Monthly Archives: Juli 2013

Aside

„Fotografie ist eine Lebensart“ sagte schon Henri Cartier-Bresson. Und damit wende mich ab vom Text und hin zum Bild.

Was ist gute Fotografie? Rückblick und Ausblick

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

1966 und 1999 wurden zwei Bücher über große Fotoausstellungen veröffentlicht. Die eine fand 1964 im Moma in New York statt, die andere 1999 im Museum Ludwig in Köln.

The Photographers Eye

The Photographers Eye wurde herausgegeben von John Szarkowski.

Er schreibt darin, dass gute Fotografen ihre Arbeitsweise lernen

  • durch die Arbeit des Fotografierens und
  • durch das Anschauen von Fotografien,

die andere gemacht haben.

So ist dieses Buch auch eine Sammlung von fotografischen Arbeitsweisen und zeigt, wie verschiedene Fotografinnen und Fotografen vorgegangen sind:

  • welcher Ausschnitt wurde gewählt,
  • welche Details,
  • welche Themen,
  • welche Perspektive
  • und vieles mehr.

Augenblick und Endlichkeit

Das 1999 unter dem Thema Augenblick und Endlichkeit herausgebrachte Buch der Sammlung Gruber ist die Fortsetzung unter neuen Bedingungen.

Dort wird das von der Fotografie geprägte 20. Jhrdt. aus Sicht verschiedener Fotografen thematisch dargestellt.

Wo findet man schon auf jeweils einer Doppelseite hintereinander Porträtaufnahmen die

  • Lewis Hine,
  • August Sander,
  • Irving Penn,
  • Edward Steichen,
  • Dr. Erich Salomon,
  • Marc Garanger oder
  • Ben Fernandez

gemacht haben?

Eben, die findet man nur in diesem Buch. Das kann man sich auch so nicht ergooglen, weil man gar nicht die Zusammenhänge sieht.

Erstklassige Dokumentation

Wenn man nun beide Bücher nacheinander und miteinander betrachtet, dann fallen mir verschiedene Dinge auf.

Beide zeigen mit einem Abstand von 33 Jahren, dass gute Fotografie, die dokumentiert, sehr unterschiedlich ist – aber auf den Fotos immer Aussagen zu finden sind und Geschichten erzählt werden.

Es sind damit automatisch auch festgehaltene Momente der jeweiligen Zeit.

Sie dokumentieren Alltag, Einstellungen, Haltungen und blinde gesellschaftliche Flecke, die Fotografen eingefangen haben, damit sie irgendwann gesehen werden.

Apps sind kein Ersatz

Bemerkenswerterweise punkten heute viele Apps für Smartphones mit seltsamen Argumenten. Sie werben mit Aussagen wie „Fotografieren sie so wie Robert Capa, Ansel Adams, Cartier-Bresson …“ und meinen damit besondere Belichtungstechniken, Kontrastverhalten oder Körnung = digitales Rauschen.

Das ist natürlich der absolute Unsinn. Als ob eine Technik einen Blick ersetzt, der Dinge um sich herum besonders erfaßt. Hier wird das Formale mit dem Inhaltlichen verwechselt.

Bücher spiegeln die Vergangenheit und zeigen die Zukunft

So sind die beiden Bücher nicht nur eine Quelle für die gesellschaftlich anerkannte Fotografie in der Vergangenheit.

Sie sind auch gleichzeitig der Blick in die fotografische Vergangenheit, der erforderlich ist, um zu sehen, dass man das Fotografieren nicht neu erfinden kann. Es geht immer um dieselben Fragen. Und mit Hilfe verschiedener Techniken kann man besondere Effekte für spezielle Aussagen erzeugen. Heute leichter als früher.

Aber das Ergebnis ist gleich.

Wer wissen will wohin er geht muß wissen, woher er kommt. Diese beiden Bücher ermöglichen genau das: die Bildung von fotografischem Geschichtsbewußtsein durch die kluge und geschickte Sammlung von Themen und Techniken, die immer aktuell sind.

