Monthly Archives: Dezember 2011

Software-Fotos und das Scheitern von Labortests – der neue Trend

ein zusammengerechnetes Foto bei wenig Licht - Foto: Michael Mahlke

RAW ist nicht Roh

Es ist schon länger bekannt, dass selbst RAW-Fotos schon bearbeitet sind.

Aber während diese digitalen Ergebnisse noch einigermassen „roh“ sind, ist fast alles danach mittlerweile ein Ergebnis ausgeklügelter Software. Wenn man sich „fertige“ JPGs anschaut, dann kann man u.a. folgende Tendenzen feststellen:

  • Verzeichnungen durch Objektive werden rausgerechnet, bevor das JPG gespeichert wird.
  • Dunkle Stellen werden durch Lightning-Funktionen (Erhellen) aufgehellt, bevor das JPG gespeichert wird.
  • Durch HDR-Funktionen werden mehrere unterschiedlich belichtete Fotos zu einem Foto zusammengerechnet, bevor das JPG gespeichert wird.
  • Bei schlechtem Licht wird „DSLR-Qualität“ einfach durch das Zusammenrechnen eines Fotos aus mehreren Einzelfotos erzielt, bevor das JPG gespeichert wird.
  • In den EXR-Modi wird durch Software Licht und Schatten erzeugt ohne das z.T. Eingriffe möglich sind.

So übernimmt immer mehr Software den Versuch, das „Gelingen“ von Fotos zu garantieren. Auch hier ist das Verlassen auf die Technik in eine neue Dimension gekommen, die weit über das pure Einfangen einer Situation hinausgeht. Das muß nicht schlecht sein.

Ohne Software keine Fotos

Aber es ist eine neue Zeit, die dadurch eingeläutet wurde. Es ist die Zeit der Software-Fotos. Software und Fotos gehören untrennbar zusammen. Umgekehrt könnte man auch sagen ohne Software keine Fotos.

Firmware als neue Lösung

Einer der Vorteile dieser Lösung ist ja die Möglichkeit der Firmware-Updates. Das ist Software, die das Zusammenspiel der einzelnen Komponenten einer Kamera (Sensor, Prozessor, Linsen) beeinflusst. Da ein Software-Update weltweit die Möglichkeit bietet, preiswert die Kunden ohne grossen Aufwand zu erreichen, ist dies eine kluge Sache.

Aber heute ist es so, dass einige Unternehmen lieber nach ein paar Monaten neue Kameras auf den Markt bringen statt die bisherigen Modelle einfach von Fehlern oder Ungereimtheiten zu befreien.

Das Scheitern von Labortests

Neue Kameras werden von verschiedenen Magazinen getestet, um sie in Bestenlisten einzuordnen und um Verkaufsentscheidungen zu geben/beeinflussen. Dies wird zunehmend schwerer. Allerdings behalten Tests wie z.B. der von DxO für die traditionellen Messungen ihre Gültigkeit. Aber in meinen Augen sind die traditionellen Messfaktoren zunehmend nicht mehr allein relevant für Aussagen über die tatsächliche Leistungsfähigkeit einer Kamera.

Als Sony z.B. mit der WX1 und Fuji mit der F200EXR auf den Markt kamen, konnte man merken, dass etwas nicht mehr stimmt bzw. bewertet werden kann in der bisherigen Form. Da wurden neue Modi angeboten, um Fotos bei schlechtem Licht durch das Zusammenrechnen mehrer Aufnahmen zu einem Foto oder durch das Zusammenlegen mehrerer Sensorpixel zu verbessern. In den Magazinen wurden aber meistens nur die bisherigen Einfachaufnahmen getestet.

Das Ergebnis war klar: die Werte waren nicht so toll. Hätte man die neuen Fotos genommen, wären die Werte eventuell anders gewesen. Dieses Problem setzt sich aktuell fort. Und normalerweilse müsste auch nach jedem Firmware-Update eine Kamera neu getestet werden. Aber umgekehrt reichen den meisten Lesern die einfachen Tests.

Und wer Goethe kennt, der erinnert sich vielleicht an den Satz „Die Anschauung ist die Grundlage jeder Erkenntnis.“ Aber es geht auch ohne Goethe, denn dies bedeutet auf gut Deutsch, man gehe in einen Fotoladen und nehme die Kamera in die Hand, probiere sie aus und entscheide sich dann.

Die Fotoformel

Und wenn man zuguterletzt statt einer Rentenformel eine Fotografieformel entwerfen wollte, dann könnte diese folgendermassen aussehen:

Sensor + Software + Optik / Können des Fotografierenden = Foto

 

 

 

Zwischen BSI und EXR oder die Hoffnung stirbt zuletzt

Nun ist im Internet auch einiges über den neuen Sensor von Fuji zu finden, der eventuell ab 2012 marktreif sein könnte. Es gibt sogar schon Gerüchte über eine Fuji LX10 mit Wechseloptik.

Und wieder können wir lesen, dass es besser werden soll. Das letzte Mal habe ich dies beim BSI-Sensor gelesen.  Das ist noch gar nicht so lange her.

Wir leben in der Ära der Digitalfotografie mit Sensorfotos. Digital bedeutet ununterbrochen irgendeine Veränderung. Nur die optischen Gesetze bleiben gleich.

Das sollte uns nicht daran hindern, weiter den Blick für die fotografischen Möglichkeiten zu bewahren. Und da gibt es klare Grenzen, sozusagen den fotografischen Rahmen:

Wir sind beschränkt durch

  1. die Möglichkeiten der Drucktechnik,
  2. die Möglichkeiten des Monitors und
  3. die Möglichkeiten des menschlichen Auges
  4. die Möglichkeiten des jeweiligen Sensors

Daher kann man mit dem vorhandenen Equipment ganz in Ruhe fotografieren und sollte nicht glauben, dass erst die neue Kamera oder der neue Sensor gute Fotos macht. Bei henner.info ist dies in einer guten Grafik ebenfalls zusammengefasst.

Abgesehen davon haben auch gute Kameras Probleme. Aktuell scheint es das Problem der Fuji X10 mit den weissen Löchern zu sein, Firmware 1.02. Ein Beispiel sehen Sie hier:

weisse Löcher bzw. Scheiben in manchen Bildern der Fuji X10 - Foto: Michael Mahlke

Umgekehrt  kann man mit der Fuji auf die Schnelle – je nach Motiv und Licht  – gute Fotos machen ohne Probleme:

Remscheid morgens am Markt - Foto: Michael Mahlke

Aber eine Kamera mit „Fotolotto“-Qualitäten wäre ein Problem. Das wird mittlerweile auch u.a. hier diskutiert.

