Monthly Archives: August 2012

Warmlaufen für die Photokina 2012

Photokina 2010 – Foto: Michael Mahlke

Endlich kommt sie wieder, die Photokina. Köln wartet auf die Welt und die Welt wartet darauf, dass in Köln die Photokina ihre Tore öffnet.

  • Leica wird der visuelle Magnet werden, weil Leica in Halle 1 eine grosse Fotoausstellung für alle Besucher anbietet.
  • Das Trendthema ist „Mobile Imaging“ und der Hersteller HTC hat die Zeichen der Zeit erkannt. Fotografieren soll so locker wie mit der Lomo werden – mal sehen!

Die Ästhetik des Bildes hat sich durch das Smartphone generell verändert“. So steht es in der PRessemitteilung der Photokina. Wer weiss denn eigentlich, was Ästhetik ist? Auf Deutsch hätte man auch schreiben können, die sinnliche Wahrnehmung der Bilder durch die Menschen hat sich durch das Smartphone generell verändert.

Generell natürlich nicht durch die Smartphones sondern durch die Digitalisierung und maximale Vermassung bei minimalem Gebrauchswert. Aber das wurde bei Fotomonat ja schon mehrfach diskutiert.

Jetzt ist auch die Zeit gekommen, in der die Zunft der Onlinemagazine immer mehr Informationen und Ankündigungen erhält. PRessemitteilungen noch und noch.

Wie immer wird angeblich alles besser sein und angeblich brauchen wir nun alle neue Kameras, kann man daraus ableiten.

Die Photokina wird für eine interessante Zeit sorgen und vielleicht durch das Thema „Mobile Imaging“ irgendwie dazu beitragen, die bevorstehenden Umbrüche in der digitalen Fotografie zu dokumentieren.

Es beginnt gerade eine neue Zeit und wer zur Photokina geht, der kann sagen, er/sie/es ist dabei gewesen.

 

Keine Kriegsberichterstattung mehr?

Die neue Kriegsberichterstattung – Foto: Michael Mahlke

„Wem hilft es, wenn Fernsehnachrichten das Grauen des syrischen Bürgerkriegs zeigen?“ Mit dieser Frage beginnt ein Artikel auf faz.net. Die Autorin Charlotte Klonk ist Professorin für Kunst und neue Medien.

Konkret geht es um eine Video aus Syrien, das im Heute-Journal gesendet wurde. Im Laufe ihres Artikel formuliert Frau Klonk den Satz “ Im Gegenteil, die Ermordung setzt oftmals die Kamera voraus und wird für sie in Szene gesetzt. Dies war bei den Enthauptungsvideos aus dem Irak der Fall und trifft vermutlich auch für die jüngsten Hinrichtungsvideos aus Syrien zu.“

Ich will dies nicht weiter wiedergeben, weil sonst bei faz.net nach dem Leistungsschutzrecht geschrien würde. Aber ich gebe der Autorin und der FAZ durch den Hinweis hier die Chance, dass mehr Menschen dies dort lesen. Das hat natürlich einen Grund.

Die Autorin kommt zu dem Schluß, dass man im Heute-Journal das Video nicht hätte senden dürfen wegen der Menschenwürde der Opfer und wir als Konsumenten sollten uns solchen Bilder verweigern durch „Konsumentenboykott.“

Danke FAZ

Ich möchte der FAZ für diesen Artikel und deren Veröffentlichung ein herzliches Dankeschön aussprechen. Ich habe selten Ausführungen für die mediale und letztlich auch politische Lebenspraxis gelesen, die so weit weg von der Wirklichkeit sind – es sei denn, man will eine schöne neue Welt…

Würde man dies zu Ende denken, dann sollte über grausame Realität nicht  mehr berichtet werden. Stattdessen noch mehr Sonntagsreden von Politikern? Hilfe!!!

Neue Medien machen möglich was früher unmöglich war, nämlich die Aufnahme vor Ort zu einem Zeitpunkt, der früher nicht hätte gefilmt werden können. Die Handyreporter/Bürgerreporter sind da und ersetzen z.T. schon professionelle Journalisten. Und deren Bilder, bewegt und unbewegt, zeigen Dinge, die geschehen sind. Dies nicht zu zeigen bedeutet, es woanders zu sehen und zwar unkommentiert und nicht journalistisch eingebettet und bearbeitet.

Ist das sinnvoller und sollen wir jetzt nur noch weggucken in den öffentlich-rechtlichen Medien?

Welche Rolle spielen Kameras?

