Monthly Archives: Januar 2013

Vom Abbild zum Reflex – verkaufsfähige Dokumentarfotografie im 21. Jhrdt.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Früher waren Fotos Abbilder der Realität mit den Rändern, die die Fotografen/innen setzten. Dann kam das Problem der digitalen Echtzeitaufnahmen mit den Handys. Ereignisse wurden direkt vor Ort aufgenommen und hochgeladen und wurden so für die Welt sichtbar.

Bild-Reporter begriffen, dass ihre Jobs in der bisherigen Form verschwinden werden. Und der Journalismus kriselte während es immer mehr Bilder und Videos gab. Die Dokumentarfotografie als Arbeitsbereich wurde aber nicht kleiner sondern anders und größer. Und es kamen neue Formen der Wirklichkeit auf.

Das hat auch zivilisatorische Hintergründe. Heute gucken die meisten Menschen nicht mehr aus dem Fenster, um zu sehen wie das Wetter ist sondern sie schauen auf das Smartphone. Die Welt wird über den Bildschirm entdeckt. Es wird nicht die vorgefundene Wirklichkeit sondern die konstruierte digitale Wirklichkeit wahrgenommen.

So hat sich auch in der Fotografie der Schwerpunkt verändert. Aus den Abbildern der Realität wurden Reflexionen der Realität. Und damit sind wir bei der inszenierten Fotografie.

Vom Abbild zum Reflex

Ein Herr Fkoltermann hat in einem Blogbeitrag vom 21.01.2013 über eine Ausstellung der Agentur Ostkreuz folgendes formuliert: „So war es auffällig, dass einige Arbeiten die Grenzen der bildjournalistischen Darstellung hin zu Corporate-, Werbe- und Modefotografie ausloteten bzw. durchaus auch überschritten. So mutete die großformatige angelegte Arbeit von Frank Schinski über den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wie einem Corporate Magazin eines börsennotierten Konzerns entnommen. Die inhaltlich gut recherchierte und sehr spannende Arbeit „Terminal“ von Tobias Kruse stellte in ihrer Wandhängung das Bild einer halbnackten für die Kamera posierenden jungen Frau in den Vordergrund. Dieses Bild ist ästhetisch zwischen zeitgenössischer Modefotografie und Arbeiten von Larry Clark zu verorten. Bei dieser Optik ist es nicht verwunderlich, dass das Zeit-Magazin die Strecke druckte.“

Mehr zu diesem Thema gibt es in einem Video auf Vimeo. Das Video erinnert mich sehr an Fotos  von Wolfgang Tillmans, in deren Folge er den Turner-Preis gewann, den DGPH-Preis erhielt und mittlerweile sogar Mitglied in der Akademie der Künste in Berlin ist.

Dorothea Hülsmeier will aus ihm sogar den „Anti-Gursky“ machen. „Andreas Gursky, der seine Bilder so stark am Computer bearbeitet, dass sie wie Gemälde aussehen, ist der andere Pol der Fotografie. Bei Tillmans zählt die Authentizität. „Das, was in den Medien gezeigt wird, ist alles überarbeitet“, sagt er. „Diese Linie will ich nicht überschreiten.“

Puuuh – kann man das so sehen und stimmt das so?

Übrigens scheint der Artikel von Dorothea Hülsmeier ein Kaufartikel von dpa zu sein. Er erscheint in vielen verschiedenen Zeitungen. Und gerade in der letzten Verlinkung ist ja das Foto von „Lutz und Alex sitzen in den Bäumen“ zu sehen. Es ist ein inszeniertes Foto.

Die Wikipedia schreibt: „Wolfgang Tillmans inszeniert seine Photographien in unterschiedlichen Größen und Formaten in genau konzipierten All-Over-Wandinstallationen…“ Und weiter lesen wir dort: „Er galt seitdem als der „Chronist seiner Generation, vor allem der Londoner Club- und Schwulenszene“. Für mich ergibt sich daraus, dass ihn das Anstössige bekannt und verkaufsfähig machte.