Aber uns hat Fuji Hoffnung gemacht, dass sie das Problem lösen wollen. Ob es dabei um eine Lösung oder Minderung des Problems geht, werden wir sehen.

Schopenhauer hat geschrieben, dass das Neue der Feind des Guten ist. Und gute Fotos kann man mit allen Kameras machen. Nur bei schlechtem Licht wird es wohl auch zukünftig schwierig bleiben.

Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Daher werden wir wohl immer weiter hoffen, auf bessere Sensoren und ein besseres Leben. Das wissen wir aus der schriftlich überlieferten Weltgeschichte seit 5000 Jahren. Ob wir es noch erleben?

Nachtrag Juli 2012: Das Problem ist durch einen veränderten Sensor mittlerweile in den neu produzierten Modellen der Fuji X10 offenkundig behoben worden.

 

Fotoshooting von Maria Benning und Gerald Zörner


„Kommunikation läuft nicht in erster Linie über Inhalte. Es geht viel mehr um die Vermittlung von Selbstbildern.“ Dieser Satz aus den ersten Seiten des Buches „Fotoshooting. Das Subjekt vor dem Objektiv“ von Maria Benning und Gerald Zörner zeigt uns den Weg in eine wunderbare Welt.

Es ist ein besonderes Buch. Dieses Buch ist ein Produkt der digitalen Zeit, denn es reflektiert den veränderten Umgang mit Fotos und Bildern seitdem sie digital und online fast ununterbrochen eingesetzt werden.

Einige bekannt gewordene Fotografen haben darauf hingewiesen, dass ein Foto im Kopf entsteht. Das ist das Geheimnis und das Problem der guten Fotografie zugleich.

Und genau dieses Thema wird hier theoretisch und praktisch bearbeitet – aber psychologisch-fotografisch.

Was passiert eigentlich psychologisch, wenn ich vor einer Kamera stehe – und hinter einer Kamera? Welche Macht hat der Fotograf/die Fotografin über mich? Was will ich eigentlich? Welches Bild von mir habe ich? Habe ich überhaupt ein Bild von mir?

„Nahezu jeder möchte heute visuell präsentieren… Doch viele empfinden es als schwierig, vor der Kamera zu stehen. Woher kommt dieser Mulm? Und warum ist es für viele Menschen zweierlei, wie sie auf den Bildern wirken und wie sie wirken wollen? Und lässt sich das eine mit dem anderen nicht besser in Übereinstimmung bringen?

Diesen Fragen gehen der Porträtfotograf Gerald Zörner und die Journalistin Maria Benning nach. Sie stellen die psychologischen Aspekte des Fotografiertwerdens dar.“

So beginnt das Buch und diesem Anspruch wird es auch gerecht. Es ist ein Buch, das den Spagat zwischen Wissenschaft und Lebenspraxis bewältigt.

Benning und Zörner trauen sich, eigene Gedanken, gute Zitate und praktische Vorschläge aus verschiedenen Wissensbereichen in einen inhaltlichen Zusammenhang zu stellen, nämlich das Fotoshooting.

„Was tun Sie, wurde Herr K. gefragt, wenn sie einen Menschen lieben?

Ich mache einen Entwurf von ihm, sagte Herr K., und sorge, dass er ihm ähnlich ist.

Wer? Der Entwurf?

Nein, sagte Her K. Der Mensch.“

Diese Geschichte von Bertolt Brecht kommt ebenso als Schlüssel zum Selbstverständnis und der fotografischen Identität in dem Buch vor wie die Untersuchung von Pierre Bordieu über „Die feinen Unterschiede“ bei der Frage des Bild Entwerfens.

Doch hört sich das eher intellektuell an. Das ist das Buch aber eigentlich nicht. Es ist anspruchsvoll obwohl es leicht geschrieben ist.

Und es ist von hohem praktischen Wert, denn Maria Benning und Gerald Zörner arbeiten mit Fotos und Tabellen, die man sogar im Kundengespräch einsetzen kann und in der Vorbereitung auf Porträt-Fotoshootings.

Das Buch ist mit Theorie total auf fotografische Praxis angelegt. Und das gelingt sehr gut.

Fragen wie die nach der Entstehung eines Bildes von mir oder anderen, wie kann ich besser Sehen lernen, wie kann ich mich beeinflussen, ermöglichen in dem Buch eine breite und gute Auseinandersetzung mit Gedanken, Prinzipien und der Frage, wie ich mehr Akzeptanz bekomme – fotografisch und im Leben.

Es ist ein Buch zum Blättern, zum Lesen und zum Anwenden. Und es macht Spass.

Wer das Buch liest, wird anders mit Fotos und sich selbst umgehen. Die Literaturhinweise, die Fotos und die Tabellen sind eine gute Quelle für die Arbeit an Bildern und an Selbstbildern – im Kopf und mit der Kamera.

Das Buch leistet, was die Werbung verspricht: „Entwerfen Sie ein Bild von sich, bevor es andere tun – faszinierende Einblicke in die Psychologie des Fotografiertwerdens.“

Maria Benning, Gerald Zörner

Fotoshooting. Das Subjekt vor dem Objektiv
ISBN 978-3-456-84998-0

16 Megapixel lohnen bei Kompaktkameras nicht

Alt ist oft besser

Ich war auf dem Flohmarkt. Dort wurden ältere Kompaktkameras verkauft. Egal ob Nikon P4 oder die flache Casio oder eine schicke kleine Sony. Für jede dieser Kameras wollte man maximal 35 Euro geben, obwohl jede über 200 Euro gekostet hat. Das war dem Verkäufer zu wenig. Später verkaufte er die Kameras zum Teil über eine Online-Börse. Da waren die Preise dann etwas höher und das war offenbar ok.

Und wer solche Kameras kauft, der ist nicht dumm. Denn vor kurzem hat  Verena Ottmann in der PC Welt ein Ergebnis ihrer Tests veröffentlicht, das eine einfach Wahrheit ausspricht: 16 Megapixel lohnen nicht bei Kompaktkameras, 10 bis 12 Megapixel sind besser.

