Die im Dunkeln sieht man nicht – ist Dokumentarfotografie ein Geschäftsmodell?

Das Ende der Dokumentarfotografie – Foto: Michael Mahlke

Eine gedankliche Reise

Verlierer

Soziale Dokumentarfotografie ist eigentlich Verliererfotografie, denn es sind nicht die Schönen und Reichen, die als Thema dienen, sondern die Namenlosen und sonst Unsichtbaren, also wir, die wir nicht im Rampenlicht stehen oder wirtschaftliche/politische Macht haben.

Und wollen wir unsere Verhältnisse sehen oder lieber die Schönen und die Reichen?

Aus der Antwort auf die Frage ergeben sich die fotografischen Folgen. Kritisches Medienbewusstsein, demokratisches Denken, politisches Engagement und vieles mehr werden ja zunehmend weniger.

Warum sollte dann die Dokumentarfotografie mehr werden in den Medien, eine engagierte Fotogafie, die in Frage stellt, die Anstösse gibt und zum Einmischen auffordert?

Die Fotografin Isolde Ohlbaum äußerte sich in einem Interview bei stern.de zum Thema Fotografie folgendermassen:

„Würden Sie Bauarbeiter fotografieren?

Das könnte ganz reizvoll sein. Die haben ja zum Teil interessante Gesichter. Oft sehen sie gar nicht aus wie Bauarbeiter. Auch bei der Müllabfuhr finden sich manchmal überraschende Männer.

Müllmann-Porträts von Ohlbaum. Spannend.

Auch Toilettenfrauen!

Würden Sie das machen: Einen Band über Klofrauen?

Warum nicht! Aber wer will das kaufen?“

Genau da ist die Schwelle. Allerdings möchte ich Frau Ohlbaum nicht zu nahe treten. Denn sie äußert sich nicht speziell zur Dokumentarfotografie, obwohl ihre fotografische Arbeit, das Porträtieren von Schriftstellern, Katzen, Friedhöfen etc. irgendwie dazugehören könnte.

Meiner Ansicht nach ist Dokumentarfotografie eine gesellschaftliche Leistung, die dokumentiert, um gegen das Vergessen zu arbeiten und für die Veränderung (oder Beibehaltung) im Sinne von Humanität. Es ist also eine Daueraufgabe in der digitalen Welt. Im digitalen Zeitalter ist zwar der Akt des Fotografierens einfacher und billiger geworden, der persönliche Aufwand aber eher nicht.

Blicken wir kurz zurück.

Im 20. Jhrdt.

In der ersten Hälfte des 20. Jhrdts. war die klassische sozialdokumentarische Fotografie angebunden an Organisationen. Die Fotografinnen und Fotografen dieser Zeit arbeiteten fest angestellt für Sozialverbände, Gewerkschaften und andere Organisationen. So dokumentierten sie die Gesichter und die Entwicklungen der Epoche.

In der Nachkriegszeit (in der zweiten Hälfte des 20. Jhrdts.) war die sozialdokumentarische Fotografie „in überwiegendem Maß das Werk von einzelnen Individuen, die ohne feste Anbindung… das Soziale dokumentarisch ablichten“ (Stumberger, Klassen-Bilder 2, S. 68).

Und in der ersten Hälfte des 21. Jhrdts.?

Dokumentarfotografie wie ich sie hier meine (auch soziale Dokumentarfotografie oder sozialdokumentarische Fotografie) dokumentiert gesellschaftliche Wirklichkeit.

Es ist eine Fotografie, die die Menschen in sozialen Zusammenhängen darstellt, in Lebensfragen, beim Überleben in unserer Welt, bei den Herausforderungen und bei ihrer Existenz, die nicht im Licht der Prominenz beleuchtet wird. Und dies themenorientiert und längerfristig.

Und genau das ist heute so gut wie kein Modell für bezahlte fotografisch-soziale Arbeit mehr.

Ich möchte drei Beispiele nennen, die sich jederzeit  erweitern lassen würden:

  • Der Fotojournalist Sascha Rheker hat sehr schön dargestellt, dass z.B. Rob Honstra, ein Gewinner bei World Press Photo, sich freut, gewonnen zu haben, weil er damit sein Projekt über Sochi finanzieren kann.
  • Sebastião Salgado konnte seine Projekte wie „Workers“ u.a. nur finanzieren, weil er Geld mit seinen Reporterfotos verdiente: „Zufällig war er anwesend, als John Hinckley, Jr. am 30. März 1981 ein Attentat auf den US-Präsidenten Ronald Reagan verübte. Salgados Fotos von dem Anschlag hatten ihm Geld für seine Projekte gebracht.“
  • Der Fotograf Kadir van Lohuizen ist ein Jahr durch den Kontinent Amerika gereist,  um Menschen zu treffen, die versuchen, woanders ein neues Leben zu finden. Das Süddeutsche Zeitung Magazin Nr. 9/2012 druckt ein Interview und einige Fotos ab. Er sagt: „Wenn man bei Zeitungen oder Magazinen anruft und nur das Wort Lateinamerika sagt, schwindet das Interesse…. Ich musste die Reise selbst finanzieren.“

In allen drei Fällen wurde Geld aus anderer Quelle für die jeweiligen Fotoprojekte genutzt. Offenkundig, weil es für die eigentlichen sozial-dokumentarischen Projekte keine Geldgeber gab.

