Der Imagewandel im Reisejournalismus – die neue Wirklichkeit der Reisefotografie

Die Toskana des Ostens Foto: Michael Mahlke

„Unstreitig ist die Intensivierung der photographischen Praxis eng verknüpft mit Freizeit und Tourismus.“
Pierre Bourdieu

Reisen bildet(e)

Früher war Reisen verbunden mit dem Kennenlernen anderer Kulturen. Reisen bedeutete das Kennenlernen von Kulturen, Sitten und Gebräuchen, die es bei mir zu Hause nicht gab. Das war aber nicht alles. Reisefotografie war die Vermittlung von Wissen durch Fotos über Orte und Regionen, die interessant waren, die man aber selber nicht besuchen konnte.

Einen besonderen Reiz machte dann die Begegnung von Mensch zu Mensch und Kultur zu Kultur aus. Diese Begegnungen sind auch bis heute das eigentlich Reizvolle. Einer der bekanntesten Reisefotografen war sicherlich Burton Holmes.

Rückblickend bis heute sehr reizvoll ist die Sammlung von Albert Kahn, der Fotografen bezahlte, um durch die Welt zu reisen und zu fotografieren.

Mit Tonbildschau (heute Beamer) wurden dann Veranstaltungen durchgeführt, die diese Orte mit grossformatigen Fotos dem Publikum erfahrbar machten. So etwas gibt es teilweise immer noch, wobei die persönliche Begegnung mit dem Fotografen oder der Fotografin vielfach der eigentliche Reiz des Abends zu sein scheint.

Von der Reisefotografie zur Risikofotografie

Aber zunehmend verändert sich dieser Bereich. Am Anfang waren es andere Kontinente und Länder, die dargestellt wurden. Jetzt sind es zunehmend explodierende Vulkane, verlassene oder unwirkliche Regionen, Gletscherhöhlen oder Extremrisiken, die fotografisch angeboten werden. Oder man fliegt mit grossem Aufgebot durch die Savanne und fotografiert Tiere.

Das hat mit bisheriger Reisefotografie eigentlich sehr wenig zu tun. Es ist eher Risikofotografie. Diese kann dann noch ergänzt werden durch fotografische Reisen in Gebiete, die von den Taliban oder anderen bewaffneten Gruppen beherrscht werden.

Foto: Michael Mahlke

Die Fotoindustrie

Dahinter steckt dann in meinen Augen eine Industrie, die das vermarktet nach dem Motto nur mit diesem Objektiv und diesem Sensor, diesem Auto, dieser Uhr etc. war dies möglich. Selbst wenn es stimmen sollte, wäre zu fragen, ob dies überhaupt sinnvoll ist.

Es geht hier sicherlich in meinen Augen vielfach um Imagebildung, so wie man schnelle Autos meistens mit halbnackten Frauen abbildet, um Assoziationskombinationen mit positiven Effekten zu schaffen.

Meine Erfahrungen mit Reisejournalismus, Menschen und Kameras

Ich persönlich habe im Laufe der Jahre eine Reihe von Reisejournalisten kennengelernt, bevor und während ich dies selbst praktizierte. In allen Fällen war Reisejournalismus ein zusätzliches Betätigungsfeld oder eine Ergänzung zu anderen Tätigkeiten.

Und ich habe den Wandel in der Kamerabenutzung dabei erlebt. Während mir meine ersten Bekanntschaften sagten, dass die schweren Kameras unerläßlich sind, erlebte ich dann Fotografen, die offen für neue Technik waren und einige, die gar keine Chance gehabt hätten, während ihrer Reise große Ausrüstungen mitzunehmen.

Und sie machten und machen trotzdem gute Fotos, die sowohl im Printbereich als auch im Onlinebereich publiziert wurden und werden.

So entstanden viele Fotos mit Kameras wie z.B. der Panasonic TZ5, der Panasonic TZ10, der Leica V-Lux 20 oder kleine DSLRs wie die Nikon D5000 oder eine Panasonic G2/G3. Dies waren die Kameras, die bei echten Reisen eingesetzt wurden.

Wenn es auf reine Pressereisen ging, die z.T. durchaus sinnvoll sind, wurden nach meiner Beobachtung eher größere Kameras eingesetzt. Man hatte manchmal den Eindruck, es ging eher darum, in der Gruppe etwas zu zeigen. Die Fotos waren in der Regel nicht besser, nur die Kameras waren größer.