Bei 6mpixel.org geht man noch weiter und zeigt, dass eigentlich schon 6 Megapixel das Optimum sind: „Der beste Kompromiss für eine Kompaktkamera ist ein Sensor mit 6 Millionen Pixeln oder besser eine Pixelgröße von > 3µm.“

Das hat natürlich Folgen für das Kaufverhalten und das Fotografierverhalten.

Die Chance des Schnäppchenjägers

Mit diesem Wissen kann man zum Schnäppchenjäger werden. Denn in den letzten Jahren sind relativ viele sehr gute Digitalkameras auf den Markt gekommen, die gerade im Abverkauf sind oder schon waren und daher bei Börsen im Internet wieder auftauchen.

Wenn ich als Suchkriterien eine Kompaktkamera mit 6, 8 oder 10 Megapixel und optischem Bildstabilisator nehme, dann geht es im Prinzip nur noch um die Frage, nehme ich eine Kamera mit dem neueren BSI-Sensor/CMOS oder mit dem älteren CCD-Sensor.

Je weniger Video ich brauche und je mehr pure Fotografie ich will, desto interessanter werden die bewährten CCD-Sensoren. Und damit kann ich mich dann für kleines Geld den kreativen Möglichkeiten der Fotografie widmen.

Pixelpitch als erste Orientierung

Nun geht das alles nur begrenzt. Bei Nikon gibt es eine Seite, die auch zeigt, wie man selbst den Pixelpitch berechnet. Allerdings weist Nikon darauf hin, dass man verschiedene „Generationen“ von Sensoren nicht miteinander vergleichen kann, aber ohne eine Differenzierungsmöglichkeit anzubieten. Daher ist die Feststellung so richtig wie sinnlos.

In diesem Fall hilft sogar die Wikipedia mehr.

Die beste Zusammenfassung habe ich hier gefunden.

So bleibt letztlich nicht viel mehr übrig, als sich das Vergnügen zu machen, dies alles auszuprobieren.

Einen Versuch von mir sehen Sie in dem Artikel über die Sony HX9V und die Lüneburger Heide. Dort ist neben Fotos, die mit der HX9V und 16MP aufgenommen worden sind, am Ende ein Foto, welches mit der Sony WX5 mit 12MP aufgenommen worden ist.

Dieses Foto der Sony WX5 mit 12MP ist in meinen Augen sichtbar besser als das Foto der Sony HX9V  mit 16MP – auch bei 100 Prozent.

Nun bin ich kein Labortester sondern benutze Digitalkameras in der Praxis unter sehr verschiedenen Bedingungen. Aber mittlerweile stimmen meine Erfahrungen mit den Aussagen, die ich hier zusammengetragen habe, so auffallend überein, dass dies schon einen Artikel wert ist.

 

 

Das Auslösegeräusch als Hindernis für leise Fotografie

Foto: Michael Mahlke

Seit Jahren verfolge ich die Debatte um das leise Fotografieren. Dabei geht es darum, dass man unauffällig Fotos macht. Das kann Strassenfotografie sein, das kann aber auch in einer Theateraufführung sein.

Im Prinzip gibt es verschiedene Probleme im Zusammenhang mit dem leisen Fotografieren:

1. Ein Monitor

Wer einmal in einem halb abgedunkelten Raum gesessen hat und mit einem Digitalkameramonitor fotografieren wollte, der weiss, was ich meine. Auffälliger geht es kaum. Automatisch wenden sich andere Zuschauer dem Licht zu. Das geht gar nicht!

2. Eine grosse Kamera

Eine grosse Kamera erfordert immer ein grosses Volumen, beim Transport, beim Anpacken und beim Benutzen. Im Zeitalter der Handys sind grosse Kameras zudem nicht normierte Teile am Menschen. Während Handys in Händern kaum noch wahrgenommen werden, würde man bei dicken Kamerabrocken sofort hinschauen. Das geht gar nicht!

3. Ein lautes Auslösegeräusch

Das lauteste Problem. Alles kann klappen, wenn es keiner merkt. Aber ich war schon sehr enttäuscht über die vielen neueren Kameras – auch Systemkameras – die wie Schüsse knallen, wenn sie auslösen.

Aktuell finde ich die Idee von Nikon sehr gut, die bei der D3100 und der D7000 mit dem Quiet-Modus am besten verwirklicht wurde. Aber auch die Pentax K5 ist sehr leise. Und ich finde die Lautstärke bzw. die fehlende Lautstärke der Fuji X100 sehr gut. Das reicht alles fürs normale Leben, aber für Kirche, Theater oder Wildlife würde es nicht reichen. Dort haben die Tiere feinere Ohren und bei  Chorauftritten oder im Theater oder bei Vorträgen ist oft absolute Ruhe angesagt. Da geht es wirklich nur ganz ohne Geräusche und blitzen ist ebenfalls out.

Bei den Kompaktkameras kenne ich keine lautlose mit optischem Sucher und relativ guter Bildqualität außer der Olympus C70 Zoom, der Canon S80 und der Nikon P6000 – oder in der Gehäusegröße von Systemkameras mit Einschränkungen die Nikon P8400 und die Nikon P7000 und die Powershot G11+G12-G15.

Nachtrag:

Mittlerweile gibt es neue Systemkameras mit Sucher wie die Nikon V1 oder die Panasonic G5 und Kompaktkameras mit Sucher wie die Fuji X10 plus Nachfolger, die auch lautlos fotografieren und lichtstark sind.

2015 sind noch mehr Kameras hinzugekommen, die diese Ansprüche erfüllen. Aber alle Ansprüche erfüllen nicht alle.

So ist zwar das Neue manchmal der Feind des Guten, aber das Alte öfter immer noch besser als das Neue?!

Man kann es auch anders sagen.

Langsam sind einige neuere Kameras so gut wie einige ältere Kameras schon sind.

Nachtrag 2016:

Dieser Artikel erschien ursprünglich 2011. Seitdem wurde er zigtausendfach gelesen. Und 2016 kann ich feststellen, daß nun fast alle Hersteller Kameras mit lautlosem Verschluß anbieten. Geht doch!