Dass er seinen Arbeitsbereich erweitert hat, wird ihm anläßlich seiner aktuellen Ausstellung von der Welt so attestiert: „… sondern dieses Tillmans-Design, das von der Welt als gut aushaltbarem Zusammenhalt des Nichtzusammenhaltenden berichten möchte, und dann doch nur zum Ergebnis kommt: viel gesehen, überall gewesen, alles im Angebot.“

Aus meiner Sicht sind die Installationen auch Reflexe der Wirklichkeit ebenso wie die Bearbeitungstechniken der aufgenommen Fotos von Tillmans.

Schauen Sie doch einfach mal auf seine eigene Webseite, um sich ein Bild zu machen und dort Dinge zu finden, die wirklich bemerkenswert sind.

Haben Sie was gefunden? Ist das der Anti-Gursky?

Herr Zimmermann schreibt bei derstandard.at  Tillmans der „Der Messie unter den Fotografen“. Das erscheint nicht abwegig.

Besonders fasziniert bin ich von der Rezension, die Frau Swantje Karich bei faz.net geschrieben hat. Dort steht wirklich folgender Satz: „Wenn bei Tillmans ein Mann auf einen Stuhl pinkelt, hat das nichts Aggressives, Abgestumpftes, Depressives, sondern etwas Verträumtes, Sehnsuchtsvolles.“

Da fällt mir dann nichts mehr zu ein. Es gibt echt unterschiedliche Welten in der Beurteilung und Wahrnehmung. So mag sich jeder selbst eine Meinung bilden, zumal die Freiheit der Kunst auch Gedankenfreiheit ermöglicht.

Wenn wir nun weiterblicken, dann sehen wir, dass dies nicht die einzigen Versuche sind, die Wirklichkeit verkaufsfähig zu machen.

Es geht darum, dass die Wirklichkeit neu in Szene gesetzt wird. Sie wird quasi zum Thema und dieses Thema wird dann in Szene gesetzt.

Aktuell diskutiert wird die Vogue mit der Fotografin Annie Leibovitz und ihre fotografische Thematisierung des Hurrikan Sandy.

Sie hat dieses Ereignis zum Anlass genommen, um Models mit Szenen der Naturkatastrophe in Szene zu setzen.

Die wikipedia schreibt zur inszenierten Fotografie:Inszenierte Fotografie ist der strategische Aufbau der Bildaussage einer fotografischen Aufnahme mit dem Schwerpunkt auf Motiv und Gestaltung – vor oder während der Aufnahme.“

Aber diese Aussage reicht nicht. Ich schreibe ja auch einen Artikel dazu und viele andere äussern sich ja auch dazu, weil hier etwas dazukommt, was zur Aufregung führt.

Es ist die Fortentwicklung von „sex sells“: Je anstößiger, je perverser, je gemeiner – desto besser verkauft es sich offenkundig heute – kann man das so sagen?

Geht es darum, Elend und spezielle Sexualität als Vorlage für verkaufsfähige Produkte zu nehmen? Und damit macht man Geld und gewinnt Preise?

Weil man den Zeitgeist einfängt, weil man gesellschaftliche Tabuthemen aufzeigt?

Wenn es so ist, dann gilt es aber nicht nur für Fotografien.

Es gibt ja auch Sendungen im Fernsehen, in denen Frauen Schafshoden essen, um Punkte für ihr Team zu erhalten. Und auch dort sind dann Millionen von Zuschauern und die Werbung ist auch da.

Doch zurück zur Fotografie.

Ich kann das aus meiner Sicht hier nur beschreiben.

Die Opfer selbst sind gar nicht mehr sichtbar, höchstens als vermarktungsfähiges Hintergrundmaterial. Sie werden eingebunden in einen fotografischen Zusammenhang. Und dies alles wird als verkaufsfähiges Produkt konzipiert. Denn es gibt sie ja offensichtlich, die Kunden mit viel Geld, die so etwas kaufen – also wollen – und die Menschen, die dafür Preise verleihen, damit die Produkte teurer verkauft werden können (?).

Ist also nur das Anstössige, Schmutzige noch verkaufsfähig?

Nein, das stimmt so natürlich nicht ganz finde ich.

Thomas Gursky macht z.B. auch inszenierte Fotografie. Diese ist aber weder anstössig noch schmutzig, sie ist nur groß und inszeniert.