Beide Bücher ermöglichen das, was Jochen Poetter in der Einleitung zu Augenblick und Endlichkeit geschrieben hat:

„Geschichte scheint sich in Zyklen und Variationen zu wiederholen, stets neue Akteure zwingen sich und ihre Mitmenschen, wenn auch unter wechselnden Bedingungen, zu vergleichbaren Erfahrungen und letztlich in die Konfrontation mit dem Aspekt der eigenen Endlichkeit.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Die Tatsache der Überfüllung

Als Jose Ortega y Gasset darüber schrieb, empfand er die Welt schon als ziemlich voll. Und er beschrieb zwei Wesensmerkmale des modernen Massenmenschen: „die ungehemmte Ausdehnung seiner Lebenswünsche und darum seiner Person; und die grundsätzliche Undankbarkeit gegen alles, was sein reibungsloses Dasein ermöglicht hat.“

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Heute sehen wir nur noch Masse. Daher kann der Blick auf die Texte von Ortega y Gasset uns dorthin zurückbringen, wo die Zivilisation sich gerade erst so entwickelte. Damit wird klar, woher wir kommen und was heute anders ist.

Die Menschen, die heute leben, kennen nur noch Menschenmassen. Für sie ist diese Welt selbstverständlich. Es ist ihre Welt. Sie können sich auch keine andere Welt vorstellen. Ziel ist die Aufrechterhaltung ihres Status und der Konsum.

Wir leben damit in einer Zeit ohne Gedächtnis.

Die permanente Gegenwart führt dazu, dass die Fähigkeit des Erinnerns fast völlig ausgelöscht wird. Statt etwas auswendig zu lernen lernt man das Bedienen von Geräten, die einem etwas mitteilen, um die permanente Reizüberflutung einzuteilen.

„Informationen werden mitgeteilt, Wissen erwirbt man durch Bildung.“

Dieser Satz zeigt das Dilemma.

In diesem Sinne sind wir heute in einer Informationsgesellschaft – wobei mir Mitteilungsgesellschaft besser erscheint – mit Augenzeugenillusion aber nicht in einer Wissensgesellschaft. Die haben wir hinter uns gelassen – wissentlich.

Alles wird flüchtig. Die eigene Existenz bekommt Halt durch Erleben von digitaler Präsenz.

Medienerziehung, Medienbewußtsein, Umgang mit Medien sind Begriffe und Vorstellungen aus einer Zeit vor dem Smartphone, Google und Facebook. Sie sind für die meisten Menschen nicht mehr nachvollziehbar.

Heute haben Softwaresysteme das eigene Denken übenommen und die Beschäftigung mit der eigenen Darstellung ist die tägliche Aufgabe in sozialen Netzwerken.

Aktualisieren statt verstehen ist die Devise. Sicherheit entsteht durch das Anschalten von Geräten und nicht durch die Souveränität des Ausschaltens von Geräten. Selbstbestimmung schwindet.

Das Gedächtnis verschwindet. Fotos übernehmen die Aufgaben von Texten und dem Denken in Zusammenhängen. Die digitale Welt hat eine Unmenge an Texten produziert. Diese treten selbst bei Suchmaschinen immer mehr in den Hintergrund. Fotos und Videos übernehmen die Aufgabe und ändern unser Wahrnehmungsverhalten.

Durch die Vernetzung wird nun die absolute Überfüllung deutlich. Die Chance des Einzelnen liegt nun allein darin, möglichst viele Mitteilungen durch eigenes Denken zu ersetzen. Dies gilt übertragen dann auch für das Fotografieren. Statt unendlicher Fotostreams sollte die Erarbeitung eines Moments oder einer Situation umgesetzt werden, die in ein Foto mündet.