Albert Camus und die Fotografie

Albert CamusAlbert Camus war ein kluger Mensch. Er formulierte für die Zeit der Industriewelt in seinen Tagebüchern so viele gute Gedanken, dass das Lesen dieser Gedanken eine ununterbrochene Entdeckungsreise zu sich und der Welt ist.

Dabei hat er gar nicht viel geschrieben. Aber hier zeigt sich, dass weniger oft mehr ist.

Als Historiker und Sozialwissenschafter, Berater und Publizist habe ich immer versucht, die Welt zu verstehen. Und mir war klar, dass ich darüber schreiben muss. Aber irgendwann wurde mir in der Auseinandersetzung mit dem Leben auch klar, dass das geschriebene Wort nicht alles ist. Die meisten lesen wenig, in unserer Gesellschaft ist spätestens durch das Fernsehen das Lesen weitgehend ersetzt worden und Erkenntnis ist eben mehrdimensional.

„Man denkt nur in Bildern. Wenn du Philosoph sein willst, schreib Romane.“ Diese Notiz aus dem Tagebuch von Albert Camus zeigt im Schreiben die andere Dimension. Er schreibt, dass das Denken in Bildern erfolgt. Damit ist das Schreiben die andere Hälfte vom Bild, wie Schwarz und Weiss oder Yin und  Yang.

Aber damit endet die Bedeutung dieser Aussage nicht. In dem schönen Buch „Mit der Kamera sehen, Konzeptionelle Fotografie im digitalen Zeitalter“ von Robert Hirsch kommt dann auf einmal die Erklärung. Robert Hirsch fragt „Was haben Bilder einem Text voraus?“

Er antwortet folgendermaßen: „Ein erfahrener Fotograf kann auf visuelle Weise seine Erfahrungen mit der Welt austauschen. die sich der Beschreibung durch Worte hartnäckig widersetzen. Albert Camus sagte einmal: „Ohne die Rätsel des Lebens gäbe es keine Kunst.“ Worte können zwar das eigentlich Unaussprechliche aussprechen, sie weisen aber auch immer auf ein Bewusstsein jenseits der Sprache hin. Fotos können Empfindungen für ein Motiv ausdrücken, ohne auf dessen körperliche Eigenschaften beschränkt zu sein. Fotos herrschen über Raum und Zeit und ziehen die Betrachter in ihren Bann, ohne dass diese beschreiben können, was sie eigentlich so fasziniert. Sie können uns daran erinnern, wie die flüchtigen Bilder unserer modernen Kultur unser Gedächtnis und unsere Gefühle besetzen und Teil unserer Gedankenwelt werden, die uns eine Identität verleiht und uns in die soziale Ordnung stellt.“

Soweit Robert Hirsch. Er fährt dann fort mit der Frage, was ein Foto interessant macht. Doch dies sollte jeder dann in dem Buch von Robert Hirsch selbst lesen.

Für mich ist bemerkenswert, dass Robert Hirsch genau dort angekommen ist, wo ich ebenfalls angekommen bin: bei Albert Camus. Seit ich die Fotografie entdeckt habe (und nach mehreren Jahren theoretischer und praktischer Anleitung mich aktuell im Stadium der dokumentarisch-publizistischen Fotografie befinde), erlebe ich, dass dies auch das Er-Leben einer Weltsicht ist.

Albert Camus gelingt es durch seine Worte, mir deutlich zu machen, dass die Welt nicht ohne Worte sein sollte, aber hinter den Worten weitergeht.

Camus zeigt mir, dass gerade die Zeit ohne Worte, das Erleben der Sonne, die Sinnlichkeit, für mich wesentlich ist. Nur so kann ich die Absurdität unserer Existenz auflösen, die ja bestimmt ist durch Kopf, Bauch und Sexus im Bewusstsein der eigenen Endlichkeit.

Historisch betrachtet wechseln wir gerade in eine neue Welt. Digitales Denken und digitale Medien bestimmen uns. Statt Zeitungen mit Texten und Bildern gibt es Bilder mit Tönen. Das ist nicht schlechter, es kommt eben darauf an, was ICH daraus mache. Und genau darauf will ich hinaus.

Es ist eine Chance für den einzelnen Menschen, seine absurde Existenz mit Bildern besser zu leben. Insofern gibt die Fotografie uns die Chance, die Rätsel des Lebens besser zu erleben und uns selbst besser zu erfahren.

Nicht umsonst ist das Fotografieren von Menschen so wichtig und fast jeder Mensch kann sich nichts Schöneres vorstellen, als fotografiert zu werden. Dabei geht es eigentlich nicht um Akt oder Erotik, sondern um die Erfahrung seiner selbst durch das Betrachten der eigenen Fotos. Du siehst dich und du siehst dich ganz. Du nimmst dich wahr von aussen, während du dich sonst nur von innen siehst. Du transzendierst dich, um zu dir zurückzukehren.  Die Betrachtung deiner eigenen Fotos gibt dir genau die Sprache ohne Worte, über die ich hier die ganze Zeit schreibe. Dies gilt natürlich für andere Bereiche der Fotografie ebenso, ist aber im Bereich der Porträtfotografie wahrscheinlich persönlich am intensivsten.

So kannst du die Zeit deines Lebens bewusster erleben. Letztlich ist es das Leben von Kunst. Du wirst dein eigener Künstler oder wie es Wolfgang Boesner einmal geschrieben hat: „Die Grenzen von Worten, Philosophien und Religionen werden durch Kunst aufgelöst.“

Doch damit möchte ich diesen Artikel nicht beenden. Aufmerksame Beobachter meines Denkens wissen, was jetzt kommt. Ja, es ist ganz einfach. Wer hat denn die bekanntesten Fotos von Albert Camus gemacht? Richtig, es war Henri Cartier-Bresson. Damit schliesst sich nicht nur der Kreis sondern es öffnet sich dadurch das Tor zu einer neuen fotografischen Welt.