Aber aus meiner Sicht zeigt sich auch bei ihm, dass nur die Inszenierung verkaufsfähig ist.

Jeff Wall macht auch inszenierte Fotografie und ist sehr erfolgreich. Es gibt noch viel mehr Beispiele.

Was kann man daraus lernen?

Die Wirklichkeit ist heute in der Fotografie vermarktungsfähig, wenn sie eine Inszenierung ist (oder Installation?!) und/oder so anstössig, dass sie ihre Käufer findet.

Ereignisfotos gibt es quasi umsonst im Internet und die Wirklichkeit als Abbildung auf der Fotografie hat nicht den Glamour der inszenierten Fotos.

Dies alles ist natürlich nur ein Ausschnitt aus der Wirklichkeit, den ich aufgeschrieben habe. Es gibt sicherlich noch mehr fotografische Parallelwelten, aber dominierend auf dem Markt scheint aktuell die hier beschriebene Art der Fotografie zu sein.

Text 1.2

 

Fotografie zwischen Propaganda und Dokumentation

Arbeit und Alter als Metaphern in der Öffentlichkeit

Arbeit und Alter als Kombination ist „in“, spätestens seit der Einführung der Rente mit 67 (als verkappte Rentenkürzung und/oder Zwang zu längerer Arbeit und dem Verlust von mehr selbstbestimmter Lebenszeit), die nach Hartz 4 der massivste neue negative Einschnitt in das Leben der Arbeitnehmer in Deutschland ist (Beamte sind von all dem so nicht betroffen).

Arbeit und Alter in der Fotografie

Arbeit und Altern ist als Kombination auch „in“ – aber anders.

Altern und Statistik

Altern als biologisches Gesetz und genetisches Programm – conditio humana – wird zunehmend als nicht erwünscht medial ausser kraft gesetzt und durch statistisch-prognostische Nebelbomben ersetzt. Dennoch taucht es als Thema immer wieder auf, aktuell im politischen Geschäft in der Pflege und um uns herum. Nur ist es eine schwierige Sache mit der Sterblichkeit und der Absurdität unserer Existenz.
Am schlimmsten sind die zunehmenden „Prognosen“, die durch statistische Hochrechnungen entstehen und dann sagen, dass die Menschen immer älter werden.

Das ist statistisch-mathematisch richtig und in der Wirklichkeit falsch. Was meine ich damit? Wenn jemand 10.000 Euro Rente erhält und der andere 1000 Euro Rente, dann verdient statistisch jeder 5500 Euro Rente. Das ist statistisch richtig aber entspricht nicht der Wirklichkeit.

Wenn ich die Menschen, die heute älter sind, hochrechne, dann sind rein rechnerisch manche statistischen Prognosen eindeutig: die Menschen werden danach mathematisch immer älter. Aber das sind Schmalspurrechnungen ohne den Wirt.

Bei diesen Untersuchungen werden nämlich weder neue Belastungen, die durch digitale Arbeitswelten entstehen, noch die Art und Weise des Alterns berücksichtigt, z.B.:

  • Sind dabei die erhöhten Strahlungen im Essen seit den Atomunfällen berücksichtigt?
  • Sind die mehr belasteten Lebensmittel berücksichtigt?
  • Sind Burnout und Depressionskrankheiten, die massiv zunehmen, berücksichtigt?

Eine der wenigen wirklich seriösen Studien formuliert das so: „“Die aktuellen Diskurse werden dominiert vom Topos der “fitten Alten” von heute. Aber gilt das in gleicher Weise für die Alten von morgen?… Wie ist z.B. der Gesundheitszustand der heute 45-jährigen im Vergleich zu dem Gesundheitszustand, den die heute 65-jährigen mit 45 Jahren aufwiesen?”

Aber selbst wenn dies berücksichtigt wäre, würde es nicht ausreichen. Denn Arme sterben früher nach anderen Statistiken (!?), so dass die zunehmende Altersarmut auch noch nicht berücksichtigt wurde, eventuell fehlende gesundheitliche Versorgung und vieles mehr. Und wie man bei FAKT erfahren konnte, hat heute ein junger Mann nur noch ein Zehntel der Dioxinmenge in sich, die ein junger Mann vor zwanzig Jahren hatte. Das ist alles in den Statistiken nicht drin.

