk: „Mit diesem Buch wollen wir zeigen, dass jede Jahreszeit viele interessante Überraschungen für den Fotografen bereithält…. Vergessen Sie nie, dass Sie an jedem einzelnen Tag des Jahres erfolgreich fotografieren können.“

Diese Gedanken aus der Einführung von Tom Ang sind sehr schön und begleiten offenkundig das gesamte Buch.

Tom Ang hat mit seinem Team gegliedert nach dem Jahreslauf jeweils auf einer Doppelseite ein bestimmtes Thema vorgestellt und anhand eines Hauptmotivs detailliert erläutert.

Dazu wurden viele gute Fotos von vielen verschiedenen Fotografinnen und Fotografen genutzt, die ihre Fotos über Bildagenturen vertreiben. Es gibt auch ein paar Fotos von Tom Ang selbst in dem Buch.

„Dank der erstklassigen Bildrecherche des gesamten Teams gibt das Buch einen inspirierenden Überblick über die aktuelle Fotografie.“

So steht es in dem Buch und das stimmt.

Die Zuordnung nach jahreszeitlichen Themen und Zusammenhängen macht aus dem Buch auch eine gute Sammlung immerwährender Anregungen und zeigt die unendliche Vielfalt von fotografischen Stilen und Möglichkeiten.

Die Angaben zu den Fotografinnen und Fotografen finden Sie hier.

Hinzu kommen zu jedem Foto Angaben wie „Landschaft oder Zeitautomatik bei Blende 4. Gemäßigter Telebereich.“

Aber wo fängt der Telebereich an und welche Kamera bzw. Sensorgröße wurde genutzt?

Wahrscheinlich sollen die eher ungenauen Angaben nicht die fotografische Freiheit hemmen.

Allerdings wissen wir, daß abhängig vom Sensor F2 auch F8 sein kann.

Es ist ein Buch, das zum Experimentieren auf digitaler Grundlage einlädt und da hat es viel zu bieten.

Wer viele Fotografinnen und Fotografen kennenlernen will und Anregungen für die eigene Fotopraxis zu jeder Jahreszeit sucht, der hat hier genau das gefunden, was er/sie gesucht hat.

Das Buch ist bei Dorling Kindersley erschienen.

Tom Ang

Fotografieren das ganze Jahr

Perfekte Bilder bei jedem Licht und Wetter

ISBN 978-3-8310-2390-5

Allan Sekula – Dokumentarfotografie und Haltung

Allan Sekula starb am 10. August. Er war ein bekannter Fotograf, der Dokumentarfotografie und Fotokunst zusammenbrachte. In fast jeder Dissertation zu diesem Bereich findet sich eine Auseinandersetzung mit ihm. Er bot Stoff für die akademische Welt und für die Kunstwelt.

Nachrufe

Wie verschieden er gesehen wurde, wird deutlich, wenn man sich einige Nachrufe anschaut.

In der taz steht: „Sekula fokussierte aber nicht ausschließlich die bekannten Formen der Rationalisierung von Arbeit und der damit einhergehenden Deklassierung. Ihm ging es auch darum, die Trennung von Kultur und Gesellschaft aufzuheben, die im Spätkapitalismus ganz selbstverständlich die Kategorie der sozialen Hierarchie aushebelt und Kultur als Ablenkungs- und Vergnügungsprogramm, bestenfalls als finanzielles Investment einer Eilte versteht. Wenn alles Soziale und Kulturelle ökonomischen Prinzipien unterworfen ist, der Warencharakter umfassend das Leben bestimmt, gleichzeitig aber ein kruder Individualismus propagiert wird, so stand Sekula dafür, den kritischen Diskurs über Wirtschaft und Bilder in der Kunst vorantreiben.“

In derstandard wird er so beschrieben: „Das Meer und die Häfen waren Schauplatz seiner berühmtesten Fotoserie: „Fish Story“, 2002 bei der Documenta 11 erstmals komplett präsentiert, ist ein Zyklus (1989–1995) über Containerschifffahrt und den Alltag von Hafenarbeitern (aktuell zeigt das Moma in New York das letzte Kapitel daraus). Das Meer und der Hafen, sie tauchen in Sekulas kapitalismuskritischem Œuvre immer wieder auf: als Metaphern für wichtige Schnittstellen einer sich ändernden globalen Ökonomie.“

In der Los Angeles Times wird darauf verwiesen, dass er über politische Fotografie schrieb und sein letztes Filmprojekt als marxistisch und pessimistisch galt.