Und für deutsche Projekte?

Geld ist ja bekanntlich genug da. Im Medienbereich sowieso. Aber nicht dafür. Woran liegt es?

Warum gibt es keinen Markt für die „Visualisierung von Gesellschaft und von gesellschaftlichen Tatbeständen“ (Stumberger)?

Wenn wir uns die Länder anschauen, in denen eine freie Presse ist, dann ist es schon erstaunlich, wie gering die Rolle ist, die diese Themen heute spielen.

Liegt es daran, dass man sozial-dokumentarische Fotografie heute schon umsonst erhält? Stimmt das? Oder reicht z.B. in Deutschland den öffentlich-rechtlichen Anstalten die immer wieder aufgelegte Berichterstattung über senderkonforme Spendenprojekte und die im Zusammenhang mit der statistischen Propaganda unkritisch wiedergegebenen Zahlen der Regierungen und der Arbeitsagentur?

Oder gibt es gar keine soziale Wirklichkeit jenseits der Fernsehmedien mehr in Deutschland?

Ja, das wird es sein. Weil es keine soziale Wirklichkeit ausserhalb des Fernsehens gibt, deshalb gibt es auch keinen Bedarf zur Berichterstattung mehr. Und das Elend ausserhalb von Deutschland ist wohl sowieso weniger interessant.

Oder nein! Da stimmt was nicht in meinem Denken. Denn selbst wenn es Geld gäbe, wo sollten denn diese Projekte publiziert werden? In den Zeitungen? Die Sueddeutsche hat es aktuell getan, die FAZ arbeitet ja sogar mit dem Studiengang Fotojournalismus in Hannover zusammen und andere Zeitungen haben sogar eigene Preise und Qualifizierungen.

Also komme ich nach dieser gedanklichen Wanderung zu der Erkenntnis, dass meine Befürchtungen nicht wahr sind sondern bestimmt zukünftig viele Projekte entstehen, die die gesellschaftliche Wirklichkeit dokumentieren und benennen.

Wahre Helden

Ich denke an Projekte wie  „Nichts kommt von selbst“.

Denn es sind die besonderen Erfahrungen, die man bei dieser Art von Fotografie macht.

Ich werde nie den Blick der Männer und Frauen vergessen, als ihnen einfach mitgeteilt wurde, dass ihre Arbeitsplätze verloren sind. Was in diesem Moment in ihren Augen zu lesen war, das waren unendliche Geschichten. Und diesen Moment gibt es nur einmal. Er kommt nicht wieder. Und nur wenn du dabei bist und genau dann fotografierst, dann kannst du die Geschichte dieser Menschen festhalten, die sonst schon im nächsten Moment im Fluss der Welt verschwunden wäre – unwiederbringlich.

Und das ist nur ein Foto! Aber ihr Lebenskampf und ihr Schicksal sind mindestens ebenso wichtig wie das von Menschen, die einen „Ehrensold“ erhalten.

Andere Fotos hier zeigen den sozialen Kampf gegen die Rente mit 67. Die Politik hat sich entschlossen, den fleissigen und ehrlichen Arbeitnehmern ihre Perspektive für das Alter in Würde zu nehmen. Wir leben in einer Zeit, die die Verarmung der fleissigen Menschen beschlossen hat durch Rentenkürzungen ab 63 und Heraufsetzen des Rentenalters auf 67.

Der Kampf einiger weniger dagegen und ihre Niederlage ist zugleich eine Dokumentation von Charakterstärke und Heldentum. Denn sie waren die einzigen, die sich wehrten, während die anderen zum Fußballspiel gingen. Auch da funktionierte die Masche „Brot und Spiele“.

Helden sind nicht immer Gewinner der Schlacht, aber sie sind die Gewinner der Herzen der aufrechten Menschen.

Das ist in ein paar Jahren vergessen und wird auch in keinem Geschichtsbuch stehen. Aber auf Fotos kann man die wahren Helden festhalten, selbst wenn sie namenlos bleiben. Nur die Dokumentarfotografie gibt diesen Menschen ein Gesicht und erinnert daran.

Es sind keine dankbaren Themen,

  • weil sie gesellschaftliche Wirklichkeit mit Macht und Ohnmacht zeigen,
  • weil selbst die Betroffenen öfter lieber mehr Licht und weniger Schatten sehen wollen und
  • weil viele Themen unbequem sind und daher lieber Journalisten etwas anderes machen.

