Monthly Archives: April 2012

Fotografie als Instrument der Datenerhebung oder zwischen visuellem Wissen und visueller Soziologie

Foto: Michael Mahlke

Es hat sich was verändert. Aus analog wurde digital. Und die Menschen lernten auch neu zu sehen. Seit einiger Zeit gibt es neue Begriffe, die sich langsam etablieren. Dazu gehört der Bereich der visuellen Soziologie.

Was ist visuelles Wissen und was ist visuelle Soziologie und wie verändert dies die Wahrnehmung und das Dokumentieren?

Vom Text zum Bild

Ganz banal sieht man diese Veränderungen auf immer mehr Webseiten. Waren es früher Texte, dann Texte und Bilder – so sind es jetzt zunehmend Videos mit bewegten Bildern und Stimmen.

Und in diesem Prozess bekommt auch die Fotografie eine weitere Rolle, nämlich als Element der Datenerhebung. Fotografie als „Instrument der Datenerhebung“ ist quasi die Schnittstelle vom Eindruck zum Bild bzw. Bilderzeugnis.

Das visuelle Alphabet

„Die Fotografie ist das ideale Basismedium für visuelle Alphabetisierung.“ Dieser Gedanke von Edwin Stiller aus einem Aufsatz enthält einen neuen Weg zur Entdeckung der Welt.

Kann man die Wirkung von Bildern messen? Stefan Selke hat dieses Thema auf einer sehr schönen Webseite angesprochen, die weiterdenken läßt.

Bilder zwischen wirken und messen

Sybilla Tinapp hat darüber sogar promoviert „Visuelle Soziologie – Eine fotografische Ethnografie zu Veränderungen im kubanischen Alltagsleben“. Sie probiert August Sander auf kubanisch aus (unwissenschaftlich gesprochen) oder in ihren Worten:

„Ähnlich wie sich die „dichte Beschreibung“ (Clifford Geertz 1983) auf die Sprache verlässt, wird hier in einer Methodologie der ‚visuellen, fotografischen Verdichtung‘ auf das Sehen, die Beobachtung und das (verdichtende) Visualisieren von Beobachtungen gesetzt. Hierbei dient ein früherer Vertreter der sozialdokumentarischen Fotografie als Vorbild: August Sander (1929), der in seiner ’soziologischen‘ Dokumentation der deutschen Gesellschaft das analytische Typisierungspotential der Fotografie genutzt hat. Genau wie bei Sander ist auch in dem hier gewählten fotografischen Verfahren nicht der willkürliche Schnappschuss das Ziel, sondern in Absprache mit den Akteuren ein methodisch kontrolliertes Erfassen ihrer typischen Posen, ihrer Selbstdarstellungen in typischen Situationen und Milieus. Dieser Neuansatz einer visuellen Soziologie als ‚visueller fotografischer Verdichtung‘ wird in einer Fallstudie demonstriert und getestet: an den visuellen Typisierungen von alltäglich-lebensweltlichen Transformationsprozessen in Kuba. Am Ende dieser Fallstudie steht ein eigenständiges und rein visuelles Endprodukt der ethnografischen Untersuchung. Dieser Bildband besteht ausschließlich aus in Bildsequenzen angeordneten Fotografien. Auf jeglichen Textkommentar wurde bewusst verzichtet.“

Die Doktorarbeit ist übrigens unter dem obigen Link abrufbar.

Hintergründe und die Geschichte visueller Methoden gibt es besonders gut dargestellt in diesem Foliensatz.

Und u.a. an der Uni Köln hat man zur visuellen Soziologie ebenso wie an der Uni Erlangen und an der Uni Wien Seminare durchgeführt, wobei die Ergebnisse und viele andere hochinteressante Materialien von den Teilnehmern des Seminars an der Uni Wien interessierten Leserinnen und Lesern im Internet zur Verfügung gestellt worden sind.

Dies dort zu lesen lohnt sich wirklich.

Es tut sich also etwas und es hat sich etwas getan bei der „visuellen Neuvermessung“ der sozialen Welt.

Wenn sie den Verlinkungen dieses kleinen Artikels folgen, dann haben sie eine interessante Zeit vor sich, die ihnen tiefe und breite Einblicke in die visuelle Soziologie ermöglicht – und in die Fotografie.

