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Zeit in der Fotografie

Zeit spielt in der Fotografie eine große Rolle und in der Kunst ebenso. Vielleicht wird sie auch in der Fotokunst eine Rolle spielen. Für mich ist das wichtigste Bild zu diesem Thema „Die Beständigkeit der Erinnerung“ (The Persistence of Memory), auch „Die zerrinnende Zeit“ oder „Die weichen Uhren“ des surrealistischen Malers Salvador Dalí aus dem Jahr 1931.

Doch aus der Höhe des Denkens möchte ich nun zu den ganz praktischen Fragen des Umgangs mit der Zeit in der Fotografie kommen. Denn Zeit ist eine wesentliche Variable in der Fotografie. Die folgenden Gedanken sind unterteilt und ermöglichen schnelle und klare Blicke auf das Thema aus meiner Sicht.

Zeit und Geld

Und wenn dann Geld auch eine Rolle spielt, weil man von der Fotografie leben muß, dann wird es noch interessanter. Dazu drei Beispiele:

1. Der Videofotograf

Im Focus wurden die monatlichen Bruttoentgelte vieler Berufsgruppen aufgeschrieben. Danach verdient ein Videofotograf, also ein Fotograf, der auch Videos erstellt, als Einstiegsgehalt ca. 2000 Euro brutto. Nun ist dort nicht ausgewiesen, was dafür getan werden muß. Aber in diesem Falle ist der Videofotograf angestellt. Deshalb will ich hier ein paar Gedanken hinzufügen.

Wenn das Videomaterial zusätzlich zu Fotos erstellt wird, dann hat es einen anderen Bearbeitungsweg. Entweder gibt der Videofotograf das Rohmaterial einfach im Betrieb ab, dann muß es von einem Cutter oder einer Cutterin noch komplett bearbeitet werden. Es muß also eingespielt, geschnitten und weiterverarbeitet werden. Wenn das Material verarbeitet wurde, muß es danach zu oder in einem Beitrag verarbeitet werden. Es müssen also auch noch Intro, Zwischentexte etc. reingeschnitten bzw. erstellt werden. Das ist immer zeitaufwändig.

Oder der Videofotograf bearbeitet selbst. Das ist ebenso zeitaufwendig und hat dieselben Schritte wie oben aufgezeigt. Wenn man ein kleines Video machen will, welches einen Sachbeitrag darstellt, dann kostet dies also Zeit und damit auch Geld.

2. Der wartende Fotograf

Wenn ein Fotograf seine Motive sucht, dann kann er dies entweder in gestellten oder in echten Situationen. Echte Situation bedeutet, ich gehe/fahre irgendwohin, um dort eine Situation zu suchen. Das geschieht nie auf Knopfdruck. Entweder gibt es einen Ablauf des Geschehens oder man wartet irgendwo auf die Dinge, die da kommen sollen. In dieser Zeit wird nicht fotografiert sondern gewartet. Was ist das für eine Zeit? Früher wurde dies so abgerechnet, daß es einmal eine Pauschale für einen Zeitaufwand gab und dann noch mal pro Foto eine Vergütung für einen Zweck gezahlt wurde. Das ist im Zeitalter der zunehmenden Digitalisierung ins Rutschen geraten.

3. Der vorbereitende Fotograf

Ähnlich aber umgekehrt sieht es beim Studiofotografen aus. Dabei kann das Studio vor Ort aufgebaut werden oder fest an einer Adresse sein. In beiden Fällen ist die Vorbereitungszeit ganz entscheidend. Wenn die Dinge stimmen wird fotografiert. Vorbereitungen brauchen Zeit, damit es stimmig ist. Diese Zeit kann nur begrenzt abgerechnet werden.

Diese drei Beispiele zeigen das Verhältnis von Zeit und Geld in der Fotografie.

Zeit und Bildkomposition

Doch es gibt noch mehr Relationen. Die nächste Relation ist die Relation von Zeit im Foto selbst. R. Wagner und K. Kindermann zeigen in ihrer „Meisterschule der Fotografie“ einen fotografischen Zusammenhang auf. Welche Rolle spielt zum Beispiel „Zeit“?

„Eine Folge der Richtung, in der man in ein Bild geht, ist die Zeitkomponente, die ein Bild hat. Links sieht man zuerst, dann wandert der Blick nach rechts. Damit ist links die Vergangenheit, rechts die Zukunft, in der Mitte die Gegenwart. Wird ein Motiv zentral platziert, ruht es in der Gegenwart.“

So ist die Dimension der Zeit ein wesentliches Instrument für den Bildaufbau. Wer damit arbeitet kann gestalterisch ganze Abläufe versinnbildlichen. Aber der Umgang mit der Zeit ist natürlich mit der Anordnung von links nach rechts auf einem Foto nicht beendet. Es gibt weitere Elemente für die Umsetzung von Zeit in der Fotografie.

