Monthly Archives: Februar 2011

Gleitsichtbrille und Display – zwei Welten treffen sich

Kennen Sie das? Sie wollen mit der Digitalkamera ein Foto machen. Sie nehmen die Kamera in beide Hände, halten sie weit vor sich und schauen auf den Monitor. Und dann fängt das mit der Gleitsichtbrille an. Die muss ja genau so von beiden Augen fixiert werden wie beim Lesen. So geht der Kopf schön hin und her und wenn das Display noch spiegelt dann gute Nacht.
Deshalb liebe ich die optischen Sucher. Ich schaue durch und drücke ab. Leider haben dafür immer weniger Kamerahersteller Verständnis obwohl immer mehr Brillenträger fotografieren. Vielleicht sollten die Gleitsichtbrillenträger mal eine Fangruppe bei Facebook für optische Sucher aufmachen….

Mit Lightroom entwickeln von David duChemin

„Schriftsteller haben immer zu tun… Manchmal schreiben sie auch nur Unsinn… Und eines Tages, nach unzähligen falschen Anfängen und jeder Menge zerrissener Seiten, entwickeln sich Story, Charaktere der handelnden Personen und Spannungsbogen… Fotografen geht es genauso.“

Mit solchen Worten führt uns David duChemin in seine Vorstellungen von Visionen ein. Und er zeigt den Prozess auf, der entsteht. „Ihre Sichtweise (Vision) und die Art, wie Sie sich ausdrücken (Ihre Bildsprache) entwickeln sich. Vision und Ausdruck sind so eng mit Ihnen verbunden, dass man sie unmöglich von Ihrer Persönlichkeit trennen kann.“

So kommt er nach wenigen Seiten dazu, seine Leser in indirekt-freundlicher Form dazu zu bringen, sich mit der eigenen Fotografie zu beschäftigen und irgendwie einen Punkt zu bestimmen. Es ist der Punkt auf der Linie einer langjährigen eigenen Entwicklung, der die Selbsteinschätzung ausmacht, welche Sichtweise man hat oder noch nicht und haben will.

Ich finde die ersten Seiten trotz einer angenehmen Sprache intensiv gut. Später kommt er dann zu der Frage, welchen Stil ich entwickeln will oder entwickelt habe und läßt alles in drei Fragen münden: „Was soll mein Bild kommunizieren? … Wie sieht eine Stimmung oder ein Gefühl aus? … Welche digitale Dunkelkammer steht mit zur Verfügung?“

Wer diese Fragen beantworten will und damit sich selbst auf eine sich weiter entwickelnde Reise schickt, der ist dann hier genau richtig.

Wie macht man dies alles, wie setzt man dies um? David duChemin gibt dazu Antworten mit einem Werkzeug aus der digitalen Dunkelkammer. Er nutzt dazu Adobe Lightroom, eine speziell für Fotografie entwickelte Software. Er zeigt die Werkzeuge von Lightroom im Entwickeln-Modul und wie man sie anwenden kann.

Und dann können wir seine Umsetzung von Visionen verfolgen in dem Kapitel „20 Visionen, 20 Fotografien“. Genau daraus bestehen die noch folgenden zwei Drittel des Buches. Er schildert an 20 Beispielen, wie er seine Fotos so mit Lightroom bearbeitet, dass sie seiner Vorstellung (Vision?) entsprechen. Fast alle Fotos sind aus Asien oder Indien. Genauso gute Motive kann man aber auch in Europa finden: Personen, Landschaften, Szenen aus dem Leben. Er beginnt mit einem einfachen Beispiel und jeder kann so die Arbeit mit Lightroom lernen.

Insgesamt ist dieses Buch ein Praxisbuch. Es ist rein praxisorientiert ausgerichtet. Es beschränkt sich auf das Entwickeln-Modul als Werkzeug zur konkreten Umsetzung von Sichtweisen/Visionen. Es ersetzt kein Handbuch.

Da er 20 Beispiele bringt, sind dies insgesamt 20 Lektionen, die man durcharbeiten kann, um seinen Stil und seine Visionen nachzuvollziehen und sich selbst dabei zu entwickeln. Mir persönlich gefällt dies besser als Lernvideos, weil in diesem Buch die Seiten nicht überfrachtet sind und weil er eigentlich nie zu viel auf einmal reinbringt. Er will seine eigenen Fotos nach seiner Vision verbessern.

So lernt man bei einem anerkannten und bekannten Fotografen gute Einblicke in die Praxis der digitalen Dunkelkammer am Beispiel von Lightroom.

Was will man mehr?

David duChemin:
Mit Lightroom entwickeln
Von der Vision zur Perfektion
ISBN: 978-3-8273-3039-0

Geheimnisse der Filmgestaltung von Arnold H. Müller

Das größte Vergnügen hat ein Leser, wenn schwierige Zusammenhänge in einfachen Worten erzählt werden. Und wenn dann das Buch auch noch sehr viele klare Zeichnungen hat, dann ist dies bildlich und sprachlich das höchste Vergnügen.

Die „Geheimnisse der Filmgestaltung“ von Arnold Heinrich Müller sind ein solch seltenes Buch. Hier gibt ein Mann Erfahrungen eines ganzen Lebens weiter, die nicht veralten werden. Hier ist ein Sachbuch und Fachbuch entstanden.

„Dieses Buch ist für alle gedacht, die eine Videokamera in die Hand nehmen, um spannende Situationen in Form eines Filmbeitrages festzuhalten. Die Gestaltungsregeln für Filme gelten für Amateure und Profis gleichermaßen.“ Mit diesen einfachen und klaren Worten beginnt das Buch.