Ich wünsche Ihnen dabei viel Spass!

 

 

Der Bilderalltag. Perspektiven einer volkskundlichen Bildwissenschaft von Helge Gerndt und Michaela Haibl (Hg.)

Das Buch über den „Bilderalltag“ von Helge Gerndt und Michaela Haibl (Hg.) aus dem Waxmann-Verlag ist ein Buch für die digitale Welt.

Es gelingt in diesem Sammelband, die neue Art zu sehen und zu denken in Worte zu fassen.

Den Bogen spannt die Frage nach den Möglichkeiten einer Volkskunde für die digitale Welt. Den Inhalt machen Detailuntersuchungen und zusammenfassende Texte zu wesentlichen Veränderungen  im Umgang mit Text und Bild und Video aus.

So zeigt Albrecht Lehmann in seinem Aufsatz „Bilder als Vorbild“ am Beispiel von Landschaftsaufnahmen und Landschaftsschilderungen, wie wichtig das eigene Bildgedächtnis für die eigene Orientierung in der Welt ist.

Die Überschrift öffnet schon eine Tür, deren Dimensionen enorm sind.

Wenn unsere inneren Bilder unsere Vorbilder sind, dann ist die Frage nach unseren Bildern entscheidend für das Verstehen unseres Denkens und unseres Handelns.

Nun wissen wir ja, dass unser Gehirn nicht zwischen „echten“ und „unechten“ Bildern unterscheiden kann. Daher sind Anspannung und Weinen im Fernsehen eine normale Zuschauerreaktion.

Foto: Michael Mahlke

 

„Vilem Flusser ist der Ansicht, daß im späten 20. Jahrhundert die audiovisuellen und alphanumerischen Formate, solche, die über Fotos, Filme, Fernsehen und digitale Welten vermittelt werden, den logisch-rationalen Diskurs der Schriftkultur nachhaltig ablösen. Das bisher dominierende Wort stehe in einem harten Verdrängungskampf mit dem Bild.“

So beginnt ein Abschnitt im Aufsatz von Christoph Köck zum Thema „Bilderfolgen. Wahrnehmungswandel im Wirkungsfeld Neuer Medien“.

Köck unterteilt drei Wirkungsphasen der Veränderung von „Wahrnehmungsmodalitäten“.

  • Ab Mitte der 60er Jahre erhöht sich die Präsenz von Bildern im Alltag
  • Ab Mitte der 1980er Jahre zerschneiden zunehmend Videoclips und Bilder „die Welt in bruchhafte Stücke“
  • Ab Mitte der 90er Jahre erfolgt mit der Zunahme der digitalen Medien und der Interaktion der „Iconic turn“, die Hinwendung zum Bild in quasi allen Alltagskontexten

Es entsteht kein Analphabetismus sondern eine „neue Sprache“, die zeichen- und bildgesteuert ist.

Und an anderer Stelle weist er darauf hin: „Wir leben heute nicht nur mit den Bildern…, sondern zunehmend auch in den Bildern… Die Flüchtigkeit, die den elektronischen Umgang mit den Bildern … kennzeichnet, macht es in der Folge immer unwahrscheinlicher, Informtionen als Bausteine des kulturellen Gedächtnisses zu definieren.“

Später in diesem Buch wird sehr detailliert die Frage diskutiert, ob man Bilder lesen kann und wenn wie.

Burkhart Lauterbach untersucht dann fotografische analytische Anleitungsmodelle und viele andere Autorinnen und Autoren zeigen bis hin zu Nazisymbolen, Trachten und Möbeln sehr detailliert, wie man Bildern sehen kann und wie sich das „Sehen“ wandelt.

Insgesamt ist dieses Buch eine kaum zu ersetzende Bestandaufnahme wesentlicher Elemente des Wandels unserer Welt.

Und es ist auch deshalb so gut, weil es knapp fünf Jahre nach seinem Erscheinen noch aktueller geworden ist zum Verstehen der Prozesse, die gerade ablaufen.

Das Buch hat einen besonderen Stellenwert, weil es zeigt, dass Dokumentarfotografie noch wichtiger wird, da die Wahrnehmung noch flüchtiger wird.

Dokumentarfotografie hat die Chance, die Flüchtigkeit zu dokumentieren und dadurch Baustein einer neuen Form des Festhaltens und ein Teil eines visuellen Gedächtnisses zu werden. So wird der Zeitgeist festgehalten und Teil der Geschichte.

