Der Gaußsche Weichzeichner und die Demonstranten

Carl Friedrich Gauß war ein Mathematiker. Der Name Gaußscher Weichzeichner ist ein Werkzeug in Fotosoftware wie z. B. in Gimp, Capture NX2 oder Photoshop und beruht auf der digitalen Umsetzung der  Entdeckung der Normalverteilung durch Herrn Gauß bei der Berechnung von Wahrscheinlichkeitsverteilungen.

Was bedeutet das?

In einem Handbuch zur Software Gimp wird dies folgendermaßen erklärt: „Der Gaußsche Weichzeichner wird auf jedes Pixel der aktiven Ebene oder Auswahl angewendet. Er setzt den jeweiligen Farbwert auf den Mittelwert aller umliegenden Pixel in einem bestimmten Radius.“

Welche Auswirkungen hat dies?

Nun bin ich heute bei der Sichtung aktueller Meldungen auf einen Photostream gestossen. Dabei geht es um die Dokumentation aktueller politischer Ereignisse durch die Polizei, in diesem Fall die Durchsuchung des Büros des Jugendpfarrers König in Jena.

Fotografisch ist mir dabei ein Foto aufgefallen, welches das direkte Ergebnis des Gaußschen Weichzeichners ist. Sie finden es hier.

Wie man sieht, ist dieses Foto mit einem Handy aufgenommen worden. Es dokumentiert eine Demonstration in Jena.

Aber auf dem Foto sind mit dem Gaußschen Weichzeichner alle Gesichter der Demonstrationsteilnehmer – die alle nicht vermummt waren – unkenntlich gemacht worden.

Was ergibt sich daraus für Reportagefotos?

Dennoch erzählt dieses Foto eine Geschichte, es ist ein Reportagefoto und es zeigt, wie man heute aktuell und schnell und ohne Verletzung von Persönlichkeitsrechten vorgehen kann, wenn man das Geschehen dokumentieren will.

Ich schreibe darüber, weil ich selbst darauf noch nie gekommen bin. Für mich galt immer das „geschickte“ Foto als Herausforderung. Nun kenne ich die politischen Hintergründe der ganzen Situation nur aus dem, was aktuell in den Medien zu finden ist.

Aber ich denke, dass es unter fotografischen Gesichtspunkten schon ein Dokument der aktuellen Reportagefotografie ist. Und es ist ein Handyfoto, das bearbeitet wurde.

Das nimmt ja zu. Es tauchen immer mehr Handyfotos bei der Berichterstattung in den Medien auf. Und es werden immer mehr digitale Werkzeuge genutzt wie der Gaußsche Weichzeichner oder andere digitale Filter, um mögliche Rechtsverletzungen auszuschliessen.

So kommt die Mathematik in die Reportage und löst dabei noch mögliche rechtliche und/oder politische Probleme. Damit verändert sich allerdings auch der Anspruch an die Reportagefotos.

Fotografisches Fazit:

Pure Darstellung ohne Bokeh, ohne geschicktes Fotografieren – eben ohne klassischen Anspruch – ist die Folge. Das ist eine neue Kategorie von Fotos, die sich durchgesetzt hat.

Aber wenn ich mir vorstelle, es gäbe nur noch solche Fotos bei Fotoreportagen, dann wäre dies für mich fotografisch nicht ausreichend.

Solche Fotos sind notwendig zur Dokumentation aktueller Abläufe aber fotografisch nicht ausreichend für klassisch-gute Reportagefotografie – meiner Meinung nach.

Das mindert umgekehrt ihren Wert aber nicht, um in aktuellen Situationen eine Rolle zu spielen. Paradoxerweise spielen gerade solche Fotos als fotografisches Medium eine Rolle in der dokumentierenden Fotografie. Deshalb darf man sie nicht unterschätzen, sondern muß sie vom Gebrauchswert her beurteilen – und der ist offenkundig sehr hoch.

Insofern dokumentieren diese Zeilen an einem Foto eine neue Form der Reportagefotografie: das Handyfoto mit digitaler Nachbearbeitung.

 

 

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