Als ich anfing, ein Langzeitprojekt mit echten Reiseberichten herauszugeben und zu publizieren – travigal.de – glaubte ich zu Beginn auch noch an die Wichtigkeit der grossen Kameras.

Aber die Zusammenarbeit mit den modern eingestellten Reisefotografen lehrte mich, dass heute eine gute Kompaktkamera fast immer ausreicht mit einer Anfangsbrenntweite von ca. 24mm Weitwinkel und guter Bildqualität.

Dabei sprechen wir natürlich nicht über Reisen ans Ende der Welt. Aber selbst da sind wohl in den meisten Fällen heute kompakte Outdoorkameras in der Regel die Gewinner.

Nur bei extremen Belastungen, die eigentlich nicht das Thema von Urlaubsreisen sind, wäre es sinnvoll, besondere Kameras zu benutzen. Das wäre aber eher etwas für einen Artikel über Risikofotografie.

Die „neuen“ Reiseabenteuer und die Amateure

Und Reisen heute bedeutet heute oft nur noch Flughafen, Hotel, Strand und Meer oder Berge mit demselben Essen und demselben „globalisierten“ Standard wie zu Hause. Viele wollen im Urlaub die Sicherheit, dass es so ist wie zu Hause – nur ein bisschen anders.

So verlagert sich das Thema auf „Erlebnisse“, die der Reiseveranstalter einbaut, oder Risikoreisen, weil echte Erlebnisse so wie früher kaum bis gar nicht mehr möglich sind.

Umgekehrt sind gerade diejenigen, die hinter die globalisierten Strukturen im Kleinen und im Grossen schauen, oft die richtigen Reisereporter für authentische, kleine und grosse Geschichten.

So werden zunehmend die Amateure wichtiger. Das ist dann aber wiederum oft ein Problem für die PR-Agenturen. So gibt es Versuche, auf spezielle Weise Kommunikation durch ein Netzwerk von Beziehungen aufzubauen und/oder beizubehalten.

Foto: Michael Mahlke

Wo bleibt die Transparenz?  – PR-Agenturen und Reisejournalisten

Wie sich eine Zusammenarbeit zwischen „Fachjournalisten und Öffentlichkeitsarbeitern im Tourismus“ darstellt, können Sie z.B. hier selbst lesen. Es geht nach meiner Auffassung um die Zusammenarbeit von PR-Agenturen und Reisejournalisten.

Von diesen „Fachjournalisten“ sollte man erwarten, dass sie mindestens bei den Artikeln, die sie schreiben, darauf hinweisen, wer ihre Reisen unterstützt und gesponsert hat und wer was bezahlt hat.

Das ist für mich ein wichtiges Kennzeichen von seriösem Reisejournalismus. Das nennt sich Transparenz und unterscheidet in meinen Augen  Qualitätsjournalismus von PR. Gucken Sie doch mal, wer das macht …

Man kann das Ganze aber auch anders sehen und sagen, gerade weil es eine bezahlte Reise ist, nenne ich den Sponsor nicht sondern sage, das Nennen wäre PR (!). Damit sind dann natürlich der mündige Bürger, die Transparenz und die eigene Meinungsbildung stark behindert und der Journalist entzieht sich jeder transparenten Bewertung seines Tuns. Und wie sich dabei alle Vorurteile erfüllen können, kann man dann beispielsweise hier lesen.

Diese Art des „Journalismus“ wird übrigens dann besonders interessant, wenn man z.B. ein spezielles Hotel besucht und dann darüber berichtet wie gut es dort war, ohne zu erwähnen, dass dies vom Hotel bzw. der PR-Agentur gesponsert war. (VDRJ-Mitglieder verstossen damit in meinen Augen komplett gegen Abschnitt 6 des VDRJ Kodex).

Die Verfeinerung findet dann statt durch die Angabe von speziellen Internetadressen, die man nennt bzw. wegläßt. Oder umgekehrt schreibt man einen Artikel über eine Region, der allgemeiner ist und gibt dann lediglich einige wenige – oder nur eine – spezielle Internetadresse(n) an.

Übrigens bin ich mit dieser Auffassung nicht allein. Der Politikwissenschaftler Hans J. Kleinsteuber hat zusammen mit Tanja Thimm ein Buch u.a. über die Ethik des Reisejournalismus geschrieben und vertritt laut mediummagazin genau meine Gedanken zur Transparenz. Lesen Sie dazu einfach mal den Artikel von Anne Haeming bei mediummagazin.de. Dort steht auch noch was zum VDRJ.