Und es ist nicht gut für die jungen Männer von damals, die jetzt um die 45 Jahre sind und bis 67 arbeiten sollen…

Dennoch wird es – so meine Prognose –  eine zunehmende Propaganda von bezahlten „Forschern“ in den nächsten Jahren geben, die damit durch das Land ziehen, dass wir 100 Jahre alt werden – wenn wir nur der Statistik trauen und alles ausserhalb ihrer Statistik nicht berücksichtigen!

(Nachträge am 17. März 2013 und 3. Juni: Dass es so schnell geht, damit hätte ich allerdings nicht gerechnet, bitte klicken! und hier zeigt eine Auswertung des Programms 50plus die Wirklichkeit)

Googeln Sie einfach, wenn Sie dazu mehr wissen wollen, für diesen Artikel müssen diese kurzen Anmerkungen ausreichen.

Damit weiter im Text.

Arbeit

Arbeit bezieht sich bei mir hier auf Erwerbsarbeit, in der Regel fremdbestimmt und nur zum Gelderwerb. Es geht mir nicht vorrangig um Bilder der Arbeit in der bildenden Kunst sondern um die Bilder der Arbeit, wie sie auf Fotografien, auf Plakaten und in aktuellen Medien verwendet werden, um die heutige Situation wiederzugeben. Dabei geht es um den Arbeitsbegriff und das Verhältnis zum Altersbegriff, weil heute vielfach versucht wird, Alter jünger zu machen, um lebens-längeres/längliches Arbeiten zu legitimieren. Letztlich möchte ich an dieser Stelle noch auf das Märchen der Brüder Grimm zur Lebenszeit  hinweisen, das fast niemand kennt, obwohl es sehr gut und sehr weise ist.

Metapher

Damit ich nun direkt mit dem Thema beginnen kann, möchte ich noch ein Fremwort aus der Überschrift erläutern. Eine Metapher ist laut Definition „eine Form des bildhaften Sprechens, bei der die Wörter nicht in der eigentlichen, sondern in übertragener Bedeutung verwendet werden.“

Und so ist es wichtig und interessant  zu sehen, was bei den Wörtern Arbeit und Alter an Bildern gezeigt wird. Denn die Bilder haben alle direkt sichtbare und unterschwellige Botschaften.

Bilder als Botschafter

Welche Bilder sind aktuell wo zu sehen, wie relevant sind sie, und welche Botschaften haben sie?

Mit diesen Fragen im Kopf möchte ich dieses Thema etwas näher betrachten.
Zumutungen 1

Als ich aus dem Zug stieg und direkt vor mir das Plakat auftauchte, war für mich klar, was hier vermittelt wird. Ein älterer Arbeitnehmer sorgt für seine noch ältere Mutter. Der starke Mann auf dem Foto wird es schon schaffen, wird hier meiner Meinung nach unterschwellig suggeriert.

Der Staat hält sich fein raus und überlässt alle ihrem Schicksal, könnte man natürlich auch denken.

Der Fotowettbewerb als Propagandawaffe – Altersbilder Objektiv 50

Der erste Blick

Objektiv 50 war ein Fotowettbewerb des Bundesministerium für Arbeit.

„Mit mehr als 800 Beiträgen und Teilnehmern endet der Fotowettbewerb OBJEKTIV 50 am 9. Mai mit der Preisverleihung in der Berliner Urania. Hobby- und Profifotografen waren aufgerufen, vom 1. November 2011 bis zum 31. März 2012 aussagekräftige Fotos von Menschen ab 50 mit und ohne Arbeit einzureichen. Ziel des Wettbewerbs war es, die individuellen oder gesellschaftlichen Herausforderungen der Arbeits- und Alltagswelt in diesem Alter widerzuspiegeln. Der gesellschaftliche Diskurs zum Thema sollte angeregt und dadurch neue Altersbilder etabliert werden.“

Die neue Einstiegsseite zu dem Fotowettbewerb finden Sie hier.

Die Siegerfotos finden Sie hier.

Unter den Siegerfotos ist auch ein Foto aus dem Unternehmen Leistritz in Remscheid. Dort wird ein Mitarbeiter gezeigt, der endlich aufhören kann.