Eine echte Empfehlung – und noch erhältlich.

Helge Gerndt, Michaela Haibl (Hrsg.)

Der Bilderalltag

Perspektiven einer Volkskundlichen Bildwissenschaft

Münchner Beiträge zur Volkskunde, Band 33, 426 Seiten, broschiert, 29,90 €,

ISBN 978-3-8309-1553-

Fotografieren ohne Objektiv

Abgerissen - Foto: Michael Mahlke

Am 29. April ist Pinhole day. Wer an diesem Tag Fotos mit der Lochkamera macht, der kann seine Fotos bei www.pinholeday.org hochladen.

Sie haben keine Lochkamera?

Bohren Sie ein Loch

Dann machen Sie es doch so, wie auf heise.de empfohlen: bohren sie ein Loch in den Kameradeckel ihrer Systemkamera und schon kann es losgehen.

oder nutzen Sie digitale Filter

Wem dies so nicht gefällt, dem empfehle ich einen anderen Weg. Fotografieren sie ganz normal und nutzen Sie die Möglichkeit der digitalen Filter. So gibt es z.B. bei Olympus einen Art-Filter für die Lochkamera und bei der Pentax K-R ist der Filter ebenfalls schon eingebaut.

Viel Spass!

 

Schön & Hässlich - Foto: Michael Mahlke

Wie man mit der Dokumentarfotografie Geschäfte macht oder wer gewinnt zahlt drauf?

Foto: Michael Mahlke

Umsonst ist nicht genug

Da gibt es nun eine Ausschreibung für einen Fotowettbewerb. Dort lese ich:

„Mit der Ausstellung ACHTUNG?! – RESPEKT, KONTROLLE, VERÄNDERUNG im Münchner Stadtmuseum schafft FotoDoks Raum für fotografische Arbeiten, die sich auf besondere Art den Themen unserer Zeit widmen, die Beziehung des Fotografen zur Welt beleuchten und einen reflektierten Umgang mit dem Bild zeigen. Gemeinsam mit dem diesjährigen Partnerland Großbritannien (UK) setzt sich FotoDoks mit der aktuellen Dokumentarfotografie, den Fotografen und den Fotografierten auseinander.

Die Ausstellung wird am 17. Oktober 2012 im Münchner Stadtmuseum eröffnet und ist dort bis zum 25. November zu sehen.“

So ist es also in München möglich, Dokumentarfotografie zu zeigen. Also werfe ich einen Blick auf die Ausschreibungsbedingungen und dort finde ich folgende Sätze:

„Ausstellung

Die Ausstellung FotoDoks findet vom 17.10.2012 bis zum 25.11.2012 im Münchner Stadtmuseum statt.

Die ausgewählten Fotografen werden bis zum 15.08.2012 per E-Mail benachrichtigt.

Die Gestaltung der Ausstellung erfolgt durch den Veranstalter im Einvernehmen mit dem/der Fotograf/in. Die endgültige Entscheidung obliegt dem Veranstalter. Wir behalten uns vor, kurzfristig Exponate z.B. aus technischen oder versicherungstechnischen Gründen von der Ausstellung auszunehmen.

Jede/r Teilnehmer/in ist für die Erstellung der Abzüge oder Prints in galerieüblicher Qualität selbst verantwortlich. Die Art der Präsentation ist mit dem Veranstalter abzusprechen.

Die Teilnehmer/innen der Ausstellung, tragen selbst die Kosten und Verantwortung für die Anlieferung und Hängung der Fotografien.

Kosten für die Rücksendung in maximaler Höhe von 50,- Euro werden übernommen. Darüber hinausgehende Kosten trägt der Teilnehmer selbst.

Die Anwesenheit zur Hängung (15. & 16.10.) ist verpflichtend und eine Teilnahme am Festival (vom 17.10.-21.10 2012) erwünscht.

Jede/r ausgewählte Teilnehmer/in ist verpflichtet einen Pressetext zu seiner Arbeit bis spätestens 01.09.2012 in digitaler Form zu übermitteln.

