Monthly Archives: März 2011

Von der Ricoh zur Ricoh oder warum für mich die GXR mit S10 Modul die GX300 ist

Vor einiger Zeit schwärmte ich von der Ricoh GX200 und der GR als Alternative für Strassenfotografie.

Doch ich vermisste und vermisse dabei den eingebauten optischen Sucher. Dennoch hatten und haben die Ricoh Kameras wie die GX200 oder die GR-Serie für mich eindeutige Vorteile.

1. Man kann sie wirklich mit einer (rechten) Hand allein bedienen. Diese Einhandbedienung ist – zumindest für mich – ungeheuer praktisch (auch links wäre noch besser, aber es geht auch so). Das Menü und die Bedienfunktionen finde ich sehr durchdacht und fotografisch klug angeordnet.

2. Man kann bei der GX und GR Serie auf dem Monitor in Schwarzweiss die Fotos vor der Aufnahme sehen und sie zugleich als RAW/DNG-Format abspeichern. Damit hat man eine Schwarzweisskamera, die dennoch farbige Fotos nachträglich ermöglicht.

3. Man kann einen Fixfokus einstellen, so dass alles ab einer gewissen Distanz scharf fotografiert wird. Das führt im Bereich der Strassenfotografie bei mir zu Aufnahmen, die sonst auf die Schnelle so nicht möglich wären.

Das sind für mich drei Alleinstellungsmerkmale.

Doch dann verlor ich nach der Ankündigung der Fuji X100 die Ricoh etwas aus den Augen. Dann stieß ich auf den Artikel von Carl Garrad über die Ricoh GXR und das S10-Modul. Während in Deutschland praktisch nur die Bildqualität und die Auslösefunktion bei Fototests verglichen werden, schrieb hier ein Nutzer der Ricoh GX200 über diese Kombination mit diesem speziellen Blick.

Und er spricht davon, dass dieses Modul ein „Upgrade“ der Ricoh GX200 ist, also quasi die GX300. Dafür nennt er eine Reihe von Gründen. Die Bildqualität ist wesentlich besser, der Monitor ist wesentlich besser, die mechanische Qualität der Kamera (Body mit Einheit) ist wesentlich besser und einiges mehr.

Das stimmt. Wer genauer hinschaut, der erlebt spätestens mit dem Firmware Update 1.33 eine Kamera (GXR + S10), die alles bietet, was man sich wünschen kann. Und natürlich gehört dazu auch noch ein guter elektronischer Sucher, wenn man ihn mag. Damit ist dann die Ricoh GXR inklusive Sucher auf dem Niveau der Systemkameras. Allerdings hat sie mit der S10 Einheit nicht den grossen Chip. Da es aber andere Module gibt wie das 28mm Modul mit grossem Chip, ist das Ricoh System eine echte Alternative in vielfacher Hinsicht.

Doch so weit soll dieser kleine Artikel gedanklich nicht führen. Ich freue mich, dass ich für mich die Ricoh GX300 entdeckt habe. Sie heisst zwar GXR S10 aber faktisch ist sie entstanden und bereit, den Menschen auf der Strasse zuzuschauen…

Wo gibt es aktuelle gute sozialdokumentarische Fotografie?


Ja, es gibt sie noch, die sozialdokumentarische Fotografie. Wo? Dort wo sie das macht, was sie soll, nämlich aktuell und engagiert zu sein, zum Beispiel bei Ärzte ohne Grenzen im Magazin AKUT.

Wenn wir uns die aktuelle Nummer 1-2011 betrachten, dann sehen wir ein Bild mit einem Schild „Waffen verboten“ im Vordergrund und dahinter eine dörfliche Szene. Das Bild von Spencer Platt ist so gestaltet, dass der Schatten des Verandabalkens in der linken unteren Ecke endet und zugleich umgekehrt den Blick ins Bild zieht.

Ähnlich interessant ist das Bild auf Seite 3, ebenfalls von Spencer Platt. Es gibt viele Personen, aber nur eine ist erkennbar. Dadurch sind die Persönlichkeitsrechte der Personen nicht verletzt. Ich vermute, dass das Bild entweder mit einem Lensbaby aufgenommen wurde oder einem nachträglichen Filter so bearbeitet worden ist. Wie auch immer. Die exakte Schärfe auf dem Logo von Ärzte ohne Grenzen, die Drehbewegung der Person und der darum fließende Panning-Focus zeigen die Dynamik der Situation und jeder erkennt, worum es geht.

