Was ist “Besseres Fotografieren” heute?

Besseres Fotografieren

Wir leben in einer Zeit der absoluten Bilderwelten. Die Bilder sind still oder bewegen sich, aber sie sind allgegenwärtig. Nun ist es an der Zeit, einen kleinen Streifzug durch die aktuelle digitale Landschaft zu unternehmen. Ziel sind Antworten auf die Frage, was denn besseres Fotografieren im Zeitalter nach dem „Ende der Dunkelkammer als zentraler Ort für die Herstellung von Bildern“ (Robert Hirsch) bedeutet?

Dazu habe ich aktuelle Bücher untersucht, die aus meiner Sicht den Zeitgeist widerspiegeln. Das muß man übrigens immer wieder tun, um sich klar zu machen, wie veränderlich auch diese Gedankenwelt ist.

Beginnen möchte ich mit einer Frau und deren Buch. Die Frau heisst Jacqueline Esen und das Buch heisst „Digitale Fotopraxis. Rezepte für bessere Fotos“. Das Buch lohnt sich. Es bietet eine Fülle an Anregungen, die bezeichnenderweise auf ganz traditionelles Fotografieren ausgerichtet sind. Die Autorin stellt sich dann ab der Seite 312 in ihrem Buch die Frage „Was ist ein gutes Bild?“

Ihre Antwort fällt so aus: „Eine absolute Aussage darüber, ob ein Foto gut oder schlecht ist, kann man nicht treffen. Es ist immer nötig, den Kontext zu sehen, in dem das Bild erscheint. Wenn jemand ein Bild als Wandschmuck für die Küche sucht und sich für das Foto einer grünen Tomate entscheidet, dann ist das Bild nicht besser als ein Porträt von Marilyn Monroe, sondern einfach nur besser für den Zweck geeignet“ – wobei sie meiner Meinung nach aber die Anwendung der vorher dargestellten Techniken und Verhaltensweisen voraussetzt.

Damit ist eine erste Annäherung an das bessere Fotografieren durch den Zweck definiert. Es geht also um das richtige Foto für den richtigen Zweck.

Wenn wir uns auf diese Argumentation einlassen, dann geht es nun zu den unterschiedlichen Zwecken und Zielen der Fotografie.

Damit will ich zum ersten Zweck kommen, einem gelungenen Portrait. Kathy Hennig, Lars Ihring und Michael Papendieck haben ein Buch geschrieben mit dem Titel „Die Fotoschule in Bildern: Porträtfotografie“. Es ist ein wunderbares Buch über das Motiv „Mensch“.

Porträts

Und so beginnt das Buch auch mit dem klassischen Porträt und dort gibt es einen Absatz mit der Überschrift „Linien, Linien, Linien“.

Bei der Erklärung einiger dort gezeigter Bilder finde ich dann als Erläuterung: „Beim kleineren Bild setzt die Linie im Hintergrund die Aufwärtsdiagonale des Körpers fort und schafft so ein ausgewogenes, harmonisches Bild.“ Und dann wird man in diesem Buch entführt in die Welt der Porträts. Welches Porträt für welchen Zweck? Darf es ein Charakterporträt sein oder ein Beauty-porträt? Sollen Paare, Kinder oder Serien augenommen werden? Sollen Emotionen, Action, Erotik oder „Ältere Menschen“ aufgenommen werden?

Alles dies wird dargestellt und zeigt, dass es schon bei der Porträtfotografie sehr viele Zwecke bzw. Ziele gibt. Ich persönlich finde hier das bessere Fotografieren im Kapitel über „Klassische Porträts.“ Dort gibt es neben dem Abschnitt über „Linien, Linien, Linien“ weiter hinten im Buch das Kapitel „Porträts gestalten“.

Darin findet sich der meiner Meinung nach entscheidende Schlüsselsatz. Er lautet: „Achten Sie bewusst auf störende Bildelemente und komponieren Sie ihr Foto.“

Genau das ist es. Die Komposition, die Geometrie ist die Grundlage guter Porträtfotografie. Damit ist dieses Buch, wenn man es richtig benutzt, eine wunderbare Anleitung für das schöne Fotografieren von Menschen in den verschiedensten Bereichen des Lebens auf klassischer Grundlage.

Nun möchte ich meinen Streifzug fortsetzen. Dazu wende ich mich einem anderen Bereich zu und einem anderen Fotografen. Es ist George Barr. Er beginnt sein Buch „Der Blick über die Schulter“ mit folgenden Sätzen: „Ich habe dieses Buch aus verschiedenen Gründen geschrieben. Zuallererst wollte ich ein Buch mit realen Bildbeispielen aus der Sicht eines Fine-Art-Fotografen und nicht aus der Sicht eines kommerziellen Fotografen erstellen.“ Damit begeben wir uns gedanklich in ein neues Feld.