Wie schreiben Kleinsteuber/Thimm? „Der Interessent kann sich gezielt und zum Zeitpunkt seiner Wahl die Reportagen und Berichte heraussuchen, die ihm für sein nächstes Urlaubsziel wichtig sind. Damit wird die Beziehung zwischen Produzent und Nutzer viel enger; der Leser verlangt weniger gefühlige Erzählungen und eher handfeste Informationen. Und er kann sich die Reportage ausdrucken, mitnehmen und viele der darin gemachten Behauptungen überprüfen. Faktisch verändern sich so in digitalen Umwelten die Rahmenbedingungen des Reisejournalismus, der Redakteur wird vom Geschichtenerzähler zum schreibenden Dienstleister des Lesers und tut gut daran, die veränderten Rahmenbedingungen in seine Arbeit einzubeziehen.“

So würde es Sinn machen, für die neue gute Art des Reisejournalismus eine neue Auszeichnung (Award) zu kreieren, vielleicht den Travigal-Award:

Ich glaube, dass es ganz ok ist, wenn man Unterstützung durch eine PR-Agentur oder einzelne Unternehmen erhält oder eine Pressereise macht und darauf dann am Ende des Reiseberichtes auch ganz offen hinweist, so wie dies ja z.B. auch die Welt am Sonntag und die TAZ laut mediummagazin machen.

Das ist transparent. Und warum soll dann der Reisebericht nicht ok sein? Wer die Wahrheit nicht schreibt oder nur positiv, der erhält doch spätestens, wenn die Urlauber zurückkommen und die Wahrheit gesehen haben, die Quittung durch Kommentare und in Social Networks – und dann ist die Glaubwürdigkeit dokumentiert „weg“.

Aber PR-Unterstützung ist nicht immer sinnvoll. Meine Reiseberichte über Wien und Berlin wären nie authentisch geworden, wenn ich nicht mehrere Wochen allein dies alles bereist hätte. Da entstehen dann die Erlebnisse, die den Zeitgeist und den Charakter an einem Ort zu einer Zeit ausmachen und die auch als Reiseberichte überstehen, weil sie Jahre später von Dritten mit ihren Erlebnissen und den Veränderungern verglichen werden können. Es kommt da eben auch auf die Ansprüche und den Ansatz an.

Wie kommt man an die Amateure ran?

Früher zeichneten sich Journalisten ja dadurch aus, dass sie ein Medium zur Verfügung hatten, welches der normale Bürger nicht zur Verfügung hatte, eine Tageszeitung, ein Reisemagazin, einen Sendeplatz im Radio oder Fernsehen (so wie die GEZ-gesponserten Medien heute noch).

Heute ist dies durch die digitale Welt zum Teil anders. Jeder kann Reisejournalismus betreiben. Also wird nun versucht, die Amateure einzubinden. Das hat zu Plattformen wie z.B. der Geo-Reisecommunity geführt. Zwischen den Artikeln findet man dann sehr oft Werbung. So gelingt es dann, den Amateur einzubinden in eigene PR-Strategien.

Bei der Geo-Reisecommunity wird übrigens zwischen Reiseprofis und Amateuren unterschieden. Schauen Sie dort mal bei den „Reiseprofis (RP)“ vorbei und gucken Sie mal mit dem oben formulierten Problembewusstsein. Wahrscheinlich ist den Machern der Geo-Reisecommunity ihr schmaler Weg bewusst. So heisst es in den AGBs für die Reiseprofis (RP) u.a.:

„Abweichend von den diesbezüglichen Regelungen in Abschnitt 12.2 der GEO-Reisecommunity-AGB gestattet GEO.de RP die Erstellung von einzelnen Tipps mit kommerziellem Hintergrund. Dafür gelten die folgenden Regelungen:

– es dürfen ausschließlich Tipps (inkl. der dabei verwendeten Bilder) mit kommerziellem Hintergrund erstellt werden. Für Reiseberichte, Forenbeiträge, Anschreiben anderer User etc. gelten unverändert die Regelungen der AGB der GEO-Reisecommunity

– Tipps mit kommerziellem Hintergrund müssen von RP über eine entsprechende Option bei der Eingabe gekennzeichnet werden und werden in der Darstellung für alle User entsprechend ausgewiesen. Angebote des RP dürfen nicht als Angebote von GEO oder der GEO-Reisecommunity präsentiert werden

– Tipps mit kommerziellem Hintergrund dürfen vom RP nur zu eigenen Angeboten erstellt werden. Beispielsweise dürfen Hoteliers nur eigene Hotels, Autoren nur eigene Veröffentlichungen beschreiben …“

Das Fettgedruckte ist eine Hervorhebung von mir.