Und Müller setzt sich ein klares Ziel: “ In diesem Buch werden Sie lernen, die Spreu vom Weizen zu unterscheiden. Am Anfang des Filmemachens steht nie der große Wurf, sondern eine ganz einfache Frage: Wie mache ich einen Film so, dass er interessant ist, dass die Leute bis zum Ende zusehen, dass sie den Inhalt so verstehen wie ich ihn gemeint habe, und dass sie hinterher noch wissen, was sie gesehen haben.“

Und schon sind wir mittendrin. Müller wandert durch die heutige Film- und Fernsehwelt und schildert Techniken, die wir im Alltag wahrnehmen und kommt dann zu der ersten und dabei so wichtigen Regel „Was ich nicht habe, kann ich nicht reinschneiden.“

So einfach dies klingt so oft wird es vergessen. „die erste Regel für einen guten Film besteht darin, dass man beim Drehen bereits ans Schneiden denken muss. Das wird Ihnen sofort einleuchten, wenn Sie sich klarmachen, dass auch ein Schneider keinen Anzug bauen kann, wenn Sie ihn nur ein paar Stücke Stoff geben, die nicht zusammenpassen.“

Und dann kommt alles, was man über Farbe, Licht, Bewegung, Montage von Filmen, Handlungsachsen, Ton (!), Storyboard, Technik der Spannung, Erzählperspektive etc. wissen muß. Aber Arnold Heinrich Müller scheint auch pädagogisch viel Erfahrung zu haben.

So ist ein Kapitel weiter vorne dem Thema „Film und Wahrnehmung“ gewidmet.

In diesem Kapitel wird sehr vieles dargestellt, was die Grundlage für eine Medienkompetenz überhaupt ist: „Aufgrund der Tatsache, dass der Mensch nur einen Aufmerksamkeitskanal besitzt, kann immer nur eine Sache pro Zeitabschnitt beachtet werden. Bei einem Vortrag kann man entweder dem Referenten zuhören oder den Nacken der Dame in der vorderen Stuhlreihe betrachten…. Das was uns ins Auge fällt, ist also abhängig von oben aufgezählten Kriterien wie Kulturkreis, Geschlecht, Interessen und so weiter… Man muss daher versuchen, das, was man meint, auch zielsicher erkennbar zu machen, wobei – dies als Vorgriff auf spätere Erörterungen – schon durch die Länge einer Einstellung vorherbestimmt werden kann, ob gewisse Einzelheiten beim Betrachten unter den Tisch fallen oder nicht.“

Mehr und mehr wird deutlich, dass der Reiz dieses Buches in mehreren Elementen liegt. Es ist erstens eine gerade auch für Menschen ohne fachliche Vorbildung ausgesprochen gute Einführung in das Thema. Es ist zweitens eine komplette Darstellung. Heute werden sehr viele Bücher ja selektiv geschrieben. Hier wird deutlich, dass Videoerstellung Wissen, Kenntnisse und Erfahrung aus vielen Disziplinen benutzen muß – und alles dies wird hier fachlich und sachlich schön erzählt.

Es ist sprachlich immer angemessen und dennoch deutsch und kein Gewirr von Anglizismen, die eher verbergen statt weiterhelfen. Und es ist inhaltlich aufbereitet, früher nannte man dies Didaktik, so dass die Wissenszunahme immer im richtigen Zusammenhang erfolgt.

Doch gehen wir noch etwas weiter.

Im Kapitel „Dramaturgie“ findet sich folgender Absatz: „Schon in der Antike gab es zwei Formen des Erzählens, die dramatische und die epische. Die epische Erzählung reiht Episoden aneinander, die mehr oder weniger zusammenhängen und im Ergebnis das Bild einer Epoche, einer Gesellschaft oder eines menschlichen Lebens ergeben. Weit häufiger jedoch, und um im Spielfilm überwiegend, findet man die dramatische Erzählform.“ Dann folgt die Darstellung der dramatischen Handlung. „Was ist das Kernelement einer dramatischen Handlung – Der Konflikt.“

Und dann wird gezeigt – egal ob kollektiver, innerer oder antagonistischer Konflikt – was die Story für den Zuschauer interessant macht, damit er sie geniessen kann. Wie man das dann macht wird im Kapitel „die Technik der Spannung“ verraten.

Ich will genau hier auch aufhören. Dieses Buch ist wirklich lesenswert und spannend, wenn man sich mit dem Thema intensiv beschäftigen will. Übrigens erweitert man zugleich seine eigene Medienkompetenz enorm und wird in die Lage versetzt, nicht nur besser zu filmen sondern auch besser zu beurteilen, was andere gemacht haben.

Wie heisst es auf dem Buchumschlag so schön: „Dabei geht es nicht um die Bedienung der neuesten Kamera oder der neuesten Software, sondern um den Kern des Filmemachens: Die Regeln der Kunst.“

Genau!

Arnold H. Müller:
Geheimnisse der Filmgestaltung
Das Handwerk – Die Regeln der Kunst
ISBN: 978-3-7949-0812-7

Über 50 neue Kameras – der Tanz der Technik

„So viele waren´s noch nie“ schreibt Fotohits in der Ausgabe 3/2011. Man muß sich dies auf der Zunge zergehen lassen und sich freuen, dass man kein Einkäufer in einer Elektronikabteilung ist. Wie soll man denn damit umgehen? Wieviel ist eine Kamera denn noch wert und wie oft soll man sich eine neue Kamera kaufen?

Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel zum Thema „Über den Wert alter Digitalkameras“ geschrieben. Dort ging ich davon aus, dass die Kameras auch wirklich Eigenheiten haben, die im Bild sichtbar werden.

Aber heute? Das ist nicht nur wie bei PCs und Fernseher, das ist darüber hinaus eine reine Modefrage. Denn was gibt es bei den Kameras wirklich Neues?