Aber auch dieser Text ist nun wie ein Tropfen im Meer der digitalen Informationen und wird mit seinem Erscheinen schon wieder von anderen Tropfen überrollt. Ob diese vielen digitalen Tropfen unterschieden und gefiltert werden, liegt dann an den Filtern, den Suchmaschinen.

Und dann ist Schweigen vielleicht die bessere Alternative.

Erfolglos und frustriert? – Leben mit der Fotografie und der eigene Weg durch die Welt

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Wer fotografiert will etwas zeigen. Sich selbst und eigentlich auch der Mitwelt. Damit ist dann die Ebene der sozialen Beziehungen erreicht, privat und öffentlich. Erfolg ist dabei dann die Währung. Diesen gibt es ohne Geld und mit Geld. Heute ist der Erfolg in sozialen Netzwerken durch positive Kommentare gegeben. Aber der eigentliche Erfolg ist der Verkauf der Fotos.

Wenn nun beides ausbleibt, was passiert dann?

Ich möchte mit Robert Frank beginnen.

Martina Mettner hat in ihrem Buch Fotografie mit Leidenschaft dem Buch The Americans und der Person Robert Frank ein ganzes Kapitel gewidmet. Sie schildert dort wie Fotografie mit Leidenschaft echte Leiden schafft. Das Buch hatte eine Druckauflage von 2600 Exemplaren von denen 1100 verkauft wurden und Robert Frank verdiente damit ca. 800 Dollar.

Für das Buch erhielt er öffentlich viele Prügel und das Buch wurde zerrissen. Einzig der New Yorker urteilte über das Buch, dass es „die Charakteristik des amerikanischen Lebens … mit brutaler Sensibilität entblößt.“

Danach verschwand das Buch in der Versenkung.

Erst mehr als zwanzig Jahre später wurde es 1978 durch den einflussreichen John Szarkowski rückblickend zum wichtigsten Fotobuch in der amerikanischen Fotografie der 50er Jahre erklärt.

Frau Mettner hat Robert Frank beispielhaft für die Transformation eines Fotografen zum Künstler dargestellt. Für sie ist das Buch ein „wunderbarer Beleg dafür, dass Knipsen und Kunst zusammengehen können“.

Robert Frank hat nach diesem Buch viele Jahre mit der Fotografie aufgehört. Im Buch von Patricia Bosworth über Diane Arbus schildert die Autorin das Leben und das Verhältnis zwischen Diane und Frank. Dabei wird deutlich, dass Frank von der Fotografie kaum leben konnte. „Bei Frank und seinen Freunden wurde das Thema Geld nie angeschnitten. (Um die Miete bezahlen zu können, nahm man alle möglichen Jobs an.)“

Und er begann dann mit dem Erstellen von Dokumentarfilmen. Der erste nach dem Buch war Pull my Daisy. Walter Gutman, ein Wall Street Makler, investierte 12.000 Dollar in diesen Film, der ein klassischer Dokumentarfilm wurde.

Publikum und Totschweigen

Fotografie braucht Publikum, wenn sie Themen für die Menschen und von den Menschen enthält. Das ist ja fast immer der Fall. Und deshalb ist Publikum so wichtig – auch für die eigene fotografische Entwicklung, selbst wenn die Fotos auf Ablehnung stossen.

Aber es kommt eben auch darauf an, um welches Publikum es sich handelt. Man kann sich zwar sein Publikum nicht aussuchen, aber man kann unterscheiden nach denen, die was zu sagen haben und denen, die aus Neid etwas tun.

Und wenn etwas besonders gut ist und besonders trifft, dann passiert damit oft genau das, was Martina Mettner so schön in ihrem Buch geschildert hat:

Man „breitete den Mantel des Schweigens über diese Darstellung der Schattenseiten des amerikanischen Traums (aus, M.M.)“

Daß dies dann für den Menschen Robert Frank ein Vierteljahrhundert später dazu führte, dass sein Buch Fotografiegeschichte schrieb, hat er dem „Geschichtsschreiber“ John Szarkowski zu verdanken.