Vor allem der Gedanke von Frau Klonk, dass die Kameras die Voraussetzung für die Ermordung sind, halte ich für abwegig. Das würde ja im Umkehrschluss bedeuten ohne Kameras hätte es die Ermordungen nicht gegeben.

Sorry Frau Klonk, das kann ich absolut nicht nachvollziehen.

Ich bin Krimifan von Sherlock Holmes über Erik Ode und Co. bis zu Stieg Larsson. Aber das ist ja heute schon fast jugendfrei.  So habe ich mich bei der ARD wegen anderer Sendungen beschwert, weil dort Krimis gezeigt wurden, bei denen die Mörder die Opfer zersägen, zerschneiden und vieles mehr und dies quasi vor laufender Kamera. Da schrieb man mir sinngemäß zurück, dass auch öffentlich-rechtliche Sender dem Publikumsgeschmack entsprechen müssten.

Macht und Ohnmacht 

Die Macht der Bilder bzw. die Ohnmacht der Bilder für politische Prozesse ist ein Thema über das man gut diskutieren kann. Dazu gab es ja schon gute Ausstellungen und Diskussionen.

Es gibt dazu auch von Kriegsberichterstattern viele verschiedene Auffassungen. Aus Tschetschenien kamen einige zurück und fragten sich, ob es sich überhaupt noch lohnen würde, dieses Elend zu dokumentieren. Aber umgekehrt haben die Familien der Opfer vielfach nichts ausser der Dokumentation der Reporter.

Und wer den Film über James Nachtwey gesehen hat, der versteht wie wichtig so etwas – leider – ist.

Das ganze Thema ist grausam und zeigt einen Teil von uns, den wir nicht so gerne sehen. Aber weggucken oder sogar nicht mehr dokumentieren in der Konsequenz?

Man muss den Mut und den Kampf um Demokratie täglich neu erfinden. Und die Welt wird durch die Bilder konkreter und auch Werte wie Demokratie werden deutlicher.

Gewaltschwellen und Medienkompetenz

Ich glaube, dass die Diskussion über die Macht der Bilder und die Ansprüche an eine gute journalistische Berichterstattung neu geführt werden muss im digitalen Zeitalter. Dazu gehört auch die Frage, sind Journalisten zukünftig auch oder nur noch Content-Manager?

Insofern ist der Artikel von Frau Klonk ein guter Beitrag, da sonst dieser Artikel hier nicht entstanden wäre.

Aber ihre Ansichten kann ich nicht teilen, zumal es hier um keine wissenschaftliche Frage geht sondern um die Frage von Information, Transparenz, Demokratie, Einfluss und Berichterstattung. Es ist richtig, dass die Veröffentlichung solcher Szenen das Blutvergießen nicht stoppt. Dies beinhaltet aber doch nicht den Schluss, es nicht zu veröffentlichen. Vielmehr geht es darum, dies journalistisch aufbereitet zu tun.

Und aus diesem Grund hat das Heute-Journal richtig gehandelt, vielleicht sogar noch zu wenig gezeigt.

Mehr zu dem Theme gibt es hier.

 

 

Auf zum Streetpixen!

Foto: Michael Mahlke

Es gibt nicht nur immer mehr Fotos in einer partiell globalisierten Welt. Es gibt auch immer mehr Wörter für identische Vorgänge.

Auf Deutsch ist es die Schnappschussfotografie auf der Strasse, auf Englisch die Streetphotography.

Daraus wurde dann die Straßenfotografie und weil Browser kein ß können die Strassenfotografie. Daraus wurde die Streetfotografie und daraus wurden Streetfotos.

Parallel kam dies alles mit ph, also Streetphotographie und Streetphotos. Daraus wurde dann Streetpix.

Foto: Michael Mahlke

Also noch mal:

  • Schnappschussfotografie
  • Street Photography
  • Streetfotografie
  • Straßenfotografie
  • Straßenphotographie
  • Strassenfotografie
  • Strassenphotographie
  • Streetphotos
  • Streetfotos
  • Streetpix

Ich weiß nicht, wie es weitergeht, aber es geht immer um Schnappschüsse auf der Strasse, die durch den englischen Begriff streetphotography bekannt geworden sind.

Ich würde am liebsten beim klassischen Wort streetphotography bleiben, aber wenn es international sein soll, dann erscheint mir streetpix eher sinnvoll und erklärend zu sein: Fotos, die auf der Strasse mit Pixeln – also digital – aufgenommen wurden.