Ich sehe aktuell drei Trends:

1. Es werden regelmäßig die Bildauflösungen erhöht. Erst 8, dann 10, dann 12, dann 14, dann 16 Megapixel. Aber wird dadurch die Bildqualität wirklich besser? Natürlich nicht, deshalb sind die besten Kompaktkameras die, die kleinere Chips vergrößert haben auf i.d.R. 1/1,7 und bei 10 Megapixel geblieben sind. Aber dennoch sind die meisten neuen kleinen Kompaktkameras mit noch mehr Megapixel ausgestattet.

2. Das Design ändert sich so schnell wie bei den Handys. Und weil es nicht nur ein Design gibt, ändern sich quasi alle Designs. Aber echte Veränderungen gibt es kaum. Das liegt auch daran, dass die Hände und das Gesicht des Menschen immer noch gleich geblieben sind. Das hat sich in den letzten 100 Jahren nicht geändert, an jeder Hand sind immer noch fünf Finger und im Gesicht zwei Augen. Und das Touchdisplay, welches so beliebt ist bei Handys und Tablet-Computern, kann beim Fotografieren wirklich nur bedingt punkten.

3. Die Displayauflösungen werden höher. Das ist ein Trend, um besser beim Fotografieren gucken zu können. Leider ist die Sonne immer noch stärker. Wer mit der Sonne im Rücken fotografiert, weiß, was ich meine.

Neben den Trends gibt es in meinen Augen nur folgende längerfristigen „Innovationen“ bzw. echte aktuelle technische Veränderungen:

1. Fuji, Kodak, Sigma und Sony haben neue Sensoren entwickelt, die wirklich bessere Auflösungen anbieten auf kleinem Raum bzw. bei Leica für den Kodaksensor.

2. Sony hat die Logik der Optik einfach überholt, indem die Firma mit leistungsfähigen Chips ein Bild aus mehreren Bildern zusammenrechnen läßt. Der Ansatz ist so neu und erweitert die Optik. Das ist natürlich eine neue Art zu fotografieren, die klassische Ansätze und Regeln zum Teil außer kraft setzt. Aber es ermöglicht neue Fotos mit kleinen Kameras auf kleinem Raum, die so sonst nicht möglich waren.

3. Das Fotografieren ohne Spiegel. Die Systemkameras von Olympus, Lumix und Sony Nex bzw. nun auch Samsung und Fuji ermöglichen das Fotografieren ohne Spiegel mit relativ grossen Chips.

4. Das Video als integrierter Bestandteil der Digitalkameras. Das ist ein Zeichen einer neuer Zeit. Jeder kann mit seiner Digitalkamera Video machen. Gottseidank muß sich nicht jeder alles anschauen, aber es ist ein neues Medium, was nun durchgängig jeder bei sich haben kann (nach dem Handy).

5. GPS kommt. Es war zwar schon in der Coolpix P6000 vor ein paar Jahren, aber durchgesetzt hat es sich mit der Panasonic TZ10 bzw. der Leica V-Lux 20.

Weitere größere Neuerungen sind bisher nicht in Sicht. Aber die hier aufgeschriebenen Dinge werden nun mit immer neuen Details als immer neu und immer wieder neu vermarktet.

So kommt man dann auf über 50 neue Kameras in einem halben Jahr. Das ist technisch und fotografisch sinnlos und wird nicht zu mehr guten Fotos führen, höchstens zu mehr Fotos.

So ist der Tanz der Technik im Jahre 2011 fotografisch auf einem neuen Höhepunkt angekommen. Aber die Kameras des Jahres 2010 und früher funktionieren noch.

Wer das Glück hat, noch substanziell kritische Testberichte zu finden, der wird immer öfter lesen, dass es zu dem Modell des Jahres vorher keine wirklichen Verbesserungen gegeben hat, es sei denn der Zoomhebel vorne statt hinten ist so etwas.

Das Geheimnis ist ein anderes. Wer eine Kamera gefunden hat, die sie oder er gut bedienen kann, bei der die Bilder bei niedrigen ISO rauschfrei sind und die man gerne mitnimmt, der hat fast alles, was man zum Fotografieren braucht.

Nur die Motive fehlen, aber das ist keine Frage der Kamera…

25 Jahre nach Tschernobyl – Verlorene Orte, Gebrochene Biografien von Rüdiger Lubricht u. Astrid Sahm

Die Verstrahlung von Tschernobyl können wir nicht sehen. Wir sehen aber das Ergebnis. Leere Städte, eine zerstörte Region und durch Strahlung verletzte oder zerstörte Menschen. Tschernobyl geht uns alle an, weil es ein unnötiges Risiko der Industriegesellschaft zeigt. Ein Risiko, welches nicht sein müßte. Der Fotograf Rüdiger Lubricht hat über viele Jahre die Region und die Menschen dokumentiert.

In diesem Jahr ist das Buch „Verlorene Orte, Gebrochene Biografien“ erschienen. Darin werden die Bilder von der Region Tschernobyl bis heute gezeigt und es werden die Schicksale einiger der „Liquidatoren“ dargestellt.

Wir blicken Menschen ins Gesicht, die geholfen haben, den Brand im Kernkraftwerk zu löschen, die die Kinder und die Menschen aus der Region wegbrachten oder in Krankenhäusern oder in den Städten die Menschen begleiteten, die krank wurden. Viele dieser Menschen wurden selbst krank, andere sind schon gestorben.

Wie kann man dieses Thema aufarbeiten? Genau da zeigt sich, was dokumentierende Fotografie leisten kann. Der Fotograf Rüdiger Lubricht hat die Region über Jahre hinweg dokumentiert und dann die Menschen porträtiert, die dort geblieben sind. Dann dokumentierte er die „Liquidatoren“, also die Menschen, die damals und zum Teil bis heute, geholfen haben und helfen, jeder auf seine Weise.

Diese wichtige Arbeit und dieses Buch konnten nur mit Zuschüssen aus öffentlichen Mitteln und privaten Stiftungen realisiert werden. Mehr dazu hier.