Auf Seite 6/7 sieht man ein Foto von Cédric Gerbehaye. Es zeigt die Garnisonsstadt Malakal. Das Foto hat es in sich. Es hat eigentlich einen schiefen Horizont. Aber interessanterweise schadet dies dem Bild nicht. Es ist so gestaltet, dass die Elektroleitung direkt aus der rechten oberen Ecke in das Bild hineinzieht und den Blick des Betrachters im linken Drittel fängt. Man hat sogar das Gefühl, dass dieses Bild gerade ausgerichtet seine Aussage eher verwässern würde, denn irgendwie ist an dieser Stelle alles schief.

Es gibt dort noch mehr Fotos, die allesamt zeigen, dass die visuelle Grammatik des Sokrates auch heute noch die Grundlage für solch gute Fotos ist. Und oft sagen diese Fotos mehr als tausend Worte, in diesem Fall dokumentieren sie die Arbeit der Organisation Ärzte ohne Grenzen.

Photo Wisdom, Große Fotografen über ihr Werk von Lewis Blackwell


Es gibt große Bücher und es gibt großartige Bücher. Dieses Buch ist großartig – und groß. „Dieses Buch soll das hintergründige Wissen, ja die Weisheit offenbaren, die oftmals in Fotos stecken. Vergleichen Sie ruhig Fakten und Meinungen von Experten, prüfen Sie deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede. So können Sie nicht nur die Wege der bekanntesten Fotografen verfolgen, sondern auch über ihren eigenen Weg nachdenken, den Sie möglicherweise einschlagen möchten.“

Diese Worte aus dem Vorwort von Lewis Blackbell zeigen, was das Buch leisten soll und auch leistet. Insgesamt werden 50 Fotografen und Fotografinnen durch Interviews und mit Fotos vorgestellt. Es ist ein Querschnitt durch viele Richtungen und Versuche der Fotografie.

„Wir sind Fotografen voller Zweifel. Als wir anfingen, arbeiteten wir eher traditionell – wir verstanden uns als Dokumentaristen, die gesellschaftskritische Dokumentarfotografie produzierten. Wir glaubten an die Möglichkeit der Fotografie. Aber auf unserem Weg begannen wir den Glauben zu verlieren. Jedes Mal, wenn jemand fotografiert wird, gibt es ein verstecktes Versprechen. Er oder sie hofft, dass das Fotografiertwerden das eigene Leid irgenwie lindern wird. Wir können dieses Versprechen nicht erfüllen… Wir haben zu Beginn nicht selbst fotografiert. Wir haben vielmehr über Bilder nachgedacht, und diese betrachtet. Beide haben wir nie Fotografie studiert, sondern haben Abschlüsse in Philosophie und Soziologie. Als Herausgeber des Magazins Colors haben wir zum ersten Mal zusammengearbeitet, so begann unser Wissen über die Welt und die Fotografie – eher durch Betrachten und Nachdenken als durch Machen.“

So schildern Adam Broomberg und Oliver Chanarin, die bekannt wurden als Herausgeber der Benetton Zeitschrift, ihren Ansatz und ihren Weg zur Fotografie. Als Foto findet sich im Buch dann eine Fotografie von einem Baumblatt und die Unterschrift „Ficus religiosa, Tel Aviv, Israel. Als sich der 16-jährige Palästinenser Aamer Alfar auf einem Tel Aviver Markt am 1. November 2004 in die Lunft sprengte, wurde dieses Blatt von der Wucht der Explosion auf den Boden geschleudert. Vollkommen kahle Bäume sind in der Umgebung solcher Anschläge ein gewohnter Anblick.“

Die nächsten Fotografen sind Adam Fuss, Albert Watson, Ami Vitale und Andrew Zuckerman, dessen Portraits von Tieren und Menschen aus jeder Ablichtung eine individuelle Persönlichkeit machen. Arno Rafael Minkkinen und Art Wolfe, Chuck Close aber auch David LaChapelle haben hier ihren Platz. LaChapelle inszeniert Fotos, die wirken wie große Bilder aus früheren Epochen, manchmal ein bißchen übersät mit zu schönen Menschen wie ich finde, aber das gehört auch dazu.