In diesem Sinne auf zum Streetpixen!

in Remscheid 3 Euro, in Düsseldorf 7,50 Euro – Foto: Michael Mahlke

 

Fotomonat ist Teil der „Cream of the Crop“ – das Beste vom Besten

Na dann! Fotomonat wird täglich von Agenturen besucht, die mit Tools meine Gedanken abfragen und damit Geld verdienen. Egal ob in englischer oder deutscher Sprache, sie fragen nach den Themen durch automatisierte Programme und nutzen dann meine Inhalte, um ihren Kunden gegen Geld davon zu berichten.

Da meine Artikel alle selbstgemacht sind, gefallen sie nicht nur Suchmaschinen und Besuchern sondern auch den Agenturen. Das erhöht den Stellenwert dieser Seite natürlich ungemein.

Und nun durfte ich sogar lesen, dass eine Agentur nur die Seiten besucht und auswertet, die für sie die „Cream of the Crop“ darstellen.

Eigentlich wäre das doch was für ein neues Leistungsschutzrecht. Denn ich erbringe hier Leistungen, die andere abfragen und dann gegen Geld verkaufen. Für jeden Zugriff einer Agentur einen Euro. Das würde reichen.

Zudem hat Fotomonat ja einen starken Konsumcharakter und weniger einen Diskurscharakter. Ein bisschen ist es hier so wie bei einer guten alten Zeitschrift. Man liest die Dinge und merkt sie sich aber man schreibt hier nicht „finde ich gut“, „finde ich auch gut“, „das ist aber toll“ usw. Lediglich fachliche oder persönliche Ergänzungen finden hier statt – und dies nicht täglich dafür aber auch  inhaltlich nicht alltäglich.

Bei Fotomonat ist ein Artikel auf einer Seite zum guten Lesen optimiert und nicht auf vielen Seiten mit Textschnipseln verteilt für möglichst viele Klicks. Die Themen hier sind ja auch nur für fachlich Interessierte von Interesse und daher ist die Breitenwirkung begrenzt.

Vielleicht kommt dieser Artikel ja bis nach Berlin ins Ministerium.

Ansonsten dürfen Sie sich freuen, dass Sie hier Dinge lesen, die zum Besten gehören, was Agenturen finden können, eben die „Cream of the Crop“.

In diesem Sinne

 

Scheitern als Chance im Kampf gegen die Bildermassen?

Foto: Michael Mahlke

Nun habe ich in den letzten Jahren mich hier und anderswo gedanklich abgearbeitet im Arbeitsfeld Fotografie. Das Fotografieren spielt sich für mich im Kopf ab und erfordert auch entsprechende Beachtung. Das dann real entstehende Foto ist das Ergebnis einer produktiven Auseinandersetzung.

Aber ein Thema, welches mich ständig beschäftigte, war der Umgang mit den beständig wachsenden Massen an Bildern.

Wie geht man damit um?

Alle Versuche, da irgendwie einen Zugang zu gewinnen, sind gescheitert. Allein die Masse macht es unmöglich, dies alles irgendwie zu erfassen.

Ich bin gescheitert mit dem Versuch, mit den Bildermassen zu arbeiten. Zwar gab es auch früher schon mehr Bilder als man in seinem Leben bewältigen konnte. Aber es waren Schwerpunkte möglich und irgendwie gab es auch eine Überschaubarkeit.

Daher gestehe ich mir heute mein Scheitern ein. Und genau hier geht es mir nun danach besser.

Das Scheitern führt bei mir zur Befreiung. Jetzt kann ich alles ausblenden, was mich persönlich nicht interessiert. Und dann ergeben sich auf einmal Spuren, die zu einem neuen Weg führen:

Beide Projekte zeigen mir, dass es Wege in den Fotomassen gibt, die persönlich und gesellschaftlich sinnvoll sind. Es geht um das, was gerade geschieht und es sind die Wege, die durch persönliches Bearbeiten ein Thema im Querschnitt und/oder Längsschnitt fotografisch festhalten.

Das scheint der Weg und das Ziel

Denn ich habe mich u.a. auch gefragt, wieso ich stundenlang vor schlechten Fotos aus irgendwelchen Handys oder Smartphones sitzen soll, die jemand irgendwo aufgenommen hat. Durch digitale Filter wird das nicht besser. Und es lohnt sich nicht, weil man dafür kein Geld erhält und das Betrachten dieser Fotos in der Regel sinnlos ist.