Weibliche Fotografie – ein männlicher Versuch

Foto: Michael Mahlke

Gisele Freund sagte einmal zu Georg Stefan Troller: „Wissen Sie, ich habe doch damals, in den Dreißigern, meine erste große Reportage gemacht, für LIFE, über das Elend der arbeitslosen Bergarbeiter in Nordengland. Und der Bildredakteur, der war ganz erstaunt, daß ich von jedem Motiv nur ein Photo gemacht hatte, nur eines oder höchstens zwei. Aber das saß dann. Später, bei Magnum, hat man mir die Kontaktbögen von Cartier gezeigt, und da hatte er einen ganzen Film… und eines war dann bestimmt darunter, das er den entscheidenden Moment nannte. Auf diese Idee bin ich nie gekommen, schon weil Film so teuer war für mich.“

Nun schreibe ich diesen Artikel als Mann. Aber vielleicht ist dies auch nur so möglich, weil ich manches anders sehe (eben männlich). Diese Aussage von Gisele Freund ist für mich aber der Grund für diesen Artikel gewesen.

Almut Adler hat vor Jahren ein Buch mit dem Titel „Das weibliche Auge“ publiziert. Leider habe ich sie bis heute nicht persönlich kennengelernt sondern lediglich dieses Buch von ihr gelesen. Aber es war anders als Bücher, die ich schreiben würde. Das Buch ist freier, unverkrampfter und experimentierfreudiger.

Almut Adler selbst beginnt das Buch in der Einleitung mit dem Satz: „Sie (die Frauen, Anm. M.M.) suchen eher das Visuelle als das Technische. Frauen fotografieren eher intuitiv, aus dem Bauch heraus, sie erfassen das Besondere und erspüren die Ästhetik. Sie legen mehr Wert auf Farbgestaltung und Bildaufbau. Aufwendiges Equipment ist ihnen anfangs eher fremd…“

Nun habe ich für diesen Artikel nicht das weibliche Auge oder Frauenfotografie als Überschrift gewählt sondern weibliche Fotografie. Mir geht es also um Eigenschaften, die das weibliche Fotografieren ausmachen.

Folgt man Almut Adler und Gisele Freund, dann ist die Grundlage der weiblichen Fotografie ein klassischer Bildaufbau als Basis für Kreativität und das Hören auf das eigene Gefühl. Kreativität und Gefühl in der Fotografie sind schon eher weibliche Attribute.

Mich hat das alles etwas „verunsichert“, weil es eben nicht Richtung Perfektion läuft sondern in Richtung Loslassen und Spüren. Da muß man erst einmal hinkommen.

Ich habe vor einiger Zeit Nicole Strasser vorgestellt, die ebenfalls faszinierende Blicke auf die Wirklichkeit hat. So hätte ich bis dahin nie geschaut. Für mich war die Sicht von Cartier-Bresson (einem Mann) klar, einsichtig, nachvollziehbar.

Aber die weibliche Fotografie schaut anders auf die Dinge.

Alle diese Gedanken zeigten sich auch in meinem persönlichen weiblichen fotografischen Umfeld. Frauen mit Kameras – so meine Beobachtung – waren selten allein. Die Kamera war nicht nur dabei sondern Medium und eigentlich ein Teil des Miteinanders. Und so entstanden Fotos auch im Miteinander zwischen Motiv und dem Prozess des Machens.

Aber natürlich fiel mir noch etwas auf. Während ich und andere Männer im Laden nach den neuen Kameras schauten, interessierte dies die Frauen in der Regel überhaupt nicht. Wenn sie eine Kamera hatten, die ihnen gefiel, dann reichte diese im Prinzip für die nächsten zehn Jahre (bei Männern eher für zehn Monate).

Besonders bemerkenswert war es im Zoo. Das obige Foto zeigt zwei Frauen im Zoo, die beide viel Spaß dabei hatten, mit ihrer Bridge-Kamera um die Wette zu fotografieren. Beide machten kreative und gute Fotos. Ganz anders der Mann auf dem unteren Foto. Dort war die Voraussetzung für das Foto die „beste“ Technik:

Foto: Michael Mahlke

Zwischen diesen beiden fotografischen Herangehensweisen liegen Welten. Und doch entsprechen sie exakt den oben beschriebenen Werten und Verhaltensweisen.

Aber damit will ich noch nicht enden.

Für mich hat weibliche Fotografie noch einen zusätzlichen Reiz. Und da kommt der Name Esther Haase ins Spiel. Ich bin immer noch fasziniert von einem Buch, das die Fotografin Esther Haase im Kehrerverlag veröffentlicht hat mit dem Titel Rock´N´Old.

Es handelt sich zwar um inszenierte Fotos, aber die Freiheit, das Miteinander und die Unverkrampftheit haben mich in ihren Bann gezogen.

Ich habe Frau Haase mehrfach angemailt und darum gebeten, bei ihr ein Praktikum machen zu können, weil diese Art zu fotografieren eine für mich völlig fremde und faszinierende Welt ist. Aber wahrscheinlich hat sie mit einem knapp 50jährigen, der einen solchen Wunsch äußert, nichts anzufangen gewußt.

Das alles ändert aber nichts an dem wunderbaren kreativen Wind, den dieses Buch entstehen läßt.

Und auch hier zeigt sich wieder, dass die Kreativität und das einfache So-Sein eine offenkundig weibliche Eigenschaft sind.

Sind Frauen deshalb auch die besseren Fotografinnen? Das würde ich als Mann natürlich in jedem Fall verneinen. Aber sie sind an verschiedenen Stellen einfach besser – oder besser: anders.

Und sie machen Dinge, auf die – zumindest ich – nie kommen würde.

So zeigt die weibliche Fotografie mir, dass es mehr gibt als die männliche Seite der fotografischen Welt. Sie zeigt mir unbekannte Welten und Dimensionen des Sehens, die ich von allein nie entdeckt hätte.

 

Die Aufgabe der Fotografie bei der Zerstörung unserer Welt

Eine gedankliche Reise zur aktuellen Einordnung einer historischen Situation

Im 21. Jahrhundert erhält die Fotografie neue Aufgaben. Diese ergeben sich schon dadurch, dass das Medium Foto digital geworden ist. Dadurch wird der Pixel die neue Einheit und das neue Arbeitsgebiet. Aber das ist nicht alles.

Menschen sind immer schon die Mörder ihrer Mitmenschen gewesen, wenn man nichts dagegen getan hat. Das liegt in der Struktur unseres Wesens. Einerseits sind wir mit dem Verstand ausgestattet, der uns ein Bewusstsein über uns und die Welt ermöglicht.

Andererseits sind wir eine Weiterentwicklung von Dinosauriern und Einzellern. Der vernünftige Umgang mit unserem Wesen hat in der Geschichte ebenso funktioniert wie der unvernünftige Umgang. Das Soziale ist Schicksal und Chance der Menschen.

