Monthly Archives: Mai 2011

Henri Cartier-Bresson, A Propos de Paris

„Man kann Paris immer verlassen, Paris selbst verläßt einen nie.“ So lautet ein Satz von Vera Feyder in der Einleitung zu dem wunderschönen Buch über Paris von Henri Cartier-Bresson. Als der Verleger Lothar Schirmer die Ausstellung „Paris  à vue d´oeil“ im Jahre 1984 gesehen hatte, wuchs in ihm die Idee eines Buches.

Das Buch ist 2007 in der sechsten Auflage erschienen. Mittlerweile ist es ein Buch über Henri Cartier-Bresson und über Paris und seine Geschichte im 20. Jahrhundert und über die  fotografische Komposition der Realität. Es ist auch eine eindrucksvolle Studie über Strassenfotografie und den Blick von Henri Cartier-Bresson.

Wer sich schon etwas auskennt, der findet hier erstaunlich viele bekannt gewordene Fotos, die mit dem Namen Cartier-Bresson verbunden sind. Sie zeigen, dass Paris und seine Motive eindrucksvoll wichtige Momente des Menschseins lieferten und die Stadt mit ihren Motiven für ihn ein Dreh- und Angelpunkt für die Art der Fotografie war, die ihm selbst wichtig erschien.

Das Buch ist ein schönes Paperback mit Fadenheftung und sehr vielen eindrucksvollen Schwarzweißfotos.

Es ist ein Buch, das nicht langweilig ist. Im Gegenteil, seit der Erstauflage hat das Buch noch zusätzliche Dimensionen der Betrachtung erhalten. Erst war es ein Buch über Paris aus der Sicht von Henri Cartier-Bresson. Dann war es ein Buch über Strassenfotografie. Dann wurde es ein Buch zur Geschichte eines großen Fotografen und es ist heute auch ein fotografisches Geschichtsbuch.

Natürlich ist Paris größer als hier gezeigt. Aber es ist so wie mit dem Historiker, der immer mit einem Eimer aus dem Ozean des Wissens schöpft. Ebenso hielt Henri Cartier-Bresson mit seiner Leica Momente fest.

Aber es war nicht die Kamera sondern der Blick, der die Fotos zu geometrischen Kompositionen machte, zu vielfach festgehaltener Malerei in fotografischer Form. Ein Fotograf ohne Hilfsmittel ausser seiner Vorstellung und seines Blickes.

Seine Fotos erzählen Geschichten, manche werfen Fragen auf, manche laden ein und machen neugierig.  Henri Cartier-Bresson liebte die visuelle Grammatik der Geometrie. Er komponierte Bilder, indem er einen Moment der Realität mit dem Sucher festhielt, der dann auch eine Komposition wiedergab.

Dieses Buch ist ein Lehrbuch, ein Übungsbuch, ein Vorlagenbuch und ein Buch über Paris und Henri Cartier-Bresson. Es ist wunderbar geeignet, ein Gefühl für Paris zu vermitteln, wie es vielfach war.

In meinen Augen ist dieses Buch kein Buch für Fotoreporter sondern ein Buch für „Fotokomponisten“, wenn es dieses Wort denn geben darf.

Natürlich ist es nur eines von mehreren Büchern von und über Henri Cartier-Bresson. Er hat aber selbst die Auswahl der Fotos bestimmt, so dass es nicht nur über ihn sondern auch von ihm selbst ist.

Man kann froh sein, dass der Verlag es neu aufgelegt hat. So ist die Chance für engagierte Fotografinnen und Fotografen, das Gute statt des Neuen zu sehen und eventuell zu lernen, zum Greifen nahe.

Davon abgesehen ist es ein gutes Geschenk für sich selbst und andere.

Henri Cartier-Bresson, A Propos de Paris

ISBN-10: 9783888142956

ISBN-13: 978-3888142956

Elliott´s Erwitt New York


Wer Elliott Erwitt mag, der wird auch dieses Buch mögen. Schöne Schwarzweissfotos in angemessener Größe, eine gute Ausstattung mit Fadenheftung im großen Paperback und ein sehr instruktives Vorwort von Adam Gopnik runden dieses Buch positiv ab.

“Erwitts Thema ist der glückliche Zufall, der richtige Augenblick, der Moment, der einem einfach in den Schoß fällt.”

Und so finden wir quasi Blicke von New York, die Erwitt in den Schoß gefallen sind. Das hört sich einfach an, ist es aber nicht. Denn das muß man merken und dann auch fotografisch Festhalten.