Ein grosser Teil der Menschen, die bei Leistritz in Remscheid arbeiten, haben aktiv gegen die Rente mit 67 protestiert. Und nun scheint es, dass diese Firma als Propagandainstrument für genau die Politik benutzt werden soll, die die Menschen größtenteils abgelehnt haben.

Wie heisst es so schön in der Mitteilung des Ministeriums?

„Fortschrittsreport bestätigt Fotowettbewerb

Demografischer Wandel erfordert Neubewertung des Alters / Siegerbild des Monats zeigt Leistritz-Mitarbeiter

Berlin. Der aktuelle Fortschrittsreport „Altersgerechte Arbeitswelt“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales kommt zu dem Ergebnis, dass der demografische Wandel eine neue Bewertung des Alters erfordert. Somit bestätigt er den Fotowettbewerb OBJEKTIV 50 in seinem Anliegen, neue Altersbilder zu etablieren.“

Das ist politische Propaganda vom Feinsten mit Hilfe eines Fotowettbewerbs. Und sie schreiben, was sie meinen. Der Fotowettbewerb soll dazu dienen, „neue Altersbilder zu etablieren.“

So werden die Fotos der Einsendenden aus meiner Sicht propagandistisch für die „Altersbilder“ benutzt/miss-nutzt bzw. missbraucht(?), die das Ministerium gerne hätte.

Denn die Gretchenfrage lautet ja, welche Altersbilder sollen das denn sein?

Es sind für mich die weichen Wege zur Rente mit 67, die hier medial aufgebaut werden und die kombiniert werden mit dem Ansatz angeblich etwas für Menschen über 50 ohne Arbeit zu tun. Dabei ist dies bei Kenntnis der Tatsachen pure Heuchelei, wie man sehr gut auf buchmonat.de nachlesen kann in den dortigen Fachbuchrezensionen. Dort findet sich auch ein Hinweis, dass es vor 2030 i.d.R. keine demografischen Gründe für Unternehmen gibt, ältere Arbeitnehmer einzustellen!

Da dieses Wissen bekannt ist und dennoch solch ein Projekt gestartet wurde, ist für mich die klassische propagandistische Richtung erkennbar.

Hier geht es meiner Meinung nach darum, Bilder in die Köpfe zu bekommen, um damit Politik zu machen, eben die klassische Form der Propaganda, gewürzt mit einem neuen Mittel: dem Fotowettbewerb.

Der zweite Blick

In diesem Fall hat die Propaganda bei den denkenden Betrachtern aber nicht geklappt. Denn der Mann auf dem Foto hört ja auf und wird nicht als Beispiel gezeigt für jemand, der freiwillig länger als 65 arbeitet. Welches Altersbild soll also vermittelt werden? Eigentlich doch, dass man nicht früh genug in Rente gehen kann. Dies alles ist aber nur auf den zweiten Blick erkennbar. Und dieser Blick wird meistens nur von einer kleinen Minderheit genutzt.

Übrigens finden Sie einen Hintergrundbericht zur neuen politischen Propaganda mit Fotowettbewerben und dem Thema Arbeit und Alter hier.

Es lohnt sich sehr, sich alle Gewinner anzuschauen und auch diejenigen, die keine Gewinner sind.

  • Warum sind sie es nicht geworden?
  • Was vermitteln die Bilder?
  • Worin besteht der Unterschied zwischen den Bildern, die das Publikum gewählt hat und denen, die die Jury gewählt hat?

So bietet das digitale Zeitalter auch der politischen Propaganda durch Fotowettbewerbe gute Möglichkeiten, Themen im eigenen Sinne voranzutreiben. Es geht ja um die Verknüpfung. Die Fotos werden kostenlos vom Publikum geliefert und die eigenen politischen Aussagen werden damit dann direkt verknüpft.

Viele der Fotos sind interessant, sie vermitteln aber eben nicht, dass es gut sein soll, bis 67 zu arbeiten. Die Fotos haben in meinen Augen ganz andere Aussagen bzw. Informationen. Ein grosser Teil der Fotos, die ich gesehen habe, zeigt doch eher, dass man froh ist, endlich in Rente zu sein und etwas für die Gesundheit tun kann und Zeit für ein selbstbestimmtes Leben hat.

So muss man schon genau hinsehen, um festzustellen, dass die Verknüpfung der Bilder mit Inhalten politisch-propagandistisch erfolgte: „Fortschrittsreport bestätigt Fotowettbewerb.“

Wenn wir das Jahr 2012/2013 nehmen, dann sind es bis zum Jahr 2030 noch 17 Jahrgänge von Menschen, die, wenn Sie heute um die 50 sind, mit wachsenden Problemen kämpfen müssen, bevor sie dann mit 67 in Rente können. Knapp 20 Jahrgänge hintereinander werden zunehmend mehr Menschen mit sozialen Problemen hervorbringen, weil die Politik ihnen zu viel abnimmt und zu viel zumutet. Ob die sich das alles gefallen lassen?

Nun will ich hier diesen Artikel beenden – aber nicht ohne noch einmal auf ein Buch zu verweisen, damit deutlich wird, dass die Bilder in den Köpfen mit der Wirklichkeit in diesem Fall nicht übereinstimmen.

Vielleicht müsste man da was tun – und das dann fotografieren!

Kennen Sie Otto Steinert?

Ein anonymer Klaus schrieb in einer Diskussion: „Eine schöne und spannende Diskussion mit vielen interessanten Anmerkungen. Um nichts zu wiederholen vielleicht nur eine kleine Anmerkung, was der berühmte Prof. Dr. Otto Steinert zu seinen Schülern gesagt hat, wenn es um technische oder ähnliche Fragen ging. ” Entscheidend ist, was auf dem Tisch liegt ! ” Gemeint waren die 30 x 40 Vergrößerungen, die bei seinen Korrekturstunden Pflicht waren, und die er im schlimmsten Falle mit seinem Stempel “SCHEISSE” qualifizierte. Menschlich war der Mann unmöglich, aber am Ende sind etliche GUTE Fotografen aus seiner Schule hervorgegangen.“

Das hört sich für mich anders an.

Muss man so gequält worden sein, um ein guter Fotograf zu werden?

Seltsam.

Das hat dann etwas von Folterer und Peiniger.

Rückwirkend erklärt man dann die Leidenszeit irgendwie positiv, weil man sonst damit nicht zurechtkommen würde und verklärt die Realität.

Ich wollte also mehr über diesen Mann wissen, zumal er ja „berühmt“ sein soll. Das kommt von Ruhm. In der deutschen Wikipedia steht „einer der wichtigsten…“ in der englischen steht „important“.

Und dann findet man die Information, dass er fotografischer Autodidakt war.

Gibt es eigentlich irgendeinen „berühmten“ Fotografen, der kein Autodidakt war?

Das spricht alles nicht für ein Studium der Fotografie oder des Fotodesigns oder der Ausbildung zum Fotografen.

Das spricht eher für das Gegenteil.

Aber das ist ein anderer Gedankengang.

Es gibt sogar einen Preis mit seinem Namen und die DGPH sieht in ihm einen „großen Photographen und Pädagogen.“

Wenn Sie mehr über Otto Steinert wissen wollen, dann können Sie eine Doktorarbeit online hier (pdf) lesen oder sie geben bei google otto+steinert ein und klicken auf die Bilder.

Im Zeitalter des alles ist möglich wären seine Fotos wohl höchstens noch ein „gefällt mir“ wert.

Aber so ist das mit der Fotografie und mit dem digitalen Leben.

Alles ist möglich.

Nachtrag:

Mittlerweile gibt es noch mehr Infos über ihn.

 

Was ist ein schlechtes Foto heute?

Wir schreiben das Jahr 2013. Es gibt weder Leitmedien noch Leitzinsen, über die es sich zu sprechen lohnt. Die Welt ist voll mit Fotografien und es werden immer mehr. Da stelle ich mir die Frage, was ein schlechtes Foto ist. Weil es immer schlecht ist über die Fotos von anderen zu sprechen, will ich über ein Foto von mir reden.

Sie sehen hier ein Foto, für das ich nur negative Kritik erhalten habe.