So wurden Verfassungen und Gesetze verabschiedet, die der Gier und dem Neid des Menschen Grenzen setzten. Gesetze sorgten für relative Sicherheit und relative Gerechtigkeit und relative Beseitigung der Not. Ein Beispiel für die Erkenntnisse des menschlichen Charakters und die Umsetzung in einer Verfassung ist das Grundgesetz. Andere Versuche waren die Bleiwirtschaft in Sparta, das Losverfahren bei demokratischen Wahlen in Griechenland etc. Dies alles und noch viel mehr ist in der Geschichte zum Teil erfolgreich ausprobiert worden.

Zeit der Entscheidungen

Doch etwas ist hinzugekommen. Das 21. Jhrdt. ist die Zeit, die der Menschheit durch ihr eigenes Handeln die gesamten Lebensgrundlagen weltweit rauben kann.

Das ist eine neue Dimension und diese ist nicht verhandelbar (aktuelle Beispiele sind die Erdölpest im Golf von Mexiko im Atlantik im Jahr 2010 und die atomare Verseuchung in Japan im Pazifik ab 2011). Dieser Prozess ist schleichend mit katalysatorischen Momenten. Denn nach dem Ablassen des verseuchten Wassers in Japan werden die Fische und die degenerierten Gene erst in den nächsten Jahren aus dem Meer auf unsere Tische kommen und zum Schluss uns krank werden lassen …

Dies wissen einige Menschen, dies weiß auch ein Teil der Politik. Aber der Vorhang der Massenmedien, das Wirtschaftssystem und die Machtverhältnisse sorgen dafür, dass sich fast nichts ändert.

Als ich in den 80er Jahren Seminare zum Thema „Global denken – vor Ort handeln!“ gab, wurden Szenarien entworfen: Was passiert in 30 Jahren, wenn nichts passiert? Es war klar, es wird nicht so weitergehen, wenn es so weitergeht. Die Szenarien des Club of Rome und Bücher wie „Friedlich in die Katastrophe“ von damals sind eigentlich alle eingetreten, selbst der atomare GAU, der nach Tschernobyl nun mit Fukuschima grosse Teile Japans und der Weltmeere umfasst und so bei uns im Körper landet.

Damals fragte man auch, was eigentlich passiert, wenn die Chinesen auch so leben wollen wie die USA. Heute wollen immer mehr Chinesen so leben und das Ergebnis hat sehr eindrücklich Wang Jiuliang für die Region um Peking mit Fotos dargestellt.

Diese Tendenzen werden Ende 2011 auch bestätigt. Aber das weiß man natürlich schon länger. Sehr gut ist dies bei Home dokumentiert (bis auf die makabre Werbung zu Beginn…).

Und sogar beim ZDF – öffentlich-rechtlich – macht man da mal eine Sendung zu, die dokumentiert und eine Fotostrecke hat.

Und 2012 hat der Club of Rome auch noch einmal darauf hingewiesen, dass leider die Prognosen von der Wirklichkeit noch übertroffen werden.

Aktuell ist der Zeitgeist trotz gegenteiliger Beteuerungen darauf ausgerichtet, so weiterzumachen. Die letzte Rettung scheint sich mittelfristig im Besuch von Ausserirdischen oder der Entwicklung des Raumschiff Enterprise zu verfestigen.

Noch ziehen die Vögel gen Süden, Treffen der Schwärme über Wermelskirchen mittags am 5.11.2011 – Foto: Michael Mahlke

Fotografisch betrachtet gab es noch nie so viele Fotos.

Welche Aufgabe hat die Fotografie in dieser Zeit?

Eine Antwort beruht sicherlich auf der Hoffnung, dass das Dokumentieren der aktuellen Zustände etwas nützt.

Wer so denkt, der wird aber hinter den Fotos nicht aufhören können. Er oder sie wird Fotos und daraus entwickelte Produkte wie Slideshows, Multimedia etc. in die gesellschaftliche Diskussion einbringen müssen. Dazu gehört die systematische Veröffentlichung im Internet und der Versuch, in vorhandenen Massenmedien und neuen Medien dies vielfach zu veröffentlichen. Und dann muß man selber mitmachen und nicht auf die anderen warten. Dies geschieht zum Teil seit einigen Jahren in aktuellen politischen Krisen wie wir gerade in Nordafrika und Arabien erleben. Aber es sind fast nur Bilder unserer bisherigen Probleme: poltische Systeme, Gewalt, Kämpfe. Das größere Problem der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen spielt als Ast, auf dem wir alle sitzen, auch dabei noch keine große Rolle.

Eine andere Antwort kann auch darin bestehen, dass man mit dem Elend Geld verdienen möchte ohne sich zu engagieren. Einige nennen dies auch Opferfotografie.

Und es geht noch tiefer. Solange z.B. aktuelle IT vielfach nur mit den Folgen der Zerstörung von Natur und Menschen gebaut werden kann, wird die Menschheit an den Folgen von Werbung und Massenmedien und Statussymbolen in alter Form langsam zugrunde gehen.

Die eigene Endlichkeit, das Denken in Status, Gier und Abgenzung, die Angst vor dem Unbekannten und vieles mehr, die trainiert werden, tun ihr übriges.

Es geht bei all dem nicht um die Frage, ob wir die Erde retten. Die Erde existiert auch ohne Menschen, aber wir existieren nicht ohne Erde und die darauf für uns vorherrschenden Lebensgrundlagen.

Für Deutschland gedacht:

Ganz deutsch gesprochen: Man stelle sich vor, öffentliche Gelder wie die GEZ-Gebühren würden z.B. genutzt,

um für Kostendeckung statt Gewinnorientierung zu werben oder
für einen neuen Leistungsbegriff, bei dem derjenige mehr erhält, der mehr für andere und die Natur tut, oder
für Patente, die ohne privaten Gewinn der Menschheit zur Verfügung gestellt werden, um die Grundprobleme zu lösen

statt die Risiken der Banken zu sozialisieren und die Gewinne zu privatisieren,
statt die Sozialsysteme und damit die Demokratie zu zerstören,
statt die Förderung schlechter Technik zu fördern,

was wäre dann schon medial möglich…

Fotografie neu gedacht

Damit zurück in die Welt des Geistes. Real ist die aktuelle unbeherrschbare Zerstörung, weil es kein weltweites Teilen gibt und keine systematische Beschränkung von Macht. So ist die Welt. Wenn wir davon ausgehen, dass sich die Menschheit nicht ändert, dann rettet uns nur die eigene biologische Endlichkeit vor der Übernahme echter Verantwortung für die Zukunft der Menschheit. Das kann sogar erleichternd sein.