Sinn macht es, individuelle Arbeiten mit Charakter, Schwierigkeiten und Unfertigkeiten anzuschauen. Das Bemühte und Unfertige ist das eigentlich Spannende. Nicht das abgeglättete Werk. Das ist bei Menschen wie im Film. Glatte Filme unterhalten, Filme mit Kanten bringen Leben. Sprache ist ja immer schwierig. Ich meine mit unfertig nicht schlecht sondern Fotos, die auf ihre Art etwas festhalten konnten, was sonst nie dokumentiert worden wäre. Ich habe zum Beispiel oft nur eine kleine Kamera dabei gehabt und musste damit arbeiten. Das hatte technische und situative Probleme zur Folge. Aber es war oft der einzig mögliche Weg.

So wird die Zukunft hier und anderswo bei mir dazu führen, sich mehr diesen Fragen zuzuwenden und bewusst das Feld der Bildermassen anderen zu überlassen.

Wir leben im Zeitalter der Massen

„Es gibt eine Tatsache, die das öffentliche Leben Europas in der gegenwärtigen Stunde – sei es zum Guten, sei es zum Bösen – entscheidend bestimmt: das Heraufkommen der Massen zur vollen sozialen Macht…. Wir nähern uns dieser historischen Erscheinung vielleicht am besten, wenn wir uns auf eine visuelle Erfahrung stützen und einen Zug der Zeit herausheben, der mit den Augen zu sehen ist. Es ist leicht aufzuweisen, wenn auch nicht leicht zu analysieren; ich nenne ihn die Tatsache der Anhäufungen, der Überfüllung. Die Städte sind überfüllt mit Menschen, die Häuser mit Mietern, die Hotels mit Gästen, die Züge mit Reisenden… Was früher kein Problem war, ist es jetzt unausgesetzt: einen Platz zu finden.“

Das schrieb Jose Ortega y Gasset 1930. Heute würden wir schreiben: Es gibt eine Tatsache, die das (digitale?) Leben entscheidend bestimmt, das Heraufkommen der digitalen Bildermassen….

Und so bleibt die Aufgabe, darin einen Platz zu finden und damit umzugehen. Dies geht nur, wenn man von den Bildermassen wegkommt und bei dem Einzelbild und der Serie ankommt.

Vielleicht gibt es „die“ Lösung auch noch gar nicht. Dann lohnt sich die Suche danach. Dazu begibt man sich einfach auf den Weg. Das wäre dann ein neues Thema.

Über den wissenschaftlich-methodischen Umgang mit Fotografie und Film von Irene Ziehe und Ulrich Hägele (Hg.)

Dieses Buch dokumentiert die Tagung „Visuelle Medien und Forschung. Über den wissenschaftlich-methodischen Umgang mit Fotografie und Film“, die 2010 in Berlin stattgefunden hat.

Folgende Themen der Tagung werden in dem Buch dokumentiert:

  • Manuela Barth, Ulrich Hägele, Torsten Näser, Irene Ziehe: Fotografie und Film: Forschungsfeld und wissenschaftliche Methode
  • Thorolf Lipp und Martina Kleinert: Im Feld – im Film – im Fernsehen. Über filmende Ethnologen und ethnografierende Filmer
  • Lena Christolova: Zwischen den Chiffren von Regnault und der Taxidermie von Flaherty. Wissenschaftsanspruch und Massenkulturphänomene im ethnografischen Film zwischen 1895 und 1931
  • Ulrich Hägele: Forscher im Fokus der Fotografie. Zur visuellen Konstruktion ethnografischer Wissenschaft
  • Ralf Forster und Volker Petzold: Erich Wustmann – mit Fotografie und Film über „fremde Kulturen“ erzählen
  • Markus Schindlbeck: Fotografie am Mittelsepik in Neuguinea: Inszenierung und Motiv
  • Rainer Alsheimer: Jakob Spieth als Ethnologe. Zwei fotoanthropologische Fallstudien
  • Manuela Fischer und Augusto Oyuela-Caycedo: Der zeitlose Rahmen. Fotografien aus der Sierra Nevada de Santa Marta, Kolumbien
  • Ingrid Peckskamp-Lürßen: Richard Fleischhut: Ein Fotograf und Filmer als Ethnograf
  • Cordia Schlegelmilch: „Zeit ohne Bilder“ – Ein Widerspruch zur medialen Präsenz in der Zeit der Wende?
  • Matthias Bullinger und Thomas Overdick mit einem Text von Peter Schanz Blaue Tage und Container. Die maritimen Bilderwelten von Peter Schanz
  • Sven Stollfuß: Bewegt-Bilder in der Medizin: der technisch zugerichtete ärztliche Blick zwischen Epistemologie und Spektakel
  • Thomas Abel: Bilder zweiter Ordnung. Untersuchung digitaler fotografischer Portraitpraxis mittels Fotografie(n)
  • Larissa Schindler und Tobias Boll: Visuelle Medien und die (Wieder-)Herstellung von Unmittelbarkeit
  • Anna Christina Stoffregen, Martin Jonas, Michaela Haibl: Wahrnehmung als Mittel zur Materialgenerierung – Wahrnehmung als Indikator
  • Neele Behler: Entgrenzte Forschung an entgrenzter Arbeit. Ein Essay über Grenzgänge im Entstehungsprozess einer Abschlussarbeit
  • Eva Lüthi: Ethnografische Fotografie im Einkaufszentrum