Ausführlich vergleicht Gopnik Cartier-Bresson und sein Buch über Paris mit dem Buch von Erwitt über New York.

In einem Film über Henri Cartier-Bresson, den ich gesehen habe, wird Elliott Erwitt interviewt. Dabei spricht er über seine Art zu fotografieren und die Situationen, die den Schnappschuss ausmachen.

“Sie beißt dich”, so die sinngemäße Aussage von Erwitt zur Frage, wie man die richtige Situation für den Schnappschuss findet. Dies zu bemerken ist die Kunst, die den grossen Strassenfotografen vom Mittelmass unterscheidet. Es sind immer Situationen, die ein Mensch in diesem Moment sieht und dann festhält – und dies werden dann die einzigartigen Augenblicke.

So entstand ein Buch, welches Momente des Alltags einer berühmten Stadt festhält. Elliott Erwitt schaut anders als Cartier-Bresson. Das führt zu einer anderen Art der Aufnahme. Er hält Momente in seiner Gesamtheit fest und weniger in der Geometrie.

So ist das Bild mit den drei Männern in Bunnykostümen (auf Seite 84-85), die entspannt an der Theke lehnen, ein echter Volltreffer.

Die drei kleinen Kinder im Flur (auf Seite 36) sind fast schon wie ein Gemälde und erzählen eine Geschichte. Die Faszination dieser Schwarzweissaufnahmen liegt darin, die Sensationen des Alltags, die immer wieder neu sind und doch das grundlegend Menschliche beinhalten, festzuhalten.

Manche Sensation ist banal, da kann dann auch das Bild nicht mehr sein als ein Einfangen der Banalität. Aber genau das ist es, was immer wieder gute Fotos ausmacht.

Oft erschließt sich der Witz und der tiefere Sinn eines Fotos erst bei einem längeren Hinschauen. Es sind Fotos aus mehr als 50 Jahren hier versammelt. Auch dies bietet interessante Einblicke in den Alltag wie in die Motive des Fotografen und seinen Blick auf die Menschen.

Nun ist Streetphotography heute inflationär. Fast jeder läuft mit einer Kamera rum, im Handy oder separat, und fotografiert irgendwo und irgendwas.

Hier sind Streetpix eingefangen mit dem Blick von Elliott Erwitt und dem Thema New York. Es ist für diesen Bereich ein lohnendes Buch. Und es kann dem suchenden Fotografen ein Gespür dafür vermitteln, dass es sich vielfach lohnt, einfach genauer hinzugucken bei den kleinen Dingen in unserer großen Welt und mit der Kamera dabei den richtigen Ausschnitt zu wählen.

Elliott Erwitt’s New York

50th Anniversary Edition / Paperback

published by teNeues

ISBN 978-3-8327-9587-0

Anti-Landschaften oder die Neue Naturfotografie

Jedes Zeitalter hat seine Themen. Einige bleiben wie Bilder von Menschen, Kriegen und Ereignissen. Und es kommen neue Themen dazu. Ein Thema, das Henri Cartier-Bresson noch am Rande fotografierte, waren die Folgen unser industriellen Zivilisation. Wir sind nun einige Jahre weiter und die Welt bekommt langsam ein neues Gesicht. Das neue Gesicht wird immer stärker geprägt durch Anti-Landschaften, vom Menschen ausgebeutete Natur, die einfach übrigbleibt, als Müllhaufen dient oder auch kultiviert als künstliche Natur existiert.

Ich schreibe diesen Artikel, weil ich auf einmal selbst in diesem Thema war. Es geschah, als ich ein Buch von John Ganis entdeckte. Da stand in einem völlig öden Gelände eine Wasserrutsche. Erst dachte ich an eine Fotomontage, doch bald dämmerte mir, dass dies einfach ein dokumentarisches Foto war.

Und dann nahm mich John Ganis mit auf eine fotografische Reise. Ich sah zerstörte Landschaften, die „ordentlich“ aussahen und dabei völlig leblos waren. Ich entdeckte völlig verseuchte und rot strahlende Landschaften vor einem blühenden grünen Wald. Und ich sah grün schimmernde Schlackeberge als neue Form des Berges im 21. Jhrdt. Dies war ein fotografischer Blick, der mit Fotos nicht nur dokumentierte sondern illustrierte ….