Brandenburger Tor

Foto: Michael Mahlke

Es war ein Moment am Brandenburger Tor. Das Wahrzeichen ist ja heute umrahmt von feinen Hotels und als Startpunkt für die größte Partymeile Deutschlands ausgelegt. Am Abend vorher war dort eine Sandparty und zwei junge englischsprachige Damen kamen nun dort an und machten beim Sightseeing dort einen Stop. Mit Sommergefühl und Badeschlappen wurde der Moment am Brandenburger Tor mit der Kamera eingefangen.

Das Foto ist ungeschminkt. Das Foto zeigt, wie Berlin aus Touristensicht gesehen wird: als Ort für Badeschlappen und Party mit ein paar kulturellen Highlights. So wie in Paris der Eiffelturm muß es in Berlin das Brandenburger Tor sein.

Allerdings „beisst“ mich das Foto fotografisch nicht. Daher ist es kein Highlight.

Nun habe ich dieses Foto mehrfach bei Artikeln oder anderen Anlässen eingebracht. Es wurde jedesmal besonders kritisiert.

Wie man so fotografieren könnte – überhaupt das Motiv in dieser Form! Gestern fiel es mir wieder in die Finger und da dachte ich, blicke noch einmal drauf.

Und was geschieht? Ich kann die Kritik immer noch nicht nachvollziehen. Es stimmt, es ist ein ungeschminktes Foto. Es zeigt einen Moment im Leben von Touristen am Brandenburger Tor und es zeigt Menschen so wie sie sind.

Aber diese Kritik?

Daher will ich einige Gedanken formulieren, um dies richtig einzuordnen.

Es baut keine Spannung auf aber es erzählt eine Geschichte auf einen Blick. Es ist übrigens auch ein Foto, das eine trotz aller Menschen entspannte Atmosphäre wiederspiegelt.

In der Kategorie touristische Highlights für einen Werbekatalog wäre es wahrscheinlich falsch aufgehoben, weil es eben die Dinge so zeigt wie sie sind und nicht wie sie geschminkt und gestellt aussehen sollen.

Für mich wäre das Foto inhaltlich fotografisch schlecht,

  • wenn es keine Geschichte erzählen würde,
  • wenn die Bildelemente falsch angeordnet wären und
  • wenn die Situation falsch wiedergegeben würde

Technisch schlecht wäre das Foto,

  • wenn es rote Augen geben würde,
  • wenn die Köpfe abgeschnitten wären,
  • wenn der Horizont schief wäre,
  • wenn der Ausschnitt völlig perspektivenlos gewählt wäre
  • etc.

Das ist aber alles nicht der Fall. Somit sind die klassischen fotografischen Basics aus meiner Sicht erfüllt.

Ich finde das Foto nicht so gut, weil es

  • zu statisch ist und keinen Moment in seiner Fülle zeigt, es ist irgendwie langweilig
  • die Gesichter der Menschen im Hintergrund links erkennbar wären, wenn das Foto größer wäre
  • der Schwerpunkt in der Mitte liegt und man den Blick quasi dort fixiert
  • die Menschenmenge nicht so getroffen ist wie es interessant wäre

Das sind aber völlig andere Argumente als die, die ich bisher gehört habe.

Es kommt daher im Sinne von Diogenes darauf an, im Vergleich wozu ich dieses Foto sehe und wozu ich es benutzen will. Der Zweck entscheidet in diesem Fall.

Ich hoffe, damit ein Gefühl dafür zu vermitteln, was „gut“ und „schlecht“ sein kann und welche Art von sachlicher Diskussion helfen kann, ein gutes und ein schlechtes Foto zu unterscheiden im Sinne von gut für… und schlecht für…

Nachtrag zwei Monate später am 20.03.2013:

Heute kommen zwei Meldungen zu diesem Thema.

Die DGPH macht ein Symposium zum Thema „Was ist ein gutes Foto?“ und in der Zeit soll im Mai ein Heft erscheinen mit dem Thema „Was ist ein gutes Foto?“ – so befruchtet sich das Internet gegenseitig …

Und nach dem Symposium der DGPH im Juni steht fest, es kommt darauf an.

Na dann!

Text 1.2

Wie fotografiert man das Böse?