Gedanken

In mehr als zwanzig Kapiteln gelingt es Barr zu zeigen, wie man das beste aus einem Bild herausholt. Dazu zeigt er viele Photoshop, Akvis Enhancer, Helicon Focus Pro und andere Techniken auf, um aus einer Aufnahme ein Kunstwerk zu machen. Dazu gehört das Betonen von Strukturen, die Perspektive und vieles mehr. Bei den Gedanken zu seinem Bild vom Stoney Park schreibt er: „An einem Bild wie diesem kann man erkennen, dass gute Fotografie häufig darin bestehen kann, das Bild zu finden, aber ebenso häufig darin, das Bild zu machen.“

Blickführung

George Barr druckt seine Bilder selber aus und verkauft sie. Daher ist sein Ziel, ein Bild zu erstellen, welches im Ausdruck genau dem entspricht, was er sich bei der Bearbeitung vorgestellt hat. Insofern ist eine Annäherung an die Frage des besseren Fotografierens sicherlich die Übereinstimmung der vorgestellten mit der tatsächlichen Bearbeitung. Doch ich will hier mit diesem Buch von George Barr nicht enden. Jahre zuvor hat er ein Buch mit dem Titel „Besser fotografieren. Die hohe Schulde der kreativen Fotografie“ veröffentlicht. Dort entwickelt er unter den Themen Sehen, Motivsuche und Komponieren seine Sicht der Dinge. In diesem Buch schreibt er einen aus meiner Sicht entscheidenden Satz auf Seite 165. Er lautet: „Auch wenn wir nicht alle dieselben Phasen durchmachen, so bin ich doch der Meinung, dass es wichtig ist, das Niveau der handwerklichen Fähigkeiten, der Kreativität und des künstlerischen Ausdrucks zu erkennen, auf dem Sie sich gerade befinden.“ Und er stellt präzise Kriterien vor.

Diese sind im Bereich der handwerklichen Fähigkeiten u.a. gute Bildkorrekturen, Detailreichtum, Tiefe und perfekter Tonwertreichtum. Im Bereich der ästhetischen bzw. kreativen Fähigkeit ist es eine durchdachte Komposition, richtiges Arrangement der Bildelemente und ob sie eine emotionale Reaktion erzeugen.

Der künstlerische Ausdruck ergibt sich dann letztlich aus dem, was sich durch die eigene Persönlichkeit darin umsetzen und dann ausdrücken läßt. Das kann man dann nur schwer in Worte fassen. Ich nenne als Beispiele den Fotografen Alexander Rodtschenko und den Maler und Künstler Dali. Da weiß jeder sofort, das ist von ihm, wenn man ein entsprechendes Bild sieht.

Nach diesem Ausflug in die Fineartfotografie streife ich noch etwas umher und entdecke dabei die „Sprache des Sehens“. So betitelt Robert Hirsch in seinem Buch „Mit der Kamera sehen“ ein Kapitel, welches er dann so beginnt: „Es war Sokrates, der im antiken Griechenland von der ewig gültigen Schönheit geometrischer Formen sprach. Im Laufe der Zeitgeschichte hat sich aus diesen Formen eine Art visuelle Grammatik entwickelt, die das bildnerische Gestalten erheblich beeinflusst hat. Die Bausteine dieser Sprache des Sehens sind Licht, Farbe, Kontrast, Linien, Formen, Muster, Oberfläche, Ähnlichkeit und Bewegung. Aus diesen formalen visuellen Elementen können Bilder entstehen, die der Welt unsere eigene Vorstellung darüber mitteilen, was betrachtenswert ist, was wir in Bildern festhalten dürfen und wie wir Bilder interpretieren.“

Nachdem ich nun auch noch auf Sokrates gestossen bin als Helfer und Gedankengeber, sollte ich meinen Streifzug abschließen und zur Ausgangsfrage zurückkehren.

Daher frage ich mich nun, wie diese zu beantworten ist. Gerry Badger hat in seinem exzellenten Buch „The Genius of Photography“, welches leider nicht auf Deutsch erschienen ist, im letzten Kapitel geschrieben „Anyone can do it.“

Auf Deutsch: Jeder kann es, das Fotografieren. Das stimmt und das ist in einer sehr viel umfassenderen Weise möglich als früher.

So lebt ein Teil der Dokumentarfotografie – gerade der aktuellen Ereignisfotografie – davon, dass eben Herr oder Frau Jedermann mit dem Handy die Fotos oder Videos aufnehmen, welche die Ereignisse zeigen. Aber das alles ändert nichts daran, dass dies zwar ein Teil der neuen Fotografie ist, aber natürlich alle hier aufgeführten Bereiche nicht errsetzt sondern nur ergänzt.