Dann trat Edward Burtynsky auf den Plan. Er dokumentierte ebenfalls, aber seine Dokumente verkauften sich als Kunst. Er fotografierte Minen, die Rohstoffe abbauen. Er machte auch Bilder von Gummireifen und von Altmetall. Er fotografierte Schiffe, Ölfelder und er dokumentierte viele übriggebliebene Landschaften in China, Australien und anderen Teilen der Welt.

Hatte Salgado mit seinen Bildern vom Auseinandernehmen der Schiffswracks noch die Menschen  in den Mittelpunkt gestellt, so wurde dies bei Burtynsky anders. Auch er zeigt Menschen aber vor allem zeigt er die Folgen des menschlichen Handelns in der industriellen Zivilisation. Seine Landschaftsbilder wirken zum Teil so „schön“, dass sie keine Dokumente der Zerstörung sondern parallel Objekte zeitgenössischer Kunst sind.

Ja, und dann kam mein Tag. Ich fuhr an einem Kraftwerk in der Nähe von Aachen vorbei, welches so viel Qualm in die Luft absonderte, dass man es nur staunend betrachten konnte. Und dann war ich an einem Naherholungsgebiet. Es war der Blausteinsee. Während ich im Anblick der Türme noch an der Naherholung zweifelte, zeigte mir jeder Schritt auf diesem Grund, dass hier schon eine neue Dimension verwirklicht war, die vom Menschen erstellte Form einer neuen Natur. So wurde aus einer Anti-Landschaft wieder eine neue Art von Landschaft.

Die Landschaft und die Anti-Landschaft sind ein zunehmend wichtiges neues Thema der zeitgenössischen Fotografie. Sie sind auch Kunst, je nach Betrachter. Sie ermöglichen neue Blicke und sie sind wesentlich. Früher war es möglich, industriell zu arbeiten und später in die Natur hinauszufahren. Heute gibt es diese Natur zunehmend weniger. Ganze Regionen sind verseucht, vermüllt oder eine Anti-Landschaft. Oder auf dem Müllberg entsteht ein Naherholungsgebiet, die Anti-Landschaft erhält einen Aussichtsturm oder sie wird eventuell sogar rekultiviert. Aber dies dann nur dort, wo Geld und Bewusstsein dafür da sind.

Damit tut sich für die Fotografie ein grosses Thema auf. Ob es ein grosses Thema für den Kunstmarkt und die Dokumentarfotografie wird, wird sich zeigen. Ich finde es beeindruckend.

Unterwegs von Susanne Schleyer

Manche Bücher lassen einen nicht los. Mir geht es seit Jahren so mit dem Buch von Susanne Schleyer „Unterwegs mit Erzählungen über Amsterdam, Buenos Aires, Jerusalem, Paris, Wien, Sankt Petersburg u.a“.

Die Fotografin Susanne Schleyer hat zwölf Städte weltweit bereist und dort Fotos gemacht. Sie kam zurück und bat zwölf Schriftsteller, „sich mit diesen Fotografien auseinanderzusetzen und sie zum Anlass für eigenständige Erzählungen zu nehmen. Einzige Bedingung, selbst einmal in den von ihr bereisten Städten gewesen zu sein.“

So schreibt es Thomas Jung in seiner editorischen Notiz. Und er verweist auf den Gedanken von Marcel Proust, „das Bekannte mit fremden Augen zu sehen.“

Das Buch ist ein fotografisches und literarisches Erlebnis. Barbara Bongartz, Jan Peter Bremer, Eva Corino, Tanja Dückers, Nadja Einzmann, Katharina Hacker, Joachim Helfer, Alban Nikolai Herbst, Oscar Heym, Daniel Kehlmann, Susanne Ridel und David Wagner schreiben zu den Fotografien.

Es sind Geschichten aus dem Leben und sie passen zu den Fotos. Denn es sind Geschichten von Menschen, Städten und Gefühlen.

Diese ganze Kombination, die Unauffälligkeit des Buches, die klassische Form von Foto und Text, alles ist irgendwie gelungen und fügt sich. Die Fotos verbinden absolute Individualität und dennoch passt alles hier hinein.

Ich weis aus eigener Arbeit, wie schwierig es für einen Verlag und die Beteiligten ist, zum Schluß ein Buch zu gestalten, welches dies alles zusammenführt. Hier sind sich Fotografie und Literatur auf eine wunderbare Weise begegnet. Herausgekommen ist eine fotografische und literarische Komposition, die sich lohnt. Dafür kann man dem Verlag und den Beteiligten nur danken. Es ist ein zeitlos aktuelles Dokument über Menschen, Reisen und Begegnungen.