Das Böse

Was ist das überhaupt das „Böse“? Das Böse ist oft genug banal. Es sieht nicht schrecklich aus sondern so normal, dass man es nicht erkennt. Man sieht es nicht an einem Menschen. Man sieht nur die Folgen.

Wie fotografiert man das Böse? Indem man seine Taten zeigt? Oder indem man das Böse fotografiert? Geht das überhaupt? Und warum ist dies auch medial gerade ein Thema?

Nun, das wird  uns noch länger begleiten, auch fotografisch. Daher empfehle ich an dieser Stelle einen Film, der vielleicht hilft, genauer hinzuschauen.

Meine Empfehlung finden Sie hier.

Die Banalität des Bösen zeigt, wie wichtig Demokratie als Schutz davor ist. Vielleicht ist die Antwort auf die Frage, wie man das Böse fotografiert, ganz banal. Man fotografiert die banalen Dinge, die damit zu tun haben.

Paradoxerweise leben wir ja auch in einer bösen Zeit. Die Demokratien schützen unseren Teil der Welt vor dem Totalitarismus und Faschismus. Umgekehrt schützen wir uns nicht vor den Folgen unseres Handelns. Wenn in Peking oder Mexiko-Stadt die Vögel tot vom Himmel fallen, weil die Luft so schlecht ist, dann ist dies auch das Ergbnis von „bösem“ Handeln. Damit wären aber grundlegende Fragen – und Antworten – verbunden.

Vielleicht reicht es dann, die toten Vögel zu fotografieren…..

Aber auch dies ist eine Betrachtungsweise. Denn auch im 2. Weltkrieg sagten viele Menschen, wir leben in einer schlimmen Zeit und sie hofften auf eine neue Zeit mit weniger Angst vor der rechtlosen Ermordung und Folterung anderer Menschen und den Bombenangriffen.

Und heute?

Dazu gäbe es zu viel zu schreiben und da gibt es viel zu fotografieren.

Was wäre denn damit:

„Was ist böse? Blicke auf die Banalität des Bösen. Fotografien aus der Welt von heute. Eine Ausstellung.“

Wäre das nicht was für kreative Fotografen?

Darüber lohnt sich nachzudenken.

Tinypass.com oder Unterstützung für Online-Journalismus

Nun also doch.  Ich habe seit der Nutzung eines Iphones erlebt wie schnell und relativ viel um mich herum im Itunes-Shop mal eben für 1,89 bis 9,99 Euro eine fünf Minuten Unterhaltung gekauft wurde und sehr oft durch In-App Käufe pro Quartal noch ergänzt werden musste.

Also habe ich mich gefragt, ob  Gedanken und Berichte zur Dokumentarfotografie auch etwas Wert sind. Hier heisst der Itunes-Shop nun Tinypass. Er wird von Journalisten in Amerika genutzt und ermöglicht kleine Beträge einfach zu vermitteln.

Das ist nun mein Ansatz, um die Kosten als freiberuflicher Bild-Journalist hereinzubekommen. Dafür ist hier auch weiterhin alles werbefrei, zum Lesen optimiert und nicht zum möglichst vielen Klicken und es gibt hier weiter nur eigene geschriebene Artikel.

Es bleibt übrigens auch eine Mischung von offenen Artikeln und Premium-Artikeln. Aber ich denke, 1,99 Euro für sechs Monate ist nicht zu viel. Wer will, der kann sich nun für einen solchen Premium-zugang entscheiden. Es ist kein Abo sondern ein Zugang zu sonst nicht frei lesbaren Artikeln.

Sollte es einmal Schwierigkeiten geben, dann schreiben Sie mir eine Email oder rufen Sie mich bitte an. Ich möchte Ihnen hier ein seriöses Angebot machen, das insgesamt weiterhilft und muss mich dabei auf Dritte verlassen, von denen ich bisher Gutes gehört habe.

Nachtrag im April 2013:

Am Anfang war alles gut. Aber dann hatte ich zunehmend Schwierigkeiten mit tinypass. Zum Teil sind die Bezahlbuttons nicht zu sehen und vieles andere mehr. Daher habe ich die Zusammenarbeit mit tinypass hier beendet und leider kein Bezahlmodell erhalten, das mir wirklich weiterhilft.