Jede/r Teilnehmer/in willigt ein, dass der Aussteller eines oder mehrere Bilder im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit für die Ausstellung und den Wettbewerb reproduzieren und verbreiten darf.“

Alles umsonst aber dafür nicht kostenlos

Das Ganze ist meiner Meinung nach ein Musterbeispiel für die Feststellung, dass Dokumentarfotografie kein Geschäftsmodell ist. Wer mitmacht und zugelassen wird, muss so gut wie alles selber bezahlen und erlaubt sogar noch die nicht weiter spezifizierte kostenlose Verbreitung seiner Fotos laut dieser Infos.

Da braucht es keine Urheberrechtsdebatte um Bezahlsysteme, wenn Teilnehmer nicht nur selbst zahlen sondern dafür auch noch ihre Rechte abgeben.

Wenn man sich gleichzeitig die Liste der „Premium Partner“ anschaut, dann fragt man sich schon, wer und was wird da bezahlt, wenn die Teilnehmer und ihre Fotografien – also der Kern der Sache – fast alles selbst bezahlen müssen.

(Wichtig: Es gibt zu diesem Artikel eine Anmerkung von Jörg Koopmann, der für die Veranstalter von fotodoks spricht und darauf hinweist, dass diese Ansichten von mir so nicht stimmen. Ich kann das nicht überprüfen, verweise aber in diesem Beitrag schon auf die Kommentarbeiträge am Ende dieses Artikels. So kann man sich ein eigenes Urteil bilden.)

Dokumentarfotografie ist doch ein Geschäftsmodell

So könnte man zu der Feststellung kommen, dass Dokumentarfotografie sehr wohl ein Geschäftsmodell ist – nur nicht für die Fotografinnen und Fotografen, die die Fotos liefern. Es ist sogar eine fast geniale Geschäftsidee. Früher bestimmte der die Musik, der sie bezahlte. In diesem Fall bestimmen andere (u.a. „Sponsoren“?)  die Musik und man selber muß auch noch dafür bezahlen und auf eigene Kosten produzieren.

Deutschlands „beste“ Dokumentarfotografen?

Aber auch dieses Geschäftsmodell kann man noch toppen. Am besten sucht man einen Verlag, der ein Buch herausbringt mit dem Titel „Deutschlands beste Dokumentarfotografen“ und wer will, der kauft sich für z.B. 1000 Euro in dem Buch eine Selbstdarstellung.

Das ist ein kluges Geschäftsmodell, bei dem alle verdienen – ausser den beteiligten Dokumentarfotografen.

So kann man mit der Dokumentarfotografie gute Geschäfte machen.

Übrigens gibt es ganz viele Beispiele in dieser Richtung, so dass mein Beispiel nur gerade aktuell ist und mir unter die Finger kam. Mehr Fotowettbewerbe finden Sie u.a. hier.

Und  bei z.B. fotodoks kann man scheinbar nur mitmachen, wenn man sich auf diese Bedingungen in dieser Form einlässt. Damit ist klar, dass man über einen seriösen Umgang mit Fotografie sehr geteilter Auffassung sein kann.

Text Version 1.1

Wertloser Moment oder verpasste Gelegenheit?

Collage - Foto: Michael Mahlke

Heute im Gottesdienst. Eine Taufe steht an. Viele haben Kompaktkameras dabei, einige DSLRs. Alle blitzen wie verrückt als die Kinder mit den Eltern in der ersten Reihe sitzen.

Der Gottesdienst beginnt. Nun soll die Taufe durchgeführt werden und die Eltern, die anderen Kinder und alle anderen werden zum Taufbecken gebeten und die Taufe beginnt.

Keiner fotografiert, keiner nimmt das Ereignis auf, keiner hält den schönen Moment fest: wie die Eltern strahlen, das Kind freundlich lächelt, das Glück dieser Situation. Weder mit Blitz noch ohne Blitz. Dann ist es vorbei.

Zeitqualität

Jeder Moment hat seine eigene Zeitqualität. Manche Momente sieht man Jahre später ganz anders oder hat sie ganz anders in Erinnerung. Aber was sind solche Momente wert?

Wie das Beispiel zeigt, zunächst einmal fotografisch nichts.

Ich persönlich glaube, dass irgendwann alle sich freuen würden, wenn ein Foto auftauchen würde, bei dem sie so beisammen sind. Denn es ruft einen Moment der Freude mit all seinen Facetten und Erinnerungen wach.