Die Bilder allein sprechen schon. Doch sie werden mit Texten ergänzt, die dem Ganzen eine weitere Dimension hinzufügen. Die kurzen Erzählungen zu den Porträtfotos machen aus den unbekannten Gesichtern Menschen, deren Schicksal tief bewegt – zumindest mich.

Ich habe mich oft gefragt, wieviel Menschlichkeit hier in Gesichtern und Geschichten zu sehen und zu lesen ist. Es ist alles sehr beeindruckend. Hier gibt es die Möglichkeiten und die Grenzen der dokumentierenden Fotografie. Hier gibt es Texte, die aus Fotos Geschichten machen. Hier ist ein Buch entstanden, welches uns zurückwirft auf die Frage nach den Grenzen und der Größe des Menschen.

Leider zeigte sich die Grenze in der Unbeherrschbarkeit der Atomenergie und die Größe der Menschen im Umgang mit den Mitmenschen und dem Sterben wegen dieses Unglücks – fürchterlich. Wer in die Augen der Menschen blickt, die noch leben und die Fotos derer sieht, die schon gestorben sind, der muß – wenn er/sie noch ein menschliches Wesen aus Fleisch und Blut ist – spätestens bei diesem Buch die Grenzen der Verantwortung von Politik für Menschen sehen.

Hier sieht man, dass wir zwar alle sterben müssen, aber man sieht eben auch den Unterschied zwischen dem Tod nach einem Leben in Würde und einem unwürdigen Sterben. Es ist ein Plädoyer für eine andere Gestaltung der Welt, denn Tschernobyl machte schon damals an der deutschen Grenze nicht halt. Und auch heute ist es ein Thema, das uns direkt angeht.

Das Buch fasst etwas zusammen, das sich beim Duchblättern und beim Lesen im denkenden Geist festsetzt. Es zeigt die Würde des Menschen unter unwürdigen Umständen.

Mich persönlich haben nicht nur die Fotografien der Menschen angesprochen, sondern auch die Fotos der Region. Die seelenlosen Wohnblocks um das Atomkraftwerk waren sicher vor der Katastrophe ebenso seelenlos. Diese architektonische Seelenlosigkeit ist für mich eine weitere Kategorie in diesem Zusammenhang. Tschernobyl zeigte und zeigt bis heute nicht nur die Grenzen von technischer Beherrschbarkeit und politischer Verantwortung auf.

Es zeigt auch die Folgen einer seelenlosen und unwirklichen Umwelt auf, deren Mittelpunkt nicht der Mensch ist sondern der Profit und/oder die Macht. Das ist keine Systemfrage, denn Profite sind in Diktaturen und Demokratien möglich.

Da die Gier des Menschen grenzenlos ist und der Verstand des Menschen dies sehen kann, wäre genau hier die Aufgabe einer menschenwürdigen Politik, gesetzliche und tatsächlichen Grenzen einzuführen. Aber das geht weit über dieses Buch hinaus und ist allein meine Schlußfolgerung.

Man muß Rüdiger Lubricht für diese Fotografien danken und Frau Bobowski und Frau Sahm für die Texte und den Menschen vor der Kamera, die mitgemacht haben und ihr Schicksal zeigten. Das Buch ist so in meinen Augen auch nur als Gemeinschaftsleistung denkbar und es ist ein Buch, welches so nur in der heutigen Zeit entstehen konnte.

Es dokumentiert ein entsetzliches Problem des „Zauberlehrlings“, aber es ist eben kein Meister gekommen, der wieder alles in Ordnung bringt. Es wird an uns allen liegen, wie wir unser kollektives Schicksal in die Hand nehmen oder liegen lassen. In diesem Sinne ist dieses Buch auch ein Stück dokumentierter Zeitgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts.

Das Buch ist sehr beeindruckend und in meinen Augen der fotografische aktuelle „Höhepunkt“ einer neuen Art der dokumentierenden Fotografie, die die von Menschen für Menschen zerstörte Natur und die daraus resultierenden Folgen einer überschaubar gewordenen Welt darstellt. Das Buch dokumentiert mit Fotos und Texten und läßt das Herz des fühlenden Menschen weinen.

Lubricht, Rüdiger / Sahm, Astrid:
Verlorene Orte / Gebrochene Biographien
Fotographien zu Tschernobyl
Vorwort von Junge-Wentrup, Peter. Fotograf: Lubricht, Rüdiger. Beiträge von Bobowski, Sabrina. Übersetzt von Margolina, Swetlana / Rensch, Olga
Internationales Bildungs- u. Begegnungswerk
ISBN 978-3-935950-11-4

Nachfolgend ein Interview mit Rüdiger Lubricht zu diesem Thema, welches mir von der Agentur Literaturtest zur Verfügung gestellt wurde:

Rüdiger Lubricht wurde 1947 in Bremen geboren. Er lebt und arbeitet als freischaffender Fotograf in Worpswede. Von 2001 bis 2002 war er Gastprofessor an der Hochschule für Künste Bremen sowie 2008 Lehrbeauftragter an der Kunstakademie Münster.

Mehr bei fotodesign-lubricht.

Seit 2003 arbeitet Lubricht an dem Langzeitprojekt „TSCHERNOBYL – Leben mit einer Tragödie“. Er hat bereits sechs Reisen in die kontaminierten Sperrzonen der Ukraine und Weißrusslands unternommen. Dort fotografierte er verlassene Dörfer und Städte, die durch radioaktiv verseuchten Niederschlag auf Dauer unbewohnbar geworden sind. Er war auf der Suche nach den „Alten“ – im Volksmund werden sie als Partisanen bezeichnet –, die nach der Zwangsevakuierung im Jahr 1986 zwischenzeitlich in ihre ehemaligen Dörfer und Häuser zurückgekehrt sind.