1. Alles beginnt mit den Verschlusszeiten. Einfrieren oder Fließen, das ist hier die Frage.

2. Wie scharf soll es denn sein? Unschärfe und Bewegungsunschärfe auf Fotos zeigen sehr oft das Verhältnis von Zeit und Zeitfluss.

3. Die Kamera zeigt die Zeit. Dieser Effekt kann sehr schön durch das Bewegen der Kamera statt der Motive während einer Aufnahme erfolgen.

4. Langzeitbelichtungen als Ergebnis und Vorgang. Damit können Strassen menschenleer gemacht oder ein Verhältnis von Fliessen und Stillstand geschaffen werden.

5. Nachbearbeitung und Kombination, zum Beispiel in einer Bildserie…

Es gibt sicherlich noch mehr Möglichkeiten, die Zeit und die Aussagen in einem Foto sichtbar zu machen. In allen Fällen ist dies eine Entscheidung der/des Fotografin / Fotografen.

Zeit und Lebenszeit

Aber damit ist noch nicht Schluß. Es gibt noch eine wichtige Relation, sie lautet Zeit und Lebenszeit. Der wichtigste Gedanke dazu findet sich meiner Meinung nach bei Albert Camus: „Es kommt ein Tag, da stellt der Mensch fest, daß er dreißig Jahre alt ist. Damit beteuert er seine Jugend. Zugleich aber bestimmt er seine Situation, in dem er sich in Beziehung zur Zeit setzt. Er nimmt in ihren seinen Platz ein. Er erkennt, daß er sich an einem bestimmten Punkt einer Kurve befindet, die er – dazu bekennt er sich – durchlaufen muß.“

Dieser lebensbejahende Gedanke kann natürlich zu einer sinnlichen Wahrnehmung von Zeit führen. Und die ist nicht nur sinnlich. Wie formulierte Robert Hirsch so schön:

„Kurz und bündig formuliert sagt Einstein, dass es so etwas wie eine universell gültige Zeit nicht gibt – es gibt keine zentrale Uhr im Universum, nach der sich alles richtet.“

Und er führt etwas später aus: „Wenn Sie Ihre bildnerischen Möglichkeiten zum Umgang von Zeit und Raum auf einen linearen Ansatz nach den Prinzipien Newtons beschränken, werden Sie Ihr Denken und das Potenzial ihrer Kamera einschränken“ (aus: Robert Hirsch, Mit der Kamera sehen).

Damit ist die Fotografie eine der Möglichkeiten, kreativ sich in ein Verhältnis zur Welt zu setzen und dies in der eigenen Fotografie auszudrücken. Wichtige Mittel dazu sind ja weiter oben schon beschrieben worden.

Ganz praktisch kann man auch sagen, wer manuell fotografiert, der weiß sofort, was ich meine. Man kann ja fast jede bessere Kamera zur manuellen Fokussierung (und mehr) benutzen.

Entscheidend dabei ist die Entschleunigung. Da man nicht nur den Bildausschnitt sondern auch die Schärfe von Hand einstellen muß, entsteht eine längere Auseinandersetzung im Kopf mit dem, was da als Foto bzw. Bild eingefangen und entstehen soll.

Damit kann Zeit in der Fotografie zur Entschleunigung der eigenen Lebenszeit beitragen und zu einer anderen Art der gestalterischen Komposition. Dies ist ebenfalls eine wesentliche Relation der Fotografie.

Mehr

Neben diesen drei Relationen gibt es noch eine andere. „Wenn die Zeit keinen Anfang und kein Ende hat, dann kann man jeden Moment als Mittelpunkt der Zeit sehen.“ Dieser Gedanke führt uns zur Zeitlosigkeit bzw. zur Gegenwart in der Zeit (das Wort würde aber nicht passen, wenn die Zeit weder Anfang noch Ende hat…).

Dies ist vielleicht die Fortsetzung der Entschleunigung. Vielleicht führt uns die Entschleunigung dann in das Hier und Jetzt.

Das wiederum hätte Folgen für die Bildkomposition. Sie würde anders. Im einfachsten Fall würde das Motiv in der Mitte liegen, in anderen Dimensionen müßte eine andere Art der Fotografie zu sehen sein. Aber an dieser Stelle sind wir vielleicht schon – als Gesellschaft?!

Nur ist eine Gesellschaft ohne Geschichte eine richtungslose und wertelose Angelegenheit. Und genau dann kann die Fotografie wieder helfen, diese Zeitlosigkeit in eine Relation zu anderen Zeiten zu setzen. Und darüber hinaus die Zeitlosigkeit des Seins nicht mit der Zeitlosigkeit des Zeitgeistes zu verwechseln.