Visuelle Anthropologie ist also so groß wie das Gebiet des Visuellen. So lebt dieser Band von der systematischen Durchdringung einzelner kleiner Themen. Die Begrenzung erhöht in diesem Fall den inhaltlichen und visuellen Wert. Da ich mich vorrangig mit Dokumentarfotografie beschäftige, war die ethnografische Wissenschaft für mich eher neu.

Bis zu dem Punkt an dem Ulrich Hägele darauf verwies, dass für Pierre Bourdieu die Fotografie eine „überbrückende Funktion in der wissenschaftlichen Biografie (einnahm, M.M.): Sie diente einem transdisziplinären Herangehen in Abkehr von seiner frühen, übewiegend strukturalistisch geprägten Positionierung“ (S. 71).

Das Buch spannt einen weiten Bogen. Alle Beiträge sind sehr interessant. Es würde sich lohnen, sie einzeln und diskutierend vorzustellen. Das würde aber den Rahmen dieser Rezension sprengen.

Daher möchte ich mich auf zwei Autorinnen bzw. Autoren beschränken, Thomas Abel und Cordia Schlegelmilch.

Thomas Abel hat in seinem Beitrag „Bilder zweiter Ordnung“ sehr schön dargestellt, dass Bilder heute nicht mehr nur ein Gegenstand sind, den wir nutzen und betrachten. „Vielmehr dienen fotografische Apparate und verwandte (audio)-visuelle Bildmedien wie Film und Video als Forschungsinstrumente und werden zur Bearbeitung von Fragestellungen in der empirischen Datenerhebung beziehungsweise der Datenanalyse eingesetzt“ (S. 200).“ Dies macht die visuelle Soziologie.

Das halte ich für sehr interessant, weil es zurückführt zu den „sozialen Praktiken seiner Produktion“ (Burri). Und damit sind wir bei den sozialen Gebrauchsweisen. Das wird gerade jetzt mit der multiplen Vermassung der Fotos eine interessante Frage, die zukünftig sicherlich eine wachsende Rollen spielen wird..

Wie man ganz praktisch vorgeht, ist in dem Buch ethnografisch und sozial an einigen Beispielen ausführlich dargestellt worden.

Ich möchte für die sozialen Veränderungen das Beispiel von Cordia Schlegelmilch nehmen in ihrem Beitrag „Zeit ohne Bilder“.

Sie dokumentierte nach der Wende in Wurzen in Sachsen die soziale Situation, lebte dort in einer Familie und arbeitete mit Tonband und Kamera.

Die Ergebnisse wurden als Buch und als Ausstellung veröffentlicht und zeigen, wie gut, wie aufwendig und wie schwierig so etwas ist – und wie interessant, wenn es eingeordnet wird.

Es ist Sozialgeschichte, es ist Regionalgeschichte und es ist gute Dokumentarfotografie. Lesen Sie einfach im Buch den Artikel von Frau Schlegelmilch. Es lohnt sich.

Dieses Buch ist eine sehr seltene Dokumentation von wichtigen Themen. Aus Sicht der Geschichtsschreibung ist im Bereich Überrest und Tradition ein Medium hinzugekommen, aus Sicht der Soziologen ein neues Messinstrument zeitgenössischer Forschung.

Insgesamt ist dieses Buch eine echt gelungene Sammlung zum Thema anthropologische Diskussion, visuelle Soziologie und praktische Dokumentarfotografie.

Gut gemacht!

Das Buch ist im Waxmann-Verlag erschienen.