Die Fotos von Lubricht wurden bereits in vielen Galerien und Museen Deutschlands und Europas ausgestellt. Sie sind Teil der aktuellen Wanderausstellung des IBB Dortmund.

Wie haben Sie „Tschernobyl“ für sich als Thema entdeckt?
Auf das Thema bin ich durch einen Kontakt zur niedersächsischen Landesstiftung „Kinder von Tschernobyl“ im Jahre 2003 gekommen. Dadurch hatte ich erstmals die Gelegenheit, in die Sperrzone zu reisen.

Können Sie sich noch an Ihre erste Reise und Ihre ersten Eindrücke erinnern? Was hört, riecht, spürt man in den Sperrzonen? Erlebten Sie Veränderungen in der Tier- und Pflanzenwelt?
Die erste Reise in die Sperrzone von Tschernobyl hat einen sehr tiefen und nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Dabei war der Anblick des Sarkophags – auch in dem Bewusstsein, dass er für die Geschichtsschreibung in Europa so bedeutend im negativen Sinne war – nicht so eindrucksvoll und bewegend wie zunächst vermutet. Besonders betroffen war ich durch die Situation in Pripjat, weil mir die Ereignisse, die sich am 26. April 1986 und an den folgenden Tagen dort abgespielt haben, in besonderer Weise vor Augen geführt wurden. Die Bilder, die sich mir in den Räumen der Kindergärten, der Schulen und in den Häusern zeigten, haben mich sehr deprimiert. Sie waren nur schwer zu ertragen. Ich habe diese Erlebnisse anfangs nur schwer verarbeiten können und sie sind mir heute noch vor Augen. Aber auch der Anblick der evakuierten Dörfer und der Kontakt mit den Rückkehrern haben mich sehr betroffen gemacht.

Aus welchen Gebieten stammen Ihre Fotos?
Auf den weiteren Reisen habe ich neben der Sperrzone um Tschernobyl auch in den Sperrzonen Weißrusslands fotografiert. Dort sind es die besonders betroffenen Gebiete Gomel und Mogilow.

Ihre Fotos strahlen eine tief meditative Ruhe aus. Dennoch wirken Sie beklemmend und verstörend. Wie gelingt dieser Effekt?
Die Ruhe und die „dekadente“ Ästhetik in meinen Fotos entsprechen meinem Stil und meiner Auffassung von Dokumentarfotografie. Ich habe auf Filmmaterial fotografiert, mit Mittelformatkameras und mit Großbildkameras. Die Formate bzw. Kameratypen sind an sich schon dafür prädestiniert, ruhiger und bewusster zu arbeiten. Ich habe immer ein Stativ benutzt. Wichtig ist meines Erachtens beim Fotografieren die Beschränkung bzw. Reduktion.

Gerade in Weißrussland sind viele alte Menschen in die verstrahlten Zonen zurückgekehrt. Wie lebt man mit der Radioaktivität und der Vergangenheit? Ist es so, dass die Gefahr einfach ausgeblendet wird?
Die alten Menschen in Weißrussland sind zurückgekehrt oder haben sich geweigert, ihr Dorf zu verlassen. Zwangsevakuierungen wurden 1986 innerhalb der 30-Kilometer-Zone in der Ukraine vorgenommen. Es entspricht wohl offensichtlich der slawischen Mentalität, sich mit Dingen oder Schicksalen abzufinden. Oftmals sagten die Menschen: lieber hier in der Heimat zufrieden und satt, als in der Fremde zu leben. Es werden die Gefahren, an die man sich gewöhnt oder die man verdrängt hat, als Schicksal hingenommen.

Zeitweise arbeiten noch fast 4000 Menschen in den sogenannten „Todeszonen“. Wie gehen die Menschen mit der unmittelbaren Gefahr um?
Die etwa 3800 Menschen, die dort arbeiten, halten sich für privilegiert, da sie eine Arbeit haben, die auch noch gut bezahlt wird. Man muss wissen, dass sich die Region Tschernobyl in einer wirtschaftlich sehr schwierigen Lage befindet, seitdem das AKW abgeschaltet wurde.

Welche Begegnungen sind Ihnen vor allem im Gedächtnis geblieben?
Die Begegnungen mit den „Alten“, die von einer großen Gastfreundlichkeit geprägt war, sind mir stark in der Erinnerung verhaftet. Aber auch die Begegnungen mit den Liquidatoren haben mich sehr berührt. Es ist kaum zu ertragen, wenn sie von ihrem Schicksal erzählen.

Können Sie sich selbst noch an den 26. April 1986 erinnern?
Ich kann mich an die Berichte in den Medien, besonders im Fernsehen erinnern. Auch sind mir „Probleme“ um Milch und die Fluchtgedanken junger Mütter mit ihren Kindern auf Inseln in der Erinnerung.

Haben Sie nicht Angst zu erkranken?
Ich habe 1990 eine schwere Krebserkrankung, bei der mein Magen entfernt werden musste, überlebt. Vielleicht habe ich mich deshalb zu diesem fotografischen Thema hingezogen gefühlt. Ich habe keine Angst; verhalte mich aber dort so, wie man es tun sollte.

Glauben Sie, dass Ihr „Tschernobyl-Projekt“ irgendwann beendet sein wird?
Ich hatte bereits 2006 geglaubt, das Projekt abschließen zu können. Mit meinem neuen Ansatz, das Schicksal der Liquidatoren fotografisch-dokumentarisch zu bearbeiten, bin ich jedoch noch nicht fertig.

Die Fragen stellte Literaturtest.

Die fotografische Idee von Michael Freeman

Dieses Buch kann süchtig machen. Und es ist ein Beleg dafür, dass Buchwelt und Internetwelt gegenseitig nicht ersetzbar sind sondern sich sinnvoll ergänzen.