Die Fotografie kann die bewohnbare Welt nicht retten, aber sie kann die Folgen unseres Handelns sichtbar machen. Insofern ist sie – ob kommerziell oder ideell – ein Teil des aktuellen Zeitgeistes. Es gibt keine Weltregierung, es gibt keine Menschheitsinteressen und es gibt keine Lösung ausserhalb von uns selbst.

Dies sind die Bedingungen unserer Existenz. Die Fotografie ist Teil davon. Sie kann sich engagieren oder die schöne Illusion einfangen. Aber sie ist mehr als nur eine digitale Droge.

Sie ist die Chance, Einfluss zu nehmen oder zu lassen. Fotografie ersetzt nicht das Engagement, sie gehört als Mittel dazu. Und die Fotografie hat ein Alleinstellungsmerkmal: sie ist international verstehbar ohne Worte.

Natürlich gibt es immer auch kulturelle Symbolik, aber das Foto kann eine Botschaft sein, die ohne Worte auskommt und zwar weltweit. Das macht sie einzigartig.

Und man darf sie nicht überschätzen. Wir haben in Deutschland alle die Bilder gesehen, als führende Klimapolitiker mit einem Hubschrauber zu einem Eisberg flogen, um symbolisch etwas für den Klimaschutz zu tun (!). Die Chancen stehen also weltweit und gerade in den industriell geprägten Ländern nicht gut, um sich selbst zu retten trotz Bilder und Videos.

In den letzten Jahrzehnten gab es einige Fotografinnen und Fotografen, die unterwegs waren. Sie haben sich vielfach engagiert, ob als Kriegsreporter oder für NGO´s oder auch nur, um in ihrem Land verbotene Wahrheiten ans Licht zu bringen. Aber welche Wirkung hatten sie? Es kommt natürlich darauf an.

Nun gibt es neue Fotografen, die die Zerstörung der Natur dokumentieren. Reicht dies oder wird das Bild nicht erst durch das Engagement danach zu mehr?

Die Frage greift zu kurz, weil nicht überall Pressefreiheit und Meinungsfreiheit herrscht. Und dennoch ist es die richtige Frage, denn sie zeigt, dass Fotos wichtig sind und Pressefreiheit unersetzlich ist. Und deshalb ist Pressefreiheit als Voraussetzung für Fotografie wichtiger als jemals zuvor.

Es geht nicht so weiter, wenn es so weitergeht

Mittlerweile gibt es die weltweite Occupy-Bewegung, die sich gegen die Banken richtet und hoffentlich das allgemeine Unbehagen weiterträgt.

Aber letztlich ist es auch eine Frage des Überlebens der menschlichen Rasse. Mittlerweile haben wir 7 Milliarden Menschen. Das kann sich schnell ändern wie die menschliche Geschichte gezeigt hat. Darauf hat u.a. Frank Fenner hingewiesen.

Vor 30 Jahren haben wir gewusst, was passiert, wenn nichts passiert. Ich selbst habe Seminare dazu gegeben. Aber so wunderbar die Gabe des Wissens ist, so wenig hat sie doch Macht über das Geschehen, wenn es die Menschen nicht interessiert. Aktuell sehen wir, wie es passiert.

Und wer in Geschichtsbüchern gelesen hat, der weiß, es ist nicht unvorstellbar, dass es eine neue Völkerwanderung gibt. Wenn nur 100 Millionen Menschen vor den Türen Europas oder Russlands oder der USA stehen, dann wird man wohl ein echtes Problem haben…

Menschen ändern ihr Verhalten überwiegend nur, wenn der Leidensdruck steigt. Dies alles wird die Fotografie dokumentieren können. Sollte die Menschheit dies überleben, dann werden Fotografien diese Geschichten erzählen ebenso wie andersrum vom Untergang – aber wem?

Bildung und Aufklärung

Die Voraussetzung für verbessernde Veränderung ist einerseits Bildung und Aufklärung und andererseits Leidensdruck. Das lehrt die Geschichte. Soziale Absicherung, repräsentative Demokratie und Transparenz sind die wichtigsten Ziele  und eine dauerhafte Herausforderung.

Das ist der Weg, der auch das Ziel wäre. Die Fotografie kann dies begleiten, übrigens auch multimedial.

Doch dokumentiert sie aktuell eher das Gegenteil, so dass es wichtig ist, in den Bilderfluten ihre wichtigsten Aufgaben nicht zu vergessen: sich fotografisch einmischen und selbst mitmachen!

Dieser Artikel wurde ursprünglich in etwas kürzerer Form schon im April 2011 publiziert und mehrfach erweitert, weil dieses Thema sich entwickelt, Version 1.3.

Great Britain 1964 bis 1984 von Jürgen Schadeberg

Jürgen Schadeberg begegnete mir als Thema immer wieder. Bei mehreren Zusammenkünften mit Fotojournalisten, in diversen Ausstellungen und in Gesprächen. So war ich sehr neugierig auf das Buch „Great Britain 1964-1984“ aus dem Mitteldeutschen Verlag.

Wenn man dem letzten Link folgt, dann kann man schon einige Rezensionen über dieses Buch lesen. Mir hat dieses Buch gefallen, weil es spontane und geplante Reportagefotografie ist, die viele kleine Zustände der damaligen Zeit festhält.

Ich war zu Beginn der 80er Jahre in London und habe viele Dinge wiedererkannt, die man damals im Vorübergehen gesehen hat und die irgendwie noch vorhanden waren.

Genau das macht einen besonderen Reporter aus: Dinge festzuhalten über die andere hinwegsehen, weil sie aktuell und selbstverständlich sind.

Dies macht auch den Reiz dieses Fotobuches aus. Es ist ein Thema, das eher für eine kleine Zahl von Menschen interessant ist. Es ist ein Stück fotografierte Welt, die durch das Fortschreiten der Zeit heute zu einem fotogeschichtlichen Buch geworden ist. Es zeigt die Art zu fotografieren von Jürgen Schadeberg und es zeigt die Menschen, wie sie sich zeigten, zu der damaligen Zeit an den Orten seiner Aufnahmen.