Bei Art in America schrieb man darüber, dass er die Fakten sozialer Beziehungen dokumentieren wollte, um zu  zeigen, daß es Alternativen gibt, und genau dies auch fotografisch tat, indem er die Häßlichkeit der Ausbeutung zeigte und die Schönheit des gewöhnlichen Lebens: „“As a writer, Allan described with great clarity and passion what photography can, and must do: document the facts of social relations while opening a more metaphoric space to allow viewers the idea that things could be different,“ said school of art dean Thomas Lawson in a statement. „And as a photographer he set out to do just that. He laid bare the ugliness of exploitation, but showed us the beauty of the ordinary; of ordinary, working people in ordinary, unremarkable places doing ordinary, everyday things.“

Aus akademischer Sicht

Wenn wir uns nun der Zeit zuwenden als Sekula noch lebte, dann ist sicherlich interessant, wie man ihn aus deutscher akademischer Sicht sah. Gisela Parak weist darauf hin, daß Sekulas Konzeption der Dokumentarfotografie sich explizit gegen Szarkowskis formalisierte Bildbetrachtung wendet. „Sekula schlägt vor, die Fotografie als soziale Praxis und Auseinandersetzung des Künstlers mit seiner Umwelt zu verstehen, das fotografische Medium ist für ihn Mittel der Kommunikation und als subjektive, interessensbasierte Äußerung zu verstehen.“

Fish Story
Das bekannteste Werk ist die Fish Story von Allen Sekula. Und Gisela Parak sagt uns, was akademisch die Faszination von Sekula ausmacht: „Neben aller intendierten Vieldeutigkeit vermittelt Fish Story eine eindeutige Haltung ihres Autors, denn Sekula will der Beliebigkeit der Postmoderne sein kritisches Statement entgegensetzen.“

Es ist also die Haltung, die aus den Fotos und Serien erwächst. Daraus entsteht dann das, was als dokumentarische Fotokunst sich entwickelt.

In The Forgotten Space zeigt Sekula 2010 einen Film, der auf das Problem der vergessenen Räume und Plätze aufmerksam machen will, die auf der See und darüber hinaus vorhanden sind. Sie zeigen nicht das Elend an sich, es ist also keine Opferfotografie. Aber sie zeigen ein Thema aus unserer Welt, das sonst kaum oder gar nicht gesehen wird.

Natürlich ist das Dokumentarfotografie, die in Serien dargestellt wird und/oder darüber hinaus auch als Film. Das Ganze zusammen ist dann eine Installation, die sicherlich auch Fotokunst ist, je nach Begrifflichkeit.

Einzelbild und Installation

Wenn man nun formalisierte Bildbetrachtung eines einzelnen Fotos und Installationen mit Serien und Videos nebeneinandersetzt, dann bietet sich ein Vergleich an. Dazu wurde online insbesondere über das Foto von Thomas Hoepker vom 11. September diskutiert.

Es sind keine Gegensätze aber es ist ein Unterschied.

Fest steht für mich, daß ich mit Einzelfotos und/oder Serien und Installationen eine Haltung formulieren kann – auch in der Phase der Beliebigkeit der Postmoderne. Insofern ist Sekula eine echte Erweiterung von Szarkowskis. Er löst die Einzelbetrachtung aber nicht ab sondern erweitert sie. Beides ist möglich. Aus einem Bild wird eine Serie und aus einem Thema wird eine Installation mit verschiedenen Medien.

Die letzten Abschnitte sind bestimmt typisch deutsch. Andere nutzen einfach die Medien, um etwas zu zeigen und sich zu engagieren bis hin zur politischen Fotografie. Doch das ist ein anderes Thema.

Abschließend möchte ich noch auf ein Video hinweisen, welches dies alles noch einmal lebendig werden läßt: