Monthly Archives: November 2012

A bis Z – Armut und Zensur dokumentieren

Ein Thema von Dokumentarfotografie ist das Leben der Reichen, ein anderes Thema ist das Leben der Armen.

Aktuell gibt es eine mediale Kampagne, die erstklassig informiert über die Ursachen unserer Armut. Es ist die gesellschaftliche Ungerechtigkeit, die dabei die Hauptrolle spielt. Wenn Sie dies interessiert, dann sollten Sie die Seite whypoverty (warum Armut) besuchen oder den deutschen Bereich auf artetv.

Und es gibt seit heute eine neue Webseite gegen Zensur im Internet und gegen zensierte Inhalte. Diese Webseite wurde von Reporter ohne Grenzen ins Leben gerufen und heisst auf Deutsch „Wir kämpfen gegen Zensur“.

Leider ist dies alles nur auf Englisch. Man kann es mit google auch nicht übersetzen, so dass die Initiatoren daran noch arbeiten müssen. Da das Projekt von der Europäischen Union gefördert wird, sollte es möglich sein, auch die Mitgliedssprachen der EU dort zu finden.

Insgesamt ist dies eine sehr wichtige Seite gegen Zensur. Bitte berichten Sie darüber, twittern Sie es und verbreiten Sie es in social networks.

Übrigens zeigen sich hier auch interessante Perspektiven und Grenzen von Dokumentarfotografie. Über nicht Sichtbares kann man nicht berichten und manchmal ist ein Video oder ein Text besser als ein Foto. Jedes Medium hat seine Ausdrucksart. Hier sind es Videos und Texte, bei der Recht auf Information Kampagne sind es Fotos.

 

Urheberrecht in Grossbritannien – die Fotografen toben

Der 3. Dezember 2012 ist ein wichtiges Datum für das Urheberrecht in Grossbritannien. Im House of Lords wird an diesem Tag ein Gesetz eingebracht, das schon im Mai auf den Weg gebracht wurde.

Um unnötige Bürokratie abzubauen  will man ein Gesetz verabschieden, das die Arbeit im Internet stark vereinfacht.

Es soll möglich werden, die Arbeiten/Produkte ausländischer Eigentümer zu nutzen, ohne deren Kenntnis und ohne deren Erlaubnis.

Das heisst auf Englisch so: „Legalising the usage of foreign works without the knowledge and permission of the copyright owners…“

So bekommt der Kampf um das Urheberrecht eine neue Variante, die englische Variante. Natürlich laufen gegen diesen Vorschlag alle Sturm, die Bildrechte und andere Rechte haben.

Und wir dürfen gespannt sein, welche parallele Rechtswelt sich an dieser Stelle manifestiert.

Nach dem 3. Dezember wissen wir mehr.

Die verschwundenen Hungerkinder oder das Loch in der Dokumentarfotografie

Essen in Öl – Foto: Michael Mahlke

 Damals

Erinnern Sie sich noch? Vor ein paar Jahren wussten wir genau, wenn es wieder um Spenden für die Dritte Welt geht, werden wir Fotos von hungernden Kindern sehen. Dies war im Fernsehen und in den Zeitungen regelmässig mit Spendenaufrufen verbunden.

Es gibt sie noch, die Fotos mit hungernden Kindern. Bei flickr kann man sie finden, bei instagram gibt es sie auch schon und wenn Sie bei google suchen und auf Bilder klicken ebenfalls. Wer Videos sucht, der wird spätestens auf youtube fündig.

Es gibt sie noch aber sie sind nicht mehr auf den vorderen Plätzen in der Medienkarawane sondern sie sind eher reine Suchergebnisse. Sie werden also nicht mehr als sozial wichtig präsentiert sondern sind das Ergebnis eigener Suche.

Veränderungen in der Medienwelt

„Dem Glamour des Elends folgt das Verschwinden der Hungerkinder: Sozial Marginalisierte werden in Kampagnen wie etwa „Deine Stimme gegen Armut“ ersetzt durch Schauspieler, Musiker, Nachrichtensprecherinnen oder Models…. Offenbar haben sich die Bildstrategien von Hilfsorganisationen geändert….“

So beschreibt Evelyn Runge in ihrem Buch „Glamour des Elends“ die Veränderungen in der Medienwelt. Sie verweist dann auf das Buch von Georg Franck mit dem Titel „Mentaler Kapitalismus“, der darauf hingewiesen hat, „wie Informationsmärkte sich zu Prominentenbörsen wandeln… Die Ausgegrenzten der Moderne sind zugleich die, die keinen Zugang zu Märkten der Aufmerksamkeit haben, vermittelt durch Medien und besonders visuelle Märkte wie die Fotografie.“

Der Markt für Fotografie, also die Vermarktung der Fotografie als bezahlte Dienstleistung, hat sich weitgehend von diesem Thema abgewandt, wenn man dieser Feststellung glauben darf.

Das fotografische Loch

Wenn Dokumentarfotografie aber mehr ist als Marktbedienung, dann ist hier ein riesiges fotografisches und soziales Loch.

Ich bin digital vorhanden also bin ich sozial vorhanden – so könnte heute die Devise lauten. Wer schon einmal erlebt hat wie im Bus alle auf ihre Handys starren und darüber die Welt wahrnehmen statt um sich herum zu schauen, der versteht, wie diese Veränderung die Welt verändert. Und wer da nicht drin ist bzw. da nicht rauskommt, der ist nicht mehr drin bzw. da. Der existiert nicht mehr im Bewusstsein seiner Zeit, wäre eine logische Schlussfolgerung.

Dabei ist die Frage nach der Wirkung oder Nicht-Wirkung von Fotografien nicht abschließend beurteilbar. Der Aufmerksamkeitswert des einzelnen Fotos hat abgenommen, aber der Stellenwert von Fotos zur visuellen Demonstration eines Themas nicht.

Wir können heute zwar 24 Stunden multimediales Multitasking veranstalten aber dabei kommt ja wahrscheinlich nichts heraus ausser geistiger Verwirrung und psychischer Erkrankung.

Leittechniken statt Leitmedien

Der Artikel impliziert aber, dass die Menschen noch Leitmedien haben. Im Internet gibt es keine Leitmedien, es gibt nur Leittechniken wie das Adressbuch = Facebook und die Suchmaschine = google. Auf diese Leittechniken Einfluss zu nehmen ist interessengeleitet.

Hungerkinder als Metapher

Soziale Fragen sind zwar auch interessengeleitet aber wir unterscheiden nicht ohne Grund zwischen Sozialsystem, Wirtschaftssystem und politischem System. Und wir wissen, dass eine Demokratie ohne Sozialstaat keine echte abendländische Demokratie mehr ist, weil Teilnahme soziale Sicherheit voraussetzt. Dies wird in vielen Teilen der Welt durch andere Interessen verhindert. Daher ist der Kampf um Gedanken so wichtig wie der Kampf um Bilder.

Und der Kampf um Bilder hat sich völlig verändert. Diese Woche war in vielen Ländern Südeuropas ein Generalstreik gegen die unsoziale Politik. Davon hat man auch hier nicht viel gesehen obwohl dies erstmals seit Jahrzehnten einen halben Kontinent umfasste. Auch diese Infos muss man suchen.

So sind die „Hungerkinder“ eine symbolhafte Umschreibung (Metapher) für die immer stärker werdenden Löcher in der Berichterstattung.

Aber wer soll eigentlich darüber berichten? In Deutschland sicherlich die GEZ bezahlten Medien an erster Stelle, weil sie einen entsprechenden Auftrag zur informatiellen Grundversorgung haben. Tun sie es? Und sonst? Offenbar scheint es sich nicht um Themen zu handeln, die viele Leser/Kunden interessieren?!

Blinde Flecken

Es gibt blinde Flecken in der Dokumentarfotografie. Das hängt mit Konventionen zusammen. Aber hier ist eine zusätzliche Dimension aufgetaucht, die das Leid nicht mehr bei den anderen sucht sondern das Leid nicht mehr sehen will.

Je größer die Probleme auf der Welt werden, desto weniger will ich davon wissen? Kann es sein, dass die Ursache für das Verschwinden von Themen die Verdrängung ist?

Dokumentarfotografie ist konkret und kann aus dem Festhalten eines Zustandes eine Geschichte machen, die zum Handeln auffordert und zu zivilgesellschaftlichen Aktivitäten. Dann kommen auch wieder Wörter wie „strukturelle Gewalt“ ins Spiel und wie man sie abbauen kann.

Aber es setzt auch den Anspruch voraus, darüber informiert werden zu wollen. Gibt es das noch? Vielleicht hilft mir jemand, dies alles weiterzudenken und meinen Horizont durch andere Perspektiven zu erweitern.

Das wäre schön.

Dokumentarfotografie kann mehr

Für mich zeigt bis heute ein Buch besonders gut, was Dokumentarfotografie aktuell kann, wenn sie könnte – und wenn es mehr solcher Fotos gäbe, die dann auch überall gezeigt würden.

Es ist das Buch „The eye is a lonely hunter“. Da kann man ahnen, welche Kraft in der systematischen Nutzung liegen würde. Das ist auch anders als Video. Es ist punktueller, umfassender und eindrucksvoller.

Und es ist nicht so, dass für alle Organisationen/Unternehmen solche Themen irrelevant sind. So eignen sie sich offenbar als Thema für Fotowettbewerbe, aus welchen Gründen auch immer. Ein Beispiel habe ich hier gefunden, Hintergründiges hier.

Wer hat denn jetzt eine Fehleinschätzung?

So ändert sich der Zweck solcher Fotos vielleicht sogar in sein Gegenteil. Das sollte nicht so sein. Aber hier zeigt sich dann auch, dass Fotos unterschiedlichen Zwecken dienen können.

So zeigt sich, dass Dokumentarfotografie einen sehr hohen Nutzwert haben kann – es kommt eben auf den Zweck an?!

So – so!

 

Magnum irrelevant?

wo bleibt die Perspektive im Fotojournalismus?

Ein amerikanischer Blick

Als ich diese Überschrift das erste Mal las, war ich über seine nüchterne Fragestellung etwas erschrocken. In zwei Worten werden Aufstieg und Fall einer Entwicklung zusammengefasst? Und dann sind die Worte auch noch so gewählt, dass sie auf Englisch und Deutsch gleich sind?

Die Überschrift stammt ursprünglich aus einem Artikel von Mary Panzer aus The Wall Street Journal. Rückblickend zum Tod von Martine Franck stellt sie die Frage nach den Veränderungen im Fotojournalismus.

Sie kommt zu dem Schluss, dass das Wachstum der digitalen Galerien, in denen man Fotos kaufen kann, dazu geführt hat, dass nicht mehr nur Fotos gezeigt sind, die gut genug sind, um gezeigt zu werden.

Und sie stellt fest, dass wir in einer Welt ohne Life Magazine leben, die zu viele Fotos hat. Es folgt die Frage, welche Form von Fotojournalismus dabei entstehen wird. Fast pathetisch fragt sie dann, wer Bilder von der digitalen Welt erstellen wird, die uns etwas zeigen, was wir ohne sie nicht gesehen hätten?

Ein typisch amerikanischer Blick oder ein aus Freiheit geborener Blick, der deutsche Blockaden im Denken überwindet?

Im Fernsehen wurde vor kurzem berichtet, dass der letzte festangestellte Fotograf beim Stern in Rente ging und nun über Fotoarchive und Einzelaufträge Bilder beschafft werden.

Fotografie quantitativ und qualitativ

Nun denn. Haben wir zu viele Fotos? Eigentlich doch nicht. Das kommt wohl darauf an. Ein paar gedankliche Blicke:

  • Qualitativ betrachtet haben wir zwar immer mehr Fotos von immer weniger Themen aber wir haben nicht immer mehr Fotos von immer mehr Themen.
  • Quantitativ betrachtet haben wir mehr Fotos, die aber auch mehr Zwecken dienen. Sie sind Teil einer Bilder-für- Buchstabensprache geworden. Es sind daher nicht nur unbedingt mehr journalistische Fotos.
  • Es gibt da auch noch das Verteilungsproblem. Wir haben fast Monopole bei Suchmaschinen und wir haben selbst bei vielen digitalen Bildern nicht mehr nur ein Medium für das Zeigen der Bilder. Wir haben einen Medienweg, auf dem man immer wieder neu etwas entdecken kann, wenn es die Suchmaschine(n) zulassen.
  • Und dann ist dies auch noch kostenlos, weil es genug anderes gibt, das man sonst anschauen kann ohne zu bezahlen.
  • Und bei den Themen? Wer will für Themen, die sozialkritisch sind, noch bezahlen? Es geht eher darum, mit Bildern Aufmerksamkeit zu erzielen, um Politik und Zivilgesellschaft wachsam zu machen. Aber das reicht kaum, wenn die Bevölkerung nicht mehr weiss, wie wichtig Demokratie und Menschenrechte sind. Fotojournalismus hat ja viel mit Engagement zu tun.

Zeit.de -Wehwehchen und Iphone als Erfolgsmodell?

Als ich vor ein paar Wochen darüber berichtete, dass man als Zeit-Reporter(in) ein Iphone braucht, da war mir noch nicht klar, wie banal fundamental diese Aussage ist. Meiner Meinung nach werden die zugrundeliegenden Fehlentwicklungen in China von der Zerstörung der Umwelt bis zur Missachtung der Menschenrechte damit von einer Zeitung wie der Zeit fundamentiert auf medialem Niveau. Berichten Sie dort wöchentlich mit Fotos über die Probleme, die damit verbunden sind?

Zumindest benutzen sie diese unter diesen Bedingungen erstellten Geräte, um damit hier zu arbeiten.

So hat das Gesicht der Globalisierung auch hier aus engagiertem Fotojournalismus vielfach eine Art Wehwehchen-Fotografie gemacht. Oder zeichnet sich z.B. die Zeit durch eigene sozialkritische Fotoreportagen aus? Ich will das nicht bewerten sondern meine Ansicht nur aufschreiben.

Man könnte sogar fragen – Zeit(.de) irrelevant? Wenn umgekehrt die Zeit immer neue Verkaufserfolge feiert, vielleicht ist dann die Wehwehchen-Gesellschaft ein Zukunftsmodell für Journalismus, Fotografie und damit für Fotojournalismus?

Der Artikel über Magnum von Frau Panzer ist damit Anlass und Ursache, um Veränderungen wahrzunehmen. Aber ich finde auch ihre Frage wichtig nach dem, was wir heute fotografieren müssen und was man vorher nicht gesehen hat.

Konsumierend in die Katastrophe oder engagiert dokumentieren?

Die Antworten darauf ergeben sich aus der Situation der Menschheit.

  • Es geht nicht um die Sterblichkeit des Menschen, denn das ist unsere conditio humana. Es geht um die Zerstörung der Welt und den fehlenden Mut, das Thema wirklich anzupacken. Daraus ergeben sich unzählige Themen, die aber nur in einer Zivilgesellschaft mit unängstlichen Medien eine Rolle spielen könnten.
  • Da über das Unangenehme oder den Mächtigen Unpassende nicht gerne berichtet wird, ist die Berichterstattung ohne Bezahlung selbst in einer Demokratie wie bei uns oft die einzige Chance. Aber wer macht das schon, wenn er/sie für Wehwehchen-Berichte Geld bekommt? Das Ganze sitzt also tiefer.
  • Oder ganz banal im Alltag. Wenn z.B. die Belastungen für die Umwelt Thema für betriebswirtschaftliche Entscheidungen wären, würde man nicht die Verbraucherpreise erhöhen sondern andere Produkte entwickeln, klein, preiswert, nützlich. Themen wie Glühbirnen und Medikamente sind da nur ein Bereich. So bleibt viel zu tun, auch im Foto-Journalismus, wenn er engagiert und zukunftsorientiert sein will. Da hat er seine Chance.
  • Und dann gibt es da ja noch die Kriegsfotografie. Die muss nicht immer so hart sein wie hier dargestellt, um die Schrecklichkeit abzubilden, aber sie ist notwendig, um zu zeigen, wie wichtig Europa, die Demokratie und der Sozialstaat sind mit Menschenrechten und Toleranz. Die muss man auch verteidigen.

Weiblicher Fotojournalismus als Chance?

Übrigens, ist Fotojournalismus eigentlich männlich?

Spätestens seit dem Einsatz des Iphone müsste doch der weibliche Fotojournalismus ganz neue Urstände feiern. Die Transformation hat ja begonnen.

Und die Kombination aus Audio, Foto, Text könnte dem neuen – guten! – Fotojournalismus eine Chance eröffnen.

Damit will ich enden ohne das Thema zu beenden. Nur das Ende dieses Artikels ist erreicht. Das kann man vielfach vertiefen, horizontal und vertikal.

Damit gibt es auch noch Stoff für die Zukunft.

Neues Urheberrecht in Kanada – der Sieg der Fotografen?!

Rügen wie gemalt – Foto: Michael Mahlke

Wie man auf verschiedenen englischen Internetseiten lesen kann, ist in Kanada das Urheberrecht geändert worden. Fotografen wird nun dasselbe Recht wie allen anderen Künstlern zugestanden. Das bedeutet, alle Rechte bleiben auch beim Verkauf der Fotos bei den Fotografen.

Die kanadische Vereinigung professioneller Bildhersteller verweist darauf, dass damit das von Henri Cartier-Bresson Prinzip der Beibehaltung der Rechte nun auch in Kanada umgesetzt wurde. Das hört sich auf Englisch so an:

„The principle of protecting photographers‘ ownership rights started 65 years ago by Henri Cartier-Bresson, who founded Magnum with Robert Capa and David Seymour. Magnum assured that a photographer’s image belonged to the photographer and not to the commissioner of the work.“

Was hat das zu bedeuten? Was erwächst daraus für Deutschland? Was bedeutet das überhaupt?

Im angelsächsischen Raum beginnen gerade die Diskussionen dazu. Insbesondere auf dpreview.com wird dies schon engagiert und differenziert diskutiert. Eine sehr differenzierte Analyse mit weiteren Verlinkungen gibt es auf imaging-resource.com. Die kanadische Regierung verweist darauf, dass sie damit im Kreis der G8-Staaten angekommen ist, also auch bei deutschen Rechtsgrundsätzen. Den Originaltext der Gesetzesänderung gibt es hier.

Aber viel auf Deutsch gibt es dazu bisher nicht. Und ich bin kein Spezialist für ausländisches Urheberrecht. Bei Interesse also Augen auf und die nächsten differenzierten Blogbeiträge suchen zu diesem Thema (vielleicht gibt es dazu sogar qualifizierte Zeitungsbeiträge von bezahlten Journalisten)!

 

 

Henri Cartier-Bresson im Film

Diese Woche war bei arte ein neuer Film über Henri Cartier-Bresson zu sehen „Das Jahrhundert des Henri Cartier-Bresson.“ Darin erzählt „er“ sein Leben und spricht über seine Auffassungen.

Der Film ist nach seinem Tod entstanden und ein Rückblick auf seine Arbeit und sein Denken. „Er“ ist ein Sprecher, dessen Texte von dem Filmemacher und Schriftsteller Pierre Assouline stammen, der schon vor Jahren eine Biografie über Cartier-Bresson geschrieben hat.

Es ist ein Blick von aussen, der durch die persönliche Bekanntschaft mit Henri Cartier-Bresson einen guten Einblick in das Leben unter fotografischen Gesichtspunkten ermöglicht. Da der Film noch ein paar Tage online ist, kann man ihn noch anschauen.

Doch es gibt noch einen Film über Henri Cartier-Bresson. Es ist der Film von Heinz Bütler mit dem Titel „Biographie eines Blicks“. Dieser Film entstand mit Henri Cartier-Bresson zu seinen Lebzeiten und zeigt sehr viele Aspekte seiner Fotografie. Man hat auch das Gefühl, dabei dem Menschen etwas näher zu kommen, der hinter der Kamera stand als er die Fotos machte.