Unterwegs
Fotografien von Susanne Schleyer
Mit Erzählungen von Barbara Bongartz, Jan Peter Bremer, Eva Corino, Tanja Dückers, Nadja Einzmann, Katharina Hacker, Joachim Helfer, Alban Nikolai Herbst, Oscar Heym, Daniel Kehlmann, Susanne Ridel und David Wagner

ISBN-10: 3-937738-37-1
ISBN-13: 978-3-937738-37-6

Wahre Helden von Jörg Boström und Jürgen Heinemann

„Die westdeutsche Industrie befand sich in einer tiefen Krise, als Prof. Jörg Boström und Prof. Jürgen Heinemann Ende der 70er Jahre bis Anfang der 90er Jahre mit ihrer Kamera die industrielle Arbeitswelt in verschiedenen Betrieben Westfalens dokumentierten.“

Dieser Satz aus der Einführung von Willi Kulke zeigt den Rahmen dieses Buches. Es ist ein Buch, welches nur durch Drittmittel finanziert werden konnte und eher die Form einer Paperbackbroschüre hat.

Das ist sehr schade, weil es sich um ein sehr interessantes fotografisches Dokument unserer Industriegesellschaft handelt. Von der Brauerei Felsenkeller in Herford über die Zeche Haus Aden, die Heinrichshütte in Hattingen, die Zeche Minister Stein, Thyssen Stahl AG in Bielefeld, die Miele-Werke, die Dürkoppwerke bis zur Weberei C.A. Delius und noch einige mehr sind in diesem Buch Fotos in Farbe und Schwarzweiss versammelt.

Die Fotos dokumentieren eine schon verschwundene Zeit bzw. teilweise gerade noch im Verschwinden begriffene Zeit. Es sind Bilder über Menschen in industriellen Arbeitsverhältnissen. Dadurch ist dieses Buch ein fotografisches Geschichtsbuch.

Aber dieses Buch hat natürlich noch eine andere Dimension. Alle Fotos wurden von zwei Professoren für Fotografie gemacht. Dadurch erhält das Buch automatisch eine Dimension, die nach der Qualität der Aufnahmen fragt. Und dabei sind verschiedene Aspekte sehr interessant. Erstens sind es analoge Aufnahmen, zweitens sind es Farb- und Schwarzweissaufnahmen und drittens geht es um die Frage der Inhalte auf den Fotos.

Was man zuerst feststellen kann, ist keine Überraschung: man konnte auch schon vor der digitalen Kamera gute Fotos machen. Gerade die Arbeitsplätze waren ja meistens keine gut beleuchteten Fotostudioplätze, sondern es mußte mit dem vorhandenen Licht und eventuell einem Blitz gearbeitet werden.

Ebenso interessant ist die Mischung aus Schwarzweiss und Farbe. Womit werden dokumentarische Fotos am besten gemacht? Das Buch zeigt, es ist beides möglich. Offenkundig ist aber, dass die Farbe nicht automatisch besser ist.

Damit komme ich zum dritten Punkt und frage, was auf den Fotos zu sehen ist. Prof. Jörg Boström und Prof. Jürgen Heinemann zeigen Menschen. Wenn ich das richtig sehe, steht auf allen Fotos (bis auf eines) der Mensch im Mittelpunkt. Der Mensch am Arbeitsplatz und vor allem mit Gesicht. Hier sind zwar namenlose aber keineswegs anonyme Bilder entstanden. Hier sieht man Menschen mit Gefühlen: lachend unter Tage, schwitzend am Tisch, erschöpft am Band, konzentriert am Steuerpult etc.

Die Fotos leben. Ich traue mich dabei gar nicht nach dem heutigen Recht am eigenen Bild zu fragen. Wahrscheinlich wären diese Fotos mit dem heutigen juristischen Denken so nur noch sehr mühsam möglich.

Dieses Buch dokumentiert Aspekte des Arbeitslebens in unserer Industrie wie sie war und nur noch vereinzelt ist. Es ist ein fotografisches Geschichtsbuch. Es ist aber auch eine Art fotografisches Lehrbuch für dokumentierende Sozialfotografie.

Wie wurde fotografiert, worauf wurde geachtet, was steht im Mittelpunkt?

Das Buch ist fotografisch und historisch sehr lohnenswert, zumal es wirklich engagiert und durchgängig Menschen bei der Arbeit an Maschinen zeigt. Es ist eines der wenigen systematisch aufbereiteten Zeugnisse einer Zeit, die vergangen ist oder gerade vergeht.  Es entstand in Zusammenarbeit mit dem LWL-Industriemuseum in Lage und ist ein echtes Stück Dokumentarfotografie.

