Der blinde Fleck in der Dokumentarfotografie

Foto: Michael Mahlke

Wenn wir uns die aktuelle Berichterstattung in den Medien anschauen, dann erleben wir eine seltsame Medienkarawane. Sie zieht immer zu den Brennpunkten des Geschehens und suggeriert eine eindimensionale bunte Welt.

Aber das reicht nicht. Die dabei entehende Dokumentarfotografie sollte eigentlich darüber hinaus gehen und da anfangen, wo die Medienkarawane aufhört.

Ich habe zum Thema Tod des kritischen politischen Fotojournalismus an anderer Stelle geschrieben: „Wenn wir über das Internet sprechen und die GEZ bezahlten und privaten digitalen Angebote, dann gibt es weder multimediale Filme über das Geschäft der Grossen und Mächtigen noch Fotos über politische Szenen aus dem Berliner Leben. So gut wie nichts ist an exponierten Stellen zu finden. Was machen die Reporter eigentlich die ganze Zeit?“

Sehr schön hat dies alles Axel Schmidt auf einer Tagung dargestellt. Sein Vortrag zeigt auch die Propagandafotografie, die von der Politik heutzutage betrieben wird. Aber nicht nur das. Der Vortrag ist eigentlich eine der besten Darstellungen aus dem Leben eines Fotoreporters mit all seinen Tücken und Kanten, die ich gesehen habe. Und er ist nie langweilig.

Aber das ist nur ein Aspekt.

Einen anderen Aspekt für die blinden Flecke in der Dokumentarfotografie hat Stephen Mayes genannt: „Ein bedeutender Teil der Realität bleibt auf der Strecke. Vermutlich sind Konventionen der Grund.“

Und er nennt ein Beispiel: „Dennoch glaube ich, dass es viele unwichtige Themen gibt, die enorm überrepräsentiert sind. Ein Beispiel war das Thema Drogen. Es gibt ein unglaubliches Problem der Drogensucht in der Mittelklasse in  Nordamerika und Europa. Doch darüber wird nicht berichtet. Berichtet wird über arme Drogensüchtige. Als ob Drogengebrauch ein Thema der Armen, der verelendeten Gegenden ist.“ (in photonews 4/12).

Und damit kommen wir zum digitalen Paradoxon. Es entstehen immer mehr Fotos von immer weniger Themen. Was mir bei meinen Streifzügen durch die digitale Welt aufgefallen ist, hat Stephen Mayes, Geschäftsführer eine Agentur für „Konfliktfotografie“, auf die Formel gebracht, dass 90 Prozent der Nachrichten sich mit 10 Prozent der Welt beschäftigen.

Der blinde Fleck ist also riesig.

Es gibt genug, was noch fotografiert werden könnte und sicherlich interessant wäre. Wer nur mal einen Blick auf die Bilder des Jahres wirft, der sieht, wie unterschiedlich die Betrachtungsweise auch im Internet je nach Kontinent ist.

Aber wer soll das bezahlen und wer interessiert sich dafür?

Dokumentarfotografie scheint kein Geschäftsmodell zu sein obwohl eine freie Gesellschaft gerade die Aufgabe hätte, solche Projekte zu fördern, weil sie eine wesentliche Leistung in einer demokratischen und freien Gesellschaft erbringen.

Ereignisse werden heute gepostet mit Handys und übers Internet. Reporter/Journalisten kommen erst später ins Spiel und sollen eigentlich das Ganze in einen Zusammenhang stellen und transparent darstellen. Journalistinnen und Journalisten sind heute Aufbereiter von Informationen über Ereignisse, die geschehen sind.

Das ist eigentlich gut für kritischen Journalismus, weil Recherche und Zusammenhänge eine neue Rolle spielen. Aber freie Presse gibt es nicht überall und dort, wo sie ist, ist sie oft nicht frei für die Realität sondern frei für spezielle Interessen.

Pressefreiheit ist ein hohes Gut und gerade in Kerneuropa ist die freie Berichterstattung ein wesentliches Merkmal unserer Gesellschaft. Daher ist es eine gefährliche Entwicklung, wenn die blinden Flecke riesig sind und kaum darüber gesprochen wird.

Dokumentarfotografie ist mehr als Ereignisfotografie. Sie ist Themenfotografie und Serienfotografie, weil es um eine tiefere Betrachtung mit verschiedenen Gesichtspunkten geht.

Ich wollte mit diesen Zeilen auf die blinden Flecken hinweisen, die eben dazu führen, dass man viele Dokufotos über Armut und Elend woanders oder in Brennpunkten und anderes hat und so gut wie nichts über Probleme, die hier bei uns echt vorhanden sind in Mittelschichten, in Oberschichten etc..

Das ist übrigens dann eine soziale Gebrauchsweise der Dokumentarfotografie. Sie dokumentiert das Elend der anderen, von denen ich mich abgrenzen kann.

Und sie dokumentiert im Umkehrschluß auch uns selbst: wie wir sehen, wie wir die Welt sehen und was wir nicht sehen.

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