Aber dieses Foto wurde nie gemacht, denn man kann nicht einfach in einer Kirche fremde Menschen und Familien fotografieren und man kann dies alles schon gar nicht erklären.

Hier gibt es eben viele Grenzen, juristische, soziale und persönliche.

Aber man kann es auch anders sehen und sagen, es ist eine verpasste Gelegenheit. Denn irgendwann stellt man sein Leben in ein Verhältnis zur Zeit und den sozialen Beziehungen, in denen man ist oder war und dann wären solche Fotos genau die Schlüssel für Erinnerungen, Diskussionen und Dokumentationen.

So ist dies ein Artikel zu einem verpassten Foto und zu einem Ereignis mit symbolischen Übergang, das nie wiederkommt und nicht nachgeholt werden kann.

Und es bewahrheitet sich der Spruch, wer fotografiert hat mehr vom Leben – und wenn es auch erst später ist.

 

Wie viel sind die Folgen von berlinfolgen wert? Wie verdient man Geld im Netz oder mit dem Netz?

Das hat was. Die taz hat laut meedia ca. 11.000.000 – elf Millionen – an Einlagen und pro Jahr in letzter Zeit ca. 300.000 Euro Gewinn gemacht.

Die taz ist auch sehr experimentierfreudig und hat sich mit dem Thema Foto- und Videojournalismus beschäftigt.

Dazu hat sie die Serie berlinfolgen mit 2470media produziert. Und nun folgt die Frage, wie viel ist Multimediajournalismus als Dokumentarjournalismus im Alltag wert?

Wie viel ist Multimediajournalismus wert?

Um das Projekt weiter laufen zu lassen, hat die taz 13.000 Euro bereitgestellt und bei startnext ein crowdfunding Projekt erstellt, um die anderen 13.000 Euro zu bekommen, damit die Serie weiterläuft.

Eigentlich dürfte es in einer Stadt wie Berlin überhaupt kein Problem sein, die Summe zusammen zu bekommen. Oder doch? Das Projekt hat noch gut einen Monat Zeit, um die Summe an Spenden bzw. Zuschüssen zu erhalten.

Wenn es gelingt, dann wissen wir, wie viel Werbung erforderlich ist, um für solche kleinen Projekte Geld zu erhalten. Wenn es misslingt, dann wissen wir, wie mühselig das Geschäft der Dokumentarfotografie ist, wenn sie diese Themen fotografiert und mit Videoszenen darstellt.

Und dabei ist dies in der Hauptstadt angesiedelt, wird gut promotet und hat viele Follower.

Wie verdient man Geld im Netz?

Wenn wir das Thema erweitern und die Frage stellen, wie man Geld im Netz verdient, dann kommen wir zur Ulrike Langer. Diese hat auf ihrem Blog medialdigital einen Artikel mit umfangreichen Verlinkungen und Folien zu diesem Thema bereitgestellt.

Die Folien sind sehr empfehlenswert, weil sie aus der journalistischen Praxis mit einem weiten Blick in andere Erdteile gemacht sind.

No magic bullet

Wer Zeit hat, dem kann ich ein Video zur Zukunft der Dokumentarfotografie empfehlen, leider nur auf Englisch.

Mission possible oder Dokumentarfotografie als Ausdruck einer persönlichen Mission

Wenn wir uns anschauen, wo der digitale Leuchtturm für Dokumentarfotografie als Multimediafotografie steht, dann ist es offenbar immer noch Mediastorm. Die Signale von dort inspirieren ganz unterschiedliche Aktivitäten.

Bemerkenswert finde ich die christliche Dokumentarfotografie und Spillthebeans. Beide haben völlig unterschiedliche Themen und wollen doch ihre Mission dokumentieren: engagierte Fotografie im Sinne von Engagement für ….

Dokumentarfotografie = Verliererfotografie?

Und es bleibt doch irgendwie dabei, dass Dokumentarfotografie „Verliererfotografie“ (im Sinne massenmedialer Kategorien) ist – von Verlierern für Verlierer?

Wenn ich mir die bemerkenswert eindrucksvollen Fotos von Saiful Huq in Bangladesh anschaue, dann sind die Themen dort wie hier.

Es geht immer wieder um die existenziellen Fragen der Menschen und des Menschseins. Hier werden Situationen der Lebendigkeit und der Absurdität der Welt dokumentiert.