Michael Freeman beginnt sein Buch „Die fotografische Idee. Bildkomposition und Bildaussage“ mit der Überschrift „Einführung: Demokratische Fotografie“.

Er zitiert Helmut Newton: „Alles ist automatisch, ich muss nur auf den Auslöser drücken. Die Kamera kaufen auch Amateure. (( Er zeigt auf seinen Kopf)) Da ist alles drin.“

Und dann positioniert er sich, indem er die Frage stellt, welchen Zweck eigentlich Kunst hat. Er kommt zu dem Gedanken: „Die Kunst des Redens und des Schreibens wurde sicherlich jedem Gebildeten zugesprochen. Jetzt befinden wir uns in einer Welt der Fotografie, in der Millionen von Menschen aufgehen und die eine große Anzahl Menschen für eine kreative Ausdrucksweise nutzen. In dem Maße, wie man Fotos Dritter besser interpretiert, gelangt man sicherlich auch zu besseren eigenen Fotos. die KErnfrage dabei ist, was überhaupt ein gutes Foto ausmacht.“

Dann formuliert Michael Freeman sechs Kriterien für ein gutes Bild.

Alleine schon meine Beschreibung der Einführung in dieses Buch, die im Buch auf einer Seite zu finden ist, zeigt, dass dieses Buch mit klaren Schritten von der Information zum Denken auffordern will.

Im ersten Kapitel „Bildidee“ schreibt Freeman: „Soll der Betrachter ein Foto interessant finden und sich daran erfreuen, müssen Sie ihm einen Grund für ein längeres Hinschauen geben.“

Und dann läßt er Bilder sprechen, fragt nach den sichtbaren Motiven auf den Fotos, zeigt die Strukturen der Fotos und den Umgang mit Raum, Zeit und Konzept in den Motiven.

Zwischendurch erscheint ein Kästchen mit der Überschrift „Internetrecherche“ und einigen Suchbegriffen. So bietet das Buch die Erweiterung des Horizontes über das Buch hinaus. Doch das ist noch nicht alles.


Unter dem Thema „Gut Aussehen“ eröffnet Freeman einen ganzen Kosmos. „Bevor wir Dinge gut aussehen lassen, müssen wir entscheiden, ob tatsächlich Schönheit im Foto vorhanden sein soll.“

Es finden sich optimal nutzbare Informationen in diversen Infoabschnitten wie „Was die meisten Menschen optisch gerne mögen“.

Etwas später zeigt er dann, wie aus einem Portrait eine messbare Schönheit der digitalen Welt gemacht wird. Und er konfrontiert uns mit unseren Vorstellungen und Klischees und der Wichtigkeit, den Zeitgeist zu beachten.

Es gibt zwar Regeln für ansprechende Landschaften, aber reale Fotografie hat es immer mehr mit zerstörten Landschaften zu tun. Beeindruckend bewegend und anregend sind dann auch Fotos, die schönes Licht zeigen – und als Motiv die Föten von Kälbern zum Verkauf auf einem Markt in Thailand.

Das zwingt zu einer persönlichen Auseinandersetzung mit dem, was man fotografisch will.

Freeman wendet sich dann der Frage zu „Was ist Schönheit?“. In seinen Beispielen zeigt er auf, dass selbst in einer globalisierten Welt Schönheit an verschiedenen Orten und in verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich ist. Auch dies zeigt die Relativität und fordert eigentlich etwas mehr Gelassenheit von einem selbst.

Das Buch ist ein Buch für alle Sinne und geht erheblich an das eigene Selbstverständnis. Und immer wieder gibt es diese wunderbaren kleinen Listen, die den Blick auf wesentliche Dinge ermöglichen: So wirken Bilder mit Ruinen, was macht ein Foto zum Klischee? und einige mehr ermöglichen direktes Arbeiten und Vergleichen.

Im zweiten Kapitel über „Stil“ zeigt Freeman zunächst die acht Wege für das Fotografieren von Objekten, die der Fotograf Laszlo Moholy-Nagy in den 1920er genannt hat. Dann diskutiert er an vielen Bildbeispielen alte und neue Sichtweisen, bietet Hinweise zur Internetrecherche, diskutiert die Frage des Gleichgewichtes auf Fotos, Harmonien und vieles mehr. So wird man irgendwann mit der Frage konfrontiert, welche Mittel setze ich am liebsten ein, was mag ich nicht, was will ich erreichen?

Und dann kommt das dritte Kapitel „Entwicklung“. Michael Freeman leitet es mit den Worten ein: „Es liegt wohl auf der Hand, dass für jedes gute Foto Verstand, Auge und Kamera in Verbindung stehen müssen… Die Entwicklung erfolgt bereits während der Aufnahme des Fotos. sie ist eng mit den Möglichkeiten und ihrem Umgang mit der Kamera verbunden.“ Und dann gibt er Aufgaben wie „Finden Sie mit der Liste der Bildmuster auf den Seiten 152-152 heraus, was Ihnen an ihren Bildern gefällt.“

Die Themen „Zeit“ und „Optische Wirkung“ oder „Verbesserung“ werden dann mit vielen Bildbeispielen besprochen. So kann man ein Gefühl für die eigene fotografische Welt erhalten oder einige einfach besser einordnen.

Das Buch „Die fotografische Idee“ ist ein Buch, das nicht gelesen sondern gelebt werden will. Es ist so angelegt, dass es die eigenen Fotos mit einbezieht, dass es das Internet mit einbezieht und es ist offen für Veränderungen. Es zeigt, was gut war und gut ist, aber es zwingt nicht dazu, dies zu übernehmen. Wenn es bessere Ideen gibt – gut. Aber die muß man dann in ein Verhältnis zu den bisherigen guten Ideen setzen. Und damit wird dieses Buch zur fotografischen Herausforderung.