Es ist immer leicht, ein Buch oder einen Fehler im Buch zu kritisieren. Dieses Buch von Jürgen Schadeberg hat aber Aufmerksamkeit verdient, weil es Dinge zeigt, die im Spiegel der heutigen Zeit uns viel zu erzählen haben.

Man könnte fast auf den Gedanken kommen, mit dem Buch nach Großbritannien zu reisen und dort einige der fotografischen Stationen noch einmal zu besuchen. Aber dafür muß man wahrscheinlich Reporter sein.

Das Buch mit vielen Auszügen ist ebenfalls bei spiegel.de großzügig dargestellt worden. Das hat meiner Einschätzung nach auch etwas mit der Reputation von Jürgen Schadeberg in Fotoreporterkreisen zu tun.

So ist dieses Buch erstens ein interessantes fotografisches Dokument. Aber ich möchte noch zwei andere Gründe erwähnen, die für dieses Buch sprechen.

Zweitens hatte ich vielfach den Eindruck, dass Jürgen Schadeberg öfter Szenen fand, die sehr an die klassischen Aufnahmen der ersten Streetfotografen erinnern, in Kneipen, auf Bänken, auf der Strasse und in sehr speziellen Situationen. Aber eben so fotografiert, wie ein Jürgen Schadeberg fotografiert.

Und drittens hat er in dieser Tradition die damaligen Veränderungen von der Individualisierung zur Vermassung gut aufgezeichnet. Man sieht das Beispiel des Flughafens, der überquillt. Man sieht aber auch die Ikonen des Siegeszuges der modernen Technik. Viele Musiker sind ja nicht deshalb so berühmt geworden, weil sie so einzigartig gute Musik machten, sondern weil sie die ersten waren, die die Vermassung der Musikproduktion nutzen konnten. So werfen die Fotos auch Blicke auf Dinge, die erst im Nachhinein eine Bedeutung hatten.

Und genau diese drei Dinge machen das Buch aus meiner Sicht besonders reizvoll.

Jürgen Schadeberg
Great Britain 1964-1984
Fotografien – Photographs
Deutsch/englisch

ISBN 978-3-89812-853-7

 

Der Gaußsche Weichzeichner und die Demonstranten

Carl Friedrich Gauß war ein Mathematiker. Der Name Gaußscher Weichzeichner ist ein Werkzeug in Fotosoftware wie z. B. in Gimp, Capture NX2 oder Photoshop und beruht auf der digitalen Umsetzung der  Entdeckung der Normalverteilung durch Herrn Gauß bei der Berechnung von Wahrscheinlichkeitsverteilungen.

Was bedeutet das?

In einem Handbuch zur Software Gimp wird dies folgendermaßen erklärt: „Der Gaußsche Weichzeichner wird auf jedes Pixel der aktiven Ebene oder Auswahl angewendet. Er setzt den jeweiligen Farbwert auf den Mittelwert aller umliegenden Pixel in einem bestimmten Radius.“

Welche Auswirkungen hat dies?

Nun bin ich heute bei der Sichtung aktueller Meldungen auf einen Photostream gestossen. Dabei geht es um die Dokumentation aktueller politischer Ereignisse durch die Polizei, in diesem Fall die Durchsuchung des Büros des Jugendpfarrers König in Jena.

Fotografisch ist mir dabei ein Foto aufgefallen, welches das direkte Ergebnis des Gaußschen Weichzeichners ist. Sie finden es hier.

Wie man sieht, ist dieses Foto mit einem Handy aufgenommen worden. Es dokumentiert eine Demonstration in Jena.

Aber auf dem Foto sind mit dem Gaußschen Weichzeichner alle Gesichter der Demonstrationsteilnehmer – die alle nicht vermummt waren – unkenntlich gemacht worden.

Was ergibt sich daraus für Reportagefotos?

Dennoch erzählt dieses Foto eine Geschichte, es ist ein Reportagefoto und es zeigt, wie man heute aktuell und schnell und ohne Verletzung von Persönlichkeitsrechten vorgehen kann, wenn man das Geschehen dokumentieren will.

Ich schreibe darüber, weil ich selbst darauf noch nie gekommen bin. Für mich galt immer das „geschickte“ Foto als Herausforderung. Nun kenne ich die politischen Hintergründe der ganzen Situation nur aus dem, was aktuell in den Medien zu finden ist.

Aber ich denke, dass es unter fotografischen Gesichtspunkten schon ein Dokument der aktuellen Reportagefotografie ist. Und es ist ein Handyfoto, das bearbeitet wurde.

Das nimmt ja zu. Es tauchen immer mehr Handyfotos bei der Berichterstattung in den Medien auf. Und es werden immer mehr digitale Werkzeuge genutzt wie der Gaußsche Weichzeichner oder andere digitale Filter, um mögliche Rechtsverletzungen auszuschliessen.

So kommt die Mathematik in die Reportage und löst dabei noch mögliche rechtliche und/oder politische Probleme. Damit verändert sich allerdings auch der Anspruch an die Reportagefotos.

Fotografisches Fazit:

Pure Darstellung ohne Bokeh, ohne geschicktes Fotografieren – eben ohne klassischen Anspruch – ist die Folge. Das ist eine neue Kategorie von Fotos, die sich durchgesetzt hat.

Aber wenn ich mir vorstelle, es gäbe nur noch solche Fotos bei Fotoreportagen, dann wäre dies für mich fotografisch nicht ausreichend.

Solche Fotos sind notwendig zur Dokumentation aktueller Abläufe aber fotografisch nicht ausreichend für klassisch-gute Reportagefotografie – meiner Meinung nach.

Das mindert umgekehrt ihren Wert aber nicht, um in aktuellen Situationen eine Rolle zu spielen. Paradoxerweise spielen gerade solche Fotos als fotografisches Medium eine Rolle in der dokumentierenden Fotografie. Deshalb darf man sie nicht unterschätzen, sondern muß sie vom Gebrauchswert her beurteilen – und der ist offenkundig sehr hoch.

Insofern dokumentieren diese Zeilen an einem Foto eine neue Form der Reportagefotografie: das Handyfoto mit digitaler Nachbearbeitung.