Und so will ich schließen mit dem Hinweis auf Christopher Keeley, der auf seiner Seite tunlaw.org eine schier unglaubliche Sammlung an sozialdokumentarischer Fotografie hat  zwischen Obsession und Occupy – die nicht in den empflindlichsten Momenten der Seele angeschaut werden sollte, denn sie ist ein Spiegel eines Teils dieser Welt und dieser Zeit.

 

 

 

 

ct Digitale Fotografie 2/12 oder eine gelungene Mischung

Im Heise-Verlag ist eine neue Special-Ausgabe zum Theme digitale Fotografie erschienen. Obwohl ich eigentlich zwischen puren Büchern und reinem Internet pendel („richtig“: pendle), ist dieses Heft schon einige Bemerkungen wert.

Denn es gibt fundierte Einstiege in verschiedene Arbeitsbereiche der Fotografie. Das Thema HDR wird dort ebenso detailliert von Ralph Altmann besprochen wie das richtige Freistellen von Maike Jarsetz.

Dr. Klaus Peeck und Jobst-H. Kehrhahn besprechen aktuelle Kameras und es gibt viele Infos zum Thema Farbmanagement und Drucken von Reinhard Merz und Erich Baier.

Man findet in diesem Heft viele Namen von Autoren, die auch Bücher publiziert haben, gute Bücher. Und so verwundert es nicht, wenn man dieses Buchwissen als kompakte Workshops in diesem Heft angepasst wiederfindet.

Die ct steht für Qualität bei Informationen und so ist es auch in diesem Fall.

Aber das ist es nicht allein. Dem Heft liegt eine DVD bei und über bzw. mit der DVD erhalten sie komplette Bücher als kostenlose PDF-Dateien zum Runterladen, in diesem Fall die auf dem obigen Foto beschriebenen Bücher zum Farbmanagement und zur HDR-Fotografie.

Selbst wenn es sich um eine Zweitverwertung handeln sollte (was ich nicht weiß), ist dies doch nicht nur attraktiv sondern eine mehr als aufeinander abgestimmte Kombination von Informationen zur Fotografie auf verschiedenen Medien.

Die ct Digitale Fotografie zeigt, was journalistisch gelingen kann, wenn man Fachautoren, Journalisten, Büchermacher und Fotografen zusammenbringt, die ein Interesse an gutem Journalismus haben, bei dem zwischen der Werbung recherchierte und tiefe Informationen stecken.

Wer Interesse an diesen Informationen und Themen hat, der erhält für ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis sehr viel fotografisches Know-how und vergrößert dadurch seine fotografische Kompetenz.

Es macht richtig Spass über dieses Heft zu schreiben, weil es sehr vielfältig, anregend und tiefgehend informiert. Wer es sieht, sollte es einmal in die Hand nehmen und sich fragen, ob dies nicht eine gute Investition wäre.

 

 

Digitale Minen oder Pressemitteilungen unterliegen dem Urheberrecht – mit allen Folgen

Wenn das Absurde paradox wird

Eigentlich logisch: ich erhalte per Email eine Pressemitteilung und bin bereit, diese zu veröffentlichen.

Stop! Wenn ich das mache, kann es richtig teuer werden.

Auf anwalt.de wird darauf hingewiesen, dass Pressemitteilungen urheberrechtlich geschützte Werke sind, die eben nicht einfach veröffentlicht werden dürfen.

Die Folgen können Abmahnungen und Schadensersatzansprüche sein.

1. Fall

Warum schreibe ich das? Weil ich immer mehr Emails mit Pressemitteilungen erhalte, die zum Beispiel als Adressaten nicht mich persönlich sondern einen Begriff oder einen anderen Namen enthalten. Weiter unten steht dann, dass der Inhalt nur für den aufgeführten Empfänger persönlich bestimmt ist und Dritten nicht zugänglich gemacht werden darf.

Auf gut Deutsch, ich erhalte eine Pressemitteilung, die ich nicht veröffentlichen darf ohne mit einer Abmahnung zu rechnen.

Dies gilt sowohl für Pressemitteilungen zu Fotoausstellungen als auch zu Pressemitteilungen zu technischen Artikeln oder zu Hotels mit Fotos.