Irene Ziehe, Ulrich Hägele (Hrsg.)
Über den wissenschaftlich-methodischen Umgang mit Fotografie und Film,
Visuelle Kultur. Studien und Materialien, Band 5,
ISBN 978-3-8309-2515-6

Die Offline und die Online Fotografie oder warum für Handyfotografen Demokratie und Datenschutz wichtig sind

Foto: Michael Mahlke

 

Ja so kann es gehen. Während ich und andere sich eine Menge Gedanken zum richtigen Umgang mit Persönlichkeitsrechten auf Fotos machen, ist die neue Onlinewelt schon weiter.

Folgende Informationen machen mich stutzig (leider habe ich bisher nirgendwo gelesen, dass dies nicht stimmt):

So gibt es also erhebliche Unterschiede zwischen der bisherigen digitalen Fotografie, die offline war, und der neuen Fotografie, die online ist:

  • Wer ein gedrucktes Fotobuch liest, der wird weder überwacht noch wird aufgezeichnet, was und wie lange er gelesen hat.
  • Wer eine normale digitale Kompaktkamera oder eine DSLR hat, der entscheidet selbst, was er mit seinen Daten auf der Speicherkarte macht.

Was bedeutet das?

Menschen neigen dazu, Dinge zu nutzen, die möglich sind.

Daher wird durch

  • die Speicherung dieser ganzen Daten im grossen Stil durch Privatunternehmen und ungeregelt von Staatsdiensten,
  • die fehlende Kontrolle der Daten durch die „Clouds“
  • und die weichen Datenschutzbestimmungen kaum etwas getan,

um die Menschen zu schützen. Und dieser notwendige Datenschutz ist ja auch nur in Demokratien mit Transparenz und Kontrolle möglich.

In anderen Ländern wurden und werden diese oder ähnliche Daten  ja schon heute gegen die Menschen eingesetzt: „Mitte 2009 wurde bekannt, dass die iranische Polizei Facebook-Profile verwendet, um bei Verhören den Freundeskreis von Regimegegnern und Demonstranten auszumachen und namentlich zu identifizieren.“

Und dieser Bericht von tagesschau.de, der in der wikipedia erwähnt wurde, ist mittlerweile spurlos gelöscht, so dass man diese Praktiken nicht mal mehr dokumentieren kann – wegen des Staatsvertrages (!!!).

Das läßt sich wohl endlos fortsetzen, je nach Land, Transparenz, politischem System und der Stabilität von Grundrechten, der Meinungs- und der Pressefreiheit.

Und gerade einige der Unternehmen, die diese Daten speichern, zeichnen sich z.T. nicht dadurch aus, Diktaturen oder politische Systeme mit einem intransparenten Verhältnis zur Demokratie besonders zu meiden, solange das Geld nicht stinkt – so ist zumindest mein Eindruck.

Und „Datenskandale“ gab es doch schon genug!

Man könnte aus der Geschichte lernen und dies rigoros lösen durch gute Gesetze und klare Kontrollen, zumindest in den Demokratien als Bollwerke. Doch da wird schon geschwächelt. Stattdessen wird es eher wie bei der Zerstörung der Welt sein. Wir können sie dokumentieren während andere davon profitieren, so paradox dies alles ist.

Hat das was mit Fotografie zu tun?

Wenn sie mehr sein soll als eine Blende und ein Verschluss, dann schon – zumindest hier, wo es um Dokumentarfotografie und Menschenrechte geht. Denn wer ernsthaft Dokumentarfotografie betreibt, für den sind die Themen und Probleme hier nicht überraschend.

Dokumentarfotografie zeigt ja gerade die Schattenseiten der Macht und des Menschen auch auf, wenn sie sie auch mit Licht malt….

Aber manchmal muss man sie auch in einen Zusammenhang bringen. Und die Frage nach den sozialen Gebrauchsweisen der Online-Fotografie führt automatisch zu der Antwort, dass man quasi zeigt, was man wann und wo fotografiert hat und mit wem man was, wann und wo was zu tun hatte.

Und sobald man dann Kerneuropa verläßt und in Länder kommt, in denen andere Regeln gelten, könnte das Handy oder Smartphone im Zweifel dort schon in den falschen Händen mächtig Ärger bedeuten. Und das kann spätestens Otto Normalverbraucher schon im „Urlaub“ passieren und Geschäftsleuten noch viel früher am Rande der EU oder darüber hinaus.

Daher lohnt es sich für Handyfotografen besonders, sich zu engagieren und sich für Demokratie, Datenschutz und Transparenz einzusetzen.