Und gerade deshalb bleibt die Frage nach dem „Besseren Fotografieren“ so wichtig und muß hier auch beantwortet werden.

Nach diesem Streifzug durch Porträtfotografie, die Fineartfotografie und die Dokumentarfotografie ist mir deutlich geworden, dass besseres Fotografieren heute bedeutet, die klassische Sichtweise kehrt zurück.

Doch auch dies ist begrenzt. „Farbe ist Fläche, Linie das Charakteristische“, sagte einmal Henri Cartier-Bresson. Er fotografierte Schwarzweiss und betonte dies damit. Heute werden wesentlich mehr Farbfotos produziert. Wo farbige Flächen dominieren ist die Gestaltung der Fotos anders. Dies ist eine neue Herausforderung. Cartier-Bresson blieb bei Schwarzweiss, weil – in meinen Augen – er wusste, dass die Vermischung von Fläche und Linie meistens nicht die beste Lösung ist. Aber heute müssen wir dies neu beantworten. Denn Farbe dominiert die digitale Bilderwelt.

Beim Schreiben dieses Satzes frage ich mich, ob ich damit nicht all die experimentellen, halbschummrigen und ungenauen Fotos ausgrenze. Ja genau, das mache ich, weil ich klar abgrenze und eingrenze. Es handelt sich bei diesen Dingen eben nicht um besseres Fotografieren. Für mich bedeutet „besser“ die Anwendung der „visuellen Grammatik“ nach Sokrates.

Diese Grammatik geht über den Bildaufbau bis zur Kameratechnik, also der Gestaltung fotografischer Kompositionen bis zur Anwendung entsprechender kameratechnischer Möglichkeiten wie Freistellen und Unschärfe, Beschneidung und – ich füge dies hinzu – Bearbeitung.

Damit ist zwar weiterhin alles möglich, aber aus meiner Sicht ist klar, was „besser“ ist. Vielleicht bezieht sich „besser“ dabei auch nur auf bestimmte Dimensionen eines Fotos: die fotografische Komposition und die Darstellung des Inhalts. Alles andere ist damit nicht ausgeschlossen aber das Andere ist eben nicht „besser“ im fotografischen Sinne. Vielleicht kann sich die andere Fotografie sogar besser verkaufen. Aber fotografisch „besser“ ist sie dadurch nicht.

Um dies alles in die fotografische Praxis zu überführen, habe ich dies in zwei Bereichen umgesetzt:

1. Für Strassenfotografie in Farbe mit Kompaktkameras habe ich zehn Beispiele in ein kostenloses Ebook gepackt.

2. Hinweise wie man klassisch gute Streetphotography mit der visuellen Grammatik des Sokrates macht finden Sie hier.

Viel Spass!

 

Dieser Text liegt im Moment in Version 1.1 vor.

 

  1 comment for “Was ist “Besseres Fotografieren” heute?

  1. Aspector
    25/02/2012 at 6:05 pm

    WAS IST BESSERES FOTOGRAFIEREN HEUTE ?

    Diese Fragestellung inkludiert eigentlich zwei Fragen :
    1.
    Was ist „besseres Fotografieren“ überhaupt ?
    und
    2.
    Was ist besseres Fotografieren HEUTE ?

    Dies in einem Strang behandeln zu wollen, wäre ein anspruchsvoller Ansatz.
    Ich vermute einmal, das Kriterium „besser Fotografieren“ wurde hier als im Konsens gesicherte Definiton
    vorausgesetzt – und die Frageperspektive war hier nur darauf gerichtet, wie denn der Zeitgeist mit
    diesen Kriterien umgeht.
    Was in eine weitschweifende – und nicht unbedingt erhebende Betrachtung münden muß.

    Viel zielführender könnte es aber sein – wenn man sich ganz unwissenschaftlich – auf den Boden des
    Ur – Archetyps künstlerischen Strebens stellt :
    Etwas mit totalem Einsatz – leidenschaftlich – unter Einsatz aller zur Verfügung stehenden Mittel –
    von systematisch abstrakter kompositorischer Technik und Disziplin bis hin zur rauschhaften tachistischen
    Emotionalität – zum größtmöglichen fantastischen, perfekten Ausdruck zu bringen !

    Das wäre der Inhalt des Strebens nach „besserem fotografieren“ und es gibt ein Buch dazu, das diesen titel trägt !!

    „Besser Fotografieren“ von Georg Barr – auch im dpunkt Verlag !

    Man schlägt es auf – und weiß, was gemeint ist.

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