2. Fall

Oder ich erhalte Pressemitteilungen mit dem Hinweis, dass dieser Text zur Veröffentlichung zur Verfügung steht. Wenn ich ihn nutzen will, schickt mir der Autor einen Bestellbeleg und eine Rechnung.

3. Fall

Pressemitteilungen mit Fotos sind noch pikanter. Immer wieder erhalte ich Emails mit einem Hinweis auf eine Fotoausstellung oder einen Fototermin von einem Verband, einer Institution, einem Unternehmen etc.. Darin sind dann auch Fotos. Zum Teil steht dort dann, dass diese benutzt werden dürfen. Wenn ich dann nachfrage, ob der/die, die mir dies geschickt haben, auch über die Rechte daran verfügen, dann kommt meistens die Info, sie würden beim Autor nachfragen! Wenn später dann die Antwort kommt, ich dürfe das, dann ist dies dennoch nicht rechtsverbindlich, es sei denn, der Autor eines Bildes schreibt mir persönlich.

Da kommt Freude auf

Da kommt Freude auf. Es reicht also nicht, eine Pressemitteilung zu verschicken. Der Empfänger kann die Inhalte nur dann gefahrlos nutzen, wenn in der Pressemitteilung steht, dass der Versender dieser Mitteilung über alle Rechte an den Texten und Fotos verfügt und diese vom Empfänger uneingeschränkt oder unter speziellen Bedingungen genutzt werden können.

Wie kann man sich schützen?

1. Indem man sich per Email versichern läßt, dass die Rechte bei dem Versender der Email liegen und man die Pressemitteilung nutzen darf

2. Indem der Versender von sich aus in die Email schreibt, dass er die Rechte besitzt und die Nutzung der Texte und Bilder in der Email oder im Anhang kostenfrei zur Verfügung stehen

3. Indem die Agentur selbst die Texte schreibt und publiziert

Urheberrecht verkehrt

Im übrigen zeigt der Artikel die Grenze des Urheberrechts auf. Denn hier wird die Welt paradox, da die Funktion einer Pressemitteilung darin besteht, der Presse etwas mitzuteilen. Der Sinn besteht darin, die Informationen aus der Pressemitteilung zu nutzen bzw. zu benutzen.

Relativ sicher wird man damit umgehen können, wenn man dies dann paraphrasiert. Aber da man Informationen in einer Pressemitteilung meistens nicht überprüfen kann, würde man die journalistische Sorgfaltspflicht verletzen, wenn man andere Worte wählt wie die in der Pressemitteilung, Also ist es am klügsten, dass man gar keine Pressemitteilungen mehr nutzt, solange der Versender nicht eindeutig geschrieben hat, wie und in welchem Umfang die Texte zitiert, kopiert und genutzt werden können.

 

Jamphel Yeshi

Jamphel Yeshi verbrannte sich selbst. Es war eine Botschaft. Und sein Sterben wurde festgehalten auf einem Foto. Das Foto ist einerseits schrecklich. Andererseits ist es genau der Moment, der den Menschen Jamphel Yeshi und sein politisches Anliegen festhält für andere Menschen.

Fotografisch betrachtet ist das Foto sehr interessant. Ist es ein purer Schnappschuss oder wurde es nachbearbeitet? Das scheint mir so, weil die Unschärfe Richtung Zuschauer durchgängig gleich ist und nicht mit mehr Abstand zunimmt.

Aber das Foto erzählt eine Geschichte, grausam und verzweifelt. Es ist ein dokumentarisches Foto, eben Dokumentarfotografie.

Sie finden es hier.

 

Der blinde Fleck in der Dokumentarfotografie

Foto: Michael Mahlke

Wenn wir uns die aktuelle Berichterstattung in den Medien anschauen, dann erleben wir eine seltsame Medienkarawane. Sie zieht immer zu den Brennpunkten des Geschehens und suggeriert eine eindimensionale bunte Welt.

Aber das reicht nicht. Die dabei entehende Dokumentarfotografie sollte eigentlich darüber hinaus gehen und da anfangen, wo die Medienkarawane aufhört.