Und damit schliesst sich dann der Kreis. Denn wer für Grundrechte, Meinungsfreiheit und Pressefreiheit ist, der müsste logischerweise auch für das Recht am eigenen Bild sein.

 

Ist Photos.com eine Marke?

Beim Wandern durch die Weiten des Internets stösst man unweigerlich auf Dinge, die im Hintergrund offenkundig ablaufen. Wenn man beim Deutschen Patentamt nach Marken mit dem Begriff „Photos“ sucht, dann fällt auf, dass von 33 Treffern sieben Treffer sich allein mit „Photos.com“ beschäftigen.

Kann man ein allgemeines Wort mit einer Domainendung als Marke schützen? Und welche Folgen hat das? Wenn ich das richtig sehe, dann ist das Wort „Photos“ ein allgemeines Wort der englischen Sprache und unterscheidet sich nur durch die Domainendung. Im Deutschen wäre es das Wort „Fotos“.

Wäre dann das Wort nur mit der Endung geschützt oder könnte man dann aus dem Wort „Photos“ allein Rechtsansprüche gegenüber Dritten ableiten? Was wäre dann eigentlich, wenn jemand eine Domain wie z.B. „Photos-XXL.xxx“ registrieren würde?

Und weiter: würden dann Anwälte auch sagen, das deutsche Wort „Fotos“ hört sich so an wie das englische Wort „Photos“ und weil Verwechslungsgefahr bestehen könnte hat man Urheberrechte verletzt? Wären dann auch alle von Photos abgeleiteten Wörter wie Photos-online etc. monopolisiert?

Puuuuh!!! Wenn das so käme, dann wären ja faktisch die Wörter „Photos“ (und Fotos?) doch weltweit monopolisiert – oder?

Fragen über Fragen, die aber geklärt werden müssen, auch im Sinne der Menschen.

Darf man dann Wörter gar nicht mehr benutzen?

Nun denn. Offenkundig bin ich nicht der einzige, der sich diese Fragen stellt. Im Amtsblatt der Europäischen Union vom 27.08.2011 wird eine Klage von Getty Images veröffentlicht: „Klagegründe: Verstoß gegen Art. 7 Abs. 1 Buchst. b und c in Verbindung mit Art. 7 Abs. 3 der Verordnung Nr. 207/2009 des Rates, da die Beschwerdekammer (i) zu Unrecht festgestellt habe, dass die angemeldete Marke für die beanspruchten Waren/ Dienstleistungen beschreibend sei,…“

Vielleicht passt dazu auch ein Artikel, der spekuliert, ob Carlyle Getty Images kaufen will.

Es ist sehr interessant, dies alles zu verfolgen. Ich bin gespannt, was dabei rauskommt.

Übrigens, dieser Artikel stellt nur meine persönlichen Überlegungen und Meinungen dar.

 Text 1.1

Rote Distel von Davide Monteleone

Foto: Michael Mahlke

Die Jury hat gut gewählt. Die rote Distel ist das Symbol der kaukasischen Kämpfer. Sie ist auch der Titel des Buches von Davide Monteleone und Lucia Sgueglia. Beide bereisten die Region und es entstand ein Buch mit Fotografien und Texten von besonderer Art.

Erzählt werden die Geschichten von Familien, Frauen und Männern, die dort leben und sterben. Wir erleben das Unrecht von Krieg und sozialen Kämpfen und die Probleme von Fanatismus und fehlender Toleranz. Das zutiefst Menschliche zeigt sich dort in allen Facetten.

Die dort gezeigten Menschen könnten wir selber sein. Was würden wir tun ohne Demokratie und mit der Macht der Gewehre?

Die Fotos von Davide Monteleone in dem Buch sind auf den ersten Blick eher surreal. Blättert man das Buch durch und sieht die Fotos, dann denkt man im ersten Augenblick an eine fotografische Geschichte Richtung moderne Fotokunst.

Wenn man dann die Erzählungen liest, erschliesst sich hinter jedem Foto eine ganze Welt. Man blickt ganz anders auf jede einzelne Fotografie und nimmt sie viel mehr wahr.

Und dann kommt noch der dritte Blick. Liest man im Anhang die Erklärungen zu den einzelnen Fotografien, dann öffnet sich wiederum eine neue Welt. Es ist dieses Mal die politische Gegenwart, die man dort spürt.