Michael Freeman:
Die fotografische Idee. Bildkomposition und Bildaussage
München 2011
ISBN 978-8272-4683-7

Porträtfotografie, ein Buch voller Ideen von Hennig, Ihring, Papendieck

Mit diesem Buch kann man nichts falsch machen, aber vieles richtig. Das Buch „Die Fotoschule in Bildern. Porträtfotografie“ von Kathy Hennig, Lars Ihring und Michael Papendieck ist ein Buch voller Bildideen. Der Schwerpunkt in diesem Buch liegt im Bereich Studiofotografie.

Aber eine Menge Anregungen sind auch ohne Studio umsetzbar. Wenn es um die Vorbereitung und Durchführung von Studioportraits geht, dann läßt das Buch keine Fragen offen. Aber das Buch lohnt sich auch aus mehreren anderen Perspektiven.

In dem Buch werden an einer Stelle fünf Fragen formuliert: „Welche Art Foto möchte ich machen? Welche Location kann ich dafür nutzen? Welche Accessoires und Kleidung passen zum Foto und zur Location? Welche Stimmung möchte ich rüberbringen? Durch welche Perspektive kann ich diese Stimmung unterstützen?“

Diese fünf Fragen sind für mich die Leitfragen des Buches. Den Autorinnen und Autoren gelingt es, ziemlich viele Antworten auf diese Fragen zu geben. Dazu werden die Porträts unterteilt in Klassisch, Spontan, Charakter, Beauty, Paare, Kinder, Serie, Bewegung, Emotionen, Schwarzweiß, Ältere Menschen und Erotik.

Was dabei die Kapitel inhaltlich zusammenhält sind die Kapitel über Accessoires, Licht, Planung, Kommunikation, Posing und einige mehr. Auf dem Schutzumschlag steht „Inspirierende Bildideen für die Praxis“. Das stimmt und gibt dem Buch einen besonderen Reiz. Die großzügige Aufteilung von Bild und Text, die vielen Zeichnungen zur jeweiligen Beleuchtungssituation und die zusätzlichen Angaben zu den Fotos machen es leicht, schon durch Blättern im Buch inspiriert zu werden.

Zugleich sieht man einiges vom Portfolio von Kathy Hennig, Lars Ihring und Michael Papendieck. Drei Fotografinnen bzw. drei Fotografen und drei fotografische Schwerpunkte und Ansätze. Das reizt natürlich noch mehr und gibt die Chance, das Buch aus einer anderen Perspektive zu sehen, nämlich als Portfolio.

Aber ich will nicht verschweigen, dass ich dieses Buch noch aus einem anderen Blickwinkel gesehen und gelesen habe.

Ich habe mir die Frage gestellt, was bedeutet heute (2010/2011) Porträtfotografie?

Das Buch stellt für mich eine aktuelle Sammlung von Ansätzen dar, Fotografie mit dem Schwerpunkt menschliche Portraits vorzustellen. Zugleich wird deutlich, dass nach diesem Buch auf den ersten Blick eigentlich alles möglich ist. Aber das stimmt nicht.

Wenn man das zweite Mal hinschaut, dann kann man – wenn man will – das tiefere Geheimnis des Buches und der Porträtfotografie sehen. Im Kapitel über „Klassische Porträts“ gibt es einen Abschnitt mit der Überschrift „Linien, Linien, Linien“. Weiter hinten im Buch wird dies vertieft im Kapitel „Porträts gestalten“.

Dort findet sich der meiner Meinung nach entscheidende Schlüsselsatz.

Er lautet: „Achten Sie bewusst auf störende Bildelemente und komponieren Sie ihr Foto.“

Genau das ist es. Die Komposition, die Geometrie ist die Grundlage guter Porträtfotografie. Damit ist dieses Buch, wenn man es richtig benutzt, eine wunderbare Anleitung für das schöne Fotografieren von Menschen in den verschiedensten Bereichen des Lebens.

Fotografieren bei Eis und Schnee

Dieser Artikel beantwortet in einer Zusammenstellung interessanter Informationsquellen im Internet zehn typische Probleme zum Thema „Wie fotografiere ich am besten bei Eis und Schnee?“ und gibt viele weiterführende Hinweise.

1. Damit der Schnee nicht grau wird
Die Belichtungsautomatik der Kamera wird von Schneelandschaften verwirrt, heisst es so schön bei Chip online in ihren 13 tollen Praxistipps. „Die paradoxe Folge: Ihre Aufnahmen sind unterbelichtet, der eigentlich weiße Schnee erscheint grau. Das Problem entsteht, weil die Kamera das Motiv bei der Belichtungsmessung als sehr hell wahrnimmt. Folgerichtig wird besonders kurz belichtet oder die Blende besonders weit geschlossen.“ Chip online empfiehlt eine Blende mehr.

2. Portraits im Schnee
„Steht die Sonne hinter Tante Gerti, dann liegt ihr Gesicht im Schatten. Dummerweise messen die meisten Belichtungs-Programmautomatiken einen Durchschnitt der im Bild vorhandenen Helligkeitsverteilungen.“ So lautet ein Satz aus dem Kapitel „Portraits im Schnee“ von Ralf Krause aus seiner Fotoschule. Mir gefallen die vielen Aspekte und Informationen, die er vorstellt.

3. Wie fotografiert man am besten nachts im Schnee?
Dazu gibt uns das PSD-Tutorial Auskunft. Ein interessanter Tipp lautet „Auf Vollmond warten.“ Ein anderer Tipp lautet „Auf starken Schneefall warten.“ Die Erörterung dieser Frage bringt eine Reihe neuer Antworten auf ein altes fotografisches Problem.