Totschweigen ist also ein Geheimrezept, wenn man unliebsames und besonders Gutes nicht haben möchte. Für die Betroffenen kann dies zu Frust führen, weil sie ja ihre Lebenszeit mit Engagement investieren. Ohne Engagement führt dies wahrscheinlich nicht zu Frust, weil die persönliche Betroffenheit nicht ausgeprägt ist.

Heute sind wir einige Schritte weiter. Belohnung und Strafe liegen beim Posten von Fotos nur einen Klick voneinander entfernt. Und das Gefällt mir ist oft nur noch eine Sache von Sekunden. Meinungen bilden sich unabhängig von sachlichen Kriterien aus Launen heraus.

Daher sollten soziale Netzwerke eher Hinweisorte sein und die Fotos selbst woanders sein, offline und online.

Ende ohne Happy oder happy ohne Ende?

Soll man weitermachen, wenn der Erfolg sozial und finanziell ausbleibt?

Robert Frank hörte für viele Jahre auf. Nur die Existenz des Buches gab die Gelegenheit für den späteren Zugriff.

Heute werden für einzelne Fotos aus dem damaligen Buch als Druck mehr als 600.000 Dollar gezahlt.

Das ist im digitalen Zeitalter noch schwieriger.

Wenn du die Seiten mit deinen Fotos löschst, dann sind sie weg.

Somit ist heute sogar die Hoffnung auf den Erfolg in der Zukunft weg, wenn man die Dinge nur digital hat und nicht gedruckt und digital gesichert.

Schwierige Zeiten.

Aber damit nicht genug!

Wo kann man denn heute noch erfolgreich sein?

  • Das finanzielle Erfolgskriterium ist die „Museumsqualität“.
  • Die Teilnahme an Fotowettbewerben ist wie eine Fotolotterie und
  • das Hochladen in Communities ist meistens nicht mehr als das tägliche Sichten von gespeicherten Bildermassen.

An dieser Stelle möchte ich nun noch hinweisen auf ein besonderes Phänomen. Diane Arbus und viele andere Fotografinnen und Fotografen haben es erlebt: je mehr Fotowettbewerbe sie gewonnen haben und je prominenter sie wurden, desto weniger Aufträge erhielten sie. So gibt es nicht einmal hier einen garantierten Weg zum finanziellen Erfolg.

Wenn ich das alles so beschreibe, dann wird man auf sich selbst zurückgeworfen.

Hilft da die Erzählung von Albert Camus  mit dem Titel Jonas oder der Künstler bei der Arbeit?

Was mir an dem Buch von Frau Mettner so gefällt ist die Auseinandersetzung mit dem Thema, die bei mir zu Fragen führt wie

  • Was mache ich eigentlich, wenn ich nicht berühmt und reich werde?
  • Welche Rolle spielt dann die Fotografie für mich?
  • Was will ich mit diesem Medium ausdrücken?
  • Worum geht es mir?

Wenn die Fotografie dann nicht das ganze eigene Leben ist und man weiß, welche Antworten man darauf gibt, dann ist vielleicht der Weg erreicht, der es möglich macht, weiter zu fotografieren.

Im Kreis und im Fluß

Dieser Artikel kreist um einen Fluß ohne Anfang und ohne Ende. Daher sind alle Antworten nur Momente für Momente.

Der Weg zu sich ist offenkundig das Ziel.

Dieser Weg ist aber finanziell so gut wie nie erfolgreich. Er ist eher die Essenz, die den Misserfolg leicht verdaubar macht und dem Leben mehr Gewicht einräumt als dem Nachlaufen zum finanziellen Erfolg.

Wie man diesen erreicht, haben Piroschka Dossi und Martina Mettner in ihren Büchern analysiert. Dabei geht es überwiegend um Vernetzen und Verbinden.