Ich habe zum Thema Tod des kritischen politischen Fotojournalismus an anderer Stelle geschrieben: „Wenn wir über das Internet sprechen und die GEZ bezahlten und privaten digitalen Angebote, dann gibt es weder multimediale Filme über das Geschäft der Grossen und Mächtigen noch Fotos über politische Szenen aus dem Berliner Leben. So gut wie nichts ist an exponierten Stellen zu finden. Was machen die Reporter eigentlich die ganze Zeit?“

Sehr schön hat dies alles Axel Schmidt auf einer Tagung dargestellt. Sein Vortrag zeigt auch die Propagandafotografie, die von der Politik heutzutage betrieben wird. Aber nicht nur das. Der Vortrag ist eigentlich eine der besten Darstellungen aus dem Leben eines Fotoreporters mit all seinen Tücken und Kanten, die ich gesehen habe. Und er ist nie langweilig.

Aber das ist nur ein Aspekt.

Einen anderen Aspekt für die blinden Flecke in der Dokumentarfotografie hat Stephen Mayes genannt: „Ein bedeutender Teil der Realität bleibt auf der Strecke. Vermutlich sind Konventionen der Grund.“

Und er nennt ein Beispiel: „Dennoch glaube ich, dass es viele unwichtige Themen gibt, die enorm überrepräsentiert sind. Ein Beispiel war das Thema Drogen. Es gibt ein unglaubliches Problem der Drogensucht in der Mittelklasse in  Nordamerika und Europa. Doch darüber wird nicht berichtet. Berichtet wird über arme Drogensüchtige. Als ob Drogengebrauch ein Thema der Armen, der verelendeten Gegenden ist.“ (in photonews 4/12).

Und damit kommen wir zum digitalen Paradoxon. Es entstehen immer mehr Fotos von immer weniger Themen. Was mir bei meinen Streifzügen durch die digitale Welt aufgefallen ist, hat Stephen Mayes, Geschäftsführer eine Agentur für „Konfliktfotografie“, auf die Formel gebracht, dass 90 Prozent der Nachrichten sich mit 10 Prozent der Welt beschäftigen.

Der blinde Fleck ist also riesig.

Es gibt genug, was noch fotografiert werden könnte und sicherlich interessant wäre. Wer nur mal einen Blick auf die Bilder des Jahres wirft, der sieht, wie unterschiedlich die Betrachtungsweise auch im Internet je nach Kontinent ist.

Aber wer soll das bezahlen und wer interessiert sich dafür?

Dokumentarfotografie scheint kein Geschäftsmodell zu sein obwohl eine freie Gesellschaft gerade die Aufgabe hätte, solche Projekte zu fördern, weil sie eine wesentliche Leistung in einer demokratischen und freien Gesellschaft erbringen.

Ereignisse werden heute gepostet mit Handys und übers Internet. Reporter/Journalisten kommen erst später ins Spiel und sollen eigentlich das Ganze in einen Zusammenhang stellen und transparent darstellen. Journalistinnen und Journalisten sind heute Aufbereiter von Informationen über Ereignisse, die geschehen sind.

Das ist eigentlich gut für kritischen Journalismus, weil Recherche und Zusammenhänge eine neue Rolle spielen. Aber freie Presse gibt es nicht überall und dort, wo sie ist, ist sie oft nicht frei für die Realität sondern frei für spezielle Interessen.

Pressefreiheit ist ein hohes Gut und gerade in Kerneuropa ist die freie Berichterstattung ein wesentliches Merkmal unserer Gesellschaft. Daher ist es eine gefährliche Entwicklung, wenn die blinden Flecke riesig sind und kaum darüber gesprochen wird.

Dokumentarfotografie ist mehr als Ereignisfotografie. Sie ist Themenfotografie und Serienfotografie, weil es um eine tiefere Betrachtung mit verschiedenen Gesichtspunkten geht.

Ich wollte mit diesen Zeilen auf die blinden Flecken hinweisen, die eben dazu führen, dass man viele Dokufotos über Armut und Elend woanders oder in Brennpunkten und anderes hat und so gut wie nichts über Probleme, die hier bei uns echt vorhanden sind in Mittelschichten, in Oberschichten etc..

Das ist übrigens dann eine soziale Gebrauchsweise der Dokumentarfotografie. Sie dokumentiert das Elend der anderen, von denen ich mich abgrenzen kann.

Und sie dokumentiert im Umkehrschluß auch uns selbst: wie wir sehen, wie wir die Welt sehen und was wir nicht sehen.