Vielleicht ist dies der Grund, warum man davon nicht leben kann. Denn Verlierer zahlen nicht, Verlierer haben nichts und Verlierer haben auch in den öffentlich bezahlten Medien nicht viel zu suchen. Und das vielleicht sogar weltweit.

Ein Beispiel ist Sibylle Fendt, die ganz offen schildert, wie und wovon sie als Dokumentarfotografin lebt. Dabei sscheinen ihre Themen wichtig, nur scheinbar nicht finanziell attraktiv.

Wie man „es“ macht, sieht man eher an Wolfgang Tillmanns, bei dem sie als Gaststudentin war. Ich finde einige Fotos, die man seinem Werk zuordnet, sehr abstossend, wie z.B.  das Foto mit dem Namen „Stiefelknecht II“.

Aber er hat für seine Fotos sogar 2009 den Kulturpreis der DGPH erhalten. Wie heisst es so schön auf der DGPH Webseite: „In seiner Laudatio sagt der bekannte Photograph Professor F.C. Gundlach, selbst DGPh Kulturpreisträger 2001: „Die Zeitzeugenschaft und der Augenblickscharakter von Wolfgang Tillmans Fotografien weisen weit über sie selbst hinaus. Seine scheinbar beiläufig entstandenen Aufnahmen behalten auch losgelöst von ihren Entstehungskontexten Bestand. Nicht wenige von ihnen gehören inzwischen zum visuellen Gedächtnis seiner Generation.“

So könnte man an Wolfgang Tillmanns sehen, was zu Erfolg und Anerkennung führt. Das widerspricht völlig meinem Denken zur Dokumentarfotografie und Fotokunst und gibt der DGPH eine bemerkenswerte Note.

Unabhängig davon glaube ich, es ist vielfach eher die Begegnung mit Engagement und Leidenschaft bei sich und anderen, die der Dokumentarfotografie das weitere Bestehen sichern wird.

Studieren in Hannover

Und wir dürfen auf den Studiengang Fotojournalismus in Hannover hoffen. Denn es gibt immer mehr Fotos. Und dort lernt man, die Fotografie mit dem neuen Zeitgeist zu nutzen und im fotografischen Massenstrom die richtigen Wege zu finden. Und was in Deutschland verwaltet wird lebt oft länger….

Insgesamt scheint unsere Zeit globalisiert problematisch. In den 80er Jahren fragten Politikwissenschaftler danach, was eigentlich passiert, wenn man eine wehrhafte Demokratie mit materiellem Wohlstand gleichsetzt. In China setzen aktuell die Menschen ihr System ebenfalls mit dem materiellen Konsum gleich. Je mehr desto besser.

So wird das 21. Jahrhundert wieder neue Fragen und neue Antworten bringen zur Frage von Wohlstand, Wirtschaft, Demokratie und Diktatur und zur Frage der Dokumentation gesellschaftlicher Wirklichkeit mit Fotos.

Das Ende der Dokumentarfotografie?

Wird sie versinken in einer Welt von digitalen Fotos und Videos und kaum noch wahrnehmbar sein?

Und wird sie dann anders wieder auferstehen bei der thematischen Bearbeitung vorhandener digitaler Produkte oder in Form von der Erstellung journalistisch relevanter Formate?

Aber gibt es dafür denn noch ein Publikum?

Denn nur wenige der Ersteller noch der möglichen Kunden demonstrieren oder engagieren sich.

Sonst sähe vieles anders aus.

Zudem scheint die Dokumentarfotografie überhaupt nicht mehr dafür geeignet zu sein, damit Geld zu verdienen im Sinne einer kritischen und von vornherein bezahlten Berichterstattung für längere Projekte und unbequeme Themen.

Vielleicht irre ich mich. Das wäre dann gut für die Fortsetzung des Themas.

Nachtrag:

Einen Monat nachdem dieser Artikel publiziert wurde, ist in der Photonews ein Interview mit Stephen Mayes von der Agentur VII Photo in New York erschienen. Auf die Frage, wie sich Fotojournalisten finanzieren antwortet er u.a.: „Ich weiß, dass eine halbe Million Dollar ausgegeben wurde, um ein Foto von einer Handtasche in der Vogue zu produzieren… Im Gegensatz zu einer Doppelseite über die Situation, zum Beispiel im Niger-Delta. Dasfür gibt man ein paar tausend aus…“

Und er nennt als Wege, um an Geld zu kommen Aufträge, Kickstarter, Prints, NGOs, Fördermittel und Kampagnen auf emphas.is.

Mehr Bestätigung aus internationaler Sicht kann ich für meine Ausführungen wohl nicht mehr verlangen. Oder wie es Mayes sagt: „Mit Handtaschen kann man mehr Geld verdienen als mit fotojournalistischer Arbeit.“

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