The Americans

Um nun das Buch von Robert Frank noch einmal anzusprechen. Es gefällt mir, weil es echte Momente dokumentiert. Die Fotografien erzählen etwas. Aber ich habe immer das Gefühl, er hat mit dem Foto so lange gewartet bis die Person, die fotografiert wurde, missbillig sagt, was willst du von mir, pass auf, ich komme gleich rüber. So ist der Fotograf aktiver Teil des dann als Reaktion darauf aufgenommenen Geschehens. Es sind dann wohl eher herausgeforderte Momente, die genau dann fotografiert wurden.

Das war der Moment, den er festhielt.

An dem Buch gefällt mir aber noch etwas anderes. Es hat ein Format, das aus Fotos keine Tapeten macht und die Fotos wirken trotzdem gut. Es dürfte sich um Fotos im Format 13×19 handeln im Querformat.

So möchte ich diesen Artikel beenden und stelle rückblickend fest, dass es mir gelungen ist, die Schwierigkeit und die Widersprüche aufs Papier zu bringen, die entstehen, wenn die Fotografie ein Teil meines Lebens ist. Und ich konnte dokumentieren, warum Erfolg und Mißerfolg oder fehlender Erfolg nichts über Qualität  und die eigene Person aussagt. Es kommt auch da auf die richtigen Verbindungen und den richtigen Zeitpunkt an.

So enden diese Ausführungen mit Antworten und Fragen – wie im echten Leben!

Und danken möchte ich Patricia Bosworth, Piroschka Dossi, Martina Mettner und Robert Frank für ihre Bücher und Gedanken, die mir eine vielfältige Inspiration waren beim Erzeugen eigener Gedanken, beim Finden von Zusammenhängen und beim Schreiben dieses Artikels.

La Strada – Italienische Streetphotography

lastrada

Die Keith de Lellis Gallerie hat vor einigen Jahren eine Ausstellung zum Thema italienische Strassenfotografie gemacht. Es handelt sich dabei um Fotos aus der 2. Hälfte des 20. Jhrdt. Alles in schwarzweiß. Dazu gab es auch ein Buch. Es sind Fotos, die das Leben auf der Strasse zeigen. Sie zeigen die Menschen mit ihren zivilisatorischen und kulturellen Verhaltensweisen. Es sind Fotos, die auf wunderbare Weise Menschen im öffentlichen Raum zeigen, wie man heute sagt.

Man sieht die Werbung, die Strassen, die Dinge, die wichtig waren, die Kleidung, die Verhaltensweisen im Miteinander, die Fortbewegungsmittel – eben alles.

Mit dem Abstand von 30 bis 60 Jahren zu den Fotos wird dabei auch sofort deutlich, was sich verändert hat. Es wird auch deutlich, dass sich die Menschen nicht verändert haben sondern nur das äußere Erscheinungsbild.

Fotografie fängt nur die äußere Welt ein. Und die sieht man hier am Beispiel der italienischen Strassenfotos.

Das ist aber nur eine Ebene. Es gibt auch noch die fotografische Ebene.

Was wurde aufgenommen, wie wurde es aufgenommen, wie war der Ausschnitt?

Unter diesen Gesichtspunkten gibt es auch dort Fotos, die verschiedene Stile mit Licht und Schatten zeigen.

Und es gibt Fotos, die eine Situation erzählen und andererseits Fotos, die einfach künstlerisch stark sind.

Einige Fotos kann man sich online anschauen – allerdings sind viele Fotos des Buches nicht in der Online-Ausstellung zu finden.

Die Fotos, die ich meine, sind nur im Buch und nicht online zu sehen.

  • Ein Foto zeigt eine sterbende Frau, umringt von neugierigen Zuschauern, die voll in die Kamera schaut und noch lebt. Ein Foto, das mich sofort ergriffen hat und die Frage aufwirft, darf man das?
  • Im absoluten Gegensatz dazu steht ein Foto, das einen Mann zeigt, der eine Treppe hochgeht und dort ist ein so fantastisches Lichtspiel zu sehen, dass es eine Freude macht und den Begriff der Lichtmalerei noch einmal zur wahren Kunst bringt.