Ich habe bisher so gut wie nirgends bei den Reisetipps den Hinweis gefunden, dass es sich um ein rein kommerzielles Angebot handelt, aber gucken Sie doch mal selbst, vielleicht finden Sie etwas und ich habe es einfach übersehen. Ich habe bei der Geo-Reisecommunity deshalb angefragt und werde eine Antwort hier gerne publizieren. Diese ist gekommen. Die Email ist vom Team der Geo-RC und dort heisst es: „Die Formulierung in den AGB soll darauf hinweisen, dass keine Reiseberichte mit kommerziellem Hintergrund erstellt werden dürfen – und in diesem Sinne ist das „nur“ zu verstehen.

Genau!

Damit weiter im Text.

Eine sehr schöne Webseite, die mir persönlich gefällt,  ist Trekearth. Im Netz gibt es unendlich viele Webseiten mit Reiseberichten, weil Reisefotografie und Reiseberichte eines der Lieblingsthemen für Kamerabesitzer auf der ganzen Welt sind.

Das ist übrigens auch gut für die Fotoindustrie, weil sich dadurch wiederum Absatzchancen ergeben und es ist gut für die Menschen, weil die persönliche Weiterentwicklung und Identitätsbildung durch Abgrenzung erfolgt, wie Erich Fromm schon festgestellt hat.

Der Markt ist riesig

Wie riesig die Dimensionen für Geschäfte in diesem Bereich sind, wurde mir bei einem Besuch auf der  ITB klar, der Reisemesse in Berlin. Ich habe noch nie so viele PR-Agenturen auf einem Haufen gesehen. Und die brauchen für die Verbreitung in den Medien und im Netz journalistische Unterstützung.

Bemerkenswert für mich war das Hofieren der öffentlich-rechtlichen Sender (!!!) neben dem bisher Gesagten. Und im letzten Jahr bemerkte ich, dass fast jede PR-Agentur der Auffassung ist, sie könne doch mit Social Media und Webseiten alles alleine machen.

Angebote zu professionellem Web- und Social-Media Management wurden – so mein Eindruck – als feindliche Attacken abgewehrt wie in einem Krieg.

Doch zurück zum Kernthema des Artikels!

Das Geld soll und wird ja von allen Beteiligten mit den Urlaubern verdient. Und die wollen sehr oft Fotos machen.

So ist die Fotoindustrie mit im Boot und es ergeben sich für alle Beteiligten rund um den Urlauber riesige Absatzmärkte. Und bezogen auf die Fotografie geht es natürlich vor allem um Digitalkameras und die Motive dafür.

Fazit

So ist Reisejournalismus und Digitalfotografie ein Thema mit viel Potential für die Zukunft.

Ich hoffe, auf  einige feine Unterschiede aus meiner persönlichen Sicht aufmerksam gemacht zu haben, die ich als Tendenzen der Zeit sehe, insbesondere die Frage von seriösem Journalismus und PR-„Journalismus“ und die wachsende Rolle der Amateure.

Nachtrag am 30.11.2012:

Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass die Scheinheiligkeit noch größer ist als vermutet und Transparenz ein Fremdwort: „Das aktuelle „medium magazin“ berichtet im Beitrag „Luxusrecherchen im Wirtschaftsressort“ über die Käuflichkeit von Redaktionen: Unternehmen zahlten teure Reisen für FAZ und SZ, die „Welt“ deckte auf.“ So finden wir es bei newsroom.de. Damit sind nun wirklich alle Vorurteile von der Wirklichkeit bestätigt worden, zumal es hier nicht allein um Reisejournalismus ging sondern um Berichterstattung zu Wirtschaftsthemen.

Nachtrag am 28.07.2013:

Angeblich will jetzt die FAZ auf „maximale Transparenz“ setzen und auch darauf hinweisen, wenn eine Reise oder ein Thema gesponsert wurden.

 

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