LWL-Industriemuseum

Wahre Helden

Fotografien von Jörg Boström und Jürgen Heinemann

ISBN 978-3-8375-0414-9

Das Neue ist manchmal der Feind des Guten oder bevor Sie eine neue Digitalkamera kaufen …

Sie wollen eine neue Digitalkamera? Dann nehmen Sie sich doch einige Minuten Zeit und klicken auf die Seite http://www.imaging-resource.com und dort auf „Compare Sample Images„. Warum? Weil Sie danach vielleicht doch bei ihrer alten kompakten Digitalkamera bleiben.

Diese Webseite ist die einzige mir bekannte Seite, die seit 1995 Testbilder von Digitalkameras sammelt. Sie können dort mit dem Firefox-Browser zwei Bilder von zwei Kameras auswählen und in der 100 Prozent Ansicht miteinander vergleichen.

Ja und dann? Dann werden Sie vielfach ihren Augen kaum trauen. Denn viele neue Kameras sind oft gar nicht besser in der Bildqualität. Sie haben mehr Pixel sind aber dafür unschärfer, puffeliger, blasser etc.

Natürlich will ich Ihnen nicht den Spass an einer neuen Kamera nehmen. Aber ich möchte schon darauf hinweisen, dass ältere Kameras zum Teil ebenso gute Bilder – oder bessere – machen wie manche neueren Kameras oder sogar ganz neue und sehr preiswerte. Vielfach habe ich den Eindruck, dass eine gute ältere Digitalkamera die bessere Wahl ist.

Natürlich gibt es heute auch neue digitale Kompaktkameras, die besser sind bei höheren ISOs. Aber das sind wenige und die sind meistens größer und in der Oberklasse.

Und auch dabei kommt es darauf an, was sie wollen.

  • Wer bei Tageslicht fotografiert, der erzielt mit älteren Kameras öfter sogar bessere Fotos als mit manch einer neuen Kamera.
  • Wer mit Blitz in dunklen Räumen fotografiert, hat ebenfalls keine Probleme. Höhere ISO sind ja nur für den Schnappschuss ohne Blitz in dunkler Umgebung sinnvoll.
  • Wer Landschaft oder Eindruck fotografieren will, der kann mit jeder Kamera mit ISO 50 bis 200 fotografieren – nur die Belichtungszeit ist eben länger und daher muß die Kamera ruhig stehen bleiben.

In den meisten anderen Fällen werden sie staunen, was ältere Kameras alles zu bieten haben. Wenn Sie zum Beispiel Kameras mit 2/3 CCDs nehmen statt wie heute 1/2,33 CCD, dann wird schnell deutlich, welche Vorteile diese Kameras haben.

Wenn man es mag, findet man ältere Digitalkameras  mit einem echten Handgriff, damit die Kamera auch festgehalten werden kann. Oder man findet einen optischen Sucher, damit bei Sonne auch gesehen wird, was man fotografiert. Oder man findet sogar Klappmonitore an Kompaktkameras. Oder man stellt fest, dass das Gehäuse viel stabiler ist als bei aktuellen Modellen.

Neu oder gebraucht – das ist hier die Frage!

Die Antwort liegt ganz bei Ihnen.

Aber dies alles muß ich noch ergänzen. Seit gut einem Jahr ist der rückwärtig belichtete Sensor und der Begriff Exmor sowie einige ähnliche Begriffe in aller Munde. Hinzu kommt eine Technik, die meines Wissens Sony zuerst eingeführt hat. Dabei werden blitzschnell mehrere Bilder gemacht und diese dann zu einem Bild zusammengerechnet. Das gab es früher nicht. Dies ist auch technisch ein ganz neuer Ansatz, der auch die Frage der „Originalität“ von Fotos in bisheriger Form berührt.

Auf der anderen Seite sind so Fotos möglich geworden mit kleinen Kameras und daher zum Teil überhaupt erst, die vorher so nie möglich waren. Das erhöht die Qual der Auswahl noch einmal.

Ich wünsche dabei viel Spass und viel Erfolg!