Monochrome Fotografie ist schon toll und war es auch schon vor 50 Jahren.

Kennen Sie noch Omo? Wissen Sie noch wie man früher Fahrrad fuhr? Was damals als selbstverständliches Strassenleben aufgenommen wurde ist heute fotografisch und kulturell auch dokumentarisch.

Sollten Sie sich dafür interessieren, dann empfehle ich das Buch und die Online-Fotos.

Diane Arbus oder wie fotografiert man das Böse und Verbotene?

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„Als sie sich wiedersahen, hatte Diane eine Antwort parat: Ich möchte das Böse fotografieren.

Damit ist das gemeint, wo man lieber wegguckt. Blinde Flecken heisst es auf Deutsch, Blind eye auf Englisch.

So schildert Patricia Bosworth die Antwort von Diane Arbus auf die Frage im Seminar von Lisette Model, was sie denn fotografieren wolle. Wenn man diesen Satz liest, ist man schon auf Seite 185 in einem Buch über Diane Arbus angelangt, das eine echte Lebensgeschichte ist und den Menschen ebenso zeigt wie die Fotografin, die sich aus dem Menschen entwickelte und weiterentwickelte.

Diane Arbus wurde mit ihren Fotografien weltberühmt.

Im Buch von Patricia Bosworth werden die ununterbrochenen Nachtschichten von Diane Arbus geschildert. Der Versuch Geld zu verdienen war der Leidensdruck, der sie immer wieder in Bewegung setzte, obwohl der fehlende Erfolg das tägliche Ergebnis war.

Patricia Bosworth entwirft in ihrem Buch eine Welt voller Fotografen von Meyerowitz über Frank und Arbus und viele mehr, die alle massiv und lange (und zum Teil bis zu ihrem Lebensende) von Geldsorgen geplagt waren. Die Welt der New Yorker Fotografen und der bis heute großen Namen und ihre Geschichten wird erzählt, weil Diane Arbus überall dabei war.

Auch Diane Arbus erlebte später das Phänomen des absteigenden Verdienstes bei aufsteigendem Ruhm. Je mehr Wettbewerbe sie gewann, je prominenter sie wurde, desto weniger Aufträge erhielt sie.

Robert Frank erhielt z.T. nur 50 Dollar für ein Foto, sie später 100 bis 200 Dollar. Und das auch nur, weil sie die Zeitungsredakteure kannten. Es ging um Beziehungen, nicht um „Qualität“. Das Geld war oft der einzige Verdienst.

Da kommen wir heute gerade wieder hin, so daß dieses Buch auch zeigt, dass die Leidenschaft für Fotografie eben Leiden schafft.

Viele Jobs ermöglichen dann diese Leidenschaft, aber „hauptberuflich“ fotografiert haben sie alle nicht, so dass niemand von ihnen nach den Massstäben bundesdeutscher Verbände einen Presseausweis erhalten hätte. Aber das nur am Rande.

“Photographien, die Bewunderung verdienen, haben die Kraft aufzuschrecken. Die besten Photos sind oft zerstörerisch, unvernünftig und wahnwitzig.” So äußerte sich Lisette Model. Das trifft natürlich voll ins Schwarze.

Und das führte dann auch zu den Fotos, die bis heute wirken und etwas erzählen, bei Robert Frank, bei Lisette Model und bei Diane Arbus. Irgendwie findet man das Thema, das einen beschäftigt und an dem man sich abarbeiten wird, wenn man fotografisch lebt.

Diane Arbus fand es bei denen, die nicht der Norm entsprachen.

Und sie fanden in ihr die Zuhörerin, die ihnen den Raum gab, sich so zu zeigen, wie sie als Mensch sind – jenseits aller Vorstellungen.

