Zeitgeist-Fotografie

„Nur wer sich ändert bleibt sich treu.“

Fotomonat ist ein Projekt, das ich vor einiger Zeit ins Leben gerufen habe. Es war nach mehrjähriger Beschäftigung mit Henri Cartier-Bresson und meiner eigenen Entwicklung in diesem Bereich der Schritt vom Kopf in die Welt.

Mir ging es dabei darum,

  • meine Erfahrungen in der Reisefotografie,
  • meine Erfahrungen mit thematischen Dokumentationen und
  • das Thema Dokumentarfotografie früher und heute zu verarbeiten.

Es geht um Dokumentarfotografie und um die Frage von Fotokunst. Es geht letztlich um Fotografie als Bestandteil der tatsächlichen Welt in Abgrenzung zu einer virtuellen Welt.

Und ich fand im Internet ausser ein paar verstreuten Artikeln wenig, was meinen Vorstellungen entsprach. Vieles war sehr flach und manches war sehr kurz (gedacht).

Vom Text zum Bild

Nun ist eine Zeit gekommen, die das Projekt fotomonat erweitern wird. Fotomonat ist wie ein digitales Buch und steht auch weiter zur Verfügung. Es wird sogar neue Artikel geben, wenn es sich lohnt.

Aber es ist auch ein Zeitpunkt gekommen, an dem ich die Entscheidung treffen mußte, ob ich in den Trott der permanenten Präsenz durch nicht wirklich neue Informationen eintrete oder lieber Yin und Yang zu ihrem Recht kommen lasse.

Es wird auch im Jahr 2012 viel Neues geben. Davon ist aber nicht viel wirklich neu. Die Konsumindustrie suggeriert, dass man permanent das Neue haben muß. Es geht eben um Konsum. Wenn sich zum Schluß der Wert einer Ware aber darin erschöpft, dass man sie gekauft hat (danke Kuno für deine Hinweise, die meine Sinne schärften!), dann ist es für mich sinnlos, darüber zu schreiben. Denn darüber schreiben genug andere.

Projekt Zeitgeist

So entstand das Projekt Zeitgeist 2012: mehr Fotos zum Festhalten der Gegenwart.

Ob das viele Fotos werden oder nur 3 für ein Jahr – wer weiß das schon! Aber im Jahr 2012 sollen eher Bilder sprechen. Denn auch unsere Welt ändert sich. Ich glaube, dass wir in einer Ära leben, die den Menschen in eine kolossale Unsicherheit versetzt. Immer mehr nehmen die Dinge auch nicht mehr wahr und immer mehr wird diskutiert, dass alles Realität ist, was das Gehirn wahrnimmt.

So einfache Unterscheidungen wie Innenwelt und Aussenwelt sind auch dabei ganz hilfreich. Und die Dinge in der Welt um uns herum fotografisch festzuhalten, ist dann ein guter Weg, um die Welt zu sehen und den Zeitgeist einzufangen.

„Wahr“nehmungsprobleme

Es scheint ja so zu sein, dass immer mehr Menschen gar nicht mehr die Häßlichkeit und Seelenlosigkeit der Wohn- und Lebensbedingungen wahrnehmen. Bäume werden lieber abgeholzt und neue Häuser mit „individuellem“ Charakter überall als Menschenboxen installiert.

Wir haben in Deutschland das Glück, dass die bauliche Schönheit in Teilen Ostdeutschlands restauriert wurde. Wer zum Beispiel einmal in Naumburg an der Saale war, der versteht, was den Unterschied zwischen menschenfreundlichem und naturfreundlichem Städtebau einerseits und seelenlosem und naturfeindlichem Städtebau andererseits ausmacht.

Wenn man sich dann kontrastierend z.B. nur die neuen Städte in China anschaut, kann einem Angst und bange werden. Es ist auch hier so, als ob es die „Unwirtlichkeit unserer Städte“ und Alexander Mitscherlich nie gegeben hätte.

Real wird irreal

Wer dies alles aber nicht mehr weiß und sieht, der ist auch anfällig für die Übernahme der digitalen Welt als reale Welt, die dann als Folge die Schwelle und die Wahrnehmung für echte Natur und wirkliches Leben völlig verändert. Da der Mensch aber für die natürliche Welt konstruiert ist, kommt hier noch einiges auf uns zu. Dies dann wiederum digital kompensieren zu wollen ist zwar günstig für die Konsumindustrie aber schlecht für den Menschen und die Natur. Nun gut!

Zeitgeist

Ich habe den Begriff Zeitgeist bewußt gewählt habe. Er kommt eigentlich aus der Geschichte und Philosophie  und wurde genutzt, um bestimmte zivilisatorische (manchmal auch kulturelle) Tendenzen („Eigenart einer Epoche„) voneinander abzugrenzen. So gab es früher Bücher zu Themen wie dem Zeitgeist des Bismarckreiches und dem Zeitgeist der Weimarer Republik. (Übrigens zeigt mir mein Rechtschreibsystem an dieser Stelle gerade, dass ich Bismarck nur mit k und ohne c schreiben soll…)

Hobsbawm hat gefragt „Wieviel Geschichte braucht die Zukunft?“ Und genau in dieser Zeit sind wir gerade, wie allein der Ausflug zu Mitscherlich gezeigt hat.

Und diesen Zeitgeist kann man mit Fotos vielleicht ganz gut festhalten. Damit meine ich Dinge, die um uns herum sind und unseren Alltag und unser Denken(?) bestimmen und ich meine Handlungen, die für die Gegenwart typisch sind. Auch dies ist Dokumentarfotografie.

Es ist eine eher stille Arbeit für denkende Menschen, die die permanente Präsenz durchbrechen wollen und ihre Wahrnehmung schärfen wollen, um nicht im Dickicht des digitalen Schrotts zu erblinden.

Wenn Sie also ab 2012 ab und zu etwas davon sehen wollen und ich etwas finde, dann lohnt sich vielleicht ein Blick auf die Internetadresse zeitgeist-fotografie.de.

Übrigens können Sie dabei auch mitmachen, wenn sie möchten.

Auch dies wird wieder ein Experiment sein wie bei fotomonat und ich bin ziemlich gespannt, was daraus wird.

Nachtrag 2016: Mittlerweile ist das Projekt beendet und die Domain ist an anderer Stelle, wo neuer Zeitgeist ist.

 

 

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