Das Buch ist unglaublich spannend, wenn man sich darauf einläßt. Die Texte und Fotos verschmelzen dann irgendwie zu einer poetischen Dimension von Dokumentarfotografie. So werden Gefühle, Blicke in die Seele und zutiefst menschliche Seiten sichtbar.

Es ist poetische Dokumentarfotografie. Gibt es das?

Zumindest ist dieses Buch mehrdimensional und es öffnet sich den Leserinnen und Lesern immer mehr. Es ist nicht langweilig und man legt es nicht nur weg sondern nimmt es auch wieder in die Hand. Es öffnet die Tür zum Verständnis einer Region und seiner Menschen.

Beim Lesen der Erzählung „Die Liste“ spürt man, dass man auf einmal mit Problemen konfrontiert wird und Begriffen, die im eigenen Leben keine Rolle spielen. Was sind Wahhabiten, warum wurde Murad ermordet?

Die Erzählung endet mit den Sätzen „Die Liste der Wahhabiten. So nennen sie uns. Weil wir nur Gott gehorchen… Sie hingegen haben viele Gesetze… doch wenn diese Gesetze nicht einmal von den Männern des Staates eingehalten werden, warum sollten wir sie dann achten? Jetzt, da ich nichts mehr zu erwarten habe, möchte ich nach oben, ins Paradies. Murad wartet dort auf mich. Ich weiß es.“

So erfahren wir, warum manche Dinge nie enden und offenbar zur Menschheit gehören. Auch dies macht das Buch so beeindruckend. Es ist ein Spiegel des menschlichen Charakters, wir sehen uns selbst, wenn wir hinschauen statt wegzuschauen.

Allen Beteiligten ist es gelungen, dem Thema ein fotografisches und poetisches Gesicht zu geben – herzlichen Glückwunsch!

Zudem ist das Buch wunderbar gebunden und verarbeitet. Es ist im Kehrer-Verlag erschienen.

Rote Distel
von Davide Monteleone, Lucia Sgueglia
ISBN 978-3-86828-294-8

Canon EOS 1100D, Das Handbuch zur Kamera von Dietmar Spehr

Das Buch lohnt sich sehr, wenn man Fotografieren lernen will mit der Canon EOS 1100D. Der Autor Dietmar Spehr scheint mit „Liebe“ an das Thema heranzugehen und so ist ein Buch gemacht worden, welches dazu anregt, es ebenso mitzunehmen in den Urlaub wie die Canon EOS  1100D.

Die 1100D ist eine Einsteigerkamera. Aber was ist eine Einsteigerkamera?

Es bedeutet, dass es viele Hilfsmittel in der Kamera gibt, um gute Bilder zu machen. Es bedeutet keine Qualitätseinbussen.

Und so hat Dietmar Spehr ein Buch geschrieben, das sich völlig befreit vom Ballast alten fotografischen Denkens der Gegenwart zuwendet. Die Botschaft lautet, nimm die Kamera und fang an zu fotografieren!

Und wenn du verstehen willst, was du tust oder warum etwas nicht funktioniert, dann schaue in dieses Buch.

Aber das Buch hat einen Vorteil, der weit über das „Handbuch“ hinausgeht. Tatsächlich kann man das Buch von vorne bis hinten lesen und hat dabei eine wunderbare Einführung in die Digitalfotografie.

Foto: Michael Mahlke

Man lernt quasi spielerisch die optischen und technischen Bedingungen kennen wie Cropfaktor, Brennweite, Aufnahmestandort etc.

Dietmar Spehr nutzt aber auch Exkurse wie „Problemzonen der Belichtung“. Dabei gibt er Hinweise, die zeigen, dass das Buch über den Anfängerstatus hinaus Übungsmaterial zur Weiterentwicklung enthält.

„Gerade bei einer kritischen Konstellation empfiehlt es sich, eher zu den Lichtern hin zu belichten. Das Wiederherstellen von leicht überbelichteten Stellen funktioniert wesentlich besser als das nachträgliche Aufhellen dunkler Bereiche.“

Das stimmt, wenn man es so fein im Auge behält. Und genau dazu beschreibt er mit vielen Beispielen das Histogramm als Hilfsmittel, um dies auch erreichen zu können.

So ist dieses Buch ein gut gemachtes Buch, gut gebunden, gutes Layout und gut zu lesen.

Wer so etwas sucht, der hat es hier gefunden.

 

Das Buch ist im Vierfarben-Verlag erschienen.

Dietmar Spehr

Canon EOS 1100D, Das Handbuch zur Kamera

ISBN 978-3-8421-0039-8