Zufall und Motiv

Auf bildwerk3 ist ein Interview mit dem „Stern-Bildchef Andreas Trampe“. Auf die Frage nach dem Stellenwert von Story Telling und Street Photography antwortet Andreas Trampe u.a.: „Street Photography ist normalerweise nicht journalistisch, weil der Fotograf die Ergebnisse dem Zufall überlässt. Das kann ganz wunderbar sein, er kann aber auch ganz falsch liegen. Im Journalismus werden nicht nur schöne Bilder produziert sondern auch richtige Geschichten erzählt. Das ist bei Street Photography oft nicht der Fall.“

Dieser Gedanke inspiriert die eigene gedankliche Tätigkeit. Sind Journalismus und Strassenfotografie also Gegensätze? Das brachte mich zu der Frage des Zufalls. Dabei wurde mir klar, dass den Journalismus und die Strassenfotografie der Zufall verbindet. Beide brauchen ihn. Und nicht nur das. Der Zufall im Thema oder der Zufall als Thema wäre die einzige Unterscheidung, die mir einfällt.

Ich denke, der Zufall ist die erforderliche Untermenge in einem Thema. Jede Situation hat ihre innere Entwicklung. Diese kann langweilig sein aber sie ist da. Und es gilt, die für das journalistische Thema entsprechenden Momente festzuhalten. Und manchmal das Thema selbst. Wenn dich eine Situation beißt, dann mußt du fotografieren.

Semantisch muß ich jetzt noch fragen, ob der Zufall und der entscheidende Moment identisch sind? Sie können es sein, sie müssen es aber nicht. Nur scheinen Zufälle entscheidend für den entscheidenden Moment zu sein und damit gehört dann alles zusammen, was man gedanklich trennen kann.

So möchte ich nun mit meinem Gedanken hier enden und diesen als Anstoss für die weitere Gedankenbildung in die digitale Welt einpflegen und auf meinen Praxiskurs zu diesem Thema hinweisen.

Fotografie für Journalisten von Kay-Christian Heine

„Fotografie für Journalisten“ ist ein richtig feines Lehrbuch für die Praxis. Das Buch richtet sich in erster Linie an Journalisten, die ihre Texte mit eigenen guten Fotos ergänzen wollen. Der Autor Kay-Christian Heine gibt von Beginn an viele Infos, die in der Praxis wichtig sind. Man könnte auch sagen, er kommt sofort zur Sache…

Ein Beispiel ist die Schärfentiefe. Auf Seite 14 finden wir eine „Kurzanleitung Schärfentiefe“. Dort wird erklärt, welche Objektive ich für welchen Zweck benötige. Danach kommen Themen wie Porträtfotos oder Landschaftsfotos und dann die Frage des Standpunktes.

Korrekte Belichtung wird am Beispiel eines Fussballspielers im vollen Lauf erklärt. Etwas später kommt das Thema „Dunkle Räume – ein typisches Journalistenbiotop“. Ausführlich wird das Thema Blitzen erläutert oder was mache ich bei schlechtem Wetter?

Da es im Journalismus um Berichterstattung geht, folgen dann Themen wie Motivwahl, Terminplanung und Ablauf. Er diskutiert Fragen wie die nach der Anzahl der Fotos in einer Reportage und alle wichtigen Regeln der Bildgestaltung werden mit Beispielen sehr ausführlich für die Praxis besprochen.

Nach dem Licht kommt der Schatten. Auch darüber schreibt der Autor. Wie vermeide ich typische Fehler? Das Problem störender Details, schiefer Ebenen, ungewollter Schnitte und anderes mehr werden beprochen und es werden sofort einfache Lösungen bzw. Fehlervermeidungsstrategien formuliert.

Dateiverwaltung. Bildunterschriften, Bilder in Blogs und viele andere Fragen werden ebenso informativ behandelt. Ab Seite140 folgt dann von Rechtsanwalt Jan Christian Seevogel ein Kapitel „Von Rechts wegen…“ Dort werden alle wichtigen journalistischen Bildfragen substanziell angeschnitten.

Selbst der Anhang hat noch praktische Tipps wie die nach der richtigen Fotoausrüstung und vieles mehr.

Insgesamt ist dieses Buch ein wirklich praktischer Einstieg in die wichtigen Fragen der journalistischen Bildberichterstattung. Gerade die Beschränkung macht es so sympathisch und substanziell nutzbar. Es erfüllt in meinen Augen den Anspruch voll, Textjournalisten einen qualifizierten und guten Einstieg in das journalistische Fotografieren zu geben.

Wer mehr über den Autor und das Buch wissen will, der findet hier den Link dazu.


Kay-Christian Heine

Fotografie für Journalisten

ISBN 978-3-89721-979-3