An einer anderen Stelle treffen wir auf Duane Michals. Sie sagt: „Ich habe das Fotografieren nicht an einer Akademie gelernt. Ich wollte nie Reportagefotograf oder etwas Ähnliches werden. Ich wurde zufällig Fotograf.“ Das scheint in vielen Fällen so zu sein. Wenn ich in dem Buch blättere, dann ist es so, dass sehr oft diejenigen „groß“ sind, die keine Ausbildung als Fotograf haben sondern aus anderen Feldern kommen oder reine Autodidakten sind.

Später kommen Edward Burtynsky und Elliott Erwitt, Graham Nash, Erwin Olaf und Fazal Sheikh zu Wort. Fazal Sheikh sagt: „Durch das Fotografieren habe ich die Chance, mich intensiv mit Themen zu beschäftigen, die ich nicht vollständig verstehe.“ Doch damit haben wir erst ein Drittel des Buches durchforstet.

Dann treffen wir auf Mark Seliger, der schildert, wie er aus einer Idee ein Foto macht, wie das Foto von Sacha Baron Cohen, Atlantic Beach, New York. Dort sitzt er in einem Abteil und liest eine Zeitung voller praller Brüste und neben ihm schaut ein Mann, der eine normale Zeitung hochhält, gebannt ebenfalls dorthin.

Ich treffe später Massimo Vitali, dessen Fotos von Menschen am Strand (wobei es meist um die neue „Natur“ geht), eine Realität dokumentieren, die partiell zugleich die Illusionen der Fotografierten impliziert.

Was soll man über ein Buch sagen, das eine unerschöpfliche Quelle an Anregungen und Lernhinweisen für das eigene fotografische Denken ist? Früher gab es Bücher über große Denker oder große Herrscher. Das Buch über „große“ Fotografen ist insofern anders als vielfach dieselbe Qualität und Originalität von vielen erreicht werden kann, auch wenn man nicht immer so populär wird. Es ist eine Sammlung von Anregungen sich des eigenen Verstandes zu bedienen und den eigenen Weg zu finden.

Man ist nicht besser, wenn man populärer ist, man ist eben einfach populärer. Insofern ist dieses Buch ein wunderbares Geschenk für die eigene Schulung und den eigenen Weg. Gerade weil so viele verschiedene Menschen offen über ihre fotografische Entwicklung sprechen, kann es befreien, den eigenen Gedanken endlich seine eigene Richtung zu geben.

Das Buch ist international und sprengt daher das enge deutsche Denken. Es ist ein sehr seltener und gelungener Versuch, gedankliche Tiefe und fotografische Praxis zusammenzufassen. Und es ist als substanzieller Querschnitt trotzdem mit dem Mut zur Lücke gemacht. Das zeigt Größe.

Das Buch ist eine wirklich gelungene Veröffentlichung. Es bietet die Chance, mehr fotografisch zu lernen als in vielen Seminaren. Ein wirklich gutes Geschenk für sich selbst und andere. Man kann einen Teil des Buches online anschauen, um sich einen Einblick zu verschaffen.

Photo Wisdom
Große Fotografen über ihr Werk
von Lewis Blackwell
ISBN: 978-3-941459-13-7

Warum gute Fotos kommerziell zunehmend sinnlos sind

Auf fotofeinkost.de gibt es einen Artikel zum Thema „Erschütterungen im Traum vom Fotografenberuf“. Und es gibt dazu den Kommentar von Marcus aus Berlin. Er schreibt: „Die Qualität der Fotografie liegt im Auge des Betrachters, welches in der jungen Kultur wenig geschult ist und mit einer Bilderflut überschwemmt wird, die eine objektive Beurteilung gar nicht mehr zulässt. Warum sollte ein Unternehmer für ein vermeintlich gutes Bild mehr bezahlten, wenn er das gleiche Ziel auch mit einer schlechten Aufnahme erreichen kann.“

Stimmt.

Kommerziell ist gute Fotografie vielfach nicht mehr so wichtig in der sichtbaren Praxis des Journalismus, im PR-Bereich kaum noch und darüber hinaus nur noch in Nischen.

Ich finde den Gedanken von Marcus so gut, dass ich ihn hier gerne wiedergebe.

Denn auch wenn gute Fotos kommerziell nicht mehr so wichtig sind, so ist es doch weiterhin so, dass man gute und schlechte Fotos unterscheiden kann.

Ein neues fotografisches Zeitalter ist angebrochen.