Wie auch immer. Es ist an der Zeit, hier zu enden, denn „Informationen werden mitgeteilt und Wissen erwirbt man durch Denken“ (wie ein kluger Mensch einmal sagte).

Wer ist ein Fotograf und wer darf fotografieren?



Im Internet habe ich folgendes gefunden: „Ich lebe im Ausland (Irland), und hier gibt es keine Fotografenlehre. Entweder man lernt durchs Assistieren, oder durchs college, oder beides. Ich habe ein ‚Certificate‘ in ‚Commercial Photography‘ von einem college of art and design, aber auch ohne dies koennte ich mich hier ‚photographer‘ nennen!“

Wenn man nun in Deutschland nachschaut, dann scheint es ja ziemlich viele Debatten zu geben über dieses Thema. Der Wikipedia-Artikel dazu scheint bei den Revisionen von einem Kampf um die Frage geprägt, wer darf sich Fotograf nennen?

Biete Visionen von David duChemin


Der Titel “Biete Visionen. Leben und arbeiten als Profifotograf” ist Programm. Dieses Buch zeigt, was nach der Technik kommt, wenn man als Fotograf arbeiten will. David duChemin – ein bekannter Profifotograf – zeigt zunächst umfassend seine Sicht der Dinge. Seine Vision brachte ihn über das Theologiestudium und das Arbeiten als Komödiant letztlich zum Fotografieren.

Und Profi ist man, wenn man davon leben kann. Der Aufbau des Buches zeigt die Denkweise des Autors. Er schreibt nicht nur über sich sondern auch über andere und räumt ihnen Platz ein.

In dem Buch läßt er neun andere Fotografinnen und Fotografen mit ihrem eigenen Ansatz zu Wort kommen. Doch der Reihe nach.

„Je genauer ich bei Fotografen hinsehe, die ich respektiere und bewundere, desto mehr Konstanten statt Zufällen entdecke ich. Die wichtigsten dieser Konstante sind Vision und Leidenschaft. Die Vision ist der Motor des Unternehmens, die Leidenschaft der Treibstoff.“

So schildert er auf den ersten Seiten des Buches die Themen, die den Inhalt des Buches ausmachen. Auf Seite 13 entdecke ich den Satz „Für Leidenschaft gibt es keinen Ersatz.“

Und dann unterteilt duChemin zwischen einem Amateur, der etwas aus Liebe tut, aber nicht davon lebt und dem Profi. „Profi zu sein bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass man mit dem, was man tut, Geld verdient… Der Beruf, den wir fälschlicherweise mit dem Begriff Karriere gleichsetzen, ist viel mehr als das. Er ist eine Berufung, mehr als ein Job, ein Lebenswert, das Begabung und Talent einbezieht. Der Beruf eben.“

So treibt der Autor uns gedanklich an und weiter: „Fotografen, die gerade erst anfangen, sehen zu denen auf, die bereits seit 20 Jahren fotografieren, und sie sehen nur das Ergebnis von 20 Jahren Arbeit. Sie sehen weder die Jahre voller schlechter Bilder, die vielen Fehler, die wir gemacht, die Bücher, die wir gelesen, die Vorträge, die wir gehört haben, noch unsere Dummheit beim Kauf neuer Ausrüstung, von der wir hofften, sie würde zu einer Art Zauberstab.“

Und er gibt dem Talent einen völlig neuen Stellenwert, wenn er schreibt: „Talent ist wichtig; es macht alles einfacher… Aber es gibt viele wenig talentierte, dafür aber hart arbeitende Fotografen, die davon leben können.“ Und immer wieder kommt er zu Vision und Leidenschaft und fordert die Leserinnen und Leser seines Buches auf, sich damit tiefer auseinanderzusetzen.

Er sagt zudem klar, was außerhalb der Möglichkeiten dieses Buches ist: „Die Vorausssetzung, die ich meine, lautet: Sie beherrschen Ihr Handwerk und Ihre Produkte sind ausgezeichnet… Einen Auftrag können Sie sich immer irgendwie ergaunern, aber wenn Sie Ihre Versprechen nicht halten und nicht das Gewünschte liefern, wird es keinen zweiten Auftrag geben“(44).

Wenn Sie in dem Buch ab S. 63 mit der Überschrift „Suchen Sie sich einen Mentor“ lesen, wie er Profifotograf wurde und sich parallel einmal die deutschen Verordnungen und Barrieren anschauen, dann wird sehr schnell das Geheimnis seines Erfolges deutlich, denn eine Lehre als Fotograf oder ein Studium als Foto-Designer wird die Fächer „Leidenschaft“ und „Vision“ kaum beinhalten.