Neben diesem Film gibt es noch eine Arte-Edtion von und mit Henri Cartier-Bresson. Diese hat den Titel „11 Filme von und mit Henri Cartier-Bresson“. Es ist aktuell wohl die umfassendste Sammlung von filmischen Informationen über diesen Fotografen.

Wer sich für Henri Cartier-Bresson interessiert, der sollte sich diese Filme schenken oder schenken lassen. In der Arte-Edition ist auch der Film von Heinz Bütler enthalten. Es sind in meinen Augen Lehrfilme für klassisches und gutes Fotografieren, die sehr viel dazu beitragen können, ein besseres Verständnis zu wecken.

In dem Film von Pierre Assouline betont Cartier-Bresson, dass er lieber das Kleinbildformat mit hoch und quer in verschiedenem Format mochte als  das quadratische Format, weil dieses ihm zu langweilig war.  Das kann heute jede digitale Kamera von der Kompaktkamera über die 1 Zöller, das 4/3 Format, den APS-C Chip und den Vollformatchip im 4:3 und 3:2 Format.

Faszinierend sind wohl neben dem Fotografen vor allem auch seine Motive. Er war bei sehr vielen sehr prominenten oder berühmten Menschen und machte Fotos von ihnen und er fotografierte daneben einfache menschliche Situationen. Dieselbe Aussagekraft, die Faszination in der Einfachheit egal bei welcher fotografischen Situation, das Ausnutzen von Schwarzweiss als Gestaltungsmittel einer bunten Wirklichkeit – alles dies versteht man erst wirklich, wenn man einen dieser Filme angeschaut hat.

Es ist ein Glücksfall, dass es diese Filme gibt und sie haben das Glück darüber hier zu lesen, um persönlich-fotografischen Nutzen daraus zu ziehen.

 

Sandy oh Sandy

Der Hurrikan Sandy hat grossen Schaden angerichtet. Es ist viel darüber geschrieben worden wie darüber berichtet wurde. Wer sich einen kleinen Überblick verschaffen will, der hat viele Möglichkeiten.

Ich möchte auf einige Varianten hinweisen.

So erhält man viele verschiedene gesammelte Blicke, die dokumentieren, was geschehen ist.

  • Sind die Fotos in ihrem Aussagewert gleichrangig?
  • Gibt es Unterschiede bezüglich des Dokumentationswertes?
  • Welche verschiedenen Themen finden sich auf den Fotos?

 

Dokumentarfotografie konkret – Die Auguststrasse in Remscheid

… oder wenn Architektur und Stadtgeschichte sichtbar werden.

Wie kann man Veränderungen dokumentieren? Wie kann man mit Fotos die Veränderungen der Architektur einer Stadt festhalten? Was macht den Charakter der Architektur einer Stadt aus? Was sagt die Architektur über die Geschichte einer Stadt aus?

Alle diese Fragen möchte ich mit einigen Bildern beantworten. Dazu dient mir die  Auguststrasse in Remscheid.

Warum gerade dort? Weil es sich angeboten hat. Die Auguststrasse ist so unbekannt, dass sie genau deshalb sinnvoll ist. Denn es geht nicht um die Dokumentation des Abrisses der Volkskammer in Berlin. Es geht um die Dokumentation von dem, was vor Ort überall immer wieder geschieht. Dokumentarfotografie ist daher überall sinnvoll und das will ich damit zeigen.

Noch etwas zu Remscheid. Remscheid liegt zwischen Düsseldorf und Köln und hat drei Autobahnauffahrten und noch ca. 100.000 Einwohner mit ca. 120 Nationalitäten. Hier ist also die Welt zuhause. Sie liegt im Zentrum einer wachsenden Megalopolis der Rhein/Ruhrmetropolen. Sie ist eine Art Bergdorf des Bergischen Landes und daher trotz der Strassen relativ für sich gelegen.

Remscheid war früher bekannt als die „Seestadt auf dem Berge“ und hatte vor allem Handwerksbetriebe und Industrie und natürlich den Handel. Der hat viele reich gemacht. Der prominenteste Fotograf aus Remscheid ist Wolfgang Tillmans, der aus einer Kaufmannsfamilie stammt, der bekannteste Arzt war Wilhelm Conrad Röntgen und die bekanntesten aktuellen Unternehmen sind sicherlich Dirostahl und Vaillant.