4. Wieso werden Bilder im Schnee oft so dunkel?
Computerbild hat eine schöne Antwort: „Genau wie das Auge bei gleißendem Licht zum Blinzeln neigt, kneift auch die Kamera ihr Auge zu. Das bedeutet: Das Gerät stellt eine kleine Blende ein, schraubt die Belichtung herunter und wählt eine niedrige Empfindlichkeit (ISO-Wert).“ So lernt man spielerisch die Anatomie der Kamera.

5. Der Schnee als Reflektor
Eine wirklich gute Idee gibt es bei pixxsel im Fotoblog: „Nehmen Sie Schnee bei bedecktem Himmel auch als Reflektor für indirekt ausgeleuchtete Motive, und Sie werden ein weich ausgeleuchtetes Foto bekommen. Nutzen Sie die große Reflexionsfläche für sich aus. Dichtes Schneetreiben beispielsweise können Sie als Bildelement integrieren. Es bietet sich als Vordergrund an und lässt das Motiv wie hinter einen Schleier zurücktreten.“ Hier schreibt ein Kenner oder eine Kennerin, die nicht nur sieht sondern Bilder auch gestaltet.

6. Wie fotografiert man einen dunklen Hund im Schnee?
Eine wunderbare Erörterung dieses Themas finden wir im dogforum. Dort findet sich auch der schöne Satz: „Murmelchen, nun verstehe ich besser – der Schnee ist wirklich viel zu weiss!“ Es ist sehr interessant, den Ausführungen zu folgen bis zur Lösung des Problems.

Ähnliches Problem aber noch anders: wie fotografiert man Pferde – eventuell sogar einen Schimmel – im Schnee?  Gabriele Boiselle schreibt dazu unter anderem: „Mein Vorschlag: Gehen Sie raus, wenn die Sonne NICHT scheint und nutzen Sie den bedeckten Himmel als großen Diffusor.“ Ihr Beitrag ist sehr empfehlenswert und das Foto finde ich einfach gelungen.

7. Meiden Sie die Mittagszeit!
Dieser Tipp hat natürlich mit dem Licht zu tun. Bei le-photos.de gibt es die passende Erklärung: „Ein Landschaftsfoto wirkt zwei Stunden vor oder nach Mittag deutlich ausgewogener und farblich ansprechender, als zur Mittagszeit. Hinzu kommt, daß der weiße Schnee die dumme Angewohnheit hat, das Blau des wolkenlosen Himmels herrlich zu reflektieren, so wirken die meisten Bilder “schneeblau”. Unser Auge gleicht diesen Farbstich übrigens per Hirneinschaltung automatisch und sehr korrekt aus.“

8. Schon ab 8 Grad wird es unangenehm!
Um im Winter richtig zu fotografieren, muß nicht nur die Kamera sondern auch die Fotografin oder der Fotograf richtig behandelt werden. Die Fotowerkstatt München hat Fototipps veröffentlicht, die dabei detailliert weiterhelfen: „Für tiefste Minusgraden empfehle ich Unterwäsche aus Polypropylen, auf die eine äußere Schicht Wolle gewebt ist, etwa von Craft of Sweden und TermoSwed, oder die langlebige Unterwäsche von Patagonia, die es für verschiedene Temperaturen gibt. Die zweite Schicht sollte eine 300er Fleece-Schicht sein (Pulli und Latzhose) oder im Falle der Craft of Sweden Unterwäsche ein 100er Fleece-Pulli. Die wärmende Reserveschicht bildet entweder ein dicker Schaf-, Yak- oder Island-Wollpullover. Daunen dürfen nicht feucht werden, weil sie sonst ihre isolierenden Eigenschaften verlieren.“ So detailliert habe ich noch nirgendwo gute Infos zu diesem Thema gefunden.

9. Achten Sie auf Einschaltzeit und Auslösen!
Einen besonders bemerkenswerten Vorschlag macht RP-online. Dort heißt es: „Wenn Sie auch im Winter auf Schnappschüsse setzen wollen, achten Sie schon beim Kauf einer Digitalkamera auf Einschaltzeit und Auslöseverzögerung. Beide verzögern sich nämlich bei Kälte.“ Das veranlaßt mich zu einem Lächeln, weil ich mir gerade vorstelle, ich würde nachfragen, um wieviel sich denn die Auslösezeit erhöht, wenn es kalt wird. Und die Antwort wäre wie bei Radio Eriwan: es kommt drauf an wie kalt es wird. Daraus würde sich bestimmt ein lustiger Dialog entwickeln.

10. Das Beste zum Schluß: So wird Schnee wieder weiß mit Photoshop!
Bei digitale-fotowelten gibt es Hilfe für alle, deren Fotos doch nicht so geworden sind wie sie sein sollten: „Sie öffnen das Bild in Photoshop und wählen…die „Selektive Farbkorrektur“. Es öffnet sich ein Fenster, in dem Sie auswählen können, welche Farben Sie selektiv korrigieren möchten. Sie wählen die Weißtöne aus, denn Ihr Schnee, soll ja neu erstrahlen. Nach der Auswahl sehen Sie in dem Fenster Regler für die Farben Cyan, Magenta, Gelb und Schwarz. Experimentieren Sie ruhig ein wenig mit den Reglern und beobachten Sie, wie sich das Bild verändert. Wählen Sie einen Wert für Cyan von -15 bis -35 %, je nach Stärke des Farbstiches. Wenn Sie einen guten Monitor haben, werden Sie erkennen, wie der Schnee natürlicher wirkt.“

Das geht ähnlich natürlich auch mit ACDsee, Capture NX2, Corel Paintshop Pro Photo X3 und vielen anderen guten Bildbearbeitungsprogrammen.

Im Prinzip kann man also heute ganz beruhigt bei Schnee und Eis fotografieren. Und wenn die Fotos nicht so toll sind, dann kann dies am Rechner ganz einfach korrigiert werden.