Es waren entscheidende Momente, wenn sich jemand entschloß, die Oberfläche zu öffnen und sie/er selbst zu sein.

Das Festhalten des Individuums in seiner doppelten Natur nach außen und nach innen war der Drahtseilakt dabei.

Sie dokumentierte dies und schuf so Dokumentarfotografie – aber ohne den sozialen Zusammenhang und die genauen Zeitumstände, dafür zeitlos.

Es ist ihr Weg und ihr Thema gewesen. Ein gutes Buch mit einem schwierigen Inhalt. Ich habe es aus der Hand gelegt und denke Tage später immer noch darüber nach.

Und wer mehr will als das Buch, dem sei der Film empfohlen:

 

Patina. Halle von 1986 – 1990 von Harald Kirschner

Foto: Harald Kirschner, Mitteldeutscher Verlag

Foto: Harald Kirschner, Mitteldeutscher Verlag

Ein Juwel taucht auf aus dem Nichts.

Der Fotograf Harald Kirschner fotografierte von ca. 1986 bis 1990 die Stadt Halle. Dazwischen war die Grenzöffnung.

Das führt zu einem einzigartigen Einblick in die Architektur und das öffentliche soziale Leben vorher und nachher.

Als ich das Buch durchsah erkannte ich sofort den fotografischen Schatz. Harald Kirschner hat mit dem Blick, der sozialdokumentarische Situationen erkennt, eine Stadt fotografisch festgehalten, die im Kleinen ein fotografisches Gesamtbild des sozialen und architektonischen Lebens in der DDR vermittelt.

Das hat auch damit zu tun, dass damals nicht regional sondern gesamtstaatlich Architektur, Veranstaltungen und vieles mehr umgesetzt wurden.

Und der Wechsel von einem System in ein anderes System wird somit auf einzigartige Weise dargestellt. Gerade die letzten Fotos vermitteln Welten, wenn man sieht wie auf einem DDR-Haus plötzlich ein Schild der Commerzbank auftaucht.

Jetzt sind wir mehr als 20 Jahre weiter. Wenn man bedenkt, dass die Bank vor nicht allzu langer Zeit vor dem Aus stand, dann wird auch fotografisch deutlich, daß Farbe und neue Fassaden nicht unbedingt die bessere Weiterentwicklung sind.

Aber das führt hier natürlich zu weit.

Dem Mitteldeutschen Verlag ist zu danken für dieses Buch. Es enthält unglaublich gute Fotos, die den Alltag, die Öffentlichkeit und die Welt zeigen, die die Menschen umgab.

Wer damals dort war, auf Besuch oder weil er dort lebte, wird dies sofort wiedererkennen.

Das Buch ist große Fotografie und zeigt in der kleinen Welt von Halle das, was das Leben der Menschen im öffentlichen Raum damals ausmachte.

Auch das Format des Buches passt perfekt zu der Aufbereitung der Fotos. Und sogar mit Fadenheftung!

Man geht nicht nur durch die Stadt von damals, man bekommt auch Lust, mit dem Buch in der Hand noch einmal nach Halle zu fahren und die Stadt neu zu entdecken.

Das Buch ist in meinen Augen mit seinem Erscheinen schon ein neuer Klassiker der sozialdokumentarischen Fotografie zu diesem Thema.

Zugleich ist es ein wunderbares Geschenk für Menschen, die sich für Halle, für sozialdokumentarische Fotografie oder für die DDR interessieren.

Denn die Fotos zeigen oft mehr als auf den ersten Blick zu sehen ist und das ist nicht immer negativ.

Es ist im Mitteldeutschen Verlag erschienen:

Harald Kirschner
Patina
Halle 1986–1990

112 S., geb., mit Farbabb., 16,7 x 24,0 cm
mit einer Einleitung von T. O. Immisch
ISBN 978-3-95462-063-0