Heute nach der starken Deindustrialisierung der Region und der wachsenden Attraktivität anderer Regionen stellt sich Remscheid aktuell auf eine schrumpfende Bevölkerung ein. Weil das Wetter in Remscheid wie im Sauerland eher feucht ist, ist auch die Bauweise der Häuser früher entsprechend gewesen.

Die Auguststrasse in Remscheid zeigt nun sehr schön, was Dokumentarfotografie festhalten und zeigen kann. Die Wohnsiedlung in der Auguststrasse gehörte der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Gewag.

Diese plante spätestens seit 2008 einen Abriss und eventuell Neubau.

Man sieht hier eine gewachsene Siedlung mit schönen Vorgärten und einer gemütlichen Atmosphäre.

Die Siedlung Auguststrasse 2010 – Foto: Michael Mahlke

Die Haustüren sind so wie man sie hier seit Menschengedenken kennt.

Die Siedlung Auguststrasse 2010 – Foto: Michael Mahlke

Aber die meisten Häuser sind verlassen. Eine Renovierung kam offenbar nicht in Betracht.

Die Siedlung Auguststrasse 2010 – Foto: Michael Mahlke

Hier sieht man die Siedlung mit den gelben Häusern im Jahre 2010:

Die Siedlung Auguststrasse 2010 – Foto: Michael Mahlke

Und hier im Jahre 2012. Die Häuser sind abgerissen:

Die verschwundene Siedlung Auguststrasse 2012 – Foto: Michael Mahlke

Die Häuser, Bäume und Gärten sind verschwunden.

wo Häuser standen ist jetzt Luft

Stattdessen erblickt man nun die dahinter bisher verborgen liegende älteste Architektur von Remscheid:

Die verschwundene Siedlung Auguststrasse 2012 – Foto: Michael Mahlke

Kleine Schieferhäuschen mit Spitzdach und kleinem Garten:

Die verschwundene Siedlung Auguststrasse 2012 – Foto: Michael Mahlke

Auf der anderen Strassenseite wird es ebenfalls noch einmal sehr deutlich. Plötzlich sticht die frühere Architektur und die ursprüngliche Bebauung ins Auge. So sah Remscheid aus bevor die Siedlung an der Auguststrasse gebaut wurde. Von der Vorderseite der Strasse kann man dies nicht so deutlich sehen. Und wenn hier wieder gebaut wird ist dies auch nicht mehr sichtbar.

Im Prinzip sieht man hier drei Etappen der städtebaulichen Entwicklung.

  • Es gab eine ursprüngliche Architektur mit kleinen Schieferhäuschen. Diese war ca. 50/70 Jahre nicht sichtbar.
  • Dafür war in dieser Zeit eine sehr schöne Siedlung der Blickfang. Diese prägte das Leben einer ganzen Generation.
  • Und jetzt wird nach dem Abriss dieser sehr schönen Siedlung der Blick wieder frei auf die ursprüngliche Architektur und es wird etwas Neues entstehen.

Man sieht auch auf einen Blick, was man von Remscheid halten kann. Ob die neue Architektur eher natur- und menschenfreundlich ist wird dann später zu dokumentieren sein.

Mir kommt es in diesem Artikel darauf an zu zeigen, was Dokumentarfotografie kann. Sie kann Veränderungen dokumentieren und festhalten, indem sie Orte und Zustände zu verschiedenen Zeitpunkten festhält.

Das ist wichtig, weil wir sonst nicht mehr verstehen, was einmal war und warum es so geworden ist. Dadurch ersetzt sie bei solchen Themen sogar die Texte. Wir leben zwar in einer Zeit, die eine Art permanenter Gegenwart produziert, aber das wird den Menschen irgendwann nicht mehr reichen.

Und so kann die Dokumentarfotografie ihren Beitrag leisten, um die Entwicklungen festzuhalten oder wie hier sogar den Blick noch einmal so einzufangen wie er vor langer Zeit – vor dem Bau der ersten Siedlung – gewesen sein musste.