Klar ist, dass der Autor offenkundig als Autodidakt Erfolg hatte. So hat dieses Buch einen mehrfachen Reiz, zumal in Deutschland. DuChemin dürfte sich in Deutschland gar nicht als „Fotograf“ bezeichnen, um mit dieser Berufsbezeichnung zu arbeiten. Er dürfte sich höchstens „Bildjournalist“ nennen oder „photographer“.

Insofern zeigt dieses Buch, wahrscheinlich ungewollt, auch Einblicke in die Grenzen deutschen Denkens, getreu dem Motto „Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben alle einen anderen Horizont“.

duChemin zeigt an vielen Stellen, wie auch die Beiträge der anderen Autorinnen und Autoren zeigen, dass es viel um Beziehungsaufbau und Beziehungspflege geht, um Marketing und anderes.

Wie fast alle Fotografen ist auch David duChemin ursprünglich ein Kind der Printwelt. Ab Seite 134 kommt dann das Kapitel “Marketing 2.0″ Damit sind wir dann im Internet mit allem, was dazugehört. Es geht um die Fragen, die alle angehen: Gestaltung der Internetseite, Aufmerksamkeit erzielen in Social Communities, Interaktion etc.

Auf sanfte Weise werden viele Dinge angesprochen, die heute aktuell sind: dorthin gehen, wo die Massen sind, Bloggen aber richtig, Umgang mit Agenturen etc.

Ganz am Anfang seines Buches weist der Autor darauf hin, dass er gerne andere Fotos genommen hätte, aber weil er diese für Nichtregierungsorganisationen NGOs erstellt hat, darf er es nicht – der Rechte wegen. Das ist schade, weil es gerade interessant gewesen wäre zu sehen, wie man arbeiten muß, um erfolgreich bei NGOs zu sein.

Es ist ein schönes Buch und es ist sehr unterhaltsam und lehrreich. Der Titel stimmt auch, denn es ist praktisch die Biografie von David duChemin,eine Dokumentation seiner Arbeitsweise und ein Leitfaden nach der Technik für ein Leben mit der Fotografie.

Wenn man das Buch nutzt, um sich eine innere Haltung anzueignen oder die eigene Einstellung zu überprüfen, dann ist es eine gute Quelle mit vielen Anregungen.

Und es ist eines der wenigen Bücher, die den Leserinnen und Lesern Hilfe beim Entwickeln einer Vision anbieten. duChemin weist darauf hin, dass es früher Fischhändler und Eisenwarenhändler gab, die ein ehrliches und ehrsames Geschäft betrieben.

Dann kamen Waffen- und Datenhändler hinzu und das Wort „Händler“ wechselte die Bedeutung. Er sieht sich und andere als „Visionshändler“. Er schreibt dazu: „In diesem Sinne präge ich hier den Begriff des Visionshändlers. Ich betrachte ihn als Erinnerung daran, daß unser Beruf eine ehrliche Kombination aus Handwerk und Geschäft ist – eine Kreuzung aus Ausdruck einer Vision und deren Feilbieten auf dem Markt. Eine Erinnerung, dass mein wirklicher Wert… nicht das gedruckte Bild selbst ist, sondern die einzigartige Kreativität und Vision, aus der das Bild entstanden ist.“

Und wenn man das Buch bis zum Ende liest, dann kommt ziemlich am Schluß des Buches in einem Interview Joe McNally zu Wort, ein anderer Fotograf. Dieser sagt in dem Interview: “Mein Rat lautet, flexibel zu bleiben. Sie müssen ihr eigenes Unterhaltungsunternehmen sein – Sie müssen wissen, wie man Fotos und Videos herstellt, wie man einen Blog betreibt, twittert und eine Website aktualisiert.”

Insgesamt ist dieses Buch gut für den Einstieg in eine andere Lebenshaltung und für eine echte Auseinandersetzung mit sich und dem Wunsch, Fotograf zu werden oder zu sein. duChemin schreibt auch über Dinge wie “Bleiben Sie schuldenfrei” oder “Planen Sie Steuern ein” und zeigt damit, dass eine Vision nur so gut ist wie die Wirklichkeit, die sie als Grundlage anerkennt.

Das Buch setzt genau da an, wo die Technik aufhört. Es ist dem Buch zu wünschen, viele Leserinnen und Leser zu finden, zumal es relativ leicht geschrieben ist. Und vor allem ist es ein Geschenk für das eigene Leben, denn wer sich mit dem Buch auseinandergesetzt hat, der wird nicht umhin kommen, auch in seinem Leben etwas in Bewegung zu setzen.

David duChemin
Biete Visionen… Leben und arbeiten als Profifotograf
ISBN: 978-3-8273-2960-8
Addison-Wesley Verlag